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Inklusion im ältesten Haus Wiedenbrücks

Integrationsunternehmen im Porträt: Das Café Anker Villa
Ann-Sophie Bathe beim Anrichten von Kuchenstücken hinter der Theke des Cafés Anker Villa.

Kuchen verkaufen: Das macht Ann-Sophie Bathe am liebsten. „Heute haben wir Käsekuchen, Apfelkuchen, Kirsch-Krokant und Mandarine-Maracuja“, zählt sie auf. Die zierliche junge Frau mit der roten Schürze steht hier entweder hinter der Kuchentheke oder bringt den Gästen Kaffee an den Tisch. Zwischendurch verpackt sie kleine Nussecken für den Verkauf und verschließt die durchsichtigen Tütchen sorgfältig mit roten Schleifen.

Ein Stück Kirsch-Krokant-Torte und im Hintergrund Sopie-Ann Bathe, die im Integrationsunternehmen Café Anker-Villa arbeitet.
Für seine Kuchen-Auswahl ist das Café über die Stadtgrenzen hinaus bekannt.

Die 28-Jährige ist eine von sieben Mitarbeitern mit Behinderung im Integrationsunternehmen Café Anker Villa in Rheda-Wiedenbrück. Sie hat starke Lernschwierigkeiten, vor allem Mathematik ist ihr immer schwergefallen. Deshalb hat sie mit Zahlen ihre Probleme, Abläufe und Daten kann sie sich ebenfalls schlecht merken. Doch ihr größtes Handicap, sagt die junge Frau, ist ihre Schüchternheit. „Ich bin manchmal sehr unsicher und ich traue mich viele Sachen nicht“, erzählt sie. „Am liebsten würde ich mich dann in mein Schneckenhaus zurückziehen.“

„So, wie ich bin“

Nach der Schule machte Ann-Sophie Bathe eine Ausbildung zur Restaurant-Fachgehilfin im Hotel Aspethera in Paderborn, das wie die Anker Villa ein Integrationsbetrieb ist. Für den neuen Job zog die gebürtige Soesterin nach Rheda-Wiedenbrück, wo sie heute zwanzig Stunden pro Woche arbeitet. Ihre Wohnung liegt zwei Kilometer vom Café entfernt, den Weg fährt sie jeden Tag mit dem Fahrrad.

Die Stelle war ein Glücksfall, findet die 28-Jährige: „Meine Kollegen nehmen mich so an, wie ich bin. Und wenn mal was schiefgeht, geht es eben schief.“ Vor allem, wenn es im Café voll wird, meldet sich die Unsicherheit – dann braucht Ann-Sophie Bathe auch mal eine Pause. „Die Kollegen hier respektieren das aber und helfen, solche Stresssituationen zu überbrücken“, sagt ihre Chefin Wiltrud Schnitker, die zugleich feststellt, dass sich ihre neue Mitarbeiterin mit der Zeit sehr entwickelt hat: „Sie wird immer mutiger und selbständiger.“

Integrationsbetrieb seit 2009

Ann-Sophie Bathe läuft mit einem Tablett voller Geschirr durch das Café Anker-Villa.
Auch hektische Situationen meistert Ann-Sophie Bathe gut.

Der Weg zum Integrationsunternehmen war für die 53-Jährige nicht von Anfang vorgezeichnet. Vor 19 Jahren eröffnete sie das Café in der Anker Villa, dem ältesten Gebäude in der Stadt, gemeinsam mit ihrem Mann, der 2008 schwer erkrankte und zwei Jahre später starb. „Die Arbeit war allein einfach nicht mehr zu schaffen“, sagt Wiltrud Schnitker. Sie hatte damals Glück im Unglück: Die Evangelische Stiftung Ummeln in Bielefeld, die sich seit den siebziger Jahren in der Behindertenhilfe engagiert, übernahm das Gebäude und das Café. 2009 fiel die Entscheidung, den Betrieb als Integrationsunternehmen neu zu gründen – mit Wiltrud Schnitker als Leiterin.

