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Corona-Risikogruppen schützen: Rücksicht, bitte!

Noch immer haben offenbar nicht alle Menschen in der Bevölkerung verstanden, worum es bei den aktuellen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus in erster Linie geht: diejenigen zu schützen, für die eine Infektion besonders gefährlich werden könnte. Menschen aus Risikogruppen also – und die müssen nicht unbedingt über 75 Jahre alt sein, auch wenn in der Presse von ihnen am häufigsten die Rede ist. Auch für eine ganze Reihe jüngerer Menschen, die Vorerkrankungen oder bestimmte Behinderungen haben, kann die Infektion mit dem Corona-Virus lebensgefährlich sein. Sie sind deshalb besonders auf die Solidarität der übrigen Bevölkerung angewiesen.
Drei dieser jungen Menschen erzählen in einem Artikel auf jetzt.de, wie sie die Corona-Krise gerade erleben – und appellieren an all diejenigen, die sich immer noch zu wenig Gedanken machen. Diesen Aufruf möchten wir nachdrücklich unterstützen. Unser Fundstück der Woche!




Nachlese zum Weltfrauentag: Berühmte und engagierte Frauen mit Behinderung

„Die Neue Norm“ ist ein Projekt des Vereins Sozialhelden. Das Redaktionsteam schreibt in dem Online-Magazin über gesellschaftspolitische Fragen und führt Interviews mit Menschen mit Behinderung. Einmal im Monat erscheint ein Podcast, den die Journalistinnen und Journalisten Judyta Smykowski, Jonas Karpa und Raul Krauthausen zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk produzieren.

Zum Internationalen Frauentag stellten die Redakteurinnen und Redakteure des Magazins in Kurzporträts zehn berühmte sowie weniger bekannte Frauen mit Behinderung vor zum Beispiel engagierte Aktivistinnen und Juristinnen, Schauspielerinnen und Journalistinnen. Zu jeder von ihnen haben die Autorinnen und Autoren in den Kurzporträts interessante Artikel, Webseiten oder Youtube-Videos verlinkt.

Hier haben wir euch den Beitrag des Online-Magazins verlinkt, durch den ihr ein paar tolle Eindrücke spannender Persönlichkeiten bekommt. Unser Fundstück der Woche!




Mit Unterstützung zurück in den Beruf: Jobcoaching hautnah

Wenn ein Mensch eine schwere Behinderung hat oder im Laufe seiner Karriere erkrankt, können am Arbeitsplatz manchmal Schwierigkeiten entstehen. So genannte Jobcoaches helfen dabei, solche Probleme aufzulösen oder unterstützen Menschen nach längerer Krankheit beim Wiedereinstieg in den Job. Diese geschulten „Arbeitstrainer“ besuchen die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum am Arbeitsplatz, unterstützen sie oder ihn gemeinsam mit der Arbeitgeberin/dem Arbeitgeber oder helfen dabei, eine schwierige Situation wieder zu verbessern. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) bietet diese Form der Eins-zu-Eins-Betreuung schon seit rund 30 Jahren an.

Marie-Theres Hübner ist eine solche Arbeitstrainerin. Sie arbeitet als ausgebildete Ergotherapeutin in diesem Job und unterstützt seit Mai 2019 Menschen mit schweren Erkrankungen und Behinderungen an ihrem Arbeitsplatz – zum Beispiel auch den Krankenpfleger Marc Prosser. Der folgende Film erzählt die Geschichte des 46-Jährigen, der nach einer psychischen Erkrankung mit der Unterstützung der Jobcoachin wieder in seinen Beruf eingestiegen ist:

Ihr könnt euch den Film übrigens auch im Videoportal des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe herunterladen mit Untertiteln oder ohne.

Wenn ihr noch mehr übers Jobcoaching wissen wollt, könnt ihr hier unseren Blogbeitrag zum Thema lesen.




Inklusion gesellschaftlich vorantreiben

Ein Blick, ein Nicken, eine Geste mit dem Arm: Das Team von GrünBau-inklusiv versteht sich auch ohne Worte. 14 der insgesamt 32 Mitarbeiter des Inklusionsunternehmens haben eine Behinderung, die meisten von ihnen eine Hörbehinderung. Deshalb haben sich unter den Kollegen schnell allgemeinverständliche Gesten eingebürgert, erzählt Geschäftsführer Michael Stober: „Den Versuch, mit Zetteln zu arbeiten, haben wir schnell wieder aufgegeben.“

Gerade arbeitet ein Trupp an der Waldecker Straße in Dortmund an verschiedenen Aufgaben gleichzeitig. Zwei Mitarbeiter fahren auf Geländemähern die Rasenflächen ab, zwei weitere sind mit Freischneidern auf dem Gelände unterwegs. Oliver Bergstermann, der schon seit dem Start 2013 bei GrünBau-inklusiv arbeitet, organisiert und verteilt die Aufgaben. Er hat die Erfahrung gemacht, dass eine funktionierende Kommunikation nicht vom Gehör abhängt, sondern davon, dass seine Mitarbeiter aufeinander eingehen und sich Mühe geben: „Es klappt immer gut, solange beide Seiten auch ein Interesse haben, verstanden zu werden. Und das ist eigentlich immer der Fall.“ Der Teamleiter zeigt auf sich und einen Kollegen und deutet mit einer schnellen Armbewegung an, dass sie als nächstes die Wiese hinter der Häuserzeile angehen werden.

