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Technologie und Inklusion: Gäste per Roboter von zu Hause aus bedienen

Über ein Tablet oder den Computer können die „digitalen Kellner:innen“, die wegen schwerer körperlicher Behinderungen das Haus selbst nicht mehr verlassen können, den Kellner-Roboter durch das Café in Tokio steuern und die Bestellungen der Gäste aufnehmen. Auch mit einzelnen Fingern oder dem Kinn ist der Roboter steuerbar, was beispielsweise für Menschen mit schweren Nervenerkrankungen eine wichtige Voraussetzung ist. Weil die Roboter außerdem einen kleinen Bildschirm mit Kamera und Mikrofon haben, können sich Gäste und Kellner:innen gegenseitig sehen und hören – neben der reinen Kellner-Arbeit ist also auch Kommunikation möglich.

Dieses Beispiel zeigt, wie moderne Technologie Menschen mit schweren Behinderungen dabei unterstützen kann, am gesellschaftlichen Leben und dem Arbeitsmarkt teilzuhaben. Und: Roboter ersetzen in diesem Fall den Menschen nicht, sondern bieten ihm nur die nötige Unterstützung, um arbeiten zu können.

In diesem Video auf euronews.com sind die digitalen Kellner:innener und der Roboter in Aktion zu sehen.




„Visual Vernacular“ und „Visual Sign“: Lautlose Kunstformen für mehr Inklusion auf der Bühne

Herr Kauly, was ist „Visual Vernacular“ und wie ist diese Kunstform entstanden?

Der Ursprung von Visual Vernacular ist die Gebärdensprache, aber als diese Kunstform entstand, war den Menschen noch nicht bewusst, dass es überhaupt eine ist. Visual Vernacular funktioniert heute ganz ohne Gebärdensprache. Die Geschichten werden durch Körperbewegung, Symbole, Gesten und intensive Gesichtsausdrücke erzählt. Man kann sich das wie Musik für Gehörlose mit sehr vielen Einflüssen vorstellen, zum Beispiel aus Filmen und Computerspielen. Wie jede Kunst entwickelte sich Visual Vernacular mit der Zeit weiter und es entstanden immer wieder neue Formen davon. Diese Art, Geschichten zu erzählen, nutzen taube Menschen mittlerweile weltweit als künstlerischen Ausdruck. Die Kunstform gab es schon immer, aber bekannt wurde sie erst durch Bernard Bragg, einen tauben amerikanischen Schauspieler. Er gab ihr auch ihren Namen.

Wie sind Sie selbst zu Visual Vernacular gekommen?

Ich liebe die Kunst mit der Sprache, besonders, wenn sie visuell funktioniert. Mich fasziniert, wie man mit Gesichtsausdrücken sprechen, mit den Händen kommunizieren und sich mit Körpersprache ausdrücken kann. Meine Begeisterung dafür begann mit Musikvideos. Ich wollte die Songs, die ich dort sah, in Gebärdensprache übersetzen. Irgendwann bemerkte ich, dass die direkte Übersetzung nicht so ansprechend aussah und mit der Musik nicht mehr viel zu tun hatte. Mir fehlte das Künstlerische. Also suchte ich nach einer Alternative und entdeckte Visual Vernacular. Als ich erfuhr, dass Gehörlose davon begeistert sind, wusste ich, dass das genau das Richtige für mich ist.

Sie vergleichen Visual Vernacular mit Musik für Hörende. Wie muss man sich das vorstellen?

Bei Visual Vernacular wird wie gesagt kaum mit Gebärdensprache gearbeitet. Im visuellen Theater für gehörlose Menschen ist das anders. Dort fließen viele verschiedene Kunstformen ineinander, etwa Performance, Gebärdensprache, Körpersprache, Pantomime und noch einige andere. Dann gibt es noch die Gebärdensprachpoesie, die ist wie ein Gedicht, eine Ballade oder ein Lied mit Wörtern und Ausdrücken aus der Gebärdensprache. Bei Visual Vernacular zeigen die Künstler:innen mit ihren Händen verschiedene Formen. Das können Gegenstände sein, Personen, Tiere, Pflanzen oder Elemente. Es ist sozusagen Kunst ganz ohne Wörter. Gehörlose verstehen aber, was diese Formen bedeuten. Das Besondere ist, dass bei Aufzeichnungen auch Filmtechniken zum Einsatz kommen, beispielsweise verschiedene Kameraperspektiven, Vergrößern und Verkleinern der Szene durch Zoomen, Zeitlupe oder Zurückspulen.

