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Technik, Innovation und Inklusion, Teil 1: Wie Roboter Menschen mit Behinderung bei der Arbeit unterstützen können

Interview mit Frank Schrapper, Leiter des Technischen Beratungsdienstes beim LWL-Inklusionsamt Arbeit
Frank Schrapper bedient gerade den Roboterarm und montiert ein Teil an einem Miniaturauto, das von dem Arm geführt wird.

Wie sieht die Zukunft der Arbeitswelt aus – vor allem für die Menschen, die darin arbeiten? Eines ist fast sicher: Technik wird eine noch wichtigere Rolle spielen als heute. Das birgt Risiken, aber auch große Chancen, und zwar nicht zuletzt für Menschen mit Behinderung. Wenn jemand zum Beispiel für manche Aufgaben am Arbeitsplatz Unterstützung braucht, könnten Assistenz-Roboter und andere unterstützende Systeme künftig ein Teil der Lösung sein.
Das Beispiel der Firma IBG aus Neuenrade zeigt, wie das aussehen könnte: Sie hat zusammen mit dem Technischen Beratungsdienst des LWL-Inklusionsamts einen ganz besonderen Roboterarm entwickelt, der kürzlich auf der RehaCare-Messe 2019 vorgestellt wurde. Frank Schrapper vom Technischen Beratungsdienst erklärt im Interview das Besondere dieser Entwicklung und schildert, was wichtig ist, um mit solch einem innovativen Forschungsprojekt ein praxisnahes Assistenzsystem zu entwerfen.


Herr Schrapper, was hat ein Roboterarm mit Inklusion am Arbeitsplatz zu tun?

Ein Roboterarm kann Menschen mit Behinderung zum Beispiel bei der Montage unterstützen und sich immer wieder flexibel auf neue Aufgaben einstellen. Der Prototyp, den wir auf der RehaCare-Messe 2019 gezeigt haben, kann Werkstücke festhalten und sie sehr präzise so drehen, dass zum Beispiel auch ein Mensch gut daran arbeiten kann, der nur einen Arm hat.
Das allein wäre aber nichts Neues, denn solche Systeme gibt es schon recht oft. Die Innovation bei unserem Roboterarm ist, dass er nach der Fertigung mit Hilfe einer Kamera überprüft, ob der jeweilige Arbeitsgang richtig ausgeführt wurde. Das System meldet auf einem Bildschirm zurück, wenn etwas schiefgelaufen ist – und die Person am Arbeitsplatz kann den Fehler sofort korrigieren (siehe Video weiter unten). Das ist vor allem für Menschen mit geistigen Behinderungen sehr wichtig. Bisher lag der Fokus in der technischen Beratung von Unternehmen eher darauf, Menschen mit körperlichen Behinderungen zu unterstützen. Das neue System ist für beide Gruppen nützlich.

Was ist nötig, um ein technisch so komplexes System zu entwickeln?

Neben Forschungsgeldern braucht es vor allem Fachwissen und Erfahrung – und zwar sowohl in der Technik als auch beim Thema Inklusion am Arbeitsplatz. Das technische Wissen und die Erfahrung in der Montage kommt von der IBG Group aus Neuenrade, einem Unternehmen, das auf die Herstellung von Produktions- und Montageanlagen mit Hilfe der Robotik spezialisiert ist. Wir vom Technischen Beratungsdienst bringen unsere Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit Menschen ein, die eine Behinderung haben und an ihren Arbeitsplätzen Unterstützung brauchen. Wir wissen also genau, was die späteren Nutzerinnen und Nutzer eines solchen Systems wirklich brauchen. [Weiterlesen nach dem Video]


Frank Schrapper erklärt in diesem kurzen Film, wie der Roboterarm nicht nur bei der Montage unterstützen kann, sondern auch Fehler bei einzelnen Arbeitsschritten bemerkt:

 


Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Prototypen des Roboterarms?

Wir wollen vor allem zeigen, dass so etwas möglich ist und technische Assistenzsysteme auch Menschen mit geistiger Behinderung am Arbeitsplatz unterstützen können. Darüber wollen wir mit Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern ins Gespräch kommen und gemeinsam überlegen, ob und wie so ein System künftig in Betrieben eingesetzt werden und vielleicht neue Arbeitsplätze schaffen könnte. Bisher stößt diese Idee auf sehr großes Interesse.

In welchen Branchen kann der Roboterarm eingesetzt werden?

In eigentlich allen Bereichen, die mit Montage und Handwerk zu tun haben. Massenproduktionen fallen raus, denn die werden häufig vollständig von Maschinen übernommen oder laufen in sehr hohem Tempo. Unser Prototyp ist vor allem für Arbeitsplätze mit einfachen Montagetätigkeiten und kleineren Stückzahlen geeignet. Ein Beispiel: Ein Unternehmen fertigt 500 Stück eines bestimmten Bauteils an und wechselt danach zu einer anderen Montageschleife. Nach weiteren 500 Stück dieses neuen Teils kommt wieder eine neue Aufgabe auf die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter zu. Der Roboterarm kann den jeweiligen Menschen mit Behinderung bei diesen verschiedenen Aufgaben optimal unterstützen, weil er immer wieder neu konfiguriert werden kann.

Der IBG-Roboter im Vordergrund unter zwei großen Schildern: auf dem linken Schild steht "Assistenz für den Menschen", auf dem rechten "Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK)".
Der Roboterarm assistiert nicht nur, er prüft auch, ob bei einem Arbeitsgang Fehler gemacht wurden. So könnte er künftig auch Menschen mit einer geistigen Behinderung bei der Arbeit unterstützen. Foto: LWL/Windhausen

Welche Kosten kommen auf ein Unternehmen zu, wenn es einen Roboterarm für einen Menschen mit Behinderung anschaffen will?

