4 Fragen an Natalie Dedreux

Natalie, warum arbeitest du gerne als Journalistin?

Die Arbeit beim „Ohrenkuss“ ist meine Leidenschaft, ohne geht für mich gar nichts. Es macht Spaß, viel zu recherchieren und einfach drauflos zu schreiben. Wir sind 20 Kolleginnen und Kollegen mit Down-Syndrom, die sich regelmäßig zu den Redaktionssitzungen treffen. Für jedes „Ohrenkuss“-Heft haben wir ein Thema, zum Beispiel die Natur, die Familie oder Reisen. Dazu suchen wir im Internet und dann schreibt jeder einen Text. Manche Kollegen diktieren ihren Text auch.
Letztes Jahr habe ich auch ein Praktikum beim „Deutschlandfunk“ gemacht. Da habe ich über die Untersuchung von ungeborenen Kindern während einer Schwangerschaft recherchiert. Und ich habe Meldungen darüber geschrieben, was in der Welt passiert – zu ganz unterschiedlichen Themen. Das hat mir auch gut gefallen. Die Meldungen wurden später im Radio vorgelesen.

Wo würdest du gerne noch mehr arbeiten?

Ich würde gerne fürs Fernsehen arbeiten, weil ich dann noch berühmter werden könnte. Ich möchte, dass Menschen mit Down-Syndrom mehr gesehen werden und bekannter sind. Im Fernsehen, auf Instagram, überall. Deshalb mache ich auch viel auf Instagram und zeige da mein cooles Leben und meine Reisen, die ich mit meiner Familie mache. Meine Freunde, die auch das Down-Syndrom haben, haben auch Internetseiten und posten viele Bilder bei Instagram.

Was würdest du in der Welt gern verändern?

Es soll mehr Inklusion geben, vor allem bei der Arbeit und in der Schule. Da hapert es noch am meisten. Ich war auf einer inklusiven Schule und fand das gut. Es gibt mehr Bildung und alle sind zusammen, auch Menschen mit Behinderung. Im Beruf sollen auch alle zusammenarbeiten. Wenn Menschen mit Behinderung eine Assistenz bekommen, dann funktioniert das. Ich kann zum Beispiel sehr gut Texte schreiben, aber bei der Recherche brauche ich manchmal meine Assistentin. Sie übersetzt für mich Texte, die in Schwerer Sprache geschrieben sind, in Leichte Sprache.

Welche Ziele hast du noch für dein Leben?

Ich möchte weiter als Aktivistin für Menschen mit Down-Syndrom kämpfen, sie gehören zur Welt und zur Gesellschaft. Deshalb habe ich im März 2019 eine Petition gegen den Pränataltest auf das Down-Syndrom gestartet. 28.000 Leute haben schon unterschrieben. Das finde ich gut. Ich möchte, dass gegen den Bluttest richtig Krach gemacht und demonstriert wird. Der Test soll nicht von den Krankenkassen bezahlt werden. Und ich will, dass die Politiker über meine Petition diskutieren.

Porträtfoto von Natalie Dedreux

Foto: Michaela Dedreux

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Natalie Dedreux
Geburtsjahr:  1998
Wohn- und Arbeitsort: Köln
Beruf: schreibt für das Magazin „Ohrenkuss“ 




„Ich musste mit meinen eigenen Vorurteilen umgehen lernen“

Frau Maack, Sie arbeiten als Moderatorin, Rednerin und Coachin. Durch Ihre Tätigkeiten haben Sie also viele verschiedene persönliche und berufliche Situationen kennengelernt. Wie erleben Sie mit dieser Erfahrung die Arbeitsmarktsituation für Menschen mit Behinderungen?

Die Lage wird in vielen Bereichen besser, auch wenn es sehr langsam geht. Es wird viel gefordert, geredet und auch viel investiert. Zugleich passiert noch viel zu wenig. Vor allem für die größer werdende Anzahl von Menschen mit psychischen Erkrankungen wird die Situation eher schwieriger als besser. Insgesamt ist das Arbeitsleben ja für alle viel fordernder geworden. Wir müssen sehr flexibel sein, uns ständig neu aufstellen und uns für wachsende Anforderungen weiterqualifizieren. Das ist für kaum jemanden einfach – ganz unabhängig von einer Behinderung.

Sie selbst sind im Laufe Ihres Lebens erblindet. Sie können also beurteilen, wie ein Berufsleben mit und ohne Behinderung aussieht. Welche positiven und negativen Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich habe sehr viel Unterstützung aus meinem Umfeld erfahren. Ich habe aber auch erlebt, dass ich wegen meiner Behinderung mehr arbeiten und mich stärker beweisen musste als andere Menschen. Ich musste darum kämpfen, meiner Qualifikation und Erfahrung gemäß beschäftigt und bezahlt zu werden. Nach meinem Studium war ich fast 15 Jahre im Ausstellungsprojekt „Dialog im Dunkeln“ beschäftigt und habe dort den Bildungsbereich aufgebaut und geleitet. Seit 2018 bin ich selbständig und damit meine eigene Chefin. Das hat noch einmal alles verändert. Bisher habe ich diese Entscheidung noch nicht bereut, obwohl die „Extrameilen“, die ich auch dort gehen muss, nicht weniger werden. Als Moderatorin, Coachin und Rednerin zu arbeiten, heißt für mich, das zu tun, was ich liebe. Das ist ein großes Glück für mich und ich weiß, dass das für viele Menschen – ob mit oder ohne Behinderung – nicht selbstverständlich ist.

Welche Rahmenbedingungen sind aus Ihrer Sicht nötig, damit Inklusion im Berufsleben für Menschen mit Behinderungen möglich wird?

Zuallererst müssten einige Grundvoraussetzungen erfüllt sein und selbstverständlich werden. Zum Beispiel die barrierefreie Ausstattung von Gebäuden, Leitstreifen für sehbehinderte oder blinde Menschen, behinderungsgerechte Computer-Software, Dolmetscher für Gebärdensprache oder auch Assistenzen. Oft scheitert eine erfolgreiche Karriere oder eine langfristige Anstellung für einen Menschen mit Behinderung daran, dass der Aufwand einfach zu groß und der ganze Prozess zu langwierig ist, sobald eine bestimmte Ausstattung benötigt wird.

Woran liegt das?

Weil die Unternehmen, aber auch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer oft erst unzählige Anträge stellen, für Unterstützung streiten und dann trotzdem noch sehr lange auf eine Bewilligung warten müssen. Ohne eine behinderungsgerechte Ausstattung am Arbeitsplatz ist es aber oft nicht möglich, zu zeigen, was man kann. Gerade in der sensiblen Phase der Probezeit in einem neuen Job kostet es also erst einmal viel Zeit und Energie, sich um die formalen Voraussetzungen zu kümmern. Das lenkt ab und ist für beide Seiten anstrengend. Für mich als Arbeitnehmerin und auch für das Unternehmen, in dem ich vielleicht arbeiten möchte, wäre es viel besser, wenn ich als blinde Berufseinsteigerin meine Ausstattung und meine Assistentin gleich selbst mitbringen könnte.

Das geht im Moment noch nicht?

