Inklusion auf dem Weg in den Beruf: Die Gewinner des Bundesteilhabepreises 2026

Was haben eine Schauspielausbildung, ein Startup-Mentoring-Programm und ein Qualifizierungsprojekt für angehende Kita-Assistenzkräfte gemeinsam? Sie alle ermöglichen jungen Menschen mit Behinderungen einen barrierefreien Start ins Berufsleben – und wurden dafür beim diesjährigen Bundesteilhabepreis ausgezeichnet, der mit insgesamt 17.500 Euro dotiert war. Beworben hatten sich 119 Einrichtungen und Projekte für den Preis, eine unabhängige Fachjury wählte daraus die Siegerinnen und Sieger aus.

Der erste Platz ging an Rheinkompanie, einen inklusiven Ausbildungsgang der Kölner Schauspielschule DER KELLER. Junge Menschen mit und ohne kognitive Behinderung absolvieren hierbei gemeinsam eine professionelle Schauspielausbildung, um später in Theater, Film und Fernsehen zu arbeiten.

Platz zwei belegte inKlub e. V. (ebenfalls aus Köln) mit seinem vollständig barrierefreien Startup-Mentoring-Programm, das sich an Menschen mit Neurodivergenz, chronischen Erkrankungen oder Behinderungen richtet. Diese werden über sechs Monate hinweg mit Coachings und Workshops dabei unterstützt, eigene Geschäftsideen umzusetzen.

Und auch das drittplatzierte Projekt „Inklusion leben” der eva Kinderbetreuung GmbH aus Stuttgart setzt ganz auf barrierefreie Wege in den Beruf. Es qualifiziert Menschen mit Behinderungen, von denen viele keinen regulären Schulabschluss haben, zu pädagogischen Kita-Assistenzkräften weiter.




Hör-Tipp: „Lieber kein Gesetz als dieses Gesetz?“ – ein Podcast zur Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG)

Der Ansatz der 74. Folge des Neue-Norm-Podcasts ist sehr gelungen: Er verbindet eine politische Einordnung der BGG-Reform mit persönlichen Erfahrungen von Menschen, die die Auswirkungen dieses Gesetzes unmittelbar spüren würden. Das Fazit der drei Moderator:innen zur Reform fällt dabei sehr deutlich aus: Sie sind sich einig, dass das Gesetz Menschen mit Behinderung künftig sogar schlechter stellen könnte als bisher, anstatt für mehr Barrierefreiheit zu sorgen.

Im Podcast kommen nicht nur die drei Moderator:innen zu Wort, auch Stimmen aus der Community – darunter die Richterin Nancy Poser – ordnen den Gesetzentwurf ein und erklären, an welchen Stellen aus ihrer Sicht gravierende Schwächen vorhanden sind. Dabei geht es unter anderem um fehlende Verpflichtungen für private Unternehmen, Barrieren tatsächlich abzubauen – aber auch um die Frage, warum Diskriminierung durch das Gesetz künftig zwar festgestellt werden könnte, aber kaum wirksame Konsequenzen damit verbunden wären.

Darüber hinaus blicken die Moderator:innen auch auf die Proteste gegen die geplante Reform: Viele Menschen mit Behinderung haben gemeinsam mit Initiativen wie AbilityWatch e. V. dagegen demonstriert, Kampagnen gestartet und Petitionen an den Start gebracht. In der Folge werden die Hintergründe dieser Bewegung erklärt und deutlich gemacht, warum so viele Aktivist:innen in der Reform eine verpasste Chance für echte Gleichstellung sehen.




