1

Inklupreneur: Ein Projekt für mehr Inklusion in der Startup-Szene

Herr Dreyer, was ist ein „Inklupreneur“?

Inklupreneure sind Unternehmer:innen und Gründer:innen, die sich für Inklusion einsetzen und in ihrem Unternehmen inklusive Arbeitsplätze schaffen. Für den Namen unseres Projekts haben wir deshalb die Begriffe „Inklusion“ und „Entrepreneurship“ (auf Deutsch: Unternehmertum) miteinander verbunden. Inklupreneure können aber auch Menschen mit Behinderung sein, die den mutigen Schritt gehen und sich bei Unternehmen bewerben, in denen sie berufliches Neuland betreten. Unser Programm ist also für Menschen und Unternehmen gedacht, die neue Wege gehen. Wir richten uns dabei vor allem an die Startup-Szene.

Es gibt bereits viele Anlaufstellen für Gründer:innen, Unternehmen und Arbeitnehmer:innen. Braucht die Startup-Szene trotzdem solche Beratungsangebote wie Ihres?

Unserer Erfahrung nach: ja. Firmen und Organisationen aus der Startup-Szene haben eine ganz eigene Unternehmenskultur mit sehr dynamischen, also sich ständig verändernden Prozessen. Sie wachsen sehr schnell und brauchen viel Personal. Viele Beratungsangebote erfüllen nicht unbedingt das, was Startups tatsächlich brauchen. Hier setzen wir an. Wir möchten die Unternehmer:innen dabei unterstützen, Inklusion zu einem Teil ihrer Unternehmenskultur zu machen.

Warum ist das wichtig?

Ich glaube, dass langfristig nur noch Unternehmen am Markt eine Chance haben, die auch einen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Daher finde ich, dass sich alle Gründer:innen überlegen sollten, wie dieser Beitrag in ihrer eigenen Organisation aussehen könnte. Ich selbst habe vor 15 Jahren ein Unternehmen gegründet und sehr positive Erfahrungen mit der Arbeit in einem inklusiven Team gemacht. Als wir damals gewachsen sind und Personal brauchten, hat uns die Agentur für Arbeit die Bewerbung eines Software-Entwicklers mit Behinderung übermittelt. Seine Qualifikationen passten zu unseren Anforderungen, wir wiederum haben uns auf seine Bedürfnisse eingestellt – und er hat sich darauf eingelassen, in einem Startup zu arbeiten. Für alle, die später in der Firma angefangen haben, war Inklusion dann ganz selbstverständlich. Mein und unser gesellschaftlicher Beitrag ist, dass wir das auch anderen Startups ermöglichen möchten.

Mit was für einem Programm unterstützen Sie Unternehmen dabei?

Wer mitmachen möchte, muss auf unserer Website erst einmal einen „Pledge“ unterzeichnen, also ein Formular zur Selbstverpflichtung. Das Startup beschreibt darin das eigene Unternehmen genauer und erklärt, wo im Betrieb Stellen für Menschen mit Behinderung eingerichtet werden sollen.

Was ist der nächste Schritt?

Wir beginnen immer mit einer Auftaktveranstaltung. Das sind zwei sehr intensive Tage, an denen alle Unternehmen, die mitmachen, ihre jeweils eigene Inklusionsstrategie erarbeiten. Wir begleiten die Gründer:innen und Unternehmen anschließend noch einige Monate mit einem Coaching.

Wer coacht die Firmen?

Das Projekt „Inklupreneur“ wird von der Hilfswerft gGmbH organisiert, die ich als Geschäftsführer leite. Wir bieten dort Workshops für angehende Sozialunternehmer:innen an und haben dafür ein großes Netzwerk von Mentorinnen und Mentoren aufgebaut, auf das wir nun auch für „Inklupreneur“ zurückgreifen können. Insgesamt beraten 20 Menschen mit Behinderung die Unternehmen auf ihrem Weg und geben ihnen Rückmeldungen dazu, wie sie in der Community wahrgenommen werden: Worauf schauen Bewerber:innen mit Behinderung auf der Website als erstes? Wie barrierearm ist das Unternehmen? Wer könnte dort arbeiten – und wer nicht? Zum Beispiel kann ja auch ein Büro in einer Altbauwohnung im zweiten Stock barrierefrei sein, nur eben nicht für Menschen mit einer Mobilitätseinschränkung. Das ist den Verantwortlichen in den Firmen aber oft gar nicht klar, weil viele erst einmal nur an bauliche Barrierefreiheit denken. Deshalb ist der Austausch mit den Coaches sehr wichtig. Ich glaube, durch diesen direkten Kontakt setzen wir am meisten in Bewegung.

Müssen die Unternehmen für die Beratung etwas bezahlen?

Nein, das Programm ist kostenlos. Wir erwarten nur, dass sie hinter ihrer Selbstverpflichtung stehen und es ihnen damit ernst ist. Es ist daher auch wichtig, dass sie sich vorher gut überlegen, wie viele inklusive Stellen sie ankündigen, denn wir nehmen sie da beim Wort.

Wie finanzieren Sie das Projekt?

Wir haben Fördergelder für drei Jahre vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) Berlin bekommen. Das ist das gleiche wie die Inklusionsämter in Nordrhein-Westfalen und in anderen Bundesländern.

Müssen Sie bestimmte Ziele erfüllen, um diese Förderung zu bekommen?

Ja, wir haben in Rücksprache mit dem Landesamt als Ziel formuliert, dass wir durch das Projekt 60 bis 120 neue inklusive Arbeitsplätze schaffen wollen. Unsere Hauptleistung dabei ist, Kontakt zu Unternehmen aufzubauen, die bereit dazu sind, und sie dabei zu unterstützen, diese Stellen zu definieren und auszuschreiben. Das zweite Ziel ist natürlich, diese Stellen auch zu besetzen. Dabei kooperieren wir unter anderem mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Jobcenter.

Wie läuft das bisher?

Deutschlandweit haben bisher 42 Firmen die Selbstverpflichtung unterzeichnet. Sie wollen insgesamt 139 inklusive Stellen schaffen.

Sind diese Stellen schon vergeben?

Nein, das wird noch dauern. Für die Unternehmen ist der „Pledge“ am Anfang des Prozesses ein erster, wichtiger Schritt, mit dem sie sich im positiven Sinne selbst unter Druck setzen. Danach müssen sie aber oft noch viele offene Fragen klären, bevor es wirklich losgehen kann. Dabei unterstützen wir sie. Bisher haben die Inklupreneure in unserem Programm knapp 30 konkrete Stellen ausgeschrieben. Sechs davon sind schon besetzt.

Woran liegt es, dass bisher erst so wenige Arbeitsplätze besetzt sind? Finden die Unternehmen keine passenden Bewerber:innen?

Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Unser Projekt läuft jetzt seit einem Jahr. Eine Erkenntnis aus dieser Zeit ist, dass auf der Unternehmensseite zwar ein sehr großes Interesse besteht, inklusive Stellen zu schaffen. Oft gehen dann aber gar keine Bewerbungen für die neu geschaffenen Arbeitsplätze ein. Offenbar reichen die bisher vorhandenen Angebote zur Vermittlung dieser Stellen noch nicht aus. Wir möchten deshalb in Zukunft eine eigene Inklupreneur-Gemeinschaft aufbauen und so Arbeitsuchende mit Unternehmen verknüpfen.
Die Unternehmen können sich im Rahmen unseres Angebots schon jetzt miteinander vernetzen und Wissen austauschen. Eigentlich arbeiten wir also daran, unser Programm irgendwann überflüssig zu machen. Das wird vermutlich nicht passieren, aber mit dieser Haltung gehen wir an das Projekt heran.

