FAQ für Unternehmen und Betriebe: Beratungskompass Inklusion

In unserem Fundstück der Woche zum Welttag des Downsyndroms am 21. März 2021 wurde in einem kurzen Film zu einem Song des Sängers Sting deutlich, warum Inklusion in der Wirtschaft so wichtig ist: Wenn es normaler wird, dass Menschen mit Schwerbehinderung in allen Branchen arbeiten und vor allem sichtbar sind, werden auf Dauer immer mehr Unternehmer:innen folgen – und die Gesellschaft wird damit insgesamt inklusiver.

An fehlenden Informationen sollte das keinesfalls scheitern. Deshalb hat das Projekt „Wirtschaft inklusiv“ der Bundesarbeitsgemeinschaft ambulante berufliche Rehabilitation e.V. den Beratungskompass Inklusion aufgebaut.
Der Kompass ist eine Art FAQ (Abkürzung für „Frequently Asked Questions“, Auf Deutsch: „Häufig gestellte Fragen“), der viele detaillierte Fragen rund um die Eingliederung, Anstellung, Ausbildung, Förderung und Beschäftigung von Menschen mit Schwerbehinderung beantwortet.
Zum Beispiel: Wo finde ich geeignete Bewerberinnen und Bewerber für eine neue Stelle in meinem Unternehmen? Welche Zuschüsse gibt es und für was? Und was muss ich beachten, wenn ich einen Ausbildungsplatz für einen Menschen mit Schwerbehinderung schaffen möchte?

Ein Tipp: Ihr könnt beim Beratungskompass oben auch freie Suchbegriffe eingeben und schauen, ob es im Beratungskompass einen Treffer dazu gibt.




Ohne Umwege in den Beruf

Frau Lebek, wie kamen Sie und Ihr Team auf die Idee, ein Job-Speed-Dating für Schülerinnen und Schüler mit Handicap zu organisieren?

Karin Lebek: Das Konzept, das es schon in anderen Regionen und Städten gibt, wollten wir gern nach Westfalen-Lippe holen. Unser Ziel war und ist es, Unternehmen durch kurze Gespräche und auf dem „schnellen Weg“ mit Schülerinnen und Schülern zusammenzubringen und so erste Kontaktpunkte herzustellen.
Dabei haben wir eng mit der Großkundenberatung der Bundesagentur für Arbeit zusammengearbeitet. Wir wollten gemeinsam möglichst vielen jungen Leuten Perspektiven bieten, zum Beispiel Anlern- oder Helfertätigkeiten, Praktika, Einstiegsqualifizierungen, Ausbildungen zu machen.
Für beide Seiten hat das gut funktioniert: Die Schülerinnen und Schüler konnten beim Job-Speed-Dating erste berufliche Kontakte knüpfen. Und die Vertreterinnen und Vertreter der Unternehmen konnten junge Nachwuchstalente kennenlernen und sich einen Eindruck von deren Persönlichkeiten und Fähigkeiten verschaffen.

Wen wollten Sie mit dieser Aktion ansprechen?

Carsten Roman: Wir wollten Schülerinnen und Schüler zum Mitmachen anregen, die über das NRW-Projekt KAoA-STAR durch einen Integrationsfachdienst unterstützt werden. Darunter sind zum Beispiel junge Menschen mit anerkannter Schwerbehinderung, Autismus-Spektrum-Störungen oder auch solche, die sonderpädagogisch gefördert werden, zum Beispiel wegen körperlicher, motorischer oder geistiger Entwicklungsstörungen, Seh- oder Hörbehinderungen oder wegen Handicaps in Kommunikation und Sprache. Sie alle absolvieren im Moment das neunte beziehungsweise vorletzte Schuljahr.

Werden diese Schülerinnen und Schüler denn beim Berufseinstieg schon begleitet, abgesehen vom Job-Speed-Dating?

Karin Lebek: Ja, mit dem besagten Projekt des Landes NRW KAoA-STAR. Die Abkürzungen bedeuten „Kein Abschluss ohne Anschluss“ und „Schule trifft Arbeitswelt“. Insgesamt gibt es 20 Integrationsfachdienste im Westfalen-Lippe, bei denen die dort arbeitenden Fachkräfte junge Menschen beim Übergang von der Schule in den Beruf unterstützen. Sie begleiten die Jugendlichen also auch bei der Berufsorientierung.
Beim Job-Speed-Dating waren unsere Leute aus den Integrationsfachdiensten Gelsenkirchen, Bottrop und Gladbeck, Dortmund, Hagen und Ennepe-Ruhr sowie Bochum und Herne beteiligt. Sie haben mit den Schülerinnen und Schülern zum Beispiel Bewerbungsunterlagen vorbereitet und ihnen dabei geholfen, sich über Unternehmen vorab zu informieren. Außerdem überlegen sie mit ihnen gemeinsam, welcher Berufsweg für sie der richtige sein könnte.

Die beiden Schüler Melissa Adem und Daniel-Joel Meißner stehen nebeneinander und lächeln in die Kamera.
Die beiden Schüler Melissa Adem und Daniel-Joel Meißner nutzten das Job-Speed-Dating in Dortmund, um sich über Handwerksberufe im Elektrobereich zu informieren.
Foto: LWL/Rütershoff | Bearbeitung: LWL

Wie muss ein solches Job-Speed-Dating organisiert sein, damit es gut funktioniert und Erfolge bringt?

Carsten Roman: Das beginnt schon bei der Anreise der Schülerinnen und Schüler. Wir haben das in zwei „Wellen“ organisiert und so dafür gesorgt, dass nicht alle 120 jungen Menschen auf einmal in Dortmund ankamen. So hatte jede und jeder genug Zeit für die Gespräche, die ja auch aufregend für die jungen Leute sind.
Die Schülerinnen und Schüler wurden teilweise auch von ihren Lehrerinnen und Lehrern begleitet. Sie haben die Gespräche an sich aber ganz eigenständig geführt. Das war uns und ihnen sehr wichtig. Die Räumlichkeiten, in denen das Speed-Dating stattfand, waren außerdem barrierefrei, zum Beispiel auch dank der technischen Ausstattung, die es dort gab. Damit konnten auch junge Leute mit Hörbehinderung ohne Probleme teilnehmen. Wichtig war natürlich auch die Privatsphäre bei den Unterhaltungen. Deshalb haben wir Trennwände zwischen den Tischen der einzelnen Unternehmen aufgestellt. Und wir haben Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher engagiert, um eine reibungslose Kommunikation sicherzustellen.

