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„Das Beste, was wir bisher hier hatten”

Eng aneinandergereiht liegen die Bratwürste auf dem Blech, in einem großen Topf auf dem Herd dampft rote Soße. Fruchtig und frisch schmeckt sie, das Rezept wird nicht verraten. Es ist Freitag, in der Herforder Kreishauskantine heißt das: Currywurst-Tag. Und zwar auf ausdrückliche Bitte des Hausherrn, Landrat Jürgen Müller, der sich den Klassiker regelmäßig schmecken lässt.

Seit September 2016 bewirtschaftet der Lippische Kombi-Service, kurz LKS, die Kantine in dem Verwaltungsbau aus den 1990er-Jahren. „Der Kreis wollte ein soziales Unternehmen in seiner Kantine haben. Wir wurden angefragt, haben uns an der Ausschreibung beteiligt und gewonnen“, blickt LKS-Geschäftsführerin Monika Zimmermann zurück. Montags bis freitags versorgt das Inklusionsunternehmen mit Sitz in Detmold nicht nur die Bediensteten des Kreises mit belegten Brötchen, Mittagessen, Heiß- und Kaltgetränken sowie allerlei Snacks: „Zurzeit geben wir gut 100 Essen pro Tag in der Kantine aus und liefern weitere 100 bis 150 Essen an vier Kindergärten in der Umgebung“, sagt Monika Zimmermann.

Das Allround-Talent

Elwira Leesemann bringt einen Frühstückskorb zur Theke. Ihre Spezialitätenbrötchen sind kleine Kunstwerke, fantasievoll belegt mit Bratenröllchen und Salatkreationen. Die Mitarbeiterin hat eine Behinderung und wechselte aus der Hotel-Gastronomie, wo sie ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hat, zum LKS. „Ich bin hier das Allround-Talent“, sagt sie. Thekenbereich, Küche und Spülküche – die 49-Jährige hilft dort, wo Hilfe gebraucht wird.

„Frau Leesemann können wir überall einsetzen“, sagt ihr Chef Manuel Nocken. Der 30-Jährige ist ausgebildeter Koch und leitet die Küche der Kreishauskantine. Er ist verantwortlich für Aufgabenverteilung und eine gute Zusammenarbeit im Team. Fast alle der insgesamt zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben eine Behinderung, eine psychische Erkrankung oder eine Suchterkrankung. Deshalb muss sich Monika Zimmermann nicht nur fachlich, sondern auch menschlich immer auf ihren Küchenchef verlassen können: „Herr Nocken ist einfühlsam und hat viel Empathie. Wenn es mal Probleme gibt, erkennt er sie und versucht, sie direkt zu lösen“, sagt die LKS-Geschäftsführerin.

Jürgen Müller ist in Anzug und Schlips gekleidet; er nimmt an der Essenstheke der Kantine gerade einen Teller mit Currywurst von einem Küchenmitarbeiter entgegen und lächelt dabei in die Kamera.
Landrat Jürgen Müller freut sich, dass jeden Freitag der Duft von Currywurst durch die Räume der Kreishauskantine zieht. Foto: LWL/Kopfkunst

Erfolgreicher Betrieb seit 1987

Ein gutes Betriebsklima ist für Monika Zimmermann von existenzieller Bedeutung. Sie steht in engem Kontakt mit den Beschäftigten, führt Gespräche, wenn nötig. „Die Arbeit in der Gastronomie ist hart, aber bei uns wird das sozial abgefedert. Das ist ja auch unser Auftrag“, sagt sie.

Der LKS ist seit Jahrzehnten in der Region verwurzelt. 1986 etablierten die Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in Lippe den gemeinnützigen Verein APK. Um der Isolation psychisch Kranker entgegenzuwirken und eine Integration in die Arbeitswelt zu ermöglichen, gründete der APK 1987 einen vereinseigenen Betrieb, den Lippischen Kombi-Service. Der Name ist Programm: Neben Cafeterien und Catering bietet der LKS auch den Service der Datenarchivierung für Unternehmen aus der Region an, außerdem betreibt das Unternehmen eine Heißmangel und ein Buchantiquariat.

Mund-zu-Mund-Propaganda als Erfolgsrezept

Zurzeit ist der Betrieb an mehr als 35 Standorten in der Region Lippe vertreten – von Bad Pyrmont bis Bad Salzuflen, von Detmold bis Herford. Gut die Hälfte der insgesamt 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat eine Behinderung. Monika Zimmermann ist außerdem besonders stolz darauf, dass der LKS 70 Auszubildende beschäftigt: „Das ist Spitze in Westfalen-Lippe.“

In Herford betreibt die Organisation die Kreishauskantine und ist auch mit der Mensa der Gesamtschule Friedenstal überaus erfolgreich. Das zahlt sich aus: „Wir werden oft von Schulleiter zu Schulleiter weiterempfohlen, da funktioniert die Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt Monika Zimmermann.

Beste Qualität

Landrat Jürgen Müller isst regelmäßig in der Kreishauskantine, ebenso viele seiner Beschäftigten. „Wir wollten etwas für Menschen mit Behinderungen tun und deshalb einen Inklusionsbetrieb in unserer Kantine haben“, sagt Müller. Das LKS-Engagement sei für beide Seiten eine Win-Win-Situation. „Von der Qualität ist es außerdem das Beste, was wir bisher hatten. Das Gulasch ist toll, die Currywurst sowieso. Und auch die Spargel-Thementage sind super“, schwärmt der Landrat.

Die Lebensmittel sucht Manuel Nocken persönlich aus. Obst und Gemüse kauft er meist bei regionalen Erzeugern ein, Tiefkühlware und Süßigkeiten werden geliefert. Jeden Mittwoch schreibt Nocken in seinem Büro den Speiseplan für die nächste Woche. Ausgewogen soll er sein – und auch auf Kundenwünsche geht der Küchenchef ein.

Begeisterung bei den Kunden

Ein Mitarbeiter steht in Arbeitskleidung in der Großküche; man sieht ihn von der Seite. Er schiebt gerade Edelstahl-Behälter nebeneinander, in denen geröstete Brotscheiben liegen.

Etwa 200–250 Essen werden täglich von zehn Mitarbeitern in der Kantinen-Küche zubereitet. Fast alle haben eine Behinderung – zum Beispiel auch Benedikt Minnig. Foto: LWL/Kopfkunst

Richtig durchgestartet ist das LKS-Kantinenteam bei der 200-Jahr-Feier des Kreises im Oktober 2016. „Da haben wir gezeigt, was wir können“, sagt Nocken. Das aufwändige Fingerfood-Buffet löste Begeisterung aus, „das war unser Durchbruch.“ Gut lief es für Nockens Küchencrew auch beim Sommerfest 2017. „Wir haben einen Streetfood-Wagen betrieben und 600 Personen versorgt. Spätestens seit diesem Zeitpunkt lieben uns die Kreis-Bediensteten.“ Regelmäßig bewirtet der LKS auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Tagungen, Veranstaltungen und Partei-Treffen.

Inklusion? Selbstverständlich.

Zum Erfolg der Kreishauskantine trägt auch bei, dass sich die Beschäftigten in der Küche auch mal ausprobieren dürfen. Küchenchef Manuel Nocken ist immer offen für neue Ideen. Nur der Schnitzel-Tag am Mittwoch und der Currywurst-Freitag sind gesetzt. Die Kernarbeitszeit für die LKS-Kantinenmannschaft ist von 7 bis 15:30 Uhr, es sind aber auch flexible Zeiten möglich. Der Verdienst orientiert sich an den Tarifen der Gastronomie.

Landrat Jürgen Müller ist sicher, mit dem Lippischen Kombi-Service die richtige Wahl getroffen zu haben: „Hier sind Menschen mit Behinderungen ganz selbstverständlich Teil der Kreisverwaltung geworden.“


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




„Wir müssen mehr tun als die Konkurrenz, um einen Kunden zu überzeugen“

Seit seiner Gründung vor gut 15 Jahren ist das Bielefelder Unternehmen Teuto InServ stetig auf Wachstumskurs: Die erste Werkshalle war 400 Quadratmeter groß, darin bearbeiteten vier Mitarbeiter Bauteile für verschiedene Auto-Modelle. Heute hat der Betrieb 29 Angestellte. Selbst in der neuen, 3000 Quadratmeter großen Halle wird es inzwischen manchmal eng. „Wir haben für einen Auftrag sogar vorübergehend eine zusätzliche Halle angemietet“, sagt Andreas Neitzel. „Dort haben wir auch samstags Überstunden gemacht, um alles zu schaffen.“

Der Erfolg des Unternehmens lässt sich aber nicht nur am Auftragsvolumen ablesen, sondern auch an der Art der Aufträge. „Früher haben wir die Fahrzeug-Komponenten bearbeitet und diese dann an unseren Hauptkunden, einen Automobil-Zulieferer, zurückgesandt“, erläutert der Geschäftsführer des Unternehmens. „Inzwischen beliefern wir im Auftrag unseres Kunden direkt einzelne Automobilwerke und übernehmen auch die Dokumentation und Verwaltung unseres Materials.“ Das ist ein großer Vertrauensbeweis – umso mehr, weil Teuto InServ ein Integrationsbetrieb ist. Zwei Drittel der Mitarbeiter haben eine Behinderung. „Gerade in der Automobilindustrie gilt das oft als Makel. Wir müssen mehr tun als die Konkurrenz, um einen Kunden zu überzeugen“, sagt Andreas Neitzel. Für die Mitarbeiter gilt deshalb eine Null-Fehler-Pflicht: Jedes Bauteil muss die Werkshalle exakt so verlassen, wie der Kunde es in Auftrag gegeben hat. Besondere Sorgfalt ist auch beim Verpacken der Fahrzeug-Komponenten gefragt. Gerade ist eine Charge Querlenker für alternative Antriebe fertig geworden, die in den nächsten Tagen nach China verschifft werden soll.

Zwei Mitarbeiter bedienen gemeinsam ein großes Industriegerät

Rund zwei Drittel der Teuto-InServ-Mitarbeiter haben eine Behinderung. Dafür wurden extra einige Arbeitsplätze barrierefrei umgestaltet. Foto: Thorsten Arendt.

Kornelius Kliewer, einer der Mitarbeiter mit Behinderung, nimmt sorgsam ein Bauteil nach dem anderen aus einer Gitterbox und klebt ein Versandetikett mit einem Barcode auf. So lässt sich später auf der ganzen Welt zurückverfolgen, wann die Teile hergestellt und wie viele verschickt wurden. Anschließend bekommt jeder Querlenker eine Hülle aus Hartplastik. Um die gesamte Charge wird eine Folie gewickelt, eine Kartonage schützt vor Stößen – fertig. Kliewers Arbeitsplatz ist genau auf ihn ausgerichtet und angepasst – deswegen kann er seinen Job gut erledigen. „Ich arbeite schon seit 15 Jahren hier“, sagt er stolz. „Ich war von Anfang an dabei.“ Der 53-Jährige spricht leicht stockend, macht immer wieder längere Pausen zwischen den Wörtern. Bevor er die Stelle bei Teuto InServ bekam, war er lange arbeitslos und ist jetzt umso motivierter bei der Sache. „Das ist bei uns eigentlich die Regel: Wer einmal bei uns ist, der bleibt“, sagt der Geschäftsführer. Auch Nachwuchssorgen kenne sein Betrieb nicht, es gibt immer viele Bewerber. „Wir sind schließlich eine Super-Truppe und bieten ein interessantes Aufgabengebiet.“ Teuto InServ entstand 2001 aus einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, von dort nahm die Firma 2001 auch den ersten Auftrag mit: So genannte Seitenaufprallträger – Metallstreben, die schräg in Autotüren angebracht sind und bei einem Zusammenstoß die Insassen schützen sollen – mussten mit Muttern versehen werden. „Diesen Auftrag konnte die Werkstatt aus Platzgründen und auch logistisch nicht leisten“, erklärt Andreas Neitzel. Also schlug der Chef des Werkstatt-Betreibers Werkhaus vor, ein Integrationsunternehmen zu gründen. Genau die richtige Entscheidung, davon ist er überzeugt: „Sonst hätte die Werkstatt einen Kunden verloren.“ Der junge Integrationsbetrieb bekam schnell weitere Aufträge, stockte jedes Jahr sein Personal weiter auf. Unter den Angestellten mit Behinderung sind heute sieben gehörlose Mitarbeiter. Anfangs sei die Zusammenarbeit zwischen ihnen und ihren hörenden Kollegen noch etwas schwierig gewesen, blickt Neitzel zurück. Inzwischen klappt das aber reibungslos: Fertigungsleiter Eduard Wiebe hat sich die Gebärdensprache selbst beigebracht und beherrscht sie inzwischen perfekt. Auch einige der anderen Kollegen verstehen sie schon ganz gut.

Der Geschäftsführer von Teuto InServ steht lächelnd in einer Lagerhalle vor einem Regal voller großer Autobauteile.

Geschäftsführer Andreas Neitzel hat Teuto InServ mit aufgebaut. Foto: Thorsten Arendt

Für einige Aufgaben, die Teuto InServ für den Automobil-Zulieferer übernimmt, hat sich das fehlende Hörvermögen sogar schon als Vorteil erwiesen. Denn die anderen Sinnesorgane sind umso ausgeprägter, die gehörlosen Mitarbeiter können optische Kontrollen viel sorgfältiger durchführen als ihre hörenden Kollegen. Auch das jüngste Projekt haben Neitzel und Wiebe deshalb an zwei gehörlosen Mitarbeitern übertragen. Am Rahmen eines Pick-up-Geländewagens müssen Schweißpunkte kontrolliert werden – und zwar insgesamt 1400 pro Monat. Jede Woche bekommt Teuto InServ einen fabrikneuen Rahmen, an dem die Angestellten Eugen Sket und Victor Derksen jeweils 350 Punkte bestimmen und anzeichnen. An jedem Punkt schneiden sie ein kleines Stück heraus, das der Zulieferer zur Kontrolle bekommt – taucht ein Fehler auf, wird eine ganze Charge Rahmen zurückgerufen. „Das ist ein sehr aufwändiges Verfahren und dient der Sicherheit der künftigen Fahrer“, sagt Andreas Neitzel. „Wir tragen bei diesem Auftrag also eine Menge Verantwortung.“ 




„Kuschelkurs geht nicht, wenn man im Wettbewerb bestehen muss“

Sie hat es geschafft: Für Adelheid Hoffbauer steht die Rente an. Nur kann sich im Integrationsunternehmen »Die Brücke« in Bad Lippspringe niemand ein Arbeiten ohne sie so recht vorstellen. Sie ist nicht nur Selfmade-Unternehmerin, sondern auch die Mitgründerin der Wäscherei in Ostwestfalen. Der Betrieb expandiert und ist voriges Jahr in eine neue Produktionshalle am bisherigen Standort gezogen. Momentan arbeiten hier 33 Menschen, davon 16 mit einer Behinderung. Und es gibt noch ehrgeizigere Pläne: Die Geschäftsleitung strebt eine Verdoppelung der Kapazitäten und der Beschäftigten innerhalb von drei Jahren an. 60 Menschen sollen hier künftig insgesamt arbeiten. Adelheid Hoffbauer will dann allerdings schon in Rente sein. „Definitiv“, sagt sie und nickt ihrer Schwiegertochter Christiane Hoffbauer zu, die neben ihr sitzt. Die junge Diplom-Pädagogin ist für die psychosoziale Betreuung im Unternehmen verantwortlich und wird einmal die Geschäftsführung der Wäscherei übernehmen. Und noch ein weiteres Familienmitglied arbeitet in diesem Betrieb: Adelheid Hoffbauers Tochter, die Ende 1996 zugleich einer der Hauptgründe war, »Die Brücke« überhaupt aus der Taufe zu heben.

Die Gründung war ein großer Schritt

„Meine Tochter hat eine Lernbehinderung. Das Unternehmen sollte ihr und anderen Menschen mit Behinderungen einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz bieten“, sagt Adelheid Hoffbauer. »Die Brücke« gehört damit zu den Vorläufern der heutigen Integrationsunternehmen in Westfalen- Lippe.

Adelheid Hoffbauer neben ihrer Schwiegertochter, beide lächeln in die Kamera.

Generationswechsel in der Familie: Adelheid Hoffbauer (li.) mit ihrer Schwiegertochter Christiane Hoffbauer. Foto: Thorsten Arendt

Selbst einen Betrieb zu gründen war für die Unternehmerin ein großer Schritt  aber ein nötiger, wie sie sich erinnert. Ihre Tochter hatte über drei Jahre lang einen Hauswirtschafts-Lehrgang für Jugendliche mit schweren Lernbehinderungen beim Kolping-Berufsförderungszentrum in Paderborn besucht. Das Pilotprojekt nach der Förderschule qualifizierte damals zwölf Menschen für den allgemeinen Arbeitsmarkt. Nur gab es für sie dort keine Arbeit, stellten die Eltern fest. „Die lernen unheimlich viel im Berufsförderungszentrum, und es macht traurig, wenn dann nach drei Jahren nichts mehr ist.“ Und so kamen die Hoffbauers auf eine Idee: Sie entschlossen sich, eine Wäscherei aufzumachen. Adelheid Hoffbauers früh verstorbener Mann Dirk war Mehrheitsgesellschafter einer Firma für Leinwände in Kinos, das alte Rohrlager stand seinerzeit leer. Die Familie richtete es her und machte daraus die Keimzelle der heutigen »Brücke«: „Innerhalb eines halben Jahres haben wir das alles hier umgebaut.“ Der Paderborner Kolping-Diözesanverband wurde Teilhaber und zeigte den Hoffbauers den Kontakt zum LWL auf, der das Projekt förderte und unterstützte. „Das war Pionierarbeit“, sagt Adelheid Hoffbauer und erinnert sich, wie sie sich vor 18 Jahren mit dem LWL, dem Arbeitsamt und dem Kolpingbildungswerk an einen Tisch setzte. „Ich hatte furchtbare Angst davor, dass der Betrieb scheitert. Wir sind ein großes Risiko eingegangen.“ Sie wäre damals auch nicht allein auf die Idee gekommen, sagt sie. Aber ihr Mann machte ihr Mut. Nach seinem Tod übernahm die gelernte Grund- und Hauptschullehrerin das Zepter. „Heute würde ich mir das auch allein zutrauen“, sagt sie. Die meiste Unterstützung kam vom LWL. „Und alle, die heute vom Landschaftsverband aus involviert sind, waren damals auch schon da“, sagt sie und freut sich über diese Kontinuität in der Betreuung.

Beratung in allen Angelegenheiten

Die Tochter der Geschäftsführerin bedient gerade eine große Waschmaschine.

Christiane Hoffbauer bedient die großen Waschmaschinen. Foto: Thorsten Arendt

Als kürzlich der Neubau für die Wäscherei anstand, der ebenfalls vom LWL mit gefördert wurde, stellte Adelheid Hoffbauer fest, dass sich die Zeiten geändert haben. Aber zum Positiven: Die betriebswirtschaftliche Beratung der Handwerkskammer Münster zum Beispiel gab es damals noch nicht, alle Aufgaben in diesem Bereich erledigte die Finanzbuchhaltung ihres Mannes. „Wir schauten bei Neuanstellungen schon immer genau darauf: Was kannst du?“, blickt Adelheid Hoffbauer zurück. „Bei uns kommt es aber eben überhaupt nicht darauf an, was man alles nicht kann.“ Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden gemäß ihrer Kompetenzen eingesetzt. „Das mussten wir erst lernen, ebenso wie das betriebswirtschaftliche Denken.“ Denn, so sagt die heute erfahrene Chefin: „Kuschelkurs geht nicht, wenn man im Wettbewerb bestehen muss.“ Christiane Hoffbauer ergänzt aber auch: „Die Arbeit muss machbar sein und die Menschen müssen das Gefühl haben, dass sie ihren Lebensunterhalt hier selbstständig verdienen können.“
»Die Brücke« bietet heute moderne und helle Arbeitsplätze – hauptsächlich für Frauen. Derzeit arbeiten nur zwei Männer in der Wäscherei, auch wenn der Betrieb ursprünglich mit vier jungen Männern startete. „Denen war das hier zu sauber“, sagt Adelheid Hoffbauer und lacht laut zusammen mit ihrer Schwiegertochter. „Wir hätten aber gerne noch einen Wäscher zum Befüllen der Maschinen. Das ist für Frauen sehr anstrengend.“ Der Anspruch an die Qualität und Ordnung ist hoch – das geht bis in die Details. „Kreuz und quer gepackte Frotteetücher? Das akzeptieren unsere Kunden nicht“, sagt Adelheid Hoffbauer und schüttelt den Kopf.

Kunden setzen auf Kontinuität

So, wie fast alle Mitarbeiter der ersten Stunde auch heute noch in der »Brücke« arbeiten, sind auch die Kunden aus den Großraum Paderborn der Wäscherei treu geblieben. Bildungshäuser waren die ersten Kunden, die ihre Wäsche in Bad Lippspringe waschen und bügeln ließen. Heute türmen sich die Pakete und Wannen sortiert in der neuen Regalwand hinter dem Laden, der von 7:30 Uhr bis 18 Uhr geöffnet ist. Hotels, Restaurants und Senioreneinrichtungen gehören ebenso zum Kundenstamm wie private Bad Lippspringer. Auch das Bistum Paderborn vertraut dem »Brücke«-Team: „Wir machen die ganze Domwäsche für das Bistum“, sagt Adelheid Hoffbauer. „Und natürlich wollen alle pünktlich ihre Wäsche haben. Da geht es hier manchmal ganz schön rund.“

 

Info-INeugierig geworden, wie so ein Firmenkonzept funktioniert? Wer selbst ein Integrationsunternehmen oder auch eine Integrationsabteilung in einer bestehenden Firma gründen möchte, aber nicht weiß, wie das geht und was dabei beachtet werden muss, findet hier eine Übersicht mit den wichtigsten Infos, ersten Planungshilfen und Ansprechpartnern beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe.
Wichtig: Je nach Region sind für die Beratung zu diesem Thema jeweils unterschiedliche Inklusionsämter zuständig. Der LWL zum Beispiel ist der Träger der zuständigen Stelle für die Region Westfalen-Lippe, für das Rheinland ist dagegen das Inklusionsamt des LVR (Landschafsverband Rheinland) der richtige Ansprechpartner. Wer es ganz genau wissen will oder gar nicht aus Nordrhein-Westfalen kommt: Mit der Postleitzahlensuche der Bundesarbeitsgemeinschaft der Inklusionsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH) könnt ihr ganz einfach herausfinden, welches Inklusionsamt für euch zuständig ist und beraten kann.




„Mit der Gewohnheit fielen alle Schranken“

Bei Knut Schuster war es der Vater, der ihm klarmachte, dass Menschen mit Behinderungen ebenso große Chancen wie nichtbehinderte Menschen haben sollten schon deshalb, weil sein Papa an einer offenen Tuberkulose litt und eine Wirbelsäulenverkrümmung sowie eine dementsprechende Körperhaltung hatte. „Wenn die anderen Kinder mir mal sagten, dass er sich aber komisch bewegen würde, habe ich immer nur geantwortet, dass er genauso ein Vater wie alle anderen ist“, erinnert sich der 41-Jährige, der in Hagen-Hohenlimburg die Geschäfte der Springtec Group, Schrimpf und Schöneberg führt. Deshalb, so sagt er heute, ist es für ihn auch selbstverständlich, dass in seinem Unternehmen, das Federn aus Stahldraht und andere Stanz- und Biegeteile für die Auto-, Luftfahrt-, Elektrotechnik- und Sanitärindustrie herstellt, Menschen mit Handicaps arbeiten. Sascha Thiele ist einer dieser 16 Mitarbeiter mit Handicap, die in der Integrationsabteilung des Unternehmens einen festen Arbeitsplatz gefunden haben.

Sascha Thiele trägt eine Schutzbrille und schüttet Federn in eine Schleifmaschine.

Mitarbeiter Sascha Thiele bei der Arbeit in der Springtec Group in Hagen-Hohenlimburg. | Foto: Thorsten Arendt

In der Halle, in der der 32-Jährige tätig ist, spucken Dutzende Maschinen im Sekundentakt Federn aus, dreifach, fünffach, zehnfach gedreht, abgewinkelt, gestanzt, zwischen einigen Millimetern und mehreren Zentimetern groß. Thiele stellt sie mit geübtem Griff in ausgebohrte Löcher eines runden Stahltellers, der sich unaufhörlich dreht. In der Maschine fährt ein Schleifteller über die Federn und nivelliert sie, so dass sie an beiden Seiten eben werden. Penibel achtet er darauf, dass alle Löcher besetzt sind und die Federn gerade stehen.
Sascha Thiele besuchte zuvor die Sonderschule und wechselte danach in das Integrationsunternehmen Pro Integration, das ebenfalls in Hagen-Hohenlimburg angesiedelt ist. Dort absolvierte er eine Ausbildung zum Gärtner, wechselte danach allerdings mehrfach den Arbeitgeber: „Das hat oft nicht gepasst“, sagt Thiele, der „langsamer lernt als andere“, wie er selbst sagt. Er scheint lange für jede Antwort überlegen zu müssen und wirkt etwas schüchtern. Bei Springtec gilt Sascha Thiele aber als „zuverlässig und sehr akkurat“. Einen Führerschein hat er auch, den hatte er schon im ersten Job gemacht. Heute ist er gut ins Unternehmen integriert, „und zwar komplett“, wie Knut Schuster stolz erzählt. Die Männer und Frauen mit psychischen oder körperlichen Behinderungen, die hier arbeiten, sind ein selbstverständlicher Teil der 70-köpfigen Belegschaft am Standort geworden. „Am Anfang haben sich die Kollegen zwar erst einmal gegenseitig beäugt“, erinnert sich Schuster an die Gründung der Integrationsabteilung im Jahr 2009 zurück, die vom LWL-Inklusionsamt Arbeit und durch das NRW-Landesprogramm „Integration unternehmen!“ investiv gefördert wurde. „Mit der Gewohnheit fielen dann aber alle Schranken“, erzählt er. „Heute haben sich Fahrgemeinschaften gebildet, ein Mitarbeiter mit Lkw-Führerschein hilft einem behinderten Kollegen beim Umzug und die Mitarbeiter mit und ohne Behinderung verbringen die Mittagspause gemeinsam.“

Sascha Thiele sitzt an seinem Arbeitsplatz,. Rechts, hinter ihm steht Geschäftsführer Knut Schuster, links davon Monika Gloerfeld. Alle lächeln freundlich in die Kamera.

Geschäftsführer Knut Schuster (re.) ist sehr zufrieden mit der Integrationsabteilung bei Springtec. Monika Gloerfeld (li.) kümmert sich um die Verwaltung der Abteilung. | Foto: Thorsten Arendt

Den Kontakt zu Springtec stellte eine Betreuerin für Sascha Thiele her, die ihn schon während seiner Lehre begleitet hatte. „Sie hat mir von der Arbeit hier erzählt und ist mit mir zum Vorstellungsgespräch gegangen“, sagt der 32-Jährige und nickt bekräftigend. Ja, er ist auch heute noch immer zufrieden bei Springtec. „Der Job hier gefällt mir gut“, sagt er, mehr Geld verdiene er auch und er fühle sich sehr wohl im Team und mit seinen Chefs. Ein gelungener Start ins Berufsleben und in die Firma der aber auch viel Arbeit bedeutete, das macht Knut Schuster ebenfalls klar. Für die 16 Kollegen mit Behinderung ist in der Verwaltung unter anderem Monika Gloerfeld zuständig. Sie kennt das Team sehr gut und weiß, worauf sie achten muss. „Manchen tut es zum Beispiel sehr gut, wenn ich sie alle paar Tage anspreche und nach ihrem Wohlbefinden frage“, berichtet die ausgebildete Industriekauffrau. „Ich bin daher öfter als für die Verwaltung sonst üblich in der Produktion unterwegs und unterhalte mich mit den Kollegen. So schaffen wir eine angenehme Atmosphäre.“ Auch Sascha Thiele führt die 59-Jährige gerne als gutes Beispiel an: „Da zeigt sich, wie viel es ausmacht, wenn ein Mitarbeiter an der richtigen Stelle eingesetzt wird und ihm seine Arbeit zusagt.“ Monika Gloerfeld freut sich ebenfalls, wenn Arbeit und Mensch gut zueinander passen. „Bei unseren behinderten Teamkollegen ist der Krankenstand zwar leicht höher als bei den nichtbehinderten, weil viele Kollegen nun mal eine angeschlagene Gesundheit haben“, sagt sie. „Das ist für uns aber alles völlig im Rahmen.“

Murat Demir steht links von Sascha Thiele und erklärt ihm einen Arbeitsschritt.

Murat Demir (li.) erklärt Sascha Thiele einen Arbeitsschritt. | Foto: Thorsten Arendt

Sascha Thiele selbst hat in zwei Jahren kein einziges Mal bei der Arbeit gefehlt. Allen gehandicapten Kollegen bedeute ihr Job sehr viel, ergänzt sein Chef. „Wenn die Leute erst einmal bei uns anfangen, dann bleiben sie auch“, sagt Knut Schuster, der potentielle neue Mitarbeiter ein drei- bis vierwöchiges Praktikum in seiner Firma absolvieren lässt, bevor sie fest eingestellt werden. „Beide Seiten müssen erst einmal sehen, ob sie zueinander passen. Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen, das im harten Wettbewerb steht. Da können wir es uns nicht erlauben, dass unsere Mitarbeiter ständig wechseln.“
Die Entscheidung für die Integrationsabteilung bei Springtec sei auch aus unternehmerischen Gründen gefallen: „Die Alternative wären Arbeitsplätze im Ausland gewesen, die aber wohl nicht die Qualität hervorgebracht hätten, die wir benötigen.“ Dass sie eine Integrationsabteilung gegründet haben, bereuen Schuster und sein Mitgeschäftsführer Jürgen Hammermeister nicht. Ein Grund für das Gelingen ist auch, dass das Unternehmen seit mehr als 15 Jahren mit den Iserlohner Werkstätten für Menschen mit Behinderung zusammenarbeitet. Im Jahr 2003 richtete die Springtec-Group dann in den eigenen Hallen Außenarbeitsplätze der Werkstatt ein, aus denen die Integrationsabteilung gewachsen ist auch mit Hilfe des vom LWL bezahlten Integrationsfachdienstes Hagen. Die Inklusion in der Springtec-Group geht sogar noch weiter als das. „Wir lassen unsere Mitarbeiter mit und ohne Behinderung in den Abteilungen an den gleichen Maschinen rotieren“, sagt Schuster. „Auf diese Weise wächst das Team noch besser zusammen.“




Inklusionsunternehmen: Ein Erfolgsmodell für alle Beteiligten

Rund 160 Integrationsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt. Auf der LWL-Messe, die diesen Mittwoch (1. März 2017) ab 9 Uhr zum vierten Mal seit dem Jahr 2010 in der Halle Münsterland stattfindet, stellen diese Firmen sich und ihre Leistungen vor. Das Ganze wird begleitet von einem umfangreichen Workshop- und Seminarprogramm.
Der Veranstalter der Messe ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, kurz LWL. Der Direktor des Verbandes, Matthias Löb, und der LWL-Sozialdezernent Matthias Münning erklären im Interview, was es mit dem erfolgreichen Konzept „Integrationsunternehmen“ auf sich hat.


Der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Matthias Löb.

Matthias Löb

Herr Löb, Herr Münning: Warum ist die LWL-Messe aus Ihrer Sicht so erfolgreich?

Matthias Löb: Eine erfolgreiche Messe kann man daran erkennen, dass sie nicht nach ein oder zwei Anläufen sang- und klanglos in der Versenkung verschwindet. Unsere Messe ist ein lebendiges Forum und ein spannender Marktplatz. Bei der dritten Veranstaltung im Jahr 2014 kamen schon rund 5.100 Besucherinnen und Besucher. Die Messe zeigt einerseits die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Betriebe und demonstriert anderseits deren Beschäftigungsleistungen.

Matthias Münning: Alle Aussteller – und viele sind seit dem ersten Mal dabei – legen sich für den Erfolg der Messe ungemein ins Zeug. Die vierte Auflage wird wieder viele Besucher anlocken, die mit diesem Thema bisher wenig vertraut sind. Neue Kunden werden so auf die Aussteller aufmerksam, potenzielle Firmengründer werden motiviert und junge Menschen mit Behinderung erhalten Anregungen für ihre Berufsorientierung und Jobsuche.

Wie haben sich die Integrationsunternehmen in den vergangenen Jahren entwickelt?