Video-Tipp: Jan-Böhmermann-Interview zum deutschen Werkstatt-System

Jürgen Linnemann arbeitet seit den 1980er-Jahren in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Zu seinen Aufgaben gehört unter anderem, Dokumente für die Digitalisierung vorzubereiten: Er sortiert, entfernt Büroklammern und strukturiert Unterlagen. Für rund 24 Stunden dieser Arbeit pro Woche erhält er nach eigenen Angaben etwa 200 Euro im Monat. Das ist zum Leben viel zu wenig. Gemeinsam mit Soraia Da Costa Batista, einer Juristin bei der Gesellschaft für Freiheitsrechte, will Linnemann nun klären lassen, ob dieses Entgeltsystem gegen das Grundgesetz verstößt. Mit dieser Frage ist bisher noch niemand bis vor das Bundesverfassungsgericht gegangen.

Der Fall wurde in diesem Monat durch ein Interview von Jan Böhmermann mit den beiden im ZDF Magazin Royale bekannt. Jürgen Linnemann und Soraia Da Costa Batista sprechen darin unter anderem über die aus ihrer Sicht systematische Benachteiligung der rund 300.000 Beschäftigten mit Behinderung, die in deutschen Werkstätten arbeiten. Denn: Diese Menschen haben keinen Anspruch auf den Mindestlohn, obwohl ihre Arbeit wirtschaftlich verwertbar ist – deshalb bleiben viele trotz Arbeit auf staatliche Unterstützung angewiesen. Kritiker:innen beschreiben Werkstätten daher schon seit Jahren als System, das Teilhabe verspricht, aber finanzielle Unabhängigkeit verhindert.




Das Kollektiv „be able“: Design als Werkzeug für Inklusion nutzen

Kreativität als Schlüssel zur Selbstbestimmung verstehen – und Design zur Entwicklung guter Lösungen einsetzen: Das ist, in aller Kürze, der Ansatz des Vereins „be able“. Das Kreativ-Kollektiv holt dafür Menschen mit und ohne Behinderung, Geflüchtete, Studierende oder Kreative an einen Tisch. Durch das gemeinsame Arbeiten erleben die Teilnehmer:innen, dass ihre Ideen zählen und umsetzbar sind. So werden aktive Gestalter:innen aus Menschen, die sonst häufig nur als Adressat:innen von Angeboten gesehen werden.

Wie das aussehen kann, zeigen beispielhaft drei Projekte, die der Verein anbietet:

In einem zweitägigen Programmier-Workshop für Schulen namens „Hacky Days“ entwickeln Schüler:innen konkrete Ideen für mehr Inklusion. Im Format „Match My Maker“ arbeiten kreative Tüftler:innen gemeinsam mit Menschen mit Behinderung daran, kostengünstige Hilfsmittel zu produzieren – und legen diese Lösungen von vorn herein Open Source an, die Programmierung ist also offen einsehbar und kann von anderen Menschen weiterentwickelt werden. Und im Workshop „Im blinden Fleck“ erkunden Industriedesign-Student:innen, welche Grenzen die eigene Wahrnehmung hat und wo vorhandene Orientierungssysteme noch nicht ausreichen, wie etwa taktile Wegweiser für blinde Menschen in Gebäuden.

Ein wichtiger Baustein bei all diesen Projekten das Arbeiten in so genannten „Co-Creation“-Prozessen. Das bedeutet, dass alle Lösungen immer gemeinsam mit der Zielgruppe entwickelt werden.

In den Workshops wird viel diskutiert, entworfen, gebaut und getestet. Und es fließen unterschiedliche Erfahrungen zusammen, die oft zu überraschenden Ergebnissen führen. Design wird so zu einem Werkzeug, mit dem sich Barrieren gezielt erkennen lassen – und zugleich neue Wege und Produkte entwickelt werden können, um diese zu überwinden.




Kurzfilm-Tipp: Aus dem Berufsalltag einer Fernsehmoderatorin mit Multipler Sklerose

Mit 24 Jahren erhielt Mirjam Kottmann die Diagnose Multiple Sklerose. Das veränderte ihr Leben und ihre berufliche Karriere grundlegend. Lange Zeit sprach sie im Job nicht offen über ihre Erkrankung, aus Angst, benachteiligt oder auf ihre Behinderung reduziert zu werden. Doch irgendwann entschied sie sich dafür, einen anderen Weg einzuschlagen.

