„Salon im Kleisthaus“: Interview mit einem blinden Kunstkenner

Johann König bewertet Gemälde, Grafiken, Installationen und Videokunst. Er entdeckt junge Künstlerinnen und Künstler, er beschreibt deren Werke beschreiben und verkauft diese – all das macht er aber weniger mit den Augen, sondern mit seinen anderen Sinnen. Der heute 39-Jährige erblindete bei einem Unfall in seiner Kindheit fast vollständig. Seit vier Jahren und nach zahllosen Operationen kann er wieder etwas mehr sehen als früher. Er führt heute in Berlin eine der renommiertesten Galerien Deutschlands.

Vor Kurzem war er im neuen Videotalk „Salon im Kleisthaus“ zu sehen und zu hören, der seit Ende 2020 von Jürgen Dusel moderiert wird, dem Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen.
In dieser allerersten Folge erzählt Johann König von seinem Werdegang und seinem Weg zum Galeristen, von seiner Jugend als Sohn des Kunstprofessors und Kurators Kasper König, vom Arbeiten im Kunstgeschäft mit einer Behinderung und von seiner persönlichen Herangehensweise an die Kunst. Unser Fundstück der Woche!




Linktipp: Warum zu Nachhaltigkeit auch Inklusion gehört

Nachhaltigkeit wird oft nur im Kontext von Klima- und Umweltschutz verstanden. Ebenso dazu gehört jedoch, dass für Vielfalt in den Führungsetagen und unter den Mitarbeiter:innen gesorgt und damit soziale Ungleichheit verhindert wird.

Viele Unternehmen sind bereits auf dem richtigen Weg: „Um Vielfalt zu fördern, nehmen immer mehr Unternehmen an Programmen und Aktionen teil und bekennen sich öffentlichkeitswirksam zu einer Haltung, die Vielfalt fördert. Die dabei unterzeichneten Statements sind eine Selbstverpflichtung auf dieses Ziel hinzuarbeiten“, schreibt die Inklusions-Kampagne JOBinklusive diesen Monat in einem Online-Artikel zum Thema. Und nennt zugleich einen wichtigen Kritikpunkt: „Die Dimension von Inklusion und Behinderung fällt dabei oft hinten runter, obwohl sie im Bereich Arbeit seit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention vor elf Jahren nicht mehr nur eine nette Sache ist, sondern ein Menschenrecht.“

Den ganzen Artikel lest ihr hier.




Was ist „Ableismus“? Lesetipp zu einem Begriff, den Menschen ohne Behinderung kennen sollten

Fremdwörter können Hemmschwellen aufbauen. Beim Begriff „Ableismus“ ist das ein Problem, weil er wichtig ist, aber viele nicht wissen, was er bedeutet.

Die Journalistin Rebecca Maskos erklärt in diesem Artikel für das Online-Magazin „Die neue Norm“, was dahintersteckt und warum gerade Menschen ohne Behinderung sich damit auseinandersetzen sollten. Außerdem erläutert sie, warum die Benachteiligung von Menschen mit Behinderung etwas anderes ist als Behindertenfeindlichkeit — und wie das Thema durch den Hashtag #AbleismTellsMe erst in den USA und danach in Deutschland endlich sichtbarer wurde. Unser Fundstück der Woche!

Hier geht es direkt zum Artikel.




„Ich musste mit meinen eigenen Vorurteilen umgehen lernen“

Frau Maack, Sie arbeiten als Moderatorin, Rednerin und Coachin. Durch Ihre Tätigkeiten haben Sie also viele verschiedene persönliche und berufliche Situationen kennengelernt. Wie erleben Sie mit dieser Erfahrung die Arbeitsmarktsituation für Menschen mit Behinderungen?

Die Lage wird in vielen Bereichen besser, auch wenn es sehr langsam geht. Es wird viel gefordert, geredet und auch viel investiert. Zugleich passiert noch viel zu wenig. Vor allem für die größer werdende Anzahl von Menschen mit psychischen Erkrankungen wird die Situation eher schwieriger als besser. Insgesamt ist das Arbeitsleben ja für alle viel fordernder geworden. Wir müssen sehr flexibel sein, uns ständig neu aufstellen und uns für wachsende Anforderungen weiterqualifizieren. Das ist für kaum jemanden einfach – ganz unabhängig von einer Behinderung.