Matthias Löb: Sehr gut. Seit dem Jahr 2008 stieg die Zahl der Integrationsbetriebe und -abteilungen in Westfalen- Lippe von 57 auf 160. Im selben Zeitraum hat sich die Anzahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze für Menschen in dieser besonderen Zielgruppe ebenfalls verdreifacht: Sie ist von 594 auf rund 1.900 angestiegen.

Matthias Münning: Was wir zudem herausheben können: Wir fördern inzwischen 50 Integrationsabteilungen bei gewerblichen Unternehmen. Damit liegen wir im bundesweiten Vergleich wie bei der Zahl der Firmen insgesamt an der Spitze. Besonders erfreulich ist, dass die Unternehmen oft mehr Arbeitsplätze schaffen, als wir ursprünglich zu Beginn der Förderung mit ihnen vereinbart haben. Außerdem ist der Insolvenzanteil bei den Integrationsunternehmen gering: Zwischen 2010 und 2014 sind gerade einmal acht Betriebe insolvent gegangen. Das ist prozentual deutlich weniger als bei Firmengründungen allgemein.

Überleben die Integrationsunternehmen denn nur in besonderen Nischen? 

Matthias Münning: Nein, eben nicht. Es sind ganz normale Betriebe, die sich auf dem freien Markt behaupten müssen. Sie wirtschaften nicht in Schutzräumen, ihre Arbeitswelten sind also mitten drin im Leben. Sie arbeiten zum Beispiel im Garten- und Landschaftsbau, der Gebäudereinigung, als Hausmeisterdienste, Wäschereien, Metzgereien, Käsereien, in der Zweiradherstellung, als Näh- und Polsterdienstleister und in der industriellen Fertigung für die Automobilindustrie. Der Erfolg der Integrationsunternehmen ist groß.

Der Dezernent für den Bereich Soziales beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Matthias Münning.

Matthias Münning

Dennoch mussten Sie zwischenzeitlich die Förderung neuer Projekte begrenzen, weil die Haushaltslage bei den Ausgleichsabgabemitteln des LVR-Inklusionsamts schwierig ist. Wie geht es weiter?

Matthias Löb: Das so genannte „Fördermoratorium“ aus dem Jahr 2014 ist zumindest vorübergehend aufgehoben. Mit dem Förderprogramm „Inklusionsinitiative II – AlleImBetrieb“ stellt der Bund den Ländern 150 Millionen Euro zur Verfügung, um neue Arbeitsplätze in Inklusionsunternehmen zu fördern. Aus unserem Anteil daran für Westfalen-Lippe und zusammen mit der Unterstützung des Landes NRW können wir in den kommenden Jahren 300 bis 400 neue Arbeitsplätze fördern. Ich bin mir sicher, dass uns das gut gelingen wird. Wir werden der Bundespolitik beweisen, dass das Geld bei uns gut angelegt ist und viele wertvolle Arbeitsplätze entstehen.

Matthias Münning: Wir reden Inklusion in der Arbeitswelt nicht nur herbei, das ist deutlich zu sehen. Das Engagement unseres Inklusionsamts führt zu Arbeitsverträgen auf dem Ersten Arbeitsmarkt und füllt Lohntüten mit regulärer Bezahlung. Mittel- und langfristig brauchen wir aber eine Lösung, um die dauerhaften Nachteilsausgleiche finanzieren zu können.

Wie beurteilen Sie die Chancen dafür?

Matthias Löb: Das lebhaft diskutierte neue Bundesteilhabegesetz schafft den unseligen Begriff „Integrationsprojekt“ ab, wie die Firmen früher hießen. Ein „Projekt“, kann als zeitlich begrenzt verstanden werden, was aber nicht in unserem Sinne und dem der Unternehmen sowie der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit und ohne Behinderung sein kann.

Matthias Münning: Stattdessen werden die Unternehmen nun „Inklusionsbetriebe“ genannt. Das kann als Aufwertung verstanden werden, und darin drückt sich auch eine Anerkennung dafür aus, dass die Firmen eine hohe Anzahl an Arbeitsplätzen geschaffen haben. Ich hoffe sehr, dass es nicht nur bei einer sprachlichen Renovierung bleibt. Unter Verantwortung des Bundes müssen wir mit allen Leistungsträgern verlässliche Lösungen finden, um die laufenden Leistungen für die Unternehmen auch für die Zukunft gewährleisten zu können.

Wer hat am Erfolgsmodell „Inklusionsbetrieb“ welchen Anteil?

Matthias Münning: Als Sozialdezernent bei einem der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderungen macht es mir sehr viel Spaß, zu sehen, wie sich in diesem Konzept Unternehmergeist und Marktorientierung mit sozialem Engagement und Inklusion verbinden. Unsere Leistungen führen nicht zu Passivität, sondern sie aktivieren und entlasten letztlich die öffentliche Hand.

Matthias Löb: Eines muss klar sein: Wir als LWL schaffen damit selbst keine Arbeitsplätze, sondern wir können nur für verlässliche Rahmenbedingungen sorgen. Ich habe großen Respekt vor den Gründern, Eignern und Verantwortlichen der Inklusionsbetriebe. Sie gehen oftmals hohe wirtschaftliche Risiken ein und tragen ohne Bestandsgarantie alleine die unternehmerische Verantwortung. Das machen sie sehr gut – und dabei wollen wir sie weiter unterstützen.




Erfolg ab dem ersten Essen

„Wir hatten bei der Gründung zunächst mit 500 Mittagsmenüs pro Tag geplant“, sagt Inhaber und Geschäftsführer Jürgen Groth. „Wir haben schnell gemerkt, dass die Nachfrage größer ist, und auf 800 erhöht – inzwischen kochen wir täglich 2000 Mahlzeiten.“

Bestfood ist ein Tochterunternehmen des Betriebs Groth Catering, der schon seit 1986 Schulen und Kindergärten mit Mittagsmenüs, belegten Brötchen und anderen Snacks versorgt. Im Jahr 2009 steckte Jürgen Groth sich ein neues Ziel: Er wollte selbst die Mahlzeiten für die 20 Schulmensen zubereiten, die Groth Catering gepachtet hatte und für die bis dahin ein Fremdunternehmen das Essen geliefert hatte.

Dass bei Bestfood Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten sollten, stand für Jürgen Groth von Anfang an fest. „Es muss möglich sein, Männer und Frauen mit Handicaps auf diese Weise nachhaltig zu beschäftigen“, war und ist der Geschäftsführer überzeugt, der aus dem Aachener Raum stammt und im Grundschulalter mit seiner Familie nach Bad Sassendorf zog. Bei der Gründung unterstützte der LWL ihn und seine Frau Birgit, die mit ihm in der Verwaltung der beiden Betriebe arbeitet. Und auch der befreundete Leiter eines integrativen Kindergartens stand dem Ehepaar mit Ratschlägen aus der Praxis zur Seite.

Im Vordergrund Küchengeschirr, dahiner eine Frau mit Haube, die mit einem großen Löffel in einer riesigen Kochwanne rührt.

In der Bestfood-Küche arbeiten fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung in festen Jobs. Foto: Thorsten Arendt

Fünf Mitarbeiter mit Behinderung haben heute einen festen Job in der Bestfood-Küche. Einer von ihnen ist Rolf Adämmer. Der 45-Jährige hat gerade einige Pakete Butterkekse in eine Alu-Schale geleert und fängt an, die Plätzchen zu zerbröseln. „Die sind für den Nachtisch morgen“, erklärt er. „Es gibt Joghurt mit Keksen.“ Wer ihn bei der Arbeit beobachtet, kommt nicht gleich darauf, dass er eine Lernschwäche hat – im Gegenteil, findet auch sein Chef Jürgen Groth: „Rolf Adämmer gehört zu unseren Leistungsträgern. Er spornt auch die anderen an.“ Ebenso außergewöhnlich wie die Zusammensetzung des Teams ist bei Bestfood die Liste der Lieferanten. Einen großen Teil des Fleisches bringt ein Metzger, der in Lippetal-Schoneberg eine eigene Rinderherde hält. Auch die Kartoffeln stammen aus der Region, ein Teil ist darüber hinaus auch noch bio-zertifiziert – genau wie Reis und Nudeln, die ein Kölner Bio-Großhändler liefert.
Neben der Qualität muss für Groth aber auch die CO2-Bilanz stimmen: „Im Frühjahr steigen wir zum Beispiel komplett auf heimische Kartoffeln aus der konventionellen Landwirtschaft um“, erklärt der Unternehmer. „Deutsche Bio-Kartoffeln sind erst wieder ab Juni auf dem Markt.“ Und was – wie Kakao und Kaffee – doch aus fernen Ländern importiert werden muss, trägt das Fairtrade-Siegel. „Gutes muss nicht unbedingt teurer sein. Leider können wir uns wegen der höheren Bio-Preise ’nur‘ Nudeln, Kartoffeln und Reis in Bio-Qualität leisten. Wichtig ist der Wille, Bio- und Fairtradeprodukte im Unternehmen einzusetzen, dann funktioniert es auch“, ist Groth überzeugt.

