Reisen mal anders: Der Blog von Natalie Dedreux

Natalie Dedreux möchte Journalistin werden. Die junge Frau arbeitet für das Magazin Ohrenkuss, für das nur Menschen mit Down-Syndrom schreiben, und hat ein Praktikum beim Deutschlandfunk gemacht. Sie hat auch einen eigenen Blog, auf dem sie regelmäßig Texte über politische Themen, ihren Alltag und ihre Reisen veröffentlicht. „Das Leben mit Down-Syndrom ist cool“, schreibt sie. Das möchte sie mit ihrem Blog und ihrem Instagram-Account (erst nach Login bei Instagram aufrufbar) auch Menschen ohne Down-Syndrom zeigen.

Wie viele andere Menschen auch musste Natalie Dedreux wegen der Corona-Pandemie ihre geplanten Reisen in diesem Jahr absagen. In früheren Blogbeiträgen könnt ihr aber nachlesen, was sie in den vergangenen Jahren erlebt hat. Sie erzählt von einer Safari und einem Kochkurs in Südafrika, einem Kunstprojekt in der Ukraine und einem Hängemattentest in Berlin. Unser Tipp gegen Fernweh!




Stand-up im Rollstuhl: der Comedian Tan Çaglar (Radiobeitrag)

Tan Çaglar konnte über seine Behinderung lange Zeit weder lachen noch Witze machen. Er hat eine angeborene Erkrankung des Rückenmarks, die sich seit seiner Kindheit langsam verschlechtert hat. Bis er 22 Jahre alt war, konnte er laufen und spielte gerne Fußball. Als das nicht mehr ging, traf ihn das sehr hart. Er entwickelte eine Depression.
Der Journalist Wolf Eismann widmet dem Comedian in der ARD-Audiothek ein 25-minütiges Audio-Feature. In Interview-Einspielern erzählt Tan Çaglar von seinem Leben, warum er mit Ende 30 Comedian geworden ist, wie er seine Depression überwunden hat und was er über Inklusion denkt.

Zwischen den Interview-Ausschnitten und Moderationen werden außerdem immer wieder Auszüge aus Tan Çaglars erstem Bühnenprogramm „Rollt bei mir“ eingespielt – inzwischen ist er mit seinem zweiten Programm „Geht nicht? Gibt’s nicht!“ auf Tournee.




8 Fragen und Antworten zur Leichten Sprache

#1: Was ist die Leichte Sprache?

Die Leichte Sprache ist eine leicht verständliche Sprache, die geschrieben und auch gesprochen werden kann. Sie ist vor allem für Menschen mit Lernschwierigkeiten gedacht (früher: „Menschen mit geistiger Behinderung“), die Texte in der (schwierigeren) Alltagssprache nicht oder nicht gut lesen und verstehen können.


#2: Gibt es feste Regeln für die Leichte Sprache?

Ja, es ist genau festgelegt, wie Texte in Leichter Sprache geschrieben werden sollen. Die wichtigsten Regeln sind: Sätze sollen kurz sein und keine Fach- oder Fremdwörter enthalten. Zusammengesetzte Wörter werden getrennt geschrieben und mit einem Bindestrich oder einem Punkt verbunden, zum Beispiel „Bundes-Regierung“ oder „Bundes·regierung“. Außerdem sollten möglichst viele Fotos und Bilder verwendet werden, die beim Verstehen helfen.


#3: Sind Leichte Sprache und Einfache Sprache dasselbe?

Nein, die beiden Sprachformen sind unterschiedlich anspruchsvoll. Die Leichte Sprache entspricht dem Level A1 des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen – also ungefähr einem Anfängerkurs für Menschen ohne Deutschkenntnisse. Die Einfache Sprache liegt zwischen der Leichten Sprache und der Alltagssprache, sie entspricht ungefähr dem Level A2/B1 (Anfänger mit Vorkenntnissen/Fortgeschrittene). Sie ist für Menschen gedacht, die aus verschiedenen Gründen mit dem Lesen und Schreiben Probleme haben.


