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Faire Mode für alle

Herr Kowalewski, wie kamen Sie auf die Idee, eine Modemanufaktur als Inklusionsunternehmen zu gründen?

Dafür muss ich etwas ausholen: Ich wollte schon immer gerne mit Menschen mit Behinderung arbeiten, diese Begeisterung ist mir sozusagen zugeflogen. Als ich meinen Zivildienst gemacht habe, habe ich aber leider keine passende Stelle bekommen. Vor einigen Jahren hat es dann geklappt. Ich hatte 13 Jahre lang in der Industrie gearbeitet, zuletzt bei der Firma Zeiss. Zwischen meinem Wohnort und meinem Arbeitsplatz musste ich weite Strecken pendeln. Außerdem war mir das Unternehmen zu groß. Es passte einfach nicht mehr, deshalb habe ich gekündigt. Eigentlich wollte ich mir direkt eine neue Stelle in einem anderen Unternehmen suchen, habe mich dann aber erst einmal für eine Auszeit entschieden, mich beim Bundesfreiwilligendienst beworben und in einem sonderpädagogischen Zentrum gearbeitet. Danach kam es für mich nicht mehr in Frage, in meine „alte“ Arbeitswelt zurückzukehren. Ich wollte etwas machen, das am Gemeinwohl orientiert ist und die Gesellschaft weiterbringt.

Und da kam Ihnen die Idee zu „Wasni“?

Nicht sofort. Anfangs hatte ich nur eine sehr vage Vorstellung, die dann immer konkreter wurde. Ich wollte etwas herstellen, das nachhaltig ist und den fairen Handel stärkt. Gleichzeitig hat mich sehr beschäftigt, dass es Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt oft noch so schwer haben. Viele sind in Werkstätten für behinderte Menschen unterfordert, bekommen in klassischen Unternehmen aber leider keine Chance. Ich wollte und will gerne beweisen, dass es anders geht und dass Inklusionsunternehmen auch langfristig am Markt bestehen und erfolgreich sein können. Die Idee, Kleidung herzustellen, ist durch einen Zufall entstanden – ich selbst kann gar nicht nähen. Eine Nachbarin, die selbst Taschen produziert, brachte mich auf den Gedanken.

Wie groß war Ihr Team, als Sie gegründet haben?

Wir haben zu dritt angefangen. Ich habe über Stellenanzeigen beim Arbeitsamt und private Kontakte zwei junge Kolleginnen gefunden, die nähen können. Nadine Feist ist gelernte Modedesignerin und Maßschneiderin und hat die Schnitte für unsere Kleidungsstücke entworfen. Yaprak Cukurova ist Modeteilnäherin, sie schneidet unter anderem die einzelnen Teile für die Sweatshirts und Jacken zu. Sie ist gehörlos, deshalb macht unser Team gerade einen Gebärdensprachkurs. Inzwischen arbeiten zehn Menschen bei „WASNI“.

Sie bieten auch Maßanfertigungen an. Gehörte das von Anfang an zu Ihrem Konzept?

Nein, auch diese Idee ist uns zufällig zugeflogen. (lacht) Einen Tag vor der Eröffnung unserer Manufaktur und unseres kleinen Ladens in Esslingen hatten wir die Idee, dass die Kundinnen und Kunden sich besondere Farben für die Bündchen, das Innenfutter der Kapuzen und die Reißverschlüsse aussuchen können. Wir wollten etwas Besonderes anbieten, mit dem wir uns von der Konkurrenz abheben. Und diese Teile werden sowieso separat vernäht, das bedeutet also keinen Mehraufwand.

Der richtige Durchbruch kam dann am Eröffnungstag. Ein sehr großer, schlanker Mann wollte bei uns ein Sweatshirt kaufen. Er erzählte, dass er beim Kleidungskauf immer dasselbe Problem hatte: In der Weite reichte ihm eigentlich die Konfektionsgröße M. Damit Rumpf und Ärmel in der Länge passten, musste er aber Größe XL kaufen. So entstand die Idee zu unserem Konfigurator im Online-Shop, in dem unsere Kundinnen und Kunden alle Farben und Maße individuell auswählen können. Für die Maßanfertigungen berechnen wir übrigens keinen Aufpreis. Wir möchten niemanden durch höhere Kosten dafür „bestrafen“, dass ihr oder ihm Standardgrößen nicht passen. Unser Motto „Wenn anders sein normal ist“ gilt ja nicht nur für unser Team, sondern auch für unsere Kundschaft. Für uns schließt sich damit ein Kreis.

