Inklusion vor und hinter der Kamera

Welche Filme haben die „compagnons“ schon gedreht und an welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit?

Elisabeth Dinh (ED): Wir entwickeln und drehen Dokumentarfilme, die meist einen Bezug zur Stadt Bremen haben. Wir haben auch schon zwei Spielfilme umgesetzt, die beide im Kino gezeigt wurden. Unser Spielfilm „Apostel & Partner“ lief anschließend im Fernsehen. Im Moment bemühen wir uns um einen Sendeplatz für unseren zweiten Film „Mae goes away“, in dem die Hauptfigur Mae ihren Mann verlässt, in ein neues Leben aufbricht und neue Freunde findet. Der Film ist also Beziehungsdrama und Roadmovie zugleich. Seit einigen Wochen arbeiten wir an unserem dritten Spielfilm mit dem Arbeitstitel „2035 Abgestürzt“, in dem es um den Klimawandel gehen wird.

Wie stellen Sie die Teams zusammen, mit denen Sie an diesen Filmprojekten arbeiten?

Jürgen Köster (JK): Je nach Projekt unterstützen uns eine externe Dramaturgin, professionelle Kameraleute oder auch neue Schauspielerinnen und Schauspieler. Meistens gefällt es einigen der „Neuen“ so gut bei uns, dass sie gerne weitermachen möchten. Das freut uns sehr, denn so ist aus anfangs fünf festen Mitgliedern inzwischen ein richtig großes Team von 20 Menschen mit und ohne Behinderungen und psychischen Erkrankungen geworden.

Sie sind ein inklusives Filmunternehmen. Was bedeutet das genau und warum ist das etwas Besonderes?

ED: Die meisten inklusiven Filmprojekte oder -teams sind nur vor der Kamera inklusiv. Das heißt, es werden zwar eine oder mehrere Rollen mit Schauspielerinnen und Schauspielern mit Behinderung besetzt – die Drehbuchautoren, Regisseurinnen und anderen Menschen hinter der Kamera haben aber meist keine Behinderung. Das ist bei uns anders. Jede und jeder kann die Aufgaben übernehmen, die sie oder er interessant findet und gut kann. Uns ist es wichtig, auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten, alle Teammitglieder mit ihren Stärken zu sehen und niemanden zu über- oder zu unterfordern. Natürlich nehmen wir zugleich auch Rücksicht auf Erkrankungen. Dadurch entsteht eine tolle Arbeitsatmosphäre mit weniger Druck als in vielen anderen Teams. Das schätzen auch externe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ohne Behinderung sehr.

Wie und wann ist das Unternehmen entstanden?

JK: Wir haben vor zehn Jahren angefangen, die Idee ist aber viel älter und hat sich über eine lange Zeit immer weiter entwickelt. Ich selbst bin gelernter Sozialpädagoge, habe mich aber während meines Studiums auch im Bereich Fotografie, Kameratechnik und Dramaturgie fortgebildet. Ende der 1980er-Jahre habe ich in Bremen zusammen mit ehemaligen Patientinnen und Patienten einer psychiatrischen Klinik eine Medien-AG gegründet. Später habe ich auch in anderen Projekten gemeinsam mit psychisch erkrankten Menschen Filme gemacht. Dabei fiel mir immer mehr auf, dass Menschen mit Behinderung und Erkrankungen kaum in den Medien auftauchen – und wenn, dann stehen ihre Schwächen im Fokus. Deshalb haben wir die „compagnons“ gegründet.

Wie finanzieren Sie Ihre Filme?

JK: Manche Projekte sind Auftragsarbeiten, für die wir Honorare bekommen. Der Verein Martinsclub Bremen zum Beispiel ist einer dieser Auftraggeber. Die Organisation unterstützt Menschen mit Behinderung im Alltag und setzt sich für Inklusion ein. Für sie haben wir den Dokumentarfilm „Endlich zu Hause“ gedreht und dafür ein Jahr lang Menschen begleitet, die aus einem Wohnheim in ambulant betreute Wohnungen umgezogen sind. Das war ein sehr schönes Projekt. Den Menschen war anzusehen, wie sehr sie sich auf das neue Leben freuten.

Was ist mit Projekten, die keine Auftragsarbeiten sind?

JK: Wenn wir eigene Ideen ohne externe Kunden umsetzen möchten, etwa unsere Spielfilme, beantragen wir dafür Fördergelder. Damit können wir aber nur die Produktion finanzieren. Das heißt, wir können nur die Honorare für die Kameraleute oder die Schauspieltrainerinnen zahlen, die unsere Darstellerinnen und Darsteller bei den Proben unterstützen. Alle anderen Kosten werden dadurch nicht gedeckt. Beispielsweise können wir aus den kleinen Budgets bei solchen Projekten keine Gagen für die Schauspielerinnen und Schauspieler zahlen. Und für die Koordination bekommen wir aus dem Organisationteam nur eine Aufwandsentschädigung, deshalb haben die meisten von uns noch einen anderen Beruf, in dem sie Geld verdienen. Das alles möchten wir ändern, hatten mit unseren Anträgen bei größeren Filmförderern bisher aber noch keinen Erfolg.

Woran liegt es, dass Sie bei größeren Förderanträgen bisher durchs Raster gefallen sind?

JK: Die Unternehmen und Stiftungen, die solche Filmförderungen anbieten, möchten meist Projekte unterstützen, die schon sicher einen Sendeplatz im Fernsehen haben. Wir können aber nicht garantieren, dass ein Sender unsere Filme ins Programm aufnimmt, auch wenn wir es natürlich immer wieder versuchen. Wir sind aber im Vergleich auch ein noch junges Unternehmen am Markt. Und wir verfolgen noch dazu einen Ansatz, der für unsere Branche bis heute noch sehr ungewöhnlich ist. Deshalb sind wir einfach weiterhin geduldig und bohren dicke Bretter – und setzen darauf, dass wir durch die Qualität unserer Arbeit bald stärker wahrgenommen werden. —

Porträtfoto Elisabeth Dinh

Foto: Tobias Woldeck

Über unsere Interviewpartner

Elisabeth Dinh

Geburtsjahr: 1981
Wohn-/Arbeitsort: Bremen
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: findet es gut, dass bei den „compagnons“ Behinderungen oder Erkrankungen nicht im Vordergrund stehen.

Porträtfoto von Jürgen Köster

Foto: Laura Müller-Hennig/compagnons

Jürgen Köster

Geburtsjahr: 1955
Wohn-/Arbeitsort: Bremen/Les Vans (Frankreich)
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: hat in Einrichtungen für psychisch erkrankte Menschen und Menschen mit Behinderung gearbeitet und dabei oft erlebt, wie diese diskriminiert wurden. Deshalb möchte er sich mit seiner Arbeit und den inklusiven Projekten der „compagnons“ dafür einsetzen, dass alle Menschen ihre Fähigkeiten und Interessen einbringen und entfalten können.




Auf die Größe kommt’s nicht an

Herr Brownbill, wie haben Sie Ihren Karriereeinstieg in der Film- und Fernsehbranche erlebt?

Das war ein Abenteuer. Als behinderter Mensch war es sehr schwer, eine Ausbildung zu machen. Ich bin so in meinen ersten Berufsjahren als Verwaltungsfachangestellter im Öffentlichen Dienst gelandet. Obwohl ich das nicht als meine „Berufung“ empfunden habe, war ich froh, dass ich nicht auf Sozialleistungen angewiesen war oder in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten musste.
Als ich 40 Jahre alt war, wollte ich es noch mal wissen und habe mir die schönste Spielwiese der Welt dafür ausgesucht: Die Schauspielerei. Dabei habe ich mein Handicap bewusst als Alleinstellungsmerkmal eingesetzt (lacht). Es war eine ganz neue Erfahrung für mich, auf einmal eine gefragte Persönlichkeit zu sein, anstatt immer nur Absagen zu bekommen. Die Schauspielerei ist aber auch kein einfacher Beruf. Ich musste vor allem als Quereinsteiger hart arbeiten, um relativ schnell erfolgreich zu sein.

Wie waren die üblichen ersten Reaktionen?

Skepsis und Bewunderung, aber auch Verachtung, zum Beispiel von Behindertenverbänden. Die negativen Reaktionen hatten wohl auch damit zu tun, dass das Wort „Schauspieler“ von „Zurschaustellen“ kommt. Wenn man an die Freak-Shows aus der Vergangenheit denkt, in denen kleinwüchsige Menschen tatsächlich wie wundersame Wesen ausgestellt wurden, ist das ein schmaler Grat, auf dem ich mich bewege.

Im Vergleich zu nicht-kleinwüchsigen Menschen: Mussten Sie mehr tun, um als Schauspieler wahr- und ernstgenommen zu werden?

Ich bin nicht sicher, ob ich tatsächlich mehr leisten musste. Eher denke ich, dass es um die Qualität eines Darstellers geht. Der US-amerikanische Film- und Theaterschauspieler Peter Dinklage zum Beispiel, der aus „Game of Thrones“ bekannt ist, hat das Handwerk von der Pike auf gelernt. Ich nicht. Anders als er musste ich also auch deshalb erst einmal viele klischeebehaftete und stereotype Rollen annehmen. Die Prioritäten lagen bei mir notgedrungen anders: Ich musste meinen Lebensunterhalt verdienen und mit meinen ersten Rollen zugleich innerhalb kürzester Zeit das Handwerk erlernen. Da konnte ich keine tollen Angebote erwarten. Das alles kann aber schnell dazu führen, dass man in eine Schublade gesteckt wird.

Hat sich das in den vergangenen Jahren verändert? 

Es tut sich gerade etwas, aber der Weg ist noch lang. Wenn ich mir heute zum Beispiel Werbespots anschaue, fällt mir schon auf, dass viele unterschiedliche Schauspielerinnen und Schauspieler darin auftauchen. Kleine und große Menschen mit verschiedenen Behinderungen und verschiedener Herkunft, Homosexuelle, Transsexuelle. Da ist mehr Diversität spürbar und sichtbar als früher.

Merken Sie das auch an den Aufträgen für die Schauspielerinnen und Schauspieler, die Sie vermitteln?