Sie selbst sind im Laufe Ihres Lebens erblindet. Sie können also beurteilen, wie ein Berufsleben mit und ohne Behinderung aussieht. Welche positiven und negativen Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich habe sehr viel Unterstützung aus meinem Umfeld erfahren. Ich habe aber auch erlebt, dass ich wegen meiner Behinderung mehr arbeiten und mich stärker beweisen musste als andere Menschen. Ich musste darum kämpfen, meiner Qualifikation und Erfahrung gemäß beschäftigt und bezahlt zu werden. Nach meinem Studium war ich fast 15 Jahre im Ausstellungsprojekt „Dialog im Dunkeln“ beschäftigt und habe dort den Bildungsbereich aufgebaut und geleitet. Seit 2018 bin ich selbständig und damit meine eigene Chefin. Das hat noch einmal alles verändert. Bisher habe ich diese Entscheidung noch nicht bereut, obwohl die „Extrameilen“, die ich auch dort gehen muss, nicht weniger werden. Als Moderatorin, Coachin und Rednerin zu arbeiten, heißt für mich, das zu tun, was ich liebe. Das ist ein großes Glück für mich und ich weiß, dass das für viele Menschen – ob mit oder ohne Behinderung – nicht selbstverständlich ist.

Welche Rahmenbedingungen sind aus Ihrer Sicht nötig, damit Inklusion im Berufsleben für Menschen mit Behinderungen möglich wird?

Zuallererst müssten einige Grundvoraussetzungen erfüllt sein und selbstverständlich werden. Zum Beispiel die barrierefreie Ausstattung von Gebäuden, Leitstreifen für sehbehinderte oder blinde Menschen, behinderungsgerechte Computer-Software, Dolmetscher für Gebärdensprache oder auch Assistenzen. Oft scheitert eine erfolgreiche Karriere oder eine langfristige Anstellung für einen Menschen mit Behinderung daran, dass der Aufwand einfach zu groß und der ganze Prozess zu langwierig ist, sobald eine bestimmte Ausstattung benötigt wird.

Woran liegt das?

Weil die Unternehmen, aber auch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer oft erst unzählige Anträge stellen, für Unterstützung streiten und dann trotzdem noch sehr lange auf eine Bewilligung warten müssen. Ohne eine behinderungsgerechte Ausstattung am Arbeitsplatz ist es aber oft nicht möglich, zu zeigen, was man kann. Gerade in der sensiblen Phase der Probezeit in einem neuen Job kostet es also erst einmal viel Zeit und Energie, sich um die formalen Voraussetzungen zu kümmern. Das lenkt ab und ist für beide Seiten anstrengend. Für mich als Arbeitnehmerin und auch für das Unternehmen, in dem ich vielleicht arbeiten möchte, wäre es viel besser, wenn ich als blinde Berufseinsteigerin meine Ausstattung und meine Assistentin gleich selbst mitbringen könnte.

Das geht im Moment noch nicht?

Zur Zeit müssen die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowohl die Arbeitsplatzausstattung als auch die Assistenzen bei den Inklusionsämtern beantragen. Das hat strukturelle Gründe. Es ist umgekehrt aber auch keine Lösung, wenn der große bürokratische Aufwand, der damit verbunden ist, von einer Arbeitnehmerin allein geschultert werden müsste. Es wird trotzdem immer wieder gefordert, dass gerade beim Berufsstart oder Berufswechsel eine andere Institution diese Aufgabe übernehmen sollte. Zu Beginn meiner Selbstständigkeit hat mir zum Beispiel das Beratungsunternehmen Quikstep sehr geholfen, das von dem blinden Berater Stefan Wilke betrieben wird. Er hatte ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich und konnte mich aus dieser Perspektive besonders gut beraten.

Welche Chancen sehen Sie in der Digitalisierung?

Insgesamt sehr große. Für mich als erblindete Frau wäre es ohne digitale Hilfsmittel kaum oder nicht möglich, in einem qualifizierten Beruf zu arbeiten. Mein Computer ist blindengerecht ausgestattet und ich benutze eine barrierefreier Software – damit geht das Arbeiten problemlos. So geht es sicher auch anderen Menschen mit Behinderungen, zum Beispiel gibt es für gehörlose Menschen oder für Menschen mit Lernschwierigkeiten ja vergleichbare digitale Lösungen. Und Menschen mit einer Körperbehinderung profitieren ebenfalls enorm vom technischen Fortschritt.

