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Aus Angst vor Nachteilen

Fatma Ismail aus Wuppertal, die mit Business Insider über das Thema ausführlich gesprochen hat, gehört zu den Menschen, die ihre Behinderung in ihrem beruflichen Umfeld lange verschwiegen haben. Aus gutem Grund: Bei ihrem ersten Vorstellungsgespräch bekam sie unverblümt zu hören, dass sie nur befristet eingestellt werden würde, weil sie einen Schwerbehindertenausweis hatte.

Der Hintergrund solcher harschen Aussagen ist meist, dass viele Arbeitgeber die Auflagen scheuen, die sie für Mitarbeitende mit Behinderung einhalten müssen: den besonderen Kündigungsschutz zum Beispiel oder den Anspruch auf einen behindertengerechten Arbeitsplatz. Die junge Frau ließ sich aber nicht entmutigen. Trotz frustrierender Erfahrungen setzte sie sich in ihrem Job durch. Die dreifache Mutter ist heute selbstständige Karriereberaterin und arbeitet als Produktmanagerin in Teilzeit bei ihrem ersten Arbeitgeber.

Der Beitrag erzählt ihre Geschichte, gibt Einblicke in die Studie – und liefert Impulse für Unternehmen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen.




ARD-Doku-Serie: „Von der Behindertenwerkstatt in den Hörsaal“

Die Frauen und Männer absolvieren am Institut für inklusive Bildung (mehr zum Institut in unserem Blog-Interview mit der Mitarbeiterin Sara Gross) eine Qualifizierung zur Bildungsfachkraft, die drei Jahre dauert. Alle Teilnehmer:innen waren vorher in einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt und haben jetzt die Chance auf einen sozialversicherungspflichtigen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Nach ihrer Ausbildung können sie sich an Hochschulen bewerben und den Studierenden dort als Dozent:innen die Perspektiven und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung vermitteln.

Die Regisseurin Tabea Hosche hat für die Doku die angehenden Bildungsfachkräfte während des Bewerbungsverfahrens und der Qualifizierung begleitet. Daraus ist eine sehr schöne Serie mit vier Folgen entstanden, die jeweils 15 bis 20 Minuten dauern. Die Filme erzählen, wie die sieben Auszubildenden neue Stärken entdecken und entfalten, wie sie nach dem theoretischen Unterricht zum ersten Mal Studierende treffen, wie sie ihr erstes Seminar halten, aber auch, wie sie sich durch die Ausbildung privat weiterentwickeln und neue Freundschaften schließen.

Zur ARD-Doku in der Mediathek




Und plötzlich geht es doch: „Manöverkritik“ der TAZ zur digitalen Inklusion

Gleich zu Beginn ihres Artikels führt Judyta Smykowski ihre eigene Branche als Negativbeispiel an: Medienhäuser seien oft nach wie vor nicht barrierefrei und inklusiv. Das erklärt sie an einem Beispiel.
Seit der Corona-Pandemie etwa gehe vieles plötzlich doch, was vorher eher als ungewöhnlich galt – Interviews am Bildschirm führen zum Beispiel. Dabei funktionierten Recherchen und Redaktionsarbeit in den vergangenen anderthalb Jahren sehr gut digital, also auch ohne Führerschein, der in Stellenanzeigen für Journalist:innen aber oft immer noch als „wünschenswert“ angegeben wird. Menschen mit körperlichen Behinderungen schließt das meist von vornherein als Bewerber:innen aus.

Nun geht es also doch auch von zu Hause aus, per Skype oder Zoom, stellt die Autorin fest. Und findet: Vor allem für Menschen mit körperlichen Behinderungen kann dieses Umdenken eine Chance auf dem Medien-Arbeitsmarkt sein, weil bedingungslose Mobilität plötzlich keine zwingende Voraussetzung mehr ist.
Wer dagegen eine Hör-, Seh- oder Lernbehinderung hat, ist durch die digitale Kommunikation eher mit neuen oder nur verschobenen Barrieren konfrontiert, analysiert Judyta Smykowski weiter. Durch eine schlechte Internetverbindung zum Beispiel können Verzögerungen in Bild und Ton entstehen. Der Inhalt von Videokonferenzen wird damit schnell unverständlich, weil etwa Aussetzer bei der Gebärdensprachübersetzung entstehen oder die Lippenbewegungen der Interviewpartner:innen nicht mehr klar zu erkennen sind. Digital bedeutet also nicht gleich barrierefrei.

In ihrer „Manöverkritik“ greift die Autorin noch eine ganze Reihe weiterer Aspekte rund um die digitale Inklusion im Journalismus auf – und analysiert sie selbstkritisch. Unser Fundstück der Woche!