Ja, auch da ist eine Veränderung zu merken. Mit unserer Künstleragentur haben wir kürzlich einen kleinwüchsigen Schauspieler für eine „normale“ Rolle vermittelt. Er sollte in der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ mitspielen. Aus dem Drehbuch ging ursprünglich aber nicht hervor, dass die Rolle mit einem Kleinwüchsigen besetzt werden sollte. Ich nehme daher an, dass das Casting-Team angewiesen war, mehr „Diversity“ in die Serie zu bringen, ohne dafür die Rollen umzuschreiben. Das finde ich sehr spannend, denn das zeigt, dass Kleinwüchsige nicht mehr nur nur als potentielle Besetzung für einen Zwerg gesehen werden. Obwohl ich auch diese Rollen sehr mag. Aber: Solange wir nicht auch Kripo-Kommissarinnen oder -Kommissare sein dürfen, werden wir – wie im Münster-Tatort – weiterhin „nur“ Zwerge sein.

Gibt es Unterschiede zwischen der deutschen Kreativbranche und der restlichen Welt bei der Inklusion von Menschen mit Behinderungen? 

Ich bin da nicht so gut informiert, habe persönlich aber den Eindruck, dass andere Länder wie die USA oder England offener für solche Sachen sind. Hierzulande wirkt es oft gezwungen, es wird häufig gefragt: „Darf der das?“ Einarmige Tagesschau-Sprecherinnen oder -sprecher scheinen irgendwie noch ziemlich weit weg zu sein.

Wie entstand die Idee, eine Agentur zu gründen?

Ich konnte irgendwann nicht mehr alle Anfragen für Rollen selbst abdecken. Meine Frau und ich beschlossen also, diese an andere Schauspielerinnen und Schauspieler weiterzuleiten. Mit der Agentur kann ich nun meine Erfahrungen weitergeben, was mir viel Freude macht. Und die Kosten für die Homepage und andere Ausgaben werden unter mehreren Leuten aufgeteilt. Es profitieren also alle Seiten.

Was haben Sie erreicht und worauf sind Sie besonders stolz? 

Ich habe mir viele Träume erfüllt. Ich stand auf tollen Bühnen, habe in schönen Filmen mitgewirkt und großartige Menschen kennengelernt. Und obwohl ich ein Spätzünder und Quereinsteiger bin, gehöre ich mit inzwischen über 100 Produktionen zu den meistgebuchten kleinwüchsigen Schauspielern in Deutschland. Meine ehemaligen Vorbilder habe ich damit sogar überholt. Und ich bin glücklich, dass ich auf der „Zielgeraden“ des Lebens trotz des Risikos noch einmal meine Komfortzone verlassen habe.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit Kleinwüchsige, Menschen mit Down-Syndrom oder Menschen mit anderen Behinderungen in der Film- und Fernsehwelt einfach als gewöhnliche Schauspielerinnen und Schauspieler wahrgenommen werden?

Das wichtigste sind die Qualifikationen, dass also die Grundlagen des Schauspiels, das nötige Know-how und das handwerkliche Können vorhanden sind. Wir sprechen hier über einen schwierigen Beruf, für den im Normalfall mit gutem Grund eine Ausbildung erforderlich ist. Ich bin zwar auch durch die Hintertür eingestiegen, aber das war sehr schwierig. Nur, weil man sich auf Youtube angeschaut hat, wie man Fliesen verlegt, ist man ja auch noch lange kein Fliesenleger. Ich kenne allerdings kaum kleinwüchsige Schauspieler, die eine richtige Schauspielausbildung vorweisen können. Beim Down-Syndrom und anderen Behinderungen ist es nicht viel anders.
Unsere Agentur betreut mittlerweile zwei ausgebildete kleinwüchsige Schauspieler und zwei weitere, die sich im Moment in der Ausbildung befinden. Das macht uns sehr stolz. Früher mag es für eine Produktion ausgereicht haben, für die Rolle des „Lustigen August“ oder des „Zirkus-Liliputaners“ mit etwas Selbstvertrauen über die Bühne oder durch das Bild zu laufen. Bei manchen Filmen und Stücken reicht das vielleicht auch heute noch. Aber um als Profi wahr- und ernstgenommen zu werden, ist das ganz sicher zu wenig.

Sie haben Humor und provozieren gern. Das haben Sie zuletzt mit der „Minibar“ gezeigt, die Sie auf Festivals zusammen mit zwei kleinwüchsigen Kollegen betrieben und dort „Kurze“ ausgeschenkt haben. Ist das nur Spaß oder verfolgen Sie mit solchen Aktionen ein Ziel?

Humor und Selbstironie sind eine unglaublich starke Waffe, um auf Probleme aufmerksam zu machen. Ich habe deshalb ein eigenes Stand-up-Comedy-Programm namens „Zwergenaufstand“ auf die Beine gestellt. Mit einem Augenzwinkern möchte ich den Menschen den Spiegel vor die Nase halten – aber eben nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Die „Minibar“ ist so ähnlich: Sie wirkt lustig, ist aber kein Spaß. Sie ist eine Art Installation. Mit diesem Konzept leben wir die Inklusion.

Wie meinen Sie das?

Warum müssen Tresen, Barhocker oder Stehtische so hoch sein, dass Kinder, Rollstuhlfahrer oder eben auch kleinwüchsige Menschen sie nicht nutzen können? Mit der Minibar drehen wir dieses Konzept von Normalität um und verdeutlichen so, dass es auch andere Sichtweisen gibt. Mit 1,20 Meter Körpergröße fühlen wir uns an einem „normalen“ Stehtisch nämlich nicht nur nicht wohl, sondern können auch bestimmte Berufe nicht ausüben. Barkeeperin und Barkeeper zum Beispiel, Servicekraft oder Verkäuferin und Verkäufer an der Metzger- oder Bäckertheke. Und das im 21. Jahrhundert. Wir schießen Raketen zum Mond, sind aber zugleich so mit DIN-Normen überwuchert und dadurch so behindert, das eine klare Sichtweise verloren gegangen ist.

Und deshalb provozieren Sie?

Ja. Kleinwüchsige und Menschen mit anderen Behinderungen könnten sehr gut zum Beispiel auch Polizistinnen und Polizisten, Krankenpflegerinnen und -pfleger oder Feuerwehrleute sein. Aber so, wie es jetzt ist, findet das tägliche Leben in der Gesellschaft ohne uns statt. Diese Tatsache nur sachlich in Diskussionsrunden anzusprechen, bringt leider nicht viel. Es erzeugt in vielen Kreisen höchstens ein müdes Lächeln. Deshalb provoziere ich lieber, um Denkanstöße zu geben. Wir treten in der Minibar außerdem den Beweis an, dass viele verschiedene Menschen dort gemütlich sitzen und so „auf Augenhöhe“ sein können. Jeder kann uns besuchen und bei einem Kaffee oder Bier Vorurteile und Berührungsängste abbauen. Die Minibar ist aber nur ein kleiner erster Schritt für uns.

Was planen Sie noch?

Wir wollen eine Erlebnisausstellung eröffnen, die sich mit demselben Thema beschäftigt, und zwar ebenfalls in der Hamburger Hafencity. Das Ganze entsteht im Rahmen unseres gemeinnützigen Vereins „Groessenwahn e. V.“. Um der Idee die Krone aufzusetzen, haben wir auch noch einen Song im Stil von Rammstein aufgenommen. Der Refrain geht so: „Ob gross oder klein, nur wer liebt, ist wirklich reich. Ob schwarz oder weiss, rotes Blut fliesst in jedem gleich. Grössenwahn… Grössenwahn…“ —


Porträtfoto von Peter Brownbill

Foto: Robert Eikelpoth

Über unseren Interviewpartner

Name: Peter Brownbill
Geburtsjahr: 1968
Wohn-/Arbeitsort: Emden/Hamburg
Beruf: Schauspieler, Agenturchef und Aktivist
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: ist kleinwüchsig




Sport für alle: Interview mit der Sportlotsin Linda Bull

Frau Bull, was genau macht eine Sportlotsin?

Meine Aufgabe ist es, Vereine mit Sportlerinnen und Sportlern mit Behinderung zusammenzubringen. Ich weise ihnen sozusagen den Weg zueinander – daher auch die Bezeichnung „Sportlotsin“. Außerdem motiviere ich Menschen mit Behinderung, die noch unsicher sind, ob sie überhaupt Sport treiben können. Manche sehen nämlich nur die Profisportlerinnen und -sportler im Fernsehen und denken: ‚So schnell kann ich nicht laufen, das ist nichts für mich‘. Ich zeige ihnen, dass Sport auch ganz leicht sein und Spaß machen kann.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich verknüpfe Menschen mit Behinderung, die Sport machen möchten, oder ihre Betreuerinnen oder Betreuer mit einem passenden Verein. Sie rufen mich an und wir sprechen darüber, was sie sich wünschen – und ich überlege, was gut passen könnte. Häufig melden sich auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Stiftung, die für eine Wohngruppe ein Angebot suchen. Und wenn es im jeweiligen Stadtteil noch keine inklusive Sportgruppe gibt, versuche ich, gemeinsam mit einem Verein vor Ort etwas Neues auf die Beine zu stellen.
Manchmal besuche ich auch Menschen in ihren Wohngruppen, die geistige und schwere körperliche Behinderungen haben und deshalb nicht so einfach an einem externen Sportkurs teilnehmen können. Ich zeige ihnen und ihren Betreuerinnen und Betreuern einige Übungen und Spiele, die sie auch zu Hause in ihrem Wohnbereich machen können und für die sie nur ein paar Alltagsgegenstände brauchen. Manchmal reichen schon kleine Wattebäusche und Luftballons, die über den Tisch gepustet oder geworfen werden, oder eine Papierkugel, die über einen Stift gerollt wird. Oder wir spielen Kommando Pimperle. Jede Bewegung ist gut für den Körper und für das Selbstbewusstsein.

Was bieten Sie sonst noch an?

