1

Wie eine große Familie

Es duftet nach Tomatensauce und gebratenem Hackfleisch. In der Auslage der knallig-roten Theke dampfen gefüllte Paprika. Die Cafeteria „Köstlich“  der Integrationsküche Nordkirchen rüstet sich für den großen Ansturm. Jetzt, um kurz nach halb zwölf, ist es noch ruhig, aber das wird sich in der nächsten Stunde ändern. Torsten Wißmann und einige seiner Kollegen nutzen die Zeit und essen das, was sie in den Stunden zuvor selbst gekocht haben. Der 41-Jährige, der aus der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen (WfbM) des Caritasverbandes in Nordkirchen zur Integrationsküche wechselte, gehört zu den Mitarbeiter:innen mit Behinderung und arbeitet seit Mai 2016 auf einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz.

Wenn Torsten Wißmann morgens seinen Dienst antritt, weiß er genau, was zu tun ist. Lebensmittel heranschaffen, Gemüse oder Fleisch anbraten, in großen Töpfen umrühren, später auch spülen oder mit einem der Elektro-Fahrzeuge Essen auf dem weitläufigen Gelände der Kinderheilstätte Nordkirchen, zu der die Integrationsküche gehört, ausfahren. Für ihn ist die Arbeit keine Last, ganz im Gegenteil: „Ich koche sehr gerne, deswegen finde ich meinen Job auch so gut.“ Die Kolleginnen und Kollegen sind für ihn, so sagt er, „wie eine große Familie.“

Niemand wird überfordert

So etwas hört Thomas Pliquett gerne. Er ist Kaufmännischer Direktor der zum Gesamtkomplex gehörenden Trägerschaft Vestische Caritas Kliniken Kinderheilstätte und Geschäftsführer der Integrationsküche Nordkirchen GmbH. „Wir schauen genau hin, wie belastbar der einzelne Mitarbeiter ist“, sagt Pliquett. Niemand soll überfordert werden.

Seit Anfang 2016 gibt es die Integrationsküche Nordkirchen. „Früher hatten die Einrichtungen ihre eigenen kleinen Küchen, das war alles nicht mehr kostendeckend. Man braucht heute gut 1500 Essen täglich, um wirtschaftlich zu sein. Wir hatten hier in Nordkirchen nur 500“, so Pliquett. Man habe vor der Entscheidung gestanden: „Bauen wir eine neue Großküche, die leistungsfähiger ist als die bisherigen zusammen, oder lassen wir es?“

Auf Expansionskurs

Die neue Küche wurde gebaut, auch weil sich neben der Muttergesellschaft Institutionen wie das NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, das LWL-Inklusionsamt Arbeit, die Stiftung Wohlfahrtspflege NRW und die Aktion Mensch finanziell engagierten. Während der Planungsphase wurde Thomas Pliquett durch die Betriebswirtschaftliche Beratungsstelle für Inklusionsbetriebe bei der Handwerkskammer Münster unterstützt. Pliquett und seine Kollegen schauten sich andere Großküchen an, recherchierten die technischen Notwendigkeiten, kalkulierten das Investitionsvolumen – und machten sich dann an die Kundenakquise. Klar war, dass die neue Integrationsküche die Kinderheilstätte versorgen sollte, aber auch weitere Einrichtungen in Nordkirchen wie die Gesamtschule, Kindergärten oder die Werkstätten des Caritasverbandes für den Kreis Coesfeld in Nordkirchen.

Der Start 2016 mit 850 Essen war gut, aber noch ausbaufähig. 2019 kamen weitere Werkstätten aus dem Caritas-Verbund in Lüdinghausen und Lünen sowie die Vestische Kinder- und Jugendklinik in Datteln, die zum Trägerverbund gehört, hinzu. „Heute sind wir bei 1600 Essen täglich“, sagt Thomas Pliquett. „Das ist dann auch die Grenze für einen Ein-Schicht-Betrieb.“ Schließlich müssten sich alle Mitarbeiter:innen zurechtfinden. Auch deren Zahl ist gestiegen. Waren es vor kurzem noch 25, sind es jetzt 41, 16 von ihnen haben eine Behinderung. In der Integrationsküche arbeiten Menschen mit geistiger, psychischer und körperlicher Behinderung Seite an Seite mit Menschen ohne. Die Verantwortlichen schauen bei der Planung vor allem auf die individuelle Qualifikation, deshalb sind die jeweiligen Teams auch sehr gemischt.

Betriebswirtschaftlich organisiert

Natürlich steht die Integrationsküche Nordkirchen in einem harten Wettbewerb. Sie ist streng betriebswirtschaftlich organisiert; vom Betriebsleiter über die Produktionsleiterin, die Köche und Wirtschafterinnen bis zu den Küchenhilfen und Fahrern. Auch Diätassistentinnen sind hier beschäftigt. Und selbstverständlich bietet die moderne Großküche auch regionale, vegetarische und vegane Essensalternativen an.

Mit drei Transportern liefern Torsten Wißmanns Kollegen täglich die Mahlzeiten aus, gut verpackt in Thermoporten. „Der Preis bei uns ist etwas höher als bei den Branchenriesen, ­aber dafür ist das Essen auch regionaler“, sagt Thomas Pliquett. Und es schmecke einfach. „Wir wollen zufriedene Kunden haben, gute Qualität ist da entscheidend. Ein Mittagessen für 3,50 Euro können wir deshalb nicht bieten“, so Pliquett.

Menschliches Maß

Auch einer Expansion um jeden Preis erteilt der Kaufmännische Direktor eine Absage. „Wir wollen in unserem Kerngebiet bleiben. Ein 25-Kilometer-Radius ist in Ordnung, mehr aber nicht“, sagt Pliquett. Und fügt hinzu: „Wir sind und bleiben die regionale Großküche für Nordkirchen und Umgebung.“ Überhaupt hat in der Integrationsküche alles ein menschliches Maß. Eine Sozialpädagogin steht den Beschäftigten mit Behinderungen bei Bedarf als Ansprechpartnerin zur Verfügung, Probleme werden möglichst sofort geklärt. Auch der Krankenstand der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderungen ist nicht höher als bei der übrigen Belegschaft.

Torsten Wißmann ist ebenfalls nur sehr selten krank. Es gefällt ihm in Nordkirchen. Woanders zu arbeiten, kann er sich nicht vorstellen. Nur sein Lieblingsessen vermisst er manchmal, denn das gibt es in der Integrationsküche nicht so häufig: „Sauerbraten und Königsberger Klopse.“ —




„Ich möchte, dass mehr Menschen mit Behinderung in Filmen zu sehen sind“

Herr Janßen, Sie waren früher Verwaltungsleiter der Berlinale. Wie kamen Sie dazu, sich für Inklusion in der Filmbranche zu engagieren?

Mein Patenkind Max hat eine Behinderung. Vor einigen Jahren wurde er durch Zufall für eine Rolle in einem Fernsehfilm entdeckt, er hat mit Matthias Brandt und Corinna Harfouch in dem Thriller „Tod einer Schülerin“ gespielt. Danach sagte er: „Wenn das Arbeit ist, will ich Schauspieler werden.“ Ich habe versucht, ihn bei der Suche nach neuen Rollen zu unterstützen, aber es war sehr schwierig, eben weil die Branche noch kaum inklusiv ist. Das möchte ich ändern, damit mehr Menschen mit Behinderung in Filmen und Serien zu sehen sind. Außerdem hatte ich nach zehn Jahren bei der Berlinale Lust, etwas Neues zu machen. Also habe ich „Rollenfang“ gegründet. Meine Erfahrungen und Verbindungen zur Filmszene helfen mir natürlich. Einige Zeit nach der Gründung ist noch das Theater dazugekommen, weil manche Darsteller:innen lieber auf der Bühne spielen möchten.

Was genau bieten Sie Schauspieler:innen mit Behinderung an?

Ich vermittle sie an professionelle Theatergruppen, Film- oder Serienprojekte und handle Verträge für sie aus, ähnlich wie eine Agentur. Anders als andere Agenturen biete ich aber eine Art „Rundum-Sorglos-Paket“ an. Ich buche zum Beispiel Fotograf:innen, die professionelle Bilder für die Bewerbungen machen und mit den Darsteller:innen auch sogenannte Showreels aufnehmen. Das sind kleine Videos, die als Arbeitsproben an die Produktionsfirmen gehen. Außerdem vernetze ich die Schauspieler:innen untereinander und mit anderen Menschen aus der Branche. Und ich betreibe viel Lobbyarbeit, etwa bei Festivals und Verbänden.

Diversität, also Vielfalt, ist seit einigen Jahren ein wichtiges Schlagwort. Ist das auch in der Filmbranche spürbar?

Ja, es hat sich einiges getan. Die Förderanstalt „Moin“ aus Hamburg hat eine „Diversity Checklist“ entwickelt und veröffentlicht, einen Fragenkatalog, den alle Antragsteller:innen ausfüllen müssen. Darin wird unter anderem gefragt, ob Menschen mit Behinderung im Projekt mitarbeiten oder im geplanten Film vorkommen. Andere Fördereinrichtungen werden da sicher nachziehen, da ist also etwas in Bewegung geraten. Das spüren wir auch an unserer eigenen Arbeit bei „Rollenfang“: Viele große Produktionsfirmen hatten lange kaum Interesse an uns, jetzt arbeiten wir mit der UFA Film & TV Produktion GmbH an einem gemeinsamen Projekt. Wir bekommen auch von anderen Firmen Anfragen, weil sie Schauspieler:innen mit Behinderung engagieren möchten – allerdings in der Regel nur dann, wenn im Drehbuch explizit eine Behinderung vorgesehen ist. Eines unserer Ziele für die Zukunft ist, dass die Behinderung irgendwann gar keine Rolle mehr spielt.

Was müsste sich dafür noch verändern?

Die meisten Produzent:innen haben selten oder noch nie mit Menschen mit Behinderung zusammengearbeitet. Das ist ganz ähnlich wie in anderen Branchen auch: Wegen der fehlenden Erfahrung machen sich die Verantwortlichen Sorgen, ob das funktionieren kann. Ob zum Beispiel eine Schauspielerin mit Behinderung lange Drehtage durchhält oder ein Schauspieler mit geistiger Beeinträchtigung deutlich genug spricht.

Wie überzeugen Sie die Produktionsfirmen davon, dennoch Schauspieler:innen mit Behinderung zu engagieren?

In der Regel nehme ich erst einmal Kontakt zu den Caster:innen der Projekte auf, treffe mich mit ihnen, stelle ihnen Leute vor und schicke später Filmmaterial. Dieser persönliche Kontakt ist ganz wichtig. Manchmal kommt das auch bei Veranstaltungen zustande. Wir haben im Frühjahr 2022 ein Kurzfilmfestival organisiert, eine Gala in einem Theater in Berlin, zu der alle „Rollenfang“-Schauspielerinnen und 150 Gäste gekommen sind. Wir haben viele Gespräche geführt und Kurzfilme von und mit unseren Darsteller:innen vorgeführt, um die Qualität ihrer Arbeit zu zeigen. Daraus sind fünf oder sechs Engagements entstanden.
Ganz allein kann ich diese wichtige Netzwerkarbeit aber nicht machen.

Und wo holen Sie sich Unterstützung?

Etliche Filmschaffende und Theaterleute ohne Behinderung haben schon unsere Charta für Inklusion im Film unterzeichnet und setzen für die Ziele von Rollenfang ein. Auch bekannte Schauspieler:innen ohne Behinderung treten als Botschafter:innen für unser Anliegen ein. Sie öffnen Türen, indem sie Kolleg:innen mit Behinderung für Rollen in ihren Produktionen vorschlagen. So sind schon einige tolle Filmprojekte zustande gekommen. Es müssen übrigens ja nicht immer Hauptrollen sein, wir freuen uns auch über interessante Nebenrollen. Darüber hinaus unterstützen einige Schauspieler:innen unsere Darsteller:innen auf Wunsch auch als Coaches und arbeiten bei Dreharbeiten in Tandems mit ihnen zusammen.

Wie genau funktioniert das am Filmset?

Die Coaches sind Ansprechperson für die Produzent:innen und Vertrauensperson für unsere Schauspielerin oder unseren Schauspieler. Sie teilen ihre Erfahrung und helfen auch ganz praktisch, in den langen Wartezeiten an den Drehtagen nochmal den Text für die nächste Szene durchzugehen.

In welchen Filmen und Serien sind denn die Schauspieler:innen zu sehen, die „Rollenfang“ schon vermitteln konnte?

Das ist inzwischen ein sehr breites Spektrum. Wir haben Serien wie „In aller Freundschaft“, „Rote Rosen“ oder „Die Bergretter“ im Portfolio, Fernsehreihen wie „Praxis mit Meerblick“ oder „Polizeiruf 110“, aber auch Kinofilme wie „24 Wochen“ und Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“.

Für Rollen in solchen Produktionen brauchen die Darsteller:innen wahrscheinlich eine gute Ausbildung. Wie einfach oder schwierig ist der Einstieg in diesen Beruf für Menschen mit Behinderung?

Leider ist er meistens schon die erste Hürde. Schauspielschulen sind zwar offiziell für alle offen, tatsächlich bekommen Menschen mit Behinderung aber fast nie einen Platz. Die meisten Schauspieler:innen mit Behinderung haben in inklusiven Theatergruppen erste Erfahrungen gesammelt oder wurden in einer Einrichtung für behinderte Menschen gecastet. Wir bieten deshalb bei „Rollenfang“ auch Weiterbildungen an, etwa einwöchige Kameraworkshops, in denen wir inklusiv besetzte Kurzfilme produzieren. Unsere Coaches bereiten unsere Schauspieler:innen bei Bedarf auch ganz direkt auf neue Rollen oder schwierige Szenen vor, in denen es etwa besonders wichtig ist, zwischen der Rolle und dem realen Leben zu unterscheiden.

Wie finanzieren Sie die Arbeit von „Rollenfang“?

Hauptsächlich wird die Arbeit von Rollenfang durch eine Projektförderung der Aktion Mensch finanziert, außerdem unterstützen uns einige private Stiftungen. Für einen Kurzfilm konnten wir den RBB als Koproduzenten gewinnen, und auch das Medienboard Berlin Brandenburg hat zwei unserer Projekte mitfinanziert.

Was haben Sie sich für die nächsten Jahre vorgenommen?

Unser neuestes Projekt „Rollenfang-Labor“, eine Art Denkfabrik, in der Künstler:innen mit und ohne Behinderung gemeinsam arbeiten. Hier wollen wir inklusiv neue Sichtweisen und Filmstoffe und gleichzeitig Arbeitsmöglickeiten für Regisseur:innen, Drehbuchautor:innen und Musiker:innen mit Behinderung entwickeln, also für alle Gewerke, die hinter der Kamera agieren.




Das Hotel „Haus vom Guten Hirten“: ein inklusives Team und ein barrierefreies Haus

Das Hotelzimmer ist geräumig, gemütlich und ordentlich; wer es betritt, möchte gleich die Füße hochlegen und entspannt abschalten. Wie es in einem guten Hotel sein sollte. Und der Anspruch des Hauses ist: Nicht nur die Gäste sollen sich wohlfühlen, sondern auch die Mitarbeiter:innen.

Seit 2009 ist das Hotel vom Guten Hirten ein inklusiver Betrieb. 13 der 18 Beschäftigten haben eine Schwerbehinderung oder eine Gleichstellung, also einen Grad der Behinderung von weniger als 50, aber mehr als 30. „Wir leben das hier“, erzählt Kersten. Ein Besuch im Hotel zeigt, was hinter der Aussage steckt. Das gesamte Haus ist barrierefrei gestaltet. Nach dem Prinzip „Reisen für alle“ wird hier Inklusion für die Gäste ebenso möglich gemacht wie für die Mitarbeiter:innen.

