Mit barrierefreien Apps die Selbsthilfe weiterentwickeln

Frau Lüdeking, wie sind Sie auf die Idee für das Projekt gekommen?

Vielen Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen gibt es großen Rückhalt, wenn sie sich mit anderen zusammenschließen und austauschen können, um sich so gegenseitig zu helfen. Damit diese Selbsthilfe auch künftig gut funktioniert, sind neben persönlichen Treffen auch digitale Möglichkeiten wichtig. Gerade während der Corona-Pandemie wurde ja sehr deutlich, wie dringend sichere, barrierefreie digitale Kommunikation gebraucht wird. Wir lassen deshalb nun Apps entwickeln, die von der Aktion Mensch Stiftung gefördert werden..

Warum haben Sie das Format der digitalen App gewählt?

Apps gehören heute für die allermeisten Menschen zum Alltag. Mit ihnen lassen sich Informationen austauschen und unkompliziert Kontakte aufnehmen. Wenn sie außerdem barrierefrei gestaltet sind, profitieren auch Menschen mit Behinderungen davon. Unser Ziel ist es, digitale Hürden abzubauen und gleichzeitig die Selbsthilfe digital weiterzuentwickeln. Apps können dabei helfen, weil sie nicht nur Informationen bündeln können, sondern auch zur Beteiligung einladen – etwa durch Push-Nachrichten oder andere Möglichkeiten der Vernetzung. Akteur:innen der Selbsthilfe bekommen damit ein modernes Werkzeug zur Kommunikation und für die Öffentlichkeitsarbeit an die Hand, das sie selbst aktiv mitgestalten können.

Welche Funktionen müssen Apps bieten, um den Alltag für die Aktiven in der Selbsthilfe zu erleichtern?

Die Nutzerinnen und Nutzer können sich zum Beispiel direkt über Angebote ihrer Selbsthilfeorganisation informieren und bekommen aktuelle Infos, Tipps oder Veranstaltungshinweise direkt aufs Handy. Veranstaltungen lassen sich über die App einfach buchen. Außerdem bieten viele Apps einen Chat oder andere Wege der Kontaktaufnahme. Selbsthilfegruppen können sich darüber außerdem intern organisieren oder beispielsweise Räume reservieren. So entsteht eine zeitgemäße Form der Selbsthilfe, die ortsunabhängig funktioniert. Eine Übersicht über die bisher entwickelten Apps und deren Funktionen gibt es übrigens auf unserer Projekt-Website.

Ihr Projekt hat zwei Schwerpunkte. Welche sind das?

Mit der ersten Säule verbessern wir die technische Grundlage der Apps, also die Plattform unseres Technologiepartners vmapit. Menschen mit Behinderungen testen die bereits vorhandenen Apps in dieser Säule intensiv durch und helfen so dabei, Barrieren aufzuspüren. In der ersten Säule sind der Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V. (bvkm), der Deutsche Schwerhörigenbund e.V. (DSB) und der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e. V. (DVBS) als Modellorganisationen mit dabei. Sie entwickeln mit uns je eine App, die laufend verbessert wird. Die Erkenntnisse daraus fließen dann in weitere Entwicklungen der zweiten Säule ein.
In der zweiten Säule unseres Projekts geht es darum, bis zu 100 weitere Organisationen anzusprechen, die ebenfalls eine eigene App bekommen sollen – angepasst an ihre Inhalte und ihr Design. Wir beraten und schulen sie bei der Konzeption und unterstützen bei der Umsetzung.

Wie wurden die Organisationen ausgewählt, die mitmachen dürfen – und wie helfen Sie diesen?

Teilnehmen dürfen alle Mitgliedsorganisationen des Paritätischen, die sich im Bereich der Selbsthilfe engagieren. Sie können sich jederzeit bei Interesse bei uns melden. Wichtig ist, dass sie offen für digitale Themen sind und eine Person im Team haben, die die App inhaltlich pflegen kann – egal, ob haupt- oder ehrenamtlich. Technisches Vorwissen ist dafür übrigens nicht nötig. Wir begleiten die Organisationen bei ihren Fragen. Die Entwicklungskosten werden aus der Projektförderung gedeckt, die Organisationen müssen die monatlichen Betriebskosten tragen – etwa für IT-Support und Updates. Diese liegen zwischen 80 und 140 Euro netto. Dafür können sie aber Fördermittel bei den Krankenkassen beantragen.

Wie stellen Sie sicher, dass die Apps barrierefrei sind, die im Rahmen des Projekts entwickelt werden?