Es gibt bei uns zum Beispiel Freizeitsportgruppen für Einsteiger. Dort probieren wir jede Woche verschiedene Sportarten aus, spielen Fußball und Basketball und balancieren über Sportgeräte. Wenn sich dabei herausstellt, dass jemand besonders viel Spaß am Fußball oder an einer anderen Sportart hat, versuchen wir anschließend, eine passende Mannschaft zu finden. Wenn er oder sie viel Talent hat und es sich zutraut, kann das natürlich auch ein fortgeschrittenes Team sein.
Darüber hinaus unterstützen wir Menschen mit Behinderung auch dabei, Wege zu finden, wie Mitgliedsbeiträge für Vereine oder Sportgruppen finanziert werden können. Wenn sie etwa in einer Einrichtung leben und Sozialleistungen beziehen, sind 20 oder 30 Euro im Monat oft kaum zu stemmen. Viele haben aber zum Beispiel einen Anspruch auf Reha-Sport, über den sich die Kosten oft auffangen lassen. Außerdem fördert der Hamburger Sportbund inklusive Kurse. Darauf weisen wir Vereine hin, wenn sie neue Angebote für Menschen mit Behinderung schaffen.

Eine Gruppe Menschen mit verschiedenen Behinderungen beim Sport in einer Turnhalle.
Foto: Aktion Mensch/Dominik Buschardt

Entstehen aus Freizeitangeboten manchmal auch inklusive Mannschaften in den Vereinen?

Ja, das entwickelt sich durchaus so. Das ist aber nicht unser Hauptziel. Inklusion bedeutet für uns, dass wir es jeder und jedem ermöglichen, ganz zwanglos Sport zu treiben, ganz egal, ob das in einer festen Gruppe oder Mannschaft geschieht. Manchmal fühlt sich jemand mit Behinderung in einem Team sogar eher unsicher, in dem auch Menschen ohne Behinderung spielen. Dann ist es besser, wenn sie oder er erst einmal zusammen mit der Wohngruppe oder mit Freunden trainieren und dabei einfach Spaß haben kann.

An wen genau richtet sich Ihr Angebot?

Wir unterstützen grundsätzlich alle, die Sport treiben möchten und bei uns anfragen. Unsere Hauptzielgruppe sind im Alltag aber Erwachsene mit geistiger Behinderung, weil sie am häufigsten in den Arbeits- und Wohngruppen der Stiftung leben und arbeiten.

Worauf kommt es in Ihrem Beruf an?

Ich muss immer sehr lokal denken und planen. Je nach Behinderung können manche Menschen nicht so ohne Weiteres zum Training in einen anderen Stadtteil fahren. Damit ich sie gut beraten und etwas Passendes anbieten kann, ist Netzwerkarbeit also sehr wichtig. Viele Vereine kommen aber inzwischen schon von selbst auf mich zu und fragen, wie sie neue Angebote für Menschen mit Behinderung schaffen könnten. Das freut mich und mein Team natürlich sehr. Ich gebe dann Tipps und stelle den Kontakt zu unseren Einrichtungen her, die in der Nähe liegen und für die es vielleicht noch keine lokale Sportgruppe gibt.

Worauf müssen Vereine achten, die Sport für Menschen mit Behinderung anbieten möchten?

Die Trainerinnen und Trainer sollten gut mit Menschen umgehen können und einfühlsam sein. Eine pädagogische Ausbildung brauchen sie nicht. Kleine Gruppen mit bis zu zehn Leuten sind zu empfehlen, wobei die Gruppengröße natürlich auch vom jeweiligen Angebot abhängt. Wenn Menschen mit körperlichen Behinderungen in den Sportgruppen sind, müssen der Sportraum und die Umkleiden natürlich barrierefrei zugänglich sein. Zu all dem beraten wir die Vereine aber sehr gern.


Porträtfoto von Linda Bull

Foto: Ev. Stiftung Alsterdorf, Bereich „Sport und Inklusion”

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Linda Bull
Geburtsjahr: 1991
Wohnort/Arbeitsort: Hamburg
Beruf:
Sportlotsin
Persönlicher Bezug zum Thema Behinderung: möchte Menschen mit Behinderung den Spaß am Sport näherbringen.

Die Evangelische Stiftung Alsterdorf und das Projekt „Gemeinsam mehr bewegen“

Bisher waren die Kernbereiche der Hamburger Stiftung Arbeits- und Wohngruppen für Menschen mit Behinderung und Pflege-, und Assistenzangebote. Im Jahr 2014 kam „Sport und Inklusion“ hinzu. Das Team in diesem Bereich verwaltet und vermietet zum Beispiel die stiftungseigene Sporthalle und organisiert Sportveranstaltungen und -feste, bei denen Menschen mit Behinderung verschiedene Sportarten und Bewegungsspiele ausprobieren können. 2018 wurde zusätzlich der Inklusions-Sport-Verein (ISV) Alsterdorf gegründet, der inklusive Sportkurse für alle Menschen im Stadtteil und darüber hinaus anbietet. Dabei entstand die Idee, dass sich auch andere Vereine in Hamburg für Menschen mit Behinderung öffnen könnten.

Genau hier setzt das Projekt „Gemeinsam mehr bewegen“ an, das seit 2019 besteht und von der Aktion Mensch gefördert wird. Im ersten Jahr erreichte das Team mit diesem Vermittlungsangebot für Freizeitsportlerinnen und -sportler sowie Vereine schätzungsweise rund 200 bis 300 Menschen mit Behinderung.

Einige von ihnen arbeiten inzwischen als Trainerassistentinnen oder Veranstaltungshelfer aktiv in ihren Vereinen mit. Die Fortbildungen dafür organisiert der Bereich „Sport und Inklusion“ in seinem Projekt „BLICKWINKEL“ in Zusammenarbeit mit „Special Olympics Deutschland“. Unter anderem geht es dabei um das Organisieren der Sportgruppen, das Planen von Übungsstunden oder Grundkurse in Erster Hilfe, aber auch um Teilhabe und Mitbestimmung.




Virtuelle Einblicke in eine inklusive Arbeitswelt

Frau Mengewein, Frau Scholz, „WayIn“ ist im Jahr 2018 gestartet. Was war die Idee?

Kirsten Mengewein (KM): Es gibt zwar eine Informationsflut rund um das Thema Inklusion und Arbeit, aber im Verhältnis dazu haben noch gar nicht so viele Menschen mit Behinderung tatsächlich eine feste Stelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Dieses Missverhältnis wollen wir mit unserem Online-Inklusionswegweiser für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber teilweise auflösen, indem wir Ordnung und Klarheit in das Informationschaos bringen. Außerdem wollen wir helfen, die Chancen für Menschen mit Behinderungen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.

Cornelia Scholz (CS): Das Stichwort Arbeit 4.0 ist für uns ganz entscheidend. Dieser Begriff fasst eine Menge Veränderungen zusammen, die gerade für Menschen mit Behinderung ganz neue Möglichkeiten in der Arbeitswelt eröffnen können. Dazu gehören die Digitalisierung, neue Arbeitskonzepte wie „New Work“ oder die Erwartungshaltung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – egal, ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Das ganze Bild von Arbeit hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt.

Wo setzen Sie mit „WayIn“ an?

KM: Wir haben ein benutzerfreundliches Informationsportal zu diesem Thema aufgebaut. Außerdem wollen wir mit Workshops und Webinaren für unser Anliegen sensibilisieren, insbesondere die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie Ausbilderinnen und Ausbilder. Wir wollen so deren Bereitschaft erhöhen, Menschen mit Behinderungen einzustellen. Eines der Herzstücke unserer Onlineplattform sind deshalb die so genannten „Inclusion Journeys“ (übersetzt: Inklusionsreisen).

Was ist das genau?

CS: Wir lassen die Nutzerinnen und Nutzer mit interaktiven Videos zu Arbeitsplätzen von Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen reisen, die in verschiedenen Branchen arbeiten. Inklusion ist dort bereits gelebte Realität. So gewähren wir Einblicke in den Arbeitsalltag von Menschen mit Behinderungen. Die Nutzerinnen und Nutzer lernen außerdem Möglichkeiten kennen, die Zusammenarbeit optimal zu gestalten.

Über WayIn

„WayIn – der Inklusionswegweiser“ ist ein Gemeinschaftsprojekt: Die Weiterbildungseinrichtung „Arbeit und Leben – DGB/VHS, Berlin-Brandenburg“, der Bildungsträger „Kopf, Hand + Fuß“ und der Lehrstuhl „Didaktik der Informatik/Informatik und Gesellschaft“ an der Humboldt-Universität Berlin arbeiten dafür eng zusammen. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und vom Europäischen Sozialfonds finanziert. Ende 2020 läuft es nach fünf Jahren Laufzeit aus. Die Humboldt-Universität arbeitet aber daran, das Informationsangebot zu verstetigen.

Wie läuft so eine „Inclusion Journey“ ab?

KM: Zunächst treffen die potentiellen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber einen Menschen mit Behinderung an ihrem oder seinem Arbeitsplatz. Das geschieht zwar virtuell, wird durch verschiedene Elemente und Übungen aber zu einem interaktiven Erlebnis. Auf der Reise durchlaufen die Nutzerinnen und Nutzer verschiedene Stationen: Sie sehen und hören zum Beispiel Interviews mit Menschen mit Behinderung, danach folgen gespielte Szenen, um eine Situation zu verdeutlichen, später schließt sich eine Übung an. Wir ermöglichen unseren Nutzerinnen und Nutzern auf diese Weise, die Perspektive zu wechseln. Sie erfahren mehr über mögliche Hürden für Menschen mit Behinderung im Berufsalltag und spüren auch eigene Hemmschwellen. Sie lernen neue Wege kennen, diesen Barrieren und den eigenen Berührungsängsten mit Offenheit und Wertschätzung zu begegnen und Lösungen zu finden, anstatt bei den Problemen hängenzubleiben

Welche Lösungen können das sein?

CS: Digitale Medien eignen sich oft ganz hervorragend, um Barrieren abzubauen. Wir stellen in den Journeys deshalb digitale Tools oder andere Hilfsmittel vor, die dabei helfen können – zum Beispiel multimediale Assistenzsysteme. Diese sind in vielen Unternehmen noch nicht bekannt und werden daher selten angewendet.

Wie entstehen die Inhalte bei „WayIn“, insbesondere für die „Inclusion Journeys“?

KM: Alle Angebote von „WayIn“ werden in enger Zusammenarbeit mit Menschen entwickelt, die selbst eine Behinderung haben. Das reicht von der Beratung über Drehbücher und Ideen für die Übungen bis hin zur inhaltlichen Konzeption der Präsenzworkshops und der Webinare. Diese vertiefen die „Inclusion Journeys“. Auf unserer Website gibt es außerdem noch viele weitere Materialien, etwa Interviews oder weiterführende Links.