Auch in der Corona-Krise?

Gerade jetzt. So schlimm und einschränkend diese Zeit auch ist, im Arbeitsleben hat sie einige große Vorteile gebracht. Es ist normaler geworden, dass Menschen im Home-Office arbeiten. Für jemanden mit einer Behinderung kann das eine große Erleichterung bedeuten, weil weniger oder gar keine langen Wege mehr zur Arbeit zurückgelegt werden müssen, die sonst großen Aufwand bedeuten würden. Und wenn behinderungsbedingt die Arbeit zeitlich anders eingeteilt werden muss, ist die Flexibilität dafür im Home-Office auch deutlich größer.

Und welche Nachteile sehen Sie im digitalen Wandel?

Für Menschen mit Behinderung besteht die Gefahr, dass sie durch das Tempo der Digitalisierung erneut abgehängt werden. Das kann vor allem dann schnell passieren, wenn bei neuen Arbeitsplätzen, Projekten oder Konzepten nicht von vornherein auch barrierefreie Lösungen mitgedacht und mitgeplant werden. Oder dann, wenn einfache Arbeiten oder Routinetätigkeiten bald millionenfach vollständig von Computern und Robotern übernommen werden, die vorher häufig von Menschen mit schweren körperlichen oder geistigen Behinderungen erledigt werden konnten.

Sie haben dieses Jahr Ihr erstes Buch veröffentlicht. Worum geht es?

Ich beschreibe darin ganz subjektiv die Geschichte meiner Erblindung. Es geht aber weniger um den praktischen Umgang mit meiner Behinderung, sondern mehr um den Bewältigungsprozess als Ganzes. Ich bin mit den Bildern der „Aktion Sorgenkind“ aufgewachsen, in denen Menschen mit Behinderung als bemitleidenswert und bedürftig dargestellt wurden. Die Organisation hat erst viel später die radikale Wende zur „Aktion Mensch“ gemacht und sich ab dann für echte Inklusion engagiert. Durch diese Bilder war ich anfangs also das Opfer meiner eigenen Vorurteile: Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Leben ohne Sehen überhaupt lebenswert sein kann. Ich habe aber trotz meiner anfangs heftigen Widerstände schließlich die sehr wichtige Erfahrung gemacht, dass Glück und Erfüllung im Leben eben nicht davon abhängen, ob ich sehen kann oder nicht.

Was wünschen Sie persönlich sich für die Inklusion im Arbeitsleben?

Am schönsten wäre es, wenn es keine Sensation mehr wäre, wenn ein Unternehmen oder eine Organisation einen Menschen mit Behinderung anstellt. Das sollte ganz selbstverständlich werden. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, denn es gibt noch viele Hindernisse zu überwinden: für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Behinderung, für die Unternehmen – und für die Gesellschaft. —





Video-Eventtipp: Ausbildungen und Karrieremöglichkeiten in der Justiz

Das nächste Video-Event trägt den Titel „Arbeiten bei der Justiz.NRW – Inklusion inklusive“, startet am Dienstag, den 27. Oktober um 15 Uhr und dauert etwa 30 Minuten*. Wie der Name schon sagt, richtet sich dieses Event gezielt an Menschen mit Behinderung, die über einen juristischen Beruf nachdenken und sich dazu informieren möchten.

Alle „HeimRechts“-Events laufen immer ähnlich ab: Angestellte aus den verschiedenen Einrichtungen und Fachrichtungen sitzen mit in der Konferenz und erzählen aus ihrem Arbeitsalltag. Wer am Meeting teilnimmt, kann ihnen live Fragen stellen.
Bei der Veranstaltung zum Thema Inklusion im Justizdienst zum Beispiel sind eine Mitarbeiterin des Amtsgerichts Krefeld und ein Mitarbeiter des Amtsgerichts Bochum mit dabei und erzählen von ihrer Arbeit. Beide haben eine Behinderung.

In den weiteren Events geht es um die Ausbildung zur Justizfachangestellten (4. November) und um die Ausbildung zur Mitarbeiterin im Krankenpflegedienst (26. November).