Zur Zeit müssen die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowohl die Arbeitsplatzausstattung als auch die Assistenzen bei den Inklusionsämtern beantragen. Das hat strukturelle Gründe. Es ist umgekehrt aber auch keine Lösung, wenn der große bürokratische Aufwand, der damit verbunden ist, von einer Arbeitnehmerin allein geschultert werden müsste. Es wird trotzdem immer wieder gefordert, dass gerade beim Berufsstart oder Berufswechsel eine andere Institution diese Aufgabe übernehmen sollte. Zu Beginn meiner Selbstständigkeit hat mir zum Beispiel das Beratungsunternehmen Quikstep sehr geholfen, das von dem blinden Berater Stefan Wilke betrieben wird. Er hatte ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich und konnte mich aus dieser Perspektive besonders gut beraten.

Welche Chancen sehen Sie in der Digitalisierung?

Insgesamt sehr große. Für mich als erblindete Frau wäre es ohne digitale Hilfsmittel kaum oder nicht möglich, in einem qualifizierten Beruf zu arbeiten. Mein Computer ist blindengerecht ausgestattet und ich benutze eine barrierefreier Software – damit geht das Arbeiten problemlos. So geht es sicher auch anderen Menschen mit Behinderungen, zum Beispiel gibt es für gehörlose Menschen oder für Menschen mit Lernschwierigkeiten ja vergleichbare digitale Lösungen. Und Menschen mit einer Körperbehinderung profitieren ebenfalls enorm vom technischen Fortschritt.

Auch in der Corona-Krise?

Gerade jetzt. So schlimm und einschränkend diese Zeit auch ist, im Arbeitsleben hat sie einige große Vorteile gebracht. Es ist normaler geworden, dass Menschen im Home-Office arbeiten. Für jemanden mit einer Behinderung kann das eine große Erleichterung bedeuten, weil weniger oder gar keine langen Wege mehr zur Arbeit zurückgelegt werden müssen, die sonst großen Aufwand bedeuten würden. Und wenn behinderungsbedingt die Arbeit zeitlich anders eingeteilt werden muss, ist die Flexibilität dafür im Home-Office auch deutlich größer.

Und welche Nachteile sehen Sie im digitalen Wandel?

Für Menschen mit Behinderung besteht die Gefahr, dass sie durch das Tempo der Digitalisierung erneut abgehängt werden. Das kann vor allem dann schnell passieren, wenn bei neuen Arbeitsplätzen, Projekten oder Konzepten nicht von vornherein auch barrierefreie Lösungen mitgedacht und mitgeplant werden. Oder dann, wenn einfache Arbeiten oder Routinetätigkeiten bald millionenfach vollständig von Computern und Robotern übernommen werden, die vorher häufig von Menschen mit schweren körperlichen oder geistigen Behinderungen erledigt werden konnten.

Sie haben dieses Jahr ihr erstes Buch veröffentlicht. Worum geht es?

Ich beschreibe darin ganz subjektiv die Geschichte meiner Erblindung. Es geht aber weniger um den praktischen Umgang mit meiner Behinderung, sondern mehr um den Bewältigungsprozess als Ganzes. Ich bin mit den Bildern der „Aktion Sorgenkind“ aufgewachsen, in denen Menschen mit Behinderung als bemitleidenswert und bedürftig dargestellt wurden. Die Organisation hat erst viel später die radikale Wende zur „Aktion Mensch“ gemacht und sich ab dann für echte Inklusion engagiert. Durch diese Bilder war ich anfangs also das Opfer meiner eigenen Vorurteile: Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Leben ohne Sehen überhaupt lebenswert sein kann. Ich habe aber trotz meiner anfangs heftigen Widerstände schließlich die sehr wichtige Erfahrung gemacht, dass Glück und Erfüllung im Leben eben nicht davon abhängen, ob ich sehen kann oder nicht.

Was wünschen Sie persönlich sich für die Inklusion im Arbeitsleben?

Am schönsten wäre es, wenn es keine Sensation mehr wäre, wenn ein Unternehmen oder eine Organisation einen Menschen mit Behinderung anstellt. Das sollte ganz selbstverständlich werden. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, denn es gibt noch viele Hindernisse zu überwinden: für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Behinderung, für die Unternehmen – und für die Gesellschaft. —

Dörte Maacks Buch „Wie man aus Trümmern ein Schloss baut“ ist bei Patmos erschienen, hat 212 Seiten und kostet 20 Euro.


Porträtfoto von Dörte Maack

Foto: Beatrice Herrmann

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Dörte Maack
Geburtsjahr:  1967
Wohn- und Arbeitsort: Hamburg
Beruf: Moderatorin, Rednerin und Coachin
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: ist mit Anfang 30 erblindet




Auf die Größe kommt’s nicht an

Herr Brownbill, wie haben Sie Ihren Karriereeinstieg in der Film- und Fernsehbranche erlebt?

Das war ein Abenteuer. Als behinderter Mensch war es sehr schwer, eine Ausbildung zu machen. Ich bin so in meinen ersten Berufsjahren als Verwaltungsfachangestellter im Öffentlichen Dienst gelandet. Obwohl ich das nicht als meine „Berufung“ empfunden habe, war ich froh, dass ich nicht auf Sozialleistungen angewiesen war oder in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten musste.
Als ich 40 Jahre alt war, wollte ich es noch mal wissen und habe mir die schönste Spielwiese der Welt dafür ausgesucht: Die Schauspielerei. Dabei habe ich mein Handicap bewusst als Alleinstellungsmerkmal eingesetzt (lacht). Es war eine ganz neue Erfahrung für mich, auf einmal eine gefragte Persönlichkeit zu sein, anstatt immer nur Absagen zu bekommen. Die Schauspielerei ist aber auch kein einfacher Beruf. Ich musste vor allem als Quereinsteiger hart arbeiten, um relativ schnell erfolgreich zu sein.

Wie waren die üblichen ersten Reaktionen?

Skepsis und Bewunderung, aber auch Verachtung, zum Beispiel von Behindertenverbänden. Die negativen Reaktionen hatten wohl auch damit zu tun, dass das Wort „Schauspieler“ von „Zurschaustellen“ kommt. Wenn man an die Freak-Shows aus der Vergangenheit denkt, in denen kleinwüchsige Menschen tatsächlich wie wundersame Wesen ausgestellt wurden, ist das ein schmaler Grat, auf dem ich mich bewege.

Im Vergleich zu nicht-kleinwüchsigen Menschen: Mussten Sie mehr tun, um als Schauspieler wahr- und ernstgenommen zu werden?

Ich bin nicht sicher, ob ich tatsächlich mehr leisten musste. Eher denke ich, dass es um die Qualität eines Darstellers geht. Der US-amerikanische Film- und Theaterschauspieler Peter Dinklage zum Beispiel, der aus „Game of Thrones“ bekannt ist, hat das Handwerk von der Pike auf gelernt. Ich nicht. Anders als er musste ich also auch deshalb erst einmal viele klischeebehaftete und stereotype Rollen annehmen. Die Prioritäten lagen bei mir notgedrungen anders: Ich musste meinen Lebensunterhalt verdienen und mit meinen ersten Rollen zugleich innerhalb kürzester Zeit das Handwerk erlernen. Da konnte ich keine tollen Angebote erwarten. Das alles kann aber schnell dazu führen, dass man in eine Schublade gesteckt wird.

Hat sich das in den vergangenen Jahren verändert? 