Gab es Aspekte, auf die die teilnehmenden Unternehmen achten mussten?

Karin Lebek: Die Firmen haben uns im Vorfeld mitgeteilt, welche beruflichen Möglichkeiten und Perspektiven es in ihren Unternehmen gibt, so dass die Gespräche und Zusammensetzungen schon vorher geplant werden konnten. Umgekehrt haben wir den Unternehmen, Betrieben und Institutionen viel über die Schülerinnen und Schüler erzählt und diesen je ein Infopaket zur Verfügung gestellt. Darin konnten sie nachlesen, wie sie vom Land und vom Bund bei der Beschäftigung von Menschen mit einer (Schwer-)Behinderung unterstützt werden können. Einige Unternehmen und Betriebe beschäftigen aber zum Teil sowieso schon Menschen mit Handicaps und kennen sich mit dem Thema aus.

Die Firmen haben uns im Vorfeld mitgeteilt, welche beruflichen Möglichkeiten und Perspektiven es in ihren Unternehmen gibt, so dass die Gespräche und Zusammensetzungen schon vorher geplant werden konnten.
Carsten Roman

Was war für Sie persönlich besonders positiv?

Carsten Roman: Zum einen die hohe Anzahl an Teilnehmerinnen und Teilnehmern: Es waren etwa 120 junge Menschen mit dabei, die auf elf Unternehmen unterschiedlicher Branchen trafen. Neben Großunternehmen waren auch Inklusionsbetriebe angereist. Die Schülerinnen und Schüler konnten sich zusätzlich von der Landwirtschaftskammer, der Handwerkskammer und der regionalen Agentur für Arbeit Dortmund beraten lassen.
Und ich fand es toll, dass auch einige Auszubildende aus den Unternehmen mitgereist waren. Das hat die Atmosphäre und auch den Wissenstransfer sehr positiv beeinflusst, weil diese jungen Menschen ja schon von ihren eigenen Erfahrungen in den Betrieben berichten konnten. Außerdem sind alle, die von Arbeitgeberseite mit dabei waren – die Vertreterinnen und Vertreter der Unternehmen, die der Kammern und die der Agentur für Arbeit – sehr offen und wertschätzend mit den Jugendlichen umgegangen.

Was waren für Sie die wichtigsten Ergebnisse des Tages?

Karin Lebek: Zunächst einmal konnten sich die Schülerinnen und Schüler in den persönlichen Gesprächen gut über Perspektiven im jeweiligen Betrieb informieren. Sie haben also einen guten Eindruck davon bekommen, welche Möglichkeiten ihnen offenstehen. Aus den Gesprächen haben sich schon einige Praktika ergeben und möglicherweise auch eine Ausbildung. Genaueres wird die Auswertung der Veranstaltung zeigen: Wir aktualisieren den Stand dieser Analyse regelmäßig im Abstand von drei Monaten.

Planen Sie schon ein zweites Job-Speed-Dating?

Carsten Roman: Ja, in Dortmund wird die nächste Veranstaltung voraussichtlich im September 2019 stattfinden, denn wir haben sehr viel positives Feedback von allen Beteiligten bekommen. Kurz nach der Veranstaltung haben wir die Schülerinnen und Schüler nach ihren Eindrücken befragt. Dabei kam heraus, dass die jungen Leute das Speed-Dating mit einem positiven Gefühl verlassen haben. Auch die Unternehmen haben uns gespiegelt, dass es eine gelungene Veranstaltung war. Die Jugendlichen waren aus Sicht der Firmen sehr gut vorbereitet. Einige der Unternehmen planen jetzt – auch als Reaktion auf das Job-Speed-Dating – noch mehr Perspektiven in ihren Betrieben für Schülerinnen und Schüler mit Behinderung zu schaffen. Das freut uns natürlich sehr und wir können uns deshalb auch gut vorstellen, das Konzept auf weitere Regionen in Westfalen-Lippe auszuweiten.


Porträtfoto von Karin Lebek

Foto: LWL

Über Karin Lebek

Geburtsjahr: 1986
Wohn-/Arbeitsort: Münster
Beruf: Koordinatorin beim LWL-Inklusionsamt Arbeit (Übergang Schule-Beruf, Landesvorhaben KAoA-STAR

Porträtfoto von Carsten Roman

Foto: LWL

Über Carsten Roman

Geburtsjahr: 1985
Wohn-/Arbeitsort: Münster
Beruf: Koordinator beim LWL-Inklusionsamt Arbeit (Übergang Schule-Beruf, Landesvorhaben KAoA-STAR

Was ist Job-Speed-Dating?

Das Konzept des Job-Speed-Datings stammt ursprünglich aus Großbritannien. Es lehnt sich an die Idee der Partnersuche im Schnelldurchlauf an. Dabei können Menschen in wenigen Minuten mehrere (romantische) Kontakte knüpfen, haben also eine gute Chance, gleich mehrere potentielle Partner kennenzulernen. Nach dem Speed-Dating können sich gezielt wieder mit einzelnen Menschen verabreden, von denen sie in kurzer Zeit einen guten Eindruck bekommen haben.

Genauso funktioniert auch das Job-Speed-Dating, nur dass es eine Art „berufliche Partnersuche“ ist. Der große Vorteil für beide Seiten, aber vor allem für die Arbeitssuchenden: Bewerbungsschreiben und Zeugnisse sind nicht mehr ganz so wichtig wie in klassischen Bewerbungsverfahren. Der persönliche Eindruck des Bewerbers oder der Bewerberin ist viel entscheidender.

