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Raum für Inklusion – und viele neue Ideen

Interview mit Stefanie Trzecinski, Gründerin des ersten inklusiven Coworking-Space in Deutschland
Stefanie Trzecinski sitzt mit angewinkeltem Bein auf einem Stuhl vor einer bunten Wand und lächelt.

Barrierefreie Räume, individuell verstellbare Möbel, Assistentinnen und Assistenten, die bei der Arbeit unterstützen, und viele weitere Angebote: Das „TUECHTIG“ in Berlin-Wedding ist der erste inklusive Coworking-Space in Deutschland. Berufstätige können hier unter optimalen Bedingungen arbeiten, egal, ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Das TUECHTIG ist ein Ort der Begegnung und zugleich ein Ideenlabor: Das Team entwickelt zusammen mit den Nutzerinnen und Nutzern und verschiedenen Kooperationspartnern immer wieder neue Möbel und innovative Lösungen, die zu einer inklusiven Arbeitswelt beitragen und dabei auch noch schön sind.
Stefanie Trzecinski ist die Gründerin und Geschäftsführerin des Coworking-Space. Sie erzählt im Interview, was das Besondere an ihrem Konzept ist und welche Ideen sie schon umsetzen konnte.


Frau Trzecinski, welchen persönlichen Bezug haben Sie zum Thema Inklusion?

Das Thema beschäftigt mich seit meiner Kindheit. Mein Vater war schwerhörig, das hat er anderen Menschen aber nie offen gesagt. Deshalb gab es in Gesprächen mit Fremden oft Probleme. Wir Kinder haben in diesen Situationen früh vermittelt und versucht, Missverständnisse aufzuklären. Diese Erfahrung hat mich sicher stark beeinflusst. Später habe ich Sonderschulpädagogik studiert, anschließend aber erst einmal als Managerin bei Microsoft gearbeitet.

Wie sind Sie aus dieser Situation heraus auf die Idee gekommen, einen inklusiven Coworking-Space zu starten?

Ich wollte etwas Neues machen und dabei meine Erfahrungen aus der freien Wirtschaft und dem Bildungsbereich einbringen. 2010 habe ich „KOPF, HAND + FUSS“ gegründet, eine gemeinnützige Organisation, die sich mit verschiedenen Medien-Projekten für eine inklusive Gesellschaft einsetzt. Zum Beispiel haben wir eine App entwickelt, mit der Jobcenter-Formulare in Deutscher Gebärdensprache erklärt werden. Eine weitere Entwicklung war IRMGARD: Mit dieser App können Menschen, die nicht schreiben und lesen können, damit anfangen und es lernen.
Das Besondere bei uns ist, dass wir bei jedem Projekt von Anfang an mit Leuten aus der Zielgruppe zusammenarbeiten. Dadurch habe ich viele tolle Menschen kennengelernt, die unterschiedliche Behinderungen haben. Einige davon wollten sich gerne selbständig machen, fanden aber keinen passenden Arbeitsort. In Berlin gibt es zwar über 100 Coworking-Spaces, aber bisher keinen einzigen barrierefreien. Deshalb haben wir 2017 selbst ein solches Büro eröffnet. Seither bieten wir verschiedene Arbeitsplätze auf insgesamt 760 Quadratmetern an, darunter ein Gemeinschaftsbüro mit 20 Schreibtischen und mehrere Konferenzräume, die wir für Veranstaltungen vermieten.

Wen wollen Sie mit diesem Angebot ansprechen und wer nutzt Ihre Büros bisher?