Eine Nähmaschine und die Hände einer Person, die gerade ein Stoffstück näht.
Arbeiten an der Nähmaschine in der wasni-Manufaktur in Esslingen. Foto: wasni/Sandra Eberwein

Rechnet es sich für Ihr Unternehmen, alle Kleidungsstücke in Handarbeit und aus fair gehandeltem Bio-Stoff zu nähen? Die meisten Modefirmen lassen ihre Ware ja in Ländern mit einem deutlich niedrigeren Lohnniveau herstellen und verarbeiten herkömmliche Baumwolle.

Eine Kapuzenjacke kostet bei uns 79 Euro. Wir orientieren uns an den Preisen des Unternehmens „Armedangels“, das auch fair gehandelte Kleidung verkauft, und der Firma Trigema, die ausschließlich in Deutschland produziert. Wahrscheinlich würden einige Kundinnen und Kunden auch mehr für unsere Pullover bezahlen, aber wir möchten ja viele Menschen erreichen. Wir können mit unseren Preisen vor allem deshalb wirtschaftlich arbeiten, weil wir ausschließlich in unserem eigenen Laden und über unseren Online-Shop verkaufen. Wir arbeiten nicht mit Zwischenhändlern zusammen. Außerdem dürfen wir sieben statt 19 Prozent Mehrwertsteuer berechnen, weil wir ein gemeinnütziges Unternehmen sind.

Und reicht das für einen Gewinn?

Natürlich erwirtschaften wir keine hohen Profite, aber das ist auch nicht unser Anspruch. Meine beiden ersten Mitarbeiterinnen und ich haben nach der Gründung zum Mindestlohn von 8,50 Euro gearbeitet, inzwischen haben wir den Stundenlohn auf 12 Euro angehoben. Das ist immer noch wenig, für die Branche aber in Ordnung. Alle Gewinne, die übrigbleiben, müssen wir als gemeinnütziges Unternehmen sowieso wieder in den Betrieb investieren.

Bekommen Sie Fördermittel oder eine andere finanzielle Unterstützung?

Ja, wie alle Inklusionsunternehmen können wir Fördermittel aus der sogenannten Ausgleichsabgabe beantragen. Diese Abgabe müssen Firmen zahlen, die keine oder zu wenige Menschen mit Behinderung beschäftigen, obwohl sie dazu eigentlich gesetzlich verpflichtet sind. Aus diesem Topf bekommen Inklusionsbetriebe zum Beispiel Zuschüsse zu Investitionen, wenn sie einen Menschen mit Schwerbehinderung neu einstellen. Wir haben damit unter anderem einen höhenverstellbaren Tisch für Nähmaschinen finanziert, weil Nadine kleinwüchsig ist. Darüber hinaus bekommen wir Zuschüsse zu den Lohnkosten. Die kann jedes Unternehmen beantragen, das Menschen mit Behinderung einstellt, ob Inklusionsbetrieb oder nicht.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Wir haben dieses Jahr 3.000 Pullis verkauft, unser Ziel sind 5.000 bis 6.000. Es geht uns aber nicht darum, der größte Hoodie-Hersteller zu werden. Wir möchten Vorbild sein und zeigen, dass unser Geschäftsmodell funktioniert. Dafür muss unser Unternehmen eben mehr sein ein „nettes, kleines Atelier“. Wir wollen ja etwas bewegen.


Porträtfoto von Daniel Kowalewski

Foto: Leon Mähr

Über unseren Interviewpartner

Name: Daniel Kowalewski
Geburtsjahr: 1975
Wohn- und Arbeitsort: Esslingen
Beruf: Sozialunternehmer, Gründer von WASNI
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: „Jeder ist ein Genie! Aber wenn Du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist.“ (Albert Einstein)

Filmtipp

Der SWR hat im Jahr 2020 im Rahmen seiner Reihe „Mensch Leute“ eine 30-minütige Doku über das Unternehmen gedreht. Der Titel: „Der Hoodie-Macher — Jobs für Menschen mit Handicap“. Hier könnt ihr euch den Film anschauen: