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VIER FRAGEN AN… Carina Kühne

Carina Kühne hat einen Beruf, von dem viele träumen: Sie ist Schauspielerin. Ihren Durchbruch hatte sie im Jahr 2014 mit „Be my Baby“, einem Film, in dem sie eine junge Frau spielt, die wie sie selbst das Down-Syndrom hat. Seit diesem ersten großen Erfolg in Deutschland darf Carina Kühne immer wieder in neue, verschiedene Rollen schlüpfen. Wenn sie mal nicht vor der Kamera steht, engagiert sich die 32-jährige mit viel Herzblut für die Inklusion. Als Aktivistin hält sie zum Beispiel Vorträge, gibt Interviews zum Thema und bloggt über ihr Leben und das, was sie bewegt. Sie wünscht sich eine Gesellschaft, in der Menschen einander auf Augenhöhe begegnen. Im Interview hat sie uns verraten, was dem aus Ihrer Sicht noch im Weg steht und wo sie Lösungen sieht, um die Barrieren im Kopf – und auch anderswo – abzubauen.


#1: Frau Kühne, was bedeutet für Sie Inklusion im Beruf und bei der Arbeit?

Inklusion heißt für mich in diesem Zusammenhang: Es ist selbstverständlich, dass Menschen mit und ohne Behinderung miteinander arbeiten, sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen können. Es wäre allerdings erst dann wirklich Inklusion, wenn die Behinderung nicht mehr beachtet würde und keiner mehr als etwas „Besonderes“ darüber sprechen würde.

Ein Screenshot der Website von Carina Kühne

Auf ihrer Webseite berichtet Carina Kühne über aktuelle Auftritte in Film und Fernsehen, bloggt über ihr Leben und schreibt über ihre Projekte als Aktivistin.

#2: Was bremst Ihrer Meinung nach die Inklusion – bei der Arbeit, aber auch in der Gesellschaft insgesamt?

Die größte Bremse ist meiner Meinung nach das System in Deutschland, durch das viele Menschen mit Behinderung immer noch in Sondereinrichtungen landen. Das geht los mit dem Förderkindergarten, dann geht es weiter in der Förderschule und danach landen viele in einer Werkstatt für behinderte Menschen anstatt auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Auch im Freizeitbereich werden viele ausgesondert und finden keinen Anschluss, weil sie zum Beispiel in eigenen Wohnheimen für Menschen mit Behinderung wohnen. Da gibt es oft kaum eine Begegnung, und das führt dann dazu, dass es so viele Berührungsängste und Barrieren in unseren Köpfen gibt. In unserer Gesellschaft wird leider immer noch stark vom so genannten „Anderssein“ her gedacht. Menschen werden also vor allem danach beurteilt und in den Köpfen „sortiert“. Ich glaube außerdem, dass viele Menschen ohne Behinderung irgendwie Angst haben, dass ihre eigene Arbeit nicht mehr so viel wert ist, wenn auch Menschen mit Handicap sie leisten können oder dass diese ihnen die Jobs wegnehmen. Dazu kommt noch, dass sich viele Unternehmen davor scheuen, Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter mit Behinderung einzustellen. Dafür gibt es auch ein gesetzliches Schlupfloch: Wenn ein Arbeitgeber nicht genug Menschen mit Behinderung einstellt, leistet er stattdessen die so genannte Ausgleichsabgabe – und für viele hat sich das Thema damit erledigt. Es gibt also sehr viele Barrieren, die aus meiner Sicht nur abgebaut werden können, indem wir gemeinsam leben und nicht getrennt voneinander. Das gilt von Anfang an und in allen Bereichen.

#3: Mit welchen kleinen oder größeren Handlungen könnten einzelne Menschen aus Ihrer Sicht selbst zur Inklusion beitragen?

Indem sie aufeinander zugehen, sich auf Augenhöhe begegnen und keine Angst haben, dass  sie nicht den richtigen Umgangston finden. Wenn wir uns besser kennen lernen, verstehen wir einander auch besser und können selbstverständlicher miteinander leben und arbeiten. Außerdem sollte jedem Menschen ohne Behinderung bewusster sein, dass es kein Verdienst oder eine Selbstverständlichkeit, sondern ein Geschenk ist, nicht behindert zu sein. Wenn alle mit dem Wissen durchs Leben gehen würden, dass sich das jederzeit ändern kann, würden sie vielleicht auch anders mit Menschen mit Behinderung umgehen, als das aktuell viele noch tun.

#4: Wenn Sie Ihren Traum-Arbeitsplatz frei entwerfen könnten: Wie sähe dieser aus?

Da ich ja Schauspielerin bin, wünsche ich mir natürlich viele inklusive Rollen. Die Medien haben in unserer Gesellschaft einen sehr großen Einfluss, das bedeutet umgekehrt: Wenn in Berichten und Filmen öfter Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam gezeigt werden, dann wird Inklusion irgendwann auch in der Gesellschaft selbstverständlich. Was ich mir noch wünschen würde: Dass auch im Berufsleben niemand wegen seiner Behinderung ausgegrenzt wird. Ich selbst konzentriere mich immer lieber auf die Stärken der Menschen als auf ihre Defizite – und das sollten andere Menschen, Arbeitgeber und Kollegen auch öfter tun.

Carina Kühne schaut freundlich in die Kamera.

Foto: Anna Spindeldreier

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Carina Kühne
Geburtsjahr: 1985 (32 Jahre)
Beruf: Schauspielerin
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Hat das Down-Syndrom und spielt gerne inklusive Rollen, engagiert sich außerdem als Aktivistin für die Inklusion

Mehr über Carina Kühne, ihre Schauspielerei und ihre aktuellen Projekte erfahrt ihr auf www.carinakuehne.de.




Erfolg ab dem ersten Essen

„Wir hatten bei der Gründung zunächst mit 500 Mittagsmenüs pro Tag geplant“, sagt Inhaber und Geschäftsführer Jürgen Groth. „Wir haben schnell gemerkt, dass die Nachfrage größer ist, und auf 800 erhöht – inzwischen kochen wir täglich 2000 Mahlzeiten.“

Bestfood ist ein Tochterunternehmen des Betriebs Groth Catering, der schon seit 1986 Schulen und Kindergärten mit Mittagsmenüs, belegten Brötchen und anderen Snacks versorgt. Im Jahr 2009 steckte Jürgen Groth sich ein neues Ziel: Er wollte selbst die Mahlzeiten für die 20 Schulmensen zubereiten, die Groth Catering gepachtet hatte und für die bis dahin ein Fremdunternehmen das Essen geliefert hatte.

Dass bei Bestfood Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten sollten, stand für Jürgen Groth von Anfang an fest. „Es muss möglich sein, Männer und Frauen mit Handicaps auf diese Weise nachhaltig zu beschäftigen“, war und ist der Geschäftsführer überzeugt, der aus dem Aachener Raum stammt und im Grundschulalter mit seiner Familie nach Bad Sassendorf zog. Bei der Gründung unterstützte der LWL ihn und seine Frau Birgit, die mit ihm in der Verwaltung der beiden Betriebe arbeitet. Und auch der befreundete Leiter eines integrativen Kindergartens stand dem Ehepaar mit Ratschlägen aus der Praxis zur Seite.

Im Vordergrund Küchengeschirr, dahiner eine Frau mit Haube, die mit einem großen Löffel in einer riesigen Kochwanne rührt.

