„Jeder Olympia-Stützpunkt sollte zugleich auch paralympisch sein“

Frau Knoblauch, Sie und Ihr Team steckten gerade mitten im Training für die Para-Weltmeisterschaften in Tokio, als die Corona-Pandemie alles durcheinanderbrachte. Wie hat sich dadurch Ihr Alltag verändert?

Die größte Veränderung ist, dass ich viel weniger trainiere als vorher. Normalerweise mache ich pro Woche sechs Stunden Krafttraining, 13 Stunden Badminton auf dem Feld und drei Stunden Ausdauer-Training. Hinzu kommen noch Physiotherapie, Ernährungsberatung und Termine bei Sportpsychologen. Anfang März war das schlagartig vorbei. Zwei Tage vor dem Abflug zum letzten Qualifikationsturnier in Spanien kam die Absage – rückblickend war das gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf wurde Spanien zum Risikogebiet erklärt. Es ist also sehr gut, dass das Turnier verschoben wurde, auch wenn das für uns alle großes Chaos bedeutet. So ist es ja auch in vielen anderen Bereichen, die ich übrigens viel wichtiger finde als den Sport.

Das Training einfach abzubrechen, ist für Leistungssportlerinnen und -sportler mitten in der Qualifikation wahrscheinlich keine gute Idee. Wie halten Sie und Ihr Team sich zu Hause fit?

Wir wissen leider noch nicht, wann wir wieder in die Hallen und die Krafträume können, und versuchen deshalb, in der Zwischenzeit irgendwie anders am Ball zu bleiben. Wir trainieren mit dem Team täglich eine Stunde über Skype, also per Videokonferenz. Für das Cardio-Training sind wir jeweils alleine mehrmals pro Woche mit dem Handbike draußen unterwegs – aber das war es auch schon. Eigentlich reicht das nicht.

Bis wann gelten die Trainingsverbote in Deutschland?

Vorerst sind bis zum 31. Mai alle Trainingslehrgänge und Turniere ausgesetzt. Durch die Absage des letzten Turniers ist auch noch nicht klar, wer sich für die Paralympics qualifiziert hat. Normalerweise hätten wir das im April erfahren. Die Organisatoren können derzeit auch noch nicht sagen, ob die Qualifikation vorzeitig abgeschlossen ist, ob sie verlängert wird oder ob es eine ganz neue geben wird. Keiner weiß, wie es weitergeht.

Womit beschäftigen Sie sich in der Zwischenzeit? 

Soweit das unter den aktuellen Umständen möglich ist, wende ich mich jetzt wieder mehr meinem Psychologie-Studium zu, das durch das viele Training in letzter Zeit zu kurz gekommen ist. Allerdings geht das Semester ja auch erst Anfang April wieder los – und die Uni Köln hat, wie alle Hochschulen, derzeit noch Probleme damit, von heute auf morgen flächendeckende Video-Seminare anzubieten. Schauen wir mal, was die nächsten Wochen bringen werden.

Valeska Knoblauch beim Para-Badminton in einer Sporthalle.
Foto: Mark Phelan/Badminton Europe

Mal ganz abseits der Corona-Pandemie und ihren Folgen: Wie inkludiert fühlen Sie sich als Rollstuhlfahrerin in Ihrem Studium und in der Berufswelt?

Im Studium habe ich meine Behinderung noch nie als Barriere empfunden. Auch in den Praktika, die ich während des Studiums absolvieren musste, habe ich durchweg nur positive Erfahrungen gemacht. Vielleicht lag das aber auch daran, dass ich dort immer in Krankenhäusern gearbeitet habe. Wie es in Arztpraxen oder in Unternehmen mit der Inklusion aussieht, kann ich nicht beurteilen.

Im Sport können Sie das sicher sehr gut einschätzen. Wie steht es aus Ihrer Sicht dort um die Inklusion?