Das Konzept kam im Jahr 2012 nach Deutschland. Seither organisieren unter anderem Arbeitsagenturen, Universitäten, Firmen oder andere Einrichtungen und Institute die kurzen Gespräche zwischen Jobanwärtern und Arbeitgebern, die in der Regel maximal 10 Minuten dauern.
Zum Job-Speed-Dating des LWL kamen im September 2018 insgesamt 120 Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen in die LWL-Rheinisch-Westfälische Realschule in Dortmund. Die Koordinierungsstelle KAoA-STAR beim LWL-Inklusionsamt Arbeit hatte die Veranstaltung zusammen mit der Großkundenberatung West der Bundesagentur für Arbeit organisiert.




Ein steiniger Weg an die Uni

Sabrina Vielmayer ist eine von vielen jungen Menschen, die oft zu spüren bekommt, dass es in Deutschland nicht immer gleichberechtigt zugeht. Sie hat vor allem im Zusammenhang mit ihrem Recht auf Bildung viele Nachteile erlebt. Um sie dreht sich die Reportage, die wir euch heute empfehlen möchten.

Der Aufhänger ist eine beeindruckende aktuelle Zahl: drei Millionen. So viele junge Menschen sind heute an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Das ist tatsächlich viel und auch deutlich mehr als früher, deshalb spricht die Politik davon oft, um zu zeigen, dass das Bildungsniveau in Deutschland steigt. Was an dieser Zahl aber nicht deutlich wird: Gleichberechtigt ist der Zugang an die Unis längst nicht für alle jungen Mitglieder der Gesellschaft, deren Leistungen aber gut genug sind, um ein Hochschulstudium absolvieren zu können. Kinder aus finanziell schwächeren Haushalten haben es zum Beispiel besonders schwer, hier Fuß zu fassen. Und wenn dann noch eine Behinderung dazukommt – wie bei Sabrina Vielmayer, die mit einer spinalen Muskelatrophie geboren wurde –, werden die Hürden noch viel komplexer.

Wie die junge Frau es auch nach wiederholten Rückschlägen trotzdem geschafft hat, ihren Bildungsweg bis zur Hochschule zu schaffen, diese abzuschließen und erfolgreich in ihren ersten Job zu starten, könnt ihr in dieser → Reportage in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nachlesen – eine Geschichte, die hoffentlich auch vielen anderen jungen Menschen Mut macht, trotz vieler Barrieren ihren Weg zu gehen!

Infos und Links: Studieren mit Behinderung

Junge Menschen mit Behinderung, die gerne studieren wollen oder darüber nachdenken, können sich in diesem Artikel auf studis-online.de einen ersten Überblick über das Thema verschaffen (Seite zuletzt aktualisiert im August 2017). Weitere Informationen findet ihr auch auf den Seiten des Deutschen Studentenwerks zum Thema Behinderung und bei der Stiftung myhandicap.de.




Was ist eigentlich… eine Arbeitsassistenz?

Schwer erreichbare Werkzeuge anreichen, Gebärdensprache dolmetschen oder Termine ausmachen: Das sind nur ein paar der Dinge, mit denen Assistenten Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz helfen. In diesem Artikel erklären wir, warum es sie gibt, was sie genau machen und wie ihre Hilfe beantragt werden kann.


Wozu gibt es Arbeitsassistenten und wie werden sie finanziert?

Einige Menschen mit einer Schwerbehinderung brauchen am Arbeitsplatz eine helfende Hand, um ihrer gelernten oder studierten Tätigkeit nachgehen zu können. Damit ihnen keine Nachteile gegenüber nicht behinderten Arbeitnehmern entstehen, gibt es die so genannten Arbeitsassistenten. Sie helfen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Handicap, sich im Arbeitsleben voll zu entfalten, so dass sie ihre Qualifikationen umfassend einsetzen und ihre Fähigkeiten ausbauen können. Damit werden bestehende Arbeitsverhältnisse gesichert, denn Arbeitsassistenten helfen, behinderungsbedingte Schwierigkeiten auszugleichen und Problemen am Arbeitsplatz vorzubeugen. Neben dieser Unterstützung zur Teilhabe am Arbeitsleben sichert eine Assistenz auch den sozialen Status des Menschen mit Handicap innerhalb der Gesellschaft. Die Leistungen der Assistenten werden übrigens, soweit sie der Erhaltung des Arbeitsplatzes dienen, aus der Ausgleichsabgabe finanziert.

Welche Aufgaben haben Arbeitsassistenten?

Arbeitsassistenten helfen schwerbehinderten Mitarbeiterinnen oder -Mitarbeitern zum Beispiel bei Außenterminen, bei denen sie sich in fremden und manchmal nicht barrierefreien Umgebungen zurechtzufinden müssen. Bewegungseingeschränkten Personen können sie etwa schwere Dinge tragen helfen oder Unterlagen anreichen. Blinde und sehbehinderte Menschen profitieren von einer Assistenz, weil diese ihnen zum Beispiel handschriftliche Texte vorlesen kann, und Gehörlose werden bei kommunikativen Tätigkeiten wie etwa Terminabsprachen oder Telefonaten unterstützt. Assistenten übernehmen also nur leichte Büro-, Buchhalterei- oder andere Innendienstjobs, die sie nach einer kurzen Anlern- und Einweisungsphase für die Person erledigen können, die sie begleiten. Dafür brauchen sie also keine Vor- oder Ausbildung.

Wer hat Anspruch auf eine Arbeitsassistenz?

Allen Arbeitnehmern mit einem Behinderungsgrad von mindestens 50 Prozent, die regelmäßig Hilfe brauchen und mindestens 15 Stunden in der Woche arbeiten, steht eine Arbeitsassistenz zu. Auch Personen, die von der Agentur für Arbeit gleichgestellt wurden, haben ein Recht auf die Hilfe. Das gleiche gilt für Beschäftigte in Inklusionsbetrieben, die eine Wochenarbeitszeit von mindestens zwölf Stunden haben.