Es tut sich gerade etwas, aber der Weg ist noch lang. Wenn ich mir heute zum Beispiel Werbespots anschaue, fällt mir schon auf, dass viele unterschiedliche Schauspielerinnen und Schauspieler darin auftauchen. Kleine und große Menschen mit verschiedenen Behinderungen und verschiedener Herkunft, Homosexuelle, Transsexuelle. Da ist mehr Diversität spürbar und sichtbar als früher.

Merken Sie das auch an den Aufträgen für die Schauspielerinnen und Schauspieler, die Sie vermitteln?

Ja, auch da ist eine Veränderung zu merken. Mit unserer Künstleragentur haben wir kürzlich einen kleinwüchsigen Schauspieler für eine „normale“ Rolle vermittelt. Er sollte in der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ mitspielen. Aus dem Drehbuch ging ursprünglich aber nicht hervor, dass die Rolle mit einem Kleinwüchsigen besetzt werden sollte. Ich nehme daher an, dass das Casting-Team angewiesen war, mehr „Diversity“ in die Serie zu bringen, ohne dafür die Rollen umzuschreiben. Das finde ich sehr spannend, denn das zeigt, dass Kleinwüchsige nicht mehr nur nur als potentielle Besetzung für einen Zwerg gesehen werden. Obwohl ich auch diese Rollen sehr mag. Aber: Solange wir nicht auch Kripo-Kommissarinnen oder -Kommissare sein dürfen, werden wir – wie im Münster-Tatort – weiterhin „nur“ Zwerge sein.

Gibt es Unterschiede zwischen der deutschen Kreativbranche und der restlichen Welt bei der Inklusion von Menschen mit Behinderungen? 

Ich bin da nicht so gut informiert, habe persönlich aber den Eindruck, dass andere Länder wie die USA oder England offener für solche Sachen sind. Hierzulande wirkt es oft gezwungen, es wird häufig gefragt: „Darf der das?“ Einarmige Tagesschau-Sprecherinnen oder -sprecher scheinen irgendwie noch ziemlich weit weg zu sein.

Wie entstand die Idee, eine Agentur zu gründen?

Ich konnte irgendwann nicht mehr alle Anfragen für Rollen selbst abdecken. Meine Frau und ich beschlossen also, diese an andere Schauspielerinnen und Schauspieler weiterzuleiten. Mit der Agentur kann ich nun meine Erfahrungen weitergeben, was mir viel Freude macht. Und die Kosten für die Homepage und andere Ausgaben werden unter mehreren Leuten aufgeteilt. Es profitieren also alle Seiten.

Was haben Sie erreicht und worauf sind Sie besonders stolz? 

Ich habe mir viele Träume erfüllt. Ich stand auf tollen Bühnen, habe in schönen Filmen mitgewirkt und großartige Menschen kennengelernt. Und obwohl ich ein Spätzünder und Quereinsteiger bin, gehöre ich mit inzwischen über 100 Produktionen zu den meistgebuchten kleinwüchsigen Schauspielern in Deutschland. Meine ehemaligen Vorbilder habe ich damit sogar überholt. Und ich bin glücklich, dass ich auf der „Zielgeraden“ des Lebens trotz des Risikos noch einmal meine Komfortzone verlassen habe.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit Kleinwüchsige, Menschen mit Down-Syndrom oder Menschen mit anderen Behinderungen in der Film- und Fernsehwelt einfach als gewöhnliche Schauspielerinnen und Schauspieler wahrgenommen werden?

Das wichtigste sind die Qualifikationen, dass also die Grundlagen des Schauspiels, das nötige Know-how und das handwerkliche Können vorhanden sind. Wir sprechen hier über einen schwierigen Beruf, für den im Normalfall mit gutem Grund eine Ausbildung erforderlich ist. Ich bin zwar auch durch die Hintertür eingestiegen, aber das war sehr schwierig. Nur, weil man sich auf Youtube angeschaut hat, wie man Fliesen verlegt, ist man ja auch noch lange kein Fliesenleger. Ich kenne allerdings kaum kleinwüchsige Schauspieler, die eine richtige Schauspielausbildung vorweisen können. Beim Down-Syndrom und anderen Behinderungen ist es nicht viel anders.
Unsere Agentur betreut mittlerweile zwei ausgebildete kleinwüchsige Schauspieler und zwei weitere, die sich im Moment in der Ausbildung befinden. Das macht uns sehr stolz. Früher mag es für eine Produktion ausgereicht haben, für die Rolle des „Lustigen August“ oder des „Zirkus-Liliputaners“ mit etwas Selbstvertrauen über die Bühne oder durch das Bild zu laufen. Bei manchen Filmen und Stücken reicht das vielleicht auch heute noch. Aber um als Profi wahr- und ernstgenommen zu werden, ist das ganz sicher zu wenig.

Sie haben Humor und provozieren gern. Das haben Sie zuletzt mit der „Minibar“ gezeigt, die Sie auf Festivals zusammen mit zwei kleinwüchsigen Kollegen betrieben und dort „Kurze“ ausgeschenkt haben. Ist das nur Spaß oder verfolgen Sie mit solchen Aktionen ein Ziel?

Humor und Selbstironie sind eine unglaublich starke Waffe, um auf Probleme aufmerksam zu machen. Ich habe deshalb ein eigenes Stand-up-Comedy-Programm namens „Zwergenaufstand“ auf die Beine gestellt. Mit einem Augenzwinkern möchte ich den Menschen den Spiegel vor die Nase halten – aber eben nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Die „Minibar“ ist so ähnlich: Sie wirkt lustig, ist aber kein Spaß. Sie ist eine Art Installation. Mit diesem Konzept leben wir die Inklusion.

Wie meinen Sie das?

Warum müssen Tresen, Barhocker oder Stehtische so hoch sein, dass Kinder, Rollstuhlfahrer oder eben auch kleinwüchsige Menschen sie nicht nutzen können? Mit der Minibar drehen wir dieses Konzept von Normalität um und verdeutlichen so, dass es auch andere Sichtweisen gibt. Mit 1,20 Meter Körpergröße fühlen wir uns an einem „normalen“ Stehtisch nämlich nicht nur nicht wohl, sondern können auch bestimmte Berufe nicht ausüben. Barkeeperin und Barkeeper zum Beispiel, Servicekraft oder Verkäuferin und Verkäufer an der Metzger- oder Bäckertheke. Und das im 21. Jahrhundert. Wir schießen Raketen zum Mond, sind aber zugleich so mit DIN-Normen überwuchert und dadurch so behindert, das eine klare Sichtweise verloren gegangen ist.

Und deshalb provozieren Sie?

Ja. Kleinwüchsige und Menschen mit anderen Behinderungen könnten sehr gut zum Beispiel auch Polizistinnen und Polizisten, Krankenpflegerinnen und -pfleger oder Feuerwehrleute sein. Aber so, wie es jetzt ist, findet das tägliche Leben in der Gesellschaft ohne uns statt. Diese Tatsache nur sachlich in Diskussionsrunden anzusprechen, bringt leider nicht viel. Es erzeugt in vielen Kreisen höchstens ein müdes Lächeln. Deshalb provoziere ich lieber, um Denkanstöße zu geben. Wir treten in der Minibar außerdem den Beweis an, dass viele verschiedene Menschen dort gemütlich sitzen und so „auf Augenhöhe“ sein können. Jeder kann uns besuchen und bei einem Kaffee oder Bier Vorurteile und Berührungsängste abbauen. Die Minibar ist aber nur ein kleiner erster Schritt für uns.