CS: Die Humboldt-Universität Berlin hat eine inklusive Lernplattform namens „LAYA“ entwickelt. Die Abkürzung steht für „Learn As You Are“ (übersetzt: „Lerne, wie du bist“). Getreu diesem Motto sind alle unsere „Inclusion Journeys“ entstanden und werden auf dieser Plattform auch angeboten – in verschiedenen Darstellungsformen und -niveaus, die bei Bedarf hinzugeschaltet werden können. Das Angebot ist für Menschen mit verschiedenen Behinderungen und Beeinträchtigungen barrierefrei: Die Inhalte sind für Screenreader geeignet, in Gebärdensprache übersetzt oder mit zuschaltbaren Untertiteln versehen.

Ihr Angebot ist schon jetzt vorwiegend digital. Hilft Ihnen das in Corona-Zeiten?

KM: Ja und nein. Einige unserer Angebote sind schon immer digital, bis zu den Kontaktbeschränkungen wegen Corona haben wir aber auch analoge Veranstaltungen organisiert, die gut besucht waren. Es ergaben sich dort viele Diskussionen und Gespräche, und so ein Austausch bringt alle Beteiligten immer sehr weiter. Unsere Webinare sind zwar sehr interaktiv angelegt, Gespräche sind also auch dort möglich – aber in einem sehr viel kleineren Rahmen. Nun sind wir gespannt, ob unsere große Abschlussveranstaltung am 5. Oktober 2020 stattfinden kann, denn unser Projekt läuft nach insgesamt drei Jahren am Ende dieses Jahres aus. Wir arbeiten zur Zeit schon daran, unser Angebot auch darüber hinaus zur Verfügung zu stellen.


Porträtfoto von Kirsten Mengewein

Foto: Kirsten Mengewein/privat

Über unsere Interviewpartnerinnen

Kirsten Mengewein

Geburtsjahr: 1981
Wohn-/Arbeitsort: Magdeburg und Berlin
Beruf: Projektmitarbeiterin bei WayIn
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Jeder Mensch ist etwas Besonders und ein Teil der Gesellschaft. Deshalb möchte ich etwas dazu beitragen, dass alle Menschen gleichberechtigt teilhaben und mitgestalten können. Das Projekt „WayIn“ ist für mich sehr spannend, weil wir damit auf (digitale) Ressourcen aufmerksam machen und Hemmschwellen im Berufsleben abbauen können.

Porträtfoto von Cornelia Scholz

Foto: Cornelia Scholz/privat

Cornelia Scholz

Geburtsjahr: 1978
Wohn-/Arbeitsort: Berlin
Beruf: Projektleiterin von WayIn
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Inklusion ist gerade auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ein wichtiges gesellschaftliches Thema. „WayIn“ setzt als inklusives Projekt in genau diesem Bereich an. Außerdem verknüpft es soziale Themen mit digitalen Elementen, was ich sehr reizvoll finde.




Vom privaten Nähprojekt zum inklusiven Modelabel

Sandra und Christian Brunner, was ist das Besondere an Ihrem Label „einzigNaht“?

Sandra Brunner (SB): Wir verkaufen handgemachte, maßgeschneiderte Kleidung für Kinder mit körperlichen Behinderungen oder chronischen Erkrankungen. Manche dieser Babys und Kinder können Bodys oder Pullis von der Stange nämlich nicht tragen, weil sie besondere Körpermaße haben, ein stabilisierendes Hilfsmittel wie eine Orthese brauchen oder über eine Magensonde ernährt werden. Für viele Eltern ist es eine sehr große zusätzliche Herausforderung, passende Kleidungsstücke für ihre Kinder zu finden. Das möchten wir ändern.

Christian Brunner (CB): Wir nähen deshalb Kleidung, die ganz individuell an die Bedürfnisse des einzelnen Kindes angepasst und dabei so gestaltet wird, dass Schläuche oder andere Hilfsmittel nicht zu sehen sind. Wir möchten die Funktion eines Kleidungsstücks nämlich auch immer mit einem schönen Design verbinden, denn auch für Kinder stiftet die Kleidung Identität. Die klassische Reha-Kleidung sieht oft sehr funktional und medizinisch aus. Das strahlt nicht sonderlich viel Lebensfreude aus. Für unsere einzigNaht-Kleidung haben wir daher ganz bewusst fröhliche und kindgerechte Stoffe ausgesucht.

Wie kam Ihnen die Idee zu Ihrem Start-up?

SB: Das Projekt ist eigentlich aus der Not heraus entstanden. Wir brauchten selbst individuelle Kleidung für unsere heute vierjährige Tochter Laura. Sie hat das seltene Williams-Beuren-Syndrom und ist dadurch so zierlich, dass wir nichts Passendes für sie finden konnten. Alles schlackerte an ihr herum und Laura hat sich sehr unwohl gefühlt. Vor gut drei Jahren habe ich mir eine Nähmaschine gekauft und angefangen, selbst Bodys, Hosen und Pullis für sie zu nähen. Die Stücke sprangen auch anderen Eltern ins Auge, wir wurden oft darauf angesprochen. Eine Mutter hat mich dann darum gebeten, Klamotten für ihre Tochter anzupassen, die eine Magensonde hat. So hat alles angefangen.

CB: Auch über Facebook haben wir viel Lob und Anfragen von Familien bekommen, die ähnliche Probleme hatten wie wir. Dadurch haben wir erst gemerkt, wie groß der Bedarf an individueller Kleidung für Kinder offenbar ist. Ich habe verschiedene Statistiken recherchiert: Schätzungen zufolge gibt es allein in Deutschland etwa 250.000 Kinder, die wegen einer Behinderung oder chronischen Erkrankung Maßanfertigungen brauchen – genau wie unsere Tochter. Also haben wir im Sommer 2018 einzigNaht gegründet.

Ist das Ihr erstes Unternehmen?

CB: Ja, deshalb hatten wir in einigen Punkten kaum Erfahrung mit der Gründung eines Startups. Wir haben uns Schritt für Schritt in viele Details eingearbeitet, gerade am Anfang war die Lernkurve sehr steil (lacht). Wir haben aber von Erfahrungen aus unseren früheren Manager-Jobs profitiert: Ich komme aus dem Marketing und Sandra hat in der Textilbranche gearbeitet.

SB: Sechs Monate nach der Gründung wurden unsere Mühen belohnt: Wir haben 2019 den Hamburger „Gründergeist“-Award gewonnen. Das hat unser Start-up sehr vorangebracht. Neben dem Preisgeld von 5.000 Euro haben wir vor allem von der Beratung profitiert, die wir bekommen haben. Mit unseren Coaches haben wir zum Beispiel besprochen, welche Rechtsform zu uns passt und wie wir das Unternehmen finanzieren können. Die Beraterinnen und Berater haben uns aber natürlich immer nur Empfehlungen gegeben. Danach mussten wir selbst mutig sein, Entscheidungen fällen und handeln. Das ist der Hauptunterschied zum Angestelltendasein.

„Es liegt uns am Herzen, die Funktion der Kleidungsstücke mit einem schönen Design zu verbinden. Auch für Kinder ist Kleidung ja nicht nur ein Gebrauchsgegenstand, sondern Ausdruck von Identität und Lebensfreude.“
Christian Brunner

Wie haben Sie den Start des Labels finanziert?

CB: Wir haben einen privaten Kredit im mittleren fünfstelligen Bereich aufgenommen sowie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, bei der 12.000 Euro zusammengekommen sind. Durch das Crowdfunding haben wir die ersten vier Kollektionen finanziert. Wir haben einige Grundmodelle entworfen, die später individuell für jedes Kind angepasst werden. Das Modegeschäft ist ja sehr schnelllebig und es gibt oft neue Designs, deshalb haben wir die Stoffe, die wir derzeit verarbeiten, gleich in größeren Mengen angeschafft.

SB: Das war eine große Investition, weil wir mit fair produzierten Bio-Stoffen arbeiten, die natürlich etwas teurer sind. Parallel haben wir einen größeren Betrag ins Marketing gesteckt und uns bei der grafischen Umsetzung – zum Beispiel unseres Logos und der Website – Unterstützung geholt. Außerdem haben wir 5.000 Euro in eine Software investiert, mit der ich Schnittmuster erstellen kann. Vorher habe ich sie mit Bleistift auf Papier entworfen. Am Computer geht das viel schneller.

Für so ein Schnittmuster brauchen Sie ja die genauen Maße des Kindes. Wie nehmen Sie die? Müssen die Familien einen Termin bei Ihnen vereinbaren?

SB: Nein, die Familien können selbst ganz in Ruhe zuhause messen. Das ist für alle angenehmer, denn pflegende Eltern haben wenig Zeit und Kinder lassen sich nicht gerne von fremden Personen vermessen. Als Vorlage und Anleitung zum Maßnehmen dient unser Vermessungsmännchen „Friis“, das auf unserer Website abgebildet ist. Die Maße können die Eltern anschließend in ein Formular eintragen und mir schicken. Dazu schreiben sie mir zumeist noch weitere Infos, zum Beispiel wie alt ihr Kind ist und welche besonderen funktionalen Anforderungen die Kleidung erfüllen soll.
Wenn ich diese Infos habe, telefonieren wir zu den Details. Wie bewegt sich das Kind, kann es schon krabbeln? Mag es lieber lockere Abschlüsse oder sind Bündchen besser? An welchen Stellen sollte sich das Kleidungsstück schnell öffnen und schließen lassen, damit die Pflege einfacher wird? Wir klären also viele praktische Fragen. Die Gespräche sind dabei oft sehr emotional, es fließen auch nicht selten Tränen, weil die Eltern sich das erste Mal verstanden fühlen. Wer selbst kein Kind mit Behinderung hat, kann sich einfach nicht vorstellen, welche Herausforderungen das im Alltag mit sich bringt.


Laura, die zweite Tochter der Brunners, in einem selbstgenähten Kleidchen; sie lacht in die Kamera.

Laura, die zweite Tochter der Brunners, hat das Williams-Beuren-Syndrom. Sie eröffnete ihren Eltern eine ganz neue Sicht auf die Welt. Foto: einzigNaht (2020)

In jedem Kleidungsstück stecken also nicht nur viele Emotionen, sondern auch eine Menge Vorbereitung und Arbeit. Wie wirkt sich das auf die Preise aus? Können sich alle Familien Ihre Produkte leisten?