Dazu möchte ich ein schönes Beispiel aus dem letzten Jahr nennen. Im August 2019 wurden die Parabadminton- und die Badminton-WM erstmals gleichzeitig und in einem Gebäude-Komplex ausgetragen. Das war für uns Para-Sportlerinnen und -Sportler ganz neu, weil plötzlich eine größere Aufmerksamkeit für uns da war. Es waren viel mehr Zuschauer auf den Rängen – und dadurch kam so richtig Stimmung auf. Wir haben außerdem viel Anerkennung der nicht-behinderten Athleten erfahren und die deutschen Teams haben sich untereinander sehr unterstützt. Das war ein tolles Gefühl. Ich fände es deshalb super, wenn das ab sofort immer so wäre, also wenn sich das Konzept etablieren würde, die Wettkämpfe grundsätzlich gleichzeitig auszutragen.

Warum, glauben Sie, ist das im Moment noch nicht so?

An den sportlichen Leistungen, der Stimmung und dem Unterhaltungsfaktor kann es nicht liegen, das bieten beide Wettkämpfe. Ich weiß aber, dass Events in dieser Größe mit großen logistischen und organisatorischen Herausforderungen verbunden sind. Die Wettkampfstätten müssen ja auch die Bedürfnisse aller Teilnehmenden erfüllen. Diese hohen Anforderungen sprechen derzeit wahrscheinlich gegen eine regelmäßige gleichzeitige Austragung der Meisterschaften.
Wenn die mediale Aufmerksamkeit jeweils gleich groß wäre, fände ich es in Ordnung, wenn sie weiterhin nacheinander stattfinden – aber das ist eben oft nicht der Fall. Dabei trainieren und kämpfen wir Para-Athletinnen und -Athleten ja im Vorfeld mindestens genauso hart für die Teilnahme am Wettkampf wie die Olympioniken und hätten die Aufmerksamkeit ebenso verdient.

Wie beurteilen Sie die Inklusion im Sport insgesamt?

Das ist ein ziemlich weites Feld mit sehr vielen Disziplinen, dazu kann ich also kein allgemeingültiges Urteil abgeben. Ich glaube aber, dass das stark von den einzelnen Sportarten abhängt. Auch die Aufgeschlossenheit der Menschen spielt eine große Rolle – die der Sportlerinnen und Sportler mit und ohne Behinderung, aber auch derer, die rundherum mitwirken oder organisieren. Meine Erfahrung ist, dass sich immer etwas Neues, Gutes entwickelt, von dem alle profitieren können, wenn die Türen für Inklusion erst einmal geöffnet sind und dadurch auch die Berührungsängste abnehmen.

Können Sie Beispiele nennen?

Die schon genannte Para-Badminton-WM im August 2019 etwa, bei der man sehen konnte, dass das Interesse auf beiden „Seiten“ offenbar groß ist. Oder die Trainings mit unserem Bundestrainer an der Sporthochschule: Die „Fußgänger“, also die Studentinnen und Studenten ohne Gehbehinderung sehen mich dort häufig. Die finden das sehr spannend, weil meine s­­portliche Disziplin ganz auf den Rollstuhl ausgelegt ist. Ich mache auch anderes Krafttraining und das Para-Badminton selbst folgt etwas anderen Regeln. Es hat eine andere Dynamik.

Welche strukturellen Veränderungen wünschen Sie sich, damit sich noch mehr Menschen für die Paralympics begeistern?

Ich fände es zum Beispiel sehr gut, wenn jeder Olympia-Stützpunkt zugleich immer auch ein Paralympics-Stützpunkt wäre. Das wäre ein wichtiger erster Schritt, um einen regen Austausch zwischen den Trainingslagern zu etablieren, denn so könnten sich die Athletinnen und Athleten gemeinsam beziehungsweise nebeneinander auf die Wettkämpfe vorbereiten. Sie wären gleichwertig und würden untereinander mehr über die Sportart, das Training und die Erfolge des jeweils anderen Teams erfahren. Das könnte viel zur Inklusion beitragen – nicht nur im Sport.

Was wünschen Sie sich für Ihre berufliche Zukunft?