Was planen Sie noch?

Wir wollen eine Erlebnisausstellung eröffnen, die sich mit demselben Thema beschäftigt, und zwar ebenfalls in der Hamburger Hafencity. Das Ganze entsteht im Rahmen unseres gemeinnützigen Vereins „Groessenwahn e. V.“. Um der Idee die Krone aufzusetzen, haben wir auch noch einen Song im Stil von Rammstein aufgenommen. Der Refrain geht so: „Ob gross oder klein, nur wer liebt, ist wirklich reich. Ob schwarz oder weiss, rotes Blut fliesst in jedem gleich. Grössenwahn… Grössenwahn…“ —


Porträtfoto von Peter Brownbill

Foto: Robert Eikelpoth

Über unseren Interviewpartner

Name: Peter Brownbill
Geburtsjahr: 1968
Wohn-/Arbeitsort: Emden/Hamburg
Beruf: Schauspieler, Agenturchef und Aktivist
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: ist kleinwüchsig




Sport für alle: Interview mit der Sportlotsin Linda Bull

Frau Bull, was genau macht eine Sportlotsin?

Meine Aufgabe ist es, Vereine mit Sportlerinnen und Sportlern mit Behinderung zusammenzubringen. Ich weise ihnen sozusagen den Weg zueinander – daher auch die Bezeichnung „Sportlotsin“. Außerdem motiviere ich Menschen mit Behinderung, die noch unsicher sind, ob sie überhaupt Sport treiben können. Manche sehen nämlich nur die Profisportlerinnen und -sportler im Fernsehen und denken: ‚So schnell kann ich nicht laufen, das ist nichts für mich‘. Ich zeige ihnen, dass Sport auch ganz leicht sein und Spaß machen kann.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich verknüpfe Menschen mit Behinderung, die Sport machen möchten, oder ihre Betreuerinnen oder Betreuer mit einem passenden Verein. Sie rufen mich an und wir sprechen darüber, was sie sich wünschen – und ich überlege, was gut passen könnte. Häufig melden sich auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Stiftung, die für eine Wohngruppe ein Angebot suchen. Und wenn es im jeweiligen Stadtteil noch keine inklusive Sportgruppe gibt, versuche ich, gemeinsam mit einem Verein vor Ort etwas Neues auf die Beine zu stellen.
Manchmal besuche ich auch Menschen in ihren Wohngruppen, die geistige und schwere körperliche Behinderungen haben und deshalb nicht so einfach an einem externen Sportkurs teilnehmen können. Ich zeige ihnen und ihren Betreuerinnen und Betreuern einige Übungen und Spiele, die sie auch zu Hause in ihrem Wohnbereich machen können und für die sie nur ein paar Alltagsgegenstände brauchen. Manchmal reichen schon kleine Wattebäusche und Luftballons, die über den Tisch gepustet oder geworfen werden, oder eine Papierkugel, die über einen Stift gerollt wird. Oder wir spielen Kommando Pimperle. Jede Bewegung ist gut für den Körper und für das Selbstbewusstsein.

Was bieten Sie sonst noch an?

Es gibt bei uns zum Beispiel Freizeitsportgruppen für Einsteiger. Dort probieren wir jede Woche verschiedene Sportarten aus, spielen Fußball und Basketball und balancieren über Sportgeräte. Wenn sich dabei herausstellt, dass jemand besonders viel Spaß am Fußball oder an einer anderen Sportart hat, versuchen wir anschließend, eine passende Mannschaft zu finden. Wenn er oder sie viel Talent hat und es sich zutraut, kann das natürlich auch ein fortgeschrittenes Team sein.
Darüber hinaus unterstützen wir Menschen mit Behinderung auch dabei, Wege zu finden, wie Mitgliedsbeiträge für Vereine oder Sportgruppen finanziert werden können. Wenn sie etwa in einer Einrichtung leben und Sozialleistungen beziehen, sind 20 oder 30 Euro im Monat oft kaum zu stemmen. Viele haben aber zum Beispiel einen Anspruch auf Reha-Sport, über den sich die Kosten oft auffangen lassen. Außerdem fördert der Hamburger Sportbund inklusive Kurse. Darauf weisen wir Vereine hin, wenn sie neue Angebote für Menschen mit Behinderung schaffen.

Eine Gruppe Menschen mit verschiedenen Behinderungen beim Sport in einer Turnhalle.
Foto: Aktion Mensch/Dominik Buschardt

Entstehen aus Freizeitangeboten manchmal auch inklusive Mannschaften in den Vereinen?

Ja, das entwickelt sich durchaus so. Das ist aber nicht unser Hauptziel. Inklusion bedeutet für uns, dass wir es jeder und jedem ermöglichen, ganz zwanglos Sport zu treiben, ganz egal, ob das in einer festen Gruppe oder Mannschaft geschieht. Manchmal fühlt sich jemand mit Behinderung in einem Team sogar eher unsicher, in dem auch Menschen ohne Behinderung spielen. Dann ist es besser, wenn sie oder er erst einmal zusammen mit der Wohngruppe oder mit Freunden trainieren und dabei einfach Spaß haben kann.

An wen genau richtet sich Ihr Angebot?

Wir unterstützen grundsätzlich alle, die Sport treiben möchten und bei uns anfragen. Unsere Hauptzielgruppe sind im Alltag aber Erwachsene mit geistiger Behinderung, weil sie am häufigsten in den Arbeits- und Wohngruppen der Stiftung leben und arbeiten.

Worauf kommt es in Ihrem Beruf an?

Ich muss immer sehr lokal denken und planen. Je nach Behinderung können manche Menschen nicht so ohne Weiteres zum Training in einen anderen Stadtteil fahren. Damit ich sie gut beraten und etwas Passendes anbieten kann, ist Netzwerkarbeit also sehr wichtig. Viele Vereine kommen aber inzwischen schon von selbst auf mich zu und fragen, wie sie neue Angebote für Menschen mit Behinderung schaffen könnten. Das freut mich und mein Team natürlich sehr. Ich gebe dann Tipps und stelle den Kontakt zu unseren Einrichtungen her, die in der Nähe liegen und für die es vielleicht noch keine lokale Sportgruppe gibt.

Worauf müssen Vereine achten, die Sport für Menschen mit Behinderung anbieten möchten?

Die Trainerinnen und Trainer sollten gut mit Menschen umgehen können und einfühlsam sein. Eine pädagogische Ausbildung brauchen sie nicht. Kleine Gruppen mit bis zu zehn Leuten sind zu empfehlen, wobei die Gruppengröße natürlich auch vom jeweiligen Angebot abhängt. Wenn Menschen mit körperlichen Behinderungen in den Sportgruppen sind, müssen der Sportraum und die Umkleiden natürlich barrierefrei zugänglich sein. Zu all dem beraten wir die Vereine aber sehr gern.


Porträtfoto von Linda Bull

Foto: Ev. Stiftung Alsterdorf, Bereich „Sport und Inklusion”

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Linda Bull
Geburtsjahr: 1991
Wohnort/Arbeitsort: Hamburg
Beruf:
Sportlotsin
Persönlicher Bezug zum Thema Behinderung: möchte Menschen mit Behinderung den Spaß am Sport näherbringen.