Wir orientieren uns an gesetzlichen Standards wie der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) und der europäischen Norm EN 301 549. Die Apps werden automatisch und manuell getestet, unter anderem mit Screenreadern. Außerdem testen Menschen mit Behinderungen die Apps auf Barrieren und Nutzerfreundlichkeit. Und: Es ist ein externer BITV-Test für die Apps geplant. Damit auch die Nutzer:innen die App hinterher gut nutzen und eventuelle Hindernisse an uns zurückmelden können, enthält jede App eine Möglichkeit, Barrieren direkt zu melden.

Was sind typische Herausforderungen in der Entwicklung solcher Apps – und wie lösen Sie diese?

Die Bedürfnisse der Nutzer:innen sind sehr unterschiedlich. Beim bvkm war es zum Beispiel sinnvoll, Inhalte in Leichter Sprache anzubieten – das macht die App für viele verständlicher. Für andere wiederum wirkt sie dadurch weniger ansprechend. Dennoch halten wir hier am ersten Ansatz fest, weil er mehr Menschen einbezieht. Auch technisch gibt es viele Anforderungen zu beachten: Datenschutz, Mehrsprachigkeit, ein auf mobile Geräte ausgelegtes Design oder die Einhaltung von Barrierefreiheitsrichtlinien. Barrierefreiheit bedeutet zum Beispiel auch, dass Screenreader Formulare richtig erfassen können oder Inhalte kontrastreich und anpassbar sein müssen. Gleichzeitig müssen die Apps auf allen Geräten zuverlässig laufen. Unser Technologiepartner verbessert die Apps daraufhin fortlaufend. So soll ein barrierefreier App-Baukasten entstehen.

Wie stellen Sie den Datenschutz sicher – vor allem bei Gesundheitsdaten?

Die Organisationen sind selbst die Herausgeber ihrer Apps und entscheiden daher auch, welche Daten wie verarbeitet werden. Vmapit als technischer Partner stellt nur die Infrastruktur zur Verfügung, diese wird DSGVO-konform in Deutschland betrieben. Dabei werden nur die nötigsten personenbezogenen Daten verarbeitet. Weil es sich nicht um medizinische Apps handelt, werden außerdem in der Regel keine sensiblen Gesundheitsdaten verarbeitet. Die Kommunikation zwischen App und Server ist zudem verschlüsselt.

Wie kommen die Apps in der Zielgruppe an?

Die Nutzer:innen schätzen besonders die einfache Vernetzung mit anderen und den schnellen Zugang zu Informationen. Durch die Tests in der ersten Projektsäule bekommen wir außerdem viele hilfreiche Hinweise zur Verbesserung mitgeteilt – etwa zur Bedienbarkeit für Menschen mit motorischen oder visuellen Einschränkungen. Für die App des Deutschen Schwerhörigenbunds e. V. (DSB) wurde sogar ein sehr guter Wert bei der Benutzerfreundlichkeit erzielt.

Und wie geht es weiter?

Wir verbreiten das Projekt über Veranstaltungen, im Newsletter, auf der Website und über Social Media. Aktuell planen wir eine Veranstaltung, mit der wir die Apps stärker in die Öffentlichkeitsarbeit der Organisationen einbinden möchten – damit werden die neuen Anwendungen sichtbarer und deren Pflege wird langfristig sichergestellt.




Film-Tipp: Von der Lkw-Waschkraft zum Vollzeitkünstler

Elias von Martial hat schon immer gerne gezeichnet. Seine Werke zeigen fantastische Kreaturen und imaginäre Welten, die gesellschaftlich relevante Themen wie den Klimawandel und Machtverhältnisse beschreiben. Sein Berufswunsch: Er möchte als Animator in der Filmbranche arbeiten.
Bis zum Jahr 2020 konnte der 28-Jährige, der seit seiner Geburt mit einer Halbseitenlähmung lebt, seine Leidenschaft nur nebenbei ausleben. Er musste sein Geld damit verdienen, dass er in einem Logistikunternehmen die Lkw wusch. Seit er im kaethe:k kunsthaus in Pulheim bei Köln einen Atelierplatz hat, kann er sich nun fünf Tage die Woche auf seine Kunst konzentrieren. Das Kunstprojekt kaethe:k wird von der Gold-Kraemer-Stiftung gefördert, die damit künstlerisch talentierte Menschen mit einer Behinderung in den Bereichen Malerei, Plastik, Grafik, Neue- und Interdisziplinäre Medien unterstützt.

Hier geht es zum 16-minütigen ZDF-Film „Elias von Martial – Ich bin ein Künstler“ von Heike Ebling, der den jungen Mann in seinem Alltag, beim Zeichnen, bei Ausstellungen und Workshops begleitet.