#4: Welche Texte gibt es in Leichter Sprache?

Viele öffentliche Einrichtungen und Institutionen, zum Beispiel die Deutsche Bundesregierung, veröffentlichen Informationen in Leichter Sprache auf ihren Internetseiten oder in Broschüren. Es gibt aber auch viele Bücher mit Geschichten, die in die Leichte oder die Einfache Sprache übertragen wurden, zum Beispiel hier oder hier.


#5: Gibt es auch andere Sprachen in vereinfachter Form, zum Beispiel Leichtes Englisch?

Ja, viele europäische Sprachen gibt es auch in einer vereinfachten Form. Leichtes Englisch heißt zum Beispiel „Easy to read“ (Übersetzung: „Leicht zu lesen“) und wird in den USA und in Großbritannien verwendet. Auch in Frankreich, den Niederlanden, Skandinavien und vielen weiteren Ländern ist die Leichte Sprache schon lange anerkannt.


#6: Wie entstehen Texte in Leichter Sprache?

Ähnlich wie für Fremdsprachen gibt es auch für die Leichte Sprache Übersetzerinnen und Übersetzer. Sie werden von Institutionen, Organisationen oder Verlagen beauftragt. Bevor sie anfangen, einen Text in die Leichte Sprache zu übertragen, fassen sie den Inhalt grob zusammen. Dabei achten sie vor allem darauf, welche Informationen für Menschen mit Lernschwierigkeiten besonders wichtig sind und was wegfallen kann, damit der Text in Leichter Sprache nicht zu lang wird. Für ein gutes Ergebnis besprechen die Übersetzerinnen und Übersetzer die wichtigen Inhalte am besten mit Prüferinnen und Prüfern für Leichte Sprache (siehe #7).


#7: Woher wissen die Übersetzerinnen und Übersetzer, wann Menschen mit Lernschwierigkeiten einen Text gut verstehen können?

Wenn ein Text in die Leichte Sprache übertragen wurde, lesen ihn anschließend Prüferinnen und Prüfer mit Lernschwierigkeiten. Sie kontrollieren, wie gut die Übersetzung ist. Verstehen sie einen Satz oder den ganzen Text nicht, müssen die Übersetzerinnen und Übersetzer ihn noch einmal überarbeiten.


#8: Gibt es auch Kritik am Konzept der Leichten Sprache?

Ja, einige Politiker und Journalistinnen haben zum Beispiel kritisiert, dass bei der Übertragung in die Leichte Sprache Inhalte weggelassen oder zu stark vereinfacht erklärt werden. Oft kennen sich Kritikerinnen und Kritiker aber gar nicht richtig mit der Leichten Sprache aus: Sie wissen nicht, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten genau diese Vereinfachungen brauchen, um einen Text überhaupt zu verstehen.





Kurzfilm-Tipp: „Unbehindert arbeiten. Wie Menschen mit Behinderung ihre Berufsziele erreichen“

Sreco Dolanc hat den Beruf, in dem er schon immer arbeiten wollte. Der gehörlose Mann besuchte in seinem Herkunftsland Slowenien eine Schule für pharmazeutische Technik und ist heute in einer Apotheke in Wien angestellt. Im Film „Unbehindert arbeiten“ (Youtube-Link) erzählt er von seinem Weg und den Schwierigkeiten und Vorurteilen, die ihm dabei begegnet sind. Auch seine Chefin Karin Simonitsch kommt zu Wort und erklärt, warum Inklusion nicht nur gesellschaftlich wichtig ist, sondern auch ein Gewinn für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sein kann.
Der Regisseur Stefan Bohun und der Filmemacher Gregor Centner haben noch zwei weitere Menschen getroffen und interviewt – neben Sreco Dolanc auch Anna Haunlieb, eine Platzanweiserin im Wiener Konzerthaus, oder den gelernten Koch Patrick Idinger, der heute als Friseurmeister einen eigenen Betrieb leitet.