Rolf Adämmer rührt mit einem großen Schneebesen in einer Wanne voller Joghurt und lächelt in die Kamera.

Rolf Adämmer liebt alles an seiner Arbeit. Er fühlt sich in der Großküche wohl und mag vor allem seinen abwechslungsreichen Arbeitsalltag. Foto: Thorsten Arendt

In der Lippetaler Küche ist Rolf Adämmer inzwischen fast mit dem Zerkleinern der Butterkekse fertig. „Heute Morgen habe ich schon den Salat für das Mittagessen vorbereitet“, erzählt er und zeigt auf einen Speiseplan an der Wand. „Alles, was orange angestrichen ist, muss ich machen.“ Er klickt Deckel auf die beiden Schalen mit Keksbröseln, trägt sie hinaus ins Trockenlager und kommt mit sechs Eimern Naturjoghurt zurück. „In einem Eimer sind zehn Kilo Joghurt, die sind für 100 Personen. Das wird also Nachtisch für 600 Personen“, rechnet er vor, während er den Joghurt in ein badewannengroßes Alu-Gefäß kippt, Zucker dazu schüttet und alles mit einem riesigen Schneebesen umrührt. Er ist begeistert von seiner Arbeit, erläutert gerne die Abläufe und Hygienevorschriften in der Küche. Der Bestfood-Mitarbeiter der ersten Stunde war vorher in einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt, in der er acht Jahre lang Gartenarbeiten erledigte. Nach einem Praktikum in Groths neuem Unternehmen – einen Monat nach der Gründung – konnte Adämmer bleiben, mit einem unbefristeten Vertrag.
Was ihm am meisten Spaß macht? „Alles“, sagt Adämmer strahlend und beschreibt mit seinem Arm einen Halbkreis durch die ganze Küche. „Ich mag die Abwechslung, ich muss hier nicht wie in der Werkstatt immer nur das Gleiche machen.“ Und schon wuselt er wieder los, um zu zeigen, wo er vormittags die fertig portionierten Menüs für die Schulen in Soest, Münster, Hamm und anderen Städten in Kisten verstaut und für die Fahrer bereitstellt.

Bestfood-Chef Jürgen Groth steht mit Schutzhaube und Kittel in seiner Großküche.

Inhaber und Geschäftsführer Jürgen Groth ist zufrieden mit seiner inklusiven Küche. Sein Ziel für das Jahr 2017: Täglich 3000 Mittagsmahlzeiten kochen. Foto: Thorsten Arendt

Solche Arbeitsabläufe werden Adämmer und seine Kollegen im Laufe der kommenden Monate allmählich umstellen, denn Jürgen Groth möchte im Jahr 2017 die Zahl der Mittagsmenüs auf 3000 erhöhen. Um diese Dimensionen zu erreichen, wurde bereits im August 2016 eine neue Küche gebaut und eingerichtet. Durch diese Erweiterung hat sich die Arbeitsfläche für Köche und Küchenhilfen mit 780 Quadratmetern fast verachtfacht. Die neuen Räume werden aber nicht nur größer, sondern bieten auch die nötige Ausstattung, um auf das sogenannte Cook & Chill-Verfahren umzusteigen. Kochen und Kühlen, das ist der neue Trend in der Mensa-Verpflegung: „ Nach dem Kochen wird das Essen durch den Einsatz von Schnellkühlern, den sogenannten Chillern, innerhalb von 90 Minuten auf eine Temperatur von drei Grad gekühlt“, fasst Groth das Prinzip zusammen. So lässt sich das Zubereitete bis zu vier Tage lang frisch halten; erwärmt wird es erst kurz vor dem Verzehr.

„Mit dem Cook-&-Chill-Verfahren wird die Arbeit in der Küche rationeller: Die gleiche Anzahl an Mitarbeitern kann mehr Mahlzeiten zubereiten, weil wir in Schichten und vorbereitend kochen können“, erklärt der Unternehmer den künftigen Arbeitsalltag. Für Groth war das nicht die einzige Motivation, in die Kältetechnik für das neue Verfahren zu investieren. Ausschlaggebend waren auch die immer zahlreicheren Anfragen von Schulen, die sich ausdrücklich eine Mensa-Verpflegung mit Cook and Chill wünschten. „Mit diesem Verfahren lassen sich die Pausenzeiten individuell festlegen“, sagt Groth. „Das Essen muss ja gleich nach dem Kochen warm in den Schulen ankommen, daher dürfen zwischen dem Ende der Kochzeit und der Essensausgabe höchstens drei Stunden liegen“, erklärt er. Wenn ein paar Klassen später zu Mittag essen als die anderen, wird das ohne diese Methode schwierig. Die Investition lohnt sich auf jeden Fall schon jetzt: Die ersten Aufträge für die Zeit nach dem Umzug in die neue Küche hat Bestfood schon in der Tasche. –

Fotos: Thorsten Arendt




Nicht nur sauber, sondern rein

Es ist ein sonniger Tag, als Ali Cütcü seinen weißen Lkw auf den Hof der Schlossklinik Pröbsting steuert. Langsam fährt er an dem großen weißen Wasserschloss aus dem 12. Jahrhundert vorbei, in dem die Verwaltung der „Privaten Akutklinik für Psychologische Medizin“ untergebracht ist. Ein paar Meter weiter hält er den Wagen an, steigt aus und geht um das Auto herum zur Ladeklappe. Per Knopfdruck lässt er diese herunter, steigt in den Laderaum und schiebt einen Gitterwagen bis zur Ladekante nach vorn. Das Gefährt ist mit einer weißen Plane bedeckt. „Ich liefere saubere Bettwäsche für die Klinik“, erklärt der 58-Jährige. Er deutet auf weitere Transportboxen, die noch im Laderaum stehen. „Da drin sind Handtücher. Die waschen wir auch für die Klinik.“

Ali Cütcü arbeitet für die Wäscherei der Grenzland Reha- und Betreuungs GmbH, einer Tochtergesellschaft des Caritasverbandes. In dem Integrationsunternehmen arbeiten 85 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, fast die Hälfte davon haben eine Behinderung. Den Wäschereibetrieb gibt es seit 1994. Über die Jahre ist dieser stark gewachsen: Heute bearbeiten die Angestellten täglich etwa neun Tonnen Wäsche. Die Stücke werden hier sortiert, in den großen Maschinen gewaschen und – zum Teil handgefaltet – zurück an die Kunden vor allem aus Senioren- und Behindertenhilfeeinrichtungen und Krankenhäusern im Münsterland und am Niederrhein geliefert.

Ali Cütcü ist bei Grenzland für eben diesen letzten Schritt zuständig: Die Wäsche zurück zu den Kunden bringen. Der Fahrerjob war für ihn eine neue Chance. „Ich hatte vorher einen kleinen Lebensmittelladen, den ich leider aufgeben musste, weil ich Diabetiker bin. Der Stress war irgendwann einfach zu groß und ich war körperlich viel zu schwach, um zehn, zwölf Stunden am Stück zu arbeiten.“ In seinem neuen Beruf kann er sich die Zeit nun besser einteilen. Seither hat er keine Probleme mehr. „Ich kann in diesem Job regelmäßig essen, was für mich sehr wichtig ist. Außerdem kann ich problemlos und zu festen Zeiten meinen Insulinspiegel kontrollieren.“

Der 58-Jährige sorgt heute gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen bei Institutionen wie der Schlossklinik Pröbsting dafür, dass pünktlich die frische Wäsche angeliefert wird. Die Verwaltungsleiterin der Klinik, Susanne Lansing, schloss den Vertrag mit der Grenzland-Wäscherei schon vor sechs Jahren. Für sie ist der Service des Unternehmens eine „ganz normale Dienstleistung“, erklärt sie. „Wir haben unsere Wäsche schon immer an externe Unternehmen gegeben. Das rechnet sich für uns einfach sehr gut.“ Die Entscheidung für die Grenzland-Wäscherei fiel vor allem wegen der räumlichen Nähe – aber auch wirtschaftliche Gründe spielten eine Rolle. Dass die Firma ein Integrationsunternehmen ist, wusste die Klinik zur Zeit der Ausschreibung gar nicht. „Nach dem Vertragsabschluss haben wir uns natürlich umso mehr über den positiven Nebeneffekt gefreut, dass wir damit auch noch ein inklusives Unternehmen unterstützen“, erinnert sich die Mitarbeiterin der Klinik, in der seit 1998 unter anderem Patientinnen und Patienten mit Depressionen, Angst- und Paniksyndromen, Belastungsreaktionen, Schlaf- oder Essstörungen oder Zwängen behandelt werden.