Ein Ort mit Geschichte

Das Hotel befindet sich auf einem ehemaligen Klostergelände im grünen Mauritzviertel im Osten von Münster, in dem ehemaligen Schwesternhaus der Anlage. Es grenzt direkt an die soziale Einrichtung der Schwestern vom Guten Hirten, die wie das Hotel in Trägerschaft der Schwestern vom Guten Hirten steht. Die Schwestern kümmerten sich hier früher um Frauen, die aus der Gesellschaft ausgestoßen wurden, und gaben ihnen die Möglichkeit, sich durch eine Berufsausbildung selbstständig zu machen. Inzwischen sind hier eine Wohn- und eine Pflegeeinrichtung für Menschen mit Behinderung sowie eine Kindertagesstätte angesiedelt.

Sema Franke ist schon seit Jahrzehnten in der Ordensgemeinschaft der Schwestern vom Guten Hirten tätig und nun auch Inklusionsbeauftragte des Hotels. Als das Gästehaus der Schwestern im Jahr 2009 in ein Hotel umgebaut wurde, gab es ein klares Ziel: „Der soziale Grundgedanke musste berücksichtigt werden, es sollte mehr sein als ‚nur‘ ein Hotel“, erinnert sie sich.

Die Arbeit im Haus vom Guten Hirten folgt dem gleichen Leitbild wie das damalige Kloster. Eine ehemalige Generaloberin, die mittlerweile heiliggesprochene Schwester Maria Euphrasia, hat in acht Grundsätzen die Haltung des Klosters und seine Verantwortung für die Menschen formuliert und in den Folgejahren weiterentwickelt. Es gehe darum, „den Menschen als ganzheitliche Persönlichkeit zu sehen und ihm so zu begegnen, dass sich jeder in seiner Einmaligkeit und seiner Würde erfahren kann, und ihn so zu begleiten, dass er seine Begabungen und Begrenzungen als Chance sieht.“ So steht es bis heute in der Leitbild-Broschüre.

Der Leiter des Hotels Kai-Uwe Kersten vor dem Haus.
Für Hotelleiter Kai-Uwe Kersten ist Inklusion Teil des Gesamtkonzepts. Foto: Kopfkunst/LWL

Ein Leitbild zum Mitleben

Das Leitbild bestimmt die Praxis und das Tagesgeschehen vor Ort. Um gut inklusiv zu arbeiten, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Kleine Fehler wie die Falte im Bettbezug oder ein Messer auf der falschen Tischseite kommen zwar vor, passieren aber genauso auch in anderen Häusern. Den Gästen fallen kleinere Makel ohnehin oft gar nicht auf, und wenn doch, wird erfolgreich vermittelt.

Das Konzept geht auf: Seit zwei Jahren ist das Haus ein Drei-Sterne-Hotel, laut Kersten war der Standard schon lange vorher erfüllt. Das Feedback sei rundum gut, die Gäste schätzen die geräumigen Zimmer, die ruhige Lage, das ausgiebige Frühstück und das zuvorkommende Personal.

Gerade bei der Barrierefreiheit macht das Leitbild des Hotels für viele Gäste einen Unterschied. Menschen mit Behinderung können im Vorfeld ihre Wünsche oder Bedürfnisse kommunizieren, so dass das Personal darauf Rücksicht nehmen kann. Rollstuhlfahrer:innen wird beim Eindecken mehr Platz an den Tischen eingeräumt, den Begleitpersonen werden Organisation und Unterstützung zu gewissen Teilen abgenommen, und auch kleine Pflegeleistungen werden angeboten.

Ein schönes Beispiel dafür, was all das für die Gäste bedeutet: Ein mittlerweile langjähriger Stammgast konnte früher die Reise zu seiner Familie in Münster wegen einer Schwerbehinderung nur unter hohem Aufwand bewältigen. Seit das Haus vom Guten Hirten ein Pflegebett angeschafft und das Pflegeangebot eingerichtet hat, konnte der Trip deutlich vereinfacht werden – und somit ein richtiger Urlaub.

Im Film erklärt Hotelleiter Kai-Uwe Kersten das Konzept seines Hauses und beschreibt, was er an seinem Team so schätzt.

Ein offenes Miteinander

Marjam Said arbeitet an der Rezeption. Die 23-Jährige hat eine Hörbehinderung. Das fällt den Gästen in der Regel nicht gleich auf, zumal ihre Hörgeräte unter ihrem Kopftuch verschwinden. Eine Glasfront an der Rezeption erschwert die Kommunikation zwischen Said und den Gästen manchmal zusätzlich. Aber auch solche Schwierigkeiten lassen sich durch ein kurzes Gespräch erklären und auflösen. „Manchmal müssen sich die Gäste eben wiederholen“, fasst es die Rezeptionistin zusammen. Aber da gebe es nie Probleme.

„Es geht auch um Selbstverständlichkeit“, findet die Inklusionsbeauftragte Sema Franke. Die entstehe, wenn beide Seiten offen mit dem Thema umgehen können. Franke erlebt die Gäste als aufgeschlossen und bereit für dieses offene Miteinander.

Perspektiven und Zukunftsmusik

Auch für die Belegschaft scheint das Konzept aufzugehen; die Umgestaltung 2009 sollte laut Franke schließlich auch die beruflichen Perspektiven der inklusiven Belegschaft grundlegend miteinbeziehen. Marjam Said wollte ursprünglich eine Ausbildung im Einzelhandel machen, bekam in dem Bereich aber keine Stelle. Mit Unterstützung des vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe beauftragten Integrationsfachdienstes fand sie einen Praktikumsplatz im Hotel und konnte eine Ausbildung zur Hotelfachfrau beginnen. Im Vergleich zu einer theoriereduzierten Ausbildung war dies eine Entscheidung für die deutlich größere Herausforderung, da ihr der Unterricht an der Berufsschule wegen ihrer Hörbehinderung schwerer fiel als ihren Mitschüler:innen. Doch es war ihr wichtig, durch die abgeschlossene Ausbildung später verschiedene Möglichkeiten zu haben, sich beruflich weiterzuentwickeln.

Während der Ausbildung wurde sie von Kolleg:innen im Betrieb unterstützt, danach übernahm das Hotel sie sofort. Da sie ein Händchen für Computer hat und gerne im Kontakt mit den Gästen ist, passt die Arbeit an der Rezeption perfekt zu ihr. Für die Zukunft hat sie viele Optionen, für den Moment ist sie aber mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden: „Alles in allem macht es hier einfach Spaß.“

Mitarbeiterin Stefanie Frie bei der Arbeit
Stefanie Frie arbeitet schon seit 21 Jahren im Hotel. Foto: Kopfkunst/LWL

Stefanie Frie kann dem nur beipflichten. Sie arbeitet hauptsächlich im Service und ist schon seit 21 Jahren im Unternehmen. Sie steht im – noch leeren – Restaurant und macht die letzten Handgriffe mit einem Lächeln im Gesicht. „Ich habe einfach gerne Menschen um mich herum“, erzählt die 51-Jährige, „und wenn die Gäste morgens schon mit guter Laune zum Essen kommen, muntert das auf.“ Gerade, wenn man mal etwas platter zur Arbeit käme, sei das wichtig, ergänzt sie grinsend.

Gemeinsam nach vorne

Generell ist das Miteinander essenziell für das gute Arbeitsklima. „Wir unterstützen uns gegenseitig gut“, sagt Frie. Was dem einen vielleicht nicht so gut gelinge, könne jemand anders auffangen. „Wir achten darauf, die Teams so zusammenzusetzen, dass es sich gut ergänzt“, beschreibt Kersten das Tagesgeschäft. Darauf müssen sich alle einlassen und bereit sein, mit anzupacken.