Inklusion vorleben

Wie an jedem zweiten Freitag werden sich Oliver Bergstermann und sein Team später in der Zentrale der GrünBau-inklusiv gGmbH zum Freitalk treffen. Regelmäßig kommt dann auch ein Gebärdensprachdolmetscher dazu, um zu übersetzen und ausführlichere Gespräche zwischen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit und ohne Hörbehinderung zu ermöglichen. Geschäftsführer Michael Stober sind diese Treffen sehr wichtig. Dass die Zusammenarbeit im Team so gut funktioniert und sich alle gut verstehen, sei schließlich kein Zufall, sondern das Ergebnis solcher Maßnahmen – und ein wichtiges Signal für die Gesellschaft.

Zum guten Arbeitsklima tragen auch regelmäßige Kollegen-Seminare bei: Mehrere Mitarbeiter mit und ohne Behinderung verbringen gemeinsam jeweils ein Wochenende, um sich gegenseitig besser kennenzulernen. Zusätzlich bietet das Unternehmen Gesundheitswochen an und organisiert alle drei bis vier Monate ein Treffen mit dem Integrationsfachdienst, der Menschen mit Behinderungen und Inklusionsbetriebe unterstützt und berät.

Das Team kommuniziert vor allem über Gesten. Das bietet sich wegen der Ohrenschützer ohnehin an, die die Mitarbeiter gegen den Lärm tragen müssen. Foto: Paul Metzdorf/LWL

Gleiche Chancen für alle

Gleiche Chancen und Gleichberechtigung heißt bei GrünBau-inklusiv auch, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Möglichkeit haben sollen, sich fachlich weiterzubilden. Was einfach klingt, ist in der Praxis manchmal eine große Herausforderung.
Ein Beispiel: Das Inklusionsunternehmen aus Dortmund war der erste Betrieb in Deutschland, der für Menschen mit Hörbehinderung, die sich mit Gebärdensprache verständigen, eine Ausbildung zur Baumaschinenführung angeboten hat. Der bürokratische Aufwand war enorm, den Michael Stober und die anderen Verantwortlichen im Betrieb für dieses Spezialangebot betreiben mussten. Doch der Erfolg spornte sie an. Sie richteten für ihre Mitarbeiter mit Hörbehinderung auch noch die Möglichkeit ein, einen Kettensägenschein zu machen. Zur Zeit bereiten sie in Kooperation mit der Berufsgenossenschaft weitere Lehrgänge vor.

Auf dem richtigen Weg

Von diesem Engagement profitieren langfristig nicht nur die Angestellten, sondern auch das Unternehmen selbst. Die Konkurrenz ist groß und der Fachkräftemangel trifft den Garten- und Landschaftsbau ebenso sehr wie andere Branchen. Die besonderen Weiterbildungsangebote sind für die GrünBau-inklusiv gGmbH ein wichtiger Baustein, um sich als attraktiver Arbeitsgeber zu positionieren.

Diese Strategie geht auf. Das Unternehmen ist in seiner gut sechsjährigen Geschichte gewachsen, aus 28 wurden 32 Angestellte, der Umsatz hat sich fast verdoppelt. Der größte Kunde sind die Dortmunder Stadtwerke, die zur Dortmunder Energie- und Wasserversorgung GmbH gehören. Außerdem hat GrünBau-inklusiv mit dem Schwerpunkt auf gärtnerischer Grünpflege für Wohnbaugesellschaften eine ganz eigene Nische besetzt und sich inzwischen am Markt etabliert.

Michael Stober und seine Kollegen ruhen sich auf diesem Erfolg aber nicht aus. In Zukunft möchten sie das Unternehmen noch bekannter machen und weitere Kunden gewinnen.


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




„Das Beste, was wir bisher hier hatten”

Eng aneinandergereiht liegen die Bratwürste auf dem Blech, in einem großen Topf auf dem Herd dampft rote Soße. Fruchtig und frisch schmeckt sie, das Rezept wird nicht verraten. Es ist Freitag, in der Herforder Kreishauskantine heißt das: Currywurst-Tag. Und zwar auf ausdrückliche Bitte des Hausherrn, Landrat Jürgen Müller, der sich den Klassiker regelmäßig schmecken lässt.

Seit September 2016 bewirtschaftet der Lippische Kombi-Service, kurz LKS, die Kantine in dem Verwaltungsbau aus den 1990er-Jahren. „Der Kreis wollte ein soziales Unternehmen in seiner Kantine haben. Wir wurden angefragt, haben uns an der Ausschreibung beteiligt und gewonnen“, blickt LKS-Geschäftsführerin Monika Zimmermann zurück. Montags bis freitags versorgt das Inklusionsunternehmen mit Sitz in Detmold nicht nur die Bediensteten des Kreises mit belegten Brötchen, Mittagessen, Heiß- und Kaltgetränken sowie allerlei Snacks: „Zurzeit geben wir gut 100 Essen pro Tag in der Kantine aus und liefern weitere 100 bis 150 Essen an vier Kindergärten in der Umgebung“, sagt Monika Zimmermann.