Bei uns arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen, unser Angebot gilt also für jede und jeden. Das ist unser Verständnis von Inklusion, das „Anderssein“ ist bei uns normal. Die meisten unserer Coworkerinnen und Coworker ohne Behinderung kommen aus dem Bezirk Wedding, diejenigen mit Behinderung aus ganz Berlin. Sie arbeiten für Vereine, Start-ups oder als Freiberufler. Aktuell haben wir 20 solcher Nutzerinnen und Nutzer, sind damit aber noch nicht ausgebucht. Hinzu kommen Firmen, Stiftungen und Vereine, die ab und zu unsere Meetingräume anmieten. Sie kommen meist deshalb zu uns, weil wir barrierefrei sind, und nutzen etwa unsere kostenfreie induktive Höranlage für ihre Veranstaltungen oder unsere Bühne mit Rampe. Daran freut mich besonders, dass ich den Leuten schon bei der ersten Begehung unserer Räume zeigen kann, wie Inklusion ganz einfach funktionieren und dazu auch noch ansprechend gestaltet sein kann. Sie verlassen uns also immer mit einem sehr positiven Eindruck.

Was bedeutet „barrierefrei“ bei Ihnen genau und wie unterscheiden Sie sich diesbezüglich von anderen Coworking-Spaces?

Zunächst einmal gibt es bei uns keine Schwellen und die Türen sind breit genug für jeden Rollstuhl. Auch die Toiletten sind so gebaut. Das ist aber nicht unser Alleinstellungsmerkmal, denn diese Infrastruktur bieten manche anderen Coworking-Spaces auch. Das Entscheidende ist, wie unsere Arbeitsplätze eingerichtet sind und dass sie individuell angepasst werden können. Zum Beispiel sind alle unsere Schreibtische elektrisch höhenverstellbar. Außerdem stellen wir auch inklusive Möbel bei uns auf, die wir selbst zusammen mit Designerinnen und Designern entwickelt haben. Den „konFAIRenztisch“ etwa: Er hat drei unterschiedliche Höhen, damit beispielsweise Menschen mit einem Rollstuhl darunter bequem Platz nehmen und die Arbeitsfläche optimal nutzen können.

Ein großer, leerer Tisch, dessen Tischplatte verschiedene Höhen hat. Er steht in den Räumen des Coworking-Spaces in Berlin. Drumherum stehen ordentlich viele Stühle.
Der konFAIRenztisch mit unterschiedlich hohen Ebenen. Foto: Matthias Steinbrecher

Auch kleinwüchsige Menschen können so an einer für sie passenden Tischhöhe sitzen. Der konFAIRenztisch hat außerdem keine Tischbeine, so dass Menschen mit Sehbehinderungen sich nicht daran stoßen oder stolpern können. Den Tisch haben wir zusammen mit dem Verein „be able“ entworfen und bei der Planung mit Menschen zusammengearbeitet, die verschiedene Bedürfnisse und Anforderungen an ein solches Möbelstück haben. So machen wir es bei all unseren Projekten. Unser neuestes ist der Designer-Sessel „Schaumlove“, der komplett aus Schaumstoff besteht und deshalb auch für Menschen mit spastischen Behinderungen sehr bequem ist.

Wer möchte, kann sich bei Ihnen auch von einer Assistentin oder einem Assistenten am Arbeitsplatz begleiten und unterstützen lassen. Was ist das für ein Angebot?

Das sind so genannte Assistenzleistungen, die unsere Coworkerinnen und Coworker je nach Bedarf wahrnehmen können. Wer sich beispielsweise gerade von einem Burn-Out erholt oder eine andere psychische Erkrankung hat, kann sich von unserer Psychologin begleiten lassen, die im Alltag individuell unterstützt und etwa dabei hilft, mit Stresssituationen besser umzugehen. Außerdem können wir mehrere Arbeitsassistentinnen und -assistenten zur Verfügung stellen, die auf Wunsch bei der Arbeit unterstützen. Auch wir vom TUECHTIG-Team helfen in verschiedenen Situationen gerne weiter. Wenn jemand zum Beispiel nicht gut Deutsch spricht, korrigieren wir für sie oder ihn Texte, etwa für E-Mails. Und wenn eine Website nicht mit dem Screenreader gelesen werden kann, lesen wir sie einfach vor.