Als allererstes hoffe ich auf eine erfolgreiche Teilnahme bei den nächsten Paralympics – und in diesem Zusammenhang auf baldige Klarheit für uns alle, wann sie stattfinden werden. Danach möchte ich allmählich wieder in mein Studium zurück finden.
Auf lange Sicht würde ich sehr gern weiterhin den Sport und den Beruf miteinander verbinden. Ich weiß von anderen Sportlern, dass das häufig sehr schwierig ist. Einige andere haben den Sport zugunsten des Berufs sogar ganz aufgegeben. Das fände ziemlich frustrierend und hoffe sehr, dass mir das nicht passiert. Bei manchen funktioniert es aber auch gut, vor allem bei Athletinnen und Athleten aus anderen Nationen, die ich bei Wettkämpfen kennengelernt habe. Das macht mir Mut.





20 Millionen Euro Soforthilfe: Aktion Mensch unterstützt Helferinnen und Helfer in der Corona-Pandemie

Indirekt sollen mit dem Soforthilfe-Programm der Aktion Mensch zum Beispiel Menschen mit Behinderung während der Corona-Krise unterstützt werden, deren Pflege- und Assistenzkräfte aktuell ausfallen, aber auch sozial schlechter gestellte Menschen, die derzeit nicht mehr mit Lebensmitteln versorgt werden können.

Das Soforthilfe-Angebot richtet sich an Organisationen und Vereine, die in den Bereichen der Persönlichen Assistenz oder der Lebensmittelversorgung für sozial und wirtschaftlich Benachteiligte tätig sind – zum Beispiel Ambulante Dienste oder Tafeln. Einzige Voraussetzung für einen Antrag: Die jeweilige Organisation muss frei und gemeinnützig organisiert sein und ihren Sitz in Deutschland haben.

Details und die Antragsformulare zu den beiden Soforthilfe-Programmen findet ihr hier: aktion-mensch.de/corona




Corona-Risikogruppen schützen: Rücksicht, bitte!

Noch immer haben offenbar nicht alle Menschen in der Bevölkerung verstanden, worum es bei den aktuellen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus in erster Linie geht: diejenigen zu schützen, für die eine Infektion besonders gefährlich werden könnte. Menschen aus Risikogruppen also – und die müssen nicht unbedingt über 75 Jahre alt sein, auch wenn in der Presse von ihnen am häufigsten die Rede ist. Auch für eine ganze Reihe jüngerer Menschen, die Vorerkrankungen oder bestimmte Behinderungen haben, kann die Infektion mit dem Corona-Virus lebensgefährlich sein. Sie sind deshalb besonders auf die Solidarität der übrigen Bevölkerung angewiesen.
Drei dieser jungen Menschen erzählen in einem Artikel auf jetzt.de, wie sie die Corona-Krise gerade erleben – und appellieren an all diejenigen, die sich immer noch zu wenig Gedanken machen. Diesen Aufruf möchten wir nachdrücklich unterstützen. Unser Fundstück der Woche!




VERSCHOBEN: LWL-Messe der Inklusionsunternehmen

Die fünfte LWL-Messe der Inklusionsunternehmen sollte ursprünglich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden, muss nun aber wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ verschoben werden. Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




Mit Unterstützung zurück in den Beruf: Jobcoaching hautnah

Wenn ein Mensch eine schwere Behinderung hat oder im Laufe seiner Karriere erkrankt, können am Arbeitsplatz manchmal Schwierigkeiten entstehen. So genannte Jobcoaches helfen dabei, solche Probleme aufzulösen oder unterstützen Menschen nach längerer Krankheit beim Wiedereinstieg in den Job. Diese geschulten „Arbeitstrainer“ besuchen die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum am Arbeitsplatz, unterstützen sie oder ihn gemeinsam mit der Arbeitgeberin/dem Arbeitgeber oder helfen dabei, eine schwierige Situation wieder zu verbessern. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) bietet diese Form der Eins-zu-Eins-Betreuung schon seit rund 30 Jahren an.