In den kommenden Jahren sollen Teile des Gebäudes abgerissen und das umliegende Gebiet neugestaltet werden. Kersten freut sich insbesondere auf die neuen Berührungspunkte zwischen den einzelnen Einrichtungen und die Synergien, die sich entwickeln können. Wer Angehörige im Wohnheim besuchen will, kann im Hotel übernachten. Die Bewohner:innen der Einrichtungen können gemeinsam auch in den neuen Restaurants oder Bistros zu Abend essen. Insgesamt soll das Leben für die Gäste, die Bewohner:innen und die Menschen in Mauritz gemeinschaftlicher, inklusiver und offener werden. —




Zweites Leben für Laptop und Co.

Jutta Dieckmann sitzt an ihrem Schreibtisch in der geräumigen Aufbereitungshalle der AfB an der Otto-Stadler-Straße in Paderborn. Mit einem Heißluftfön löst sie Etiketten und Aufkleber von Netzteilen und Adaptern. „Ich sortiere die Netzteile nach Hersteller und Amperezahl“, erklärt sie. Neben ihrem Tisch stehen mehrere Kisten. Sind sie voll, werden sie ins Lager gebracht oder an eine andere AfB-Filiale verschickt.

Perfekt getaktetes System

Jutta Dieckmann und ihre Kollegen arbeiten nach einem bis ins Detail organisierten und perfekt getakteten System von Abholung, Datenvernichtung, Aufbereitung, Wiedervermarktung und Entsorgung von IT- und Mobilgeräten. Die AfB gilt als Europas erstes und größtes gemeinnütziges IT-Unternehmen – und befindet sich weiter auf strammem Wachstumskurs. Der Betrieb ist darauf spezialisiert, ausgemusterte IT-Geräte von Unternehmen, Versicherungen, Banken und öffentlichen Einrichtungen zu übernehmen und dabei so viele Geräte wie möglich wieder zu vermarkten.

Der vom LWL geförderte Inklusionsbetrieb bearbeitet jährlich mehr als 360.000 Geräte, die er von mehr als 1.000 Unternehmen zur Verfügung gestellt bekommt. Menschen mit Behinderung wie Jutta Dieckmann stellen fast die Hälfte der gut 357 Beschäftigten, am Standort Paderborn sind es 21 von 48 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Ein Teil des AfB-Teams in der großen Halle
Fast die Hälfte der Beschäftigten der AfB haben eine Behinderung. Eine von ihnen ist Jutta Dieckmann (links), hier mit einigen Kolleginnen und einem Praktikanten in der Halle der AfB. Foto: LWL/Paul Metzdorf

Nachhaltiges Geschäftsmodell

Der Markt für diesen Wiederverwendungskreislauf ist größer, als man meint. „Wir arbeiten mit Konzernen wie Siemens, Provinzial und Generali zusammen, aber auch mit regionalen Firmen, Behörden und Institutionen“, sagt Monika Braun. Die AfB-Prokuristin spricht dabei stets von „Partnern“. Und denen kann die AfB durchaus etwas bieten.

„Sämtliche Datenträger werden im Rahmen eines zertifizierten Prozesses nach höchsten Sicherheitsstandards gelöscht oder geschreddert. Die Geräte werden per IT-Sicherheitstransport durch unser eigenes Personal mit unserem eigenen Fuhrpark abgeholt und zur nächstgelegenen AfB-Niederlassung transportiert“, erläutert Monika Braun. Neben der Datenvernichtung werden die Geräte erfasst, getestet, gereinigt, mit neuer Software bespielt und anschließend verkauft – mit bis zu drei Jahren Gewährleistung. Nicht mehr vermarktbare Hardware wird unter höchsten ökologischen Standards zerlegt und recycelt. Der ursprüngliche Eigentümer der Geräte erhält alle relevanten Nachweise zur Datenvernichtung.

Fujitsu-Aus als Chance

Der Leiter der Paderborner AfB-Niederlassung, Dietmar Mormann, hat alle Arbeitsschritte im Blick. Er kam 2018 vom japanischen Technologiekonzern Fujitsu, als der sein Werk in Paderborn dicht machte. „Ich hatte schon vorher AfB-Gründer Paul Cvilak kennengelernt“, sagt Mormann. „Damals haben wir noch über eine mögliche Kooperation von Fujitsu und AfB gesprochen.“ Dann kam die Schließung des Fujitsu-Standorts. Mormann begriff das als Chance, die AfB nach Paderborn zu holen. „Wir haben dann eine Ausschreibung von Fujitsu gewonnen, eine weitere von Diebold Nixdorf, und dann ging alles ganz schnell“, sagt Mormann.

Man fand mit einer 3.200 Quadratmeter großen Halle eines ehemaligen Schulbuch-Verlags eine optimale Immobilie. Der neue Niederlassungsleiter brachte gleich noch eine ganze Reihe ehemaliger Fujitsu-Kollegen mit. „Wir haben 2018 mit zwölf Leuten hier angefangen“, erzählt Mormann. Um dann personell rasch aufzustocken. „Paderborn mit seinen IT-Unternehmen hat einfach das Potenzial.“

Echter Wettbewerbsvorteil

Eine Zusammenarbeit mit der AfB ist nicht nur gut für das soziale und ökologische Gewissen, sie kann ein echter Wettbewerbsvorteil sein. „Das durch eine Partnerschaft mit der AfB gezeigte gesellschaftliche Engagement kann am Point-of-Sale unserer Partner kommuniziert und somit als Vertriebsvorteil genutzt werden“, heißt es auf einem Imageflyer des Unternehmens. Der Zusatz „social & green IT“ im Firmentitel weist darauf hin. Sozial ist die inklusive Ausrichtung der AfB, grün sind etwa Einsparungen von CO2, Rohstoffen und Energie durch die Wiederverwertung der IT-Geräte.

Die AfB-Beschäftigten in Paderborn haben seelische, körperliche und Sinnesbeeinträchtigungen. Einer von ihnen ist Martin Gasse, der die Verteilung der Hardware am Wareneingang organisiert. Dort werden die firmeneigenen Transporter entladen. „Ich sortiere und erfasse die hereinkommenden Geräte“, sagt er.

Blick in die große Lagerhalle der AfB in Paderborn.
Die 3.200 Quadratmeter große Halle der AfB in Paderborn, das eines der ersten und zugleich größten gemeinnützigen IT-Unternehmen Europas ist. Foto: LWL/Paul Metzdorf

Hauseigenes Warenwirtschaftssystem

Bernd Schmelter kümmert sich um die Detailerfassung im hauseigenen Warenwirtschaftssystem. Und er schaut, ob die Datenlöschung tatsächlich vollständig erfolgt ist: „Ich bin so etwas wie die letzte Instanz.“ Thomas Müller wiederum löscht Server. Gut und gerne 20 pro Tag. Dann sortiert er sie und macht die Enderfassung für den Verkauf. Für ihn ein Traumjob: „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, woanders zu arbeiten.“

Die aufbereiteten Server, PCs, Notebooks, Bildschirme, Drucker und Handys werden teilweise im Shop zum Verkauf angeboten. Zur Kundschaft zählen Privatpersonen, vor allem auch ältere Menschen, ebenso wie Steuerberater oder Zahnarztpraxen. Was sie alle am AfB-Shop schätzen, ist die ausführliche und persönliche Beratung. „Und sollte ein Käufer mit seinem Gerät daheim nicht klarkommen, dann fahren wir vorbei und helfen ihm“, sagt Niederlassungsleiter Dietmar Mormann.

Das AfB-Konzept baut auf flache Hierarchien. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter duzen sich, vom Firmengründer bis zum Praktikanten. Es gibt eine Niederlassungsleitung, eine Technische Leitung und die Teams – mehr nicht. Im Sommer wird oft gemeinsam gegrillt, der Zusammenhalt ist groß. Mehrmals im Jahr schaut auch AfB-Gründer Paul Cvilak in Paderborn vorbei. Er kennt fast alle Beschäftigten persönlich und nimmt sich Zeit für Gespräche. Seine Vision von 2004 ist längst Wirklichkeit geworden. In Paderborn und anderswo an einem der mittlerweile 23 Standorte in fünf europäischen Ländern. —





„Ich war schon immer neugierig und kreativ“

Herr Schmidt, warum wollen Sie Journalist werden?