Aus diesen drei Begegnungen ist dieser schöne, 20-minütige Film entstanden:

Der Kurzfilm „Unbehindert arbeiten“ von Stefan Bohun und Gregor Centner erzählt von drei Menschen, die ihren beruflichen Weg gefunden haben.



Podcast-Tipp: „Kleinwüchsige schenken Kurze aus“

Wer in den vergangenen Jahren gerne Festivals besucht hat, kennt vielleicht die „MiniBar“: An einer 80 Zentimeter hohen Theke servieren die drei kleinwüchsigen Männer Peter Brownbill, Peter Gatzweiler und Frank Ramirez Schnäpse – also „Kurze“. Unter ihrem Künstlernamen „TimeBandits“ bieten sie außerdem für Veranstaltungen eine „MiniSecurity“ und Comedy-Auftritte an.
Die Idee der Bar finden viele lustig und gut – aber nicht alle. Der Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien (BKMF) kritisiert, das Geschäftsmodell der „TimeBandits“ bediene ein veraltetes Bild von Menschen mit Behinderung und diskrimiere andere Kleinwüchsige.

Die Autorin Anke van de Weyer hat die drei Künstler und Michel Arriens vom BKMF dazu interviewt. Daraus ist eine tolle Audio-Reportage für den Deutschlandfunknova-Podcast „Einhundert“ entstanden – über berufliche Selbstbestimmung, Provokation, Diskriminierung, den schmalen Grat dazwischen und die damit verbundenen Grundsatzfragen. Unser Fundstück der Woche!




Vom privaten Nähprojekt zum inklusiven Modelabel

Sandra und Christian Brunner, was ist das Besondere an Ihrem Label „einzigNaht“?

Sandra Brunner (SB): Wir verkaufen handgemachte, maßgeschneiderte Kleidung für Kinder mit körperlichen Behinderungen oder chronischen Erkrankungen. Manche dieser Babys und Kinder können Bodys oder Pullis von der Stange nämlich nicht tragen, weil sie besondere Körpermaße haben, ein stabilisierendes Hilfsmittel wie eine Orthese brauchen oder über eine Magensonde ernährt werden. Für viele Eltern ist es eine sehr große zusätzliche Herausforderung, passende Kleidungsstücke für ihre Kinder zu finden. Das möchten wir ändern.

Christian Brunner (CB): Wir nähen deshalb Kleidung, die ganz individuell an die Bedürfnisse des einzelnen Kindes angepasst und dabei so gestaltet wird, dass Schläuche oder andere Hilfsmittel nicht zu sehen sind. Wir möchten die Funktion eines Kleidungsstücks nämlich auch immer mit einem schönen Design verbinden, denn auch für Kinder stiftet die Kleidung Identität. Die klassische Reha-Kleidung sieht oft sehr funktional und medizinisch aus. Das strahlt nicht sonderlich viel Lebensfreude aus. Für unsere einzigNaht-Kleidung haben wir daher ganz bewusst fröhliche und kindgerechte Stoffe ausgesucht.

Wie kam Ihnen die Idee zu Ihrem Start-up?

SB: Das Projekt ist eigentlich aus der Not heraus entstanden. Wir brauchten selbst individuelle Kleidung für unsere heute vierjährige Tochter Laura. Sie hat das seltene Williams-Beuren-Syndrom und ist dadurch so zierlich, dass wir nichts Passendes für sie finden konnten. Alles schlackerte an ihr herum und Laura hat sich sehr unwohl gefühlt. Vor gut drei Jahren habe ich mir eine Nähmaschine gekauft und angefangen, selbst Bodys, Hosen und Pullis für sie zu nähen. Die Stücke sprangen auch anderen Eltern ins Auge, wir wurden oft darauf angesprochen. Eine Mutter hat mich dann darum gebeten, Klamotten für ihre Tochter anzupassen, die eine Magensonde hat. So hat alles angefangen.