Bisher gibt es das Inklupreneur-Programm nur in Berlin und Bremen. Wollen Sie es später auch in anderen Bundesländern anbieten?

Ja, das können wir uns gut vorstellen. Unternehmen aus anderen Bundesländern können schon jetzt unseren „Pledge“ unterzeichnen. Wenn sich genügend Interessierte gemeldet haben, werden wir auf die zuständigen Inklusionsämter zugehen und versuchen, unser Programm auch dort auf den Weg zu bringen. Wir würden uns freuen, wenn mit der Zeit eine Art Bewegung daraus wird und Inklusion irgendwann ganz selbstverständlich zur klassischen Gründer:innenberatung dazugehört. Wenn es in solchen Gesprächen also künftig nicht mehr nur darum geht, wie ein Unternehmen finanziell über die Runden kommen kann, sondern auch gemeinsam überlegt wird, wie es einen gesellschaftlichen Beitrag leisten kann, hätten wir unser Ziel erreicht.




„Visual Vernacular“ und „Visual Sign“: Lautlose Kunstformen für mehr Inklusion auf der Bühne

Herr Kauly, was ist „Visual Vernacular“ und wie ist diese Kunstform entstanden?

Der Ursprung von Visual Vernacular ist die Gebärdensprache, aber als diese Kunstform entstand, war den Menschen noch nicht bewusst, dass es überhaupt eine ist. Visual Vernacular funktioniert heute ganz ohne Gebärdensprache. Die Geschichten werden durch Körperbewegung, Symbole, Gesten und intensive Gesichtsausdrücke erzählt. Man kann sich das wie Musik für Gehörlose mit sehr vielen Einflüssen vorstellen, zum Beispiel aus Filmen und Computerspielen. Wie jede Kunst entwickelte sich Visual Vernacular mit der Zeit weiter und es entstanden immer wieder neue Formen davon. Diese Art, Geschichten zu erzählen, nutzen taube Menschen mittlerweile weltweit als künstlerischen Ausdruck. Die Kunstform gab es schon immer, aber bekannt wurde sie erst durch Bernard Bragg, einen tauben amerikanischen Schauspieler. Er gab ihr auch ihren Namen.

Wie sind Sie selbst zu Visual Vernacular gekommen?

Ich liebe die Kunst mit der Sprache, besonders, wenn sie visuell funktioniert. Mich fasziniert, wie man mit Gesichtsausdrücken sprechen, mit den Händen kommunizieren und sich mit Körpersprache ausdrücken kann. Meine Begeisterung dafür begann mit Musikvideos. Ich wollte die Songs, die ich dort sah, in Gebärdensprache übersetzen. Irgendwann bemerkte ich, dass die direkte Übersetzung nicht so ansprechend aussah und mit der Musik nicht mehr viel zu tun hatte. Mir fehlte das Künstlerische. Also suchte ich nach einer Alternative und entdeckte Visual Vernacular. Als ich erfuhr, dass Gehörlose davon begeistert sind, wusste ich, dass das genau das Richtige für mich ist.

Sie vergleichen Visual Vernacular mit Musik für Hörende. Wie muss man sich das vorstellen?

Bei Visual Vernacular wird wie gesagt kaum mit Gebärdensprache gearbeitet. Im visuellen Theater für gehörlose Menschen ist das anders. Dort fließen viele verschiedene Kunstformen ineinander, etwa Performance, Gebärdensprache, Körpersprache, Pantomime und noch einige andere. Dann gibt es noch die Gebärdensprachpoesie, die ist wie ein Gedicht, eine Ballade oder ein Lied mit Wörtern und Ausdrücken aus der Gebärdensprache. Bei Visual Vernacular zeigen die Künstler:innen mit ihren Händen verschiedene Formen. Das können Gegenstände sein, Personen, Tiere, Pflanzen oder Elemente. Es ist sozusagen Kunst ganz ohne Wörter. Gehörlose verstehen aber, was diese Formen bedeuten. Das Besondere ist, dass bei Aufzeichnungen auch Filmtechniken zum Einsatz kommen, beispielsweise verschiedene Kameraperspektiven, Vergrößern und Verkleinern der Szene durch Zoomen, Zeitlupe oder Zurückspulen.

Wie wichtig sind Gesichtsausdrücke bei dieser Kunstform?

Beinahe genauso wichtig wie die Hände. Und auch die Körperhaltung spielt eine große Rolle. Bei der Musik sind ja auch die Instrumente, die die Töne spielen, ebenso wichtig wie der Rhythmus, das Tempo oder bei Musik mit Gesang die Stimme. Musik ist eine Kombination aus verschiedenen künstlerischen Elementen, und so ist es auch bei Visual Vernacular. Am besten ist, sich ein Video davon anzuschauen, denn das zeigt am besten, was genau ich damit meine. Man kann den Blick kaum vom Gesicht des Künstlers nehmen, finde ich, weil dort so unglaublich viel passiert.

Ist die Kunstform auch für hörende Menschen zugänglich?

Leider nein, hörende Menschen können das nur schwer verstehen, weil sie visuelle Sprache nicht gewohnt sind oder gar nicht kennen. Natürlich können sie sich eine Aufführung anschauen und versuchen, die Gefühle nachzuempfinden, die dabei ausgedrückt werden. Aber den kompletten Inhalt werden sie nicht aufnehmen können. Das möchte ich sehr gern ändern. Ich will mit meiner Kunst erreichen, dass sie irgendwann für Gehörlose und Sprechende gleichermaßen verständlich ist. Es wäre ja schön, wenn alle gemeinsam zur gleichen Aufführung gehen könnten und nicht nach Hörenden und Gehörlosen getrennt werden müsste. Deshalb veranstalte ich Workshops für Gehörlose und Hörende zusammen und bringe ihnen „Visual Sign“ bei (auf Deutsch: „visuelles Zeichen“). Das ist eine Kunstform, die anders als Visual Vernacular auf der Pantomime beruht – und die können alle verstehen.
[Anmerkung der Redaktion: Aktuelle Workshop-Termine findet ihr zum Beispiel auf der Pinnwand unter „Veranstaltungen“ bei taubenschlag.de, einer Website mit Infos, Nachrichten und Angeboten für Taube und Schwerhörige, aber auch für Hörende].

Können Sie erklären, was genau bei Visual Sign anders ist?

Diese Kunstform ist von Visual Vernacular abgeleitet, aber stark vereinfacht. Im Mittelpunkt steht eine bewegte Körpersprache, die Menschen während der täglichen Kommunikation unbewusst sowieso schon verwenden. Diese visuellen Zeichen wandle ich in künstlerische Ausdrücke um. Ein Beispiel: Wenn ich zeigen möchte, dass ich Auto fahre, hebe ich die Arme hoch und halte ein unsichtbares Lenkrad. Das funktioniert genauso auch mit „Trinken“, „Schlafen“, „Laufen“, „Schreiben“, „Telefonieren“, „Schnarchen“, und so weiter. Dabei kommen viele Elemente aus der Pantomime zum Einsatz. Im nächsten Schritt wird es dann aber komplexer. Wie zeige ich, dass ich ein Auto fahre und keinen Bus oder Lkw? Die haben ja alle ein Lenkrad, wie verdeutliche ich also den Unterschied? Die Körperhaltung hilft nicht viel, die ist im Auto fast die gleiche wie in den anderen Fahrzeugen. Also muss ich umdenken und noch genauer beobachten, was anders ist. Ich gehe also noch weiter aus der Situation heraus und schaue beispielsweise auf die Tür des jeweiligen Fahrzeugs, denn die ist bei allen dreien unterschiedlich. In einen Lkw muss ich eher hineinklettern und der Bus hat eine viel größere Tür als das Auto. Diese Unterschiede verstehen Gehörlose ebenso wie Hörende. Der Ansatz bei „Visual Sign“ ist also immer, mit möglichst allgemeingültigen und für alle verständlichen Zeichen zu arbeiten.