Marie-Theres Hübner ist eine solche Arbeitstrainerin. Sie arbeitet als ausgebildete Ergotherapeutin in diesem Job und unterstützt seit Mai 2019 Menschen mit schweren Erkrankungen und Behinderungen an ihrem Arbeitsplatz – zum Beispiel auch den Krankenpfleger Marc Prosser. Der folgende Film erzählt die Geschichte des 46-Jährigen, der nach einer psychischen Erkrankung mit der Unterstützung der Jobcoachin wieder in seinen Beruf eingestiegen ist:

Ihr könnt euch den Film übrigens auch im Videoportal des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe herunterladen – mit Untertiteln oder ohne.




Inklusion auf dem Arbeitsmarkt: Private Unternehmen in der Pflicht

Obwohl es mit der Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt im Verhältnis zu den vergangenen Jahren aufwärts geht, gibt es offenbar vor allem in Nordrhein-Westfalen Nachholbedarf. Hier waren laut der Neuen Westfälischen (NW) zuletzt rund 13 Prozent aller Menschen mit Behinderung, die dem Bundesland leben, arbeitslos gemeldet. Die bundesweite Quote liegt bei 11,2 Prozent.

Der Sozialverband VdK sieht die Ursache dafür vor allem bei privaten Arbeitgebern, „die ihrer gesetzlichen Beschäftigungspflicht [von Menschen mit Behinderung (Anmerkung der Redaktion)] nicht oder nur unzureichend nachkommen”. Der Hintergrund: Bei öffentlichen Arbeitgebern in der Region hätten durchschnittlich 6,5 Prozent der Belegschaft eine Behinderung, während die privaten Unternehmerinnen und Unternehmer im Durchschnitt nur 4,4 Prozent erreichten.
Diesen Zustand und den Umgang der Wirtschaft generell mit dem Thema Beschäftigungsquote insgesamt kritisierte der SoVB kürzlich bei einer Anhörung im NRW-Landesparlament.

Die Zusammenhänge und Details dazu hat die Neue Westfälische in diesem Artikel zum Thema zusammengefasst und kritisch kommentiert. Unser Fundstück der Woche!




„Blind ist nur eine von vielen Eigenschaften“

Lydia Zoubek ist unentschlossen: U-Bahn oder S-Bahn? Sie überlegt einen Moment. Während sie so dasteht und abwägt, packt sie plötzlich jemand am Arm. Sie ist erschrocken: Wer ist das und was will diese Person von mir? Sie befreit sich aus dem Griff und sagt, dass sie das nicht möchte. Die alte Dame, die ihr „nur helfen“ wollte, wie sich später herausstellt, hatte es offenbar gut gemeint – doch sie konnte gar nicht wissen, ob die Lydia Zoubek überhaupt Hilfe wollte. Sie hatte auch nicht gefragt, ob es in Ordnung ist, wenn sie sie anfasst.

Die Szene stammt aus einem Artikel im Blog lydiaswelt.com, auf dem die blinde Autorin solche und andere Situationen beschreibt. Als Antwort auf eine Frage, die die Bloggerin von sehenden Menschen regelmäßig hört, hat sie schon im Jahr 2017 einen zeitlosen Beitrag geschrieben: „Wie kann man blinden Menschen helfen?“

Der Artikel ist keine Gebrauchsanweisung, sondern beschreibt Beispiele aus Lydia Zoubeks Alltag. Dazu formuliert die Bloggerin noch ein paar Ratschläge, an denen sich sehende Menschen im Zweifel orientieren können.

Am wichtigsten ist für Lydia Zoubek ein respektvoller Umgang miteinander. Denn wer Blinde als grundsätzlich hilfsbedürftige Menschen wahrnimmt, ist auf dem Holzweg.
Die Bloggerin wünscht sich, dass andere je nach Situation einfach Unterstützung anbieten und abwarten, ob sie diese Hilfe annehmen möchte oder nicht – zum Beispiel in unübersichtlichen Momenten im Straßenverkehr. Manchmal entsteht daraus ein nettes Gespräch, manchmal nicht. Das sehende Gegenüber darf sich also auch einfach wieder verabschieden. Ganz so, wie es mit fremden Menschen ohne Sehbehinderung auch ist, wenn eine Situation wieder vorbei ist.