Im Journalismus kann man immer wieder unterschiedliche und abwechslungsreiche Erfahrungen und Einblicke sammeln und dabei Geschichten erzählen. Ich studiere Niederlande-Deutschland-Studien, einen sehr abwechslungsreichen Studiengang, in dem es unter anderem um Geschichte, Politik und Kultur geht. Diese Vielfalt finde ich sehr spannend. Außerdem war ich schon immer neugierig und auf unterschiedliche Weise kreativ. Ich schreibe zum Beispiel, mache Fotos und drehe Filme.

Wie viele andere junge Journalist:innen auch haben Sie sich diesen Beruf vorab von innen angeschaut und als Praktikant gearbeitet. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Ich habe zunächst in einer Lokalredaktion der Tageszeitung „Westfälische Nachrichten“ ein Praktikum absolviert und war dort anschließend als freier Mitarbeiter aktiv. Das war sehr lehrreich. Ich habe erste journalistische Techniken beigebracht bekommen und gelernt, mit meiner Behinderung im beruflichen Kontext umzugehen.

Ist diese von Anfang an ein Thema gewesen?

Ich musste später begleitend zu meinem Studium ein Pflichtpraktikum machen, das habe ich im ZDF-Landesstudio in Düsseldorf absolviert. Im Zusammenhang mit meiner Behinderung gab es dort zu Beginn „falsche Berührungsängste“, wie meine Chefin es beschrieb. Diese Unsicherheit konnte ich bei meinen Kolleg:innen aber schnell beseitigen. Die drei Monate in der Landesredaktion waren dann eine der spannendsten und interessantesten Erfahrungen in meinem bisherigen Leben.

Warum?

Ich durfte unter anderem den Ministerpräsidenten Hendrik Wüst interviewen oder auch für das ZDF-Morgenmagazin die Versteigerung des Nachlasses von Karl Lagerfeld begleiten. Daneben konnte ich vier eigene Beiträge zu verschiedenen Themen produzieren, zum Beispiel über das älteste Faultier der Welt oder die Gesundheit der Wälder. Meine Behinderung hat nur in einem kleinen, aber dann doch entscheidenden Detail eine Rolle gespielt: Wegen meiner Muskelerkrankung habe ich manchmal eine etwas undeutliche Aussprache. Daher habe ich meine Fernsehbeiträge nicht selbst eingesprochen, das hat ein Kollege für mich übernommen.

Ist Journalismus aus Ihrer Sicht ein Berufsfeld, in dem Inklusion schon selbstverständlich ist – oder muss sich noch etwas verbessern?

Es ist auf jeden Fall ein Berufsfeld, in dem Inklusion möglich wäre. Es kommt aber noch viel zu selten vor. Im Journalismus geht es oft um Schnelligkeit, Präzision und Leistung – alles Anforderungen, die schnell zu falschen Vorurteilen führen, weil Menschen mit Behinderung unterstellt wird, dass sie das alles nicht beherrschen. Das stimmt nicht, schon allein deshalb, weil es ja nicht „die eine Behinderung“ gibt, sondern jede und jeder sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringt. Vorurteile führen wiederum zu fehlender Inklusion. Gerade im Journalismus geht es meiner Meinung nach aber einfach viel um Perspektiven: Man muss zeigen, schreiben oder sagen, was ist, und das aus möglichst unterschiedlichen Blickwinkeln. Nur so werden Themen interessant und verständlich für alle. Dabei zählen auch die Sichtweisen von Menschen mit Behinderung. Ich finde es deshalb wichtig, dass Menschen mit Behinderung in Medien und Kultur nicht nur vorkommen, sondern diese auch selbst gestalten.

Begegnen Ihnen Barrieren im Arbeitsalltag? Falls ja: Welche – und was müsste sich für Sie ändern, damit diese verschwinden?

In meinem Alltag merke ich in den ersten Sekunden oder Minuten oft eine gewisse Unsicherheit bei anderen Personen. Ich sehe den Menschen an, wie sie im Kopf einen Fragenkatalog durchgehen, Vorurteile sortieren – aber ich sehe auch, wie sich diese erste Unsicherheit wieder legt. Das geht mal ganz schnell oder manchmal erst nach einem etwas längeren Moment. Ich denke, es ist in allen Bereichen und Situationen wichtig, dass sich niemand von dieser Verunsicherung einnehmen lässt. Wir alle haben das, das ist völlig menschlich. Aber ich wünsche mir, dass wir alle offen auf andere zugehen – das gilt sowohl für Menschen ohne als auch für solche mit Behinderung.

Was wünschen Sie sich für Ihren Berufseinstieg nach Ihrem Studium?

Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Vielleicht, weil das noch etwas in der Zukunft liegt. Meine bisherigen beruflichen Erfahrungen waren alle sehr schön und spannend. Daher wünsche ich mir, dass mein tatsächlicher Berufseinstieg diesen Erfahrungen möglichst nahekommt.




Ein Model mit Downsyndrom erzählt von sich und ihrem Job

Langes braunes Haar, helle blaue Augen, unzählige Sommersprossen und ein strahlendes Lächeln – Tamara Röske verdient ihr Geld als Model unter anderem mit ihrem Aussehen und ihrer Ausstrahlung. In einem YouTube-Interview mit Leeroy Matata erzählt sie, wie es dazu kam und was sie in ihrem Job schon alles erlebt hat. Sie hat sie zum Beispiel schon in Paris, Rom, Wien und München gearbeitet, war also in gleich mehreren Modehauptstädten Europas unterwegs. Neben ihrer Karriere als Model schauspielert Tamara Röske auch noch, und zwar sowohl in Fernsehrollen („Die Toten vom Bodensee“, ORF/ZDF) als auch im Kino („Fack ju Göthe“, Teil 3; mit dem Hauptdarsteller Elyas M’Barek ist sie heute befreundet, verrät sie im Interview).

Tamara Röske ist oft auch Hass und Diskriminierungen ausgesetzt, vor allem im Netz. Im Interview liest Leeroy Matata als Beispiel einen Kommentar vor, den jemand unter einen Post auf Röskes Instagram-Seite gesetzt hat: „Nur normale Menschen dürfen sich so präsentieren“, schreibt eine Nutzerin dort. Mit solchen behindertenfeindlichen Ansichten anderer Menschen ist Tamara Röske häufiger konfrontiert. Sie versucht, souverän damit umzugehen: „Ich hab’s schon mal gesagt: Das geht da rein und da wieder raus.“

Leeroy Matata fragt zum Abschluss noch, was Tamara Röske anderen Menschen raten würde, wenn sie unsicher sind, wie sie sie am besten behandeln sollen. Auch darauf hat sie eine klare Antwort: „Nett, höflich und nicht anstarren.“




102 Jahre Schwerbehindertenvertretung: Interview mit zwei Vertrauenspersonen, die seit 20 Jahren dabei sind

Frau Porcher, Herr Graute, Sie blicken auf zwei Jahrzehnte Erfahrung damit zurück, Menschen mit Schwerbehinderung innerhalb Ihrer Kliniken zu unterstützen. Sie kennen den Job also sehr gut. Was sollte jemand mitbringen, die oder der sich als Vertrauensperson engagieren möchte?