In der Bestfood-Küche arbeiten fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung in festen Jobs. Foto: Thorsten Arendt

Fünf Mitarbeiter mit Behinderung haben heute einen festen Job in der Bestfood-Küche. Einer von ihnen ist Rolf Adämmer. Der 45-Jährige hat gerade einige Pakete Butterkekse in eine Alu-Schale geleert und fängt an, die Plätzchen zu zerbröseln. „Die sind für den Nachtisch morgen“, erklärt er. „Es gibt Joghurt mit Keksen.“ Wer ihn bei der Arbeit beobachtet, kommt nicht gleich darauf, dass er eine Lernschwäche hat – im Gegenteil, findet auch sein Chef Jürgen Groth: „Rolf Adämmer gehört zu unseren Leistungsträgern. Er spornt auch die anderen an.“ Ebenso außergewöhnlich wie die Zusammensetzung des Teams ist bei Bestfood die Liste der Lieferanten. Einen großen Teil des Fleisches bringt ein Metzger, der in Lippetal-Schoneberg eine eigene Rinderherde hält. Auch die Kartoffeln stammen aus der Region, ein Teil ist darüber hinaus auch noch bio-zertifiziert – genau wie Reis und Nudeln, die ein Kölner Bio-Großhändler liefert.
Neben der Qualität muss für Groth aber auch die CO2-Bilanz stimmen: „Im Frühjahr steigen wir zum Beispiel komplett auf heimische Kartoffeln aus der konventionellen Landwirtschaft um“, erklärt der Unternehmer. „Deutsche Bio-Kartoffeln sind erst wieder ab Juni auf dem Markt.“ Und was – wie Kakao und Kaffee – doch aus fernen Ländern importiert werden muss, trägt das Fairtrade-Siegel. „Gutes muss nicht unbedingt teurer sein. Leider können wir uns wegen der höheren Bio-Preise ‘nur’ Nudeln, Kartoffeln und Reis in Bio-Qualität leisten. Wichtig ist der Wille, Bio- und Fairtradeprodukte im Unternehmen einzusetzen, dann funktioniert es auch“, ist Groth überzeugt.

Rolf Adämmer rührt mit einem großen Schneebesen in einer Wanne voller Joghurt und lächelt in die Kamera.

Rolf Adämmer liebt alles an seiner Arbeit. Er fühlt sich in der Großküche wohl und mag vor allem seinen abwechslungsreichen Arbeitsalltag. Foto: Thorsten Arendt

In der Lippetaler Küche ist Rolf Adämmer inzwischen fast mit dem Zerkleinern der Butterkekse fertig. „Heute Morgen habe ich schon den Salat für das Mittagessen vorbereitet“, erzählt er und zeigt auf einen Speiseplan an der Wand. „Alles, was orange angestrichen ist, muss ich machen.“ Er klickt Deckel auf die beiden Schalen mit Keksbröseln, trägt sie hinaus ins Trockenlager und kommt mit sechs Eimern Naturjoghurt zurück. „In einem Eimer sind zehn Kilo Joghurt, die sind für 100 Personen. Das wird also Nachtisch für 600 Personen“, rechnet er vor, während er den Joghurt in ein badewannengroßes Alu-Gefäß kippt, Zucker dazu schüttet und alles mit einem riesigen Schneebesen umrührt. Er ist begeistert von seiner Arbeit, erläutert gerne die Abläufe und Hygienevorschriften in der Küche. Der Bestfood-Mitarbeiter der ersten Stunde war vorher in einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt, in der er acht Jahre lang Gartenarbeiten erledigte. Nach einem Praktikum in Groths neuem Unternehmen – einen Monat nach der Gründung – konnte Adämmer bleiben, mit einem unbefristeten Vertrag.
Was ihm am meisten Spaß macht? „Alles“, sagt Adämmer strahlend und beschreibt mit seinem Arm einen Halbkreis durch die ganze Küche. „Ich mag die Abwechslung, ich muss hier nicht wie in der Werkstatt immer nur das Gleiche machen.“ Und schon wuselt er wieder los, um zu zeigen, wo er vormittags die fertig portionierten Menüs für die Schulen in Soest, Münster, Hamm und anderen Städten in Kisten verstaut und für die Fahrer bereitstellt.

Bestfood-Chef Jürgen Groth steht mit Schutzhaube und Kittel in seiner Großküche.

Inhaber und Geschäftsführer Jürgen Groth ist zufrieden mit seiner inklusiven Küche. Sein Ziel für das Jahr 2017: Täglich 3000 Mittagsmahlzeiten kochen. Foto: Thorsten Arendt

Solche Arbeitsabläufe werden Adämmer und seine Kollegen im Laufe der kommenden Monate allmählich umstellen, denn Jürgen Groth möchte im Jahr 2017 die Zahl der Mittagsmenüs auf 3000 erhöhen. Um diese Dimensionen zu erreichen, wurde bereits im August 2016 eine neue Küche gebaut und eingerichtet. Durch diese Erweiterung hat sich die Arbeitsfläche für Köche und Küchenhilfen mit 780 Quadratmetern fast verachtfacht. Die neuen Räume werden aber nicht nur größer, sondern bieten auch die nötige Ausstattung, um auf das sogenannte Cook & Chill-Verfahren umzusteigen. Kochen und Kühlen, das ist der neue Trend in der Mensa-Verpflegung: „ Nach dem Kochen wird das Essen durch den Einsatz von Schnellkühlern, den sogenannten Chillern, innerhalb von 90 Minuten auf eine Temperatur von drei Grad gekühlt“, fasst Groth das Prinzip zusammen. So lässt sich das Zubereitete bis zu vier Tage lang frisch halten; erwärmt wird es erst kurz vor dem Verzehr.

„Mit dem Cook-&-Chill-Verfahren wird die Arbeit in der Küche rationeller: Die gleiche Anzahl an Mitarbeitern kann mehr Mahlzeiten zubereiten, weil wir in Schichten und vorbereitend kochen können“, erklärt der Unternehmer den künftigen Arbeitsalltag. Für Groth war das nicht die einzige Motivation, in die Kältetechnik für das neue Verfahren zu investieren. Ausschlaggebend waren auch die immer zahlreicheren Anfragen von Schulen, die sich ausdrücklich eine Mensa-Verpflegung mit Cook and Chill wünschten. „Mit diesem Verfahren lassen sich die Pausenzeiten individuell festlegen“, sagt Groth. „Das Essen muss ja gleich nach dem Kochen warm in den Schulen ankommen, daher dürfen zwischen dem Ende der Kochzeit und der Essensausgabe höchstens drei Stunden liegen“, erklärt er. Wenn ein paar Klassen später zu Mittag essen als die anderen, wird das ohne diese Methode schwierig. Die Investition lohnt sich auf jeden Fall schon jetzt: Die ersten Aufträge für die Zeit nach dem Umzug in die neue Küche hat Bestfood schon in der Tasche. –

Fotos: Thorsten Arendt




„Bei Siemens sind Leistung und Behinderung kein Widerspruch“

Wie steht es eigentlich um die Inklusion in den größten und umsatzstärksten Unternehmen in Deutschland? In unserer Serie „Inklusion in Unternehmen des Deutschen Aktien-Index (DAX)“ befragen wir die Verantwortlichen aus einigen dieser Firmen zum Thema.

Das erste Interview haben wir mit Siemens geführt, einem der zehn größten Unternehmen in Deutschland. Der Konzern erfüllt die gesetzliche Quote, nach der Firmen ab 20 Mitarbeitern mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Menschen besetzen müssen, die eine Behinderung haben. Was sonst noch mit dem Thema „Diversity“ verbunden ist und was die Inklusion in der Firmenpolitik von Siemens für eine Rolle spielt, wollten wir von Nicole Herrfurth wissen, die bei Siemens für „Leadership Development, Diversity and Inclusion“ verantwortlich ist (übersetzt: „Führungskräfte-Entwicklung, Vielfalt und Inklusion“).