CB: Auch über Facebook haben wir viel Lob und Anfragen von Familien bekommen, die ähnliche Probleme hatten wie wir. Dadurch haben wir erst gemerkt, wie groß der Bedarf an individueller Kleidung für Kinder offenbar ist. Ich habe verschiedene Statistiken recherchiert: Schätzungen zufolge gibt es allein in Deutschland etwa 250.000 Kinder, die wegen einer Behinderung oder chronischen Erkrankung Maßanfertigungen brauchen – genau wie unsere Tochter. Also haben wir im Sommer 2018 einzigNaht gegründet.

Ist das Ihr erstes Unternehmen?

CB: Ja, deshalb hatten wir in einigen Punkten kaum Erfahrung mit der Gründung eines Startups. Wir haben uns Schritt für Schritt in viele Details eingearbeitet, gerade am Anfang war die Lernkurve sehr steil (lacht). Wir haben aber von Erfahrungen aus unseren früheren Manager-Jobs profitiert: Ich komme aus dem Marketing und Sandra hat in der Textilbranche gearbeitet.

SB: Sechs Monate nach der Gründung wurden unsere Mühen belohnt: Wir haben 2019 den Hamburger „Gründergeist“-Award gewonnen. Das hat unser Start-up sehr vorangebracht. Neben dem Preisgeld von 5.000 Euro haben wir vor allem von der Beratung profitiert, die wir bekommen haben. Mit unseren Coaches haben wir zum Beispiel besprochen, welche Rechtsform zu uns passt und wie wir das Unternehmen finanzieren können. Die Beraterinnen und Berater haben uns aber natürlich immer nur Empfehlungen gegeben. Danach mussten wir selbst mutig sein, Entscheidungen fällen und handeln. Das ist der Hauptunterschied zum Angestelltendasein.

Wie haben Sie den Start des Labels finanziert?

CB: Wir haben einen privaten Kredit im mittleren fünfstelligen Bereich aufgenommen sowie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, bei der 12.000 Euro zusammengekommen sind. Durch das Crowdfunding haben wir die ersten vier Kollektionen finanziert. Wir haben einige Grundmodelle entworfen, die später individuell für jedes Kind angepasst werden. Das Modegeschäft ist ja sehr schnelllebig und es gibt oft neue Designs, deshalb haben wir die Stoffe, die wir derzeit verarbeiten, gleich in größeren Mengen angeschafft.

SB: Das war eine große Investition, weil wir mit fair produzierten Bio-Stoffen arbeiten, die natürlich etwas teurer sind. Parallel haben wir einen größeren Betrag ins Marketing gesteckt und uns bei der grafischen Umsetzung – zum Beispiel unseres Logos und der Website – Unterstützung geholt. Außerdem haben wir 5.000 Euro in eine Software investiert, mit der ich Schnittmuster erstellen kann. Vorher habe ich sie mit Bleistift auf Papier entworfen. Am Computer geht das viel schneller.

Für so ein Schnittmuster brauchen Sie ja die genauen Maße des Kindes. Wie nehmen Sie die? Müssen die Familien einen Termin bei Ihnen vereinbaren?

SB: Nein, die Familien können selbst ganz in Ruhe zuhause messen. Das ist für alle angenehmer, denn pflegende Eltern haben wenig Zeit und Kinder lassen sich nicht gerne von fremden Personen vermessen. Als Vorlage und Anleitung zum Maßnehmen dient unser Vermessungsmännchen „Friis“, das auf unserer Website abgebildet ist. Die Maße können die Eltern anschließend in ein Formular eintragen und mir schicken. Dazu schreiben sie mir zumeist noch weitere Infos, zum Beispiel wie alt ihr Kind ist und welche besonderen funktionalen Anforderungen die Kleidung erfüllen soll.
Wenn ich diese Infos habe, telefonieren wir zu den Details. Wie bewegt sich das Kind, kann es schon krabbeln? Mag es lieber lockere Abschlüsse oder sind Bündchen besser? An welchen Stellen sollte sich das Kleidungsstück schnell öffnen und schließen lassen, damit die Pflege einfacher wird? Wir klären also viele praktische Fragen. Die Gespräche sind dabei oft sehr emotional, es fließen auch nicht selten Tränen, weil die Eltern sich das erste Mal verstanden fühlen. Wer selbst kein Kind mit Behinderung hat, kann sich einfach nicht vorstellen, welche Herausforderungen das im Alltag mit sich bringt.

