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VIER FRAGEN AN… Carina Kühne

Eine Schauspielerin und Aktivistin im Interview
Carina Kühne lächelt freundlich in die Kamera.

Carina Kühne hat einen Beruf, von dem viele träumen: Sie ist Schauspielerin. Ihren Durchbruch hatte sie im Jahr 2014 mit „Be my Baby“, einem Film, in dem sie eine junge Frau spielt, die wie sie selbst das Down-Syndrom hat. Seit diesem ersten großen Erfolg in Deutschland darf Carina Kühne immer wieder in neue, verschiedene Rollen schlüpfen. Wenn sie mal nicht vor der Kamera steht, engagiert sich die 32-jährige mit viel Herzblut für die Inklusion. Als Aktivistin hält sie zum Beispiel Vorträge, gibt Interviews zum Thema und bloggt über ihr Leben und das, was sie bewegt. Sie wünscht sich eine Gesellschaft, in der Menschen einander auf Augenhöhe begegnen. Im Interview hat sie uns verraten, was dem aus Ihrer Sicht noch im Weg steht und wo sie Lösungen sieht, um die Barrieren im Kopf – und auch anderswo – abzubauen.


#1: Frau Kühne, was bedeutet für Sie Inklusion im Beruf und bei der Arbeit?

Inklusion heißt für mich in diesem Zusammenhang: Es ist selbstverständlich, dass Menschen mit und ohne Behinderung miteinander arbeiten, sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen können. Es wäre allerdings erst dann wirklich Inklusion, wenn die Behinderung nicht mehr beachtet würde und keiner mehr als etwas „Besonderes“ darüber sprechen würde.

Ein Screenshot der Website von Carina Kühne
Auf ihrer Webseite berichtet Carina Kühne über aktuelle Auftritte in Film und Fernsehen, bloggt über ihr Leben und schreibt über ihre Projekte als Aktivistin.

#2: Was bremst Ihrer Meinung nach die Inklusion – bei der Arbeit, aber auch in der Gesellschaft insgesamt?

Die größte Bremse ist meiner Meinung nach das System in Deutschland, durch das viele Menschen mit Behinderung immer noch in Sondereinrichtungen landen. Das geht los mit dem Förderkindergarten, dann geht es weiter in der Förderschule und danach landen viele in einer Werkstatt für behinderte Menschen anstatt auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Auch im Freizeitbereich werden viele ausgesondert und finden keinen Anschluss, weil sie zum Beispiel in eigenen Wohnheimen für Menschen mit Behinderung wohnen. Da gibt es oft kaum eine Begegnung, und das führt dann dazu, dass es so viele Berührungsängste und Barrieren in unseren Köpfen gibt. In unserer Gesellschaft wird leider immer noch stark vom so genannten „Anderssein“ her gedacht. Menschen werden also vor allem danach beurteilt und in den Köpfen „sortiert“. Ich glaube außerdem, dass viele Menschen ohne Behinderung irgendwie Angst haben, dass ihre eigene Arbeit nicht mehr so viel wert ist, wenn auch Menschen mit Handicap sie leisten können oder dass diese ihnen die Jobs wegnehmen. Dazu kommt noch, dass sich viele Unternehmen davor scheuen, Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter mit Behinderung einzustellen. Dafür gibt es auch ein gesetzliches Schlupfloch: Wenn ein Arbeitgeber nicht genug Menschen mit Behinderung einstellt, leistet er stattdessen die so genannte Ausgleichsabgabe – und für viele hat sich das Thema damit erledigt. Es gibt also sehr viele Barrieren, die aus meiner Sicht nur abgebaut werden können, indem wir gemeinsam leben und nicht getrennt voneinander. Das gilt von Anfang an und in allen Bereichen.

#3: Mit welchen kleinen oder größeren Handlungen könnten einzelne Menschen aus Ihrer Sicht selbst zur Inklusion beitragen?

Indem sie aufeinander zugehen, sich auf Augenhöhe begegnen und keine Angst haben, dass  sie nicht den richtigen Umgangston finden. Wenn wir uns besser kennen lernen, verstehen wir einander auch besser und können selbstverständlicher miteinander leben und arbeiten. Außerdem sollte jedem Menschen ohne Behinderung bewusster sein, dass es kein Verdienst oder eine Selbstverständlichkeit, sondern ein Geschenk ist, nicht behindert zu sein. Wenn alle mit dem Wissen durchs Leben gehen würden, dass sich das jederzeit ändern kann, würden sie vielleicht auch anders mit Menschen mit Behinderung umgehen, als das aktuell viele noch tun.

#4: Wenn Sie Ihren Traum-Arbeitsplatz frei entwerfen könnten: Wie sähe dieser aus?

Da ich ja Schauspielerin bin, wünsche ich mir natürlich viele inklusive Rollen. Die Medien haben in unserer Gesellschaft einen sehr großen Einfluss, das bedeutet umgekehrt: Wenn in Berichten und Filmen öfter Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam gezeigt werden, dann wird Inklusion irgendwann auch in der Gesellschaft selbstverständlich. Was ich mir noch wünschen würde: Dass auch im Berufsleben niemand wegen seiner Behinderung ausgegrenzt wird. Ich selbst konzentriere mich immer lieber auf die Stärken der Menschen als auf ihre Defizite – und das sollten andere Menschen, Arbeitgeber und Kollegen auch öfter tun.

Carina Kühne schaut freundlich in die Kamera.
Foto: Anna Spindeldreier

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Carina Kühne
Geburtsjahr: 1985 (32 Jahre)
Beruf: Schauspielerin
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Hat das Down-Syndrom und spielt gerne inklusive Rollen, engagiert sich außerdem als Aktivistin für die Inklusion

Mehr über Carina Kühne, ihre Schauspielerei und ihre aktuellen Projekte erfahrt ihr auf www.carinakuehne.de.

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