Kann Visual Sign dabei helfen, Barrieren auf der Bühne abzubauen, also auch bei Theaterstücken, die sonst nur Hörende gut verstehen?

Ja, das wäre durchaus möglich. Es gibt ja noch andere Möglichkeiten wie Gebärdensprache oder Untertitel bei Aufführungen und Filmen, die auch schon verwendet werden. Aber Visual Sign könnte eine inklusive Kunst für alle sein, bei der es keine „Sonderlösung“ für die eine oder andere Gruppe braucht. Es kommt natürlich immer darauf an, was der Inhalt des Stücks ist und welche Kunstform gezeigt werden soll: Tanzen, Performance, Schauspiel, Singen? Kunst kennt keine Grenzen, die Sprache aber schon. Ich würde den Verantwortlichen daher empfehlen, kreativ zu sein und vorher die gehörlosen Zuschauer:innen zu fragen, wie gut sie eine bestimmte Kunstform inhaltlich aufnehmen und verstehen können. Vielleicht eröffnet Visual Sign dann ganz neue Möglichkeiten. —




„Unser Ziel ist mindestens eine Milliarde Euro“: Porträt auf Capital+ über die Gründer der Parkinson-Stiftung Yuvedo

Als Jens Greve die Diagnose Parkinson bekam, las er erst einmal zwei Jahre lang alles, was zu der Nervenkrankheit veröffentlicht worden war. Er machte sich so nach und nach selbst zum Experten seiner Erkrankung. Heute weiß er, dass diese irgendwann heilbar sein wird – und dazu will er einen Beitrag leisten. Er gründete gemeinsam mit dem Anwalt Jörg Karenfort und anderen die Parkinson-Stiftung Yuvedo. Die beiden Männer verbindet, dass sie die Diagnose schon mit Mitte 40 bekommen haben. Die 300.000 Erkrankten in Deutschland sind sonst vor allem ältere Menschen.

Yuvedo verfolgt drei Ziele: Mit einer App für Patient:innen, die es auch als Web-Anwendung gibt, sollen möglichst viele Daten über die Krankheit gesammelt werden. Das ist eine wichtige Grundlage für die weitere Parkinson-Forschung. Zweitens legte die Stiftung die Neuro-Initiative 4.0 auf, die die Bewegung von Erkrankten fördern sowie deren Diskriminierung und Stigmatisierung verhindern soll. Und nicht zuletzt will Yuvedo die Erforschung besserer Medikamente vorantreiben. Das ist ein besonders großes Vorhaben. Es gibt zwar bereits Arzneimittel, diese unterdrücken die Symptome aber nur zeitweise. Außerdem haben die Mittel Nebenwirkungen. Wer zum Beispiel zu lange Medikamente einnimmt, die die Ausschüttung von Dopamin im Hirn anregen, kann irgendwann bestimmte Impulse nicht mehr kontrollieren. Das kann zu Spiel-, Sex- oder Kaufsucht führen. „Es gibt etliche, die ihr Erspartes verzockt haben“, sagt Jörg Karenfort im Capital+-Artikel.

Wenn mehr Geld in die Forschung und Behandlung von Parkinson-Erkrankten fließen würde, könnten die Medikamente besser werden, davon sind Karenfort und Greve überzeugt. Sie legen deshalb gerade einen Fonds auf, um ab 2022 private Investoren mit ins Boot zu holen. „Unser Ziel ist es, mindestens eine Milliarde Euro zusammenzubekommen“, sagt Karenfort im Artikel. Dabei geht es ihm und seinen Mitstreiter:innen nicht um Spenden, sondern um Geldanlagen, die sich für die Investor:innen auszahlen sollen. Das Geld soll später in Forschung investiert werden oder an Pharmakonzerne und Start-ups gehen.

›› Den ganzen Artikel über die beiden Gründer, die Stiftung und deren Ziele lest ihr auf Capital+.

UPDATE:
Aus der Stiftung und der Daten-App ist in der Zwischenzeit die YUVECURE AG hervorgegangen. Dabei geht es nach eigenen Angaben nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, die Ziele der Plattform und damit die Heilung von Parkinson voranzutreiben. Die Gründungsversammlung steht unmittelbar bevor. Mehr Infos hier: www.yuvecure.com




„Ich war immer der komische Kauz“

Erst seit 2016 weiß Freimut Kahr, dass er autistisch ist. Davor wusste er lange Zeit nicht, warum er sich so oft als Außenseiter fühlte. In der Schule war er „immer der komische Kauz“, sagt er, soziale Kontakte fielen und fallen ihm schwer. Auch die vielen Reize in seiner Umwelt sind für ihn anstrengend: Gespräche im Hintergrund, klingelnde Telefone, raschelndes Papier.

Sein Einstieg ins Berufsleben war deshalb nicht so einfach. Vor seinem aktuellen Job arbeitete er eine Zeit lang als Korrektor, verlor die Stelle aber wieder. Die Agentur für Arbeit vermittelte ihm immer wieder neue Arbeitsplätze, doch die Bewerbungsgespräche und der Kontakt mit Kund:innen stressten ihn einfach zu sehr.

Schließlich stellte sich heraus, dass er Asperger-Autist ist, und durch die Diagnose tat sich eine neue Chance für den 47-Jährigen auf. Der Integrationsfachdienst Bremen (IFD) vermittelte Freimut Kahrs gezielt an seinen heutigen Arbeitgeber, ein kleines IT-Unternehmen in Bremen. Dort kann er so arbeiten, wie es für ihn gut passt. Er kann zum Beispiel Ruhepausen einlegen und dafür einen Rückzugsraum nutzen, wenn die Reize zu viel werden. In den ersten Tagen begleitete ihn außerdem eine Betreuerin des IFD Bremen. Dadurch zerstreuten sich die anfänglichen Ängste recht schnell – und Freimut Kahrs und sein Arbeitgeber sind miteinander sehr zufrieden.

Den ganzen Artikel über Freimut Kahrs und seine berufliche Geschichte lest ihr hier in der Online-Ausgabe des Weser-Kuriers.




„Der Selbsttest gibt keine Entscheidung vor, sondern bringt Ordnung ins Chaos“ | Interview mit Veronika Chakraverty zum Online-Angebot „Sag ich’s?“, Teil 2

Frau Chakraverty, im ersten Teil unseres Interviews haben Sie uns erklärt, wie Ihr Angebot entstanden ist und wie Sie es finanzieren. Aber wie genau setzen Sie es um? Wie haben Sie zum Beispiel die vielen Fragen für den Selbsttest erarbeitet?

Wir haben zunächst Berufstätige mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen online zu ihren Erfahrungen mit der Entscheidung befragt, ihre Beeinträchtigung bei der Arbeit offenzulegen oder nicht. Das war eine wichtige Grundlage dafür, welche Schwerpunkte wir im Test setzen wollten. Für viele Befragte stand die Angst vor Diskriminierung sehr stark im Vordergrund. Mögliche positive Konsequenzen wiederum, die daraus ja auch entstehen können, gingen eher unter. In der Psychologie nennt sich das „Urteilsverzerrung“: Die meisten Menschen neigen unbewusst dazu, mögliche negative Folgen bei einer Entscheidung zu stark zu gewichten. Unsere Erkenntnisse aus der Befragung deckten sich also mit den wissenschaftlichen Theorien und Studien zum Thema.
Für uns stand daher fest: Wir wollen mit den Fragen im Selbsttest sicherstellen, dass nicht nur Bedenken und Ängste die Entscheidung beeinflussen, sondern auch positive Aspekte wie Hoffnungen oder persönliche Wertvorstellungen genug Raum bekommen. Denn es ist völlig nachvollziehbar, dass sich jemand vor Diskriminierung sehr fürchtet. Gleichzeitig kann diese Furcht aber dazu führen, dass eine Entscheidung fällt, die für einen selbst eigentlich gar nicht die beste ist.

Sie sprechen wissenschaftliche Studien an, die es zum Thema gibt. Was haben Sie damit noch herausgefunden?

Wir wollten zum Beispiel wissen, welche Faktoren sich später positiv oder negativ darauf auswirken können, ob die eigene Erkrankung offengelegt wird. Ein Beispiel ist die Frage danach, ob Menschen im allgemeinen starke negative Vorurteile gegenüber der Erkrankung oder Behinderung haben. Wenn ja, steigt tatsächlich das Risiko, diskriminiert zu werden. Ein anderes Beispiel: Wie wichtig ist es der Person, bei der Arbeit authentisch zu sein? Wenn das Bedürfnis danach sehr stark ist, kann es umgekehrt sehr belastend und stressig sein, die eigene Behinderung zu verschweigen.

Wie werden die Antworten ausgewertet?

Das ist relativ komplex, weil uns wichtig war, dass die Befragten ihre Auswertung sofort nach Ende des Selbsttests abrufen können. Die Ergebnisse sollten also nicht erst im Hintergrund von Hand ausgewertet werden müssen, denn das wäre sehr aufwändig und teuer gewesen. Die Auswertung gibt zunächst einen Überblick darüber, welche Aspekte eher für oder gegen eine Offenlegung sprechen. Jedes einzelne Thema kann dann noch einmal „aufgeklappt“ werden, um ausführlichere Informationen zu erhalten. Die Grundlage dafür sind verschiedene Textbausteine, die wir vorab entwickelt haben. Unsere Software fügt diese zusammen. Das geschieht unter anderem mit Hilfe von Durchschnittswerten über verschiedene Fragen hinweg. Je nachdem, welchen Wert jemand erreicht, wird später die dazu passende Auswertung angezeigt.

Bekomme ich in der Auswertung also eine Empfehlung „dafür“ oder „dagegen“?

Nein, die Auswertung ist bewusst keine abschließende Empfehlung. Aber sie hilft dabei, die eigene Situation besser zu verstehen und abzuwägen. Der Selbsttest bringt sozusagen Ordnung ins Chaos, indem er die Argumente für die Nutzer:innen in eine übersichtliche schriftliche Form bringt. So ein Überblick kann bereits sehr entlastend sein, weil die vielen Facetten des Themas nicht mehr alle gleichzeitig im Kopf herumschwirren und die Person vielleicht auch nicht mehr das Gefühl hat, etwas Wichtiges zu vergessen. Die Auswertung kann auch abgespeichert oder ausgedruckt werden. So kann man auch erst einmal in Ruhe drüber schlafen.

Gibt es Fragen, die wichtiger sind als andere und deshalb stärker in die Auswertung einfließen?

Die Themen im Selbsttest sind für die Befragten ja ganz unterschiedlich wichtig, deswegen gewichten wir sie alle gleich. In der Auswertung bieten wir den Nutzer:innen aber die Möglichkeit, selbst festzulegen, welche Aspekte stärker beachtet werden sollen und welche für sie persönlich nicht so entscheidend sind. Außerdem treffen ja nicht alle Menschen auf die gleiche Weise ihre Entscheidungen. Manche sind beispielsweise eher der Typ für Pro-und-Kontra-Listen, andere entscheiden lieber aus dem Bauch heraus. Beides hat seine Berechtigung. Wir geben auf der Website ein paar Tipps dazu, wie diese nächsten Schritte passend zum persönlichen „Entscheidungsstil“ aussehen können.

Und was geschieht, wenn ich mich entschieden habe?

Wenn eine Entscheidung gefallen ist, bieten wir auch hierfür weitere Informationen, die helfen können. Zum Beispiel dazu, wie man sich auf schwierige Gespräche vorbereitet oder sich einen guten Plan machen kann, wenn das Gefühl entstanden ist, dass man das nicht alles auf einmal schafft. Wir ermutigen die Nutzer:innen der Webseite außerdem an verschiedenen Stellen immer wieder, sich persönlich beraten und unterstützen zu lassen. Eine Online-Hilfe wie unsere ist sehr gut für eine erste Orientierung, sie kann aber ein persönliches Gespräch nicht ersetzen.

Sie und Ihre Kolleginnen haben den Selbsttest kürzlich mit einer digitalen Veranstaltung etwa 30 Interessierten vorgestellt. Welche Rückmeldungen kamen von den Teilnehmer:innen – und welche waren für Sie besonders wertvoll?

Es gab viel Lob und auch viele gute Hinweise, wie wir unser Angebot weiterentwickeln können. Einer davon war, dass wir im Social-Media-Bereich noch nicht gut aufgestellt sind. Das heißt: Eigentlich noch gar nicht. Es wurde aber gewünscht, dass wir künftig Beiträge in sozialen Medien zum Thema verfassen sollen, die dann geteilt werden können. Das greifen wir gerne auf.
Ein weiteres Thema war, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen oft schon in der Bewerbungsphase für einen Arbeitsplatz vor der Frage stehen, ob und wie sie ihre Beeinträchtigung ansprechen sollen. Der Wunsch im Plenum war, auch diese Zielgruppe auf der Website künftig zu berücksichtigen. Und einige meldeten uns zurück, dass unser Angebot noch sprachliche Hindernisse enthält, zum Beispiel für Menschen, die gar nicht oder nicht gut Deutsch lesen oder verstehen können. Jugendliche sind sowieso eine ganz andere Art der Ansprache gewöhnt, für sie passt der derzeitige Stil also auch nicht so ganz.

Das bedeutet, dass Sie Ihr Angebot umfangreich weiterentwickeln müssten, um die Bedürfnisse der vielen verschiedenen Zielgruppen noch besser zu erfüllen. Ist das mit der derzeitigen Finanzierung des Projektes abgedeckt?

In dieser Form und in diesem Umfang noch nicht, nein. Die technische Betreuung der Website und des Selbsttests ist bis 2024 gesichert. Kleinere inhaltliche Anpassungen können wir aus Mitteln unseres Lehrstuhls finanzieren. Weiterentwicklungen sind im bisherigen Budget nicht vorgesehen. Wir finden die Anregungen aber sehr gut, deshalb haben wir ja auch zum Gespräch eingeladen. Einiges davon hatten wir vorher schon intern diskutiert. Wir suchen zum Beispiel seit einer Weile nach Finanzierungsquellen, um die Software technisch anpassen zu können, damit wir verschiedene Versionen sowohl der Webseite als auch des Selbsttests anbieten können. Darüber hinaus benötigen wir aber noch weitere Mittel für Übersetzungen, etwa in Leichte Sprache, und für inhaltliche Anpassungen des Selbsttests für die von den Gästen angesprochenen neuen Zielgruppen. Da liegt also noch einiges vor uns. Aber wir sind guter Dinge und hoffen, dass sich unser Angebot weiter herumsprechen wird. Vielleicht ergeben sich dadurch in Zukunft die finanziellen Möglichkeiten, unsere Angebote weiterzuentwickeln und so noch inklusiver zu gestalten. –


Teil 1 des Interviews verpasst?