*Da das Event inzwischen vorbei ist, haben wir euch hier den Zusammenschnitt der Veranstaltung verlinkt (YouTube-Video).




Auf die Größe kommt’s nicht an

Herr Brownbill, wie haben Sie Ihren Karriereeinstieg in der Film- und Fernsehbranche erlebt?

Das war ein Abenteuer. Als behinderter Mensch war es sehr schwer, eine Ausbildung zu machen. Ich bin so in meinen ersten Berufsjahren als Verwaltungsfachangestellter im Öffentlichen Dienst gelandet. Obwohl ich das nicht als meine „Berufung“ empfunden habe, war ich froh, dass ich nicht auf Sozialleistungen angewiesen war oder in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten musste.
Als ich 40 Jahre alt war, wollte ich es noch mal wissen und habe mir die schönste Spielwiese der Welt dafür ausgesucht: Die Schauspielerei. Dabei habe ich mein Handicap bewusst als Alleinstellungsmerkmal eingesetzt (lacht). Es war eine ganz neue Erfahrung für mich, auf einmal eine gefragte Persönlichkeit zu sein, anstatt immer nur Absagen zu bekommen. Die Schauspielerei ist aber auch kein einfacher Beruf. Ich musste vor allem als Quereinsteiger hart arbeiten, um relativ schnell erfolgreich zu sein.

Wie waren die üblichen ersten Reaktionen?

Skepsis und Bewunderung, aber auch Verachtung, zum Beispiel von Behindertenverbänden. Die negativen Reaktionen hatten wohl auch damit zu tun, dass das Wort „Schauspieler“ von „Zurschaustellen“ kommt. Wenn man an die Freak-Shows aus der Vergangenheit denkt, in denen kleinwüchsige Menschen tatsächlich wie wundersame Wesen ausgestellt wurden, ist das ein schmaler Grat, auf dem ich mich bewege.

Im Vergleich zu nicht-kleinwüchsigen Menschen: Mussten Sie mehr tun, um als Schauspieler wahr- und ernstgenommen zu werden?

Ich bin nicht sicher, ob ich tatsächlich mehr leisten musste. Eher denke ich, dass es um die Qualität eines Darstellers geht. Der US-amerikanische Film- und Theaterschauspieler Peter Dinklage zum Beispiel, der aus „Game of Thrones“ bekannt ist, hat das Handwerk von der Pike auf gelernt. Ich nicht. Anders als er musste ich also auch deshalb erst einmal viele klischeebehaftete und stereotype Rollen annehmen. Die Prioritäten lagen bei mir notgedrungen anders: Ich musste meinen Lebensunterhalt verdienen und mit meinen ersten Rollen zugleich innerhalb kürzester Zeit das Handwerk erlernen. Da konnte ich keine tollen Angebote erwarten. Das alles kann aber schnell dazu führen, dass man in eine Schublade gesteckt wird.

Hat sich das in den vergangenen Jahren verändert? 

Es tut sich gerade etwas, aber der Weg ist noch lang. Wenn ich mir heute zum Beispiel Werbespots anschaue, fällt mir schon auf, dass viele unterschiedliche Schauspielerinnen und Schauspieler darin auftauchen. Kleine und große Menschen mit verschiedenen Behinderungen und verschiedener Herkunft, Homosexuelle, Transsexuelle. Da ist mehr Diversität spürbar und sichtbar als früher.

Merken Sie das auch an den Aufträgen für die Schauspielerinnen und Schauspieler, die Sie vermitteln?

Ja, auch da ist eine Veränderung zu merken. Mit unserer Künstleragentur haben wir kürzlich einen kleinwüchsigen Schauspieler für eine „normale“ Rolle vermittelt. Er sollte in der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ mitspielen. Aus dem Drehbuch ging ursprünglich aber nicht hervor, dass die Rolle mit einem Kleinwüchsigen besetzt werden sollte. Ich nehme daher an, dass das Casting-Team angewiesen war, mehr „Diversity“ in die Serie zu bringen, ohne dafür die Rollen umzuschreiben. Das finde ich sehr spannend, denn das zeigt, dass Kleinwüchsige nicht mehr nur nur als potentielle Besetzung für einen Zwerg gesehen werden. Obwohl ich auch diese Rollen sehr mag. Aber: Solange wir nicht auch Kripo-Kommissarinnen oder -Kommissare sein dürfen, werden wir – wie im Münster-Tatort – weiterhin „nur“ Zwerge sein.