Selbstlernkurse zu digitaler Barrierefreiheit: Warum das Thema spätestens jetzt wichtig ist (nicht nur für Designer:innen)

Je nach Rolle, Vorwissen und Arbeitsbereich sind in der digitalen Barrierefreiheit unterschiedliche Inhalte wichtig:

  • Für Designer:innen, die direkt mit digitalen Benutzeroberflächen und visuellen Systemen arbeiten, geht es vor allem um eins: die Prinzipien und Regeln der barrierefreien Gestaltung kennenzulernen und sicher anwenden zu können.

  • Wer in Redaktionen, Kommunikation oder Verwaltung arbeitet, sollte lernen, verständliche Texte zu schreiben, barrierefreie Word- oder PDF-Dokumente zu erstellen und die Regeln der Einfachen Sprache anzuwenden.

  • Für fachübergreifende Teams, etwa in der IT, im Projektmanagement oder in Organisationen, hilft es oft, erst einmal einen Überblick über digitale Barrieren zu bekommen und zu erfahren, wie beispielsweise Websites überhaupt auf Barrierefreiheit überprüft werden können.

Wir haben dazu drei passende Selbstlernkurse herausgesucht:

🧠 Gehirngerecht Digital – Onlinekurs für Designer:innen

Dieser fundierte Selbstlernkurs richtet sich speziell an Produkt-, Marken- und UX-/UI-Designer:innen ohne weitere Vorkenntnisse. Er vermittelt in über 30 Lektionen die wichtigsten Anforderungen an barrierefreie Gestaltung auf Grundlage der WCAG- Standards (= Web Content Accessibility Guidelines, auf Deutsch: Richtlinien für barrierefreie Webinhalte). Der Kurs vermittelt zum Beispiel, welche unterstützenden Technologien Menschen mit Behinderung überhaupt nutzen – und was deshalb bei der Gestaltung von Websites und Apps generell beachtet werden muss. Dabei geht es etwa um den Aufbau einer Seite oder App, um Kontraste und Farben, Schrift und Typographie und vieles andere mehr. Der Workshop hilft außerdem dabei, die eigenen Design-Entscheidungen richtig zu dokumentieren und an Entwickler zu kommunizieren.

Im Kurs enthalten sind neben den Lektionen ein digitales Arbeitsbuch und – nach erfolgreichem Abschluss – ein Zertifikat.
Netter Bonus: Das Zertifikat kann auf LinkedIn mit dem persönlichen Profil verknüpft werden.

Kosten: 290 € (inklusive Mehrwertsteuer)


🧩 Aktion Mensch – Kostenlose E-Learning-Kurse zu verschiedenen Aspekten der Barrierefreiheit

Die Aktion Mensch bietet mehrere kostenfreie, digitale Kurse zu verschiedenen Aspekten der Barrierefreiheit – zwei davon besonders geeignet für Redaktionen, Verwaltungen, NGOs oder Kommunikationsabteilungen:

  • Selbstlernkurs „Einfache Sprache“: Wie komplexe Inhalte verständlich und inklusiv formuliert werden (Umfang: ca. 10 Stunden; → diesen Kurs hatten wir in unserem Blog hier schon einmal genauer vorgestellt)

  • Selbstlernkurs „Barrierefreie Word- und PDF-Dokumente erstellen“ (Umfang: ca. 8 Stunden)

Der Einstieg ist jederzeit möglich. Für beide Kurse ist kein Vorwissen nötig. Sie sind kostenlos, eine einmalige Registrierung ist jedoch erforderlich.


👩‍🏫 eGov-Campus – Gratis-Onlinekurs „Digitale Barrierefreiheit – Teilhabe für alle“

Der eGov-Campus ist eine Bildungsplattform, die vom deutschen IT-Planungsrat betrieben wird. Der Selbstlernkurs ist also staatlich gefördert und deshalb kostenfrei. Er richtet sich an alle Berufsgruppen – von Verwaltung über IT bis hin zu Kommunikation. Der Kurs ist ideal für Einsteiger:innen und Projektteams, die sich einen fundierten Überblick über das Thema verschaffen möchten.

Der Workshop kann im eigenen Tempo absolviert werden. Vom Anbieter wird der Umfang auf etwa 14 Wochen geschätzt – bei einem wöchentlichen Zeitaufwand von 6–9 Stunden pro Modul. Die tatsächliche Bearbeitungsdauer hängt aber stark vom individuellen Vorwissen und der eigenen Geschwindigkeit ab, eine Verkürzung ist also möglich.