SB: Individuell gefertigte Einzelstücke sind natürlich teurer als Kleidung von der Stange. Es ist aber schwierig, diese Preise pauschal zu benennen, weil jedes Kind und jeder Auftrag anders sind. Im Schnitt kostet ein Set aus Hose, Body und Pullover etwa 180 Euro. Die Mehrkosten im Vergleich zu Standardkleidung relativieren sich aber schnell, weil unsere Stoffe sehr hochwertig und zugleich nachhaltig sind. Ich verarbeite ein pflegeleichtes Gemisch aus Wolle und Seide, das einfach ausgelüftet werden kann und an dem Flüssigkeiten fast vollständig abperlen. Die Stücke halten also lange, weil die Qualität sehr gut ist, und die Eltern müssen sie viel seltener waschen. Deshalb braucht ein Kind im Vergleich zu gewöhnlicher Kleidung nur etwa ein Drittel so viele Kleidungsstücke.

CB: Wir wissen, dass diese Kosten für viele Familien trotzdem kaum zu stemmen sind. Deshalb haben wir gerade den Verein „einzigArtige Inklusion“ gegründet, um ihnen durch Spenden dennoch individuelle Kleidung für ihre Kinder zu ermöglichen. Dieser Verein hat eine sehr schöne Entstehungsgeschichte: Wir wurden schon oft von Menschen angesprochen, die unser Projekt toll finden und als „Näh-Paten“ die Kosten für einzelne Kleidungsstücke übernommen haben. Über „einzigArtige Inklusion“ wird das sowohl für die Spenderinnen und Spender als auch für uns noch einfacher.
Diese Form der Unterstützung ist für uns allerdings nur ein erster Schritt. Als nächstes werden wir mit Gesetzlichen Krankenkassen sprechen, um mit unserer Kleidung in ihre Hilfsmittelkataloge aufgenommen zu werden. Wenn wir damit Erfolg haben, können Kinder mit Behinderung ihre Kleidung auf Rezept erhalten.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft von einzigNaht?

SB: Wir möchten noch in diesem Jahr einen Online-Shop aufbauen, in dem Eltern, Großeltern und Verwandte die benötigten Maße eingeben und Kleidungsstücke direkt bestellen können. Individuelle, persönliche Bestellungen nehmen wir natürlich auch weiterhin an. Außerdem möchten wir Musterstücke in Physiotherapie-Praxen oder Krankenhäusern auslegen, damit die Kundinnen und Kunden sich unsere Kleidung aus der Nähe anschauen und anfassen können. In einigen Krankenhäusern liegen bereits unsere Flyer, das wollen wir ausweiten.

CB: Langfristig möchten wir in Hamburg ein inklusives Näh-Atelier aufbauen, in dem wir Menschen mit Behinderung anstellen. Wir sind bereits mit mehreren Interessenten im Gespräch. Je nach ihren individuellen Fähigkeiten und Wünschen können sie demnächst Kleidungsstücke nähen, im Marketing oder Social-Media-Management mitarbeiten oder mit speziellen Grafikprogrammen Schnittmuster entwerfen. Ihre Berufserfahrungen oder Vorbildung sind dabei nicht so wichtig – für uns zählt, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinter unserem Konzept stehen.


Portrtätfoto von Sandra Brunner

Foto: einzignaht (2020)

Über unsere Interviewpartner

Sandra Brunner

Geburtsjahr: 1979
Wohn-/Arbeitsort: Hamburg
Beruf: gelernte Energie-Fachwirtin, Gründerin und Geschäftsführerin von einzigNaht
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Ist Mutter einer Tochter mit Behinderung. Aus dieser Herausforderung entstanden ganz neue Ideen und ein neues Projekt: einzigNaht. Ihr Motto: „Die Kleidung soll sich dem Kind anpassen, nicht umgekehrt.“

Porträtfoto von Christian Brunner

Foto: einzignaht (2020)

Dr. Christian Boris Brunner

Geburtsjahr: 1977
Wohn-/Arbeitsort: Hamburg
Beruf: Markenberater, Speaker sowie Gründer und Gesellschafter von einzigNaht
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Seine zweite Tochter Laura, die das Williams-Beuren-Syndrom hat, eröffnete ihm eine ganz neue Sicht auf die Welt. Sein Motto: „Ich bin Papa einer Tochter mit Behinderung – und das mit voller Leidenschaft.“




„Das Beste, was wir bisher hier hatten”

Eng aneinandergereiht liegen die Bratwürste auf dem Blech, in einem großen Topf auf dem Herd dampft rote Soße. Fruchtig und frisch schmeckt sie, das Rezept wird nicht verraten. Es ist Freitag, in der Herforder Kreishauskantine heißt das: Currywurst-Tag. Und zwar auf ausdrückliche Bitte des Hausherrn, Landrat Jürgen Müller, der sich den Klassiker regelmäßig schmecken lässt.

Seit September 2016 bewirtschaftet der Lippische Kombi-Service, kurz LKS, die Kantine in dem Verwaltungsbau aus den 1990er-Jahren. „Der Kreis wollte ein soziales Unternehmen in seiner Kantine haben. Wir wurden angefragt, haben uns an der Ausschreibung beteiligt und gewonnen“, blickt LKS-Geschäftsführerin Monika Zimmermann zurück. Montags bis freitags versorgt das Inklusionsunternehmen mit Sitz in Detmold nicht nur die Bediensteten des Kreises mit belegten Brötchen, Mittagessen, Heiß- und Kaltgetränken sowie allerlei Snacks: „Zurzeit geben wir gut 100 Essen pro Tag in der Kantine aus und liefern weitere 100 bis 150 Essen an vier Kindergärten in der Umgebung“, sagt Monika Zimmermann.

Das Allround-Talent

Elwira Leesemann bringt einen Frühstückskorb zur Theke. Ihre Spezialitätenbrötchen sind kleine Kunstwerke, fantasievoll belegt mit Bratenröllchen und Salatkreationen. Die Mitarbeiterin hat eine Behinderung und wechselte aus der Hotel-Gastronomie, wo sie ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hat, zum LKS. „Ich bin hier das Allround-Talent“, sagt sie. Thekenbereich, Küche und Spülküche – die 49-Jährige hilft dort, wo Hilfe gebraucht wird.

„Frau Leesemann können wir überall einsetzen“, sagt ihr Chef Manuel Nocken. Der 30-Jährige ist ausgebildeter Koch und leitet die Küche der Kreishauskantine. Er ist verantwortlich für Aufgabenverteilung und eine gute Zusammenarbeit im Team. Fast alle der insgesamt zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben eine Behinderung, eine psychische Erkrankung oder eine Suchterkrankung. Deshalb muss sich Monika Zimmermann nicht nur fachlich, sondern auch menschlich immer auf ihren Küchenchef verlassen können: „Herr Nocken ist einfühlsam und hat viel Empathie. Wenn es mal Probleme gibt, erkennt er sie und versucht, sie direkt zu lösen“, sagt die LKS-Geschäftsführerin.

Jürgen Müller ist in Anzug und Schlips gekleidet; er nimmt an der Essenstheke der Kantine gerade einen Teller mit Currywurst von einem Küchenmitarbeiter entgegen und lächelt dabei in die Kamera.
Landrat Jürgen Müller freut sich, dass jeden Freitag der Duft von Currywurst durch die Räume der Kreishauskantine zieht. Foto: LWL/Kopfkunst

Erfolgreicher Betrieb seit 1987

Ein gutes Betriebsklima ist für Monika Zimmermann von existenzieller Bedeutung. Sie steht in engem Kontakt mit den Beschäftigten, führt Gespräche, wenn nötig. „Die Arbeit in der Gastronomie ist hart, aber bei uns wird das sozial abgefedert. Das ist ja auch unser Auftrag“, sagt sie.

Der LKS ist seit Jahrzehnten in der Region verwurzelt. 1986 etablierten die Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in Lippe den gemeinnützigen Verein APK. Um der Isolation psychisch Kranker entgegenzuwirken und eine Integration in die Arbeitswelt zu ermöglichen, gründete der APK 1987 einen vereinseigenen Betrieb, den Lippischen Kombi-Service. Der Name ist Programm: Neben Cafeterien und Catering bietet der LKS auch den Service der Datenarchivierung für Unternehmen aus der Region an, außerdem betreibt das Unternehmen eine Heißmangel und ein Buchantiquariat.

Mund-zu-Mund-Propaganda als Erfolgsrezept

Zurzeit ist der Betrieb an mehr als 35 Standorten in der Region Lippe vertreten – von Bad Pyrmont bis Bad Salzuflen, von Detmold bis Herford. Gut die Hälfte der insgesamt 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat eine Behinderung. Monika Zimmermann ist außerdem besonders stolz darauf, dass der LKS 70 Auszubildende beschäftigt: „Das ist Spitze in Westfalen-Lippe.“

In Herford betreibt die Organisation die Kreishauskantine und ist auch mit der Mensa der Gesamtschule Friedenstal überaus erfolgreich. Das zahlt sich aus: „Wir werden oft von Schulleiter zu Schulleiter weiterempfohlen, da funktioniert die Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt Monika Zimmermann.

Beste Qualität

Landrat Jürgen Müller isst regelmäßig in der Kreishauskantine, ebenso viele seiner Beschäftigten. „Wir wollten etwas für Menschen mit Behinderungen tun und deshalb einen Inklusionsbetrieb in unserer Kantine haben“, sagt Müller. Das LKS-Engagement sei für beide Seiten eine Win-Win-Situation. „Von der Qualität ist es außerdem das Beste, was wir bisher hatten. Das Gulasch ist toll, die Currywurst sowieso. Und auch die Spargel-Thementage sind super“, schwärmt der Landrat.

Die Lebensmittel sucht Manuel Nocken persönlich aus. Obst und Gemüse kauft er meist bei regionalen Erzeugern ein, Tiefkühlware und Süßigkeiten werden geliefert. Jeden Mittwoch schreibt Nocken in seinem Büro den Speiseplan für die nächste Woche. Ausgewogen soll er sein – und auch auf Kundenwünsche geht der Küchenchef ein.

Begeisterung bei den Kunden

Ein Mitarbeiter steht in Arbeitskleidung in der Großküche; man sieht ihn von der Seite. Er schiebt gerade Edelstahl-Behälter nebeneinander, in denen geröstete Brotscheiben liegen.