Wie kann man eine Arbeitsassistenz beantragen?

Schwerbehinderte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können einen entsprechenden Antrag an das zuständige Inklusionsamt stellen. Dazu gibt es standardisierte Formulare, die ausgefüllt eingereicht werden müssen. Zusätzlich müssen dem Antrag meist noch weitere Unterlagen beigefügt werden, etwa der Arbeitsvertrag oder der Schwerbehindertenausweis. Es kann auch vorkommen, dass eine Tätigkeitsbeschreibung der möglichen Assistenz nötig ist. Die vollständigen Unterlagen sendet die Antragstellerin oder der Antragsteller dann an das Inklusionsamt.

Wie läuft das weitere Antragsverfahren ab?

Sobald der Antrag beim zuständigen Amt eingegangen ist, wird er geprüft. Wenn eine Assistenz für die jeweilige Person infrage kommt, wird ihr oder ihm eine Fachberaterin oder ein Fachberater zugewiesen. Diese Fachkraft lernt den Menschen mit Behinderung dann erst einmal kennen und schaut sich seine Tätigkeit und die technische Ausstattung an seinem Arbeitsplatz an. Dafür besucht sie oder er den Arbeitsplatz, es wird über die Aufgaben gesprochen und die wichtigsten Arbeitsabläufe werden geklärt. Wenn es nötig ist, werden auch der Arbeitgeber und gegebenenfalls auch die gewählte Schwerbehindertenvertretung hinzugezogen.
Auf diese Weise legen die Fachberaterinnen oder -berater in jedem Einzelfall das notwendige Budget für eine Assistenz fest. Die Höhe dieses Betrags richtet sich nach dem Einkommen der Arbeitnehmerin oder des Arbeitnehmers sowie nach der Arbeitszeit und dem Umfang der benötigten Hilfe. Der Grund: Das Budget muss im Verhältnis zum Integrationserfolg stehen und darf deshalb höchstens 50 Prozent des Bruttolohns ausmachen.
Wenn die Hilfe am Arbeitsplatz bewilligt ist – das Verfahren dauert üblicherweise mehrere Wochen –, überweist das Inklusionsamt der Arbeitnehmerin oder dem Arbeitnehmer jeden Monat das zuvor festgelegte Budget. Dieses Geld muss die Person dann selbst verwalten, darf sich eine passende Assistenz suchen und diese auch selbst engagieren. Damit wird ganz bewusst das Selbstbestimmungsrecht der Antragstellerin oder des Antragstellers betont.

Wie findet man eine Arbeitsassistenz?

Jeder Mensch mit Handicap, dessen Antrag auf Assistenz bewilligt wurde, muss selbst eine Arbeitsplatz-Hilfe suchen und engagieren. Dazu sind entsprechende Stellenanzeigen in lokalen Medien oder regionale Aushänge meist am besten geeignet. Mittlerweile gibt es zudem auch im Netz einige Angebote, zum Beispiel spezielle Assistenz-Börsen. Hier einige Beispiel-Portale zum Stöbern:

www.assistenzboerse.de
www.stellenmarkt-sba.de
www.assistenz.org/jobs
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Weitere Informationen zu Arbeitsassistenzen sind auf den Seiten der Inklusionsämter zu finden. Darüber hinaus hat die Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung zusammen mit der Aktion Mensch extra ein Handbuch zum Thema herausgebracht, das ein sehr guter erster Leitfaden ist.

Info-ISchon gewusst?
Die Arbeitsassistenz ist Teil der so genannten Begleitenden Hilfe im Arbeitsleben und damit eine der Hauptaufgaben der Inklusionsämter in Deutschland. Die Begleitende Hilfe umfasst alle Maßnahmen, die die Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben und damit an der Gesellschaft sicherstellen. Neben finanziellen Hilfen zählen dazu vor allem auch beratende Angebote für Arbeitnehmer und -geber. Ein Beispiel dafür: Wenn nach einer plötzlichen Erkrankung der Arbeitsplatz durch den Technischen Beratungsdienst umgestaltet werden musste, ist das eine Begleitenden Hilfe im Arbeitsleben  ebenso wie auch Hilfen für den Arbeitsweg und spezielle Fort- und Weiterbildungen. Bei persönlichen Problemen am Arbeitsplatz, wenn es zum Beispiel Ärger mit Vorgesetzten oder Kollegen gibt, bietet die Begleitende Hilfe eine psychosoziale Betreuung an.
Weitere Informationen sind auf den Seiten der Inklusionsämter, der Integrationsfachdienste oder des LVR-Inklusionsamts zu finden.




VIER FRAGEN AN… Silke Naun-Bates

Im Alter von acht Jahren hatte Silke Naun-Bates einen schweren Unfall. Ihr mussten anschließend beide Beine amputiert werden. Die heute 50-Jährige ließ sich von diesem Schicksalsschlag nicht unterkriegen und geht heute sehr selbstbewusst mit ihrer körperlichen Behinderung und den damit verbundenen Veränderungen um. Durch ihre positive Haltung und entgegen ärztlicher Prognosen erkämpfte sich Silke Naun-Bates ein unabhängiges, selbstständiges Leben, in dem sie sehr glücklich ist. Sie arbeitet als Autorin und spricht unter anderem auf Konferenzen über das Thema Inklusion und über ihr Leben mit Behinderung. Mit uns hat sie über ihre persönliche Vision einer inklusiven Gesellschaft und Arbeitswelt gesprochen.


#1: Frau Naun-Bates, was bedeutet für Sie Inklusion im Beruf und bei der Arbeit?