Das Modellprojekt „CASCO – vom Case zum Coach“

Frau Vieweg, Sie setzen sich mit Ihrer Interessenvertretung für das selbstbestimmte Leben von Menschen mit Behinderung ein. Mit dem Projekt CASCO engagieren Sie sich im Bereich Weiterbildung. Warum ausgerechnet dort?

Weil es ein zentraler Grundsatz menschenrechtsorientierter Behindertenpolitik ist, dass Menschen mit Behinderung als Expertinnen und Experten in eigener Sache auftreten und an Beteiligungsprozessen teilnehmen können. Im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention (kurz: „UN-BRK“) müsste das längst Standard sein. Leider werden viele Weiterbildungen im Bereich der Behindertenarbeit, zum Beispiel Workshops in Unternehmen zum Thema Barrierefreiheit, nach wie vor nicht von Menschen mit Behinderung geleitet. Sie werden höchstens am Rande als Mitwirkende eingesetzt.
Zugleich haben wir die Situation, dass den Trägern von Weiterbildungsangeboten der Zugang zu entsprechenden Kräften fehlt. Sie finden also oft niemanden, selbst wenn sie explizit Referentinnen und Referenten mit Behinderungen für ihre Veranstaltungen suchen. Nicht zuletzt gibt es auch noch eine weitere Leerstelle: Bislang gibt es kein Angebot für angehende Expertinnen und Experten mit Behinderung, sich qualifiziert und auf Grundlage der UN-BRK zu fachlich kompetenten Referentinnen und Referenten weiterbilden zu lassen. Das müsste aber dringend gegeben sein, damit die Belange von Menschen in der Politik auch tatsächlich berücksichtigt werden können – und genau hier setzen wir mit CASCO an.

Was ist das Ziel des Modellprojekts – und was haben Sie schon erreicht?

Wir haben im Rahmen von CASCO ein Curriculum, also einen Ausbildungsplan für die gezielte Qualifizierung von Menschen mit Behinderungen erarbeitet. Damit können diese sich zu Referentinnen und Referenten für eine menschenrechtsbasierte Behindertenpolitik ausbilden lassen. Innerhalb des Projekts haben wir auf dieser Grundlage auch schon mehrere Menschen ausgebildet, das Curriculum also schon praktisch erprobt. Außerdem haben wir einen Pool aus Expertinnen und Experten in eigener Sache aufgebaut.

An wen genau richtet sich CASCO, wer kann sich innerhalb des Projekts also zum Coach ausbilden lassen?

Zum einen wollen wir Menschen mit Schwerbehinderungen mit unserem Angebot ansprechen, die sich bisher schon ehrenamtlich engagiert haben. Für sie kann es eine interessante Option sein, sich als Referentin oder Referent zu qualifizieren, denn damit steigen anschließend die Chancen auf eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung – oder die Weiterbildung ebnet den Weg in die Selbstständigkeit. Darüber hinaus liegt unser Fokus auch auf Menschen mit Schwerbehinderungen, die bereits als Fachkräfte arbeiten und sich zusätzlich weiterbilden wollen. Und wir wollen nicht zuletzt auch diejenigen ansprechen, die schon als Referentinnen oder Referenten arbeiten oder gearbeitet haben, ihr Wissen vertiefen und damit ihre Beschäftigung nachhaltig sichern wollen.

Wie werden CASCO-Referentinnen und -referenten bei Ihnen ausgebildet?

Im Projekt, das im letzten Jahr seiner Laufzeit ist, haben wir je 16 Menschen in zwei Durchgängen mit zwei Präsenzseminaren ausgebildet. Zwischen den beiden Seminaren mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeweils einen Selbstlernanteil belegen. Anschließend wurden sie in der praktischen Phase der Ausbildung erstmals als Referentin oder Referent eingesetzt.

Was ist an Ihrer Qualifizierung anders als an anderen Ausbildungsgängen?