Gibt es Unterschiede zwischen der deutschen Kreativbranche und der restlichen Welt bei der Inklusion von Menschen mit Behinderungen? 

Ich bin da nicht so gut informiert, habe persönlich aber den Eindruck, dass andere Länder wie die USA oder England offener für solche Sachen sind. Hierzulande wirkt es oft gezwungen, es wird häufig gefragt: „Darf der das?“ Einarmige Tagesschau-Sprecherinnen oder -sprecher scheinen irgendwie noch ziemlich weit weg zu sein.

Wie entstand die Idee, eine Agentur zu gründen?

Ich konnte irgendwann nicht mehr alle Anfragen für Rollen selbst abdecken. Meine Frau und ich beschlossen also, diese an andere Schauspielerinnen und Schauspieler weiterzuleiten. Mit der Agentur kann ich nun meine Erfahrungen weitergeben, was mir viel Freude macht. Und die Kosten für die Homepage und andere Ausgaben werden unter mehreren Leuten aufgeteilt. Es profitieren also alle Seiten.

Was haben Sie erreicht und worauf sind Sie besonders stolz? 

Ich habe mir viele Träume erfüllt. Ich stand auf tollen Bühnen, habe in schönen Filmen mitgewirkt und großartige Menschen kennengelernt. Und obwohl ich ein Spätzünder und Quereinsteiger bin, gehöre ich mit inzwischen über 100 Produktionen zu den meistgebuchten kleinwüchsigen Schauspielern in Deutschland. Meine ehemaligen Vorbilder habe ich damit sogar überholt. Und ich bin glücklich, dass ich auf der „Zielgeraden“ des Lebens trotz des Risikos noch einmal meine Komfortzone verlassen habe.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit Kleinwüchsige, Menschen mit Down-Syndrom oder Menschen mit anderen Behinderungen in der Film- und Fernsehwelt einfach als gewöhnliche Schauspielerinnen und Schauspieler wahrgenommen werden?

Das wichtigste sind die Qualifikationen, dass also die Grundlagen des Schauspiels, das nötige Know-how und das handwerkliche Können vorhanden sind. Wir sprechen hier über einen schwierigen Beruf, für den im Normalfall mit gutem Grund eine Ausbildung erforderlich ist. Ich bin zwar auch durch die Hintertür eingestiegen, aber das war sehr schwierig. Nur, weil man sich auf Youtube angeschaut hat, wie man Fliesen verlegt, ist man ja auch noch lange kein Fliesenleger. Ich kenne allerdings kaum kleinwüchsige Schauspieler, die eine richtige Schauspielausbildung vorweisen können. Beim Down-Syndrom und anderen Behinderungen ist es nicht viel anders.
Unsere Agentur betreut mittlerweile zwei ausgebildete kleinwüchsige Schauspieler und zwei weitere, die sich im Moment in der Ausbildung befinden. Das macht uns sehr stolz. Früher mag es für eine Produktion ausgereicht haben, für die Rolle des „Lustigen August“ oder des „Zirkus-Liliputaners“ mit etwas Selbstvertrauen über die Bühne oder durch das Bild zu laufen. Bei manchen Filmen und Stücken reicht das vielleicht auch heute noch. Aber um als Profi wahr- und ernstgenommen zu werden, ist das ganz sicher zu wenig.

Sie haben Humor und provozieren gern. Das haben Sie zuletzt mit der „Minibar“ gezeigt, die Sie auf Festivals zusammen mit zwei kleinwüchsigen Kollegen betrieben und dort „Kurze“ ausgeschenkt haben. Ist das nur Spaß oder verfolgen Sie mit solchen Aktionen ein Ziel?

Humor und Selbstironie sind eine unglaublich starke Waffe, um auf Probleme aufmerksam zu machen. Ich habe deshalb ein eigenes Stand-up-Comedy-Programm namens „Zwergenaufstand“ auf die Beine gestellt. Mit einem Augenzwinkern möchte ich den Menschen den Spiegel vor die Nase halten – aber eben nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Die „Minibar“ ist so ähnlich: Sie wirkt lustig, ist aber kein Spaß. Sie ist eine Art Installation. Mit diesem Konzept leben wir die Inklusion.