In jedem Kleidungsstück stecken also nicht nur viele Emotionen, sondern auch eine Menge Vorbereitung und Arbeit. Wie wirkt sich das auf die Preise aus? Können sich alle Familien Ihre Produkte leisten?

SB: Individuell gefertigte Einzelstücke sind natürlich teurer als Kleidung von der Stange. Es ist aber schwierig, diese Preise pauschal zu benennen, weil jedes Kind und jeder Auftrag anders sind. Im Schnitt kostet ein Set aus Hose, Body und Pullover etwa 180 Euro. Die Mehrkosten im Vergleich zu Standardkleidung relativieren sich aber schnell, weil unsere Stoffe sehr hochwertig und zugleich nachhaltig sind. Ich verarbeite ein pflegeleichtes Gemisch aus Wolle und Seide, das einfach ausgelüftet werden kann und an dem Flüssigkeiten fast vollständig abperlen. Die Stücke halten also lange, weil die Qualität sehr gut ist, und die Eltern müssen sie viel seltener waschen. Deshalb braucht ein Kind im Vergleich zu gewöhnlicher Kleidung nur etwa ein Drittel so viele Kleidungsstücke.

CB: Wir wissen, dass diese Kosten für viele Familien trotzdem kaum zu stemmen sind. Deshalb haben wir gerade den Verein „einzigArtige Inklusion“ gegründet, um ihnen durch Spenden dennoch individuelle Kleidung für ihre Kinder zu ermöglichen. Dieser Verein hat eine sehr schöne Entstehungsgeschichte: Wir wurden schon oft von Menschen angesprochen, die unser Projekt toll finden und als „Näh-Paten“ die Kosten für einzelne Kleidungsstücke übernommen haben. Über „einzigArtige Inklusion“ wird das sowohl für die Spenderinnen und Spender als auch für uns noch einfacher.
Diese Form der Unterstützung ist für uns allerdings nur ein erster Schritt. Als nächstes werden wir mit Gesetzlichen Krankenkassen sprechen, um mit unserer Kleidung in ihre Hilfsmittelkataloge aufgenommen zu werden. Wenn wir damit Erfolg haben, können Kinder mit Behinderung ihre Kleidung auf Rezept erhalten.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft von einzigNaht?

SB: Wir möchten noch in diesem Jahr einen Online-Shop aufbauen, in dem Eltern, Großeltern und Verwandte die benötigten Maße eingeben und Kleidungsstücke direkt bestellen können. Individuelle, persönliche Bestellungen nehmen wir natürlich auch weiterhin an. Außerdem möchten wir Musterstücke in Physiotherapie-Praxen oder Krankenhäusern auslegen, damit die Kundinnen und Kunden sich unsere Kleidung aus der Nähe anschauen und anfassen können. In einigen Krankenhäusern liegen bereits unsere Flyer, das wollen wir ausweiten.

CB: Langfristig möchten wir in Hamburg ein inklusives Näh-Atelier aufbauen, in dem wir Menschen mit Behinderung anstellen. Wir sind bereits mit mehreren Interessenten im Gespräch. Je nach ihren individuellen Fähigkeiten und Wünschen können sie demnächst Kleidungsstücke nähen, im Marketing oder Social-Media-Management mitarbeiten oder mit speziellen Grafikprogrammen Schnittmuster entwerfen. Ihre Berufserfahrungen oder Vorbildung sind dabei nicht so wichtig – für uns zählt, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinter unserem Konzept stehen.