Wie wichtig sind Gesichtsausdrücke bei dieser Kunstform?

Beinahe genauso wichtig wie die Hände. Und auch die Körperhaltung spielt eine große Rolle. Bei der Musik sind ja auch die Instrumente, die die Töne spielen, ebenso wichtig wie der Rhythmus, das Tempo oder bei Musik mit Gesang die Stimme. Musik ist eine Kombination aus verschiedenen künstlerischen Elementen, und so ist es auch bei Visual Vernacular. Am besten ist, sich ein Video davon anzuschauen, denn das zeigt am besten, was genau ich damit meine. Man kann den Blick kaum vom Gesicht des Künstlers nehmen, finde ich, weil dort so unglaublich viel passiert.

Ist die Kunstform auch für hörende Menschen zugänglich?

Leider nein, hörende Menschen können das nur schwer verstehen, weil sie visuelle Sprache nicht gewohnt sind oder gar nicht kennen. Natürlich können sie sich eine Aufführung anschauen und versuchen, die Gefühle nachzuempfinden, die dabei ausgedrückt werden. Aber den kompletten Inhalt werden sie nicht aufnehmen können. Das möchte ich sehr gern ändern. Ich will mit meiner Kunst erreichen, dass sie irgendwann für Gehörlose und Sprechende gleichermaßen verständlich ist. Es wäre ja schön, wenn alle gemeinsam zur gleichen Aufführung gehen könnten und nicht nach Hörenden und Gehörlosen getrennt werden müsste. Deshalb veranstalte ich Workshops für Gehörlose und Hörende zusammen und bringe ihnen „Visual Sign“ bei (auf Deutsch: „visuelles Zeichen“). Das ist eine Kunstform, die anders als Visual Vernacular auf der Pantomime beruht – und die können alle verstehen.
[Anmerkung der Redaktion: Aktuelle Workshop-Termine findet ihr zum Beispiel auf der Pinnwand unter „Veranstaltungen“ bei taubenschlag.de, einer Website mit Infos, Nachrichten und Angeboten für Taube und Schwerhörige, aber auch für Hörende].

Können Sie erklären, was genau bei Visual Sign anders ist?

Diese Kunstform ist von Visual Vernacular abgeleitet, aber stark vereinfacht. Im Mittelpunkt steht eine bewegte Körpersprache, die Menschen während der täglichen Kommunikation unbewusst sowieso schon verwenden. Diese visuellen Zeichen wandle ich in künstlerische Ausdrücke um. Ein Beispiel: Wenn ich zeigen möchte, dass ich Auto fahre, hebe ich die Arme hoch und halte ein unsichtbares Lenkrad. Das funktioniert genauso auch mit „Trinken“, „Schlafen“, „Laufen“, „Schreiben“, „Telefonieren“, „Schnarchen“, und so weiter. Dabei kommen viele Elemente aus der Pantomime zum Einsatz. Im nächsten Schritt wird es dann aber komplexer. Wie zeige ich, dass ich ein Auto fahre und keinen Bus oder Lkw? Die haben ja alle ein Lenkrad, wie verdeutliche ich also den Unterschied? Die Körperhaltung hilft nicht viel, die ist im Auto fast die gleiche wie in den anderen Fahrzeugen. Also muss ich umdenken und noch genauer beobachten, was anders ist. Ich gehe also noch weiter aus der Situation heraus und schaue beispielsweise auf die Tür des jeweiligen Fahrzeugs, denn die ist bei allen dreien unterschiedlich. In einen Lkw muss ich eher hineinklettern und der Bus hat eine viel größere Tür als das Auto. Diese Unterschiede verstehen Gehörlose ebenso wie Hörende. Der Ansatz bei „Visual Sign“ ist also immer, mit möglichst allgemeingültigen und für alle verständlichen Zeichen zu arbeiten.

Kann Visual Sign dabei helfen, Barrieren auf der Bühne abzubauen, also auch bei Theaterstücken, die sonst nur Hörende gut verstehen?