Inklusion bedeutet für mich: die Vielfalt und Heterogenität einer Gesellschaft und der gesamten Menschheit als selbstverständlich zu betrachten. Nicht der Einzelne sollte sich dem System anpassen müssen, sondern umgekehrt. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen aus meiner Sicht so flexibel gestaltet sein, dass sie es jedem Einzelnen ermöglichen, uneingeschränkt am täglichen Leben teilzuhaben. Dafür müssen zum Beispiel als erstes die offensichtlichsten Barrieren – Treppen, Bordsteinkanten und so weiter – abgebaut werden.
Das gleiche Prinzip gilt auch im Berufsleben: Jeder Mensch sollte, wenn sie oder er die nötigen Fähigkeiten, Qualifikationen und Talente für einen bestimmten Job mitbringt, die Möglichkeit erhalten, diesen Beruf auch auszuüben. Wenn sich die Rahmenbedingungen dahingehend ändern würden, dass das möglich wird, würden sich viele Diskussionen um Bewerbungsabsagen an Menschen mit Behinderung von selbst erledigen.
Bei Menschen, die durch ihre Behinderung bestimmten Anforderungen in der Berufswelt nicht auf Anhieb gerecht werden können, sollte für einen vernünftigen Ausgleich gesorgt werden, damit sie trotzdem arbeiten können – zum Beispiel mit zusätzlichem Personal oder finanziellen Hilfen. Übrigens: Das System, das diese Ausgleichsmittel regelt, müsste sich meiner Meinung nach ebenfalls ändern. Viele Fördergelder für notwendige Umbauten am Arbeitsplatz oder Eingliederungszuschüsse werden zwar schon seit Jahrzehnten gezahlt, aber die erwünschte Wirkung – nämlich ein wirklich inklusiver Arbeitsmarkt – bleibt bis heute aus.

#2: Was bremst Ihrer Meinung nach die Inklusion – bei der Arbeit, aber auch in der Gesellschaft insgesamt?

Silke Naun-Bates steht auf einer Allee und lächelt in die Kamera.

Silke Naun-Bates arbeitet als Autorin und Speakerin. Foto: Maik Wöll Photoart

Es sind vor allem die Barrieren in den Köpfen vieler Menschen. Diese abzubauen, mehr Offenheit, Toleranz und ein besseres Miteinander zu erreichen, darin sehe ich eine wichtige Aufgabe, um Inklusion zu schaffen. Wir müssen das verbindende Element zwischen unserer jeweils eigenen und der Individualität anderer Menschen erkennen, anstatt uns auf die Unterschiede zu konzentrieren. Ich glaube, wenn wir dann noch offen mit unseren unterschiedlichen Eigenschaften und Voraussetzungen umgehen, werden sich die Rahmenbedingungen auf ganz sanfte Art und Weise zu ändern beginnen. Dafür braucht es allerdings die Bereitschaft aller Beteiligten, das anzuerkennen, was schon erreicht wurde. Darauf können wir aufbauen und gemeinsam weiter daran arbeiten, dass es besser wird. Wer erwartet, dass in unserer komplexen Gesellschaft alle Änderungen die für eine vollständige Inklusion eigentlich nötig wären, über Nacht geschehen, der kann nur enttäuscht werden. Barrieren im Kopf verschwinden nicht einfach so und weichen einem neuen Verständnis, nur weil man sich das wünscht oder weil es eigentlich so sein müsste. Dafür fehlt es zu vielen Menschen (noch) an der Bereitschaft, über ihren so genannten Tellerrand hinauszuschauen. Viele sind nur auf ihre eigenen Bedürfnisse fokussiert, oft genug sogar mit gutem Grund. Ein Wandel im Denken tritt meist erst dann ein, wenn diese Menschen selbst in Situationen geraten, in denen sie nicht mehr überall teilhaben können – dann spüren sie sehr direkt, was für eine Einschränkung das bedeutet. Und solche Erlebnisse beschränken sich längst nicht nur auf den Kontext einer anerkannten Behinderung.

#3: Mit welchen kleinen oder größeren Handlungen könnten einzelne Menschen aus Ihrer Sicht zur Inklusion beitragen?

Alle sollten versuchen, offen aufeinander zuzugehen und sich auf das Verbindende zu konzentrieren. Wir alle sind Menschen, wir alle haben Bedürfnisse und Emotionen. Wir lachen, wir weinen, sind wütend oder begeistert, wir alle müssen Herausforderungen meistern, nur dass diese immer unterschiedliche sind. Wenn wir die Gemeinsamkeiten darin erkennen, wird der gefühlte Unterschied zwischen einzelnen Menschen gleich viel kleiner.

#4: Wenn Sie Ihren Traum-Arbeitsplatz frei entwerfen könnten: Wie sähe dieser aus?

Hier auf meiner pinkfarbenen Couch fühle ich mich sehr wohl, ich mag meinen Arbeitsplatz zu Hause sehr. Ich reise aber auch viel, bin also immer wieder in Hotels oder auf Campingplatzen unterwegs, sowohl beruflich als auch privat. Diese Abwechslung ist für mich eine perfekte Arbeitssituation. Bis 2015 war ich in der Jugend- und Erwachsenenbildung tätig, vorwiegend im Bereich der Rehabilitation von Menschen mit körperlichen, geistigen und psychischen Behinderungen. Diese Menschen zu begleiten, mit unterstützenden Organisationen, Arbeitgebern und Kostenträgern zusammenzuarbeiten und die Öffentlichkeitsarbeit, die damit verbunden war, haben mich sehr erfüllt – trotz der Tatsache, dass die Barrierefreiheit nicht in allen Einrichtungen, mit denen ich zu tun hatte, erfüllt war. Für mich war es viel wichtiger, dass ich als gleichwertiger Mensch wahrgenommen wurde. Denn mein Körper mag zwar etwas anders aussehen, aber im Kern sind wir doch alle ziemlich gleich.

Silke-Naun-Bates.

Foto: Maik Wöll Photoart

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Silke Naun-Bates
Geburtsjahr: 1967 (50 Jahre)
Beruf: Autorin und Speakerin
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Als Kind mussten ihr nach einem schweren Unfall beide Beine amputiert werden.

Mehr über Silke Naun-Bates und ihre aktuellen Projekte erfahrt ihr auf ihrer Website.