Hier geht es zum ersten Teil, in dem Veronika Chakraverty das Projekt als solches vorstellt und erklärt, an wen sich das Angebot richtet und wie es finanziert wird.





„Frauen mit Behinderung müssen ermutigt werden, für ihre Rechte einzustehen“

Frau Abdulhameed, Sie studieren an der TH Köln soziale Arbeit. Warum haben Sie dieses Fach gewählt?

Ich hatte mit fünfzehn Jahren einen lebensverändernden Unfall und kämpfe als körperlich beeinträchtigte Frau mit Migrationsgeschichte im Alltag ständig mit Hindernissen. Neben meiner Familie haben mich dabei immer auch Sozialarbeiter:innen unterstützt, zum Beispiel bei Behördengängen. So konnte ich vieles erreichen, was sonst schwierig gewesen wäre. Durch den direkten Kontakt mit Mitarbeiter:innen dieser wichtigen Berufsgruppe wuchs auch mein eigenes Interesse daran, denn sie leisten enorm wichtige Arbeit: Sozialarbeiter:innen helfen ihren Klient:innen nicht nur in verschiedenen Problemlagen weiter, sondern fördern und emanzipieren sie auch. Mit dem Wissen aus meinem Studium möchte auch ich mich irgendwann für die Rechte anderer einsetzen und sie dazu befähigen, das ebenfalls zu tun.

Wegen Ihrer Querschnittslähmung studieren Sie in Teilzeit. Stellt Sie das in Ihrem Studienalltag vor Herausforderungen?

Ja, absolut. Ich kann durch den hohen Grad meiner Lähmung beispielsweise meine Hände nicht benutzen. Deswegen benötige ich nicht nur im Alltag Hilfe, sondern auch im Studium. Ich brauche außerdem für alles mehr Zeit, weil ich für jede Tätigkeit meine Assistentinnen anweisen muss. Dazu kommen viele bürokratische Aufgaben in meinem Alltag: Ich muss beispielsweise ständig Hilfsmittel beantragen oder Arzttermine und Aufenthalte im Krankenhaus koordinieren. Das nimmt ebenfalls viel Zeit in Anspruch.

Hat sich die Situation an der Uni für Sie durch die Corona-Pandemie verändert?

Vor der Pandemie war es auf jeden Fall bereichernd, auf dem Campus anwesend zu sein, vor allem, weil ich mich so ja auch persönlich mit meinen Kommiliton:innen austauschen konnte. Allerdings habe ich auch oft gefehlt, weil ich häufig chronische Schmerzen habe. Das war sehr schade. Das Online-Studium hat also auch Vorteile gebracht, denn mit Schmerzen ist es viel leichter für mich, die Vorlesungen einfach von Zuhause aus zu besuchen. Ich fehle dadurch nicht mehr so oft.

Was macht für Sie eine barrierefreie Hochschule aus und was läuft an Ihrer Uni diesbezüglich schon gut?

Eine Hochschule ist dann barrierefrei, wenn sie Nachteilsausgleiche für Studierende mit Beeinträchtigung sicherstellt. Das bedeutet, dass sie Hilfen anbietet, die sich an den Bedürfnissen der jeweiligen Personen orientieren. Die Uni kann Studierenden mit Behinderung zum Beispiel bei Klausuren mehr Zeit für die Bearbeitung der Aufgaben geben. Darüber hinaus sollten aber auch baulich-technische Barrieren und Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung im Blick behalten und gegebenenfalls beseitigt werden. Ich kann natürlich nicht für alle Arten von Beeinträchtigung sprechen, aber baulich gesehen ist meine Hochschule überwiegend barrierefrei. Außerdem läuft die Kommunikation mit meinen Dozent:innen gut, zum Beispiel, wenn ich mal mehr Zeit für Abgaben oder mehrere Kopien für die Texte brauche.

Zu einem Studium gehört meistens auch ein Pflichtpraktikum. Wo absolvieren Sie Ihres und was sind dort Ihre Aufgaben?

Ich arbeite in einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche in Köln und unterstütze die jungen Menschen dort dabei, ihre künstlerischen, kreativen oder sportlichen Talente und Fähigkeiten zu entfalten. Zum Beispiel durch Malen, Basteln, Tanzen, Backen, gemeinsames Spielen, Spaziergänge, Ausflüge, Sport – oder, indem wir einfach nur zusammen Zeit verbringen. Ich begleite die Kinder und Jugendlichen dabei und sammle ihre Ideen für neue Aktivitäten. Wir schauen dann gemeinsam, was sich wie umsetzen lässt. So komme ich mit ihnen ins Gespräch, verstehe ihre Gefühlslage besser und kann sie motivieren. Manchmal geht es aber auch einfach nur darum, gemeinsam Spaß zu haben und den stressigen Schulalltag hinter sich zu lassen.

Welche Erfahrungen haben Sie dort bisher gemacht und welche Rückmeldungen kommen von den Jugendlichen?

Ich empfinde das Praktikum als sehr positiv und bereichernd. Auch die Zusammenarbeit mit meinen Kolleg:innen ist lehrreich und harmonisch. Zu Beginn waren vor allem die jüngeren Kinder eher zurückhaltend mir gegenüber. Sie haben mir aber auch viele Fragen gestellt, zum Beispiel, warum ich im Rollstuhl sitze oder wieso ich nicht immer die gleiche Assistentin dabei habe. Inzwischen beachten sie den Rollstuhl aber schon viel weniger und sehen einfach nur mich als Person.

Laut einer Studie der Aktion Mensch und dem SINUS-Institut aus dem Jahr 2021 sind Frauen mit Behinderung im Studium und auf dem Arbeitsmarkt doppelt benachteiligt: Sie verdienen weniger, werden seltener in Vollzeit beschäftigt und übernehmen seltener Führungspositionen. Was könnte Ihrer Ansicht nach dazu beitragen, dieses Ungleichgewicht zu korrigieren?

Da gibt es einiges zu tun. Grundsätzlich ist es so, dass sich das Rollenbild von Frauen in der Gesellschaft verändern muss. Ihre beruflichen Chancen sollten ebenso wie bei Männern von ihren Fähigkeiten und Leistungen abhängig sein, nicht vom Geschlecht. Dazu sind auch strukturelle Veränderungen nötig. Die Arbeitszeiten müssten flexibler sein, es müssten mehr Kitaplätze geschaffen werden und eine vom Geschlecht unabhängige Bezahlung sollte sowieso selbstverständlich sein. Darüber hinaus müssen vor allem Frauen mit Behinderung ermutigt werden, für sich und ihre Rechte einzutreten und selbstbewusster zu handeln, damit sie ihre Talente und Fähigkeiten entfalten können. Denn eigentlich ist ja niemand behindert, sondern sie oder er wird behindert – durch die Umwelt, die Gesellschaft, die daraus entstehenden Barrieren in Ausbildung oder Beruf. Genau daran müssen wir alle arbeiten. Dazu muss sich auch das Bild von Behinderung grundlegend verändern: Wir müssen als Gesellschaft weg davon, eine Beeinträchtigung vor allem als Mangel oder Schwäche zu sehen.

Welchen Beruf wollen Sie nach Ihrem Studium ergreifen?

