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„Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet“

Das Inklusionsunternehmen Teuto InServ gewinnt mit „Rollikup“ die ProSieben-Erfindershow „Das Ding des Jahres“
Andreas Neitzel (links), Eduard Wiebe (rechts) posieren mit einem Rollstuhl samt Rollikup und Anhänger nach der Show auf der Bühne.

Mit ihrer Idee, dem weltweit ersten Kupplungssystem für Rollstühle, setzten sich Andreas Neitzel und Eduard Wiebe gegen knapp 1000 weitere Bewerber durch. Wir haben die beiden Erfinder in Bielefeld besucht und mit ihnen über den „Rollikup“ und ihren spannenden Fernsehauftritt gesprochen.


Eduard Wiebe hebt eine Einkaufstasche aus seinem Rollstuhlanhänger, dabei rieseln ein paar goldene Konfettischnipsel zu Boden. „Die sind noch von der Siegerehrung bei ProSieben“, sagt er grinsend. Er sammelt die glänzenden Schnipsel auf und legt sie auf seinen Schreibtisch.

Ende März 2019 stand der Fertigungsleiter des Bielefelder Unternehmens Teuto InServ zusammen mit Geschäftsführer und Mit-Erfinder Andreas Neitzel im Goldregen auf der Bühne der ProSieben-Erfindershow „Das Ding des Jahres“. 41 Prozent der Fernsehzuschauer hatten bei der telefonischen Abstimmung im Finale live für die beiden angerufen und ihre Erfindung „Rollikup“ zur besten Idee gekürt. Damit wurde die weltweit erste Anhängerkupplung für Rollstühle auf einen Schlag bekannt. Und auch das Preisgeld kann sich sehen lassen: 100.000 Euro.

Menschen mit Behinderung den Alltag erleichtern

„Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet“, sagt Andreas Neitzel. Eigentlich geht es bei der Show darum, dass die Zuschauer eine Erfindung wählen, die sie selbst gut gebrauchen könnten. Dieses Mal stimmte eine überwältigende Mehrheit für „Rollikup“. Der Name für die Erfindung ist aus den Wörtern „Rollstuhl“ und „Kupplung“ zusammengesetzt, denn mit ihr lassen sich Koffer, Kinder- und Transportanhänger mit einer Hand sicher an Rollstühlen verschiedenster Hersteller befestigen. Menschen, die mit Rollstuhl leben und Oberkörper und Arme frei bewegen können, können so viel einfacher und ohne Hilfe einkaufen, verreisen und mit kleinen Kindern unterwegs sein – das ist eine große Erleichterung im Alltag.

Andreas Neitzel und Eduard Wiebe tüfteln an einem runden Tisch in ihrem Büro an der Anhängerkupplung.
Neitzel und Wiebe arbeiteten abends und manchmal auch nachts an den Entwürfen für ihre Erfindung, um den Rollikup perfekt zu machen. Foto: LWL

Geht nicht? Gibt’s nicht!

Die „Rollikup“-Erfolgsgeschichte begann im Herbst 2017. Damals erfuhr das Teuto-InServ-Team von einem Mann, der mit Rollstuhl lebte und gern allein sein Kind vom Kindergarten abholen wollte. „Er suchte nach einer Möglichkeit, einen Kinder-Caddy an seinem Rollstuhl zu befestigen“, erklärt Wiebe. „Aber Kupplungssysteme für Fahrradanhänger passen nicht an einen Rollstuhl und sind in der Bedienung auch viel zu kompliziert. Also dachten wir: Wenn es da noch nichts Passendes gibt, entwickeln wir das halt.“ Der Betriebsleiter des Inklusionsunternehmens begann zu tüfteln. Er brütete in den Mittagspausen zusammen mit Andreas Neitzel über Entwürfen, arbeitete abends, manchmal sogar nachts zu Hause an seiner Idee.
Anfang 2018 war der Prototyp fertig. Dafür schraubten die beiden eine Kupplung dauerhaft an einen Rollstuhl, an der sich ein Anhänger mit einem Handgriff sicher anklicken und mit einem weiteren Handgriff wieder lösen lässt. Während der Fahrt funktioniert die Kupplung wie ein flexibles Kugelgelenk. Die Nutzerin oder der Nutzer kann so einen Anhänger oder Koffer bequem um jede Kurve ziehen. Wiebe und Neitzel haben diesen Entwurf inzwischen weiterentwickelt und einen nur zwölf Kilo schweren Anhänger konstruiert, mit dem sich zwei große Einkaufstaschen oder eine Wasserkiste transportieren lassen. Selbst in einen Auto-Kofferraum passt der Anhänger bequem hinein.