Wie meinen Sie das?

Warum müssen Tresen, Barhocker oder Stehtische so hoch sein, dass Kinder, Rollstuhlfahrer oder eben auch kleinwüchsige Menschen sie nicht nutzen können? Mit der Minibar drehen wir dieses Konzept von Normalität um und verdeutlichen so, dass es auch andere Sichtweisen gibt. Mit 1,20 Meter Körpergröße fühlen wir uns an einem „normalen“ Stehtisch nämlich nicht nur nicht wohl, sondern können auch bestimmte Berufe nicht ausüben. Barkeeperin und Barkeeper zum Beispiel, Servicekraft oder Verkäuferin und Verkäufer an der Metzger- oder Bäckertheke. Und das im 21. Jahrhundert. Wir schießen Raketen zum Mond, sind aber zugleich so mit DIN-Normen überwuchert und dadurch so behindert, das eine klare Sichtweise verloren gegangen ist.

Und deshalb provozieren Sie?

Ja. Kleinwüchsige und Menschen mit anderen Behinderungen könnten sehr gut zum Beispiel auch Polizistinnen und Polizisten, Krankenpflegerinnen und -pfleger oder Feuerwehrleute sein. Aber so, wie es jetzt ist, findet das tägliche Leben in der Gesellschaft ohne uns statt. Diese Tatsache nur sachlich in Diskussionsrunden anzusprechen, bringt leider nicht viel. Es erzeugt in vielen Kreisen höchstens ein müdes Lächeln. Deshalb provoziere ich lieber, um Denkanstöße zu geben. Wir treten in der Minibar außerdem den Beweis an, dass viele verschiedene Menschen dort gemütlich sitzen und so „auf Augenhöhe“ sein können. Jeder kann uns besuchen und bei einem Kaffee oder Bier Vorurteile und Berührungsängste abbauen. Die Minibar ist aber nur ein kleiner erster Schritt für uns.

Was planen Sie noch?

Wir wollen eine Erlebnisausstellung eröffnen, die sich mit demselben Thema beschäftigt, und zwar ebenfalls in der Hamburger Hafencity. Das Ganze entsteht im Rahmen unseres gemeinnützigen Vereins „Groessenwahn e. V.“. Um der Idee die Krone aufzusetzen, haben wir auch noch einen Song im Stil von Rammstein aufgenommen. Der Refrain geht so: „Ob gross oder klein, nur wer liebt, ist wirklich reich. Ob schwarz oder weiss, rotes Blut fliesst in jedem gleich. Grössenwahn… Grössenwahn…“ —





Digitale Teilhabe im „PIKSL Labor“: Technik kostenlos ausprobieren

Im Beitrag der Diakonie erklärt unter anderem Tim Neumann die Idee des Labors. Der Leiter des Standorts in Düsseldorf ist überzeugt, dass PIKSL einen wichtigen Beitrag zu einer barrierefreien Zukunft leisten kann. Leider musste das Labor in der Corona-Pandemie vorübergehend schließen, doch seit Mitte Juli ist es wieder geöffnet – mit telefonischer Voranmeldung sowie den üblichen Abstands- und Hygieneregeln.

Die Zeit der Schließung war nicht einfach, denn digitale Einsteigerinnen und -einsteiger waren plötzlich – und ironischerweise – nur noch digital erreichbar. Also musste sich das PIKSL-Team etwas einfallen lassen.
Der Alltag vieler Menschen war und ist durch die Pandemie sehr stark eingeschränkt. Das betraf vor allem Menschen mit Behinderung in stationären Einrichtungen, die das Angebot von PIKSL vorher besonders viel nutzten. Sie wünschten sich vor allem eins: Ablenkung. Also begann das Labor, mit der App Padlet zu arbeiten und erstellte damit eine interaktive Pinnwand, auf der Infos und Spiele angeboten werden – und zwar möglichst barrierearm.




Virtuelle Einblicke in eine inklusive Arbeitswelt

Frau Mengewein, Frau Scholz, „WayIn“ ist im Jahr 2018 gestartet. Was war die Idee?