Graute: Als erstes fällt mir Beharrlichkeit ein. Auch wenn ein Anliegen auf den ersten Blick gar nicht so kompliziert zu sein scheint, ist es manchmal ganz schön komplex, das zu organisieren. Ein Beispiel: Menschen mit Sehbehinderung brauchen einen Computer mit einem großen Arbeitsspeicher, das hat mit der Software zu tun, die Texte auf dem Bildschirm vorliest. Bei der Anschaffung eines solchen Geräts sind beim jeweiligen Kostenträger unter Umständen mehrere Abteilungen oder Sachbearbeiter:innen beteiligt, zwischen denen wir vermitteln müssen. Als Vertreter muss ich also bei allen immer wieder nachhaken und dranbleiben. Oft müssen wir auch erst einmal klären, welcher Kostenträger zuständig ist und ob die Beschäftigten selbst oder die Arbeitgeber ein Hilfsmittel beantragen müssen. Dann meldet sich noch die hauseigene IT-Abteilung, die Probleme mit Geräten hat, die sie nicht selbst angeschafft und zertifiziert hat. All das kann sehr kleinteilig und langwierig sein.

Porcher: Davor sollte aber niemand Angst haben. Vertrauenspersonen müssen meiner Erfahrung nach vor allem empathisch sein und Lust haben, Menschen zu helfen und zu unterstützen. Wer das mitbringt, kann sich das nötige Wissen schrittweise aneignen. Dann lässt es sich sehr zielführend einsetzen. Und das macht Spaß.

Sie beide haben sich also vor 20 Jahren noch einmal in einen ganz neuen „Job“ eingearbeitet. Hatten Sie dabei Hilfe?

Porcher: Ja, es gibt verschiedene Fortbildungen, in denen Vertrauenspersonen das nötige Handwerkszeug lernen, es wird also niemand damit allein gelassen. Wir müssen zum Beispiel über die gesetzlichen Rechte und Pflichten der Schwerbehindertenvertretung Bescheid wissen. Ich engagiere mich seit 2014 auch in der Gesamtschwerbehindertenvertretung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe. Auch dafür habe ich mich weitergebildet. Heute bin ich außerdem Ansprechpartnerin für das Betriebliche Eingliederungsmanagement.

Ihre Aufgaben haben sich also mit der Zeit entwickelt und Sie mussten nicht von Anfang an über alles Bescheid wissen?

Porcher: Nein, das geht ja auch gar nicht, denn wir beraten ja zu ganz verschiedenen Themen. Im Laufe der Jahre haben wir nach und nach die nötige Erfahrung und das Wissen angesammelt. Ich habe zum Beispiel Kolleg:innen mit einem Rückenleiden dabei unterstützt, die nötigen Anträge zu stellen, damit eine Schwerbehinderung oder eine Gleichstellung bei ihnen anerkannt wird. Wenn Beschäftigte lange krank waren und wiederkommen möchten, helfe ich bei der Wiedereingliederung. Kolleg:innen mit Hörbehinderung brauchen oft bestimmte Hilfsmittel. Ich unterstütze sie dabei, diese auch zu bekommen.
Die eigene Gesundheit oder eben Erkrankung ist ja etwas sehr Persönliches, die Kolleg:innen bringen uns sehr viel Vertrauen entgegen. Dem möchte ich natürlich gerecht werden. Wichtig ist, ein gutes Netzwerk aufzubauen, um immer schnell die benötigte Hilfe oder einen Rat zu bekommen.

Wie ist es Ihnen im Laufe der Jahre damit ergangen, dass die Kolleg:innen sich Ihnen so anvertrauen?

Graute: Das ist ein sehr schönes Gefühl und ja auch einer der Gründe, warum ich diesen Job so gerne mache. Manchmal ist das aber nicht so leicht. Es kommt vor, dass Kolleg:innen mir von einer schweren Erkrankung erzählen, etwa von einer Krebserkrankung mit schlechter Prognose. Oft suchen sie gar keinen konkreten Rat, sondern möchten sich einfach jemandem anvertrauen. In solchen Momenten geht mir das schon sehr nahe.

Porcher: So etwas habe ich auch schon erlebt, das ist mir auch sehr nahegegangen. Aber es gehört dazu, auch dann, wenn man selbst starke Gefühle mit einer Situation hat, empathisch zu sein und zu helfen, so gut es geht.

Und was ist Ihnen aus Ihrer bisherigen Amtszeit besonders positiv in Erinnerung geblieben?

Porcher: Für mich sind es die vielen kleinen Erfolge, über die ich mich freue und die diese Aufgabe so schön machen. Ich bin immer wieder begeistert, wenn Kolleg:innen mit Hörbehinderung dank ihrer Hilfsmittel in Teambesprechungen alles mitbekommen. Das ist nicht nur für sie, sondern für das ganze Team einfacher und entspannter. Und ich freue mich, wenn erkrankte Beschäftigte gut wieder in den Job einsteigen können. Oder auch, wenn wir für jemanden eine Erwerbsminderungsrente auf Zeit erreichen, damit die- oder derjenige sich vollständig von einer Krankheit erholen kann.

Graute: Ich erinnere mich an ein Vorstellungsgespräch in unserer Küche. Der Küchenchef hatte seinen Stellvertreter geschickt. Das stellte sich als großer Glücksfall heraus. Es hatte sich nämlich ein Gehörloser beworben, und der stellvertretende Küchenchef beherrschte die Deutsche Gebärdensprache. Wir haben die Zusammenarbeit ausprobiert, und es klappte gut. Inzwischen arbeiten vier Gehörlose in der Küche. Der frühere stellvertretende Küchenchef, der innerhalb des Teams übersetzen konnte, ist zwar heute nicht mehr da. Aber es klappt im Arbeitsalltag trotzdem gut, weil alle gelernt haben, sich gegenseitig zu verstehen. Das ist für mich ein toller Erfolg.

Was geben Sie Menschen mit auf den Weg, die ganz neu dabei sind, also das erste Mal als Vertrauensperson arbeiten?

Graute: Lasst euch nicht entmutigen, sondern bleibt einfach dran! Bei mir selbst hat es damals auch lange gedauert, bis alle mich in der neuen Rolle akzeptiert und meine Vorschläge angenommen haben. Dass Bärbel Porcher und ich heute oft so gut helfen können, liegt ja auch daran, dass wir schon so lange im Amt sind. Wir haben uns ein großes Netzwerk und einen guten Ruf aufgebaut. Das braucht einfach Zeit. Wer Unterstützung sucht oder sich austauschen möchte, kann sich mit anderen Vertrauenspersonen vernetzen, hier in Nordrhein-Westfalen geht das in der Arbeitsgemeinschaft der Schwerbehindertenvertretungen.

Porcher: Ich finde es wichtig, sich bei Konflikten sofort mit allen Beteiligten zusammenzusetzen, auch mit den Vorgesetzten. Meiner Erfahrung nach ist es am besten, Lösungen aufzuzeigen. Ich versuche immer, zu erklären, wie eine solche Lösung den Arbeitsaufwand reduzieren oder dabei helfen kann, dass jemand gar nicht erst krank wird und ausfällt. Das ist ja eine Win-Win-Situation, die Arbeitgeber:innen meistens gerne unterstützen und umsetzen. —

Porträtfotos von Bärbel Porcher und Thomas Graute

Über Bärbel Porcher & Thomas Graute

Bärbel Porcher engagiert sich seit 2002 in der Schwerbehindertenvertretung in der LWL-Klinik Marl-Sinsen, nachdem der Vorsitzende des Personalrats der Klinik mit dieser Idee auf sie zukam. Sie wurde noch im selben Jahr zur Vertrauensperson gewählt. Heute vertritt sie 58 Kolleg:innen mit Schwerbehinderung (oder gleichgestellte Menschen) innerhalb der LWL-Klinik und des LWL-Wohnverbunds Marl-Sinsen. Darüber hinaus arbeitet sie als Stellvertreterin der Gesamtschwerbehindertenvertretung innerhalb des LWL und als Ansprechpartnerin für das Betriebliche Eingliederungsmanagement in Marl-Sinsen.