Das Allround-Talent

Elwira Leesemann bringt einen Frühstückskorb zur Theke. Ihre Spezialitätenbrötchen sind kleine Kunstwerke, fantasievoll belegt mit Bratenröllchen und Salatkreationen. Die Mitarbeiterin hat eine Behinderung und wechselte aus der Hotel-Gastronomie, wo sie ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hat, zum LKS. „Ich bin hier das Allround-Talent“, sagt sie. Thekenbereich, Küche und Spülküche – die 49-Jährige hilft dort, wo Hilfe gebraucht wird.

„Frau Leesemann können wir überall einsetzen“, sagt ihr Chef Manuel Nocken. Der 30-Jährige ist ausgebildeter Koch und leitet die Küche der Kreishauskantine. Er ist verantwortlich für Aufgabenverteilung und eine gute Zusammenarbeit im Team. Fast alle der insgesamt zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben eine Behinderung, eine psychische Erkrankung oder eine Suchterkrankung. Deshalb muss sich Monika Zimmermann nicht nur fachlich, sondern auch menschlich immer auf ihren Küchenchef verlassen können: „Herr Nocken ist einfühlsam und hat viel Empathie. Wenn es mal Probleme gibt, erkennt er sie und versucht, sie direkt zu lösen“, sagt die LKS-Geschäftsführerin.

Jürgen Müller ist in Anzug und Schlips gekleidet; er nimmt an der Essenstheke der Kantine gerade einen Teller mit Currywurst von einem Küchenmitarbeiter entgegen und lächelt dabei in die Kamera.
Landrat Jürgen Müller freut sich, dass jeden Freitag der Duft von Currywurst durch die Räume der Kreishauskantine zieht. Foto: LWL/Kopfkunst

Erfolgreicher Betrieb seit 1987

Ein gutes Betriebsklima ist für Monika Zimmermann von existenzieller Bedeutung. Sie steht in engem Kontakt mit den Beschäftigten, führt Gespräche, wenn nötig. „Die Arbeit in der Gastronomie ist hart, aber bei uns wird das sozial abgefedert. Das ist ja auch unser Auftrag“, sagt sie.

Der LKS ist seit Jahrzehnten in der Region verwurzelt. 1986 etablierten die Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in Lippe den gemeinnützigen Verein APK. Um der Isolation psychisch Kranker entgegenzuwirken und eine Integration in die Arbeitswelt zu ermöglichen, gründete der APK 1987 einen vereinseigenen Betrieb, den Lippischen Kombi-Service. Der Name ist Programm: Neben Cafeterien und Catering bietet der LKS auch den Service der Datenarchivierung für Unternehmen aus der Region an, außerdem betreibt das Unternehmen eine Heißmangel und ein Buchantiquariat.

Mund-zu-Mund-Propaganda als Erfolgsrezept

Zurzeit ist der Betrieb an mehr als 35 Standorten in der Region Lippe vertreten – von Bad Pyrmont bis Bad Salzuflen, von Detmold bis Herford. Gut die Hälfte der insgesamt 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat eine Behinderung. Monika Zimmermann ist außerdem besonders stolz darauf, dass der LKS 70 Auszubildende beschäftigt: „Das ist Spitze in Westfalen-Lippe.“

In Herford betreibt die Organisation die Kreishauskantine und ist auch mit der Mensa der Gesamtschule Friedenstal überaus erfolgreich. Das zahlt sich aus: „Wir werden oft von Schulleiter zu Schulleiter weiterempfohlen, da funktioniert die Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt Monika Zimmermann.

Beste Qualität

Landrat Jürgen Müller isst regelmäßig in der Kreishauskantine, ebenso viele seiner Beschäftigten. „Wir wollten etwas für Menschen mit Behinderungen tun und deshalb einen Inklusionsbetrieb in unserer Kantine haben“, sagt Müller. Das LKS-Engagement sei für beide Seiten eine Win-Win-Situation. „Von der Qualität ist es außerdem das Beste, was wir bisher hatten. Das Gulasch ist toll, die Currywurst sowieso. Und auch die Spargel-Thementage sind super“, schwärmt der Landrat.

Die Lebensmittel sucht Manuel Nocken persönlich aus. Obst und Gemüse kauft er meist bei regionalen Erzeugern ein, Tiefkühlware und Süßigkeiten werden geliefert. Jeden Mittwoch schreibt Nocken in seinem Büro den Speiseplan für die nächste Woche. Ausgewogen soll er sein – und auch auf Kundenwünsche geht der Küchenchef ein.

Begeisterung bei den Kunden

Ein Mitarbeiter steht in Arbeitskleidung in der Großküche; man sieht ihn von der Seite. Er schiebt gerade Edelstahl-Behälter nebeneinander, in denen geröstete Brotscheiben liegen.

Etwa 200–250 Essen werden täglich von zehn Mitarbeitern in der Kantinen-Küche zubereitet. Fast alle haben eine Behinderung – zum Beispiel auch Benedikt Minnig. Foto: LWL/Kopfkunst

Richtig durchgestartet ist das LKS-Kantinenteam bei der 200-Jahr-Feier des Kreises im Oktober 2016. „Da haben wir gezeigt, was wir können“, sagt Nocken. Das aufwändige Fingerfood-Buffet löste Begeisterung aus, „das war unser Durchbruch.“ Gut lief es für Nockens Küchencrew auch beim Sommerfest 2017. „Wir haben einen Streetfood-Wagen betrieben und 600 Personen versorgt. Spätestens seit diesem Zeitpunkt lieben uns die Kreis-Bediensteten.“ Regelmäßig bewirtet der LKS auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Tagungen, Veranstaltungen und Partei-Treffen.