Ja, das wäre durchaus möglich. Es gibt ja noch andere Möglichkeiten wie Gebärdensprache oder Untertitel bei Aufführungen und Filmen, die auch schon verwendet werden. Aber Visual Sign könnte eine inklusive Kunst für alle sein, bei der es keine „Sonderlösung“ für die eine oder andere Gruppe braucht. Es kommt natürlich immer darauf an, was der Inhalt des Stücks ist und welche Kunstform gezeigt werden soll: Tanzen, Performance, Schauspiel, Singen? Kunst kennt keine Grenzen, die Sprache aber schon. Ich würde den Verantwortlichen daher empfehlen, kreativ zu sein und vorher die gehörlosen Zuschauer:innen zu fragen, wie gut sie eine bestimmte Kunstform inhaltlich aufnehmen und verstehen können. Vielleicht eröffnet Visual Sign dann ganz neue Möglichkeiten. —




„Unser Ziel ist mindestens eine Milliarde Euro“: Porträt auf Capital+ über die Gründer der Parkinson-Stiftung Yuvedo

Als Jens Greve die Diagnose Parkinson bekam, las er erst einmal zwei Jahre lang alles, was zu der Nervenkrankheit veröffentlicht worden war. Er machte sich so nach und nach selbst zum Experten seiner Erkrankung. Heute weiß er, dass diese irgendwann heilbar sein wird – und dazu will er einen Beitrag leisten. Er gründete gemeinsam mit dem Anwalt Jörg Karenfort und anderen die Parkinson-Stiftung Yuvedo. Die beiden Männer verbindet, dass sie die Diagnose schon mit Mitte 40 bekommen haben. Die 300.000 Erkrankten in Deutschland sind sonst vor allem ältere Menschen.

Yuvedo verfolgt drei Ziele: Mit einer App für Patient:innen, die es auch als Web-Anwendung gibt, sollen möglichst viele Daten über die Krankheit gesammelt werden. Das ist eine wichtige Grundlage für die weitere Parkinson-Forschung. Zweitens legte die Stiftung die Neuro-Initiative 4.0 auf, die die Bewegung von Erkrankten fördern sowie deren Diskriminierung und Stigmatisierung verhindern soll. Und nicht zuletzt will Yuvedo die Erforschung besserer Medikamente vorantreiben. Das ist ein besonders großes Vorhaben. Es gibt zwar bereits Arzneimittel, diese unterdrücken die Symptome aber nur zeitweise. Außerdem haben die Mittel Nebenwirkungen. Wer zum Beispiel zu lange Medikamente einnimmt, die die Ausschüttung von Dopamin im Hirn anregen, kann irgendwann bestimmte Impulse nicht mehr kontrollieren. Das kann zu Spiel-, Sex- oder Kaufsucht führen. „Es gibt etliche, die ihr Erspartes verzockt haben“, sagt Jörg Karenfort im Capital+-Artikel.

Wenn mehr Geld in die Forschung und Behandlung von Parkinson-Erkrankten fließen würde, könnten die Medikamente besser werden, davon sind Karenfort und Greve überzeugt. Sie legen deshalb gerade einen Fonds auf, um ab 2022 private Investoren mit ins Boot zu holen. „Unser Ziel ist es, mindestens eine Milliarde Euro zusammenzubekommen“, sagt Karenfort im Artikel. Dabei geht es ihm und seinen Mitstreiter:innen nicht um Spenden, sondern um Geldanlagen, die sich für die Investor:innen auszahlen sollen. Das Geld soll später in Forschung investiert werden oder an Pharmakonzerne und Start-ups gehen.

›› Den ganzen Artikel über die beiden Gründer, die Stiftung und deren Ziele lest ihr auf Capital+.

UPDATE:
Aus der Stiftung und der Daten-App ist in der Zwischenzeit die YUVECURE AG hervorgegangen. Dabei geht es nach eigenen Angaben nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, die Ziele der Plattform und damit die Heilung von Parkinson voranzutreiben. Die Gründungsversammlung steht unmittelbar bevor. Mehr Infos hier: www.yuvecure.com




„Ich war immer der komische Kauz“

Erst seit 2016 weiß Freimut Kahr, dass er autistisch ist. Davor wusste er lange Zeit nicht, warum er sich so oft als Außenseiter fühlte. In der Schule war er „immer der komische Kauz“, sagt er, soziale Kontakte fielen und fallen ihm schwer. Auch die vielen Reize in seiner Umwelt sind für ihn anstrengend: Gespräche im Hintergrund, klingelnde Telefone, raschelndes Papier.