Thomas Graute engagierte sich einige Jahre im Personalrat der LWL-Klinik Dortmund, bevor er 2002 dort zum Schwerbehindertenvertreter gewählt wurde. Er setzt sich in diesem Amt heute für die Belange von insgesamt 140 Klinik-Mitarbeiter:innen mit Schwerbehinderung ein. Sein Antrieb: Die Unterstützung von Mitarbeiter:innen vor Ort seitens der Klinik empfand er immer als sehr gut, doch ihm fiel auf, dass sich niemand bei Kolleg:innen meldete, die länger krankheitsbedingt ausfielen. Neben der Beratung zu verschiedenen Themen machte er es zu seinem Thema, das zu ändern.


Die Geschichte der Schwerbehindertenvertretungen

Der Grundstein für die Schwerbehindertenvertretung in Betrieben, wie wir sie heute kennen, wurde schon im Jahr 1920 gelegt. Die Zwischenstationen von damals bis heute:

6. April 1920

Das (damals noch so genannte) Schwerbeschädigtengesetz tritt in Kraft.

Betriebe mit mindestens 100 Arbeitnehmer:innen waren damit erstmals gesetzlich verpflichtet, einen Vetrauensmann einzuführen.

6. April 1920
19. April 1974

Das Schwerbehindertengesetz löst das Schwerbeschädigtengesetz ab.

Der geschützte Personenkreis erstreckt sich nun auf alle Menschen mit Schwerbehinderung, unabhängig von Art und Ursache ihrer Behinderung.

19. April 1974
1. Juli 2001

Das Sozialgesetzbuch IX (SGB IX) wird eingeführt.

Der (heutige) Teil 3 des Sozialgesetzbuchs umfasst das Schwerbehindertenrecht. Es wird in den Folgejahren umfassend reformiert. Dabei werden unter anderem die Inklusionsvereinbarung und das Betriebliche Eingliederungsmanagement eingeführt.

1. Juli 2001
26. März 2009

In Deutschland tritt die UN-Behindertenrechtskonvention tritt in Kraft.

Das Ziel der Konvention ist die volle Gleichberechtigung für alle Menschen mit Behinderungen mit Blick auf sämtliche Menschenrechte und Grundfreiheiten.

26. März 2009
23. Dezember 2016

Das Bundesteilhabegesetz wird erlassen.

Es tritt in vier Reformstufen bis 2023 in Kraft und umfasst Maßnahmen, die die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen verbessern sollen. Unter anderem erhält die Schwerbehindertenvertretung in Betrieben und Unternehmen (die so genannte Vertrauensperson) mehr Rechte und wird damit gestärkt.

23. Dezember 2016
1. Juli 2022

Die Schwerbehindertenvertretung feiert ihren 102. Geburtstag!

Außerdem werden die Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber (EAA) eingeführt. Sie informieren, beraten und unterstützen Arbeitgeber:innen bei der Ausbildung, Einstellung und Beschäftigung von Menschen mit Schwerbehinderung.

1. Juli 2022




Filmtipp: Das ZDF begleitet zwei Schwestern mit und ohne Down-Syndrom

Die beiden Schwestern erzählen im Film von ihrer gemeinsamen Kindheit und Jugend und was sie sich für ihre Zukunft wünschen. Für Victoria ist der Berufseinstieg außerdem einfacher als für ihre Schwester, denn Elisabeth muss beim Jobcenter erst einmal finanzielle Unterstützung für eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme beantragen, um überhaupt eine Ausbildungsstelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen zu können.

Die schöne 37-Grad-Reportage über die beiden zeigt, wie die Schwestern und ihre Eltern mit unterschiedlichen Herausforderungen umgehen, wie sie sich an einen neuen Alltag ohne die jeweils andere Schwester gewöhnen und ihren Kontakt zueinander neu gestalten müssen – und wie sie dabei neue gemeinsame Pläne schmieden.

Das Filmteam hat außerdem ein zweites, jüngeres Zwillingspaar und dessen Familie begleitet und zeigt, wie sie mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens umgehen.




Inklusion durch Vielfalt und Teamarbeit

Frau Schell, in welcher Werkstatt waren Sie beschäftigt, bevor sie im Hotel angefangen haben? Und wie kam es, dass Sie gewechselt haben?

Ich war in den Werkstätten der Westfalenfleiß GmbH beschäftigt. Erst in einer Wäscherei, dann in einer Küche und dann in einer Näherei. Ich habe also schon vieles ausprobiert. Bei einem Außenarbeitsplatz der Werkstatt durfte ich außerdem einen Blick in den Service werfen. Dort habe ich zum Beispiel Teller und Besteck vorbereitet. Das Team von Westfalenfleiß hat mich dann gefragt, ob ich nicht noch einmal etwas komplett Neues kennenlernen und mich weiterentwickeln möchte. Ich fand den Vorschlag super und habe mich sofort auf eine neue Arbeit in einem neuen Umfeld gefreut. Seit November 2021 arbeite ich als Reinigungskraft im Tagungshotel Dunant. Das ist meine erste feste Arbeit auf dem Arbeitsmarkt, darauf bin ich sehr stolz.

Was ist im Hotel anders als in der Werkstatt?

Am besten gefällt mir hier, dass ich immer in Aktion bin und sehr viel Spaß dabei habe. In der Werkstatt war es mir leider irgendwann zu langweilig. Ich war ja viele Jahre dort und es gab irgendwann einfach nicht mehr viel Neues zu entdecken. Die Arbeit im Hotel dagegen ist schnelllebiger und vielseitiger, außerdem sind hier überall nur nette Menschen. Der Job ist außerdem eine komplett neue Herausforderung für mich. Hier darf ich Zimmer und Büros putzen, Wäsche wegräumen und die Putzwagen vorbereiten. Was auch toll ist: In der Reinigung arbeiten wir in Zweierteams zusammen, also immer eine Person mit und eine ohne Behinderung. Das funktioniert sehr gut und ich habe so immer jemanden, den ich fragen kann, wenn ich mal nicht weiterkomme.

Was gefällt Ihnen an der Arbeit besonders gut?

Ich liebe Hygiene, Ordnung und Sauberkeit und mag es, dafür verantwortlich zu sein. Am Putzen gefällt mir außerdem, dass ich beim Saubermachen in den Zimmern und Büros immer ganz viele Menschen treffe, also nie alleine bin. Und jede Person, die ich treffe, unterhält sich dann auch mit mir. Das mag ich sehr.

Gibt es Arbeiten, die Sie nicht so gerne machen?

Eigentlich gefallen mir alle meine neuen Aufgaben. Nur das Treppenhaus wische ich nicht ganz so gerne. Da laufen nämlich immer alle direkt wieder durch und es ist alles wieder schmutzig. Deshalb habe ich dabei nicht das Gefühl, Erfolg zu haben, weil das Ergebnis nicht so richtig sichtbar wird.

Hatten Sie Wünsche oder auch Sorgen, bevor Sie Ihre neue Stelle angefangen haben?

Ich war unsicher, ob ich mich gut einleben würde. Ein komplett neues Umfeld und so viele neue Menschen sind eine große Umstellung für mich. Ich bin vorher leider schon oft enttäuscht worden, deshalb war es mir besonders wichtig, herzlich aufgenommen zu werden. Zum Glück ist genau das der Fall gewesen. Deshalb fühle ich mich hier auch sehr wohl und bin gerne hier. Ich hatte vor allem gehofft, dass ich nicht alleine gelassen, sondern unterstützt werde. Und das ist in Erfüllung gegangen.

Gibt es Kolleginnen und Kollegen, die Sie besonders oft begleiten?

Zwei meiner Kolleginnen stehen mir sehr nahe, sie zeigen mir alles und leiten mich an. Das hat mir gerade beim Einstieg in die neue Arbeit sehr geholfen. Ich finde es außerdem wichtig, dass ich immer alles fragen kann. Das darf ich bei den beiden, aber auch bei den anderen im Team. Eigentlich hilft hier jeder jedem, denn wir sind wirklich eine bunte Mischung aus vielen verschiedenen Mitarbeiter:innen mit unterschiedlichen Stärken.

Gibt es Situationen, in denen Sie nicht so zufrieden sind?