Beispiele aus dem Kurs:

  • Warum digitale Barrierefreiheit nötig und wichtig ist
  • Die Rechtslage in Deutschland
  • Checklisten für barrierefreie Webseiten
  • Testmethoden zur Überprüfung der Zugänglichkeit von Websites

Auch für diesen Kurs ist kein Vorwissen nötig. Er ist kostenlos, eine einmalige Registrierung ist aber erforderlich.




„Gespräche über Inklusion“: Wie kann Theater für alle zugänglicher werden?

Seit der Spielzeit 2022/23 ist Ann-Kathrin Hickert als Inklusionsagentin am Theater Münster dafür verantwortlich, die Veranstaltungen des Hauses für alle zugänglicher zu gestalten – also gleichermaßen vor, auf und hinter der Bühne. Dazu führte sie zu Beginn viele Gespräche mit Menschen aus der Stadt, aber auch mit den Künstler:innen und Mitarbeiter:innen am Theater, um herauszufinden, was es schon gibt und was von verschiedenen Seiten noch benötigt wird.

Langfristig will sie so Strukturen schaffen, die einen gleichberechtigten Zugang für alle ermöglichen, und hat deshalb auch nicht nur Menschen mit Behinderungen im Blick. Sie möchte mit ihrer Arbeit nämlich dazu beitragen, dass sich die Kultur stärker für verschiedene Bedürfnisse öffnet und insgesamt zugänglicher wird.

Am Theater Münster entstand aus diesen Bestrebungen unter anderem das inklusive Format „Theater entspannt“, das einmal im Monat abwechselnd in allen fünf Sparten des Theaters angeboten wird.
Das Format lehnt sich an den internationalen Standard der „Relaxed Performances“ an (wörtlich übersetzt: „entspannte Aufführungen“). Dieses Konzept wurde ursprünglich von Menschen im autistischen Spektrum entwickelt, hat aber große Vorteile für alle, die sich aus unterschiedlichen Gründen einen flexibleren Theaterbesuch wünschen. Der Name ist also Programm: Mit dem Format wird es für Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen deutlich angenehmer, ins Theater zu gehen – und für manche sogar überhaupt erst möglich. Denn für alles rund um den Besuch gelten kaum oder nur sehr lockere Regeln. Das reicht von der Kleidung über den zeitlichen Rahmen der Aufführung bis hin zur Atmosphäre im Saal.

Ann-Kathrin Hickert hat uns das neue Format „Theater entspannt“ vor der Kamera genauer erklärt – und auch, was sie sich für die Zukunft wünscht:

TIPP: Untertitel können ganz rechts in der Menüleiste ein- und ausgeschaltet werden.



Film-Tipp: Der einzigartige Blickwinkel von Käthe deKoe

Itje Kleinert lebt mit Achondroplasie, einer genetisch bedingten Wachstumsstörung, die zu Kleinwuchs führt. Unter dem Künstlerinnennamen Käthe deKoe hat sich die 1,23 Meter große Autodidaktin zur professionellen Konzertfotografin entwickelt. Ihren Blickwinkel, also von weiter unten, finden viele spannend und interessant. Sie selbst sagt, das sei nun einmal ihre Perspektive. Aus dieser hat sie zum Beispiel den Rapper Wiz Khalifa und Bands wie Bilderbuch, The Notwist oder Red Hot Chili Peppers abgelichtet. Gleichzeitig engagiert sich Käthe deKoe für mehr Inklusion und kulturelle Teilhabe von Menschen mit Behinderung im Nachtleben. Sie ist Mitglied der Initiative „Barrierefrei Feiern“, die sich dafür einsetzt, dass Clubs, Festivals und die Musikbranche inklusiver gestaltet werden.

Was die Fotografin antreibt und wo ihr immer noch Barrieren begegnen, zeigt diese 15-minütige Dokumentation „Käthe deKoe: Kunst im Fokus“ in der ZDF-Reihe „einfach Mensch“.




Der „Wahl-Checker“ zur Bundestagswahl 2025: Die Wahlprogramme der Parteien besser verstehen

„andererseits“ gibt es seit 2020. Das Magazin steht für inklusiven Journalismus im deutschsprachigen Raum, veröffentlicht große Recherchen und erklärt komplexe Themen in einfacher und verständlicher Sprache. Es behandelt Politik, Gesellschaft und aktuelle Themen und möchte besonders Menschen erreichen, die sonst nur schwer Zugang zu Nachrichten haben. Das Ziel ist, Barrieren abzubauen und allen Menschen wichtige Informationen zugänglich zu machen.