Das ist eine gute Frage! Soziale Arbeit umfasst ja viele Bereiche. Ich habe viele Ideen und bin mir noch nicht sicher, welchen Weg ich gehen möchte. Ich kann mir aber nach den Erfahrungen in meinem Praktikum gut vorstellen, junge Menschen – vor allem solche mit Beeinträchtigung – in den Übergangsphasen zwischen Schule, Ausbildung oder Studium und Beruf zu beraten. Ich könnte mir aber auch vorstellen, politisch zu arbeiten und die Inklusion damit weltweit voranzubringen.

Haben Sie zum Schluss noch einen praktischen Tipp für studierende Frauen mit Behinderung?

Ich kann nur allen empfehlen, sich auf Stipendien bewerben. Ich bin selbst Stipendiatin des Avicenna-Studienwerks. Das ist eine der schönsten Erfahrungen in meinem Studium, denn das Engagement des Studienwerks ist nicht nur persönlich bereichernd, sondern wird sich später auch positiv auf meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt auswirken. Leider erlebe ich bisher nur wenige Frauen mit Behinderung in solchen Stipendien. Daher möchte ich hiermit noch einmal jede zu einer Bewerbung ermutigen!




Neue Geschichten erzählen: Das journalistische Projekt „andererseits“

Frau Kreutzer, warum heißt Ihr Projekt „andererseits“?

Die Redaktionen großer Medien, die öffentliche Debatten prägen und abbilden, arbeiten meistens noch nicht inklusiv. Im Journalismus fehlen deshalb viele Perspektiven, zum Beispiel die von Menschen mit Behinderung. Meine Kolleginnen Katharina Brunner, Katharina Kropshofer und Clara Porak haben im Frühjahr 2020 „andererseits“ gegründet, um diesen Perspektiven Raum zu geben. Wir möchten Sichtweisen abbilden und Geschichten erzählen, die bisher kaum oder gar nicht vorkommen – die andere Seite eben.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass so viele Redaktionen noch nicht inklusiv arbeiten?

Ja, wir sehen zwei große Hürden für inklusive Arbeit. Eine davon ist der hohe Zeitdruck, der in vielen Redaktionen herrscht. Oft müssen Texte wenige Tage nach einem Interview fertig sein, und gleichzeitig sind noch andere Aufgaben zu erledigen. Das kann für manche Menschen mit Behinderung schwierig sein. Und die zweite Hürde sind die recht strengen Vorgaben für journalistische Texte, mit denen nicht alle zurechtkommen.

Und wie könnte sich das ändern?

Wir wünschen uns, dass Redaktionen und natürlich auch die Leser:innen offener werden für Texte, die anders sind als das bisher Gewohnte. So etwas ist spannend zu lesen und macht auch einfach Spaß. Und gerade diese Vielfalt ist aus unserer Sicht etwas, das Journalismus ausmacht, auszeichnet und stark macht.

Wie arbeiten Sie bei „andererseits“?

Wir nehmen uns Zeit für unsere Texte, Grafiken und Bilder. Normalerweise arbeiten an allen Aufgaben jeweils inklusive Teams, die aus zwei Journalistinnen oder Grafikdesignern mit und ohne Behinderung bestehen. Je nachdem, um welches Thema es geht und wie viel Erfahrung die Beteiligten haben, tauschen wir uns während der Recherchen und der Arbeit an den Texten viel miteinander aus.

Sie haben bestimmte sprachliche Vorgaben erwähnt, die es bei traditionellen Medien gibt. Klingen Ihre Texte anders als die in großen Zeitungen oder Magazinen?

Ja, bei uns sind ungewöhnliche und überraschende Formulierungen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Wir weisen in unserem Newsletter mit einer eigenen Rubrik sogar besonders darauf hin. Dort stellen wir Worte oder Formulierungen vor, die Autor:innen aus unserem Team erfunden haben. „Ich kriege einen Zuckaus“, sagt unserem Redakteurin Hanna beispielsweise, wenn sie aus der Haut fährt.

Um welche Themen geht es in Ihren Artikeln und Podcasts?

Zuletzt haben wir zu zwei sehr unterschiedlichen Schwerpunkten gearbeitet: Mut und Handysucht. Zu solchen Themen entstehen jeweils mehrere Beiträge, die informativ, aber auch sehr persönlich sein können. Tatsächlich stehen oft Gefühle im Mittelpunkt, auch das ist etwas Besonderes bei uns. Der Grund ist, dass Emotionen sich oft auf politische Umstände zurückführen lassen und damit im Grunde selbst auch politisch sind. Je nachdem, in welcher Rolle eine Person ist und wie viel gesellschaftlichen Einfluss sie hat, wird diese politische Dimension aber nicht unbedingt wahrgenommen. Das möchten wir ändern.

Welche Leser:innen oder Hörer:innen erreichen Sie mit Ihren Beiträgen?

Bisher bekommen wir vor allem Nachrichten und Rückmeldungen von Menschen, die selbst Berührungspunkte mit dem Thema Behinderung haben. Und von Journalist:innen, die sich dafür interessieren, was sich in der Branche gerade so tut. Wir hoffen, dass sich unser Projekt mit der Zeit weiter herumspricht und auch Menschen ohne Behinderung oder ohne Bezug dazu unsere inklusiven Texte lesen möchten. Um eine größere Zielgruppe zu erreichen, kooperieren wir übrigens auch mit anderen Medien, etwa der Monatszeitschrift Datum, dem SZ-Magazin, dem Magazin period. oder Ö1.

Wie finanzieren Sie das Projekt?

Bisher arbeiten wir ehrenamtlich. Wir haben alle einen Hauptberuf, mit dem wir unseren Lebensunterhalt verdienen, oder wir studieren noch. Für die Anfangszeit ist dieses Modell in Ordnung, denn die Arbeit für „andererseits“ macht Spaß und ich sehe darin sehr viel Sinn. Unser Ziel ist es natürlich, dass auf lange Sicht alle ein faires Gehalt oder Honorar für ihre Arbeit bekommen.

Werden die Inhalte von „andererseits“ demnächst kostenpflichtig?

Nein, unsere Beiträge sollen gratis bleiben. Wir planen stattdessen ein Abo-Modell, bei dem unsere zahlenden Abonnent:innen mit ihrem Beitrag unseren redaktionellen Betrieb finanzieren und dafür beispielsweise exklusiv an Veranstaltungen teilnehmen können, die wir organisieren werden. Wir werden außerdem Workshops für Unternehmer:innen und Teams anbieten, die lernen möchten, inklusiv zu arbeiten und zu denken. Daran besteht großes Interesse, nicht nur im Journalismus. All das müssen wir aber noch konkreter ausarbeiten. Wir haben gerade ein Finanzierungsteam aufgestellt, das in den nächsten Monaten ein Modell entwickeln wird, mit dem wir hoffentlich erfolgreich sein werden.

Was war bisher Ihr größter Erfolg?

Wir haben gezeigt, dass inklusiver Journalismus von der Grundidee her funktioniert. Es ist möglich, so zu arbeiten, es macht Spaß und es kommen gute Texte dabei heraus. —

Porträtfoto von Lisa Kreutzer

Foto: privat

Foto: privat

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Lisa Kreutzer
Geburtsjahr: 1992
Wohn- und Arbeitsort: Wien
Beruf: 
Journalistin
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: ist zu „andererseits“ und damit zum gemeinsamen Arbeiten mit Menschen mit Behinderung gekommen, weil sie sich für vielfältige Perspektiven im Journalismus interessiert.