Über unsere Interviewpartner:innen




Lesetipp: „LiES“ – oder: Geschichten in Einfacher Sprache

Menschen, die nicht gut Texte in Alltagssprache lesen können, weil sie zum Beispiel (noch) nicht so gut Deutsch sprechen oder weil sie eine Lernbehinderung haben, brauchen Bücher in Einfacher Sprache. Die gibt es zwar schon länger auf dem Markt – bisher sind das aber vor allem Kinderbücher oder stark gekürzte Übersetzungen von bekannten Romanen (zum Beispiel „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf) oder Theaterstücken (wie Shakespeares „Romeo und Julia“).

Der Geschichtenband „LiES” ist etwas ganz Neues. Für dieses Buch haben insgesamt 13 bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller ganz neue Texte in Einfacher Sprache geschrieben – darunter Judith Hermann, Arno Geiger und Nora Bossong.

Zuerst haben sie dafür gemeinsam einige Regeln festgelegt. Zum Beispiel sollten möglichst viele Verben und möglichst keine Zeitsprünge in den Geschichten vorkommen. Für die Autorinnen und Autoren war es sehr ungewohnt, so zu schreiben, erklärt Hauke Hückstädt, der Herausgeber des Buches, in diesem „Spiegel“-Interview. Er erzählt darin auch, warum das LiES-Buch für andere Leserinnen und Leser ebenfalls eine interessante Lektüre sein kann – also für all diejenigen, die sonst keine Texte in Einfacher Sprache lesen würden.




Nachlese zum Weltfrauentag: Berühmte und engagierte Frauen mit Behinderung

„Die Neue Norm“ ist ein Projekt des Vereins Sozialhelden. Das Redaktionsteam schreibt in dem Online-Magazin über gesellschaftspolitische Fragen und führt Interviews mit Menschen mit Behinderung. Einmal im Monat erscheint ein Podcast, den die Journalistinnen und Journalisten Judyta Smykowski, Jonas Karpa und Raul Krauthausen zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk produzieren.

Zum Internationalen Frauentag stellten die Redakteurinnen und Redakteure des Magazins in Kurzporträts zehn berühmte sowie weniger bekannte Frauen mit Behinderung vor – zum Beispiel engagierte Aktivistinnen und Juristinnen, Schauspielerinnen und Journalistinnen. Zu jeder von ihnen haben die Autorinnen und Autoren in den Kurzporträts interessante Artikel, Webseiten oder Youtube-Videos verlinkt.




Selbstbestimmt leben mit persönlicher Assistenz

Duschen, anziehen, die Haare zurechtmachen: All das kann Andrea Sahlmen wegen einer angeborenen Muskelerkrankung nicht allein tun. Rund um die Uhr sind deshalb persönliche Assistenten für sie da, die sie pflegen, für sie kochen und in ihrer Freizeit Ausflüge mit ihr unternehmen. Seit sie bei der Bielefelder Tageszeitung „Neue Westfälische“ arbeitet, begleiten und unterstützen die Assistenten sie auch in der Redaktion.

Für die Zeitung Neue Westfälische hat die Journalistin schon 2017 in diesem sehr zeitlosen Artikel aufgeschrieben, was es bedeutet, als junger Mensch gepflegt zu werden, und wie sie ihr Leben mit der Assistenz selbstbestimmt gestaltet.

Unser Fundstück der Woche!




Das Projekt „enterability“ unterstützt Gründerinnen, Gründer und Selbstständige mit Behinderung

Herr Radermacher, was ist enterability?

enterability ist ein Projekt der gemeinnützigen GmbH Social Impact, die unter anderem soziale Start-ups und Innovationen fördert. Wir von enterability beraten und unterstützen Menschen mit Schwerbehinderung, die in Berlin leben und sich selbstständig machen möchten oder schon länger selbstständig arbeiten. Das Besondere an uns ist, dass wir uns ganz auf das Thema Gründung mit Schwerbehinderung spezialisiert und wirklich alle Informationen dazu gesammelt haben. Vorher gab es kein vergleichbares Angebot in Berlin – bis jetzt gibt es in ganz Deutschland keins. Die Nachfrage war riesig, deshalb hatten wir von Anfang an lange Wartelisten. Eine Kollegin und ich haben enterability 2004 als Modellprojekt aufgebaut. Im Laufe der Jahre sind wir stark gewachsen. Heute arbeiten wir im Auftrag des Integrationsamts Berlin mit insgesamt sieben Beraterinnen und Beratern auf fünf Vollzeitstellen und sind der offizielle „Integrationsfachdienst Selbstständigkeit“. Deshalb ist unser Angebot auch komplett kostenlos.