Frau Herrfurth, eine aktuelle Zahl zum Einstieg: Im Jahr 2016 waren 13,4 Prozent aller Menschen mit Schwerbehinderung in Deutschland arbeitslos, das sind mehr als doppelt so viele im Vergleich zu Menschen ohne Behinderung. Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe dafür?

Eines der Probleme ist, dass viele Menschen mit Behinderung im erwerbsfähigen Alter oftmals keinen allgemeinen Schulabschluss haben. Die Ursache dafür liegt wiederum im Bildungssystem: Solange Inklusion in der Schule und bei der Ausbildung nicht die Normalität ist, wird es auch auf dem Arbeitsmarkt Probleme geben. Menschen mit und ohne Behinderungen werden heute noch immer getrennt voneinander unterrichtet. Es gibt also nicht einen großen, gemeinsamen Lernraum, sondern viele Einzelsysteme wie Sonderschulen, Förderschulen und Werkstätten. Das führt leider dazu, dass Menschen, die dort unterrichtet werden oder arbeiten, bereits in jungen Jahren und auch später von bestimmten Bildungs- oder Berufswegen ausgeschlossen werden. Dadurch kommt es zu Ausgrenzung – und das Risiko, arbeitslos zu werden oder zu bleiben, steigt. Das Schulsystem muss sich also noch intensiver mit dem Thema Vielfalt beschäftigen und dieses Prinzip so früh wie möglich fördern.
Ein weiteres Problem sehen wir darin, dass es an barrierefreien Lösungen mangelt. Das ist sowohl firmenpolitisch als auch infrastrukturell ein Thema, und es betrifft die „reale Welt“ genauso wie die Barrieren, die es noch immer in den Köpfen gibt.

Welchen Beitrag leistet Ihr Unternehmen im Bereich Inklusion?

Wir achten zuallererst darauf, die gesetzlichen Regelungen zu befolgen, zum Beispiel bei Themen wie Sonderurlaub und Kündigungsschutz. Außerdem liegt uns natürlich die barrierefreie und flexible Gestaltung unserer Arbeitsplätze am Herzen. Wir versuchen, diese Umgebungen den Menschen anzupassen und nicht umgekehrt. Bei Siemens gibt es zudem ein Gleitzeitsystem, mit dem unsere Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten relativ frei gestalten können. Das gleiche gilt für den Arbeitsort: Das „Home Office“ ist bei uns nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern gehört mittlerweile zum Alltag, für Menschen mit oder ohne Behinderung. Auch das Thema Mobilität ist für uns ein Teil der Inklusion. Wir bieten unseren Mitarbeitern mit Schwerbehinderung daher nicht nur Behindertenparkplätze, sondern ermöglichen es ihnen bei Geschäftsreisen auch, in der ersten Klasse Bahn zu fahren beziehungsweise mit der Business Class zu fliegen. Wir wollen damit sicherstellen, dass unsere Mitarbeiter so unbeschwert und komfortabel wie möglich arbeiten können. Und wir legen Wert auf verschiedene betriebliche Maßnahmen, wie eine konstante Weiterbildung, bezahlte Freistellungen und eine gute gesundheitliche Versorgung, die wir unter anderem über unsere Betriebskrankenkasse anbieten.

Wie hoch ist bei Siemens die Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderung und in welchen Bereichen werden sie eingesetzt?

Bei Siemens in Deutschland sind derzeit 6.200 Menschen mit Behinderungen, teilweise mit schweren Handicaps, beschäftigt. Das entspricht einer Quote von etwa 5,2 Prozent. Viele der Mitarbeiter sind auf unsere Standorte in Erlangen, Nürnberg und Berlin verteilt, sie werden je nach Fähigkeiten und Interessen in allen Abteilungen eingesetzt und arbeiten in ganz unterschiedlichen Funktionen und Abteilungen. Außerdem kooperieren wir viel mit Werkstätten für Menschen mit Behinderung: Siemens hat allein im vergangenen Geschäftsjahr Aufträge in Höhe von rund 14 Millionen Euro an solche Einrichtungen vergeben.

Wie wird Ihr Unternehmen in Zukunft mit dem Thema Inklusion und Vielfalt umgehen?

Bei uns stehen Leistung und Behinderung schon jetzt nicht im Widerspruch zueinander. Im Gegenteil: Wir sehen täglich, dass es oft gerade die Mitarbeiter mit Behinderungen oder anderen Einschränkungen sind, die die „Extrameile“ gehen. Durch ihre Ausdauer, Beharrlichkeit und Motivation bringen sie sich voll und ganz ins Unternehmen ein und meistern dabei auch viele Hürden. Wir sehen diese Mitarbeiter daher nicht in erster Linie als Menschen mit Behinderung, sondern als Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Von diesen Eigenschaften könnten sich Menschen ohne Behinderung oftmals eine Scheibe abschneiden. Im letzten Dezember haben wir dazu passend einen „Ability Day“ in der Siemens-Zentrale in München veranstaltet. Der Tag stand unter dem Motto „Sport“ und sollte dazu aufrufen, die Fähigkeiten jedes Einzelnen wert zu schätzen. Diesen besonderen Tag würden gerne dauerhaft etablieren und gegebenenfalls zusammen mit anderen Unternehmen gestalten, um möglichst viele Menschen von dieser Botschaft zu überzeugen.
Vielfalt sollte aus unserer Sicht kein isoliertes Sonderthema bleiben, sondern ganzheitlich in allen Prozessen eines Unternehmens verwurzelt werden. Wir selbst haben deshalb unter anderem die Charta der Vielfalt unterschrieben und wollen diese Idee damit weiter nach vorne bringen.

Wer oder was sind aus Ihrer Sicht die größten „Inklusions-Bremsen“ unserer Gesellschaft?

Es gibt leider viele dieser „Bremsen“, wir glauben aber, dass die größten Hürden die Barrieren im Kopf sind. Wir nennen diese Hürden „Unconscious Bias“, also Vorverurteilungen und Denkmuster, die bei vielen Menschen vorhanden sind und sich im Unterbewusstsein abspielen. Wenn zum Beispiel jemand im Rollstuhl in den Raum kommt, sehen viele erst einmal nur die Behinderung, nicht die Persönlichkeit, die Fähigkeiten und die Qualifikationen des Menschen. Das geht zum Teil so weit, dass viele unbewusst davon ausgehen, dass ein Mensch mit Behinderung nicht wirklich arbeiten kann, nicht so belastbar ist oder auch weniger Fähigkeiten hat. Auch bei der Suche nach neuen Mitarbeitern spielt das immer noch eine große Rolle, denn das Kompetenzprofil wird von Recruiting-Mitarbeitern viel schneller außer Acht gelassen, wenn ein Bewerber eine Behinderung hat. Diese unbewussten Prozesse, die sich überall in unserer Gesellschaft zeigen, müssen wir im Kern auflösen.
Bei Siemens konzentrieren wir uns daher auf das Individuum und dessen Fähigkeiten. Diesen Ansatz wollen wir auch in Zukunft weiterhin verfolgen und stärker nach außen kommunizieren – daraus entstand auch unsere Idee zum „Ability Day“.