Kurz vor der Bundestagwahl in Deutschland am 23. Februar 2025 ist das besonders wichtig, die für viele Menschen mit Behinderung an sich schon mit einigen Hindernissen verbunden ist. Wofür darüber hinaus die einzelnen Parteien wirklich stehen, welche Position sie zu konkreten Fragen haben und was sie umsetzen wollen – das geht aus den oft sehr komplizierten Parteiprogrammen für viele Menschen nicht hervor, und zwar unabhängig davon, ob sie eine Behinderung haben oder nicht.

Die Redaktion hat deshalb einen Wahl-Checker entwickelt, ein barrierefreies Online-Tool, das politische Informationen zu insgesamt zehn Themen in einfacher Sprache aufbereitet. Es geht darin zum Beispiel um Fragen zur Atomkraft, zum Bürgergeld oder zur Barrierefreiheit in Unternehmen. Das Team analysierte, was die einzelnen Parteien in ihren Parteiprogrammen zu diesen Themen sagen, und übersetzte diese Aussagen in einfache Sprache. Damit werden auch eher vage formulierte Positionen der Parteien klar und sind so für alle gut zu verstehen. Mit dem Wahl-Checker können außerdem die Positionen verschiedener Parteien zu den zehn Themen miteinander verglichen werden.




Inklusion im Berufsleben durch Künstliche Intelligenz verbessern: Das Projekt „KI-Kompass Inklusiv“

Frau Melchior, das Ziel der Praxislabore ist es, die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsleben zu stärken. Was genau steckt dahinter?

Unser vorheriges Projekt KI.ASSIST hat gezeigt, dass Arbeitsplätze mit Hilfe von KI-Assistenzsystemen inklusiver gestaltet werden können. Außerdem können diese Technologien Menschen mit Behinderungen beim Übergang in den allgemeinen Arbeitsmarkt unterstützen. In den Arbeitgeber-Praxislaboren wollen wir solche Technologien gemeinsam mit den Teilnehmer:innen in ihren Arbeitsumgebungen erproben. Dafür sind die Praxislabore gedacht. Wir suchen derzeit nach Unternehmen und Reha-Einrichtungen, die dabei mitmachen wollen. Sie dürfen frei entscheiden, welche Technologien sie im Rahmen der Praxislabore ausprobieren möchten. Wichtig ist nur, dass die Teilnehmer:innen im Arbeitsalltag klar unterstützt werden.

Können Sie Beispiele dafür nennen, wie Künstliche Intelligenz schon heute Menschen mit Behinderungen im Arbeitsalltag unterstützt?

Bisher werde die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz im Arbeitsalltag vieler Betriebe und Unternehmen noch wenig genutzt. Trotzdem gibt es Beispiele, wie diese Technologien bereits heute Menschen mit Behinderungen im Arbeitsalltag helfen: Beispielsweise können Menschen mit Sehbehinderungen Text- und Spracherkennungen nutzen, indem sie Texte diktieren oder sich Bilder beschreiben lassen. Untertitel für Videos oder die Verschriftlichung von Gesprächen vermitteln Inhalte, die von Menschen mit Hörbehinderungen genutzt werden können. Und bei Lernbeeinträchtigungen können bestimmte Systeme helfen, indem sie Schritt für Schritt durch komplizierte Aufgaben führen. Aktuell entwickeln sich Künstliche Intelligenz und die Einsatzmöglichkeiten solcher Technologien ständig weiter. Das bietet jetzt und auch künftig viele Chancen, die Arbeitswelt inklusiver zu gestalten.

Wer kann sich für das Projekt bewerben, in welchem Umfang wird gefördert und was bieten Sie den Bewerberinnen und Bewerbern noch?

In dieser Runde können sich Mitglieder des Bundesverbands Deutscher Berufsförderungswerke und Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarkts gemeinsam bewerben. Wir bieten mit dem Projekt eine finanzielle Unterstützung von bis zu 10.500 Euro für Personalkosten pro Partner und bis zu 26.000 Euro für Technik an, also beispielsweise für elektronische Teile, Lizenzen, Schulungen oder technische Unterstützung. Reisekosten für Veranstaltungen können wir ebenfalls erstatten. Wir wählen im Februar 2025 aus, wer als Partner dabei ist. Das Labor startet dann voraussichtlich im März. Ab dann begleiten wir die Partner in allen Schritten des Praxislabors. Wir helfen ihnen, die Idee weiterzuentwickeln, die Technologien anzupassen, in den Arbeitsalltag zu übertragen und die Erkenntnisse aus dem Projekt damit dauerhaft umsetzbar zu machen. Darüber hinaus können sich die Partner über die verschiedenen Labore hinweg miteinander austauschen und sich mit weiteren Beteiligten und Expert:innen vernetzen.