Inklusion? Selbstverständlich.

Zum Erfolg der Kreishauskantine trägt auch bei, dass sich die Beschäftigten in der Küche auch mal ausprobieren dürfen. Küchenchef Manuel Nocken ist immer offen für neue Ideen. Nur der Schnitzel-Tag am Mittwoch und der Currywurst-Freitag sind gesetzt. Die Kernarbeitszeit für die LKS-Kantinenmannschaft ist von 7 bis 15:30 Uhr, es sind aber auch flexible Zeiten möglich. Der Verdienst orientiert sich an den Tarifen der Gastronomie.

Landrat Jürgen Müller ist sicher, mit dem Lippischen Kombi-Service die richtige Wahl getroffen zu haben: „Hier sind Menschen mit Behinderungen ganz selbstverständlich Teil der Kreisverwaltung geworden.“


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




Selbstbestimmt leben mit persönlicher Assistenz

Duschen, anziehen, die Haare zurechtmachen: All das kann Andrea Sahlmen wegen einer angeborenen Muskelerkrankung nicht allein tun. Rund um die Uhr sind deshalb persönliche Assistenten für sie da, die sie pflegen, für sie kochen und in ihrer Freizeit Ausflüge mit ihr unternehmen. Seit sie bei der Bielefelder Tageszeitung „Neue Westfälische“ arbeitet, begleiten und unterstützen die Assistenten sie auch in der Redaktion.

Für die Neue Westfälische hat die Journalistin schon 2017 in diesem sehr zeitlosen Artikel aufgeschrieben, was es bedeutet, als junger Mensch gepflegt zu werden, und wie sie ihr Leben mit der Assistenz selbstbestimmt gestaltet.

Unser Fundstück der Woche!




„Wir sind alle ein Team!“

Tobias Rottmann schnappt sich seine Motorsäge. Er braucht sie an diesem nasskalten Vormittag in der abschüssigen Grünanlage eines großen Münsteraner Speditionsunternehmens. Um ihn herum sprießen üppige Feuerdornbüsche, manche Bäume sind bereits zugewuchert. „Feuerdorn wächst schnell, man muss ihn regelmäßig verjüngen und auf den Stock setzen“, sagt Rottmann. Dann wirft er die Motorsäge an und schneidet die Pflanzen bis auf den Stamm zurück. Der 36-Jährige rückt dem Feuerdorn aber nicht allein zu Leibe. Thomas Kramer und Frank Blümer sägen mit, Frederik Mauel schiebt die dornigen Äste in den Häcksler. Die Motorsägen und der Häcksler, der das Häckselholz zurück in die Büsche ausspuckt, dröhnen um die Wette. Mit sogenannten Earbags an ihren Helmen schützen sich die Männer gegen den Krach.

Tobias Rottmann ist der Vorarbeiter. In seinem Gartenbau-Trupp arbeiten Menschen mit Behinderungen, angestellt sind sie bei der Gemeinnützigen Umweltwerkstatt GmbH, kurz GUW. Der Garten- und Landschaftsbaubetrieb aus Münster kümmert sich um die Pflege öffentlicher und privater Garten- und Außenanlagen. Das Inklusionsunternehmen hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich seine Marktanteile ausgebaut.

Über Bedenken hinweg

Diese Erfolgsgeschichte hängt ganz maßgeblich mit einem Mann zusammen: Thomas Pahls. 2015 verkaufte er sein florierendes Gartenbau-Unternehmen und übernahm die bis dato zur Caritas Münster gehörende GUW. Er übernahm auch die sechs GUW-Mitarbeiter, nutzte seine vielen beruflichen Kontakte, krempelte die Ärmel hoch und setzte sich über viele Bedenken in seinem Umfeld hinweg. „Weißt du, was du da tust?“, fragte ihn seine Frau anfangs.

Er wusste es. Und vor allem: Er wollte etwas vollkommen Neues, etwas Mutiges machen. Pahls sprach mit der Handwerkskammer Münster, mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und mit vielen anderen: „Ich musste erst einmal lernen, was ein Inklusionsunternehmen überhaupt ist.“ Er investierte außerdem in einen modernen Maschinenpark und schaffte Bagger, Radlader, Häcksler an. „Das ist die Grundvoraussetzung, um überhaupt entsprechende Aufträge zu bekommen“, erklärt er.

Frühere Verbindungen

Und die Aufträge kamen tatsächlich. „Da haben mir meine früheren Verbindungen sicherlich geholfen“, sagt Thomas Pahls. In den ersten zwei Jahren verdreifachte er den Personalbestand. Heute arbeiten 35 Menschen bei der GUW, 45 Prozent davon sind Menschen mit Behinderungen.
Alle sind stolz darauf, dass die Kunden des Betriebs so gut wie immer sehr zufrieden sind und es kaum Reklamationen gibt. Was Thomas Pahls besonders freut: „Unsere Leute werden kaum noch krank, der Krankenstand ist extrem gesunken.“ Für ihn ein Beweis dafür, dass das Betriebsklima gut ist.