VIER FRAGEN AN… Lars Hemme

Lars Hemme arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft in der Zentralen Studienberatung Paderborn und berät zum Thema Studium mit Behinderung. Er spricht dabei aus eigener Erfahrung: Wegen einer angeborenen Gelenksteife lebt er mit Rollstuhl. In seiner Freizeit bloggt der 41-jährige über sein Leben mit 24-Stunden-Assistenz und über Themen wie Selbstbestimmtheit und Gleichberechtigung. Im Interview redet er mit uns darüber, wie er selbst Inklusion erlebt und was aus seiner Sicht jeder einzelne für ein Miteinander auf Augenhöhe tun kann.


#1: Herr Hemme, was bedeutet für Sie Inklusion im Beruf und bei der Arbeit?

Das ist eigentlich ganz einfach: Ich möchte, wie jeder Mensch, meinen Interessen und Fähigkeiten folgen und meinen Wunschberuf frei wählen können. Ich kann in meiner Situation sicherlich nicht jeden Beruf ausüben – aber das könnte eine Mensch ohne Behinderung auch nicht unbedingt, wenn ihm die notwendigen Fähigkeiten im Denken oder Tun fehlen. Trotzdem hat ja jeder individuelle Interessen und Stärken, die er in den Job einfließen lassen kann, wenn ihm denn die Chance gegeben wird, diese auch zu zeigen und zu nutzen.
Für mehr Inklusion im Berufsleben ist ein gutes Miteinander von Kolleginnen und Kollegen besonders wichtig, finde ich. Dazu gehört von allen Seiten auch, das natürliche Arbeitsklima mit all seinen „Aufs und Abs“ zu akzeptieren und einfach gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Ich denke, dass Inklusion dann funktioniert, wenn alle aufeinander zugehen und auch Kritik äußern dürfen und können. Wenn ich mich zum Beispiel nicht kollegial verhalte, dann müssen mich andere auch konstruktiv darauf hinweisen dürfen. Meine Behinderung darf ich selbst also nicht als Schutzschild sehen und einsetzen – denn das ist sie nicht.

#2: Was bremst Ihrer Meinung nach die Inklusion – bei der Arbeit, aber auch in der Gesellschaft insgesamt?

In den meisten Fällen funktioniert die Inklusion aus meiner Sicht deshalb nicht wie erhofft, weil Nicht-Behinderte immer noch zu wenige Berührungspunkte mit Menschen wie mir haben. Zugleich müssen beide Seiten eine gesunde Portion Enthusiasmus für ein gutes, gemeinsames Miteinander auf Augenhöhe mitbringen. Nur dann hat Inklusion eine Chance. Andererseits muss sich meiner Meinung nach jeder Mensch mit einer Behinderung – auch ich selbst – darüber im Klaren sein, dass sie oder er für andere Menschen immer etwas „anders“ ist. Wem das klar ist, der kann inkludiert werden. Dafür braucht es selbstverständlich Hilfen, zum Beispiel Assistenzleistungen oder technische Hilfsmittel. So ähnlich, wie etwa Flüchtlinge Sprachkurse erhalten, damit sie eine Chance haben, Teil der Gesellschaft zu werden, brauchen auch andere Personengruppen diese Unterstützung, nur eben auf andere Weise. Dabei gilt umgekehrt: Wenn ich zum Beispiel im Beruf auch nach dem ersten Kennenlernen der Teamkollegen im Arbeitsalltag weiterhin als etwas Besonderes oder Anderes betrachtet werde, kann ich nie ein gleichwertiges Mitglied im Team werden. Dann funktioniert Inklusion nicht.

Über unseren Interviewpartner

Name: Lars Hemme
Beruf: Berater für den Bereich Studium mit Beeinträchtigung in der Zentralen Studienberatung an der Uni Paderborn (als wissenschaftliche Hilfskraft)
Geburtsjahr: 1975 (41 Jahre)
(Persönlicher Bezug zu) Behinderung: Hat eine angeborene Gelenksteife und ist daher mit Rollstuhl unterwegs; unterstützt andere Menschen mit Behinderung in der Region Paderborn

↗ Zu Lars Hemmes privatem Blog

#3: Mit welchen kleinen oder größeren Handlungen könnten einzelne Menschen aus Ihrer Sicht selbst zur Inklusion beitragen?

Jeder, der Inklusion verwirklichen möchte, sollte sich engagiert mit dem Thema auseinandersetzen. Nur so kann er dazu beitragen, den Prozess voranzutreiben. Das gilt nicht nur für Menschen ohne, sondern auch und gerade für Menschen mit Behinderung. Sie müssen aktiv auf die anderen Mitglieder der Gesellschaft zugehen und zeigen, dass sie ein Teil dieser sind und sein wollen. Inklusion kann nicht nur von einer Seite geleistet werden. Ich selbst zum Beispiel habe im Studium gemerkt, dass ich durch meine Teilnahme am gemeinsamen Alltag etwas wichtiges erreichen konnte: Ich wurde akzeptiert und konnte teilhaben. Das kann ich heute nach wie vor. Richard von Weizsäcker hat dazu einmal passende, schlaue Worte gesagt: „Was im Vorhinein nicht ausgegrenzt wird, muss hinterher auch nicht eingegliedert werden!“ Da ist viel Wahres dran. Dadurch, dass ich mich immer bemüht habe, mich nicht selbst auszugrenzen, haben mich auch die anderen nicht ausgegrenzt. Ich brauchte deshalb auch keine Wiedereingliederung.

Lars Hemme sitzt in einem Rollstuhl und lächelt in die Kamera.

Lars Hemme hilft anderen Menschen wo er kann. Wegen einer angeborenen Form der Gelenksteife ist er selbst auf Assistenten angewiesen und berät daher auch zu diesem Thema. Foto: Lars Hemme

#4: Wenn Sie Ihren Traum-Arbeitsplatz frei entwerfen könnten: Wie sähe dieser aus?

Inklusion bedeutet nicht, dass mir per se eine Sonderbehandlung zusteht. Daher sollte ich mir meinen Arbeitsplatz auch nur bis zu dem Punkt frei auswählen können, wie andere das auch tun dürfen. Ich glaube, dass niemand wirklich die völlige Freiheit hat, sich den Ort und die Umstände des Arbeitens ideal zu gestalten. Mir ist wichtig, dass ich auch hier gleichberechtigt mit anderen bin – und das heißt, dass ich genauso wie alle anderen mit den typischen Widrigkeiten des Lebens umgehen und mich damit arrangieren muss.
Aber: Als Mensch mit Behinderung habe ich Möglichkeiten, Nachteile auszugleichen, und das ist ebenfalls wichtig. Was in diesem Zusammenhang bedeutet, dass ich mich bemühen kann, meine Interessen und Fähigkeiten so zu platzieren und zu fördern, dass sich die Chance auf meinen Traum-Arbeitsplatz auftut. Ich habe das mittlerweile sogar geschafft. Ich arbeite jetzt schon länger an der Universität Paderborn und kann meine Neigungen und Fähigkeiten optimal in den Job einfließen lassen. Ich habe meinen Traum-Arbeitsplatz also sozusagen einfach selbst entworfen. Manchmal ist hier und da technische Unterstützung oder die Hilfe von anderen nötig, ich muss mir zum Beispiel ab und zu eine Akte aus dem Regal angeben oder eine Tür öffnen lassen. Die Kernaufgaben meines Berufs erledige ich aber selbstständig: Ich setze das mir gegebene Talent der Sprache ein und berate Menschen, die Anregungen und Hilfe beim Studium mit einer Behinderung brauchen.