Der 15-minütige ZDF-Film „Ich will gesehen werden“ erzählt, wie fordernd es für Mirjam Kottmann war, sich in einer stark durch Bilder und Klischees geprägten Branche ganz bewusst sichtbar zu machen. Und auch, wie sehr sich diese Entscheidung für die Nachrichtenmoderatorin persönlich gelohnt hat. Mirjam Kottmann geht es dabei aber um mehr als nur um ihre eigene Geschichte, sie begreift sich auch als Vorbild – und ihren Weg als Signal für mehr Vielfalt in den Medien und für eine Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung selbstverständlich Teil des öffentlichen Bildes sind. „Ich will gesehen werden“ ist daher nicht nur ein sehr persönliches Film-Porträt, sondern wirbt auch eindrücklich für Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und Veränderung.




Tipp der Woche: Die Deutsche Blinden-Mediathek (DBM)

Die Deutschen-Blinden-Mediathek bietet unter anderem inklusive Karten- und Gesellschaftsspiele, spezielle Lehr- und Lernmittel, tastbare Koch- und Kinderbücher oder auch Materialien, die dabei helfen, die Blindenschrift zu erlernen. Viele dieser Angebote sind auf dem freien Markt schwer zugänglich oder teuer in der Anschaffung. Deswegen kann es sich lohnen, sie zum Ausprobieren erst einmal auszuleihen.

Die Zielgruppe der Mediathek ist sehr breit: Das Angebot richtet sich sowohl an die Mitglieder der „Deutschen Blinden-Bibliothek“ selbst als auch an Eltern, Frühförderstellen und Lehrkräfte. Gerade in der frühen Bildung und im Schulalter können passende Materialien nämlich entscheidend dazu beitragen, dass Kinder mit Sehbehinderung selbstbestimmt lernen und spielen können.




Hör-Tipp: Erfindungen für mehr Barrierefreiheit, die heute alle Menschen nutzen

„Curb Cut“ heißt übersetzt „abgeschnittener Bordstein“. Das sind barrierearme Stellen an Straßen und Fußwegen, die für Menschen mit Rollstuhl und für Menschen mit Sehbehinderungen eingerichtet wurden, die sich mit einem Langstock orientieren. Menschen ohne Behinderungen profitieren aber auch davon, wenn sie mit Kinderwagen oder Koffer unterwegs sind oder wegen einer Verletzung vorübergehend abgesenkte Bordsteine brauchen. Auch viele digitale Tools wurden ursprünglich für Menschen mit Behinderungen entwickelt – beispielsweise die SMS oder die Spracheingabe und -ausgabe.

In der ersten Folge des Podcasts „Unlimited – Digital für alle“ geht es um die Geschichte dieser und anderer Hilfsmittel. Darüber hinaus wird auch diskutiert, wie solche Erfindungen in Zukunft ältere Menschen im Alltag unterstützen könnten.

Der Podcast wird seit Dezember 2025 von der Überwachungsstelle des Bundes für barrierefreie IT veröffentlicht und von einem inklusiven Team produziert. Er ist bei Spotify und bei Apple Podcasts zu hören. Bei Spotify gibt es auch ein Transkript jeder Folge als PDF, das online gelesen oder heruntergeladen werden kann.




Die Portale „DGUV job“ und „Wegweiser Berufsumstieg“: Unterstützung bei Berufswechsel und Gesundheitsschutz

Welchen gesundheitlichen Belastungen und Risiken sind Arbeitnehmer:innen in der heutigen Arbeitswelt ausgesetzt? Wie können sie in einen neuen Beruf wechseln, der zu ihren Fähigkeiten und Interessen passt? Und wie erkennen sie, wann sie über einen solchen Wechsel nachdenken sollten?