Die Evangelische Stiftung Alsterdorf und das Projekt „Gemeinsam mehr bewegen“

Bisher waren die Kernbereiche der Hamburger Stiftung Arbeits- und Wohngruppen für Menschen mit Behinderung und Pflege-, und Assistenzangebote. Im Jahr 2014 kam „Sport und Inklusion“ hinzu. Das Team in diesem Bereich verwaltet und vermietet zum Beispiel die stiftungseigene Sporthalle und organisiert Sportveranstaltungen und -feste, bei denen Menschen mit Behinderung verschiedene Sportarten und Bewegungsspiele ausprobieren können. 2018 wurde zusätzlich der Inklusions-Sport-Verein (ISV) Alsterdorf gegründet, der inklusive Sportkurse für alle Menschen im Stadtteil und darüber hinaus anbietet. Dabei entstand die Idee, dass sich auch andere Vereine in Hamburg für Menschen mit Behinderung öffnen könnten.

Genau hier setzt das Projekt „Gemeinsam mehr bewegen“ an, das seit 2019 besteht und von der Aktion Mensch gefördert wird. Im ersten Jahr erreichte das Team mit diesem Vermittlungsangebot für Freizeitsportlerinnen und -sportler sowie Vereine schätzungsweise rund 200 bis 300 Menschen mit Behinderung.

Einige von ihnen arbeiten inzwischen als Trainerassistentinnen oder Veranstaltungshelfer aktiv in ihren Vereinen mit. Die Fortbildungen dafür organisiert der Bereich „Sport und Inklusion“ in seinem Projekt „BLICKWINKEL“ in Zusammenarbeit mit „Special Olympics Deutschland“. Unter anderem geht es dabei um das Organisieren der Sportgruppen, das Planen von Übungsstunden oder Grundkurse in Erster Hilfe, aber auch um Teilhabe und Mitbestimmung.




Stand-up im Rollstuhl: der Comedian Tan Çaglar (Radiobeitrag)

Tan Çaglar konnte über seine Behinderung lange Zeit weder lachen noch Witze machen. Er hat eine angeborene Erkrankung des Rückenmarks, die sich seit seiner Kindheit langsam verschlechtert hat. Bis er 22 Jahre alt war, konnte er laufen und spielte gerne Fußball. Als das nicht mehr ging, traf ihn das sehr hart. Er bekam eine Depression.
In diesem 25-minütigen MDR-Radiofeature erzählt Tan Çaglar, wie er die Depression überwunden hat, warum er mit Ende 30 Comedian geworden ist und was er über Inklusion denkt.

Zwischen den Interview-Ausschnitten und Moderationen werden übrigens immer wieder Auszüge aus Tan Çaglars erstem Bühnenprogramm „Rollt bei mir“ eingespielt – inzwischen ist er mit seinem zweiten Programm „Geht nicht? Gibt’s nicht!“ auf Tournee.




Kurzfilm-Tipp: „Unbehindert arbeiten. Wie Menschen mit Behinderung ihre Berufsziele erreichen“

Sreco Dolanc hat den Beruf, in dem er schon immer arbeiten wollte. Der gehörlose Mann besuchte in seinem Herkunftsland Slowenien eine Schule für pharmazeutische Technik und ist heute in einer Apotheke in Wien angestellt. Im Film „Unbehindert arbeiten“ (Youtube-Link) erzählt er von seinem Weg und den Schwierigkeiten und Vorurteilen, die ihm dabei begegnet sind. Auch seine Chefin Karin Simonitsch kommt zu Wort und erklärt, warum Inklusion nicht nur gesellschaftlich wichtig ist, sondern auch ein Gewinn für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sein kann.
Der Regisseur Stefan Bohun und der Filmemacher Gregor Centner haben noch zwei weitere Menschen getroffen und interviewt – neben Sreco Dolanc auch Anna Haunlieb, eine Platzanweiserin im Wiener Konzerthaus, oder den gelernten Koch Patrick Idinger, der heute als Friseurmeister einen eigenen Betrieb leitet.

Aus diesen drei Begegnungen ist dieser schöne, 20-minütige Film entstanden:

Der Kurzfilm „Unbehindert arbeiten“ von Stefan Bohun und Gregor Centner erzählt von drei Menschen, die ihren beruflichen Weg gefunden haben.

Zum Weiterlesen: Das Buch zum Film

Der Kurzfilm „Unbehindert arbeiten“ ist Teil eines multimedialen Projektes. Im gleichnamigen Buch der österreichischen Autorin und Journalistin Ursula Müller werden nicht nur die drei Film-Protagonistinnen und -Protagonisten vorgestellt, sondern auch noch andere Menschen mit Behinderung, die ihre beruflichen Ziele verwirklicht haben. Im zweiten Teil des Buches beschreibt die Autorin, was aus ihrer Sicht für einen inklusiven Arbeitsplatz wichtig ist und wie ein inklusiver Arbeitsmarkt entstehen kann.




Podcast-Tipp: „Kleinwüchsige schenken Kurze aus“

Wer in den vergangenen Jahren gerne Festivals besucht hat, kennt vielleicht die „MiniBar“: An einer 80 Zentimeter hohen Theke servieren die drei kleinwüchsigen Männer Peter Brownbill, Peter Gatzweiler und Frank Ramirez Schnäpse – also „Kurze“. Unter ihrem Künstlernamen „TimeBandits“ bieten sie außerdem für Veranstaltungen eine „MiniSecurity“ und Comedy-Auftritte an.
Die Idee der Bar finden viele lustig und gut aber nicht alle. Der Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien (BKMF) kritisiert, das Geschäftsmodell der „TimeBandits“ bediene ein veraltetes Bild von Menschen mit Behinderung und diskrimiere andere Kleinwüchsige.

Die Autorin Anke van de Weyer hat die drei Künstler und Michel Arriens vom BKMF dazu interviewt. Daraus ist eine tolle Audio-Reportage für den Deutschlandfunknova-Podcast „Einhundert“ entstanden über berufliche Selbstbestimmung, Provokation, Diskriminierung, den schmalen Grat dazwischen und die damit verbundenen Grundsatzfragen. Unser Fundstück der Woche!




Vom privaten Nähprojekt zum inklusiven Modelabel

Sandra und Christian Brunner, was ist das Besondere an Ihrem Label „einzigNaht“?

Sandra Brunner (SB): Wir verkaufen handgemachte, maßgeschneiderte Kleidung für Kinder mit körperlichen Behinderungen oder chronischen Erkrankungen. Manche dieser Babys und Kinder können Bodys oder Pullis von der Stange nämlich nicht tragen, weil sie besondere Körpermaße haben, ein stabilisierendes Hilfsmittel wie eine Orthese brauchen oder über eine Magensonde ernährt werden. Für viele Eltern ist es eine sehr große zusätzliche Herausforderung, passende Kleidungsstücke für ihre Kinder zu finden. Das möchten wir ändern.

