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Technik, Innovation und Inklusion, Teil 2: Wie die Digitalisierung neue Jobchancen für Menschen mit Behinderung schaffen kann

Interview zum digitalen Assistenzsystem der wertkreis Gütersloh gGmbH
Blick durch zwei Leute hindurch auf die digitale Leucht-Anzeige "Gut gemacht!" auf dem Werktisch der wertkreis gGmbH.

Anja Große-Coosmann und Ulrich Rötgers erzählen im Interview von den Chancen und Möglichkeiten digitaler Technologien. Die beiden arbeiten für die wertkreis Gütersloh gGmbH, ein soziales Dienstleistungsunternehmen mit sieben Standorten im Kreis Gütersloh, an denen insgesamt 2500 Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut in Lemgo hat das Unternehmen ein digitales Assistenzsystem entwickelt, das Menschen mit Behinderung neue Perspektiven eröffnet – auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Den Prototyp hat wertkreis auch auf der RehaCare-Messe 2019 vorgestellt.


Frau Große-Coosmann, Herr Rötgers, welche Möglichkeiten bieten digitale Assistenzsysteme für Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz?

Anja Große-Coosmann (GC): Digitale Assistenzsysteme sind für uns deshalb sehr interessant, weil sie Menschen schrittweise durch komplexe Arbeitsabläufe führen können – und zwar ohne, dass ein Mensch der Mitarbeiterin oder dem Mitarbeiter ständig über die Schulter schauen muss. Wer mit einem System wie dem unseren arbeitet, kann zum Beispiel Montagetätigkeiten weitestgehend selbstständig ausführen. Wir haben dazu oberhalb eines Werktisches zwei Beamer angebracht. Sie strahlen jeweils das Bauteil an, das als nächstes verbaut werden muss. Gleichzeitig wird ein kurzes Anleitungsvideo direkt auf den Werktisch projiziert, das Schritt für Schritt durch die Montage führt. Unterhalb des Films erscheint jede Arbeitsanweisung auch noch einmal als Text (siehe Video unten).

Ulrich Rötgers (UR): Das System kann aber noch mehr, denn es führt nicht nur durch die jeweilige Aufgabe, sondern prüft auch mit Hilfe von Sensoren, ob das richtige Bauteil entnommen wurde. Erst dann wird der nächste Arbeitsschritt freigegeben. Das System gewährleistet also auch gleich eine Qualitätssicherung. Außerdem ist es sehr nutzerfreundlich, denn die Anleitungsvideos können beliebig oft angeschaut werden. Dadurch können die Nutzerinnen und Nutzer ihr Arbeitstempo selbst bestimmen und eigenständig arbeiten. [Weiterlesen nach dem Video]



Warum haben Sie ein eigenes System entwickelt – gab es so etwas auf dem Markt nicht schon?

UR: Es gibt natürlich schon etliche digitale Assistenzsysteme, die für unsere Zwecke allerdings nur sehr bedingt geeignet sind. Für uns wäre es viel zu aufwändig gewesen, ein fertiges System zu kaufen und es umzurüsten. Wir haben uns deshalb an das Fraunhofer-Institut in Lemgo gewandt und gemeinsam ein eigenes entwickelt, das genau auf unsere Anforderungen zugeschnitten ist.

Anja Gro0e-Coosmann schraubt am Werktisch gerade zwei Teile zusammen.
Anja Große-Coosmann demonstriert, wie das System sie Schritt für Schritt durch Montage-Aufgaben führt. Foto: LWL

GC: Für uns war vor allem wichtig, dass das System möglichst flexibel ist, weil es durch viele verschiedene Montagearbeiten führen soll. Dafür haben wir einen Baukasten entwickelt, mit dem wir beliebig viele Arbeitsanleitungen und Einzelschritte anlegen können. Die Einrichtung ist sehr einfach: Wir fotografieren mit dem Smartphone jedes Bauteil und filmen jeden Montageschritt ab. Diese Fotos und Videos lassen sich später mit einem Klick einem bestimmten Arbeitsschritt zuordnen. Dann schreiben wir einen Anleitungstext und bei Bedarf Hinweise zur Arbeitssicherheit dazu – und fertig ist die Programmierung. Wir benötigen also nicht ständig einen IT-Experten, der uns das aufsetzt, sondern können das System in wenigen Stunden für einen neuen Auftrag umrüsten.

Für welche Branchen ist das System geeignet?

GC: Das ist eigentlich nicht beschränkt, wobei ein Schwerpunkt im Moment noch in der Montage liegt. Grundsätzlich kann das System für fast alle Aufgaben konfiguriert werden, die sich mit einzelnen Arbeitsschritten abbilden lassen. Es lässt sich auch an verschiedenste Arbeitsplätze anpassen, nicht nur an Werktische. Zum Beispiel können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter damit auch lernen, neue Maschinen zu bedienen, und zwar mit Hilfe von Erklärvideos und Arbeitsanweisungen.

Welche Kundinnen und Kunden wollen Sie mit Ihrem digitalen Assistenten ansprechen?