Dazu tragen auch eingespielte Arbeitsabläufe bei. Es gibt ein Vorladeteam, das ab 6:30 Uhr alle elf Fahrzeuge nebst Anhänger belädt, es folgt eine Morgenbesprechung mit klaren Ansagen und transparenten Teamstrukturen. „Wir haben die Teams so aufgestellt, dass sie menschlich gut zusammenpassen“, erklärt Pahls. Das Ergebnis: Die Mannschaften sind gut eingespielt, alle Arbeitsabläufe klappen reibungslos.

Rüschoff steigt ein

2018 holte Pahls Christian Rüschoff als neuen Co-Geschäftsführer zur GUW. Rüschoff führte bis dato einen gut gehenden Gartenbaubetrieb mit sechs Mitarbeitern, den er sich über elf Jahre hinweg aufgebaut hatte. Pahls warb beharrlich um ihn und bot ihm den Geschäftsführer-Posten bei der expandierenden GUW an. Rüschoff sagte schließlich zu und stieg bei der GUW ein. „Ich habe es nicht bereut“, sagt er rückblickend. Klar, zunächst musste er ein Gespür dafür entwickeln, wie er die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung optimal ins Team integrieren konnte, „aber da bin ich schnell reingewachsen. Es macht Spaß, mit diesem Team zu arbeiten.“ Auch GUW-Chef Thomas Pahls ist überzeugt von seinem neuen Partner: „Christian wird die Zukunft der GUW gut gestalten!“

Das wird unter anderem mit Menschen wie Tobias Rottmann möglich, der sich vom Praktikanten zum Vorarbeiter hochgearbeitet hat. Vor gut drei Jahren kam er zur GUW. Wegen einer Luftröhrenverengung bekam er immer schlechter Luft, konnte in seinem vorherigen Beruf als Schweißer nicht weiterarbeiten und wurde arbeitslos. Er hat heute einen anerkannten Grad der Behinderung von 50. Weil er als Praktikant von Anfang an engagiert mit anpackte, bot GUW-Chef Thomas Pahls ihm eine feste Stelle an. „Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, das hat mir sicher geholfen“, sagt Rottmann. Schnell machte er sich unentbehrlich. „Vor drei Jahren kam Thomas Pahls zu mir und meinte, ich hätte Führungsqualitäten. Er fragte mich, ob ich nicht Vorarbeiter werden wollte“, erinnert sich Rottmann. Seitdem führt er ein vierköpfiges Team, „und das ganz souverän“, wie Thomas Pahls findet. Tobias Rottmann selbst ist froh, bei der GUW angefangen zu haben: „Vom Praktikanten zum Vorarbeiter – das ist doch toll!“  

Auf Augenhöhe

Dass Mitarbeiter wie Tobias Rottmann bei der GUW ihre Chancen so gut entfalten können, liegt auch am Führungsstil von Thomas Pahls und Christian Rüschoff. „Wir sind alle ein Team und begegnen unseren Leuten auf Augenhöhe“, sagt Pahls. Morgens begrüßt er jeden einzelnen Mitarbeiter per Handschlag. Und: „Hier duzt jeder jeden.“ Die beiden Chefs packen selbst mit an, und wenn etwas nicht klappt, wird das sofort besprochen. Denn die Motivation der Mitarbeiter ist für Pahls und Rüschoff das A und O eines erfolgreichen Unternehmens.

Zurück in der Grünanlage des Speditionsunternehmens: Vom Feuerdorn-Wildwuchs sind nur noch Häckselspäne übriggeblieben. Tobias Rottmann blickt zufrieden auf den Rückschnitt. Morgen wird er mit seinem Team zur nächsten Baustelle fahren. Er freut sich schon darauf.


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




Wie eine große Familie

Es duftet nach Tomatensauce und gebratenem Hackfleisch. In der Auslage der knallig-roten Theke dampfen gefüllte Paprika. Die Kantine der Integrationsküche Nordkirchen rüstet sich für den großen Ansturm. Jetzt, um kurz nach halb zwölf, ist es noch ruhig, aber das wird sich in der nächsten Stunde ändern.
Torsten Wißmann und einige seiner Kollegen nutzen die Zeit und essen das, was sie in den Stunden zuvor selbst gekocht haben. Der 38-Jährige, der aus der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) des Caritasverbandes in Nordkirchen zur Integrationsküche wechselte, gehört zu den Mitarbeitern mit Behinderung und arbeitet seit Mai 2016 auf einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz.