Etwa 200–250 Essen werden täglich von zehn Mitarbeitern in der Kantinen-Küche zubereitet. Fast alle haben eine Behinderung – zum Beispiel auch Benedikt Minnig. Foto: LWL/Kopfkunst

Richtig durchgestartet ist das LKS-Kantinenteam bei der 200-Jahr-Feier des Kreises im Oktober 2016. „Da haben wir gezeigt, was wir können“, sagt Nocken. Das aufwändige Fingerfood-Buffet löste Begeisterung aus, „das war unser Durchbruch.“ Gut lief es für Nockens Küchencrew auch beim Sommerfest 2017. „Wir haben einen Streetfood-Wagen betrieben und 600 Personen versorgt. Spätestens seit diesem Zeitpunkt lieben uns die Kreis-Bediensteten.“ Regelmäßig bewirtet der LKS auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Tagungen, Veranstaltungen und Partei-Treffen.

Inklusion? Selbstverständlich.

Zum Erfolg der Kreishauskantine trägt auch bei, dass sich die Beschäftigten in der Küche auch mal ausprobieren dürfen. Küchenchef Manuel Nocken ist immer offen für neue Ideen. Nur der Schnitzel-Tag am Mittwoch und der Currywurst-Freitag sind gesetzt. Die Kernarbeitszeit für die LKS-Kantinenmannschaft ist von 7 bis 15:30 Uhr, es sind aber auch flexible Zeiten möglich. Der Verdienst orientiert sich an den Tarifen der Gastronomie.

Landrat Jürgen Müller ist sicher, mit dem Lippischen Kombi-Service die richtige Wahl getroffen zu haben: „Hier sind Menschen mit Behinderungen ganz selbstverständlich Teil der Kreisverwaltung geworden.“


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




„Wir sind alle ein Team!“

Tobias Rottmann schnappt sich seine Motorsäge. Er braucht sie an diesem nasskalten Vormittag in der abschüssigen Grünanlage eines großen Münsteraner Speditionsunternehmens. Um ihn herum sprießen üppige Feuerdornbüsche, manche Bäume sind bereits zugewuchert. „Feuerdorn wächst schnell, man muss ihn regelmäßig verjüngen und auf den Stock setzen“, sagt Rottmann. Dann wirft er die Motorsäge an und schneidet die Pflanzen bis auf den Stamm zurück. Der 36-Jährige rückt dem Feuerdorn aber nicht allein zu Leibe. Thomas Kramer und Frank Blümer sägen mit, Frederik Mauel schiebt die dornigen Äste in den Häcksler. Die Motorsägen und der Häcksler, der das Häckselholz zurück in die Büsche ausspuckt, dröhnen um die Wette. Mit sogenannten Earbags an ihren Helmen schützen sich die Männer gegen den Krach.

Tobias Rottmann ist der Vorarbeiter. In seinem Gartenbau-Trupp arbeiten Menschen mit Behinderungen, angestellt sind sie bei der Gemeinnützigen Umweltwerkstatt GmbH, kurz GUW. Der Garten- und Landschaftsbaubetrieb aus Münster kümmert sich um die Pflege öffentlicher und privater Garten- und Außenanlagen. Das Inklusionsunternehmen hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich seine Marktanteile ausgebaut.

Über Bedenken hinweg

Diese Erfolgsgeschichte hängt ganz maßgeblich mit einem Mann zusammen: Thomas Pahls. 2015 verkaufte er sein florierendes Gartenbau-Unternehmen und übernahm die bis dato zur Caritas Münster gehörende GUW. Er übernahm auch die sechs GUW-Mitarbeiter, nutzte seine vielen beruflichen Kontakte, krempelte die Ärmel hoch und setzte sich über viele Bedenken in seinem Umfeld hinweg. „Weißt du, was du da tust?“, fragte ihn seine Frau anfangs.

Er wusste es. Und vor allem: Er wollte etwas vollkommen Neues, etwas Mutiges machen. Pahls sprach mit der Handwerkskammer Münster, mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und mit vielen anderen: „Ich musste erst einmal lernen, was ein Inklusionsunternehmen überhaupt ist.“ Er investierte außerdem in einen modernen Maschinenpark und schaffte Bagger, Radlader, Häcksler an. „Das ist die Grundvoraussetzung, um überhaupt entsprechende Aufträge zu bekommen“, erklärt er.

Frühere Verbindungen

Und die Aufträge kamen tatsächlich. „Da haben mir meine früheren Verbindungen sicherlich geholfen“, sagt Thomas Pahls. In den ersten zwei Jahren verdreifachte er den Personalbestand. Heute arbeiten 35 Menschen bei der GUW, 45 Prozent davon sind Menschen mit Behinderungen.
Alle sind stolz darauf, dass die Kunden des Betriebs so gut wie immer sehr zufrieden sind und es kaum Reklamationen gibt. Was Thomas Pahls besonders freut: „Unsere Leute werden kaum noch krank, der Krankenstand ist extrem gesunken.“ Für ihn ein Beweis dafür, dass das Betriebsklima gut ist.

Dazu tragen auch eingespielte Arbeitsabläufe bei. Es gibt ein Vorladeteam, das ab 6:30 Uhr alle elf Fahrzeuge nebst Anhänger belädt, es folgt eine Morgenbesprechung mit klaren Ansagen und transparenten Teamstrukturen. „Wir haben die Teams so aufgestellt, dass sie menschlich gut zusammenpassen“, erklärt Pahls. Das Ergebnis: Die Mannschaften sind gut eingespielt, alle Arbeitsabläufe klappen reibungslos.

Rüschoff steigt ein

2018 holte Pahls Christian Rüschoff als neuen Co-Geschäftsführer zur GUW. Rüschoff führte bis dato einen gut gehenden Gartenbaubetrieb mit sechs Mitarbeitern, den er sich über elf Jahre hinweg aufgebaut hatte. Pahls warb beharrlich um ihn und bot ihm den Geschäftsführer-Posten bei der expandierenden GUW an. Rüschoff sagte schließlich zu und stieg bei der GUW ein. „Ich habe es nicht bereut“, sagt er rückblickend. Klar, zunächst musste er ein Gespür dafür entwickeln, wie er die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung optimal ins Team integrieren konnte, „aber da bin ich schnell reingewachsen. Es macht Spaß, mit diesem Team zu arbeiten.“ Auch GUW-Chef Thomas Pahls ist überzeugt von seinem neuen Partner: „Christian wird die Zukunft der GUW gut gestalten!“

Das wird unter anderem mit Menschen wie Tobias Rottmann möglich, der sich vom Praktikanten zum Vorarbeiter hochgearbeitet hat. Vor gut drei Jahren kam er zur GUW. Wegen einer Luftröhrenverengung bekam er immer schlechter Luft, konnte in seinem vorherigen Beruf als Schweißer nicht weiterarbeiten und wurde arbeitslos. Er hat heute einen anerkannten Grad der Behinderung von 50. Weil er als Praktikant von Anfang an engagiert mit anpackte, bot GUW-Chef Thomas Pahls ihm eine feste Stelle an. „Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, das hat mir sicher geholfen“, sagt Rottmann. Schnell machte er sich unentbehrlich. „Vor drei Jahren kam Thomas Pahls zu mir und meinte, ich hätte Führungsqualitäten. Er fragte mich, ob ich nicht Vorarbeiter werden wollte“, erinnert sich Rottmann. Seitdem führt er ein vierköpfiges Team, „und das ganz souverän“, wie Thomas Pahls findet. Tobias Rottmann selbst ist froh, bei der GUW angefangen zu haben: „Vom Praktikanten zum Vorarbeiter – das ist doch toll!“  

Auf Augenhöhe

Dass Mitarbeiter wie Tobias Rottmann bei der GUW ihre Chancen so gut entfalten können, liegt auch am Führungsstil von Thomas Pahls und Christian Rüschoff. „Wir sind alle ein Team und begegnen unseren Leuten auf Augenhöhe“, sagt Pahls. Morgens begrüßt er jeden einzelnen Mitarbeiter per Handschlag. Und: „Hier duzt jeder jeden.“ Die beiden Chefs packen selbst mit an, und wenn etwas nicht klappt, wird das sofort besprochen. Denn die Motivation der Mitarbeiter ist für Pahls und Rüschoff das A und O eines erfolgreichen Unternehmens.

Zurück in der Grünanlage des Speditionsunternehmens: Vom Feuerdorn-Wildwuchs sind nur noch Häckselspäne übriggeblieben. Tobias Rottmann blickt zufrieden auf den Rückschnitt. Morgen wird er mit seinem Team zur nächsten Baustelle fahren. Er freut sich schon darauf.


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




Das Projekt „enterability“ unterstützt Gründerinnen, Gründer und Selbstständige mit Behinderung

Herr Radermacher, was ist enterability?

enterability ist ein Projekt der gemeinnützigen GmbH Social Impact, die unter anderem soziale Start-ups und Innovationen fördert. Wir von enterability beraten und unterstützen Menschen mit Schwerbehinderung, die in Berlin leben und sich selbstständig machen möchten oder schon länger selbstständig arbeiten. Das Besondere an uns ist, dass wir uns ganz auf das Thema Gründung mit Schwerbehinderung spezialisiert und wirklich alle Informationen dazu gesammelt haben. Vorher gab es kein vergleichbares Angebot in Berlin – bis jetzt gibt es in ganz Deutschland keins. Die Nachfrage war riesig, deshalb hatten wir von Anfang an lange Wartelisten. Eine Kollegin und ich haben enterability 2004 als Modellprojekt aufgebaut. Im Laufe der Jahre sind wir stark gewachsen. Heute arbeiten wir im Auftrag des Integrationsamts Berlin mit insgesamt sieben Beraterinnen und Beratern auf fünf Vollzeitstellen und sind der offizielle „Integrationsfachdienst Selbstständigkeit“. Deshalb ist unser Angebot auch komplett kostenlos.

Was bieten Sie an?