Tja, und wenn ich mir doch etwas wünschen würde: An meinem Traum-Arbeitsplatz würden mir alle technischen und menschlichen Unterstützungen zur Verfügung stehen, die mir die Arbeit in meinem Beruf erleichtern würden – zum Beispiel elektrische Türen oder eine persönliche Assistenz. Das ist leider noch nicht selbstverständlich, wie ich selbst erlebt habe und wie es auch von anderen Menschen mit Behinderung in Deutschland immer wieder zu lesen ist. Der Grund dafür sind oft drastische finanzielle Einschnitte, gerade im öffentlichen Sektor. Das legt der Inklusion aus meiner Sicht unnötige Steine in den Weg – aber das ist noch einmal ein ganz anderes Thema. –

 




VIER FRAGEN AN… Viola Steinbeck

Viola Steinbecks Beruf ist spannend und fordernd zugleich, denn sie erfährt viele persönliche Dinge von ihren Kunden. Die 45-Jährige arbeitet als Personal Coach und begleitet in diesem Job Menschen durch schwierige Lebensphasen und Situationen. Dafür muss sie vor allem eines gut können: Zuhören. Das würde sie sich oft genug auch von Menschen wünschen, die in der Gesellschaft die wichtigen Entscheidungen treffen.

Sie selbst erkrankte mit 7 Jahren an Rheuma, die Inklusion ist auch deshalb einer ihrer Schwerpunkte bei der Arbeit. Sie berät und begleitet zum Beispiel andere Menschen mit Behinderungen auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben und berät Unternehmen, Vereine und anderen Institutionen, die sich auf dem Weg zu mehr Chancengleichheit machen wollen. Ein wichtiger Teil dieses Jobs ist es, über oft unbewusste Barrieren aufzuklären und Sorgen und Ängste zu nehmen. Außerdem hilft sie dabei, das Potenzial einzelner Menschen zu erkennen und zu fördern. Im Gespräch hat uns die 45-jährige erklärt, was aus ihrer Sicht für eine gelungene Inklusion besonders wichtig ist.


#1 Frau Steinbeck, was bedeutet für Sie Inklusion im Beruf und bei der Arbeit?

Es müssten sich meiner Meinung nach als erstes und dringend die schulischen Strukturen ändern, damit eine Gleichberechtigung in der Bildung erreicht werden kann. Alle Kinder sollten von klein auf die Möglichkeit haben, in reguläre Klassen zu gehen und so auch schon früh gemeinsame Lernerfahrungen zu sammeln. Das müsste schon im Kindergarten beziehungsweise in der Ganztagestätte losgehen. Diese Generation würde dann nämlich gemeinsam miteinander groß werden, menschliche Vielfalt wäre also von Anfang an „normal“ und selbstverständlich für alle. Wenn diese Kinder gleich behandelt und gefördert werden, würden auch die Kategorien der „Extras“ oder „Ausnahmen“ wegfallen. Keiner würde sich benachteiligt fühlen und es müsste sich auch niemand erst an Menschen mit Behinderung „gewöhnen“, wie es heute noch oft zu sein scheint. Erst unter diesen Voraussetzungen steht es später jedem Menschen offen, eine Berufsausbildung oder ein Studium zu absolvieren – und eben nicht, wie es heute oft ist, in eine Werkstatt zu wechseln. Ein gleichberechtigter Zugang zum Arbeitsmarkt ist aus meiner Sicht eine sehr wichtige Voraussetzung dafür, dass alle Menschen in unserer Gesellschaft ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Ausschnitt der Startseite von coaching-steinbeck.de

Auch auf der Website ist es gleich zu sehen: Viola Steinbeck ist auf Beratung und Coachings rund um die Inklusion spezialisiert.

#2 Was bremst Ihrer Meinung nach die Inklusion – bei der Arbeit, aber auch in der Gesellschaft insgesamt?

In Teilen unserer Gesellschaft ist leider das Vorurteil weit verbreitet, dass Menschen mit Behinderung weniger leistungsfähig und weniger arbeitswillig wären als andere. Viele sehen immer nur den hilfs- und unterstützungsbedürftigen Menschen hinter dem Handicap, nicht die individuelle Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen, mit Talenten, Fähigkeiten und mit einem Arbeitswillen. Mir persönlich geht dabei besonders gegen den Strich, dass die freie Wirtschaft nicht oder zu wenig in die Verantwortung genommen wird. Das ist besonders auf der gesetzlichen Ebene der Fall.
Das wohl größte Problem scheint aber das Geld zu sein. Viele Maßnahmen werden mit der Begründung, dass es keine finanziellen Mittel gebe, abgewälzt oder aufgeschoben. Das ist mir zu kurz gefasst. Ich glaube, dass das oft eher eine Sache des Wollens ist. Meiner Meinung und Erfahrung nach gibt es für vieles Lösungen, die nicht unbedingt teuer sein müssen.

#3 Mit welchen kleinen oder größeren Handlungen könnten einzelne Menschen aus Ihrer Sicht selbst zur Inklusion beitragen?

Ich finde es wichtig, mit geöffneten Augen und gespitzten Ohren durch das Leben zu gehen und offen für andere Menschen zu sein. Es würde schon helfen, wenn jeder Mensch vor seiner eigenen Haustür und im Kiez schaut, was geändert werden könnte und sich dann auch darum kümmert. Wenn jeder Mensch, der ohne Behinderung lebt, mal bewusst auf seinem täglichen Weg zur Arbeit, beim Einkaufen oder bei Freizeitunternehmungen schauen würde, ob und wie Menschen mit Behinderung dort zurecht kämen, wäre das wahrscheinlich sehr aufschlussreich und würde vielen die Augen öffnen.

Ich plädiere deshalb für mehr Mut: Zum Perspektivwechsel, aber auch dazu, die daraus folgenden Konsequenzen mitzutragen. Wenn zum Beispiel ein Geschäft gerade sowieso umgebaut wird und dort Stufen vorhanden sind, könnte man doch gleich ein kleines Stück weiter- und über eine Rampe nachdenken. Jede unüberwindbare Stufe schließt nämlich viele Menschen aus dem „ganz normalen“ Leben aus, und mit dem Bau eines Zugangs ist dann schon viel getan. Es gibt außerdem viele Stellen, bei denen man sich über Fördermittel für so eine barrierefreie Gestaltung informieren kann.

#4 Wenn Sie Ihren Traum-Arbeitsplatz frei entwerfen könnten: Wie sähe dieser aus?

Zur Zeit arbeite ich selbstständig und daher auch viel von zu Hause aus. Das ist für mich als chronisch Kranke ein großer Vorteil, weil ich mir so meine eigenen Rahmenbedingungen setzen kann. Ich bin von Hause aus Anthropologin und habe deshalb einen besonderen Blick für uns Menschen und unsere Umwelt entwickelt. Dazu zählt natürlich auch der Arbeitsplatz. Gerade beobachte ich, dass der Arbeitsmarkt sich stark im Wandel befindet und denke, dass es früher oder später den „klassischen“ Arbeitsplatz nicht mehr geben wird. Stattdessen werden sich hoffentlich neue, mehr an den Menschen angepasste Strukturen etablieren – darin sehe ich die Zukunft. Mein Traumarbeitsplatz wäre daher schlicht perfekt an jedes Individiuum angepasst, also ergonomisch, zeitlich flexibel und, falls nötig, auch ortsungebunden. –

Foto: Privat

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Viola Steinbeck
Beruf: Freie Beraterin für Inklusion und Barierrefreiheit und Personal Coach
Geburtsjahr: 1971 (45 Jahre)
(Persönlicher Bezug zu) Behinderung: Seit dem 7. Lebensjahr an Rheuma erkrankt.