Kirsten Mengewein (KM): Es gibt zwar eine Informationsflut rund um das Thema Inklusion und Arbeit, aber im Verhältnis dazu haben noch gar nicht so viele Menschen mit Behinderung tatsächlich eine feste Stelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Dieses Missverhältnis wollen wir mit unserem Online-Inklusionswegweiser für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber teilweise auflösen, indem wir Ordnung und Klarheit in das Informationschaos bringen. Außerdem wollen wir helfen, die Chancen für Menschen mit Behinderungen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.

Cornelia Scholz (CS): Das Stichwort Arbeit 4.0 ist für uns ganz entscheidend. Dieser Begriff fasst eine Menge Veränderungen zusammen, die gerade für Menschen mit Behinderung ganz neue Möglichkeiten in der Arbeitswelt eröffnen können. Dazu gehören die Digitalisierung, neue Arbeitskonzepte wie „New Work“ oder die Erwartungshaltung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – egal, ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Das ganze Bild von Arbeit hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt.

Wo setzen Sie mit „WayIn“ an?

KM: Wir haben ein benutzerfreundliches Informationsportal zu diesem Thema aufgebaut. Außerdem wollen wir mit Workshops und Webinaren für unser Anliegen sensibilisieren, insbesondere die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie Ausbilderinnen und Ausbilder. Wir wollen so deren Bereitschaft erhöhen, Menschen mit Behinderungen einzustellen. Eines der Herzstücke unserer Onlineplattform sind deshalb die so genannten „Inclusion Journeys“ (übersetzt: Inklusionsreisen).

Was ist das genau?

CS: Wir lassen die Nutzerinnen und Nutzer mit interaktiven Videos zu Arbeitsplätzen von Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen reisen, die in verschiedenen Branchen arbeiten. Inklusion ist dort bereits gelebte Realität. So gewähren wir Einblicke in den Arbeitsalltag von Menschen mit Behinderungen. Die Nutzerinnen und Nutzer lernen außerdem Möglichkeiten kennen, die Zusammenarbeit optimal zu gestalten.

Wie läuft so eine „Inclusion Journey“ ab?

KM: Zunächst treffen die potentiellen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber einen Menschen mit Behinderung an ihrem oder seinem Arbeitsplatz. Das geschieht zwar virtuell, wird durch verschiedene Elemente und Übungen aber zu einem interaktiven Erlebnis. Auf der Reise durchlaufen die Nutzerinnen und Nutzer verschiedene Stationen: Sie sehen und hören zum Beispiel Interviews mit Menschen mit Behinderung, danach folgen gespielte Szenen, um eine Situation zu verdeutlichen, später schließt sich eine Übung an. Wir ermöglichen unseren Nutzerinnen und Nutzern auf diese Weise, die Perspektive zu wechseln. Sie erfahren mehr über mögliche Hürden für Menschen mit Behinderung im Berufsalltag und spüren auch eigene Hemmschwellen. Sie lernen neue Wege kennen, diesen Barrieren und den eigenen Berührungsängsten mit Offenheit und Wertschätzung zu begegnen und Lösungen zu finden, anstatt bei den Problemen hängenzubleiben

Welche Lösungen können das sein?

CS: Digitale Medien eignen sich oft ganz hervorragend, um Barrieren abzubauen. Wir stellen in den Journeys deshalb digitale Tools oder andere Hilfsmittel vor, die dabei helfen können – zum Beispiel multimediale Assistenzsysteme. Diese sind in vielen Unternehmen noch nicht bekannt und werden daher selten angewendet.

Wie entstehen die Inhalte bei „WayIn“, insbesondere für die „Inclusion Journeys“?

KM: Alle Angebote von „WayIn“ werden in enger Zusammenarbeit mit Menschen entwickelt, die selbst eine Behinderung haben. Das reicht von der Beratung über Drehbücher und Ideen für die Übungen bis hin zur inhaltlichen Konzeption der Präsenzworkshops und der Webinare. Diese vertiefen die „Inclusion Journeys“. Auf unserer Website gibt es außerdem noch viele weitere Materialien, etwa Interviews oder weiterführende Links.

CS: Die Humboldt-Universität Berlin hat eine inklusive Lernplattform namens „LAYA“ entwickelt. Die Abkürzung steht für „Learn As You Are“ (übersetzt: „Lerne, wie du bist“). Getreu diesem Motto sind alle unsere „Inclusion Journeys“ entstanden und werden auf dieser Plattform auch angeboten – in verschiedenen Darstellungsformen und -niveaus, die bei Bedarf hinzugeschaltet werden können. Das Angebot ist für Menschen mit verschiedenen Behinderungen und Beeinträchtigungen barrierefrei: Die Inhalte sind für Screenreader geeignet, in Gebärdensprache übersetzt oder mit zuschaltbaren Untertiteln versehen.