Sein Einstieg ins Berufsleben war deshalb nicht so einfach. Vor seinem aktuellen Job arbeitete er eine Zeit lang als Korrektor, verlor die Stelle aber wieder. Die Agentur für Arbeit vermittelte ihm immer wieder neue Arbeitsplätze, doch die Bewerbungsgespräche und der Kontakt mit Kund:innen stressten ihn einfach zu sehr.

Schließlich stellte sich heraus, dass er Asperger-Autist ist, und durch die Diagnose tat sich eine neue Chance für den 47-Jährigen auf. Der Integrationsfachdienst Bremen (IFD) vermittelte Freimut Kahrs gezielt an seinen heutigen Arbeitgeber, ein kleines IT-Unternehmen in Bremen. Dort kann er so arbeiten, wie es für ihn gut passt. Er kann zum Beispiel Ruhepausen einlegen und dafür einen Rückzugsraum nutzen, wenn die Reize zu viel werden. In den ersten Tagen begleitete ihn außerdem eine Betreuerin des IFD Bremen. Dadurch zerstreuten sich die anfänglichen Ängste recht schnell – und Freimut Kahrs und sein Arbeitgeber sind miteinander sehr zufrieden.

Den ganzen Artikel über Freimut Kahrs und seine berufliche Geschichte lest ihr hier in der Online-Ausgabe des Weser-Kuriers.




Wie der Kunstmarkt inklusiver werden könnte

Bei „Touchdown 21“ arbeiten Menschen mit und ohne Down-Syndrom zusammen. Sie sammeln zum Beispiel Informationen über das Down-Syndrom und bereiten sie auf, vernetzen Forschende aus der ganzen Welt und unterstützen sich gegenseitig bei ihrer eigenen Arbeit. Mit dabei sind auch einige Künstler:innen, die sich in Workshops über ihre Werke und Ideen austauschen und vom Netzwerk des Projekts profitieren.

Für Katja de Bragança, die mit dem Goethe-Insititut über das Thema gesprochen hat, ist die Vermittlung von Kontakten zu Museen und anderen Ausstellungsorten eine gute Möglichkeit, Künstler:innen mit Behinderung zu unterstützen. Warum auch Geld und eine gute persönliche Verbindung wichtig sind, erklärt sie im Interview, das es hier zu lesen gibt:

» zum Interview auf der Website des Goethe-Instituts




Wie offen gehe ich am Arbeitsplatz mit meiner Behinderung um? Ein Selbsttest hilft bei der Entscheidung

Laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) verschweigen viele Menschen mit Schwerbehinderung diese am Arbeitsplatz lieber – aus Angst vor Nachteilen. Andersherum können Arbeitgeber:innen ihren Pflichten gegenüber Angestellten mit Behinderung nur dann nachkommen, wenn sie darüber Bescheid wissen. Eine Zwickmühle, die auch rechtlich nicht eindeutig geklärt ist.

Gerade wer keine sichtbare Behinderung hat, steht im Laufe der Karriere wahrscheinlich irgendwann vor der Entscheidung: Sag ich’s – oder nicht? Die Antwort auf diese Frage hängt von vielen verschiedenen Faktoren und der individuellen Lebenssituation ab.
Die Uni Köln hat im Rahmen eines Forschungsprojektes einen Selbsttest für Menschen mit chronischer Erkrankung oder Schwerbehinderung im Job entwickelt, um bei der Entscheidung zu helfen. Der Test steht kostenlos auf der Website „Sag ich’s? Chronisch krank im Job“ zur Verfügung und fragt detailliert ab, wie die persönliche und die berufliche Situation aussieht. Zum Beispiel: Wie ist das Verhältnis zu Vorgesetzten, Kolleg:innen, Arbeitgeber:innen? Was sind die persönlichen Bedürfnisse am Arbeitsplatz, was ist dort schon vorhanden? Wie gehe ich anderen gegenüber mit für mich sehr persönlichen Informationen um? Wie wichtig ist es mir, ich selbst sein zu können? Wenn ich anderen gegenüber offen war, welche Erfahrungen habe ich damit gemacht?