„Menschen mit Behinderung müssen die Chance bekommen, mitzuentscheiden“

Herr Bollenbach, Sie waren bei der Bundestagswahl Direktkandidat der Grünen. Leider hat es für Sie nicht gereicht. Ihre Partei hat trotzdem 13,7 Prozent der Erststimmen bekommen. Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Ich mache mich weiterhin für meine Themen stark und gehe dabei alle Wege, bei denen meine Partei mich unterstützt. Der nächste Wahlkampf steht auch schon vor der Tür, im kommenden Jahr sind ja Landtagswahlen in Schleswig-Holstein. Vielleicht komme ich dort als Abgeordneter in den Landtag. Bei den Bundestagswahlen habe ich jedenfalls über 27.000 Erststimmen aus meinem Wahlkreis eingesammelt. Das zeigt, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde, finde ich.

Als Sie sich für die Landesliste beworben haben, haben Sie außerdem öffentlich gemacht, dass Sie Autist sind. Welche Reaktionen kamen darauf – und inwiefern stellt Sie das bei ihrer Arbeit als Politiker vor neue Herausforderungen?

Tatsächlich haben die meisten vorher nicht gedacht, dass ich Autist sein könnte. Für mein Umfeld war das also eher überraschend. Für mich selbst ist seitdem Vieles einfacher geworden. Vor allem, weil es mir jetzt deutlich leichter fällt, um Hilfe zu bitten, wenn ich sie brauche. Davor konnte ich das oft nicht, weil es dabei meistens um Sachen ging, die für Menschen ohne Autismus selbstverständlich sind. Zum Beispiel habe ich Schwierigkeiten damit, auf fremde Menschen zuzugehen. Auch Telefonieren fällt mir oft schwer. Das geht auch vielen Menschen ohne Autismus so. Aber der Unterschied liegt darin, dass solche Aufgaben in mir großen Stress auslösen können: Es kann regelrecht zu einer Reizüberflutung kommen. Da bin ich nach einem halben Tag Wahlkampf schon ziemlich geschafft. Aber jetzt kann ich es mir erlauben, darin nicht so gut zu sein, auch, weil meine Kolleg:innen davon wissen und ich sie um Hilfe bitten kann.
Zugleich bin ich aber auch angreifbarer geworden, muss mich also leider stärker mit Hass und Hetze im Netz auseinandersetzen als vorher. Das war mir aber von Anfang an bewusst. Persönlich lässt mich das zum Glück völlig kalt. Ich stelle mich dem aber trotzdem bewusst entgegen, denn solche vermeintlichen Auseinandersetzungen, die eigentlich nur blanke Ausgrenzung sind, haben für mich in einer Demokratie nichts verloren.

Was ist Ihr eigentlicher Beruf neben der Politik?

Ich bin Filmschaffender und Künstler, arbeite aber auch manchmal vor der Kamera als Komparse und war zuletzt Social-Media-Referent. Ich kann mich also sowohl im Beruf als auch in der Politik kreativ ausleben. Daraus ist unter anderem ein Dokumentarfilm entstanden, „Die Ehe meiner Großeltern“. Dafür habe ich meine Oma und meinen Opa in ihrem Alltag begleitet, beim Mittagsschlaf, beim Abendessen, bei kleinen Zankereien. Für mich war dabei vor allem der Spagat sehr spannend zwischen der sympathischen Darstellung dieser beiden Menschen, die mir sehr viel bedeuten, und der professionellen Distanz als Filmemacher. Das Ergebnis hat anscheinend auch anderen gefallen, denn mein Film wurde Anfang des Jahres mit dem Deutschen Generationenfilmpreis ausgezeichnet.

Ihr Slogan für die Kandidatur in Ihrer Partei war „Jung, schwul, behindert – Im Parlament nicht repräsentiert”. Was für Reaktionen gab es darauf aus Ihrer Partei?

Die Grünen haben sich vor einiger Zeit auf ein so genanntes „Vielfalt-Statut“ geeinigt. Damit stellen wir also den Anspruch an uns selbst, alle Personengruppen innerhalb unserer Partei so zu repräsentieren, wie sie auch in der Bevölkerung verteilt sind. Da ich gleich drei im Bundestag unterrepräsentierte Minderheiten vertrete – junge Menschen, homosexuelle Menschen und Menschen mit Behinderung – habe ich den besagten Slogan gewählt, um mich innerhalb der Partei für das Direktmandat zu bewerben. Und weil das ja ohnehin dem Statut der Grünen entsprach, gab es keine besonderen Reaktionen darauf. Für alle waren ja die damit verbundenen Themen wichtig. Und letzten Endes haben mich die Kolleg:innen genau deswegen als Kandidat der Landesliste und als Direktkandidat ins Rennen geschickt.

Haben Sie den Slogan auch nach außen in Ihrem Wahlkampf benutzt?

Nein. Trotzdem wurde ich auf Wahlveranstaltungen oft auf meine Homosexualität angesprochen. Manche Wähler:innen waren der Meinung, ich müsste das nicht so herausstellen. Sie meinten, ich würde mich damit selbst stigmatisieren. Ich sehe das aber anders. Für Vielfalt muss immer noch geworben werden, und da möchte ich ein Vorbild sein.

Welchen Stellenwert hatten Inklusionsthemen in Ihrem Wahlkampf? 

Einen sehr hohen – und dabei geht es für mich nicht nur um Menschen mit Behinderung. Wir haben in meiner Heimatstadt Bargteheide zum Beispiel extra ein Seniorencafé organisiert, weil ich alle Personengruppen der Gesellschaft möglichst gut verstehen und vertreten möchte. Dazu zählen auch ältere Menschen, die teilweise ja die gleichen Benachteiligungen erfahren wie Menschen mit körperlichen oder auch geistigen Behinderungen. Ich stand und stehe außerdem mit verschiedenen Behindertenverbänden in Kontakt und habe mich laufend mit ihnen ausgetauscht. Ich werde beispielsweise auch jetzt, nach dem Wahlkampf, zu Diskussionsrunden eingeladen. Viele Menschen haben mich vor allem deshalb kontaktiert, weil ich das Thema Inklusion für mich als Schwerpunkt gesetzt habe – und ich glaube, dass sie mich deswegen auch gewählt haben.

Wie müsste sich die Politik verändern, damit sie die Sichtweisen und Interessen von Menschen mit Behinderungen besser vertreten kann?

Das ist ganz einfach: Menschen mit Behinderung müssen die Chance bekommen, mitzuentscheiden! Ich persönlich glaube, dass der Weg zu politischer Teilhabe aktuell am ehesten über eine Parteimitgliedschaft führt. Die Parteimitglieder vertreten ja letztlich ihre Wähler:innen. Auch deswegen sollte eigentlich jede Partei den Anspruch an sich selbst stellen, auch Menschen mit Behinderung als Mitglieder dabei zu haben. Auch da gibt es aber Hürden. Meine Erfahrung hat gezeigt: Erst dann, wenn man bei den Parteien direkt auf der Matte steht und sie auf Herausforderungen aufmerksam macht, tut sich etwas. Es geht ja auch darum, voneinander zu lernen.

Welche Regierungskoalition wäre ihnen am liebsten und warum?

Ich selbst bin immer noch wehmütig, dass die Grünen es nicht geschafft haben, die nächste Regierung anzuführen. Klimaschutz und Inklusion müssen in der neuen Regierung aber auf jeden Fall eine hohe Priorität haben.
Die meisten Schnittmengen sehe ich da schon bei der SPD. Ich bin ich mir aber relativ sicher, dass speziell bei den Themen Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung auch mit der FDP einiges umgesetzt werden kann. Beim Klimaschutz bin ich da schon skeptischer, aber es muss ein Kompromiss gefunden werden. Ich hoffe trotzdem, dass bei den wirklich wichtigen Themen meiner Partei möglichst wenig Abstriche gemacht werden müssen.