Wir legen ein menschenrechtliches Verständnis von Behinderung zugrunde, das allein ist sicherlich anders als in anderen Programmen. Außerdem legen wir großen Wert darauf, barrierefreie Methoden und Materialien anzubieten. Die Art, wie Vorträge oder Workshops präsentiert werden, ist bei uns ebenfalls an die Belange von Menschen mit Behinderung angepasst. Und der Anteil der Ausbildung, bei dem die Teilnehmenden sich selbst Wissen erarbeiten mussten, behandelt rechtliche Themen, umfasst den Begriff der Selbstbestimmung samt dessen Geschichte und geht auf die vielfältigen Lebenswelten von Menschen mit Behinderung ein. All das gibt es in anderen Lehrgängen so nicht.

Wenn die Referentinnen und Referenten ihre Ausbildung abgeschlossen haben, können sie als Fachleute arbeiten. Wer bucht sie und wie werden sie dafür bezahlt?

Beauftragt werden sie zum Beispiel von Bildungsträgern, Behinderten- und Wohlfahrtsverbänden, Organisationen oder Parteien. Von diesen Auftraggebern bekommen sie für ihre Tätigkeit ein Honorar. Im Modellprojekt haben wir als Grundlage dafür eine Honorartabelle entwickelt, damit die Bezahlung fair, angemessen und transparent ist und bleibt.

Wie sieht der Alltag der Referentinnen und Referenten aus?

In der Regel haben sie schon einen anderen Beruf und arbeiten zusätzlich als Referentin oder Referent. Dabei haben sie ganz unterschiedliche Schwerpunktthemen, was toll ist. Ein Beispiel: Eine Organisation sucht eine Referentin, weil sie ihre Beschäftigten in einem Workshop zum Thema Barrierefreiheit qualifizieren lassen möchte. CASCO sucht eine passende Referentin aus ihrem Pool und stellt den Kontakt her – oder die Organisation hat darüber bereits selbst eine passende Expertin oder einen Experten bei uns gefunden und kontaktiert sie oder ihn direkt.

Welche Rückmeldungen haben Sie bisher zu den Workshops erhalten, die von den CASCO-Referentinnen und -Referenten geleitet wurden?

Aus den praktischen Einsätzen haben wir schon viel sehr positives Feedback bekommen. Viele Bildungsanbieter schätzen vor allem das authentische Auftreten der Referentinnen und Referenten. Wenn zum Beispiel über das Teilhaberecht diskutiert wird, hat es ein anderes Gewicht, wenn jemand als Expertin oder Experte in eigener Sache darüber spricht, also glaubhaft die Sicht eines Menschen mit Behinderung in der Runde vertritt. Damit wird zugleich ein wichtiges Ziel in der gesellschaftlichen Kommunikation zum Thema erreicht: Es wird nicht, wie so oft, nur über Menschen mit Behinderung gesprochen, sondern mit ihnen – und sie kommen auch selbst zu Wort. Dadurch findet ein echter Perspektivenwechsel statt.

Wie wird CASCO finanziert?

Aus Mitteln des Bundesausgleichsfonds. Dieses Budget läuft Ende 2020 aus. Das Curriculum für die Ausbildung und der Referentinnen- und Referentenpool, den wir nach und nach weiter ausbauen, werden aber auch danach weiter zur Verfügung stehen. So können sich Menschen mit Behinderungen auch über unser Projekt hinaus zu Referentinnen und Referenten qualifizieren lassen – dann gerne auch von anderen Anbietern.






Den Traumjob gefunden

Frau Jordan, das PROMI-Projekt unterstützt Menschen wie Sie, die mit einer Schwerbehinderung leben, bei der Promotion. Wie sind Sie auf die Initiative aufmerksam geworden?

Ich habe einen Aushang im Flur des Instituts gesehen und eine Professorin darauf angesprochen. Für mich passten Zeitpunkt und Aufgabenbereich optimal zusammen. Es war schon immer ein Traum von mir, selbst an der Uni zu unterrichten und zu forschen.

Hätten Sie auch ohne PROMI promoviert?