Was bieten Sie an?

Unser Schwerpunkt sind individuelle Beratungsgespräche, in denen wir mit den Gründerinnen und Gründern über einen längeren Zeitraum intensiv über ihre Geschäftsidee und über ihre persönliche Situation sprechen. Zu Beginn bieten wir Infoveranstaltungen an, auf denen wir unser Projekt vorstellen, Fragen zu Fördermöglichkeiten beantworten und erklären, wie man einen Businessplan schreibt. Später im Prozess kommen Seminare hinzu, zum Beispiel zu den Themen Marketing, Buchhaltung, Steuern und Recht, aber auch zu Zeitmanagement und Selbstfürsorge. Gerade die letzten beiden werden oft vergessen, dabei sind sie für Menschen mit Behinderung noch wichtiger als für Gründerinnen und Gründer ohne Behinderung.

Welche Vorteile hat eine Selbstständigkeit für Menschen mit Behinderung?

Ein großer Vorteil ist, dass sie sich ihre Arbeitszeiten und Pausen selbst so einteilen können, dass sie am besten und effektivsten arbeiten können. Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben sie diese Freiheit oft nicht. Für viele Menschen mit Behinderung ist die Gründung deshalb die einzige Möglichkeit, wieder zu arbeiten. Wir unterstützen sie dabei.

Ist die Behinderung der Person in den Beratungsgesprächen auch sonst ein Thema?

Ja, weil das ein wichtiger Teil der persönlichen Situation ist. Der Arbeitsalltag kann in der Selbstständigkeit auch nur dann langfristig gut funktionieren, wenn er gut zum Menschen passt. Wenn jemand zum Beispiel eine Hörbehinderung hat, kommuniziert sie oder er anders mit den Kunden als ein Selbstständiger ohne Behinderung – darüber müssen wir sprechen und überlegen, was das bedeutet. Eine Gehbehinderung bringt oft mit sich, dass die Mobilität und Flexibilität etwas anders sind. Wenn jemand wegen seiner Behinderung Schmerzen hat, hat das ebenfalls Auswirkungen. Sie oder er muss vielleicht mehr Pausen einplanen oder nimmt womöglich Medikamente, die zu einer bestimmten Tageszeit müde machen. All das besprechen wir ganz offen und helfen unseren Klientinnen und Klienten dabei, die eigenen Voraussetzungen realistisch einzuschätzen. Anschließend spielen wir durch, was das im Einzelnen für den Arbeitsalltag der Person bedeutet, damit die Selbstständigkeit langfristig gut laufen kann – wie sie ihre Arbeit also behinderungsgerecht gestalten kann.

Raten Sie manchmal auch von einer Gründung ab?

Ja, zum Beispiel, wenn wir glauben, dass eine Geschäftsidee nicht funktionieren kann. Einige merken in der Beratung auch, dass eine Selbstständigkeit für sie nicht das Richtige ist. Ein Hauptgrund dafür ist, dass sie als Freiberuflerinnen oder Unternehmer mit einem gewissen finanziellen Risiko leben müssen. Das Einkommen ist nicht so regelmäßig und verlässlich wie bei einer Festanstellung. Wenn man selbstständig arbeitet, muss man sich außerdem auch um Marketing, die Buchhaltung oder das Thema Steuerrecht kümmern. Viele können den Umfang dieser Zusatzaufgaben oft erst im Laufe der Zeit richtig überblicken.