 

Eduard Wiebe führt in diesem Zeitraffer-Video vor, wie der Rollikup-Anhänger, den er und sein Kollege zusätzlich zur Kupplung entworfen haben, einfach vom Rollstuhl getrennt und im Auto verstaut werden kann.

„Bewirb dich ruhig, aber das wird sowieso nichts“

Eine ehemalige Praktikantin brachte Wiebe und Neitzel im vergangenen Sommer auf eine Idee: Sie schlug vor, dass die beiden ihre Erfindung doch im Fernsehen vorstellen und sie so bekannter machen sollten. „Sie empfahl uns ‚Das Ding des Jahres‘ und schickte uns auch gleich die Bewerbungsunterlagen mit“, erinnert sich Wiebe lächelnd. „Sie hat sich so viel Mühe gegeben, dass wir gar nicht anders konnten, als uns zu bewerben.“ Andreas Neitzel war von der Idee anfangs noch wenig begeistert. Aber er stimmte zähneknirschend zu: „Ich habe gesagt: ‚Mach doch, aber das wird sowieso nichts.‘“ Heute lacht er, wenn er das erzählt. Denn es wurde doch etwas.

„Das Casting war ein Kampf“

Andreas Neitzel und Eduard Wiebe kamen in die engere Auswahl aus 400 Erfinderinnen und Erfindern, die das Pro7-Team aus knapp 1.000 Bewerbungen ausgesucht und zum Casting eingeladen hatte. Im September fuhren sie nach Köln und präsentierten den „Rollikup“ einer ersten Jury. „Das Casting war ein echter Kampf“, sagt Wiebe. „Die Konkurrenz war groß und die Atmosphäre war sehr angespannt, denn es gab ja auch viele andere Teams, die sich bei mehreren Sendungen gleichzeitig beworben hatten und unbedingt weiterkommen wollten. Manche Erfinder hatten sogar ihren Job gekündigt und alles auf eine Karte gesetzt“, erzählt er.

Olympischer Geist und Zusammenhalt

Doch das Teuto-InServ-Team überzeugte die Casting-Jury. Im Januar reisten die Bielefelder zum zweiten Mal nach Köln, um ihren ersten Fernsehauftritt aufzuzeichnen, begleitet von Ines Rose. Die Geschäftsführerin der Werkhaus GmbH, dem Mutterunternehmen von Teuto-InServ, hatte die beiden von Anfang an unterstützt und fieberte nun im ProSieben-Studio im Publikum mit.

Ihre Idee vor laufender Kamera vorzuführen, war für Neitzel und Wiebe ein spannendes Erlebnis, aber unter den Teilnehmern war die Stimmung jetzt lockerer: „Alle Erfinderteams waren im selben Hotel untergebracht. Dadurch haben wir uns untereinander schon etwas kennengelernt“, erzählt Andreas Neitzel. „Wir haben uns nett unterhalten – und statt Konkurrenzdenken herrschte eher olympischer Geist: Wir hatten alle sowieso schon gewonnen, indem wir teilnehmen durften.“ Für die „Rollikup“-Erfinder war das tatsächlich so, denn sie hatten ihr Hauptziel schon mit dem ersten Auftritt erreicht: Das Kupplungssystem wurde bekannter, noch dazu gab es eine Menge Lob von der ProSieben-Jury und begeistertes Feedback von potenziellen Kundinnen und Kunden.