Höchstwahrscheinlich nicht. Ich habe durch einen Zeckenbiss eine Borreliose bekommen, das hat damals zu einer inkompletten Querschnittlähmung geführt. Seither lebe ich mit Rollstuhl. Bis zum damaligen Zeitpunkt hatte ich im Uni-Umfeld noch nie eine Dozentin oder einen Dozenten mit einer Behinderung gesehen. Deshalb hätte mir das selbst auch erst einmal nicht zugetraut.

Warum haben Sie gezweifelt, dass Sie mit einer Behinderung eine Karriere als Forscherin einschlagen können?

Weil in den Köpfen vieler Menschen immer noch sehr viele Vorurteile vorhanden sind. Es geht nicht einfach an einem vorüber, wenn man plötzlich selbst in diese „Schublade“ fällt – und dadurch zweifelt man schneller. Heute kenne ich mehrere „rollende“ Professorinnen und Professoren, die sind für mich wichtige Vorbilder. Die Qualität, die sie in der Forschung und der Lehre bringen, ist durch ihre (Geh-)Behinderung nicht eingeschränkt. Wieso sollte das auch so sein? Es macht keinen Unterschied, ob lehrende oder forschende Menschen eine Seh- oder Hörbehinderung, eine chronische Erkrankung oder eben eine andere körperliche Behinderung haben. Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen und die Antidiskriminierungsgesetze in Deutschland haben in den letzten Jahren auch dazu geführt, dass Universitäten in der Regel gut mit dem Rollstuhl befahrbar sind. Dadurch hat sich für Menschen wie mich, die rollend unterwegs sind, vieles verbessert und vereinfacht.

Wie kam es dazu, dass Sie sich für das PROMI-Projekt beworben haben?

Als ich vor zehn Jahren plötzlich auf einen Rollstuhl angewiesen war, hat sich mein Leben um 180 Grad gedreht. Ich hatte damals gerade mein Diplom-Studium in Sozialarbeit und -pädagogik erfolgreich abgeschlossen. Wenige Monate später bekam ich einen neuen Borreliose-Schub. Danach spürte ich meine Beine nicht mehr. Fast alle Stellenanzeigen für Berufsanfänger setzten damals aber „Mobilität“ voraus, viele waren im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe ausgeschrieben. Eine Sozialarbeiterin, die nicht stehen oder umherlaufen kann – das schien kaum denkbar. So bin ich mit ausgezeichnetem Diplom erst einmal in Hartz IV gelandet.

Ich musste damals also gleich mit mehreren Herausforderungen zurechtkommen. Während der Zeit, in der ich vieles neu lernen und an meine Behinderung anpassen musste, habe ich ein Masterstudium angefangen und „Soziale Arbeit und Lebenslauf“ studiert. Ich habe damals nebenher in der wissenschaftlichen Begleitforschung gearbeitet und bin dort auf eine pädagogische Methode gestoßen, die mich sofort begeistert hat: Das Peer Counseling. Der Ansatz dieses Konzeptes ist die professionelle Beratung von und für Menschen mit Behinderung. Ich habe mich daher studienbegleitend zur Peer-Beraterin ausbilden lassen. Anschließend eröffnete mir das PROMI-Projekt die ganz neue Möglichkeit, direkt eine Promotion anzuschließen und damit eine akademische Karriere einzuschlagen. Das hätte ich ohne dieses Förderprogramm wahrscheinlich nicht gemacht.

Wie sieht Ihr Alltag als Promovierende und wissenschaftliche Mitarbeiterin aus?

Der ist oft relativ unspektakulär: Ich unterrichte, korrigiere und bewerte Hausarbeiten, schreibe Gutachten zu Bachelor- und Masterarbeiten oder gestalte auch mal spontan eine Seminareinheit, wenn sich Studierende kurz vorher krankgemeldet haben, die eigentlich ein Referat halten sollten. Höhepunkte sind es, wenn ich Studentinnen oder Studenten bei der Themenfindung und dem Schreiben ihrer Abschlussarbeiten begleiten oder wenn ich in meinen Veranstaltungen auf aktuelle sozialpolitische Entwicklungen wie die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes Bezug nehmen kann. Manchmal lade ich auch Menschen aus der Praxis der Sozialen Arbeit in meine Seminare ein. Dann entsteht oft ein lebendiger Austausch zwischen den Studierenden und den „Professionellen“ – das sind begeisternde Momente.