Wenn ihr Kontakt zu Viola Steinbeck aufnehmen wollt, könnt ihr das über ihre Website tun. Übrigens: Die 45-Jährige arbeitet nicht nur Personal Coach, sondern auch als zweite Vorsitzende im ehrenamtlichen Verein Hero Construction Company e. V. Dort engagiert sie sich dafür, dass junge Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt und zu mehr Zivilcourage befähigt und ermutigt werden.




Vom belegten Brötchen bis zur Autowäsche

Langeweile kennt Alexander Schneider in seinem Job im Hahme Frische Markt nicht. „Ich bekomme immer wieder neue Aufgaben. Das ist interessant und die Zeit geht schnell vorbei“, sagt der 47-Jährige mit fröhlicher Stimme. Meist hat er an der Waschanlage zu tun, die an den kleinen Supermarkt im Stemweder Ortsteil Haldem angeschlossen ist. Dort reinigt er die Wagen der Kunden und hält die Arbeitsgeräte in Schuss. Zwischendurch hilft er im Laden mit, sortiert Waren in die Regale ein oder wischt den Boden.
Bevor er im Mai 2015 die Stelle im Frische Markt bekam, jobbte er in verschiedenen Berufen, unter anderem in der Metallbranche. Einen neuen Arbeitsplatz zu finden, war für den Osnabrücker nicht einfach, denn er humpelt mit dem rechten Fuß und muss zwischendurch immer wieder Pausen einlegen.

Olga Barthel, die Marktleiterin im Supermarkt des Servicehauses Stemwede, vor einer der Kühltruhen im Laden.

Marktleiterin Olga Bartel ist überzeugt vom Konzept „Integrationsunternehmen“ und klärt auch ihre Kunden gerne darüber auf.

In seinem neuen Job ist das kein Problem. 22 der insgesamt 48 Mitarbeiter haben eine Beeinträchtigung. Die Marktleiterin Olga Bartel hat bei jedem einzelnen im Blick, was er leisten kann. „Manche Kollegen können trotz einer Sehschwäche auch an der Kasse arbeiten. Bei anderen klappt das nicht“, erklärt die 36-Jährige: „Die helfen dann beim Räumen oder schmieren Brötchen.“

Der Supermarkt ist Teil des Integrationsunternehmens Servicehaus Stemwede gGmbH, dessen Mitarbeiter mit und ohne Behinderung den Kunden neben dem Service im Laden auch Malerarbeiten, Hauswirtschafts- und Hausmeisterservice sowie Gartenpflege anbieten. Geschäftsführer Lothar Pannen und der Verein Lebensperspektiven e. V. haben das Servicehaus Anfang 2008 gegründet. Das Ziel war vor allem, Beschäftigungsmöglichkeiten für die Bewohner des Stemweder Heilpädagogischen Kinderhauses auf dem ersten Arbeitsmarkt zu schaffen. In dieser Einrichtung betreuen Lothar Pannen und seine Mitarbeiter bis zu 140 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene; die meisten von ihnen haben psychische, geistige oder körperliche Behinderungen.
„Die Frage damals war: Wie können wir es schaffen, den jungen Menschen mit all ihren Problemen, aber auch Ressourcen eine Perspektive zu ermöglichen?“, beschreibt Pannen die große Aufgabe. „Wir können sie ja schlecht ohne Aussicht auf einen Arbeitsplatz zurück in ihre Heimatstädte ziehen lassen.“

Das Servicehaus ist nicht nur für die Mitarbeiter eine tolle Sache. Wer in dem vergleichsweise strukturschwachen Haldem wohnt, kann jetzt wieder vor Ort einkaufen. Der Supermarkt hat zum Beispiel Obst und Gemüse, Käse und Wurst, Nudeln, Tiefkühlpizza und Hygieneartikel vorrätig. Wegen der angeschlossenen Tankstelle hat dieser Teil des Unternehmens auch abends und sogar sonntags geöffnet. Das schätzen die Kunden besonders. „Gerade am Wochenende ist hier viel los“, sagt Olga Bartel. „Wenn alle anderen Geschäfte geschlossen sind, gibt es bei uns frische Brötchen und Grillfleisch.“

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Die LWL-Messe-Banderole.Das Servicehaus Stemwede freut sich auf die Besucher der diesjährigen LWL-Messe: Es ist dort, wie auch viele andere Integrationsunternehmen, mit eigenem Stand vertreten. Wer möchte, kann die LWL-Messe hier bei Facebook vormerken (dafür müsst ihr eingeloggt sein).

 

[/lgc_column]Die Marktleiterin war von Anfang an dabei, sie hat den Supermarkt 2008 mit aufgebaut. „An unser Konzept mussten sich die Kunden anfangs noch gewöhnen“, sagt sie. Diese sollten zwar eigentlich so wenig wie möglich davon merken, dass sie in einem Integrationsbetrieb einkaufen. „Aber manchmal geht es eben an der Kasse doch etwas langsamer, wenn dort zum Beispiel ein Kollege mit Sehschwäche eingesetzt ist und viele Einkäufer da sind.“ Um solche Spitzen abzufangen, springt die Chefin auch mal selbst an der zweiten Kasse ein.

Wenn trotzdem einmal Kunden unzufrieden sind, spricht Olga Bartel sie direkt an und erklärt, warum es gerade länger dauert. Damit hat sie Erfolg. „Bisher ist es uns gelungen, jeden unserer Kunden zu halten. Es kommen sogar immer mehr. Auch nach fast neun Jahren steigern wir uns noch.“


© aller Fotos im Artikel: Thorsten Arendt/LWL



VIER FRAGEN AN… Volker Westermann

Wenn er nicht gerade mit seiner Frau Iris um die Welt reist, findet man Volker Westermann in der Küche. Als Moderator und Showkoch in der Sendung „dinner for everyone“  hat er unter anderem schon mit Alfred Biolek, Bernhard Hoëcker, Guildo Horn und Ole Plogstedt den Kochlöffel geschwungen und sich mit seinen Gästen dabei über spannende Themen unterhalten. Als „Inklusions-Lobbyist“, wie er sich selbst bezeichnet, setzt sich der 43-Jährige für eine inklusive Medienlandschaft ein und ist unter anderem aktives Mitglied im Verein Inclutainment Media

Wir wollten von Volker Westermann wissen: Was ist seiner Meinung nach für die Inklusion im Berufsleben wichtig?


#1: Herr Westermann, was bedeutet Inklusion im Beruf und bei der Arbeit für Sie?

Gerade im Arbeitsleben ist das eine sehr spannende Sache, weil hier neben Persönlichkeit ja auch Leistung gefragt ist. Damit diese erbracht werden kann, sollten sich alle gegenseitig aufeinander einstellen, also auf die unterschiedlichen Bedürfnisse, Kenntnisse und auch Einschränkungen des jeweiligen Gegenübers, um so im Arbeitsleben gemeinsam stark zu sein.

#2: Was bremst Ihrer Meinung nach die Inklusion – bei der Arbeit, aber auch in der Gesellschaft insgesamt?

Volker Westermann hält einen Basilikumstrauch vor sein Gesicht.