Christian Brunner (CB): Wir nähen deshalb Kleidung, die ganz individuell an die Bedürfnisse des einzelnen Kindes angepasst und dabei so gestaltet wird, dass Schläuche oder andere Hilfsmittel nicht zu sehen sind. Wir möchten die Funktion eines Kleidungsstücks nämlich auch immer mit einem schönen Design verbinden, denn auch für Kinder stiftet die Kleidung Identität. Die klassische Reha-Kleidung sieht oft sehr funktional und medizinisch aus. Das strahlt nicht sonderlich viel Lebensfreude aus. Für unsere einzigNaht-Kleidung haben wir daher ganz bewusst fröhliche und kindgerechte Stoffe ausgesucht.

Wie kam Ihnen die Idee zu Ihrem Start-up?

SB: Das Projekt ist eigentlich aus der Not heraus entstanden. Wir brauchten selbst individuelle Kleidung für unsere heute vierjährige Tochter Laura. Sie hat das seltene Williams-Beuren-Syndrom und ist dadurch so zierlich, dass wir nichts Passendes für sie finden konnten. Alles schlackerte an ihr herum und Laura hat sich sehr unwohl gefühlt. Vor gut drei Jahren habe ich mir eine Nähmaschine gekauft und angefangen, selbst Bodys, Hosen und Pullis für sie zu nähen. Die Stücke sprangen auch anderen Eltern ins Auge, wir wurden oft darauf angesprochen. Eine Mutter hat mich dann darum gebeten, Klamotten für ihre Tochter anzupassen, die eine Magensonde hat. So hat alles angefangen.

CB: Auch über Facebook haben wir viel Lob und Anfragen von Familien bekommen, die ähnliche Probleme hatten wie wir. Dadurch haben wir erst gemerkt, wie groß der Bedarf an individueller Kleidung für Kinder offenbar ist. Ich habe verschiedene Statistiken recherchiert: Schätzungen zufolge gibt es allein in Deutschland etwa 250.000 Kinder, die wegen einer Behinderung oder chronischen Erkrankung Maßanfertigungen brauchen – genau wie unsere Tochter. Also haben wir im Sommer 2018 einzigNaht gegründet.

Ist das Ihr erstes Unternehmen?

CB: Ja, deshalb hatten wir in einigen Punkten kaum Erfahrung mit der Gründung eines Startups. Wir haben uns Schritt für Schritt in viele Details eingearbeitet, gerade am Anfang war die Lernkurve sehr steil (lacht). Wir haben aber von Erfahrungen aus unseren früheren Manager-Jobs profitiert: Ich komme aus dem Marketing und Sandra hat in der Textilbranche gearbeitet.

SB: Sechs Monate nach der Gründung wurden unsere Mühen belohnt: Wir haben 2019 den Hamburger „Gründergeist“-Award gewonnen. Das hat unser Start-up sehr vorangebracht. Neben dem Preisgeld von 5.000 Euro haben wir vor allem von der Beratung profitiert, die wir bekommen haben. Mit unseren Coaches haben wir zum Beispiel besprochen, welche Rechtsform zu uns passt und wie wir das Unternehmen finanzieren können. Die Beraterinnen und Berater haben uns aber natürlich immer nur Empfehlungen gegeben. Danach mussten wir selbst mutig sein, Entscheidungen fällen und handeln. Das ist der Hauptunterschied zum Angestelltendasein.

„Es liegt uns am Herzen, die Funktion der Kleidungsstücke mit einem schönen Design zu verbinden. Auch für Kinder ist Kleidung ja nicht nur ein Gebrauchsgegenstand, sondern Ausdruck von Identität und Lebensfreude.“
Christian Brunner

Wie haben Sie den Start des Labels finanziert?

CB: Wir haben einen privaten Kredit im mittleren fünfstelligen Bereich aufgenommen sowie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, bei der 12.000 Euro zusammengekommen sind. Durch das Crowdfunding haben wir die ersten vier Kollektionen finanziert. Wir haben einige Grundmodelle entworfen, die später individuell für jedes Kind angepasst werden. Das Modegeschäft ist ja sehr schnelllebig und es gibt oft neue Designs, deshalb haben wir die Stoffe, die wir derzeit verarbeiten, gleich in größeren Mengen angeschafft.

SB: Das war eine große Investition, weil wir mit fair produzierten Bio-Stoffen arbeiten, die natürlich etwas teurer sind. Parallel haben wir einen größeren Betrag ins Marketing gesteckt und uns bei der grafischen Umsetzung – zum Beispiel unseres Logos und der Website – Unterstützung geholt. Außerdem haben wir 5.000 Euro in eine Software investiert, mit der ich Schnittmuster erstellen kann. Vorher habe ich sie mit Bleistift auf Papier entworfen. Am Computer geht das viel schneller.

Für so ein Schnittmuster brauchen Sie ja die genauen Maße des Kindes. Wie nehmen Sie die? Müssen die Familien einen Termin bei Ihnen vereinbaren?

SB: Nein, die Familien können selbst ganz in Ruhe zuhause messen. Das ist für alle angenehmer, denn pflegende Eltern haben wenig Zeit und Kinder lassen sich nicht gerne von fremden Personen vermessen. Als Vorlage und Anleitung zum Maßnehmen dient unser Vermessungsmännchen „Friis“, das auf unserer Website abgebildet ist. Die Maße können die Eltern anschließend in ein Formular eintragen und mir schicken. Dazu schreiben sie mir zumeist noch weitere Infos, zum Beispiel wie alt ihr Kind ist und welche besonderen funktionalen Anforderungen die Kleidung erfüllen soll.
Wenn ich diese Infos habe, telefonieren wir zu den Details. Wie bewegt sich das Kind, kann es schon krabbeln? Mag es lieber lockere Abschlüsse oder sind Bündchen besser? An welchen Stellen sollte sich das Kleidungsstück schnell öffnen und schließen lassen, damit die Pflege einfacher wird? Wir klären also viele praktische Fragen. Die Gespräche sind dabei oft sehr emotional, es fließen auch nicht selten Tränen, weil die Eltern sich das erste Mal verstanden fühlen. Wer selbst kein Kind mit Behinderung hat, kann sich einfach nicht vorstellen, welche Herausforderungen das im Alltag mit sich bringt.


Laura, die zweite Tochter der Brunners, in einem selbstgenähten Kleidchen; sie lacht in die Kamera.

Laura, die zweite Tochter der Brunners, hat das Williams-Beuren-Syndrom. Sie eröffnete ihren Eltern eine ganz neue Sicht auf die Welt. Foto: einzigNaht (2020)

In jedem Kleidungsstück stecken also nicht nur viele Emotionen, sondern auch eine Menge Vorbereitung und Arbeit. Wie wirkt sich das auf die Preise aus? Können sich alle Familien Ihre Produkte leisten?

SB: Individuell gefertigte Einzelstücke sind natürlich teurer als Kleidung von der Stange. Es ist aber schwierig, diese Preise pauschal zu benennen, weil jedes Kind und jeder Auftrag anders sind. Im Schnitt kostet ein Set aus Hose, Body und Pullover etwa 180 Euro. Die Mehrkosten im Vergleich zu Standardkleidung relativieren sich aber schnell, weil unsere Stoffe sehr hochwertig und zugleich nachhaltig sind. Ich verarbeite ein pflegeleichtes Gemisch aus Wolle und Seide, das einfach ausgelüftet werden kann und an dem Flüssigkeiten fast vollständig abperlen. Die Stücke halten also lange, weil die Qualität sehr gut ist, und die Eltern müssen sie viel seltener waschen. Deshalb braucht ein Kind im Vergleich zu gewöhnlicher Kleidung nur etwa ein Drittel so viele Kleidungsstücke.