Welche Vorteile hat PROMI Ihnen gebracht?

Sehr viele. Zuallererst arbeite ich jetzt auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt in meinem Traumjob und verdiene Geld. Ich forsche zu einem Thema, bei dem es noch viel zu entdecken gibt und bei dem ich sämtliche Perspektiven selbst sehr gut kenne: als Ratsuchende, als Beraterin, als Mensch mit und ohne Behinderung. Außerdem habe ich auf Fachtagungen und Konferenzen andere Akademikerinnen und Akademiker mit Behinderung kennengelernt.
Auch dadurch habe ich gelernt, meine Behinderung als einen Teilaspekt meines Lebens zu sehen und nicht mehr als Hauptthema. Ich nehme zugleich nichts mehr als selbstverständlich hin. Was auch ein großer Vorteil ist: Die PROMI-Organisatorinnen und -Organisatoren bieten regelmäßig Netzwerktreffen an, bei denen sich alle Doktorandinnen und Doktoranden des Programms kennenlernen und ihre Forschungsprojekte vorstellen können. Auch hier habe ich vom informellen Austausch mit anderen Leuten in ähnlichen Situationen profitiert. Es entstanden sogar Freundschaften und Kooperationen für andere Projekte.

Gibt es auch negative Seiten?

Wie in allen Jobs, ja. Belastend ist zum Beispiel, dass die Arbeitsverhältnisse für die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befristet sind. Außerdem arbeite ich in meinem Job sehr viel – mitunter deutlich über den vertraglich bestimmten und bezahlten Stundenumfang hinaus, weil ich neben der Begleitung der Studierenden bei ihren Arbeiten und Prüfungen auch viele Verwaltungsaufgaben übernehmen muss. Trotzdem arbeite ich sehr gerne in der Lehre. Ich reise auch gern zu Tagungen und Kongressen und tausche mich mit Kolleginnen und Kollegen aus. Andersherum schätze ich auch sehr die ruhigen Momente, wenn ich zwischen Büchern an meinem Schreibtisch sitzen kann.

Was möchten Sie nach der Promotion machen?

Ich möchte gerne in der Forschung und der Wissenschaft bleiben. Ich arbeite seit zwei Jahren nebenher in der Fort- und Weiterbildung für (Peer-)Beraterinnen und -Berater. Wir diskutieren dort unter anderem, wie Seminareinheiten so gestaltet werden können, dass die Teilnehmenden neue Impulse und Denkweisen für sich mitnehmen können. Die Studierenden lernen zum Beispiel, dass es nicht „die Behinderten“ gibt und dass die Arbeit mit Menschen immer sehr vielfältig und komplex ist. Wir untersuchen außerdem gemeinsam, welche Faktoren offen oder versteckt bestimmte Denkmuster auslösen oder verstärken – und überlegen, wie wir das verändern können.






Inklusion im Alltag: Mehr Ruhe beim Einkaufen

Licht runter, Musik aus: So einfach kann Inklusion manchmal sein. Die größte Supermarkt-Kette Neuseelands ist diesen Schritt jetzt gegangen und hat damit auf ein Aufklärungsvideo einer britischen Vereinigung für Menschen mit Autismus reagiert, das demonstriert, wie reizüberflutend grelle Beleuchtung und ständige Beschallung für Autistinnen und Autisten im Alltag sein können.

Zehn neuseeländische „Countdown“-Märkte testen deshalb seit einem Jahr die „Quiet Hour“. Sie reduzieren für 60 Minuten pro Woche das Licht und schalten die Musik ab, die sonst aus den Lautsprechern dringt. Damit hat das Unternehmen offenbar einen Nerv getroffen und weitet das Testprojekt jetzt auf alle 180 Filialen aus.

In diesem Artikel berichtet die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung über das Testprojekt – und erklärt auch, warum es in deutschen Supermärkten bisher noch keine „Stille Stunde“ gibt. Unser Fundstück der Woche!