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8 Fragen und Antworten zur Leichten Sprache

Viele Websites und Broschüren gibt es auch in Leichter Sprache, damit Informationen auch für Menschen mit Lernschwierigkeiten barrierefrei verfügbar sind. Wir haben hier für euch zusammengefasst, welche Regeln es für diese Texte gibt, wer sie aufschreibt und warum sie manchmal auch kritisiert werden. Acht spannende Fakten zur Leichten Sprache!

Eine Frau mit Rollstuhl und ein Mann sitzen gemeinsam im Büro vor einem Bildschirm und besprechen etwas.

#1: Was ist die Leichte Sprache?

Die Leichte Sprache ist eine leicht verständliche Sprache, die geschrieben und auch gesprochen werden kann. Sie ist vor allem für Menschen mit Lernschwierigkeiten gedacht (früher: „Menschen mit geistiger Behinderung“), die Texte in der (schwierigeren) Alltagssprache nicht oder nicht gut lesen und verstehen können.

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Texte in Leichter Sprache können auch Menschen ohne Deutschkenntnisse helfen, die gerade die Sprache lernen. Auch für Gehörlose ist diese Sprachform unter Umständen besser zu lesen, weil manche die Deutsche Schriftsprache nicht so gut beherrschen. Das liegt daran, dass die Deutsche Gebärdensprache eine ganz andere Grammatik hat als die gesprochene und die Schriftsprache (das erklären wir hier genauer).


#2: Gibt es feste Regeln für die Leichte Sprache?

Ja, es ist genau festgelegt, wie Texte in Leichter Sprache geschrieben werden sollen. Die wichtigsten Regeln sind: Sätze sollen kurz sein und keine Fach- oder Fremdwörter enthalten. Zusammengesetzte Wörter werden getrennt geschrieben und mit einem Bindestrich oder einem Punkt verbunden, zum Beispiel „Bundes-Regierung“ oder „Bundes·regierung“. Außerdem sollten möglichst viele Fotos und Bilder verwendet werden, die beim Verstehen helfen.

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Die Regeln für die Leichte Sprache wurden von Menschen mit Lernschwierigkeiten erarbeitet. Mitglieder des Vereins „Netzwerk Leichte Sprache“ haben sie weiterentwickelt und aufgeschrieben.


#3: Sind Leichte Sprache und Einfache Sprache dasselbe?

Nein, die beiden Sprachformen sind unterschiedlich anspruchsvoll. Die Leichte Sprache entspricht dem Level A1 des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen – also ungefähr einem Anfängerkurs für Menschen ohne Deutschkenntnisse. Die Einfache Sprache liegt zwischen der Leichten Sprache und der Alltagssprache, sie entspricht ungefähr dem Level A2/B1 (Anfänger mit Vorkenntnissen/Fortgeschrittene). Sie ist für Menschen gedacht, die aus verschiedenen Gründen mit dem Lesen und Schreiben Probleme haben.

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Anders als bei der Leichten Sprache gibt es für die Einfache Sprache kein festes Regelwerk, sondern nur Empfehlungen. Texte in Einfacher Sprache sollen zum Beispiel ebenfalls aus möglichst kurzen Sätzen bestehen. Im Gegensatz zur Leichten Sprache sind hier aber auch (gut verständliche) Nebensätze erlaubt.


#4: Welche Texte gibt es in Leichter Sprache?

Viele öffentliche Einrichtungen und Institutionen, zum Beispiel die Deutsche Bundesregierung, veröffentlichen Informationen in Leichter Sprache auf ihren Internetseiten oder in Broschüren. Es gibt aber auch viele Bücher mit Geschichten, die in die Leichte oder die Einfache Sprache übertragen wurden, zum Beispiel hier oder hier.

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Das Netzwerk Leichte Sprache hat vor einigen Jahren die Deutschen Grundrechte in die Leichte Sprache (Link führt zum PDF) übertragen. Das war sehr wichtig, denn viele Menschen mit Lernschwierigkeiten kannten bis dahin ihre Grundrechte gar nicht.


#5: Gibt es auch andere Sprachen in vereinfachter Form, zum Beispiel Leichtes Englisch?

Ja, viele europäische Sprachen gibt es auch in einer vereinfachten Form. Leichtes Englisch heißt zum Beispiel „Easy to read“ (Übersetzung: „Leicht zu lesen“) und wird in den USA und in Großbritannien verwendet. Auch in Frankreich, den Niederlanden, Skandinavien und vielen weiteren Ländern ist die Leichte Sprache schon lange anerkannt.

