„Inklusion braucht auch Leichtigkeit“: Wie das Inklusionsfit-Institut sich für mehr Inklusion auf dem Arbeitsmarkt stark macht
Herr Korder, was treibt Sie an, sich für mehr Inklusion in Unternehmen zu engagieren?
Mit 13 Jahren habe ich bei einem Unfall beide Beine und meinen rechten Arm verloren. Ich bin also selbst unmittelbar von den positiven wie negativen Faktoren beim Thema Inklusion in Unternehmen betroffen. Meine Erfahrung hat gezeigt, wie entscheidend es ist, ein mitdenkendes Umfeld zu haben. Eine Arbeit und ein geregeltes Einkommen zu haben, ist aber auch sehr wichtig – und das ist ja für jeden Menschen eine wichtige Voraussetzung, um einen zufriedenstellenden Lebensstandard zu erreichen und im besten Fall einen sinnstiftenden Beitrag zur Gesellschaft leisten zu können. Für Menschen mit Behinderung ist das darüber hinaus aber auch eine absolut existentielle Frage.
Was meinen Sie damit?
Durch eine Behinderung entstehen im Alltag erhebliche Mehrkosten für Dinge, die für Menschen ohne Behinderung selbstverständlich und kostenfrei sind. Ein Sportrollstuhl zum Beispiel kostet je nach Sportart zwischen 5.000 und 30.000 Euro, ein Handbike rund 5.000 Euro – und Auto-Umbauten können schnell mal 50.000 Euro überschreiten. Diese Ausgaben müssen oft selbst gestemmt werden. Deshalb ist die Teilhabe am Arbeitsleben nicht nur ein moralischer Wunsch, sondern eine absolute Notwendigkeit, um im Alltag überhaupt am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.
Wie definieren Sie selbst Inklusion vor diesem Hintergrund?
Vor allem so, dass Menschen als Individuen gesehen werden, nicht als Diagnosen oder Kategorien. Im Arbeitsleben sollte es darum gehen, die individuellen Stärken, Möglichkeiten und Herausforderungen eines Menschen herauszuarbeiten – und diese dann mit den Zielen und Strukturen eines Unternehmens in Einklang zu bringen. Inklusion entsteht dort, wo ein Mensch und ein System optimal zusammenpassen. Barrierefreiheit ist dafür eine notwendige Voraussetzung, aber nicht die Lösung. Stattdessen sind vor allem die innere Haltung der Menschen im Unternehmen entscheidend, aber auch die Kommunikation, die Prozesse und der Führungsstil. Damit Inklusion funktioniert, braucht es eine Kultur, die Vielfalt strukturell mitdenkt und lebt. Genau hier setzen wir mit Inklusionsfit an. Bei uns gilt das Prinzip: „Anstupsen statt Belehren“. Unsere Prüferinnen und Prüfer kommen selbst aus der Praxis und haben alle eine Behinderung. Sie sind also glaubwürdig und arbeiten zugleich mit Leichtigkeit und Freude am Thema, vermeiden Fachsprache, zeigen gut umsetzbare, wirtschaftlich tragfähige Schritte auf. Es geht uns also immer um niedrigschwellige Lösungen, die im Alltag der Unternehmen wirklich funktionieren – und die erarbeiten wir ohne erhobenen Zeigefinger.
Wie umfangreich ist solch ein Prozess für die Unternehmen?
Ich habe selbst schon vielfältige Erfahrungen als Geschäftsführer gemacht, im Rollstuhlbasketball-Verein Rhine River Rhinos, bei der Potenzial Pioniere GmbH und nun auch beim Inklusionsfit-Institut. Ich habe dabei immer wieder gesehen, dass es keine Revolution braucht, damit die Bedingungen für Menschen mit Behinderung besser werden. Kleine Hilfestellungen, das Aufräumen mit Mythen oder das Aufzeigen von Chancen reichen oft schon aus. Die meisten Unternehmen wollen gern Verantwortung übernehmen, wissen aber oft nicht, wo sie anfangen sollen. Wie schon gesagt setzt Inklusionsfit genau hier an: Wir bieten Betrieben einen pragmatischen, niedrigschwelligen Start an, mit schnellen Erfolgen und einem klaren Fahrplan. So kann aus gutem Willen eine zügig sichtbare Veränderung werden.