Im „Wegweiser Berufsumstieg“ der DGUV finden Arbeitnehmer:innen Antworten, Tipps und beispielhafte Erfolgsgeschichten rund um diese Fragen. Über die Berufssuche können sie mögliche alternative Berufe finden, die zu ihrem bisherigen Werdegang, ihren Stärken und Wünschen passen. Außerdem sind Beratungsstellen und weiterführende Informationsquellen verlinkt.

Auch Menschen, die wegen eines Arbeitsunfalls oder einer Berufskrankheit nicht in ihrem bisherigen Job weiterarbeiten können, finden im „Wegweiser Berufsumstieg“ Anregungen für die berufliche Neuorientierung. Wer möchte, kann sich darüber hinaus aber auch an das Team von „DGUV job“ wenden, das bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz unterstützt. Die Berater:innen nutzen unter anderem eine spezialisierte Suchmaschine, um passende Jobangebote zu finden und vorzuschlagen. Sie können außerdem Kontakte zu Arbeitgeber:innen herstellen und über Fördermöglichkeiten informieren. Auf Wunsch helfen sie Ratsuchenden auch dabei, Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen und sich auf Vorstellungsgespräche vorzubereiten.

Hier geht es zum „Wegweiser Berufsumstieg“ und hier zum Portal „DGUV job“.




Inklusion aus Westfalen auf der internationalen Kinoleinwand: Ein japanisches Filmteam zu Gast in Bielefeld

In Ken-ichi Oguris Dokumentarfilm „Let People Be People“ (auf Deutsch: „Lass Menschen Menschen sein“) stehen unter anderem zwei Beschäftigte mit Behinderung im Mittelpunkt, die in der Außenstelle der LWL-Archäologie in Bielefeld arbeiten und dort fester Bestandteil des Teams sind. Das Filmteam porträtierte deren Arbeitsalltag als vorbildliches Beispiel dafür, dass jeder Mensch wertvolle Arbeit leisten kann, wenn das Umfeld stimmt.
Spannend ist dabei nicht nur der Inhalt, sondern auch der Perspektivwechsel: Wie blickt ein japanisches Kamerateam auf Inklusion „Made in Westfalen“? Und was können beide Länder voneinander lernen?

Der Film soll später auf Filmfestivals und in japanischen Kinos gezeigt werden und so ein internationales Publikum für das Thema Inklusion sensibilisieren.

Als Träger der Archäologie-Außenstelle in Bielefeld dokumentiert der LWL die Dreharbeiten auf seinem Story-Portal und beleuchtet, warum der Regisseur sich gezielt für diesen Drehort und die Protagonist:innen entschieden hat. Dabei wird schnell klar: Hier geht es nicht um Helden- oder Mitleidsgeschichten, sondern um echte Teilhabe.

Den vollständigen Artikel findet ihr hier: 👉 Inklusionsgeschichten für das japanische Kino




Lese- und Video-Tipp: NDR-Beitrag über einen blinden Landwirt, der auf Instagram seine Arbeit erklärt

Axel Duensing, der wegen einer Erberkrankung im Laufe seines Lebens erblindet ist, studierte ökologische Landwirtschaft und kehrte danach zurück auf den Familienbetrieb. „Landwirtschaft und Inklusion passen super zusammen“, sagt er im Interview mit dem NDR. Auf seinem Instagram-Kanal zeigt er, wie genau das bei ihm aussieht. „Was mache ich als blinder Landwirt auf dem Trecker?“ oder „Wie mache ich als blinder Landwirt den Weidezaun für meine Rinder?“, so heißen zwei seiner bisher gut 50 Beiträge auf der Plattform. Seine Frau nimmt die Videos auf und arbeitet auf dem Hof mit, ebenso wie Axel Duensings Vater und Schwester – ein klassischer Familienbetrieb, auf dem der junge Landwirt nun neue Ideen ausprobieren möchte.

Hier könnt ihr den NDR-Beitrag über Duensing lesen und den Video-Beitrag sehen (oben über dem Text).