CB: Wir wissen, dass diese Kosten für viele Familien trotzdem kaum zu stemmen sind. Deshalb haben wir gerade den Verein „einzigArtige Inklusion“ gegründet, um ihnen durch Spenden dennoch individuelle Kleidung für ihre Kinder zu ermöglichen. Dieser Verein hat eine sehr schöne Entstehungsgeschichte: Wir wurden schon oft von Menschen angesprochen, die unser Projekt toll finden und als „Näh-Paten“ die Kosten für einzelne Kleidungsstücke übernommen haben. Über „einzigArtige Inklusion“ wird das sowohl für die Spenderinnen und Spender als auch für uns noch einfacher.
Diese Form der Unterstützung ist für uns allerdings nur ein erster Schritt. Als nächstes werden wir mit Gesetzlichen Krankenkassen sprechen, um mit unserer Kleidung in ihre Hilfsmittelkataloge aufgenommen zu werden. Wenn wir damit Erfolg haben, können Kinder mit Behinderung ihre Kleidung auf Rezept erhalten.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft von einzigNaht?

SB: Wir möchten noch in diesem Jahr einen Online-Shop aufbauen, in dem Eltern, Großeltern und Verwandte die benötigten Maße eingeben und Kleidungsstücke direkt bestellen können. Individuelle, persönliche Bestellungen nehmen wir natürlich auch weiterhin an. Außerdem möchten wir Musterstücke in Physiotherapie-Praxen oder Krankenhäusern auslegen, damit die Kundinnen und Kunden sich unsere Kleidung aus der Nähe anschauen und anfassen können. In einigen Krankenhäusern liegen bereits unsere Flyer, das wollen wir ausweiten.

CB: Langfristig möchten wir in Hamburg ein inklusives Näh-Atelier aufbauen, in dem wir Menschen mit Behinderung anstellen. Wir sind bereits mit mehreren Interessenten im Gespräch. Je nach ihren individuellen Fähigkeiten und Wünschen können sie demnächst Kleidungsstücke nähen, im Marketing oder Social-Media-Management mitarbeiten oder mit speziellen Grafikprogrammen Schnittmuster entwerfen. Ihre Berufserfahrungen oder Vorbildung sind dabei nicht so wichtig – für uns zählt, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinter unserem Konzept stehen.


Portrtätfoto von Sandra Brunner

Foto: einzignaht (2020)

Über unsere Interviewpartner

Sandra Brunner

Geburtsjahr: 1979
Wohn-/Arbeitsort: Hamburg
Beruf: gelernte Energie-Fachwirtin, Gründerin und Geschäftsführerin von einzigNaht
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Ist Mutter einer Tochter mit Behinderung. Aus dieser Herausforderung entstanden ganz neue Ideen und ein neues Projekt: einzigNaht. Ihr Motto: „Die Kleidung soll sich dem Kind anpassen, nicht umgekehrt.“

Porträtfoto von Christian Brunner

Foto: einzignaht (2020)

Dr. Christian Boris Brunner

Geburtsjahr: 1977
Wohn-/Arbeitsort: Hamburg
Beruf: Markenberater, Speaker sowie Gründer und Gesellschafter von einzigNaht
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Seine zweite Tochter Laura, die das Williams-Beuren-Syndrom hat, eröffnete ihm eine ganz neue Sicht auf die Welt. Sein Motto: „Ich bin Papa einer Tochter mit Behinderung – und das mit voller Leidenschaft.“




„Jeder Olympia-Stützpunkt sollte zugleich auch paralympisch sein“

Frau Knoblauch, Sie und Ihr Team steckten gerade mitten im Training für die Para-Weltmeisterschaften in Tokio, als die Corona-Pandemie alles durcheinanderbrachte. Wie hat sich dadurch Ihr Alltag verändert?

Die größte Veränderung ist, dass ich viel weniger trainiere als vorher. Normalerweise mache ich pro Woche sechs Stunden Krafttraining, 13 Stunden Badminton auf dem Feld und drei Stunden Ausdauer-Training. Hinzu kommen noch Physiotherapie, Ernährungsberatung und Termine bei Sportpsychologen. Anfang März war das schlagartig vorbei. Zwei Tage vor dem Abflug zum letzten Qualifikationsturnier in Spanien kam die Absage – rückblickend war das gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf wurde Spanien zum Risikogebiet erklärt. Es ist also sehr gut, dass das Turnier verschoben wurde, auch wenn das für uns alle großes Chaos bedeutet. So ist es ja auch in vielen anderen Bereichen, die ich übrigens viel wichtiger finde als den Sport.

Das Training einfach abzubrechen ist für Leistungssportlerinnen und -sportler mitten in der Qualifikation wahrscheinlich keine gute Idee. Wie halten Sie und Ihr Team sich zu Hause fit?

Wir wissen leider noch nicht, wann wir wieder in die Hallen und die Krafträume können, und versuchen deshalb, in der Zwischenzeit irgendwie anders am Ball zu bleiben. Wir trainieren mit dem Team täglich eine Stunde über Skype, also per Videokonferenz. Für das Cardio-Training sind wir jeweils alleine mehrmals pro Woche mit dem Handbike draußen unterwegs – aber das war es auch schon. Eigentlich reicht das nicht.

Bis wann gelten die Trainingsverbote in Deutschland?

Vorerst sind bis zum 31. Mai alle Trainingslehrgänge und Turniere ausgesetzt. Durch die Absage des letzten Turniers ist auch noch nicht klar, wer sich für die Paralympics qualifiziert hat. Normalerweise hätten wir das im April erfahren. Die Organisatoren können derzeit auch noch nicht sagen, ob die Qualifikation vorzeitig abgeschlossen ist, ob sie verlängert wird oder ob es eine ganz neue geben wird. Keiner weiß, wie es weitergeht.

Womit beschäftigen Sie sich in der Zwischenzeit? 

Soweit das unter den aktuellen Umständen möglich ist, wende ich mich jetzt wieder mehr meinem Psychologie-Studium zu, das durch das viele Training in letzter Zeit zu kurz gekommen ist. Allerdings geht das Semester ja auch erst Anfang April wieder los – und die Uni Köln hat, wie alle Hochschulen, derzeit noch Probleme damit, von heute auf morgen flächendeckende Video-Seminare anzubieten. Schauen wir mal, was die nächsten Wochen bringen werden.

Valeska Knoblauch spielt in schwarzem Trikot Para-Badminton in einer Sporthalle. Sie ist von der Seite bei der Ballannahme zu sehen, im Hintergrund unscharf ein Balljunge am Spielfeldrand.
Foto: Mark Phelan/Badminton Europe

Mal ganz abseits der Corona-Pandemie und ihren Folgen: Wie inkludiert fühlen Sie sich als Rollstuhlfahrerin in Ihrem Studium und in der Berufswelt?

Im Studium habe ich meine Behinderung noch nie als Barriere empfunden. Auch in den Praktika, die ich während des Studiums absolvieren musste, habe ich durchweg nur positive Erfahrungen gemacht. Vielleicht lag das aber auch daran, dass ich dort immer in Krankenhäusern gearbeitet habe. Wie es in Arztpraxen oder in Unternehmen mit der Inklusion aussieht, kann ich nicht beurteilen.