Unser Schwerpunkt sind individuelle Beratungsgespräche, in denen wir mit den Gründerinnen und Gründern über einen längeren Zeitraum intensiv über ihre Geschäftsidee und über ihre persönliche Situation sprechen. Zu Beginn bieten wir Infoveranstaltungen an, auf denen wir unser Projekt vorstellen, Fragen zu Fördermöglichkeiten beantworten und erklären, wie man einen Businessplan schreibt. Später im Prozess kommen Seminare hinzu, zum Beispiel zu den Themen Marketing, Buchhaltung, Steuern und Recht, aber auch zu Zeitmanagement und Selbstfürsorge. Gerade die letzten beiden werden oft vergessen, dabei sind sie für Menschen mit Behinderung noch wichtiger als für Gründerinnen und Gründer ohne Behinderung.

Welche Vorteile hat eine Selbstständigkeit für Menschen mit Behinderung?

Ein großer Vorteil ist, dass sie sich ihre Arbeitszeiten und Pausen selbst so einteilen können, dass sie am besten und effektivsten arbeiten können. Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben sie diese Freiheit oft nicht. Für viele Menschen mit Behinderung ist die Gründung deshalb die einzige Möglichkeit, wieder zu arbeiten. Wir unterstützen sie dabei.

Ist die Behinderung der Person in den Beratungsgesprächen auch sonst ein Thema?

Ja, weil das ein wichtiger Teil der persönlichen Situation ist. Der Arbeitsalltag kann in der Selbstständigkeit auch nur dann langfristig gut funktionieren, wenn er gut zum Menschen passt. Wenn jemand zum Beispiel eine Hörbehinderung hat, kommuniziert sie oder er anders mit den Kunden als ein Selbstständiger ohne Behinderung – darüber müssen wir sprechen und überlegen, was das bedeutet. Eine Gehbehinderung bringt oft mit sich, dass die Mobilität und Flexibilität etwas anders sind. Wenn jemand wegen seiner Behinderung Schmerzen hat, hat das ebenfalls Auswirkungen. Sie oder er muss vielleicht mehr Pausen einplanen oder nimmt womöglich Medikamente, die zu einer bestimmten Tageszeit müde machen. All das besprechen wir ganz offen und helfen unseren Klientinnen und Klienten dabei, die eigenen Voraussetzungen realistisch einzuschätzen. Anschließend spielen wir durch, was das im Einzelnen für den Arbeitsalltag der Person bedeutet, damit die Selbstständigkeit langfristig gut laufen kann – wie sie ihre Arbeit also behinderungsgerecht gestalten kann.

Raten Sie manchmal auch von einer Gründung ab?

Ja, zum Beispiel, wenn wir glauben, dass eine Geschäftsidee nicht funktionieren kann. Einige merken in der Beratung auch, dass eine Selbstständigkeit für sie nicht das Richtige ist. Ein Hauptgrund dafür ist, dass sie als Freiberuflerinnen oder Unternehmer mit einem gewissen finanziellen Risiko leben müssen. Das Einkommen ist nicht so regelmäßig und verlässlich wie bei einer Festanstellung. Wenn man selbstständig arbeitet, muss man sich außerdem auch um Marketing, die Buchhaltung oder das Thema Steuerrecht kümmern. Viele können den Umfang dieser Zusatzaufgaben oft erst im Laufe der Zeit richtig überblicken.

Wir helfen unseren Klientinnen und Klienten dabei, die eigenen Voraussetzungen realistisch einzuschätzen und ihre Arbeit behinderungsgerecht zu gestalten.
Manfred Radermacher von “enterability”

Wie viele der Menschen, die Sie beraten, machen sich selbstständig?

Etwa ein Drittel. Wir haben inzwischen rund 1.500 Menschen mit Behinderung begleitet, etwa 500 davon arbeiten heute hauptberuflich selbstständig. Einige andere haben ihre Geschäftsidee nebenberuflich verwirklicht oder während der Beratung eine Fortbildung angefangen, die sie in ganz andere Jobs geführt hat. Für uns ist das sehr erfreulich, denn wir wollen ja genau das erreichen: Dass die Menschen mit unserer Unterstützung und Beratung für sich persönlich die richtige Entscheidung treffen und ihren Weg machen.

Sind bestimmte Berufe bei Gründerinnen und Gründern mit Behinderung besonders beliebt?

Nein, die Bandbreite ist sehr groß. Ich würde aber sagen, dass sich die meisten hier eher „berlintypische“ Jobs aussuchen. Sie ergreifen zum Beispiel oft kreative Berufe, entscheiden sich für die Kommunikationsbranche oder machen sich in der Gesundheitsberatung selbstständig. Die meisten sind übrigens klassische „Einzelkämpfer“, wir haben bisher also kaum Gruppen begleitet, die gemeinsam gegründet haben. Und es gibt auch nur wenige Selbstständige mit Behinderung, die später Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen.

Sie sprechen mit Ihren Klientinnen und Klienten auch viel über finanzielle Unterstützungsangebote für Selbstständige. Welche Zuschüsse gibt es für Menschen mit Behinderung?

Da gibt es sehr viele Möglichkeiten. Sie können zum Beispiel bei der Agentur für Arbeit einen Gründungszuschuss beantragen, der in der Startphase die Kosten für den Lebensunterhalt deckt. Wenn ein Büro eingerichtet oder Maschinen gekauft werden müssen, kann ein Gründungsdarlehen eine gute Möglichkeit sein. Diese Starthilfe wird von staatlichen Banken oder Förderbanken angeboten. Darüber hinaus können Gründerinnen und Gründer mit Behinderung beim zuständigen Integrations- oder Inklusionsamt Zuschüsse beantragen, wenn sie für ihre Arbeit technische Ausstattung anschaffen müssen – zum Beispiel Braillezeilen, große Bildschirme oder bestimmte Software für die Arbeit am Computer mit einer Sehbehinderung. Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer wiederum müssen eventuell ihr Auto umbauen lassen. Auch das fällt unter technische Ausstattung. Es gibt auch Zuschüsse für eine Arbeitsassistenz, also für einen Gebärdensprachdolmetscher beispielsweise oder eine Begleiterin, die blinde Selbstständige auf beruflichen Reisen unterstützt, wo sie oft unbekannte Wege laufen müssen. In solchen Fällen wird genau geprüft, bei welchen Arbeitsschritten und wie viele Stunden pro Woche jemand Unterstützung benötigt.

Sie beraten auch Selbstständige mit Behinderung, die schon länger freiberuflich arbeiten. Mit welchen Fragen kommen sie zu Ihnen?

Bei diesen Gesprächen geht es oft um sehr konkrete Probleme, die zum Beispiel im Marketing, bei den Finanzen oder im Zusammenhang mit einer behinderungsbedingten Förderung aufgetreten sind. Manche kommen auch zu uns, weil sich ihre Gesundheit durch die Behinderung verschlechtert hat, sie deshalb weniger arbeiten können oder nicht mehr so mobil sind. Wir unterstützen dann mit einer gezielten Einzelberatung dabei, das Geschäftsmodell anzupassen. Und wenn jemand überhaupt nicht mehr arbeiten kann, helfen wir, das Unternehmen abzuwickeln. In solchen Fällen ist es wichtig, an alles zu denken und gut zu ordnen, damit es nicht zu einer Insolvenz kommt. Das kommt zum Glück aber nur ganz selten vor – und manchmal finden wir selbst dann noch eine Möglichkeit, an die vorher noch nicht gedacht wurde.


Porträtfoto von Manfred Radermacher

Foto: Silke Weinsheimer

Über unseren Interviewpartner

Name: Manfred Radermacher
Geburtsjahr: 1959
Arbeitsort: Berlin
Beruf: Projektleiter und Gründungsberater für Menschen mit Schwerbehinderung

Beratung und Fördermöglichkeiten für Selbstständige in der Region

Menschen mit Behinderung, die in Westfalen-Lippe wohnen und selbstständig arbeiten oder arbeiten möchten, können sich von den Fachstellen „Behinderte Menschen im Beruf“ dabei unterstützen und beraten lassen. Dort können auch direkt Zuschüsse und Darlehen beantragt werden.
Die richtigen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner und weitere Informationen findet ihr auf der Website des LWL-Inklusionsamts Arbeit.




„Unser Unternehmen ist durch die Inklusionsabteilung gewachsen“

Win-Win-Situation für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Unternehmen

Bei Kontorvier übernimmt die 2012 geschaffene Inklusionsabteilung einen Bereich, der früher extern abgewickelt wurde: Die Verarbeitung von Schaumstoff und Folien. Das bringt eine Reihe von arbeitsintensiven Handling-Arbeiten wie Packarbeiten oder die Kommissionierung mit sich.

Ein solches so genanntes Insourcing von Arbeitsschritten kann nicht nur aus Kostengründen wichtig werden. Im Falle von Habig und Krips führte es auch zu einem neuen Großkunden, der viel Wert auf die Abwicklung aus einer Hand legt. Das Unternehmen schuf 2013 die erste Inklusionsabteilung, die sich seither um die Garten-, Rasen- und Außenpflege der firmeneigenen Immobilien kümmert. Auch bei Kontorvier eröffnete die neue Inklusionsabteilung dem Unternehmen ganz neue Möglichkeiten.

Wir sind ein gutes Stück gewachsen durch den Bereich. Das ist eine echte Win-Win-Situation: Die Beschäftigten haben einen festen Arbeitsplatz und wir können Tätigkeiten anbieten, die wir vorher nicht im Portfolio hatten.
Martin Kapovits, Geschäftsführer bei Kontorvier

Stark vernetzt in der Umgebung

Beide Unternehmen werden von Jobcoach Jochen Twelker unterstützt. Mindestens zweimal pro Woche besucht er die Betriebe, spricht mit allen Beteiligten und stellt bei Bedarf auch Kontakte zu den Integrationsfachdiensten oder anderen Institutionen her. 

Auch die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter Bielefeld funktioniert gut. Die Stadt Bielefeld hat bei der Vergabe von Aufträgen einen Vermerk eingeführt, der die Entscheider dazu bewegt, ein besonderes Augenmerk auf die Auftragslage zu stellen – und somit Inklusionsbetriebe und -abteilungen zu berücksichtigen. Zukünftig soll das per Gesetz verbindlich für alle öffentlichen Einrichtungen Pflicht werden.