Wenn Sie drei Wünsche an die neue Regierung hätten, welche wären das?

Ich wünsche mir auf jeden Fall, dass die Regierung sich klar für Klimaschutz und Inklusion positioniert. Beides muss einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft bekommen. Dazu wäre es wichtig, dass mindestens eine Person mit Behinderung Teil der neuen Regierung wird. Und mein dritter Wunsch ist ein neues Ministerium, das sich um die Belange von Menschen mit Behinderung und um die von anderen diskriminierten Minderheiten kümmert.

Porträtfoto von Nils Bollenbach

Foto: Sven Brauers

Über unseren Interviewpartner

Geburtsjahr:  2000 (20)
Wohn- und Arbeitsort: Bargteheide
Beruf: Lokalpolitiker und Künstler
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: ist selbst Autist




„Irgendwann möchte ich unabhängig von meinen Eltern leben“

Melanie Strasser lebt mit Rollstuhl, sie spricht langsamer und undeutlicher als andere und kommuniziert deswegen lieber schriftlich. Die Agentur für Arbeit riet ihr deshalb, in einer Werkstatt für behinderte Menschen anzufangen oder sich gleich arbeitslos zu melden.

Melanie Strasser befolgte diesen „Rat“ aber nicht. Gemeinsam mit ihrer Mutter fand sie selbst einen Ausbildungsplatz und ließ sich zur Kauffrau für Büromanagement weiterbilden. Sie zog in ein Internat, sammelte erste praktische Erfahrungen und fand schließlich einen passenden Job. Nach einem dreimonatigen Praktikum bei einer Bildungs- und Begegnungsstätte bekam sie dort eine feste Stelle. Ihr nächster Wunsch steht auch schon fest: So viel zu verdienen, dass nicht mehr bei ihren Eltern wohnen muss.

In diesem Artikel auf Spiegel Online erzählt Melanie Strasser ihre Geschichte. Unser Fundstück der Woche!




Vier Fragen an… Frank Albin vom Deutschen Olympischen Sportbund

Herr Albin, was ist der Job von Event-Inklusionsmanager:innen, kurz „EVI“s?

Die Aufgabe von „EVI“s ist es, Sport-Events und -Großveranstaltungen inklusiv und barrierefrei zu gestalten. Das beginnt mit der inklusiven Anmeldung zum Event, etwa über eine barrierefreie Website des Veranstalters, auf der alle Informationen auch für Menschen mit Sehbehinderung zugänglich sein sollten. Das Gebäude oder Gelände, auf dem die Veranstaltung stattfindet, sollte außerdem nicht nur für Menschen mit Gehbehinderungen barrierefrei sein, sondern zum Beispiel auch für blinde Menschen, die sich mit einem Taststock oder über Schilder mit Brailleschrift orientieren. Und die Moderation und Kommentare sollten für gehörlose Zuschauer:innen und Athlet:innen zugänglich gemacht werden, also von Gebärdensprachdolmetscher:innen übersetzt werden. Die Event-Inklusionsmanager:innen sorgen in ihren Sportorganisationen dafür, dass all das bei der Planung mit bedacht und gut umgesetzt wird.

In welchen Organisationen arbeiten die „EVI“s?

Ende Mai wurden von einer Jury die ersten zwölf Organisationen ausgewählt, die eine Förderung für solch eine EVI-Stelle bekommen. Darunter sind zum Beispiel der Deutsche Rollstuhl-Sportverband in Kooperation mit dem Deutschen Behinderten-Sportverband, Special Olympics Deutschland, die Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußball-Bunds, der Deutsche Motor Sport Bund und der Deutsche Ruderverband. Die Verbände schaffen jeweils einen Arbeitsplatz für einen Menschen mit Schwerbehinderung, der für zwei Jahre aus Mitteln des Ausgleichsfonds des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales finanziert wird. Von 2023 bis 2025 läuft eine zweite Projektphase, dafür wählt die Jury wieder zwölf Organisationen aus, die erneut „EVI“s einstellen können.
Die Finanzierung ist übrigens als Anschubfinanzierung gedacht. Wir hoffen natürlich, dass wir diese Stellen erhalten können und durch das Projekt auch langfristig mehr Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung im Sport schaffen. Ich bin da zuversichtlich, denn die ersten Organisationen haben jetzt schon signalisiert, dass sie weitermachen möchten. Und sie werden sicher ein Vorbild für viele Vereine sein, die in den nationalen Sportverbänden organisiert sind.

Sie nennen mehrere Behindertensportverbände in Ihrer Aufzählung. Warum stellen sie überhaupt „EVI“s ein – sind ihre Veranstaltungen nicht sowieso schon barrierefrei?

Jein. Die Behindertensportverbände haben eine Vorbildfunktion. Allerdings sind sie in der Regel auf ihre Zielgruppe fokussiert, also auf Menschen mit bestimmten Behinderungen, was ja auch verständlich ist. Die Verantwortlichen in diesen Organisationen merken aber inzwischen, dass sie sich öffnen und auch für andere Behinderungsarten inklusiver aufstellen müssen. Der Rollstuhl-Sportverband etwa hat bisher kaum inklusive Angebote für Menschen mit Sehbehinderung. Und der Deutsche Gehörlosen-Sportverband kann sicher noch einiges tun, damit nicht nur gehörlose Menschen zu seinen Veranstaltungen kommen.

Wie unterstützt der DOSB die „EVI“s und deren Arbeitgeber:innen?

Wir bieten unter anderem eine neue Qualifizierung namens „Eventmanagement im Sport“ an. Die Kurse sind nicht nur für die „EVI“s gedacht, sondern stehen allen Menschen mit und ohne Behinderung offen, die ihre Organisation und ihre Angebote inklusiver gestalten wollen. Zusätzlich können die „EVI“s ein Jobcoaching in Anspruch nehmen, wenn sie das möchten. Wir besuchen außerdem sämtliche Sportorganisationen und stellen bei Bedarf Kontakte zu Beratungsstellen und anderen Expert:innen her, die dabei helfen, Arbeitsplätze barrierefrei zu gestalten.
Langfristig sollen die Event-Inklusionsmanager:innen und die Sportverbände von dem Netzwerk profitieren, das wir durch das Projekt gemeinsam Stück für Stück aufbauen. Die „EVI“s vernetzen sich bei regelmäßigen Treffen untereinander und tauschen ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus. Wir organisieren darüber hinaus auch Treffen für die Arbeitgeber:innen – und wir möchten die Sportverbände mit Behinderten- und Selbsthilfeorganisationen zusammenbringen, die bisher noch keinen oder kaum Kontakt zum Sportbereich haben. In den nächsten Jahren wollen wir einen digitalen Informationspool aufbauen, in dem wir das Wissen, die Ideen und Lösungen aller Beteiligten zur Umsetzung inklusiver Sportveranstaltungen sammeln. Denn so können bald auch andere Organisationen darauf zugreifen und damit arbeiten.

Foto: DOSB

Über unseren Interviewpartner

Name: Frank Albin
Geburtsjahr: 1971
Wohn- und Arbeitsort: Frankfurt
Beruf: Diplom-Pädagoge
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Hat unter anderem mit Special Olympics im Bereich „Unified Basketball“ international gearbeitet.