Sie mögen ihn hier sehr, er gilt als ruhig, zuverlässig und eigentlich immer gut gelaunt. Wenn Torsten Wißmann morgens um 7:30 Uhr seinen Dienst antritt, weiß er genau, was zu tun ist. Lebensmittel heranschaffen, Gemüse oder Fleisch anbraten, in großen Töpfen umrühren, später auch spülen oder mit einem der Elektro-Fahrzeuge Essen auf dem weitläufigen Gelände der Vestischen Caritas-Kliniken, zu der die Integrationsküche gehört, ausfahren. Bis 14:30 Uhr dauert Wißmanns Arbeitstag, dann hat er Feierabend. Für ihn ist die Arbeit aber keine Last, ganz im Gegenteil: „Ich koche sehr gerne, deswegen finde ich meinen Job auch so gut.“ Die Kolleginnen und Kollegen sind für ihn, so sagt er, „wie eine große Familie.“

Niemand wird überfordert

So etwas hört Thomas Pliquett gerne. Er ist Kaufmännischer Direktor der zum Gesamtkomplex gehörenden Trägerschaft Vestische Caritas Kliniken Kinderheilstätte und Geschäftsführer der Integrationsküche Nordkirchen. „Wir schauen genau hin, wie belastbar der einzelne Mitarbeiter ist“, sagt Pliquett. Niemand soll überfordert werden.

Seit Anfang 2016 gibt es die Integrationsküche Nordkirchen. „Früher hatten die Einrichtungen ihre eigenen kleinen Küchen, das war alles nicht mehr kostendeckend. Man braucht heute gut 1.500 Essen täglich, um wirtschaftlich zu sein. Wir hatten hier in Nordkirchen nur 500“, so Pliquett. Man habe vor der Entscheidung gestanden: „Bauen wir eine neue Großküche, die leistungsfähiger ist als die bisherigen zusammen, oder lassen wir es?“

Auf Expansionskurs

Die neue Küche wurde gebaut, auch weil sich neben der Muttergesellschaft Institutionen wie das NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, das LWL-Inklusionsamt Arbeit, die Stiftung Wohlfahrtspflege NRW und die Aktion Mensch finanziell engagierten. Während der Planungsphase wurde Thomas Pliquett durch die Betriebswirtschaftliche Beratungsstelle für Inklusionsbetriebe bei der Handwerkskammer Münster unterstützt. Pliquett und seine Kollegen schauten sich andere Großküchen an, recherchierten die technischen Notwendigkeiten, kalkulierten das Investitionsvolumen – und machten sich dann an die Kundenakquise. Klar war, dass die neue Integrationsküche die Kinderheilstätte versorgen sollte, aber auch weitere Einrichtungen in Nordkirchen wie die Gesamtschule, Kindergärten oder die Werkstatt des Caritasverbandes für den Kreis Coesfeld in Nordkirchen.

Der Start 2016 mit 850 Essen war gut, aber noch ausbaufähig. 2019 kamen weitere Werkstätten aus dem Caritas-Verbund in Lüdinghausen und Lünen sowie die Vestische Kinder- und Jugendklinik in Datteln, die zum Trägerverbund gehört, hinzu. „Heute sind wir bei 1.600 Essen täglich“, sagt Thomas Pliquett. „Das ist dann auch die Grenze für einen Ein-Schicht-Betrieb.“ Schließlich müssten sich alle Mitarbeiter zurechtfinden. Auch deren Zahl ist gestiegen. Waren es vor kurzem noch 25, werden es bald 33 sein, 16 davon sind Menschen mit Behinderungen. In der Integrationsküche arbeiten Menschen mit geistiger, psychischer und körperlicher Behinderung Seite an Seite mit Menschen ohne Handicap. „Wir schauen vor allem auf die individuelle Qualifikation“, deshalb sind die jeweiligen Teams auch sehr gemischt.

Betriebswirtschaftlich organisiert

Natürlich steht die Integrationsküche Nordkirchen in einem harten Wettbewerb. Sie ist streng betriebswirtschaftlich organisiert; vom Betriebsleiter über den Küchenchef, die Köche und Wirtschafterinnen bis zu den Küchenhilfen und Fahrern. Sogar eine Diätassistentin wird beschäftigt. Und selbstverständlich bietet die moderne Großküche auch regionale, vegetarische und vegane Essensalternativen an.

Mit drei Transportern liefern Torsten Wißmanns Kollegen täglich die Mahlzeiten aus, jedes Auto beladen sie mit 350 Essen, gut verpackt in Thermoporten. „Der Preis bei uns ist etwas höher als bei den Branchenriesen, ­aber dafür ist das Essen auch regionaler“, sagt Thomas Pliquett. Und sehr geschmackvoll. „Wir wollen zufriedene Kunden haben, gute Qualität ist da entscheidend. Ein Mittagessen für zwei Euro können wir deshalb nicht bieten“, so Pliquett.

Menschliches Maß

Auch einer Expansion um jeden Preis erteilt der Kaufmännische Direktor eine Absage. „Wir wollen in unserem Kerngebiet bleiben. Ein 25-Kilometer-Radius ist in Ordnung, mehr aber nicht“, sagt Pliquett. Und fügt hinzu: „Wir sind und bleiben die regionale Großküche für Nordkirchen und Umgebung.“ Überhaupt hat in der Integrationsküche alles ein menschliches Maß. Eine Pädagogin steht den Beschäftigten mit Behinderungen bei Bedarf als Ansprechpartnerin zur Verfügung, Probleme werden möglichst sofort geklärt. Auch der Krankenstand der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderungen ist nicht höher als bei der übrigen Belegschaft.