VIER FRAGEN AN… Günter Benning

Unternehmensberater helfen Betrieben dabei, ihre Produktivität und Effizienz zu steigern. Dabei agieren sie als neutrale Beobachter, spüren Probleme auf, suchen nach Lösungswegen und helfen, neue Strukturen zu finden. Das gleiche tun auch Unternehmensberater, die auf das Thema Inklusion spezialisiert sind, aber mit einem anderen Schwerpunkt: Sie helfen Unternehmen, Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu schaffen oder zu erhalten. Die Berater besuchen dazu die Betriebe und unterstützen sie zum Beispiel auch dabei, Fördergelder zu beantragen, um möglichst viele Stellen barrierefrei zu gestalten.

Günter Benning ist so ein Unternehmensberater für Inklusion, und zwar bei der Handwerkskammer Dortmund. Im Interview hat er uns verraten, woran Inklusion aus seiner Sicht heutzutage nach wie vor scheitert und wie man in Zukunft Barrieren besser überwinden könnte.


#1: Herr Benning, welche Stimmung herrscht zur Zeit beim Thema Inklusion in den Unternehmen, die Sie besuchen?

In vielen Betrieben ist die Stimmung eher verhalten. Die Unternehmer wissen aufgrund der Vielzahl an Institutionen, die Unterstützung anbieten, oftmals gar nicht, wer für Sie zuständig ist, also ob es zum Beispiel das Inklusionsamt des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe ist oder die Deutsche Rentenversicherung Westfalen, die Bundesagentur für Arbeit oder die Job-Center, Berufsgenossenschaften oder gesetzliche Unfallversicherungen und Fachstellen. Das sind nur einige von vielen Einrichtungen, und dieser „Inklusions-Dschungel“ überfordert die Unternehmen meist sehr. Daher konzentrieren sich viele lieber auf den Ist-Zustand und auf das, was sie sowieso gut können, anstatt neue Möglichkeiten zu erschließen.

Informations-IGünter Benning berät Unternehmen, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen oder einen bestehenden Arbeitsplatz erhalten möchten, aber nicht genau wissen, was sie dabei beachten müssen. Er unterstützt die Firmen unter anderem auch dabei, Förderungen zu beantragen. Dafür sucht er zum Beispiel die jeweils zuständigen Ansprechpartner und Kostenträger heraus und hilft, die erforderlichen Anträge richtig auszufüllen. Weil der Fokus seines Jobs auf Inklusion liegt, kooperiert die Handwerkskammer Dortmund seit dem Jahr 2005 mit dem LVR-Inklusionsamt. Günter Bennings Stelle wird daher anteilig von hier aus mitfinanziert.

Umso wichtiger finde ich daher, die Arbeitgeber gut über die Chancen und Optionen in Sachen Inklusion zu informieren. Sie müssen vor allem wissen, an wen konkret sie sich mit welchen Ideen oder Belangen wenden müssen. Viele wünschen sich dafür eine Art kompetenten „Lotsen“ und zuverlässigen Ansprechpartner, der ihnen den richtigen Weg weist und dabei hilft, Weichen zu stellen. Hier komme ich als Unternehmensberater für Inklusion ins Spiel. Ich stehe den Menschen in diesen Unternehmen zur Seite, gemeinsam mit der Handwerkskammer Dortmund und ihren Netzwerkpartnern.

#2: Stoßen Sie auch oft auf die berüchtigten „Barrieren in den Köpfen“?

Mir ist schon oft aufgefallen, dass Menschen mit Behinderungen überwiegend nach ihren Einschränkungen beurteilt werden und nicht nach ihren Fähigkeiten. Auf diese Art von „Barriere in den Köpfen“ treffe leider immer noch häufig. Das muss und kann sich zum Beispiel durch gute Aufklärungsarbeit ändern, wir sollten in unserer Gesellschaft aber auch generell stärker auf die individuellen Fähigkeiten und Talente von Menschen schauen egal, ob mit oder ohne Behinderung. Daraus würde dann auch folgen, dass sich der Arbeitsplatz dem Menschen anpassen müsste und nicht umgekehrt. An den technischen Möglichkeiten dafür würde es uns jedenfalls heute schon längst nicht mehr mangeln.

#3: Welche positiven Erlebnisse in Verbindung mit dem Thema Inklusion hatten sie schon in Ihrem Job?

Ein Fall, an den ich mich noch genau erinnere, ist die Familie Honikel. Sie betreibt eine Tischlerei in Dortmund-Scharnhorst. Ich habe dem Betrieb dabei geholfen, einen langjährigen Mitarbeiter weiter zu beschäftigen, der durch eine Krebserkrankung schwerbehindert wurde und dem die Arbeitslosigkeit drohte, weil er seine Aufgaben nicht mehr erfüllen konnte. Das Unternehmen wollte ihn gerne behalten, brauchte dabei aber Unterstützung. Ich bin direkt zur Tischlerei gefahren und habe mir den Betrieb zunächst genau angeschaut. Bei meiner Arbeit ist es außerdem üblich, dass ich mich sehr intensiv mit allen Beteiligten auseinandersetze, um ihre Bedürfnisse und Wünsche genau zu verstehen. Nachdem ich also auch die Familie besucht und gemeinsam mit ihnen die passenden Fördermöglichkeiten für den Mitarbeiter herausgearbeitet hatte, habe ich die entsprechenden Anträge für den Betrieb beim zuständigen Integrationsfachdienst gestellt. Den fortan umgestalteten, barrierefreien Arbeitsplatz konnte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe dann problemlos mit Mitteln fördern. So konnte die Tischlerei ihren jahrelang geschätzten Mitarbeiter weiter beschäftigen  und er rutschte nicht in die Arbeitslosigkeit ab. Das war also ein Gewinn für alle: für den Betrieb, für den Mitarbeiter, letztlich aber auch für die Gesellschaft.

#4: Wie sieht aus Ihrer Sicht der Arbeitsmarkt der Zukunft aus, und welche Rolle wird Inklusion darin spielen?