Volker Westermann kocht leidenschaftlich gern, am liebsten vor der Kamera mit spannenden Gästen. Foto: Volker Westermann

Häufig fehlt eine kollegiale Bereitschaft, füreinander da zu sein. Das ist auch unter Mitabeitern ohne Behinderung(en) so. Heutzutage liegt der Schlüssel zum Erfolg für viele nur noch im Alleingang. Das endet oft in Überlastungsgefühlen und Frust. Genau hier kann Inklusion ein Türöffner sein. Man kann sie als Chance begreifen, auch mal nach links und rechts zu schauen, bevor Arbeitsabläufe stur und in Eigenregie erledigt werden. Dabei würden viele entdecken, dass es dank der vielen unterschiedlichen Fähigkeiten von Menschen gemeinsam oftmals einfacher wird.

#3: Mit welchen kleinen oder größeren Handlungen könnten einzelne Menschen aus Ihrer Sicht selbst zur Inklusion beitragen?

Egoismus und Verbohrtheit sind für mich die größten „Inklusionskiller“. In unserer Gesellschaft ist es leider schwierig geworden, aufeinander zuzugehen, für Menschen mit ebenso wie für Menschen ohne Behinderung. Ich persönlich habe große Freude am Miteinander, sowohl im Job als auch im Privatleben. Das bevorzuge ich auch in meinem Beruf als Koch. Gerade dort erlebe ich oft, dass es in der Küche zusammen immer besser klappt und auch schmeckt. Dabei spielt nämlich weniger unser geschärfter Verstand eine Rolle als vielmehr ein herzlicher Umgang miteinander und die Freude daran, Dinge gemeinsam anzupacken.

#4: Wenn Sie Ihren Traum-Arbeitsplatz frei entwerfen könnten: Wie sähe der aus?

Die Grundlage für einen idealen Arbeitsplatz ist für mich die oder der Vorgesetzte. Sie oder er sollte es verstehen, auf die Stärken und Schwächen seiner Mitarbeiter einzugehen. Ein guter Chef versteht sich aus meiner Sicht selbst als Teil des Teams und geht auf die Bedürfnisse seiner Belegschaft ein. Durch Verständnis und den Kontakt auf Augenhöhe kann sich dann ein kollegiales Miteinander entwickeln und so kann sich jeder Einzelne entfalten.

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Grafik einer GlühbirneVolker Westermann ist übrigens nicht nur vor der Kamera an Töpfen und Pfannen zu sehen, sondern kocht auch regelmäßig live. Wann diese Koch-Events stattfinden, was er sonst noch so treibt und welche anderen Projekte gerade aktuell sind, erfahrt ihr auf seiner Website.

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Was sind eigentlich… Technische Beratungsdienste?

Technische Beratungsdienste fördern Menschen mit Behinderung im Beruf. Die Experten, die in ganz Deutschland bei solchen Diensten arbeiten, unterstützen zum Beispiel, wenn die Aufgabenverteilung in einem Betrieb wechselt. Sie helfen, Arbeitsplätze behinderungsgerecht umzugestalten und sie ermitteln, ob auf den Arbeitgeber ein finanzieller Mehraufwand zukommt. Sie beantworten auch organisatorische oder bürokratische Fragen und stehen bei Kündigungsverfahren sowohl der Arbeitnehmerin oder dem Arbeitnehmer als auch dem Unternehmen oder der Organisation mit Rat und Tat zur Seite.
Frank Schrapper ist der Leiter des Technischen Beratungsdienstes beim LWL-Inklusionsamt Arbeit und erklärt uns im Interview beispielhaft, wie der Technische Beratungsdienste in der Region Westfalen arbeitet.


Wer kann die Hilfen des Technischen Beratungsdienstes beantragen?

Entweder können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Behinderung selbst einen entsprechenden Antrag auf Hilfen stellen, oder sie bitten ihre Fallmanagerin oder ihren Fallmanager darum, sie dabei zu unterstützen. Auch die Verantwortlichen eines Unternehmens, einer Organisation oder einer Fachstelle in einem Kreis oder einer Stadt können die Hilfe beantragen, wenn sie einen ihrer Mitarbeiter mit Behinderung durch technische oder organisatorische Maßnahmen unterstützen wollen.

Wie werden die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und die Verantwortlichen des jeweiligen Unternehmens einbezogen – zum Beispiel dann, wenn ein Arbeitsplatz behinderungsbedingt umgebaut werden muss?

Frank Schrapper, der Leiter des Ingenieurfachdienstes des LWL-Integrationsamtes Westfalen.

Experte für barrierefreie Arbeitsplätze: Frank Schrapper, der Leiter des Technischen Beratungsdienstes beim LWL-Inklusionsamt Arbeit.

Es ist wichtig, dass alle an einem Strang ziehen. Deshalb tauschen wir uns von Anfang an regelmäßig mit allen Beteiligten aus. Wir hören genau zu und erarbeiten konkrete Vorschläge, wie die Arbeitsstätte oder der Arbeitsplatz auf die jeweilige Behinderung angepasst werden könnten. Der Technische Beratungsdienst unterstützt aber auch die jeweiligen Fallmanagerinnen und Fallmanager dabei, eine Fördersumme festzusetzen, wenn etwa ein neues Arbeitsgerät angeschafft werden soll oder bauliche Maßnahmen nötig sind. Dafür wird vorher die Situation vor Ort genau unter die Lupe genommen und mit allen Beteiligten darüber gesprochen.
Bei jeder dieser Beratungen gilt immer der Grundsatz: Menschen mit Behinderung sind Experten in eigener Sache. Sie wissen selbst meist am allerbesten, was nötig ist, damit sie gut arbeiten zu können. Zugleich muss sich jeder Mensch an seinem Arbeitsplatz mit der Hilfe wohlfühlen, die ihm dort angeboten wird. Die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter wird also von Anfang an eng von uns in den Prozess eingebunden. Das gleiche gilt auch für die führenden Personen eines Unternehmens oder einer Organisation, die die Verantwortung für ihre Teams tragen. Denn sie sind ja nicht weniger auf einen reibungslosen und erfolgreichen Verlauf angewiesen, zum Beispiel beim Umbau eines Arbeitsplatzes.

Für wen gilt welches Angebot?

Jeder Mensch ist anders. Es sind vor allen die ganz individuellen Voraussetzungen und Fähigkeiten, die stark bestimmen, wie es bei jemandem im Job läuft. Wir beziehen das von Anfang an mit ein, unterstützen und begleiten also jeden Menschen unterschiedlich. Es gibt daher auch kein pauschales Angebot. Eine Rollstuhlfahrerin in der Montage beispielsweise benötigt eine andere Umgestaltung und andere Hilfen als ein junger Mann am gleichen Arbeitsplatz, der Lernschwierigkeiten hat. Wir schauen uns die Situation immer genau an, fragen nach, hören zu – und entscheiden dann, was im Einzelfall richtig und sinnvoll ist. Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Hör- oder Sehbehinderungen gibt es übrigens noch einmal jeweils einen eigenen Fachdienst, der auf diese Behinderungen spezialisiert ist.

Der Arbeitsplatz ist umgebaut, die Arbeitsabläufe sind optimal angepasst. Wie geht es weiter?

Meistens besuchen unsere Fallmanager nach sechs Monaten noch einmal das Unternehmen oder den Betrieb, in dem sie zuvor einen Menschen mit Behinderung begleitet haben. Sie sprechen dort erneut mit den Beteiligten, um nachzuhorchen, wie wirksam und nachhaltig die Änderungen am Arbeitsplatz funktioniert haben. Wenn die gewünschte Verbesserung doch nicht eingetreten ist, können sie die Begleitung einfach wieder aufgreifen und gemeinsam an neuen Lösungen arbeiten.
Bei manchen Behinderungen kann es auch sein, dass sich der körperliche oder geistige Zustand eines Menschen nach und nach verschlechtert. Dann begleiten unsere Experten die jeweilige Person auch über die übliche Dauer einer Betreuung hinaus intensiv – und vor allem dann, wenn im Betrieb im Laufe der Zeit noch einmal etwas verändert wird. –

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Grafik einer GlühbirneSchon gewusst? Kontakt zum jeweils richtigen Technischen Beratungsdienst bekommt ihr über die Inklusionsämter, die in ganz Deutschland verteilt sind und für unterschiedliche Regionen zuständig sind. In der Region Westfalen ist das der Technische Beratungsdienst des LWL-Inklusionsamtes.