Wie viele der Menschen, die Sie beraten, machen sich selbstständig?

Etwa ein Drittel. Wir haben inzwischen rund 1.500 Menschen mit Behinderung begleitet, etwa 500 davon arbeiten heute hauptberuflich selbstständig. Einige andere haben ihre Geschäftsidee nebenberuflich verwirklicht oder während der Beratung eine Fortbildung angefangen, die sie in ganz andere Jobs geführt hat. Für uns ist das sehr erfreulich, denn wir wollen ja genau das erreichen: Dass die Menschen mit unserer Unterstützung und Beratung für sich persönlich die richtige Entscheidung treffen und ihren Weg machen.

Sind bestimmte Berufe bei Gründerinnen und Gründern mit Behinderung besonders beliebt?

Nein, die Bandbreite ist sehr groß. Ich würde aber sagen, dass sich die meisten hier eher „berlintypische“ Jobs aussuchen. Sie ergreifen zum Beispiel oft kreative Berufe, entscheiden sich für die Kommunikationsbranche oder machen sich in der Gesundheitsberatung selbstständig. Die meisten sind übrigens klassische „Einzelkämpfer“, wir haben bisher also kaum Gruppen begleitet, die gemeinsam gegründet haben. Und es gibt auch nur wenige Selbstständige mit Behinderung, die später Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen.

Sie sprechen mit Ihren Klientinnen und Klienten auch viel über finanzielle Unterstützungsangebote für Selbstständige. Welche Zuschüsse gibt es für Menschen mit Behinderung?

Da gibt es sehr viele Möglichkeiten. Sie können zum Beispiel bei der Agentur für Arbeit einen Gründungszuschuss beantragen, der in der Startphase die Kosten für den Lebensunterhalt deckt. Wenn ein Büro eingerichtet oder Maschinen gekauft werden müssen, kann ein Gründungsdarlehen eine gute Möglichkeit sein. Diese Starthilfe wird von staatlichen Banken oder Förderbanken angeboten. Darüber hinaus können Gründerinnen und Gründer mit Behinderung beim zuständigen Integrations- oder Inklusionsamt Zuschüsse beantragen, wenn sie für ihre Arbeit technische Ausstattung anschaffen müssen – zum Beispiel Braillezeilen, große Bildschirme oder bestimmte Software für die Arbeit am Computer mit einer Sehbehinderung. Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer wiederum müssen eventuell ihr Auto umbauen lassen. Auch das fällt unter technische Ausstattung. Es gibt auch Zuschüsse für eine Arbeitsassistenz, also für einen Gebärdensprachdolmetscher beispielsweise oder eine Begleiterin, die blinde Selbstständige auf beruflichen Reisen unterstützt, wo sie oft unbekannte Wege laufen müssen. In solchen Fällen wird genau geprüft, bei welchen Arbeitsschritten und wie viele Stunden pro Woche jemand Unterstützung benötigt.

Sie beraten auch Selbstständige mit Behinderung, die schon länger freiberuflich arbeiten. Mit welchen Fragen kommen sie zu Ihnen?

Bei diesen Gesprächen geht es oft um sehr konkrete Probleme, die zum Beispiel im Marketing, bei den Finanzen oder im Zusammenhang mit einer behinderungsbedingten Förderung aufgetreten sind. Manche kommen auch zu uns, weil sich ihre Gesundheit durch die Behinderung verschlechtert hat, sie deshalb weniger arbeiten können oder nicht mehr so mobil sind. Wir unterstützen dann mit einer gezielten Einzelberatung dabei, das Geschäftsmodell anzupassen. Und wenn jemand überhaupt nicht mehr arbeiten kann, helfen wir, das Unternehmen abzuwickeln. In solchen Fällen ist es wichtig, an alles zu denken und gut zu ordnen, damit es nicht zu einer Insolvenz kommt. Das kommt zum Glück aber nur ganz selten vor – und manchmal finden wir selbst dann noch eine Möglichkeit, an die vorher noch nicht gedacht wurde.