Torsten Wißmann ist ebenfalls nur sehr selten krank. Es gefällt ihm in Nordkirchen. Woanders zu arbeiten, kann er sich nicht vorstellen. Nur sein Lieblingsessen vermisst er manchmal, denn das gibt es in der Integrationsküche nicht so häufig: „Sauerbraten mit Königsberger Klopsen.“


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




Zweites Leben für Laptop und Co.

Jutta Dieckmann sitzt an ihrem Schreibtisch in der geräumigen Aufbereitungshalle der AfB an der Otto-Stadler-Straße in Paderborn. Mit einem Heißluftfön löst sie Etiketten und Aufkleber von Netzteilen und Adaptern. „Ich sortiere die Netzteile nach Hersteller und Amperezahl“, erklärt sie. Neben ihrem Tisch stehen mehrere Kisten. Sind sie voll, werden sie ins Lager gebracht oder an eine andere AfB-Filiale verschickt.

Perfekt getaktetes System

Jutta Dieckmann und ihre Kollegen arbeiten nach einem bis ins Detail organisierten und perfekt getakteten System von Abholung, Datenvernichtung, Aufbereitung, Wiedervermarktung und Entsorgung von IT- und Mobilgeräten. Die AfB gilt als Europas erstes und größtes gemeinnütziges IT-Unternehmen – und befindet sich weiter auf strammem Wachstumskurs. Der Betrieb ist darauf spezialisiert, ausgemusterte IT-Geräte von Unternehmen, Versicherungen, Banken und öffentlichen Einrichtungen zu übernehmen und dabei so viele Geräte wie möglich wieder zu vermarkten. 

Der vom LWL geförderte Inklusionsbetrieb bearbeitet jährlich mehr als 360.000 Geräte, die er von mehr als 700 Unternehmen zur Verfügung gestellt bekommt. Menschen mit Behinderung wie Jutta Dieckmann stellen fast die Hälfte der gut 380 Beschäftigten, am Standort Paderborn sind es 16 von 33 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Einige Mitarbeiterinnen und ein junger Praktikant posieren in einer Reihe in der Halle der AfB für die Kamera. Links im Bild ist die Mitarbeiterin Jutta Dieckmann zu sehen.
Fast die Hälfte der Beschäftigten der AfB haben eine Behinderung. Eine von ihnen ist Jutta Dieckmann (links), hier mit einigen Kolleginnen und einem Praktikanten in der Halle der AfB. Foto: LWL/Paul Metzdorf

Nachhaltiges Geschäftsmodell

Der Markt für diesen Wiederverwendungskreislauf ist größer, als man meint. „Wir arbeiten mit Konzernen wie Thyssen-Krupp, RWE oder Siemens zusammen, aber auch mit regionalen Firmen, Behörden und Institutionen“, sagt Monika Braun. Die AfB-Prokuristin spricht dabei stets von „Partnern“. Und denen kann die AfB durchaus etwas bieten.

„Sämtliche Datenträger werden im Rahmen eines zertifizierten Prozesses nach höchsten Sicherheitsstandards gelöscht oder geschreddert. Die Geräte werden per IT-Sicherheitstransport durch unser eigenes Personal mit unserem eigenen Fuhrpark abgeholt und zur nächstgelegenen AfB-Niederlassung transportiert“, erläutert Monika Braun. Neben der Datenvernichtung werden die Geräte erfasst, getestet, gereinigt, mit neuer Software bespielt und anschließend verkauft – mit bis zu drei Jahren Gewährleistung. Nicht mehr vermarktbare Hardware wird unter höchsten ökologischen Standards zerlegt und recycelt. Der ursprüngliche Eigentümer der Geräte erhält alle relevanten Nachweise zur Datenvernichtung.

Fujitsu-Aus als Chance

Der Leiter der Paderborner AfB-Niederlassung, Dietmar Mormann, hat alle Arbeitsschritte im Blick. Er kam 2018 vom japanischen Technologiekonzern Fujitsu, als der sein Werk in Paderborn dicht machte. „Ich hatte schon vorher AfB-Gründer Paul Cvilak kennengelernt“, sagt Mormann. „Damals haben wir noch über eine mögliche Kooperation von Fujitsu und AfB gesprochen.“ Dann kam die Schließung des Fujitsu-Standorts. Mormann begriff das als Chance, die AfB nach Paderborn zu holen. „Wir haben dann eine Ausschreibung von Fujitsu gewonnen, eine weitere von Diebold Nixdorf, und dann ging alles ganz schnell“, sagt Mormann.

Man fand mit einer 3.200 Quadratmeter großen Halle eines ehemaligen Schulbuch-Verlags eine optimale Immobilie. Der neue Niederlassungsleiter brachte gleich noch eine ganze Reihe ehemaliger Fujitsu-Kollegen mit. „Wir haben 2018 mit zwölf Leuten hier angefangen“, erzählt Mormann. Um dann personell rasch aufzustocken. „Paderborn mit seinen IT-Unternehmen hat einfach das Potenzial.“

Echter Wettbewerbsvorteil

Eine Zusammenarbeit mit der AfB ist nicht nur gut für das soziale und ökologische Gewissen, sie kann ein echter Wettbewerbsvorteil sein. „Das durch eine Partnerschaft mit der AfB gezeigte gesellschaftliche Engagement kann am Point-of-Sale unserer Partner kommuniziert und somit als Vertriebsvorteil genutzt werden“, heißt es auf einem Imageflyer des Unternehmens. Der Zusatz „social & green IT“ im Firmentitel weist darauf hin. Sozial ist die inklusive Ausrichtung der AfB, grün sind etwa Einsparungen von CO2, Rohstoffen und Energie durch die Wiederverwertung der IT-Geräte.