Die Hilfen des Technischen Beratungsdienstes werden übrigens ebenfalls aus der sogenannten Ausgleichsabgabe finanziert. Diese Abgabe müssen alle Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern zahlen, die nicht mindestens fünf Prozent der Stellen mit schwerbehinderten Menschen besetzen. Mit diesem Geld wiederum bezahlen zum Beispiel die Inklusionsämter bestimmte Programme und Maßnahmen, die Menschen mit schweren Behinderungen die Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen. Die Gelder aus der Ausgleichsabgabe werden also sozusagen „umverteilt“ und sinnvoll investiert.

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Die LWL-Messe-Banderole.Unser Interviewpartner Frank Schrapper kommt am 1. März mit einem Kollegen zur LWL-Messe in Münster und beantwortet in einem Workshop alle Fragen zum Thema „Barrierefreie Arbeitsplätze: Design for all“. Wer möchte, kann sich das Messe-Programm hier schon einmal ansehen oder sich die Veranstaltung bei Facebook vormerken (dafür müsst ihr bei Facebook eingeloggt sein).

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VIER FRAGEN AN… Laura Gehlhaar

#1: Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, damit die Inklusion im Beruf und bei der Arbeit besser wird?

Um ein nachhaltigeres inklusives Arbeitsleben für alle zu schaffen, müssen sich zuerst dringend die schulischen Strukturen ändern. Es muss gesetzlich und finanziell so funktionieren, dass behinderte Kinder wie alle anderen ein Recht auf Bildung haben Bildung, wie sie im regulären Schulsystem vermittelt wird. Erst dadurch werden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung später Berufsausbildungen machen oder ein Studium absolvieren können. Dann steigen die Chancen, überhaupt auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Es gilt also, für alle die gleichen Möglichkeiten und Zugänge zu Bildung und Arbeit zu schaffen.

#2: Was bremst Ihrer Meinung nach die Inklusion – bei der Arbeit, aber auch in der Gesellschaft insgesamt?

Die Politik benutzt meiner Meinung nach zu oft die Ausrede, dass für die Umsetzung der Inklusion zu wenig Geld da sei. Das ist mir etwas zu einfach. Wir leben in einem der wohlhabendsten Länder der Welt, da sollte es also keine finanziellen Ausreden dafür geben, dass verfassungmäßige Rechte der Menschen, die hier leben, nicht eingehalten werden. Aus meiner Sicht ist das alles mehr eine Frage des „Wollens“ auf der politischen Ebene  was sich gerade für mich, als Frau mit einer Behinderung, sehr erniedrigend anfühlt. Ich möchte mein Leben nicht vom guten Willen anderer abhängig machen und nicht auch noch große Dankbarkeit schulden müssen für etwas, was für Menschen ohne Behinderung seit Jahr und Tag eine Selbstverständlichkeit ist. Dabei geht es manchmal um ganz einfache Dinge: Wenn ich gerne Russisch lernen und dafür einen Sprachkurs machen möchte, aber vor dem Schulgebäude eine Stufe ist, die mir den Zugang zu diesem Kurs ohne Hilfe schlichtweg unmöglich macht, dann finde ich, dass mir als Rollstuhlfahrerin eine Rampe zusteht und zwar ohne, dass ich mir diese Barrierefreiheit erst langwierig rechtlich erkämpfen oder erbetteln muss.

Screenshot des Blogs von Frau Gelhaar
Auf ihrem Blog schreibt Laura Gelhaar unverblümt und ehrlich über ihr Leben als Frau mit Behinderung. Screenshot: Blog Laura Gelhaar (Stand: 2016) | Bearbeitung: LWL

#3: Wie könnten aus Ihrer Sicht andere Menschen im Alltag mit kleinen oder größeren Handlungen zur Inklusion beitragen?

Durch Hinsehen und indem sie sich selbst und den eigenen Standpunkt öfter mal reflektieren. Es ist nunmal leider so, dass ich aufgrund meiner Behinderung zu einer Minderheit gehöre, die im Alltag zugleich am allerhäufigsten diskriminiert wird. Ich fühle mich daher nicht nur systematisch von vielem ausgeschlossen, ich bin es auch, und zwar ganz faktisch: Aus Gebäuden, die nicht barrierefrei sind, oder aus dem Arbeitsleben, weil es dort zu wenige Einstiegsmöglichkeiten und tragende Strukturen für Menschen mit Behinderungen gibt. Ich bin aber niemand, der sich mit gesenktem Haupt umdreht und darüber jammert. Ich mache auf meine Art und sehr vehement auf solche Verhältnisse aufmerksam und konfrontiere andere damit, auch wenn das manchmal vor allem für die anderen weh tut. Es muss meiner Meinung nach aber unbedingt so sein, dass vor allem Nichtbehinderten bewusster wird, dass meine Behinderung nicht nur mir alleine gehört, das also nicht allein ,,mein Problem“ ist. Es geht jede und jeden etwas an, die oder der mich aus dem regulären Leben ausschließt, denn damit verursacht mein Umfeld diese Diskriminierung ganz direkt mit. Dann bin ich nicht behindert, sondern ich werde behindert.

#4: Wie sähe Ihr Traum-Arbeitsplatz aus, wenn sie ihn frei entwerfen dürften?

Ich würde auf jeden Fall erst um 11:00 Uhr anfangen zu arbeiten! (lacht) Nein, im Ernst: Ich bin selbstständig und habe damit sowieso schon die tolle Möglichkeit, mir meine eigenen Rahmenbedingungen zu setzen. Das ist für mich sehr gut. Ich teile mir meine Arbeitszeiten also selbst ein und bestimme auch über mein Pensum, so weit es geht. Und: Manchmal fange ich wirklich nicht vor 11:00 Uhr an. Das kann sich nicht jeder einfach so aussuchen. —

Alle, die gern mehr über Laura Gehlhaar erfahren möchten, möchten wir hiermit nochmals auf ihren Blog Frau Gehlhaar sowie auch auf ihr kürzlich erschienenes Buch „Kann man da noch was machen? Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin“ hinweisen. Das Taschenbuch ist im Heyne-Verlag erschienen, hat 256 Seiten und kostet 9,99 Euro.




Inklusion in Deiner Nähe

Diese Landkarte ist über und über gefüllt mit vielen Projekten rund um das Thema Inklusion. Sie verdeutlicht nicht nur, wie vielfältig unsere Gesellschaft und Hilfsprojekte bereits sind, sondern animiert auch gleich dazu, mitzumachen: In die digitale Inklusionslandkarte darf jeder inklusive Projekte eintragen  die eigenen oder auch Ideen für ein neues Projekt. Auch Fachleute zum Thema Inklusion können sich als Referenten aufführen lassen. Beides wurde bereits von vielen Teilnehmern fleißig umgesetzt. Inzwischen ist daraus eine bunte Sammlung aus Organisationen, Ideen und Maßnahmen entstanden. Hier geht es zur Karte:
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