Integrationsunternehmen Grenzland Wäscherei: Artikelbild 1

Grenzland beliefert zum Beispiel die Schlossklinik Pröbsting mit hygienisch einwandfrei gereinigter Wäsche.

Ein sehr wichtiger Aspekt ist natürlich auch die Qualität der Leistungen und die Zuverlässigkeit der Wäscherei. „Bei den rund 280 Menschen, die hier über das Jahr verteilt stationär aufgenommen werden, fällt schon eine große Menge Wäsche an“, erklärt die Mitarbeiterin der Klinik. „Es ist für uns deshalb sehr wichtig, dass wir einen gut funktionierenden Ablauf mit Grenzland haben. Wir können und konnten uns bei unserem Partner aber wirklich immer darauf verlassen, dass wir die richtige Wäsche zum vereinbarten Zeitpunkt sauber und hygienisch einwandfrei zurückbekommen.“ Und wenn es doch mal Probleme gibt, dann werden diese – das hebt Susanne Lansing hervor – sofort besprochen und aus dem Weg geräumt.

Das hört auch Martin Kock sehr gerne. Er ist Teil des dreiköpfigen Leitungsteams der Grenzland Reha- und Betreuungs GmbH und weiß, dass er im harten Wettbewerb mit anderen Wäschereien vor allem durch Service überzeugt. „Gerade in unserem umkämpften Geschäft kommt es sehr darauf an, kundenspezifische Leistungen zu bieten und wirklich perfekt zu arbeiten. Die Bettwäsche aus Krankenhäusern zum Beispiel muss hygienisch absolut einwandfrei gereinigt werden. Dafür haben wir alle erforderlichen Hygienezertifikate, etwa vom Institut Hohenstein, und seit 2016 darüber hinaus auch ein Nachhaltigkeitszertifikat“, erklärt der Betriebsleiter, während er durch das rege Treiben in der großen Haupthalle seiner Wäscherei geht. Aus vielen Ecken wummert das Geräusch von Industriewaschmaschinen, Dampfwolken dringen aus großen Bügelhilfen empor, Bettwäsche und Tischdecken werden von Mitarbeiterinnen durch große Mangeln geführt, um sie zu glätten. Wenn Kleidung beispielsweise der Bewohner von Senioreneinrichtungen gereinigt werden muss, wird vorher jedes einzelne Wäschestück eingescannt und bekommt ein Etikett verpasst, damit später keine Verwechslungen passieren. Viele Kunden bevorzugen den Komplettservice, bei dem die Wäsche sogar für jeden Bewohner einzeln verpackt wird.

Martin Koch in der großen Halle seiner Grenzland-Wäscherei.

Martin Kock und sein Team machen täglich ihren Job in einer umkämpften Branche.

„Eine Wäscherei ist wirklich ein trubeliges Geschäft, weil der Qualitäts- und Termindruck durchaus manchmal sehr hoch ist. Das federn wir aber ab, zum Beispiel mit der sozialpädagogischen Betreuung unserer Mitarbeiter“, sagt Kock. Die Wäscherei hat zwar mehr Personal als andere Unternehmen, aber manche der Kolleginnen und Kollegen hier sind wegen ihrer Behinderung nicht so belastbar. Einen Teilausgleich hierfür schafft der LWL, indem er dabei hilft, dass Unternehmen wie Grenzland zum Beispiel mit dem so genannten Minderleistungsausgleich unterstützt werden. Das LVR-Inklusionsamt zahlt den Firmen außerdem Investitionskostenzuschüsse, wenn neue Mitarbeiter mit Schwerbehinderungen eingestellt werden. Und auch die Stiftung Wohlfahrtspflege und die Aktion Mensch fördern mit eigenen Programmen Integrationsunternehmen, wobei hier immer auch im Vordergrund steht, neue Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu schaffen.

Der Aufwand, den die Grenzland-Wäscherei für ihre Kunden betreibt, ist vergleichsweise groß. Für Martin Kock ist das manchmal ein Balanceakt: „Unsere Kunden treten mit sehr verschiedenen Bedürfnissen an uns heran. Wir waschen nicht nur für die Bewohnerinnen und Bewohner von Altenhilfeeinrichtungen und von Wohnheimen für Menschen mit Behinderungen, sondern auch für Hotels und Krankenhäuser, für Handwerker, Arztpraxen, Rettungs- und Feuerwachen und auch für gewerbliche Großbetriebe“, zählt er auf. „Die müssen jeweils genau die hochwertige Leistung von uns bekommen, die sie auch eingekauft haben. Und gleichzeitig haben wir noch ein klares zweites Ziel im Blick: Wir wollen Menschen mit Behinderungen für den allgemeinen Arbeitsmarkt qualifizieren. Das zusammenzubringen, ist oft eine große Herausforderung, die wir aber sehr gerne und immer wieder annehmen.“

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Die LWL-Messe-Banderole.Die Grenzland Reha- und Betreuungs GmbH kommt übrigens am 1. März auch zur LWL-Messe der Integrationsunternehmen und stellt sich dort vor. Wer möchte, kann die Veranstaltung hier bei Facebook vormerken (dafür müsst ihr eingeloggt sein).

Mehr zur Messe, zum Programm dort und zu den anderen Ausstellern findet ihr unter: www.lwl-messe.de

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Ein Tag rund um die Inklusion im Beruf

Wo würden eigentlich Schülerinnen und Schüler, die eine Behinderung haben, nach ihrem Abschluss gerne arbeiten, und wie wünschen sie sich die künftige Arbeitswelt? Was genau ist „Social Franchising“ und was hat es mit Inklusion zu tun? Wie können Unternehmer in ihrer Firma eine Integrationsabteilung gründen und welche Fördermöglichkeiten gibt es dafür? Wie wird aus einer Geschäftsidee für ein neues Integrationsunternehmen oder eine Integrationsabteilung ein tragfähiges Geschäftsmodell? Was muss bei der Führung von Mitarbeitern beachtet werden? Und wenn ein Unternehmen mal größere Probleme am Markt hat: Wie kann Sanierungsmanagement dabei helfen, eine Krise abzuwenden und so Arbeitsplätze zu erhalten?

Auf all diese und noch mehr Fragen wird es am 1. März bei der LWL-Messe der Integrationsunternehmen Antworten geben. Die Veranstaltung findet im Messe- und Congresszentrum in der Halle Münsterland statt und ist für alle Besucher offen und kostenlos – genauso wie die insgesamt 26 Workshops, Seminare und Vorträge, die ihr an diesem Tag zwischen 9 und 16 Uhr auf der Messebühne und in drei Seminarräumen besuchen könnt. Die Veranstaltungen werden von verschiedenen Experten aus dem Themenfeld moderiert und gestaltet. Ihr könnt euch außerdem an den vielen Ständen der Integrationsunternehmen und der anderen Aussteller in der Halle informieren, euch an Mitmachaktionen beteiligen oder das kulinarische Angebot der gastronomischen Integrationsunternehmen genießen.[lgc_column grid=“50″ tablet_grid=“50″ mobile_grid=“100″ last=“false“]

…und wie fanden die Besucher die letzte LWL-Messe im Jahr 2014? Tipp: Am Schluss dieser kleinen Audio-Umfrage ist auch Volker Westermann zu hören, mit dem wir im Februar hier im Blog ein Interview geführt haben.

http://www.lwl.org/023-download/LWL_Audio/Soziales/LWL-Messe%202014/Kleine-Besucher-Umfrage_LWL-Messe2014.mp3

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Die Messe bietet für alle Interessierten auch eine tolle Gelegenheit, sich mit Verantwortlichen aus Unternehmen und anderen Organisationen zu unterhalten und auszutauschen, die zur Messe kommen. Darunter sind zum Beispiel auch die Aktion Mensch e. V., das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW, die Jobberatung der Industrie- und Handelskammer Nordwestfalen (IHK) und der Handwerkskammer Münster (HWK), das Jobcenter und die Wirtschaftsförderung der Stadt Münster und die Agentur für Arbeit Ahlen-Münster.