Ich kenne die Integrationsfachdienste schon seit 30 Jahren und die Betriebe seit ihrer Gründung. Wir sind hier sehr eng vernetzt. Und dadurch, dass allein in dieser Straße drei Betriebe mit Inklusionsabteilungen liegen, können wir auch immer passende Praktikumsstellen vermitteln.
Jochen Twelker, freiberuflicher Jobcoach

Unterschiedliche Arbeitszeit-Modelle

Sowohl Kontorvier als auch Habig und Krips beschäftigen hauptsächlich Menschen mit psychischen Erkrankungen. Kontorvier bietet seinen Angestellten dabei besonders flexible Arbeitszeiten, sodass viele Angestellte je nach persönlicher Präferenz zur Arbeit erscheinen können. Das kommt besonders Beschäftigten entgegen, die bedingt durch Medikamente morgens oder abends nicht fit sind.

Jochen Twelker spielt Doppelkopf mit Martin Kapovits und Karl-Heinz Wohletz von der Kontorvier GmbH.
Von links nach rechts: Jochen Twelker (freiberuflicher Jobcoach), Martin Kapovits (Kontorvier) und Karl-Heinz Wohletz (Kontorvier) liegt Inklusion mindestens genauso am Herzen wie ihre wöchentliche Doppelkopfrunde. Foto: LWL/Kopfkunst

Bei Habig und Krips hat sich in einer der drei Inklusionsabteilungen ein gänzlich anderes Modell bewährt: strikte Arbeitszeiten ohne Überstunden und feste Pausen, die den Angestellten eine feste Struktur und Sicherheit bieten. Die Unternehmensgruppe bietet ihren mehr als 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit und ohne Behinderung außerdem viele Extras, zum Beispiel eine Gesundheitsmanagerin, wöchentliche Obstkörbe, freies Mineralwasser und Kaffee und viele Mitarbeiterrabatte. Genauso wichtig für die Zufriedenheit aller Angestellten sind die regelmäßigen Gespräche, in denen Schwierigkeiten möglichst früh angesprochen und gelöst werden sollen. Das Konzept geht auf, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fühlen sich offenbar wohl im Unternehmen.

Einige unserer Beschäftigten mit Behinderung nun schon seit dem Start der Inklusionsabteilungen dabei. Wir haben zum Beispiel einen Mitarbeiter, der über ein Praktikum und eine Probebeschäftigung auf einen Inklusionsarbeitsplatz kam. Mittlerweile ist er technischer Betriebsleiter und nicht mehr wegzudenken. Neben dem betrieblichen Wachstum sind es solche persönlichen Erfolgsgeschichten, die uns sagen: Es lohnt sich!
Heidi Emmerich, Ansprechpartnerin für die Inklusionsabteilung bei Habig und Krips


Porträtfoto von Martin Kapovits

Foto: LWL/Kopfkunst

Über Martin Kapovits

Der Geschäftsführer von Kontorvier engagiert sich an der Spitze seines Betriebs für die Inklusion. Das Unternehmen verarbeitet Schäume, Folien und Luftpolsterfolien. Die Inklusionsabteilung besteht seit 2012 und kümmert sich um die Kommissionierung, das Handling und die Packarbeiten der Produkte.

Porträtfoto von Jochen Twelker

Foto: LWL/Kopfkunst

Über Jochen Twelker

Der freiberufliche Jobcoach arbeitet seit Jahren für das LWL-Inklusionsamt Arbeit und unterstützt Firmen wie Habig und Krips oder Kontorvier bei der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung. Er ist regelmäßig vor Ort, um gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und den Unternehmen die Zusammenarbeit optimal zu gestalten.

Porträtfoto von Heidi Emmerich

Foto: LWL/Kopfkunst

Über Heidi Emmerich

Die Industriekauffrau arbeitet seit 15 Jahren bei Habig und Krips, einer Firmengruppe mit acht eigenständigen Unternehmen aus der Verpackungsindustrie. Seit 2013 beschäftigt das Unternehmen Menschen mit Behinderungen – inzwischen sind es 25 – und unterstützt so die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsleben.


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




Wie eine große Familie

Es duftet nach Tomatensauce und gebratenem Hackfleisch. In der Auslage der knallig-roten Theke dampfen gefüllte Paprika. Die Kantine der Integrationsküche Nordkirchen rüstet sich für den großen Ansturm. Jetzt, um kurz nach halb zwölf, ist es noch ruhig, aber das wird sich in der nächsten Stunde ändern.
Torsten Wißmann und einige seiner Kollegen nutzen die Zeit und essen das, was sie in den Stunden zuvor selbst gekocht haben. Der 38-Jährige, der aus der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) des Caritasverbandes in Nordkirchen zur Integrationsküche wechselte, gehört zu den Mitarbeitern mit Behinderung und arbeitet seit Mai 2016 auf einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz.

Sie mögen ihn hier sehr, er gilt als ruhig, zuverlässig und eigentlich immer gut gelaunt. Wenn Torsten Wißmann morgens um 7:30 Uhr seinen Dienst antritt, weiß er genau, was zu tun ist. Lebensmittel heranschaffen, Gemüse oder Fleisch anbraten, in großen Töpfen umrühren, später auch spülen oder mit einem der Elektro-Fahrzeuge Essen auf dem weitläufigen Gelände der Vestischen Caritas-Kliniken, zu der die Integrationsküche gehört, ausfahren. Bis 14:30 Uhr dauert Wißmanns Arbeitstag, dann hat er Feierabend. Für ihn ist die Arbeit aber keine Last, ganz im Gegenteil: „Ich koche sehr gerne, deswegen finde ich meinen Job auch so gut.“ Die Kolleginnen und Kollegen sind für ihn, so sagt er, „wie eine große Familie.“

Niemand wird überfordert

So etwas hört Thomas Pliquett gerne. Er ist Kaufmännischer Direktor der zum Gesamtkomplex gehörenden Trägerschaft Vestische Caritas Kliniken Kinderheilstätte und Geschäftsführer der Integrationsküche Nordkirchen. „Wir schauen genau hin, wie belastbar der einzelne Mitarbeiter ist“, sagt Pliquett. Niemand soll überfordert werden.

Seit Anfang 2016 gibt es die Integrationsküche Nordkirchen. „Früher hatten die Einrichtungen ihre eigenen kleinen Küchen, das war alles nicht mehr kostendeckend. Man braucht heute gut 1.500 Essen täglich, um wirtschaftlich zu sein. Wir hatten hier in Nordkirchen nur 500“, so Pliquett. Man habe vor der Entscheidung gestanden: „Bauen wir eine neue Großküche, die leistungsfähiger ist als die bisherigen zusammen, oder lassen wir es?“

Auf Expansionskurs

Die neue Küche wurde gebaut, auch weil sich neben der Muttergesellschaft Institutionen wie das NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, das LWL-Inklusionsamt Arbeit, die Stiftung Wohlfahrtspflege NRW und die Aktion Mensch finanziell engagierten. Während der Planungsphase wurde Thomas Pliquett durch die Betriebswirtschaftliche Beratungsstelle für Inklusionsbetriebe bei der Handwerkskammer Münster unterstützt. Pliquett und seine Kollegen schauten sich andere Großküchen an, recherchierten die technischen Notwendigkeiten, kalkulierten das Investitionsvolumen – und machten sich dann an die Kundenakquise. Klar war, dass die neue Integrationsküche die Kinderheilstätte versorgen sollte, aber auch weitere Einrichtungen in Nordkirchen wie die Gesamtschule, Kindergärten oder die Werkstatt des Caritasverbandes für den Kreis Coesfeld in Nordkirchen.

Der Start 2016 mit 850 Essen war gut, aber noch ausbaufähig. 2019 kamen weitere Werkstätten aus dem Caritas-Verbund in Lüdinghausen und Lünen sowie die Vestische Kinder- und Jugendklinik in Datteln, die zum Trägerverbund gehört, hinzu. „Heute sind wir bei 1.600 Essen täglich“, sagt Thomas Pliquett. „Das ist dann auch die Grenze für einen Ein-Schicht-Betrieb.“ Schließlich müssten sich alle Mitarbeiter zurechtfinden. Auch deren Zahl ist gestiegen. Waren es vor kurzem noch 25, werden es bald 33 sein, 16 davon sind Menschen mit Behinderungen. In der Integrationsküche arbeiten Menschen mit geistiger, psychischer und körperlicher Behinderung Seite an Seite mit Menschen ohne Handicap. „Wir schauen vor allem auf die individuelle Qualifikation“, deshalb sind die jeweiligen Teams auch sehr gemischt.

Betriebswirtschaftlich organisiert

Natürlich steht die Integrationsküche Nordkirchen in einem harten Wettbewerb. Sie ist streng betriebswirtschaftlich organisiert; vom Betriebsleiter über den Küchenchef, die Köche und Wirtschafterinnen bis zu den Küchenhilfen und Fahrern. Sogar eine Diätassistentin wird beschäftigt. Und selbstverständlich bietet die moderne Großküche auch regionale, vegetarische und vegane Essensalternativen an.

Mit drei Transportern liefern Torsten Wißmanns Kollegen täglich die Mahlzeiten aus, jedes Auto beladen sie mit 350 Essen, gut verpackt in Thermoporten. „Der Preis bei uns ist etwas höher als bei den Branchenriesen, ­aber dafür ist das Essen auch regionaler“, sagt Thomas Pliquett. Und sehr geschmackvoll. „Wir wollen zufriedene Kunden haben, gute Qualität ist da entscheidend. Ein Mittagessen für zwei Euro können wir deshalb nicht bieten“, so Pliquett.

Menschliches Maß

Auch einer Expansion um jeden Preis erteilt der Kaufmännische Direktor eine Absage. „Wir wollen in unserem Kerngebiet bleiben. Ein 25-Kilometer-Radius ist in Ordnung, mehr aber nicht“, sagt Pliquett. Und fügt hinzu: „Wir sind und bleiben die regionale Großküche für Nordkirchen und Umgebung.“ Überhaupt hat in der Integrationsküche alles ein menschliches Maß. Eine Pädagogin steht den Beschäftigten mit Behinderungen bei Bedarf als Ansprechpartnerin zur Verfügung, Probleme werden möglichst sofort geklärt. Auch der Krankenstand der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderungen ist nicht höher als bei der übrigen Belegschaft.

Torsten Wißmann ist ebenfalls nur sehr selten krank. Es gefällt ihm in Nordkirchen. Woanders zu arbeiten, kann er sich nicht vorstellen. Nur sein Lieblingsessen vermisst er manchmal, denn das gibt es in der Integrationsküche nicht so häufig: „Sauerbraten mit Königsberger Klopsen.“


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).