Viele Unternehmen setzen noch keine Künstliche Intelligenz ein oder stehen erst am Anfang. Was sind die Voraussetzungen für eine Bewerbung?

Wir erwarten nicht, dass Unternehmen schon erfahren mit Künstlicher Intelligenz sind. Wichtig ist aber das Interesse daran, diese Technologien dafür zu nutzen, inklusive Arbeitsplätze zu schaffen. Wichtig ist auch eine möglichst konkrete Idee für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Und: Die Technologie darf nicht zur Leistungskontrolle genutzt werden. Wir bieten auf unserer Ausschreibungswebseite ganz unten übrigens verschiedene Informationen und Hilfestellungen an, damit sich Interessierte besser auf die Bewerbung vorbereiten können. Dazu gehören eine KI-Leinwand (englisch: „AI Canvas“), ein Ergebnisbericht des vorherigen Projektes und ein Link zu unserem Technologie-Monitor. Wir zeigen dort außerdem ein Video der schon stattgefundenen Informationsveranstaltung, bieten Termine für Online-Sprechstunden für Rückfragen an und haben die häufigsten Fragen und Antworten zum Thema gesammelt.

Was passiert nach Ende des Projekts mit den Ergebnissen – und wie können andere davon profitieren?

Die Labore werden von uns und einem externen Team kritisch begleitet und überprüft. Wir wollen Lösungen entwickeln, die später auch anderen Reha-Einrichtungen und Unternehmen praktisch in ihrem Arbeitsalltag helfen können. Die Ergebnisse fließen in Workshops, Handlungsempfehlungen und unsere Wissensdatenbank ein, die öffentlich zugänglich ist. Alle Erkenntnisse werden von uns also nachhaltig aufbereitet und frei verfügbar gemacht.

Sind weitere Projekte geplant?

Nein, im Moment haben wir noch keine konkreten Pläne, wie es nach den Praxislaboren weitergeht. Wichtig ist uns erst einmal, dass wir die darin erarbeiteten Lösungen in der Praxis erproben und daraus Erkenntnisse ziehen. Gleichzeitig überlegen wir aber schon, wie wir das Kompetenzzentrum langfristig weiterführen können. Bis 2027 wird es noch aufgebaut, bis dahin bleibt es spannend. Wir freuen uns auf die nächsten Schritte!




Wirtschaftskrise bremst positive Entwicklungen der Vorjahre aus: Die Ergebnisse des Inklusionsbarometers Arbeit 2024

Die Ergebnisse des Inklusionsbarometers Arbeit beziehen sich immer auf das Vorjahr. Die aktuelle Studie wertet also die Arbeitsmarktsituation für Menschen mit Behinderung im Jahr 2023 aus. Für diesen Zeitraum sank der Wert des Barometers im Vergleich von 109,8 auf 108,3. Ein steigender Wert bedeutet eine Verbesserung, ein sinkender Wert, dass sich die Lage verschlechtert hat. Die negative Entwicklung belegen auch andere Zahlen aus der Studie: Menschen mit Behinderung waren 2023 fast doppelt so oft arbeitslos wie Menschen ohne (11 % im Vergleich zu 5,7 %).

Die Quote der langzeitarbeitslosen Menschen mit Behinderung ist immerhin leicht gesunken. Das ist allerdings eines von nur sehr wenigen positiven Ergebnissen der Studie. Die wirtschaftliche Unsicherheit hat die Situation insgesamt verschärft. Nur 39 von 100 Unternehmen, die es aufgrund ihrer Größe müssten, beschäftigten vergangenes Jahr genug Menschen mit Behinderung. Das ist der niedrigste Wert seit der ersten Studie im Jahr 2013.

Die Politik hat auf diese besorgniserregende Entwicklung bereits damit reagiert, die Ausgleichsabgabe für Unternehmen zu erhöhen, die ihrer Beschäftigungspflicht nicht nachkommen. Ab Januar 2024 müssen Firmen mit mindestens 60 Arbeitsplätzen, die gar keine Menschen mit Schwerbehinderung beschäftigen, monatlich 720 Euro pro unbesetztem Pflichtarbeitsplatz zahlen. Vorher waren es 360 Euro. Die neuen Regelungen sollen langfristig für bessere Chancen für Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt sorgen. Ob die höheren Abgaben tatsächlich wirken werden, bleibt abzuwarten.

Das Fazit: Die Wirtschaftskrise hat die positiven Entwicklungen der Vorjahre auf dem Arbeitsmarkt stark ausgebremst, es gibt nur stellenweise kleine Fortschritte. Damit Menschen mit Behinderung gleichberechtigt am Arbeitsleben teilhaben können, sind also nach wie vor alle gefragt: Unternehmen, Politik, Staat und die gesamte Gesellschaft.