Ja, denn manches fällt mir immer noch schwer. Dann wünsche ich mir manchmal, ich wäre anders. Ohne meine Behinderung wäre ich vielleicht schon etwas weiter.

Sie haben sich also weiterentwickelt, seit Sie Ihren neuen Job haben?

Oh ja, ich habe mich persönlich sehr verändert. Durch die neuen Aufgaben bei meiner neuen Arbeit bin ich viel selbstständiger geworden. Mir wird auch gesagt, dass ich erwachsener und reifer wirke als vorher. Besonders gut gefällt mir, dass ich offener geworden bin – denn durch die vielen Menschen um mich herum habe ich gelernt, auf andere zuzugehen. —

Das inklusive Tagungshotel Dunant

Das vom Deutschen Roten Kreuz getragene Tagungshotel Dunant ist seit 2012 ein Inklusionsbetrieb. 11 der 35 Mitarbeiter:innen des Teams, also über 30 Prozent, haben eine Hör- oder Sehbehinderung, eine körperliche oder geistige Behinderung und arbeiten in allen Bereichen mit den Angestellten ohne Behinderung zusammen.
Damit das gut funktioniert, setzt das Hotel auf eine „familiäre Teamarbeit“, schafft also Voraussetzungen und ein Arbeitsklima, in dem sich die Mitarbeiter:innen jederzeit gegenseitig unterstützen und begleiten können. Dazu arbeitet das Inklusionshotel eng mit dem Integrationsfachdienst und sozialpädagogischen Mitarbeiter:innen zusammen, die die Beschäftigten mit Behinderung im Alltag zusätzlich unterstützen. Zudem werden die Aufgaben, Arbeitszeiten und zusätzlichen Unterstützungsbedarfe an die jeweiligen Mitarbeiter:innen angepasst. So entstehen im Tagungshotel individuelle Arbeitsmodelle, die zu den Bedürfnissen der einzelnen Mitarbeiter:innen genau passen.




Worauf es für Menschen mit Hörbehinderungen in Videokonferenzen ankommt: Interview mit einem Online-Absolventen

Herr Bähner, Sie arbeiten zurzeit als Altenpfleger in einer Rehaklinik, haben also schon einen Beruf gelernt und üben diesen auch aus. Was war Ihr Antrieb, sich weiterzubilden?

Ich habe eine neue Herausforderung gesucht, deshalb habe ich mich im Jahr 2020 bei der Bildungsakademie (BAK) in Siegen für eine Weiterbildung zur Pflegedienstleitung angemeldet, die ich in diesem Frühjahr abgeschlossen habe. Durch das Zertifikat habe ich jetzt gute Karrieremöglichkeiten und Chancen auch für den Fall, dass ich einmal nicht mehr in der Pflege arbeiten kann.

Sie haben die Weiterbildung wegen der Corona-Pandemie komplett online absolviert, also in Videokursen. Wie war das für Sie?

Das war oft schwierig, weil ich zum Beispiel die Lippenbewegungen der anderen in Videokonferenzen viel schlechter sehen kann, als wenn Menschen mir in einem Gespräch oder Kurs direkt gegenübersitzen. Dadurch, dass alles online stattfand, gab es auch zu wenig Austausch oder Gruppenarbeiten. Über 18 Monate und insgesamt 720 Stunden Unterricht hinweg war das schon sehr anspruchsvoll. Zum Glück hatte ich zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen an meiner Seite, die mich sehr unterstützt haben. Sie haben mir zum Beispiel viel Organisatorisches abgenommen und waren sehr flexibel. Es war zum Beispiel laufend nicht klar, ob Teile der Weiterbildung auch in Präsenz stattfinden würden. Sie haben sich deshalb die Termine für beide Varianten freigehalten, damit ich auf jeden Fall teilnehmen konnte. Und sie haben den Dozent:innen, den anderen Kursteilnehmer:innen und auch mir sehr konstruktive Hinweise gegeben, wie die Videokonferenz-Software am besten genutzt werden kann, damit es auch für mich optimal funktioniert.

Was war bei den Videokonferenzen für Sie besonders wichtig, damit Sie gut folgen konnten?

Ich musste die Lehrperson, beide Gebärdensprachdolmetscherinnen und die Präsentationen oder Videos, die gezeigt wurden, gleichzeitig sehen können. Das technisch zu lösen, war nicht so einfach. Denn die Software ließ nicht zu, mehrere Beteiligte gleichzeitig „anzupinnen“, damit ich sie nicht immer zwischen den anderen Teilnehmer:innen suchen musste. Wir sind daher zunächst auf die Lösung ausgewichen, mehrere Videokonferenzen parallel laufen zu lassen. Das funktionierte dann aber aufgrund der Internetbandbreite irgendwann nicht mehr.
Die Dolmetscherinnen haben sich abseits der Kurse regelmäßig mit mir getroffen, um diese und andere Lösungen auszuprobieren und zu besprechen, was wir wie verbessern könnten. Bei diesen Treffen haben sie mir auch Rückmeldungen dazu gegeben, was ich selbst noch anders machen kann, damit sie mich umgekehrt während der Konferenzen besser verstehen und so besser dolmetschen können. Ich wollte mich ja nicht nur am Unterricht beteiligen, sondern auch gut präsentieren. Das war für meine Referate, Präsentationen und die Abschlussprüfung besonders wichtig.

Haben immer beide Dolmetscherinnen an den Unterrichtsstunden teilgenommen?

Ja, aber sie haben während der Kurse dann abwechselnd für mich gedolmetscht. Die Dolmetscherinnen haben außerdem vorausschauend gehandelt. So haben sie beispielsweise direkt zu Beginn meiner Ausbildung ein Vertretungsteam zusammengestellt, für den Fall, dass sie selbst erkranken oder aus anderen wichtigen Gründen einmal nicht selbst dolmetschen könnten. Es war für mich eine große Entlastung, dass ich mich nicht selbst darum kümmern musste. Sie haben mir die anderen Dolmetscherinnen vorher auch vorgestellt und sie eingearbeitet, ihnen also zum Beispiel die Ausbildungsinhalte und die vereinbarten Fachgebärden übermittelt. Denn auch das war wichtig, damit sie fachlich korrekt dolmetschen konnten. Dazu haben die beiden Stammdolmetscherinnen während meiner Weiterbildung übrigens sogar selbst Fortbildungen besucht, etwa zum Thema Pflege, aber auch zum Thema Videodolmetschen.

Haben Sie Ihre mündliche Abschlussprüfung auch online abgelegt?

Ja, und auch das war eine Herausforderung. Ich musste mich ja nicht nur inhaltlich vorbereiten. Ich habe auch mit meinen Dolmetscherinnen und den Verantwortlichen bei der Berufsakademie besprochen, wie die Online-Prüfung gestaltet sein muss, damit ich keine Nachteile habe. Dazu haben wir den Integrationsfachdienst (IFD)* mit ins Boot geholt und am Schluss eine schriftliche Vereinbarung über die Rahmenbedingungen geschlossen. Das waren rechtliche Fragen, die mit dem Dolmetschen einer Online-Prüfung zusammenhängen, zum Beispiel: Was ist, wenn die Internetleitung zusammenbricht? Wie können die Prüfer:innen sich sicher sein, dass bei der mündlichen Prüfung nicht über die Dolmetscherinnen geschummelt wird? Es ging darüber hinaus auch um Nachteilsausgleiche, die Rechte der Dolmetscherinnen oder darum, wer für den Datenschutz verantwortlich ist. Das alles mussten wir klären, weil es beim IFD dazu noch kein Vorwissen gab.

Sie haben die Prüfung inzwischen bestanden und Ihr Zertifikat in der Tasche. Bewerben Sie sich jetzt als Pflegedienstleiter?

Nicht sofort, aber das ist mein Ziel. Erst einmal möchte ich als Stationsleiter oder Wohnbereichsleiter arbeiten, falls ich eine passende Stelle finde. Ich möchte erst einmal noch mehr Berufserfahrung sammeln und später in die Pflegedienstleitung aufsteigen. —