Ich bin kein Prophet, sondern Realist. Daher kann ich leider auch noch keinen generellen Trend erkennen, dass mehr Menschen mit Behinderung eingestellt werden. Trotzdem sehe ich auch täglich, dass selbst kleine Schritte uns weiter vorwärts bringen können. Wenn mehr Arbeitgeber und Betriebe zum Beispiel schon heute genau wüssten, welche Beratungs- und Förderangebote sie nutzen könnten, wäre das aus meiner Sicht bereits ein großer Fortschritt. Außerdem würde ich mir wünschen, dass die Potenziale von Menschen mit Behinderung und ihre ebenso große Motivation, zu arbeiten, öfter erkannt werden. Wenn sie sich diese dann noch selbstbewusster und ihrer Fähigkeiten bewusst bei Betrieben bewerben würden, wäre schon einiges getan. Und, noch wichtiger: In Zukunft wäre noch viel mehr möglich.

Günter Benning von der Handwerkskammer Dortmund.

Foto: HWK Dortmund

Über unseren Interviewpartner

Name: Günter Benning
Beruf: HWK-Unternehmensberater für Inklusion
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Hilft als Vermittler dabei, Arbeitsplätze für  Menschen mit Behinderungen zu schaffen und zu erhalten

Die Kontaktdaten von Günter Benning und weitere Informationen findet auf der Website der Handwerkskammer Dortmund.




VIER FRAGEN AN… Lars Hemme

Lars Hemme arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft in der Zentralen Studienberatung Paderborn und berät zum Thema Studium mit Behinderung. Er spricht dabei aus eigener Erfahrung: Wegen einer angeborenen Gelenksteife lebt er mit Rollstuhl. In seiner Freizeit bloggt der 41-jährige über sein Leben mit 24-Stunden-Assistenz und über Themen wie Selbstbestimmtheit und Gleichberechtigung. Im Interview redet er mit uns darüber, wie er selbst Inklusion erlebt und was aus seiner Sicht jeder einzelne für ein Miteinander auf Augenhöhe tun kann.


#1: Herr Hemme, was bedeutet für Sie Inklusion im Beruf und bei der Arbeit?

Das ist eigentlich ganz einfach: Ich möchte, wie jeder Mensch, meinen Interessen und Fähigkeiten folgen und meinen Wunschberuf frei wählen können. Ich kann in meiner Situation sicherlich nicht jeden Beruf ausüben – aber das könnte eine Mensch ohne Behinderung auch nicht unbedingt, wenn ihm die notwendigen Fähigkeiten im Denken oder Tun fehlen. Trotzdem hat ja jeder individuelle Interessen und Stärken, die er in den Job einfließen lassen kann, wenn ihm denn die Chance gegeben wird, diese auch zu zeigen und zu nutzen.
Für mehr Inklusion im Berufsleben ist ein gutes Miteinander von Kolleginnen und Kollegen besonders wichtig, finde ich. Dazu gehört von allen Seiten auch, das natürliche Arbeitsklima mit all seinen „Aufs und Abs“ zu akzeptieren und einfach gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Ich denke, dass Inklusion dann funktioniert, wenn alle aufeinander zugehen und auch Kritik äußern dürfen und können. Wenn ich mich zum Beispiel nicht kollegial verhalte, dann müssen mich andere auch konstruktiv darauf hinweisen dürfen. Meine Behinderung darf ich selbst also nicht als Schutzschild sehen und einsetzen – denn das ist sie nicht.

#2: Was bremst Ihrer Meinung nach die Inklusion – bei der Arbeit, aber auch in der Gesellschaft insgesamt?

In den meisten Fällen funktioniert die Inklusion aus meiner Sicht deshalb nicht wie erhofft, weil Nicht-Behinderte immer noch zu wenige Berührungspunkte mit Menschen wie mir haben. Zugleich müssen beide Seiten eine gesunde Portion Enthusiasmus für ein gutes, gemeinsames Miteinander auf Augenhöhe mitbringen. Nur dann hat Inklusion eine Chance. Andererseits muss sich meiner Meinung nach jeder Mensch mit einer Behinderung – auch ich selbst – darüber im Klaren sein, dass sie oder er für andere Menschen immer etwas „anders“ ist. Wem das klar ist, der kann inkludiert werden. Dafür braucht es selbstverständlich Hilfen, zum Beispiel Assistenzleistungen oder technische Hilfsmittel. So ähnlich, wie etwa Flüchtlinge Sprachkurse erhalten, damit sie eine Chance haben, Teil der Gesellschaft zu werden, brauchen auch andere Personengruppen diese Unterstützung, nur eben auf andere Weise. Dabei gilt umgekehrt: Wenn ich zum Beispiel im Beruf auch nach dem ersten Kennenlernen der Teamkollegen im Arbeitsalltag weiterhin als etwas Besonderes oder Anderes betrachtet werde, kann ich nie ein gleichwertiges Mitglied im Team werden. Dann funktioniert Inklusion nicht.

Über unseren Interviewpartner

Name: Lars Hemme
Beruf: Berater für den Bereich Studium mit Beeinträchtigung in der Zentralen Studienberatung an der Uni Paderborn (als wissenschaftliche Hilfskraft)
Geburtsjahr: 1975 (41 Jahre)
(Persönlicher Bezug zu) Behinderung: Hat eine angeborene Gelenksteife und ist daher mit Rollstuhl unterwegs; unterstützt andere Menschen mit Behinderung in der Region Paderborn

↗ Zu Lars Hemmes privatem Blog

#3: Mit welchen kleinen oder größeren Handlungen könnten einzelne Menschen aus Ihrer Sicht selbst zur Inklusion beitragen?