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„Easy to read“ ist in den 1970er-Jahren entstanden und war die erste Leichte Sprache der Welt. Etwa 20 Jahre später wurde die Idee auch in Deutschland aufgegriffen.


#6: Wie entstehen Texte in Leichter Sprache?

Ähnlich wie für Fremdsprachen gibt es auch für die Leichte Sprache Übersetzerinnen und Übersetzer. Sie werden von Institutionen, Organisationen oder Verlagen beauftragt. Bevor sie anfangen, einen Text in die Leichte Sprache zu übertragen, fassen sie den Inhalt grob zusammen. Dabei achten sie vor allem darauf, welche Informationen für Menschen mit Lernschwierigkeiten besonders wichtig sind und was wegfallen kann, damit der Text in Leichter Sprache nicht zu lang wird. Für ein gutes Ergebnis besprechen die Übersetzerinnen und Übersetzer die wichtigen Inhalte am besten mit Prüferinnen und Prüfern für Leichte Sprache (siehe #7).

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Die meisten Texte in Einfacher Sprache sind ebenfalls eine Übersetzung der Alltagssprache. Hier stellen wir euch ein Buch vor, für das bekannte Autorinnen und Autoren zum ersten Mal ganz neue Geschichten in Einfacher Sprache geschrieben haben.


#7: Woher wissen die Übersetzerinnen und Übersetzer, wann Menschen mit Lernschwierigkeiten einen Text gut verstehen können?

Wenn ein Text in die Leichte Sprache übertragen wurde, lesen ihn anschließend Prüferinnen und Prüfer mit Lernschwierigkeiten. Sie kontrollieren, wie gut die Übersetzung ist. Verstehen sie einen Satz oder den ganzen Text nicht, müssen die Übersetzerinnen und Übersetzer ihn noch einmal überarbeiten.

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Prüferinnen und Prüfer für Leichte Sprache arbeiten oft in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). Sie kontrollieren dort im Rahmen ihrer Beschäftigung Texte, die in Leichte Sprache übersetzt wurden. In Zukunft sollen die Prüferinnen und Prüfer sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen – dafür setzen sich die Mitglieder des Netzwerks Leichte Sprache ein. Sie entwickeln dafür in einem Modellprojekt zusammen mit der Caritas Augsburg eine neue Qualifizierung. Das Konzept: Menschen mit Lernschwierigkeiten sollen künftig als Büropraktikerin oder Büropraktiker für Leichte Sprache in öffentlichen Einrichtungen oder anderen Organisationen Texte in Leichter Sprache prüfen und andere Büroaufgaben übernehmen.


#8: Gibt es auch Kritik am Konzept der Leichten Sprache?

Ja, einige Politiker und Journalistinnen haben zum Beispiel kritisiert, dass bei der Übertragung in die Leichte Sprache Inhalte weggelassen oder zu stark vereinfacht erklärt werden. Oft kennen sich Kritikerinnen und Kritiker aber gar nicht richtig mit der Leichten Sprache aus: Sie wissen nicht, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten genau diese Vereinfachungen brauchen, um einen Text überhaupt zu verstehen.

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Texte in Leichter Sprache sind immer als Zusatzangebot gedacht, damit alle Menschen wichtige Informationen lesen können. Die Leichte Sprache soll auch in Zukunft nicht die Standardsprache ersetzen. Das wird oft falsch verstanden.


Das Netzwerk Leichte Sprache

Für diesen Text haben wir mit Thorsten Lotze gesprochen, der als Übersetzer für Leichte Sprache arbeitet und im Vorstand des Vereins „Netzwerk Leichte Sprache“ ist. Insgesamt gehören vier Übersetzerinnen und Übersetzer und sechs Menschen mit Lernschwierigkeiten zum Vorstand des Netzwerks.
Der Verein wurde 2006 gegründet und hat inzwischen 170 Mitglieder aus sieben Ländern, in denen Deutsch gesprochen wird: Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tirol (Region in Italien), Luxemburg, Belgien und den Niederlanden. Die Mitglieder sind entweder Einzelpersonen – zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten, Übersetzerinnen und Übersetzer – oder Organisationen wie die AWO, die Caritas und die Diakonie. Sie alle engagieren sich in Arbeitsgruppen für eine gute Qualifizierung von Übersetzerinnen und Prüfern – oder auch dafür, dass mehr Menschen auch in Leichter Sprache sprechen und es zum Beispiel bei großen Veranstaltungen mehr Vorträge in Leichter Sprache gibt. Einmal pro Jahr findet ein großes Netzwerktreffen statt, bei dem sich die Mitglieder austauschen.

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