UR: Zunächst einmal investieren wir damit in die Zukunft der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). Die Arbeitswelt wird sich durch die Digitalisierung schnell und massiv verändern. In der Industrie laufen die meisten einfacheren Produktions- und Arbeitsschritte schon jetzt automatisiert. Im Umkehrschluss werden die von Menschen ausgeführten Aufgaben künftig immer komplexer werden. Bisher sind es aber gerade die relativ einfachen Arbeitsabläufe, die auch unsere Teams in den Werkstätten erledigen – das wird in absehbarer Zukunft nicht mehr gefragt sein. Um mit diesem Wandel Schritt zu halten und auch in Zukunft attraktive Aufträge zu bekommen, müssen wir uns anpassen. Digitale Assistenzsysteme bieten da eine große Chance, denn damit können unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter künftig auch komplexere Arbeitsabläufe ausführen.

Könnte das auch für Unternehmen eine Strategie sein?

GC: Selbstverständlich, denn es gibt ja auch in Unternehmen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt viele Aufgaben, die Menschen mit Behinderung mit digitaler Unterstützung selbstständig ausführen könnten. Langfristig können wir uns vorstellen, das Assistenzsystem auch für externe Kunden zu bauen. Es soll außerdem den Menschen in Werkstätten den Schritt auf den Ersten Arbeitsmarkt erleichtern. Zum Beispiel könnte ein Unternehmen uns vorab die Aufgaben zeigen, die dort künftig eine neue Mitarbeiterin oder ein neuer Mitarbeiter mit Behinderung übernehmen soll. Mit dem Assistenten könnten wir diese Abläufe schon in der Werkstatt einüben. So ließen sich die Einarbeitungszeiten am neuen Arbeitsplatz deutlich verkürzen.

Ulrich Rötgers, im Hintergrund ein weißes Plakat mit der teilweise lesbaren Aufschrift "wertkreis".
Ulrich Rötgers und sein Team wollen Ende 2020 mit der Produktion des Werktisch-Systems starten. Foto: LWL

UR: Übrigens wollen wir ausdrücklich jedes Unternehmen damit ansprechen, nicht nur inklusive Betriebe. Mit unserem System können Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber nämlich etwa auch ungeschultes Personal anleiten und einarbeiten, ohne dass ständig eine Fachkraft dabei sein muss. Und für Menschen mit Migrationshintergrund sind die Anleitungsvideos ein gutes Instrument, wenn sie noch nicht so gut Deutsch sprechen. Damit können sie relativ schnell und ohne Sprachbarrieren neue Aufgaben lernen und übernehmen. Wir haben übrigens auch schon einige positive Rückmeldungen von Unternehmen bekommen, die regelmäßig neue Aufträge bearbeiten oder die mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Das Projekt könnte wirklich ein spannendes Geschäftsmodell für uns werden.

Wann können Sie die ersten fertigen Systeme liefern?

GC: Wenn alles klappt, bauen wir Ende 2020 die ersten Assistenzsysteme für externe Kunden. Im Moment sind wir aber noch in der Testphase. In den nächsten Monaten werden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung den Prototypen noch einmal auf Herz und Nieren testen, damit wir wirklich alle Fehler beseitigen und das System weiter verbessern können.

UR: Einiges haben wir aber sowieso von Anfang an eingeplant. Der Arbeitstisch zum Beispiel ist elektrisch höhenverstellbar und unterfahrbar, so dass Menschen mit Rollstuhl gut daran arbeiten können. Die Anleitungsvideos lassen sich problemlos auch in Gebärdensprache und in Leichter Sprache einspielen, für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit geistigen Behinderungen können die Anleitungen auch ausschließlich in Bildern hinterlegt werden. Wir wollen aber ein wirklich rundum durchdachtes System ausliefern, deshalb nehmen wir uns auch die Zeit dafür. An der Vermarktung arbeiten wir parallel trotzdem weiter. Nächstes Jahr stehen schon vier Info-Veranstaltungen in unserem Kalender, auf denen wir unser System vorstellen, uns vernetzen und mit Interessenten ins Gespräch kommen wollen – und wenn sich dann nichts mehr verschiebt, geht es Ende des Jahres los mit der Produktion.

Sascha Jenderny vom Fraunhofer-Institut arbeitet konzentriert an einer Version des Assistenzsystems.
Sascha Jenderny vom Fraunhofer Institut in Lemgo. Foto: LWL

Das Fraunhofer-Institut Lemgo: Software für das digitale Assistenzsystem

Viele Projektpartner des Fraunhofer-Instituts haben dieselben Probleme: Ihnen fehlt qualifiziertes Personal, zugleich werden die Aufgaben immer komplexer, die erledigt werden müssen.

Sascha Jenderny (Foto links) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institutsteil für industrielle Automation und sieht eine Lösung in computergestützten Assistenzsystemen: Sie können Menschen besonders nutzerfreundlich und ohne zusätzliches Personal auch durch komplexe Arbeitsabläufe führen.
Das digitale Assistenzsystem der wertkreis Gütersloh gGmbH ist auch für das Fraunhofer-Institut etwas Besonderes, weil es auf Menschen mit Behinderung zugeschnitten ist. Das ist ein relativ neuer Anwendungsbereich. Das System selbst basiert auf der Plattform „XTEND“, die das Team um Sascha Jenderny entwickelt hat. Diese Software kann Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei verschiedenen Aufgaben in der Produktion, aber auch bei Reparatur- und Wartungsarbeiten unterstützen. Für jedes Unternehmen kann sie sehr individuell angepasst werden, weil sie mit vielen verschiedenen Geräten kompatibel ist – mit Computern, Smartphones und Tablets, aber auch mit Smart Watches und sogar Augmented-Reality-Brillen.

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