→ Alle Ergebnisse des Inklusionsbarometers könnt ihr euch hier als PDF herunterladen.




Gleichberechtigt feiern: Über eine Initiative für mehr Inklusion in der Kultur

Herr Ringert, welchen persönlichen Bezug haben Sie zum Thema Kultur – und warum engagieren Sie sich hier für mehr Barrierefreiheit?

Ich bin schon in meiner Jugend gerne auf Festivals gegangen, das ist damals wie heute meine große Leidenschaft. Während der Schulzeit und später auch neben meinem Musikmanagement-Studium habe ich zeitweise auf dem Festival „Wacken Open Air“ gearbeitet, das nicht weit entfernt von meinem Heimatort stattfindet. Nach dem Studium habe ich dort als Sponsoring Manager angefangen, das heißt, ich habe die Zusammenarbeit mit Dienstleistern und Geldgebern des Festivals organisiert. 2015 hatte ich einen Verkehrsunfall, seitdem bin ich im Rollstuhl unterwegs. Ich entwickelte dadurch, dass ich selbst betroffen war, und durch den Kontakt zur Community nach und nach einen Blick für Barrieren – und zwar nicht nur für die baulichen, die ja vor allem Menschen mit körperlichen Behinderungen wie mich einschränken, sondern auch für viele andere Hindernisse. Das war der Antrieb für mich, beim Wacken Open Air die Inklusionsarbeit zu übernehmen. Seither habe ich das Thema dort stetig weiterentwickelt. Ich stand außerdem schon damals in engem Austausch und Kontakt mit der Beratungsagentur „WIR KÜMMERN UNS“, die aus der „Initiative Barrierefrei Feiern“ entstanden war. Vor drei Jahren bin ich nebenbei auch noch als Gesellschafter bei „WIR KÜMMERN UNS“ eingestiegen.

Was steckt hinter der „Initiative Barrierefrei Feiern“ und wie ist sie entstanden?

Die Initiative vereint Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen, die alle ihre ganz eigenen Erfahrungen und Bedürfnisse mitbringen. Sie geben diese an die Veranstaltenden oder Clubbetreiber:innen weiter, die daraus wiederum konkrete Maßnahmen ableiten können. Wir setzen unsere Teams immer aus Menschen mit mehreren Perspektiven zusammen, zum Beispiel aus einer rollstuhlfahrenden und einer blinden Person. Der Grund dafür ist, dass ich als Rollstuhlfahrer mir nicht anmaße, über die Bedürfnisse von Blinden entscheiden zu können – und andersherum ist es genauso.
Entstanden ist die Initiative dank der heutigen Geschäftsführerin der Beratungsagentur „WIR KÜMMERN UNS“, Elnaz Amiraslani. Bevor es die Agentur und die Initiative gab, hat sie als Tourmanagerin für eine Band mit einer blinden Sängerin gearbeitet und dabei schnell gemerkt, mit welchen Barrieren und Benachteiligungen Menschen mit Behinderungen im Kulturleben konfrontiert sind. Daraufhin hat sie die Initiative als gemeinnütziges Kollektiv gegründet, später kam dann die Beratungsagentur hinzu. Ich bin Teil von beidem und unterstütze die „Initiative Barrierefrei Feiern“ mit meinem Fachwissen, das ich durch das Organisieren von Großveranstaltungen und durch meine privaten Erfahrungen erworben habe.

Mit welchen Angeboten hilft die Initiative beispielsweise Clubbetreiber:innen dabei, ihre Veranstaltungen barrierefreier zu gestalten?

Wir bieten Workshops zu Inklusion und Barrierefreiheit in der Popkultur an. Dazu gehören auch Maßnahmen, die für das Thema als solches sensibilisieren sollen. Es können aber auch Sprechstunden bei uns gebucht werden. Im Idealfall arbeiten die Veranstaltenden ganzheitlich mit uns zusammen, das heißt, wir begleiten gemeinsam mit ihnen den gesamten Prozess etwa eines Festivals. Das beinhaltet neben den Workshops auch Strategiepapiere, Handbücher, einen Bereich „Häufig gestellte Fragen“ für die Website und eine Überprüfung der Barrierefreiheit derselben. Die „Häufig gestellten Fragen“ sind dazu da, im Vorfeld Anfragen abzufangen, weil diese sich oft gleichen. Zum Beispiel fragen viele nach Infos zu den Tickets, zur Anreise oder zu den Regelungen für Begleitpersonen. Weitere Teile des Prozesses sind außerdem Ortsbegehungen, mobile Dienstleistungen auf den Veranstaltungen selbst, Community-Management, eine inklusive Programmgestaltung sowie Akquise, etwa von Gebärdensprachdolmetschenden, und deren Koordination.