Übrigens: Wer einen Gebärden- oder Schriftdolmetscher bei den Workshops auf der LWL-Messe braucht: Jede Veranstaltung wird übersetzt! Außerdem ist die Messe ebenerdig und barrierefrei zugänglich. Mehr Infos und das gesamte Programm findet ihr hier: www.lwl-messe.de. –


Eindrücke der letzten LWL-Messe im Jahr 2014

Fotos: Thorsten Arendt





Vom belegten Brötchen bis zur Autowäsche

Langeweile kennt Alexander Schneider in seinem Job im Hahme Frische Markt nicht. „Ich bekomme immer wieder neue Aufgaben. Das ist interessant und die Zeit geht schnell vorbei“, sagt der 47-Jährige mit fröhlicher Stimme. Meist hat er an der Waschanlage zu tun, die an den kleinen Supermarkt im Stemweder Ortsteil Haldem angeschlossen ist. Dort reinigt er die Wagen der Kunden und hält die Arbeitsgeräte in Schuss. Zwischendurch hilft er im Laden mit, sortiert Waren in die Regale ein oder wischt den Boden.
Bevor er im Mai 2015 die Stelle im Frische Markt bekam, jobbte er in verschiedenen Berufen, unter anderem in der Metallbranche. Einen neuen Arbeitsplatz zu finden, war für den Osnabrücker nicht einfach, denn er humpelt mit dem rechten Fuß und muss zwischendurch immer wieder Pausen einlegen.

Olga Barthel, die Marktleiterin im Supermarkt des Servicehauses Stemwede, vor einer der Kühltruhen im Laden.

Marktleiterin Olga Bartel ist überzeugt vom Konzept „Integrationsunternehmen“ und klärt auch ihre Kunden gerne darüber auf.

In seinem neuen Job ist das kein Problem. 22 der insgesamt 48 Mitarbeiter haben eine Beeinträchtigung. Die Marktleiterin Olga Bartel hat bei jedem einzelnen im Blick, was er leisten kann. „Manche Kollegen können trotz einer Sehschwäche auch an der Kasse arbeiten. Bei anderen klappt das nicht“, erklärt die 36-Jährige: „Die helfen dann beim Räumen oder schmieren Brötchen.“

Der Supermarkt ist Teil des Integrationsunternehmens Servicehaus Stemwede gGmbH, dessen Mitarbeiter mit und ohne Behinderung den Kunden neben dem Service im Laden auch Malerarbeiten, Hauswirtschafts- und Hausmeisterservice sowie Gartenpflege anbieten. Geschäftsführer Lothar Pannen und der Verein Lebensperspektiven e. V. haben das Servicehaus Anfang 2008 gegründet. Das Ziel war vor allem, Beschäftigungsmöglichkeiten für die Bewohner des Stemweder Heilpädagogischen Kinderhauses auf dem ersten Arbeitsmarkt zu schaffen. In dieser Einrichtung betreuen Lothar Pannen und seine Mitarbeiter bis zu 140 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene; die meisten von ihnen haben psychische, geistige oder körperliche Behinderungen.
„Die Frage damals war: Wie können wir es schaffen, den jungen Menschen mit all ihren Problemen, aber auch Ressourcen eine Perspektive zu ermöglichen?“, beschreibt Pannen die große Aufgabe. „Wir können sie ja schlecht ohne Aussicht auf einen Arbeitsplatz zurück in ihre Heimatstädte ziehen lassen.“

Das Servicehaus ist nicht nur für die Mitarbeiter eine tolle Sache. Wer in dem vergleichsweise strukturschwachen Haldem wohnt, kann jetzt wieder vor Ort einkaufen. Der Supermarkt hat zum Beispiel Obst und Gemüse, Käse und Wurst, Nudeln, Tiefkühlpizza und Hygieneartikel vorrätig. Wegen der angeschlossenen Tankstelle hat dieser Teil des Unternehmens auch abends und sogar sonntags geöffnet. Das schätzen die Kunden besonders. „Gerade am Wochenende ist hier viel los“, sagt Olga Bartel. „Wenn alle anderen Geschäfte geschlossen sind, gibt es bei uns frische Brötchen und Grillfleisch.“

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Die LWL-Messe-Banderole.Das Servicehaus Stemwede freut sich auf die Besucher der diesjährigen LWL-Messe: Es ist dort, wie auch viele andere Integrationsunternehmen, mit eigenem Stand vertreten. Wer möchte, kann die LWL-Messe hier bei Facebook vormerken (dafür müsst ihr eingeloggt sein).

 

[/lgc_column]Die Marktleiterin war von Anfang an dabei, sie hat den Supermarkt 2008 mit aufgebaut. „An unser Konzept mussten sich die Kunden anfangs noch gewöhnen“, sagt sie. Diese sollten zwar eigentlich so wenig wie möglich davon merken, dass sie in einem Integrationsbetrieb einkaufen. „Aber manchmal geht es eben an der Kasse doch etwas langsamer, wenn dort zum Beispiel ein Kollege mit Sehschwäche eingesetzt ist und viele Einkäufer da sind.“ Um solche Spitzen abzufangen, springt die Chefin auch mal selbst an der zweiten Kasse ein.

Wenn trotzdem einmal Kunden unzufrieden sind, spricht Olga Bartel sie direkt an und erklärt, warum es gerade länger dauert. Damit hat sie Erfolg. „Bisher ist es uns gelungen, jeden unserer Kunden zu halten. Es kommen sogar immer mehr. Auch nach fast neun Jahren steigern wir uns noch.“


© aller Fotos im Artikel: Thorsten Arendt/LWL



Nur, wer alles versteht, kann überall mitmachen

Leichte Sprache ist weit mehr als nur eine Art, sich besonders einfach auszudrücken. Sie ist eine „Variation“ des Deutschen, die eigenen, strengen Regeln folgt. Die Idee dieses Konzeptes: Einen Text in Leichter Sprache soll jeder verstehen können, zum Beispiel auch Menschen mit geistigen oder Lernbehinderungen oder Menschen, die kaum Deutsch sprechen.

Es braucht viel Wissen und Übung, um auf diese Weise schreiben zu können und auch, um aus der Alltagssprache in die Leichte Sprache zu übersetzen. Außerdem müssen alle Texte immer sorgfältig geprüft werden, bevor sie veröffentlicht werden. Es gibt daher ganze Redaktionsbüros, die sich auf diese Arbeit spezialisiert haben, und eines davon stellen wir in diesem Film vor: Das Lebenshilfe Büro für Leichte Sprache Ruhrgebiet, das zugleich ein noch junges Integrationsunternehmen ist.

Schon gewusst? Die Leichte Sprache kommt ursprünglich gar nicht aus Deutschland. England und Schweden sind die Erfinder dieser Idee, erst vor rund 20 Jahren kam das Sprach-Konzept für Menschen mit Behinderung zu uns. Auf Schwedisch heißt die Leichte Sprache „Lättläst“ und auf Englisch „Easy to read“. Beides bedeutet übersetzt „leicht zu lesen“. In den Ländern gehören diese sehr leichten Sprachversionen in der Gesellschaft schon viel selbstverständlicher dazu als in Deutschland. Im „Sveriges Radio“ zum Beispiel gibt es eine Sendung, die komplett in der stark vereinfachten Sprache produziert wird. Sie heißt passenderweise „Klartext“.

Die LWL-Messe-Banderole.Das Lebenshilfe Büro für Leichte Sprache kommt am 1. März 2017 auch zur LWL-Messe in Münster und stellt sich dort vor, so wie auch viele andere Integrationsunternehmen aus Westfalen. Wer möchte, kann sich diese Veranstaltung schon mal bei Facebook vormerken (dafür müsst ihr bei Facebook eingeloggt sein).