Ihr Angebot ist schon jetzt vorwiegend digital. Hilft Ihnen das in Corona-Zeiten?

KM: Ja und nein. Einige unserer Angebote sind schon immer digital, bis zu den Kontaktbeschränkungen wegen Corona haben wir aber auch analoge Veranstaltungen organisiert, die gut besucht waren. Es ergaben sich dort viele Diskussionen und Gespräche, und so ein Austausch bringt alle Beteiligten immer sehr weiter. Unsere Webinare sind zwar sehr interaktiv angelegt, Gespräche sind also auch dort möglich – aber in einem sehr viel kleineren Rahmen. Nun sind wir gespannt, ob unsere große Abschlussveranstaltung am 5. Oktober 2020 stattfinden kann, denn unser Projekt läuft nach insgesamt drei Jahren am Ende dieses Jahres aus. Wir arbeiten zur Zeit schon daran, unser Angebot auch darüber hinaus zur Verfügung zu stellen.


Über unsere Interviewpartnerinnen




Diese Fragen werden blinden Menschen besonders oft gestellt (Video-Tipp)

„Wie orientierst du dich in einer fremden Stadt?“
„Brauchst du im Alltag viel Hilfe?“
„Wie träumst du?“

So lauten einige der insgesamt über 70 Fragen, die Fabiana vor der Produktion ihres Videos von sehenden Menschen gestellt bekommen hat. In einem ihrer YouTube-Videos sortiert sie diese Fragen und antwortet darauf sehr offen, mit viel Humor und manchmal auch sehr sarkastisch. Denn die meisten Fragenden sind ehrlich interessiert, einige andere überschreiten für Fabiana aber Grenzen und werden sogar manchmal unhöflich.

Ein Beispiel: Die YouTuberin hat noch ein Prozent Sehkraft (damit gilt sie in Deutschland als blind) und gerät deshalb immer wieder in skurrile Situationen. So fragen sie manchmal Menschen, die sie gerade erst kennengelernt hat, ob sie weiter entfernte Gegenstände oder die Farbe ihrer Kleidung erkennen kann. Solche „Tests“ empfindet Fabiana als sehr übergriffig und erzählt in ihrem YouTube-Beitrag, wie sie damit umgeht. Außerdem gibt sie sehenden Menschen Tipps, wie und wann sie ihre Fragen zum Thema Sehbehinderung oder Blindheit am besten stellen sollten.

Hier ist das Video:

Fabiana antwortet in ihrem Video auf die Fragen von Sehenden und erklärt, welche davon sie übergriffig findet.



Digitale Barrierefreiheit: Jetzt erst recht

Die Corona-Pandemie hat in den letzten Wochen das Kommunikationsverhalten von Menschen weltweit verändert. Treffen in Cafés, im Park, in der Kneipe, bei Freunden, im Büro oder beim Sport gehören erst einmal der Vergangenheit an. Der soziale Austausch zwischen Menschen findet plötzlich vor allem im Internet und in Telefon- oder Videokonferenzen statt.

In diesen Zeiten ist es besonders wichtig, dass digitale Informationen und Inhalte auch für Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen verfügbar sind. Was diese „digitale Barrierefreiheit“ genau bedeutet, was dafür nötig ist und warum auch Menschen ohne Behinderung davon profitieren, erklärt das Digital-Magazin D3 sehr gut in diesem Artikel.

D3 hat unterhalb des Artikels übrigens auch noch ein paar gute Empfehlungen zum Weiterlesen zusammengetragen. Einer davon enthält Tipps für barrierefreies Posten in den sozialen Netzwerken. Ein Beispiel: Ihr könnt auf Twitter, Facebook oder Instagram Bildbeschreibungen zu hochgeladenen Fotos einfügen. So können auch blinde Menschen oder Menschen mit Sehbehinderungen per Screenreader lesen, was auf den Fotos zu sehen ist. Wie das genau geht und noch mehr gute Social-Media-Tipps findet ihr in diesem D3-Artikel.