Die Testergebnisse werden am Schluss sofort anschaulich mit einer Auswertung aufbereitet und können auch als PDF heruntergeladen werden. Außerdem gibt es hilfreiche Tipps für weitere Beratung und Unterstützung.

» weiter zum Selbsttest




Podcast-Tipp »Sag’s einfach«: „Mari Lang, warum bist du nicht behindert?“

Zu Besuch bei „Sag’s einfach“ ist in einer Folge die Journalistin und Autorin Mari Lang, die selbst den Podcast „Frauenfragen“ moderiert. Der Name ist dabei Programm: Sie stellt Männern Fragen, die sonst nur Frauen zu hören bekommen. Zum Beispiel: „Wie lassen sich Kinder und Karriere vereinbaren?“ oder „Wie ist das mit den Falten und dem Älterwerden?“.

Mari Langs Idee hat den Journalist:innen von „andererseits“ so gut gefallen, dass sie die Autorin eingeladen und deren Konzept für ihren „Sag’s einfach“-Podcast in etwas abgewandelter Form übernommen haben. Moderatorin Yuria Knoll fragt Mari Lang zum Beispiel: „Wie wohnst du?“, „Hast du Hilfe in deiner Wohnung?“ oder „Warum bist du nicht behindert?“.

Das ungewöhnliche Interview zeigt, wie absurd viele der oft gestellten Fragen sind. Die beiden Frauen tauschen sich in dem hörenswerten Gespräch außerdem darüber aus, wie es ist, nicht zur Mehrheitsgesellschaft zu gehören, und welche Parallelen es zwischen sexistischen und behindertenfeindlichen Aussagen gibt.

Die ganze Folge könnt ihr euch hier anhören.

Tipps zum Weiterlesen und Weiterhören

Das inklusive journalistische Projekt „andererseits“ haben wir vor Kurzem mit diesem Interview in unserem Blog vorgestellt.

Hier könnt ihr außerdem alle anderen Folgen des Podcasts „Sag’s einfach“ anhören. Die Journalist:innen mit und ohne Behinderung sprechen mit ihren Gästen zum Beispiel über Diskriminierung, Klimagerechtigkeit, Medienkonsum von Jugendlichen oder über das schwierige Verhältnis, das viele Menschen zu ihrem Smartphone haben.




Recht auf Bildung und Arbeit für alle: Wege aus der Werkstatt

Als die Werkstätten in den 60er-Jahren geschaffen wurden, sollten sie Menschen mit Behinderung eigentlich auf den Arbeitsmarkt vorbereiten – aber nie selbst einer werden. Das ist heute aber der Fall. Nur ein Prozent der Beschäftigten dort gelingt der Weg auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Die anderen 99 Prozent, also gut 320.000 Menschen, erwirtschaften in den Werkstätten einen gesammelten Umsatz von rund acht Milliarden Euro. Sie bekommen dafür aber weniger als den Mindestlohn.

Das ist ungerecht, sagen Menschen wie der YouTuber Lukas Krämer, einer von mehreren Interviewpartner:innen, mit denen ZEITOnline zu diesem Thema gesprochen hat. Die Menschen in den Werkstätten werden am Umsatz nämlich nicht beteiligt. Im Jahr 2019 verdienten sie durchschnittlich 207 Euro pro Monat.

Die Vereinten Nationen forderten Deutschland deshalb schon 2015 auf, die Werkstätten nach und nach zu schließen. Das löse die Probleme der Beschäftigten allerdings auch nicht, fürchtet der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Jürgen Dusel, der im Artikel ebenfalls zu Wort kommt. Im Gegenteil: Viele würden so in die Beschäftigungslosigkeit stürzen. Das habe in Großbritannien beobachtet werden können, als dort innerhalb kurzer Zeit die Werkstätten geschlossen wurden. Aber auch Dusel fordert eine Reform des Systems hin zu einer fairen Bezahlung und einem einfacheren Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt*. Für letzteres soll ab diesem Jahr eine zentrale Ansprechstelle geschaffen werden (Anm. d. Red.: siehe auch unser Interview mit Dagmar Greskamp von der Aktion Mensch).