Die AfB-Beschäftigten in Paderborn haben zum Teil seelische, körperliche, Seh- oder Hörbehinderungen. Einer von ihnen ist Martin Gasse, der die Verteilung der Hardware am Wareneingang organisiert. Dort werden die firmeneigenen Transporter entladen. „Ich sortiere und erfasse die hereinkommenden Geräte“, sagt er.

Blick in die große Lagerhalle der AfB in Paderborn.
Die 3.200 Quadratmeter große Halle der AfB in Paderborn, das eines der ersten und zugleich größten gemeinnützigen IT-Unternehmen Europas ist. Foto: LWL/Paul Metzdorf

Hauseigenes Warenwirtschaftssystem

Bernd Schmelter kümmert sich um die Detailerfassung im hauseigenen Warenwirtschaftssystem. Und er schaut, ob die Datenlöschung tatsächlich vollständig erfolgt ist: „Ich bin so etwas wie die letzte Instanz.“ Thomas Müller wiederum löscht Server. Gut und gerne 20 pro Tag. Dann sortiert er sie und macht die Enderfassung für den Verkauf. Für ihn ein Traumjob: „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, woanders zu arbeiten.“

Die aufbereiteten Server, PCs, Notebooks, Bildschirme, Drucker und Handys werden teilweise im Shop zum Verkauf angeboten. Zum Beispiel von Andy Swanston. Zu seinen Kunden zählen Privatpersonen, vor allem auch ältere Menschen, ebenso wie Steuerberater oder Zahnarztpraxen. Was sie alle am AfB-Shop schätzen, ist die ausführliche und persönliche Beratung. „Und sollte ein Käufer mit seinem Gerät daheim nicht klarkommen, dann fahren wir vorbei und helfen ihm“, sagt Niederlassungsleiter Dietmar Mormann.

Das AfB-Konzept baut auf flache Hierarchien. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter duzen sich, vom Firmengründer bis zum Praktikanten. Es gibt eine Niederlassungsleitung, eine Technische Leitung und die Teams – mehr nicht. Im Sommer wird oft gemeinsam gegrillt, der Zusammenhalt ist groß. Mehrmals im Jahr schaut auch AfB-Gründer Paul Cvilak in Paderborn vorbei. Er kennt fast alle Beschäftigten persönlich und nimmt sich Zeit für Gespräche. Seine Vision von 2004 ist längst Wirklichkeit geworden. In Paderborn und anderswo an einem der mittlerweile 18 Standorte in fünf europäischen Ländern.


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




„Blind ist nur eine von vielen Eigenschaften“

Lydia Zoubek ist unentschlossen: U-Bahn oder S-Bahn? Sie überlegt einen Moment. Während sie so dasteht und abwägt, packt sie plötzlich jemand am Arm. Sie ist erschrocken: Wer ist das und was will diese Person von mir? Sie befreit sich aus dem Griff und sagt, dass sie das nicht möchte. Die alte Dame, die ihr „nur helfen“ wollte, wie sich später herausstellt, hatte es offenbar gut gemeint – doch sie konnte gar nicht wissen, ob die Lydia Zoubek überhaupt Hilfe wollte. Sie hatte auch nicht gefragt, ob es in Ordnung ist, wenn sie sie anfasst.

Die Szene stammt aus einem Artikel im Blog lydiaswelt.com, auf dem die blinde Autorin solche und andere Situationen beschreibt. Als Antwort auf eine Frage, die die Bloggerin von sehenden Menschen regelmäßig hört, hat sie schon im Jahr 2017 einen zeitlosen Beitrag geschrieben: „Wie kann man blinden Menschen helfen?“

Der Artikel ist keine Gebrauchsanweisung, sondern beschreibt Beispiele aus Lydia Zoubeks Alltag. Dazu formuliert die Bloggerin noch ein paar Ratschläge, an denen sich sehende Menschen im Zweifel orientieren können.

„Blinde Menschen haben dieselben Eigenschaften wie nicht blinde Menschen. Das gilt nicht nur für Aussehen und innere Werte, sondern auch für die Selbständigkeit. Es gibt sie in absolut unbeholfen bis zum Superheld.“
Lydia Zoubek

Am wichtigsten ist für Lydia Zoubek ein respektvoller Umgang miteinander. Denn wer Blinde als grundsätzlich hilfsbedürftige Menschen wahrnimmt, ist auf dem Holzweg.
Die Bloggerin wünscht sich, dass andere je nach Situation einfach Unterstützung anbieten und abwarten, ob sie diese Hilfe annehmen möchte oder nicht – zum Beispiel in unübersichtlichen Momenten im Straßenverkehr. Manchmal entsteht daraus ein nettes Gespräch, manchmal nicht. Das sehende Gegenüber darf sich also auch einfach wieder verabschieden. Ganz so, wie es mit fremden Menschen ohne Sehbehinderung auch ist, wenn eine Situation wieder vorbei ist.