Jeder, der Inklusion verwirklichen möchte, sollte sich engagiert mit dem Thema auseinandersetzen. Nur so kann er dazu beitragen, den Prozess voranzutreiben. Das gilt nicht nur für Menschen ohne, sondern auch und gerade für Menschen mit Behinderung. Sie müssen aktiv auf die anderen Mitglieder der Gesellschaft zugehen und zeigen, dass sie ein Teil dieser sind und sein wollen. Inklusion kann nicht nur von einer Seite geleistet werden. Ich selbst zum Beispiel habe im Studium gemerkt, dass ich durch meine Teilnahme am gemeinsamen Alltag etwas wichtiges erreichen konnte: Ich wurde akzeptiert und konnte teilhaben. Das kann ich heute nach wie vor. Richard von Weizsäcker hat dazu einmal passende, schlaue Worte gesagt: „Was im Vorhinein nicht ausgegrenzt wird, muss hinterher auch nicht eingegliedert werden!“ Da ist viel Wahres dran. Dadurch, dass ich mich immer bemüht habe, mich nicht selbst auszugrenzen, haben mich auch die anderen nicht ausgegrenzt. Ich brauchte deshalb auch keine Wiedereingliederung.

Lars Hemme sitzt in einem Rollstuhl und lächelt in die Kamera.

Lars Hemme hilft anderen Menschen wo er kann. Wegen einer angeborenen Form der Gelenksteife ist er selbst auf Assistenten angewiesen und berät daher auch zu diesem Thema. Foto: Lars Hemme

#4: Wenn Sie Ihren Traum-Arbeitsplatz frei entwerfen könnten: Wie sähe dieser aus?

Inklusion bedeutet nicht, dass mir per se eine Sonderbehandlung zusteht. Daher sollte ich mir meinen Arbeitsplatz auch nur bis zu dem Punkt frei auswählen können, wie andere das auch tun dürfen. Ich glaube, dass niemand wirklich die völlige Freiheit hat, sich den Ort und die Umstände des Arbeitens ideal zu gestalten. Mir ist wichtig, dass ich auch hier gleichberechtigt mit anderen bin – und das heißt, dass ich genauso wie alle anderen mit den typischen Widrigkeiten des Lebens umgehen und mich damit arrangieren muss.
Aber: Als Mensch mit Behinderung habe ich Möglichkeiten, Nachteile auszugleichen, und das ist ebenfalls wichtig. Was in diesem Zusammenhang bedeutet, dass ich mich bemühen kann, meine Interessen und Fähigkeiten so zu platzieren und zu fördern, dass sich die Chance auf meinen Traum-Arbeitsplatz auftut. Ich habe das mittlerweile sogar geschafft. Ich arbeite jetzt schon länger an der Universität Paderborn und kann meine Neigungen und Fähigkeiten optimal in den Job einfließen lassen. Ich habe meinen Traum-Arbeitsplatz also sozusagen einfach selbst entworfen. Manchmal ist hier und da technische Unterstützung oder die Hilfe von anderen nötig, ich muss mir zum Beispiel ab und zu eine Akte aus dem Regal angeben oder eine Tür öffnen lassen. Die Kernaufgaben meines Berufs erledige ich aber selbstständig: Ich setze das mir gegebene Talent der Sprache ein und berate Menschen, die Anregungen und Hilfe beim Studium mit einer Behinderung brauchen.

Tja, und wenn ich mir doch etwas wünschen würde: An meinem Traum-Arbeitsplatz würden mir alle technischen und menschlichen Unterstützungen zur Verfügung stehen, die mir die Arbeit in meinem Beruf erleichtern würden – zum Beispiel elektrische Türen oder eine persönliche Assistenz. Das ist leider noch nicht selbstverständlich, wie ich selbst erlebt habe und wie es auch von anderen Menschen mit Behinderung in Deutschland immer wieder zu lesen ist. Der Grund dafür sind oft drastische finanzielle Einschnitte, gerade im öffentlichen Sektor. Das legt der Inklusion aus meiner Sicht unnötige Steine in den Weg – aber das ist noch einmal ein ganz anderes Thema. –

 




Kompetent – und trotzdem arbeitslos

Menschen mit Behinderung einstellen: Zu teuer und zu aufwändig? Das scheinen jedenfalls rund ein Viertel aller beschäftigungspflichtigen Unternehmen in Deutschland so zu sehen, die sich immernoch davor scheuen, Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung anzubieten. Warum genau das so ist, bleibt ungeklärt, denn nur die wenigsten äußern sich zu diesem Problem. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer entrichten lieber die gesetzlich vorgeschriebene Ausgleichsabgabe (was hinter diesem Begriff steckt, wird in unserem Interview-Artikel „Was sind Integrationsunternehmen?” erklärt).

Sie sind aber nicht die einzigen „Inklusionsbremsen” in unserer Arbeitswelt. Warum so vielen Menschen mit Behinderung nach wie vor die Teilhabe am Arbeitsleben verwehrt bleibt, obwohl sie gute Qualifikationen mitbringen, ergründet Charly Kowalczyk in seinem ARD-Radio-Feature Schwer behindert – Ein Feature über hoch qualifizierte Menschen, das in der Mediathek des ARD nachzuhören ist unsere ausdrückliche Empfehlung zum Wochenende!




Ohne Blatt vor dem Mund

Ihre Behinderung sei ihr „persönlicher Arschlochfilter”, sagt in bewusst unverblümter Wortwahl die Bloggerin Frau Gehlhaar über sich und ihre Begegnungen mit anderen Menschen. Die Autorin und Redakteurin schreibt, direkt und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, über das Leben, ihre Arbeit und über das, was sie im täglichen Kontakt mit anderen erlebt. Die Begegnungen reichen von angenehm bis anstrengend und Inklusion ist dabei nur eines von vielen Themen. Schließlich ist auch Gelhaars Behinderung nur eine von vielen Facetten, die sie als Mensch ausmachen das scheinen andere aber manchmal zu vergessen.
Fazit: Es macht Spaß, den Blog zu lesen. Die unterhaltsamen Beiträge enthalten außerdem indirekt und ohne erhobenen Zeigefinger Anregungen dazu, wie Menschen auf Augenhöhe miteinander umgehen könnten und sollten – egal, ob sie mit oder ohne Behinderung durchs Leben rollen und laufen.

Hier geht es zum Blog: Frau Gehlhaar