*Hilfe beim Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt

Der LWL unterstützt mit dem „LWL-Budget für Arbeit“ Menschen mit Behinderung dabei, aus einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu wechseln. Wer diesen Weg gehen möchte, wird von den Expert:innen in den örtlichen Integrationsfachdiensten beraten und betreut. Mehr Informationen und den Kontakt zu Ansprechpartner:innen, die weiterhelfen können, sind auf den Seiten des LWL-Inklusionsamts Arbeit zu finden.

Eine gesetzliche Regelung in Deutschland sollte den Absturz in die Beschäftigungslosigkeit eigentlich sowieso verhindern, was aber nicht funktioniert. Die so genannte Beschäftigungsquote sieht vor, dass Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeiter:innen fünf Prozent der Stellen mit Menschen mit Behinderung besetzen müssen. Viele halten sich aber nicht daran und zahlen lieber eine monatliche Abgabe als „Strafe“. Diese wiederum ist mit 140 bis 360 Euro (ab 2022) relativ niedrig. Damit wird niemand abgeschreckt, sagt Jürgen Dusel.
Lukas Krämer arbeitete selbst fünf Jahre lang in einer Werkstatt. Auch er setzt sich nun für eine Reform ein und fordert, dass Beschäftigte dort den Mindestlohn gezahlt bekommen.

Dieser ZEITOnline-Artikel (Z+ – lesbar für 1 € als 4-Wochen-Probeabo) erklärt das Dilemma der Werkstätten, lässt Expert:innen zu Wort kommen und zeigt an den Geschichten von drei Menschen mit Behinderung, wie der Weg von der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt dennoch gelingen kann.




Inklusionsunternehmen im Gespräch: Folge 4 des Live-Talk-Formats „Stark für Inklusion“

Inklusionsunternehmen sind eigentlich gewöhnliche Betriebe. Sie wirtschaften also gewinnorientiert und müssen auf dem freien Markt bestehen. Anders als andere Unternehmen setzen sie dabei aber besonders auf Vielfalt und stellen die Stärken ihrer Mitarbeiter:innen bewusst in den Vordergrund, anstatt auf Schwächen und Defizite zu schauen.
In Inklusionsbetrieben arbeiten Menschen mit und ohne Schwerbehinderung gleichberechtigt und auf sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen zusammen. Außerdem ist der Anteil der Belegschaft mit Schwerbehinderung mit 30 bis 50 Prozent besonders groß.

In Westfalen gibt es aktuell rund 170 solcher Betriebe, die insgesamt rund 4.300 Menschen beschäftigen. 2.200 davon haben eine Schwerbehinderung. Weil die Firmen damit einen sehr wichtigen Beitrag zur Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt leisten, werden sie besonders gefördert und unterstützt.
Wie genau das funktioniert und was die aktuelle Situation ist, erklären Michael Wedershoven und Ulrich Adlhoch im Interview:

Mehr Infos zu Inklusionsunternehmen und den Förderprogrammen des Landes NRW und des LWL gibt es auf den Seiten des LWL-Inklusionsamtes Arbeit.




„Irgendwann möchte ich unabhängig von meinen Eltern leben“

Melanie Strasser lebt mit Rollstuhl, sie spricht langsamer und undeutlicher als andere und kommuniziert deswegen lieber schriftlich. Die Agentur für Arbeit riet ihr deshalb, in einer Werkstatt für behinderte Menschen anzufangen oder sich gleich arbeitslos zu melden.

Melanie Strasser befolgte diesen „Rat“ aber nicht. Gemeinsam mit ihrer Mutter fand sie selbst einen Ausbildungsplatz und ließ sich zur Kauffrau für Büromanagement weiterbilden. Sie zog in ein Internat, sammelte erste praktische Erfahrungen und fand schließlich einen passenden Job. Nach einem dreimonatigen Praktikum bei einer Bildungs- und Begegnungsstätte bekam sie dort eine feste Stelle. Ihr nächster Wunsch steht auch schon fest: So viel zu verdienen, dass nicht mehr bei ihren Eltern wohnen muss.

In diesem Artikel auf Spiegel Online erzählt Melanie Strasser ihre Geschichte. Unser Fundstück der Woche!