Das ist eine Menge an Angeboten und Leistungen. Würden Sie sagen, dass TUECHTIG damit komplett barrierefrei und inklusiv ist – oder fallen Ihnen im Alltag manchmal Punkte auf, die Sie noch verbessern wollen?

Ich bin mir sicher, dass wir niemals fertig sein werden. Wir nehmen regelmäßig die Rückmeldungen unserer Kundinnen und Kunden auf, außerdem kommen uns selbst ständig neue Ideen, die wir auch umsetzen. Ein Beispiel: Bisher hatten wir nur Türen mit normalen Klinken. Die sind für kleinwüchsige Menschen aber zu hoch. Anders gebaute Türklinken gibt es bisher nicht auf dem Markt, also entwickeln wir jetzt gemeinsam mit dem Designer Bruno Ziebell selbst welche, die weiter nach unten reichen.

Ein anderes Thema ist die Orientierung in unseren Räumen: Wir brauchen ein Tastmodell unseres Coworking-Spaces, damit blinde Menschen begreifen können, wie unsere Räume aussehen. Normalerweise sind sie statisch und können nicht mehr angepasst werden, wenn sie einmal fertig sind. Wir verändern unsere Räume allerdings täglich, stellen mal Tische in U-Form auf, mal gar keine Tische und stattdessen nur Stühle. Deshalb entwickeln wir jetzt ein flexibles Tastmodell gemeinsam mit blinden und sehbehinderten Menschen und der Firma „Figures“, die ebenfalls im TUECHTIG arbeitet. Wir haben dafür kürzlich einen 3D-Drucker angeschafft, den wir von einem Preisgeld finanziert haben. Mit diesem Gerät können wir nun maßstabsgetreue Miniatur-Möbel herstellen, die sich flexibel versetzen lassen.

Sind durch solche Kooperationen innerhalb des Coworking-Spaces selbst schon einmal neue Ideen für Projekte oder Produkte entstanden?

Ja, so einige! Zum Beispiel aus der gemeinsamen Arbeit an unserem Tastmodell: Die Coworkerinnen und Coworker der Firma „Figures“ entwickeln unter anderem Info-Grafiken für Online-Zeitungen. Sie übertragen ihre Erfahrungen aus der Kooperation im TUECHTIG nun auf diese Arbeit. Gerade überlegen sie, wie Info-Grafiken im Netz auch für Blinde und Menschen mit Sehbehinderung erfahrbar werden könnten. Das Tolle daran ist, dass sie selbst diese Idee hatten – wir von TUECHTIG hatten damit nichts zu tun.

Möchten Sie Ihre Entwicklungen bald auch größer vermarkten, Ihre Möbel oder das flexible Tastmodell zum Beispiel zum Kauf anbieten?

Nein, dazu fehlen uns die Kapazitäten, außerdem ist das nicht unser Ziel. Wir möchten mit unserem Konzept etwas bewegen und zeigen, wie Inklusion in der Arbeitswelt funktionieren kann, ohne dass die Räume aussehen wie im Krankenhaus. Aber: Wir nehmen durchaus Einzelaufträge an und bauen auf Wunsch zum Beispiel einen konFAIRenztisch oder ein Tastmodell für andere Einrichtungen nach. Unsere Ideen sind außerdem nicht patentrechtlich geschützt, also sozusagen „Open Source“. Wer handwerklich geschickt ist, darf unsere Möbel gerne nachbauen.

Porträtfoto von Stefanie Trzecinski.
Foto: Helen Nicolai (HelenNicolai BusinessPortraits)

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Stefanie Trzecinski
Geburtsjahr: 1972
Wohn-/Arbeitsort: Berlin
Beruf: Gründerin und Geschäftsführerin von „KOPF, HAND + FUSS“ und des TUECHTIG und Lehrbeauftragte an der Humboldt-Universität Berlin
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: hatte einen Angehörigen, der schwerhörig war und deshalb oft von seinen Mitmenschen ausgegrenzt wurde

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