Der Prototyp, den wir im Moment auf Messen wie der RehaCare präsentieren, kostet rund 100.000 Euro – nach oben sind dem allerdings keine Grenzen gesetzt, denn der Preis hängt auch davon ab, welche Ausstattung der Roboter haben soll. Die Summe klingt erst einmal recht hoch, allerdings können sich Betriebe so eine Investition bezuschussen lassen, wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

Welche Voraussetzungen sind das – und wie hoch ist die Fördersumme?

Das ist je nach Einzelfall ganz unterschiedlich. Verbände wie der Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) und der Landschaftsverband Rheinland (LVR) fördern entsprechende Ausstattungen für Arbeitsplätze zum Beispiel über das Budget für Arbeit. Wir schauen im ersten Schritt, ob solch eine Investition für den jeweiligen Betrieb wirtschaftlich ist oder nicht. Wenn das zutrifft, hängt die Höhe der Förderung noch von anderen Faktoren ab: Von der Quote des jeweiligen Arbeitgebers etwa, also davon, wie viele Menschen mit Behinderung sie oder er im Unternehmen beschäftigt. Daher können es mal nur 30 Prozent sein, aber auch mal 80 Prozent der Anschaffungskosten, die bezuschusst werden.

Lohnt es sich denn, so hohe Fördersummen in die Ausstattung für einen einzigen Arbeitsplatz zu stecken?

Ja, auf jeden Fall. Gesellschaftlich betrachtet gleicht sich der im Moment noch recht hohe Anschaffungspreis für so ein System schnell aus. Die Frage ist ja, was stattdessen mit einem Menschen passiert, der womöglich sehr gut für die Tätigkeiten an diesem Arbeitsplatz geeignet wäre, aber eine passende Unterstützung braucht. Sie oder er wird oder bleibt entweder arbeitslos oder fängt in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) an, die keine sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse bietet. Beides kostet den Staat und damit auch die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler im Zweifel mehr Geld als ein entsprechend ausgestatteter Arbeitsplatz für einen Menschen mit Behinderung.

Warum ist das System im Moment noch so teuer, und welche Chancen sehen Sie, dass es in Zukunft günstiger wird?

Die Kosten hängen vor allem mit der Programmierung des Systems zusammen, die im Moment noch recht aufwändig ist. Wir arbeiten gerade daran, das intuitiver zu gestalten. Konkret würde das heißen: Der Roboterarm müsste künftig nicht mehr von Fachleuten mit Programmiersprache aufgesetzt und im Betrieb immer wieder an neue Gegebenheiten und Aufgaben angepasst werden, sondern er könnte einfach von Hand zu den jeweiligen Schritten geführt werden, die er ausführen soll – und die merkt er sich dann. Damit sind wir im Bereich der Künstlichen Intelligenz, übrigens auch eine Technologie, die eine Menge Möglichkeiten bietet. Man bräuchte dann keine aufwändige Entwicklungsarbeit und auch keine externen Experten mehr. Wenn uns dieser Schritt gelingt, werden die Kosten für so ein System sinken, weil jede Arbeitgeberin und jeder Arbeitgeber das Gerät sehr einfach selbst vor Ort und ohne besonderes Fachwissen einrichten könnte.


Fragen zum Thema? Am besten einfach per E-Mail Kontakt zum Technischen Beratungsdienst des LWL-Inklusionsamtes aufnehmen (Frank Schrapper, Sachbereichsleiter).

Blau-orangefarbenes Schild, auf dem "Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK)" steht.
Foto: LWL/Windhausen

Kurz erklärt: Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK)

Wenn Menschen mit Maschinen so eng und direkt zusammenarbeiten wie mit dem Roboterarm der IBG, ist es wichtig, dass in der Maschine Schutzmechanismen eingebaut sind. Ein technisches System muss nämlich selbstständig und sicher erkennen können, wenn es einen Menschen in Gefahr bringt – genau das verbirgt sich auch hinter dem Begriff „Mensch-Roboter-Kollaboration“, kurz MRK. Beim Roboterarm der IBG ist dieses wichtige Prinzip mit Sensoren sichergestellt, die auf Berührungen und Stöße reagieren. Wenn jemand gerade ein Bauteil montiert und zum Beispiel einen Kollegen begrüßt, sich deshalb umdreht und den Roboterarm anstößt, stoppt das System sofort alle Bewegungen des Arms. Über einen Sicherheitsknopf an der Oberseite kann er wieder reaktiviert werden.

Der IBG-Roboterarm mit einem Minaturauto zur Test-Montage.
Foto: LWL/Windhausen

Die IBG Global Technology Group

Die IBG ist ein mittelständisches Familienunternehmen aus Neuenrade im Sauerland. Es ist auf die Herstellung von Produktions- und Montageanlagen spezialisiert und setzt dabei oft Robotik ein. Bisher stellte die Firma vor allem Assistenzsysteme für Menschen ohne Behinderung her, mit denen diese ihre Arbeit leichter machen können. Roboter übernehmen dabei bestimmte Aufgaben, die für den menschlichen Körper zu belastend oder zu gefährlich sind.
Vor einiger Zeit kam der Technische Beratungsdienst des LWL auf die IBG zu und regte das Unternehmen dazu an, ihren Assistenz-Ansatz in Richtung Inklusion im Arbeitsleben weiterzudenken. Die IBG war dazu gerne bereit und entwickelte zusammen mit dem Technischen Beratungsdienst den Prototypen eines Roboterarms, der sowohl Menschen mit körperlichen als auch mit geistigen Behinderungen bei Montagetätigkeiten unterstützen kann.

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