Welche Projekte hat die Initiative schon erfolgreich begleitet und was ist noch geplant?

Wir werden mit unserem Team oft dafür gebucht, eine Veranstaltung vor Ort zu begleiten. Die Königsdisziplin sind dabei unsere „Services für Gäste mit Behinderung“, die wir beispielsweise bei Großveranstaltungen wie Konzerten von „Die Ärzte“ anbieten, bei denen mehr als 200 Gäste mit Behinderung im Publikum sind. Dazu gehört etwa ein Treffpunkt beim Konzert, den alle aufsuchen und dort Infos bekommen können, aber beispielsweise auch die Begleitung von blinden Menschen, damit sie sich auf dem Gelände gut zurechtfinden.
Wir werden dieses Jahr außerdem erstmals das Lollapalooza-Festival in Berlin im Vorfeld und vor Ort begleiten. Dort werden ca. 60.000 Besucher:innen erwartet, darunter sicherlich auch viele junge Menschen mit Behinderung. Die Arbeit vor Ort macht großen Spaß, weil wir dort mit der Community in den direkten Austausch gehen dürfen.

Welche Ziele möchten Sie in den nächsten Jahren erreichen?

Unser wahrscheinlich sehr optimistisches, aber konkretes Ziel ist es, dass alle Menschen gleichberechtigt gemeinsam feiern können – und zwar ohne, dass dabei einzelne Personengruppen sozial oder infrastrukturell benachteiligt werden und deswegen besondere Vorkehrungen treffen müssen. Das ist nur durch barrierefreie Kulturangebote möglich, von denen es aktuell noch viel zu wenige gibt, obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention genau das vorschreibt. Bis dieses Ziel erreicht ist, setzen wir uns als Kollektiv dafür ein, Veranstaltende, Club-Betreibende und die Kulturpolitik bestmöglich für das Thema zu sensibilisieren – und so viele Veranstaltungen wie nur möglich dabei zu unterstützen, Barrieren abzubauen.

Wer kann bei der Initiative „Barrierefrei Feiern“ mitmachen?

Grundsätzlich sind bei uns alle willkommen, die sehr kulturaffin sind und sich wegen einer körperlichen, sensorischen oder psychischen Beeinträchtigung als Mensch mit Behinderung identifizieren. Bestenfalls hat die Person schon erste Berufserfahrungen mit Kunst, Kultur und Veranstaltungen gesammelt, und ganz besonders freuen wir uns über Künstler:innen mit Behinderung in unseren Reihen. Es ist natürlich auch nicht verkehrt, wenn jemand gut und klar kommunizieren kann und ein Grundverständnis für die politischen Dimensionen von Behindertenrechten und Inklusion mitbringt. Denn tatsächlich haben viele unserer Mitstreiter:innen ihren Aktivismus erst entwickelt, seit sie bei uns mitmachen.




Virtuelle Schere für mehr Inklusion: Wie „Mixed Reality“ angehende Friseur:innen in der Ausbildung unterstützt

Haare schneiden, ohne eine Schere in die Hand zu nehmen: Was wie Zauberei klingt, gehört im Berufsbildungswerk Hamburg zum Alltag in der Berufsausbildung angehender Friseur:innen. Dank einer so genannten Mixed-Reality-Brille verschmelzen hier virtuelle und reale Welt miteinander: Die Brille ermöglicht es, Haarschnitte zu üben und komplexe Techniken sichtbar zu machen, bevor sie an echten Haaren angewendet werden. Das hilft den jungen Menschen mit und ohne Behinderung dabei, das Handwerk ohne Druck und Risiko zu erlernen, und stärkt ihr Selbstvertrauen.

Hinter dem Ansatz steht das vom Bund geförderte Projekt EdAL MR 4.0. Die Abkürzung bedeutet „Entwicklung und Erprobung digitalisierter Arbeitshilfen und Lerneinheiten auf Mixed Reality Basis in der beruflichen Reha-Ausbildung zur Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt 4.0”. Das Projekt zielt also darauf ab, Menschen mit Behinderung oder Förderbedarfen durch digitale Werkzeuge und Lernkonzepte dabei zu unterstützen, ihre Ausbildung erfolgreich zu absolvieren – oder beispielsweise von einer Werkstatt für behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu wechseln.

Der NDR hat das Berufsbildungswerk Hamburg und die Azubis besucht und sich das innovative Ausbildungskonzept aus der Nähe angeschaut. Hier lest ihr die ganze Reportage.