Inklusive Produktion

Andreas Neitzel (links), Eduard Wiebe (rechts) und der Rollikup sind die stolzen Gewinner der ProSieben-Show „Das Ding des Jahres“. Foto: ProSieben/Willi Weber (Das Ding des Jahres, Finale Staffel 2, ausgestrahlt am 26. März 2019).

Doch damit war der Weg noch nicht zu Ende. Die beiden Erfinder qualifizierten sich für das Finale und setzten sich dort live gegen die übrigen fünf Finalisten durch. Die Freude war auch unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Bielefeld riesig, sagt Neitzel, der nach dem aufregenden Fernsehauftritt und dem Presserummel noch etwas müde, aber sehr zufrieden aussieht. „Wir feiern gleich einen dreifachen Sieg. Wir sind die Gewinner der Show und können das Preisgeld in unser Unternehmen investieren. Menschen, die mit Rollstuhl leben, gewinnen durch unsere Erfindung eine Menge Lebensqualität. Und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch die Werkstatt der Werkhaus GmbH selbst haben in Zukunft eine spannende neue Aufgabe.“

Damit meint er die insgesamt 28 Menschen, die bei Teuto InServ arbeiten. Zwei Drittel von ihnen haben eine Behinderung. Ihre Aufgaben: Sie bearbeiten, prüfen und verpacken Bauteile für einen großen Automobil-Zulieferer und andere Unternehmen. Der „Rollikup“ ist das erste eigene Produkt des Inklusionsunternehmens, die ersten 1.000 Exemplare der innovativen Kupplung haben die Mitarbeiter schon gefertigt, die nächste Charge ist geplant. Von der Produktion profitieren auch die Beschäftigten in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung der Werkhaus GmbH. Sie fertigen ein Bauteil für den „Rollikup“ mit ihrer CNC-Maschine.

Ein toller Motivationsschub

Die Produktionszahlen steigen, und das ist auch dringend nötig. Denn der Bedarf nach einer solchen Lösung ist offenbar riesig. Das haben beiden Erfinder schon nach der Ausstrahlung der ersten ProSieben-Show gemerkt: „Wir haben eine Menge Anrufe und Nachrichten von Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern bekommen, die die Kupplung haben wollten. Einige haben sogar gesagt: ‚Egal, was der Rollikup kostet, ich brauche sowas!‘“, erzählt Eduard Wiebe.

Mindestens ebenso wichtig wie das positive Feedback und die zusätzlichen Umsätze ist für beide Unternehmen aber auch der Motivationsschub, den sie in den vergangenen Wochen bekommen haben. „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind wahnsinnig stolz auf den Erfolg und die vielen positiven Medienberichte“, sagt die Geschäftsführerin der Werkhaus GmbH Ines Rose. „Einige unserer Beschäftigten haben die Zeitungsartikel über die Fernsehshow sogar ausgeschnitten und an ihrem Arbeitsplatz aufgehängt. Dieses tolle Erlebnis hat uns allen neuen Schwung gegeben.“

Andreas Neitzel, Ines Rose und Eduard Wiebe (er im Rollstuhl mit Rollikup) posieren draußen vor dem Firmengebäude der TeutoInServ gGmbH.
Das Rollikup-Team. Foto: LWL

Möchtet ihr wissen, was der Inklusionsbetrieb Teuto InServ sonst noch so alles macht? Dann könnt ihr hier unser Porträt über das Unternehmen lesen, das schon vor einiger Zeit auf unserem Blog erschienen ist.

Mehr Informationen zum „Rollikup“ bekommt ihr auf der Website von Teuto InServ. Den Vertrieb übernimmt der Fahrradzubehör-Händler Bike-Bep24 (dort könnt ihr die Kupplung bestellen).

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