Den Grund für diese Übernahme erklärt Lisa Kübler, die seit Anfang 2010 für die Stiftung als Projektmanagerin des Cafés arbeitet, so: „Neben unseren Werkstätten wollten wir für Menschen mit Behinderung auch Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.“ Ein Traumjob für die 32-Jährige, die nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin ein Sozialmanagement-Studium absolviert hat. „Es macht Spaß, zu sehen, wie zufrieden Ann-Sophie und die Kollegen hier sind“, erzählt sie. Kübler stellte beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe, beim Land Nordrhein-Westfalen, bei der Aktion Mensch und der Stiftung Wohlfahrtspflege die Förderanträge für den Umbau der Anker Villa. Jetzt kümmert sie sich um die Personalplanung und kommt zwei bis drei Mal im Monat zu Teamgesprächen nach Rheda-Wiedenbrück.

Die Skepsis legte sich schnell

Seit der Neueröffnung laufen die Geschäfte gut. „Wir haben umgebaut“, sagt Wiltrud Schnitker. „Nur das Holzparkett ist geblieben, das komplette Innenleben ist neu.“ Schwere dunkle Holzbalken, Sitzpolster in warmen Rot-, Orange- und Gelbtönen und ein riesiger Stoff-Kronleuchter, der über drei Etagen reicht, schaffen eine gemütliche Atmosphäre.

Lisa Kübler (links) schaut Ann-Sophie Bathe (rechts) dabei zu, wie sie Milch in den Tank einer großen Kaffeemaschine füllt.
Nach ihrer Ausbildung hat Ann-Sophie Bathe (rechts) im Café Anker Villa einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden. Darüber freut sich auch Lisa Kübler (links). Die Projektmanagerin bei der Evangelischen Stiftung Ummeln in Bielefeld schaut regelmäßig in der Anker Villa vorbei.

Die Flex-Treppe, die seit dem Umbau vom großen weißen Holztor am Eingang bis ins Innere führt, hilft Rollstuhlfahrern beim Zugang zum Café: Auf Knopfdruck klappen die Treppenstufen hoch und verwandeln sich in ein ebenes Podest, das als Aufzug genutzt werden kann.Zu Anfang war der Erfolg noch nicht absehbar, denn die Rheda-Wiedenbrücker begegneten dem Integrationsprojekt eher skeptisch. „Was macht ihr da eigentlich?“, fragten sie, wie sich Lisa Kübler erinnert. „Es gingen Gerüchte um, dass das Café ausschließlich für Menschen mit Behinderung gedacht sei.“ Es dauerte eine Weile, bis die Nachbarn mit dem neuen Konzept warm wurden. Ähnlich erging es Wiltrud Schnitker und ihren nicht-behinderten Mitarbeitern. Nur wenige im Team hatten Erfahrung darin, mit Menschen mit Behinderung zu arbeiten. „Wir hatten schon Berührungsängste“, erzählt die Chefin sehr offen, die von der Evangelischen Stiftung Ummeln mit Fachtagen und kontinuierlicher Beratung unterstützt wird. Inzwischen ist die Belegschaft aber sehr gut zusammengewachsen. „Ich bin angenehm überrascht, auch von mir selbst, wie viel Geduld ich habe“, sagt sie und lacht. Auch Ann-Sophie Bathe lächelt: „Wir sind ein Super-Team.“

 

Veranstaltungstipp

Ein Bild aus der Ausstellung, auf dem ein Mann mit einem Fliesenschneider zu sehen ist.
Vorschau auf die Ausstellung

Das Café Anker Villa ist zur Zeit Gastgeber der Wanderausstellung „Menschen mit Behinderung im Beruf in Integrationsunternehmen“. Auf sechs großen Bildern werden dort Menschen an ihren Arbeitsplätzen und deren Geschichten gezeigt. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe als Veranstalter will mit der Ausstellung darauf aufmerksam machen, welche Möglichkeiten es für Menschen mit Handicaps gibt, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Gleichzeitig wirbt der Verband damit für die LWL-Messe der Integrationsunternehmen, die im März 2017 stattfinden wird.

Die Wanderausstellung ist noch bis zum 24. November 2016 in der Anker Villa zu sehen, danach macht sie Weihnachtspause und zieht anschließend weiter nach Berlin. Weitere Orte sind in Planung.

Ausstellungstermine:

07.11.2016 – 24.11.2016: Café Anker Villa, Reha-Wiedenbrück
12.01.2017 – 17.01.2017: NRW-Landesvertretung, Berlin

 

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