Wie läuft dieser Start ab?
Der Weg ist klar strukturiert. Erst einmal machen die Unternehmen einen digitalen Selbst-Check, damit wir schauen können, wo sie stehen. Dann folgt ein so genannter „Audit“, also eine Prüfung, die datenbasiert ist. Den führen unsere geschulten Inklusionsfit-Auditoren durch. Anschließend vergeben wir ein fünfstufiges Siegel (Level 1–5), das Fortschritte intern und extern sichtbar macht. Wir legen Wert darauf, dass unser Siegel wirklich etwas aussagt, sind zugleich aber auch realistisch. Keine Lösung kann perfekt sein. Unsere Audits sind also dynamische Prozesse, in denen wir stets offen für neue Erkenntnisse und Veränderungen bleiben. Nur so können wir eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Unternehmen gewährleisten.
Welches Unternehmen nutzt Ihr Siegel denn zum Beispiel schon?
Wir haben die Adecco Group geprüft, das ist ein führender Anbieter für Personaldienstleistungen. Das Unternehmen hat das Audit dazu genutzt, um gezielte Maßnahmen umzusetzen, etwa barrierefreie Touchpoints, neue Prozesse bei der Gewinnung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern oder eine inklusive Kommunikation. Das Unternehmen trägt das Zertifikat außerdem als glaubwürdiges, transparentes Zeichen nach außen.
Wie reagieren andere Unternehmen auf Ihr Angebot?
Bisher haben wir unsere Audits noch nicht strukturiert und aktiv in die Öffentlichkeit getragen. Der Fokus lag nämlich erst einmal bewusst auf Testkund:innen, also darauf, unseren Produkten den letzten Feinschliff zu verpassen und die Nutzerführung beim digitalen Teil zu optimieren. Umso erfreulicher ist, dass wir bisher durchweg positives erstes Feedback seit dem Launch von „Inklusionsfit Unternehmen“ bekommen haben. Besonders geschätzt wird, dass unser Ansatz messbar, pragmatisch und motivierend ist – und dabei ohne Moralkeule auskommt.
Es gibt auch noch einen „Inklusionsfit-Monitor“. Was ist das genau?
Der Inklusionsfit-Monitor erscheint künftig jährlich und analysiert, wie inklusiv deutsche Unternehmen aufgestellt sind. Er beleuchtet also deren Verständnis von Inklusion, den aktuellen Stand der Barrierefreiheit und das Engagement für das Thema in den Betrieben. Gemeinsam mit der Wissenschaft und den Medien schaffen wir so einen fundierten Inklusionsindex als verlässlichen Vergleichswert. Im Jahr 2026 werden wir außerdem zum ersten Mal den Deutschen Inklusions-Award vergeben, der den Monitor qualitativ ergänzen wird. Der Preis würdigt Best-Practice-Beispiele, die Vielfalt bereits überzeugend umsetzen. Außerdem soll der Award anderen Unternehmen als Inspiration und Ansporn dazu dienen, über gesetzliche Mindestanforderungen hinauszugehen. Den Monitor und den Award erarbeiten wir übrigens in enger Abstimmung mit Expert:innen, um damit wirklich fundierte, objektiv nachvollziehbare und glaubwürdige Aussagen über den Inklusionsgrad von Unternehmen in Deutschland treffen zu können.
Was wünschen Sie sich für die Arbeitswelt der Zukunft?
Ich wünsche mir, dass Inklusion ein selbstverständliches Qualitätsmerkmal guter Arbeit wird. Dass Unterschiedlichkeiten in Teams, Führung, Prozessen und Räumen als Stärke verstanden werden. Dass wir Chancen und Mehrwerte erkennen – und aktiv nutzen. Dazu gehören ehrliche Kommunikation, echte Barrierefreiheit und klare Zuständigkeiten. Inklusion ist dabei allerdings keine reine Bringschuld der Unternehmen. Menschen mit und ohne Behinderung müssen aufeinander zugehen. Für mich persönlich zählt dabei immer die Lösung, nicht der Weg: Eine pragmatische, aber vielleicht nicht perfekte Lösung ist mir hundertmal lieber als gar keine. Und: Im Zentrum muss immer der Mensch stehen, nicht die Kategorie oder das Defizit. —