Video-Fundstück zum Thema Autismus: Warum Lisa eine Maske trägt

Lisa fühlt sich in vielen sozialen Situationen überhaupt nicht wohl. Das ist ihr aber kaum anzumerken, denn die 29-Jährige hat sich etwas antrainiert, das sich „Masking“ nennt: Sie imitiert die sozialen Verhaltensweisen nicht-behinderter Menschen, um nicht so sehr aufzufallen.
Eigentlich würde die Asperger-Autistin aber beispielsweise bei der Begrüßung anderer Menschen gar keinen Augenkontakt herstellen. Sie tut es trotzdem. Anstrengung und Reizüberflutung sind dabei riesig. „Ich kann dich zwar anschauen, wie du ja jetzt auch siehst – aber es ist mir total unangenehm“, erklärt Lisa der Reporterin Anna ihr Gefühl, die sie im Film für „reporter“ interviewt und begleitet.
Anna spricht neben Lisa auch noch mit einer psychologischen Beraterin, die ebenfalls Asperger-Autistin ist. Sie gibt einige Tipps für eine gute Kommunikation zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen.

Vor allem Menschen ohne Behinderung sollten sich diese schöne, kurzweilige Filmreportage unbedingt anschauen und am besten direkt weiterempfehlen – denn je besser auch sie über Autismus Bescheid wissen, desto weniger müssen sich Autist:innen in Zukunft verstellen.

Noch mehr Einblicke in ihr Leben gibt Lisa auf ihrem YouTube-Kanal „Girl from Planet Aspie“ (https://www.youtube.com/girlfromplanetaspie) und bei Instagram (www.instagram.com/girlfromplanetaspie). Dort erklärt sie, wie sie die Welt und ihren Alltag mit ihrer Behinderung erlebt.




Fundstück der Woche: Berufseinstieg als Gebärdensprachdolmetscherin

Corinna Brenner wollte eigentlich Lehrerin werden. Sie merkte aber schnell, dass der Beruf doch nicht der richtige für sie ist, und brach das Studium ab. Ein Zufall brachte sie auf die Idee, Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache und Schriftdeutsch zu werden. Nach ihrem Studium arbeitete sie erst einmal freiberuflich und dolmetschte unter anderem Debatten im Deutschen Bundestag (oder auch die Neujahrsansprache 2020 der Bundeskanzlerin). Dabei war sie so erfolgreich, dass sie schon nach ein paar Wochen eine Festanstellung bekam.

Im SPIEGEL-Beitrag „Berufseinstieg als Gebärdensprachdolmetscherin“ erzählt sie, wie sie ein Gebärdensprachvideo aufnimmt und warum es für sie ein großer Vorteil ist, selbst gehörlos zu sein. Ein toller Einblick in den Arbeitsalltag dieses interessanten Berufs!

Und noch ein Tipp zum Weiterlesen: In diesem Beitrag haben wir Fragen, Antworten und spannende Fakten zur Gebärdensprache für euch zusammengestellt.

 

 

 

 

 

 




Fundstück der Woche: ZEIT-Artikel über adaptive Mode

Kleidung für Menschen mit körperlichen Behinderungen war lange Zeit vor allem praktisch und funktional, aber nicht unbedingt schön und modisch. Bei den Modeschauen und Kampagnen der großen Marken kamen kaum Menschen mit Behinderung vor. Doch nun wird die Branche allmählich inklusiver.

In den USA und in Kanada gibt es schon etliche Label, die sogenannte adaptive (also barrierefreie) Mode anbieten. Und auch in Europa wächst der Markt für barrierefreie, schicke Kleidung. Einige Marken führen sogar Kollektionen, die für Menschen mit und ohne Behinderung designt ist. Die Hersteller verarbeiten dabei etwa versteckte Magnetknöpfe, die sich auch mit einer Hand oder mit einer eingeschränkten Feinmotorik schließen lassen – anstelle von Knöpfen, die durch ein Knopfloch geführt werden müssen.

Worauf Hersteller bei adaptiver Mode sonst noch achten sollten und warum es trotzdem schwierig ist, wirklich inklusive Kollektionen zu entwerfen, lest ihr in diesem Beitrag des ZEIT-Magazins.




Doppelt benachteiligt: Frauen mit Schwerbehinderung auf dem Arbeitsmarkt

Menschen mit Schwerbehinderung verdienen auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor schlechter als Menschen ohne. Eine Bevölkerungsgruppe wird bei diesem Thema allerdings gleich doppelt benachteiligt: Frauen mit einer Schwerbehinderung. Sie verdienen im Vergleich zu anderen Gruppen – also auch im Verhältnis zu Männern mit Schwerbehinderung – am wenigsten. Außerdem arbeiten sie viel seltener in Vollzeit.

Dilek Özkaya ist eine von ihnen. SPIEGEL ONLINE hat mit der 42-Jährigen gesprochen und ihre Situation und die vieler anderer Frauen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt analysiert. Ein lesenswerter Artikel zu den Hintergründen eines für viele Menschen immer noch sehr ungerechten Systems. Unser Fundstück der Woche!