Im Sport können Sie das sicher sehr gut einschätzen. Wie steht es aus Ihrer Sicht dort um die Inklusion?

Dazu möchte ich ein schönes Beispiel aus dem letzten Jahr nennen. Im August 2019 wurden die Parabadminton- und die Badminton-WM erstmals gleichzeitig und in einem Gebäude-Komplex ausgetragen. Das war für uns Para-Sportlerinnen und -Sportler ganz neu, weil plötzlich eine größere Aufmerksamkeit für uns da war. Es waren viel mehr Zuschauer auf den Rängen – und dadurch kam so richtig Stimmung auf. Wir haben außerdem viel Anerkennung der nicht-behinderten Athleten erfahren und die deutschen Teams haben sich untereinander sehr unterstützt. Das war ein tolles Gefühl. Ich fände es deshalb super, wenn das ab sofort immer so wäre, also wenn sich das Konzept etablieren würde, die Wettkämpfe grundsätzlich gleichzeitig auszutragen.

Warum, glauben Sie, ist das im Moment noch nicht so?

An den sportlichen Leistungen, der Stimmung und dem Unterhaltungsfaktor kann es nicht liegen, das bieten beide Wettkämpfe. Ich weiß aber, dass Events in dieser Größe mit großen logistischen und organisatorischen Herausforderungen verbunden sind. Die Wettkampfstätten müssen ja auch die Bedürfnisse aller Teilnehmenden erfüllen. Diese hohen Anforderungen sprechen derzeit wahrscheinlich gegen eine regelmäßige gleichzeitige Austragung der Meisterschaften.
Wenn die mediale Aufmerksamkeit jeweils gleich groß wäre, fände ich es in Ordnung, wenn sie weiterhin nacheinander stattfinden – aber das ist eben oft nicht der Fall. Dabei trainieren und kämpfen wir Para-Athletinnen und -Athleten ja im Vorfeld mindestens genauso hart für die Teilnahme am Wettkampf wie die Olympioniken und hätten die Aufmerksamkeit ebenso verdient.

Sport-Steckbrief Valeska Knoblauch

Sportart: Para-Badminton
Verein: Union Lüdinghausen
Erfolge: Para-Badminton-Weltmeisterschaften 2017: 5. Platz im Einzel | Para-Badminton-Weltmeisterschaften 2019: 3. Platz im Mixed Doppel und 5. Platz im Einzel | Para-Badminton-Europameisterschaften 2018: 1. Platz im Einzel und 3. Platz im Doppel | Deutsche Para-Badminton-Meisterschaften 2016 und 2019: jeweils drei Mal Gold

Wie beurteilen Sie die Inklusion im Sport insgesamt?

Das ist ein ziemlich weites Feld mit sehr vielen Disziplinen, dazu kann ich also kein allgemeingültiges Urteil abgeben. Ich glaube aber, dass das stark von den einzelnen Sportarten abhängt. Auch die Aufgeschlossenheit der Menschen spielt eine große Rolle – die der Sportlerinnen und Sportler mit und ohne Behinderung, aber auch derer, die rundherum mitwirken oder organisieren. Meine Erfahrung ist, dass sich immer etwas Neues, Gutes entwickelt, von dem alle profitieren können, wenn die Türen für Inklusion erst einmal geöffnet sind und dadurch auch die Berührungsängste abnehmen.

Können Sie Beispiele nennen?

Die schon genannte Para-Badminton-WM im August 2019 etwa, bei der man sehen konnte, dass das Interesse auf beiden „Seiten“ offenbar groß ist. Oder die Trainings mit unserem Bundestrainer an der Sporthochschule: Die „Fußgänger“, also die Studentinnen und Studenten ohne Gehbehinderung sehen mich dort häufig. Die finden das sehr spannend, weil meine s­­portliche Disziplin ganz auf den Rollstuhl ausgelegt ist. Ich mache auch anderes Krafttraining und das Para-Badminton selbst folgt etwas anderen Regeln. Es hat eine andere Dynamik.

Welche strukturellen Veränderungen wünschen Sie sich, damit sich noch mehr Menschen für die Paralympics begeistern?

Ich fände es zum Beispiel sehr gut, wenn jeder Olympia-Stützpunkt zugleich immer auch ein Paralympics-Stützpunkt wäre. Das wäre ein wichtiger erster Schritt, um einen regen Austausch zwischen den Trainingslagern zu etablieren, denn so könnten sich die Athletinnen und Athleten gemeinsam beziehungsweise nebeneinander auf die Wettkämpfe vorbereiten. Sie wären gleichwertig und würden untereinander mehr über die Sportart, das Training und die Erfolge des jeweils anderen Teams erfahren. Das könnte viel zur Inklusion beitragen – nicht nur im Sport.

Was wünschen Sie sich für Ihre berufliche Zukunft?

Als allererstes hoffe ich auf eine erfolgreiche Teilnahme bei den nächsten Paralympics und in diesem Zusammenhang auf baldige Klarheit für uns alle, wann sie stattfinden werden. Danach möchte ich allmählich wieder in mein Studium zurück finden.
Auf lange Sicht würde ich sehr gern weiterhin den Sport und den Beruf miteinander verbinden. Ich weiß von anderen Sportlern, dass das häufig sehr schwierig ist. Einige andere haben den Sport zugunsten des Berufs sogar ganz aufgegeben. Das fände ziemlich frustrierend und hoffe sehr, dass mir das nicht passiert. Bei manchen funktioniert es aber auch gut, vor allem bei Athletinnen und Athleten aus anderen Nationen, die ich bei Wettkämpfen kennengelernt habe. Das macht mir Mut.


Porträtfoto von Valeska Knoblauch

Foto: Mark Phelan/Badminton Europe | Bearbeitung: LWL

Über unsere Interviewparterin

Name: Valeska Knoblauch
Geburtsjahr: 1990
Wohn- und Arbeitsort: Köln
Beruf: Psychologie-Studentin und Para-Sportlerin
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: hat eine Querschnittslähmung und ist mit Rollstuhl unterwegs




Corona-Risikogruppen schützen: Rücksicht, bitte!

Noch immer haben offenbar nicht alle Menschen in der Bevölkerung verstanden, worum es bei den aktuellen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus in erster Linie geht: diejenigen zu schützen, für die eine Infektion besonders gefährlich werden könnte. Menschen aus Risikogruppen also – und die müssen nicht unbedingt über 75 Jahre alt sein, auch wenn in der Presse von ihnen am häufigsten die Rede ist. Auch für eine ganze Reihe jüngerer Menschen, die Vorerkrankungen oder bestimmte Behinderungen haben, kann die Infektion mit dem Corona-Virus lebensgefährlich sein. Sie sind deshalb besonders auf die Solidarität der übrigen Bevölkerung angewiesen.
Drei dieser jungen Menschen erzählen in einem Artikel auf jetzt.de, wie sie die Corona-Krise gerade erleben – und appellieren an all diejenigen, die sich immer noch zu wenig Gedanken machen. Diesen Aufruf möchten wir nachdrücklich unterstützen. Unser Fundstück der Woche!