„Während Menschen mit Schwerbehinderung sowieso schon schlechter verdienen als Menschen ohne Handicap, sind Frauen in dieser Hinsicht noch mal schlechter dran.“
aus dem SPIEGEL-Artikel zur Berufstätigkeit von Frauen mit Behinderung




Ein Superheld mit Schwächen: Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) hat nicht nur einen langen Namen, es ist auch nicht so einfach zu verstehen. Und es hat in seinem jetzigen Entwurf noch einige Schwächen, sagen viele. Auf der Website des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zum Beispiel sind ganz unten auf der Seite eine ganze Reihe von Stellungnahmen zum Gesetz zu finden. Deswegen versuchen zum Beispiel die Behindertenverbände, noch Einfluss auf den Gesetzentwurf zu nehmen, den der Bundestag schon sehr bald verabschieden will.

Einer dieser Verbände ist der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). Er erklärt mit einem animierten Video sehr anschaulich, wo das Gesetz für ihn noch nicht so stark ist, wie es sein sollte, und verbessert werden müsste. Der Film zeigt auch, warum Barrierefreiheit in sehr vielen Lebensbereichen wichtig ist und wie das Gesetz diese beeinflussen würde (oder auch nicht).
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz selbst tritt in dem kleinen Film übrigens als Superheld auf – allerdings am Ende mit sehr vielen Löchern im Umhang.

Den Film gibt es auf der Website des DBSV auch mit Audiodeskription und in Gebärdensprache. Darüber hinaus sind die Kritikpunkte, die im Video angesprochen werden, unten auf der Seite noch einmal schriftlich aufgeführt.




Die Arbeitsmarkt-Kampagne „The Hiring Chain“: Der Bäcker, der Simone anstellte

Menschen mit Down-Syndrom haben es schwer, einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bekommen – nicht nur in Deutschland. Neben vielen anderen Gründen ist auch eine Art Teufelskreis dafür mitverantwortlich: Weil sie im beruflichen Umfeld kaum zu sehen sind, gibt es keine guten Beispiele, die mehr Unternehmen dazu motivieren, selbst Menschen mit Down-Syndrom einzustellen.

Genau darum geht es bei der Kampagne „The Hiring Chain“ (frei aus dem Englischen übersetzt: „Die Arbeitsplatz-Kettenreaktion“). Mehrere Organisationen weltweit, die bereits Menschen mit Down-Syndrom beschäftigen, haben sie gemeinsam gestartet – und einen sehr prominenten Fürsprecher dafür gefunden: Sting, den ehemaligen Sänger und Bassisten der Band „The Police“. Er hat einen Song darüber geschrieben, wie eine positive Kettenreaktion auf dem Arbeitsmarkt mit einem Bäcker beginnt, der eine junge Frau mit Down Syndrom namens Simone einstellt. Eine Anwältin beobachtet durchs Fenster, dass Simone einen guten Job macht, und stellt daraufhin selbst einen jungen Anwalt namens John ein, der auch das Down-Syndrom hat. Und so setzt sich die Kette immer weiter fort.

Der Song wird auf Englisch gesungen, ist durch das schöne Musikvideo aber auch ohne Englischkenntnisse gut verständlich. Durch einen Klick rechts auf den runden Button „Change Mode“ lassen sich auf der Website übrigens auch englische Untertitel einblenden.

Wenn ihr noch mehr zum heutigen Welt-Down-Syndrom-Tag über das Thema lesen und sehen möchtet: Hier findet ihr viele tolle Aktionen, Initiativen und Projekte.




Wie die Covid-19-Impfung barrierefrei organisiert werden kann

Der Autor fasst in seinem Artikel die „Empfehlungen für barrierefreie Impfzentren“ zusammen. Diese wurden gemeinsam vom Deutschen Gehörlosen-Bund, dem Verein „Sozialheld*innen“ und elf weiteren Organisationen formuliert und den Verantwortlichen in der Bundes- und den Landesregierungen übergeben. Die Anmeldung für die Impftermine ist nun tatsächlich schon barrierefrei organisiert, so, wie es die Organisationen fordern – das geht nämlich telefonisch oder schriftlich. Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung können also bereits ohne fremde Hilfe einen Termin vereinbaren.

Constantin Grosch erklärt darüber hinaus, was in den Impfzentren selbst und bei der Organisation der Abläufe vor Ort wichtig ist. Hier könnt ihr seinen ganzen Beitrag auf „Die Neue Norm“ lesen.

Tipp zum Thema

Der Verein „Sozialheld*innen“ sammelt im Rahmen des Projekts „Wheelmap“ Informationen zur Barrierefreiheit von Covid-19-Teststellen. Auf der Website könnt ihr entsprechende Daten eintragen. Später entsteht daraus und aus den Hinweisen vieler anderer Nutzerinnen und Nutzer eine Karte.