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„Wir sind alle ein Team!“

Tobias Rottmann schnappt sich seine Motorsäge. Er braucht sie an diesem nasskalten Vormittag in der abschüssigen Grünanlage eines großen Münsteraner Speditionsunternehmens. Um ihn herum sprießen üppige Feuerdornbüsche, manche Bäume sind bereits zugewuchert. „Feuerdorn wächst schnell, man muss ihn regelmäßig verjüngen und auf den Stock setzen“, sagt Rottmann. Dann wirft er die Motorsäge an und schneidet die Pflanzen bis auf den Stamm zurück. Der 36-Jährige rückt dem Feuerdorn aber nicht allein zu Leibe. Thomas Kramer und Frank Blümer sägen mit, Frederik Mauel schiebt die dornigen Äste in den Häcksler. Die Motorsägen und der Häcksler, der das Häckselholz zurück in die Büsche ausspuckt, dröhnen um die Wette. Mit sogenannten Earbags an ihren Helmen schützen sich die Männer gegen den Krach.

Tobias Rottmann ist der Vorarbeiter. In seinem Gartenbau-Trupp arbeiten Menschen mit Behinderungen, angestellt sind sie bei der Gemeinnützigen Umweltwerkstatt GmbH, kurz GUW. Der Garten- und Landschaftsbaubetrieb aus Münster kümmert sich um die Pflege öffentlicher und privater Garten- und Außenanlagen. Das Inklusionsunternehmen hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich seine Marktanteile ausgebaut.

Über Bedenken hinweg

Diese Erfolgsgeschichte hängt ganz maßgeblich mit einem Mann zusammen: Thomas Pahls. 2015 verkaufte er sein florierendes Gartenbau-Unternehmen und übernahm die bis dato zur Caritas Münster gehörende GUW. Er übernahm auch die sechs GUW-Mitarbeiter, nutzte seine vielen beruflichen Kontakte, krempelte die Ärmel hoch und setzte sich über viele Bedenken in seinem Umfeld hinweg. „Weißt du, was du da tust?“, fragte ihn seine Frau anfangs.

Er wusste es. Und vor allem: Er wollte etwas vollkommen Neues, etwas Mutiges machen. Pahls sprach mit der Handwerkskammer Münster, mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und mit vielen anderen: „Ich musste erst einmal lernen, was ein Inklusionsunternehmen überhaupt ist.“ Er investierte außerdem in einen modernen Maschinenpark und schaffte Bagger, Radlader, Häcksler an. „Das ist die Grundvoraussetzung, um überhaupt entsprechende Aufträge zu bekommen“, erklärt er.

Frühere Verbindungen

Und die Aufträge kamen tatsächlich. „Da haben mir meine früheren Verbindungen sicherlich geholfen“, sagt Thomas Pahls. In den ersten zwei Jahren verdreifachte er den Personalbestand. Heute arbeiten 35 Menschen bei der GUW, 45 Prozent davon sind Menschen mit Behinderungen.
Alle sind stolz darauf, dass die Kunden des Betriebs so gut wie immer sehr zufrieden sind und es kaum Reklamationen gibt. Was Thomas Pahls besonders freut: „Unsere Leute werden kaum noch krank, der Krankenstand ist extrem gesunken.“ Für ihn ein Beweis dafür, dass das Betriebsklima gut ist.

Dazu tragen auch eingespielte Arbeitsabläufe bei. Es gibt ein Vorladeteam, das ab 6:30 Uhr alle elf Fahrzeuge nebst Anhänger belädt, es folgt eine Morgenbesprechung mit klaren Ansagen und transparenten Teamstrukturen. „Wir haben die Teams so aufgestellt, dass sie menschlich gut zusammenpassen“, erklärt Pahls. Das Ergebnis: Die Mannschaften sind gut eingespielt, alle Arbeitsabläufe klappen reibungslos.

Rüschoff steigt ein

2018 holte Pahls Christian Rüschoff als neuen Co-Geschäftsführer zur GUW. Rüschoff führte bis dato einen gut gehenden Gartenbaubetrieb mit sechs Mitarbeitern, den er sich über elf Jahre hinweg aufgebaut hatte. Pahls warb beharrlich um ihn und bot ihm den Geschäftsführer-Posten bei der expandierenden GUW an. Rüschoff sagte schließlich zu und stieg bei der GUW ein. „Ich habe es nicht bereut“, sagt er rückblickend. Klar, zunächst musste er ein Gespür dafür entwickeln, wie er die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung optimal ins Team integrieren konnte, „aber da bin ich schnell reingewachsen. Es macht Spaß, mit diesem Team zu arbeiten.“ Auch GUW-Chef Thomas Pahls ist überzeugt von seinem neuen Partner: „Christian wird die Zukunft der GUW gut gestalten!“

Das wird unter anderem mit Menschen wie Tobias Rottmann möglich, der sich vom Praktikanten zum Vorarbeiter hochgearbeitet hat. Vor gut drei Jahren kam er zur GUW. Wegen einer Luftröhrenverengung bekam er immer schlechter Luft, konnte in seinem vorherigen Beruf als Schweißer nicht weiterarbeiten und wurde arbeitslos. Er hat heute einen anerkannten Grad der Behinderung von 50. Weil er als Praktikant von Anfang an engagiert mit anpackte, bot GUW-Chef Thomas Pahls ihm eine feste Stelle an. „Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, das hat mir sicher geholfen“, sagt Rottmann. Schnell machte er sich unentbehrlich. „Vor drei Jahren kam Thomas Pahls zu mir und meinte, ich hätte Führungsqualitäten. Er fragte mich, ob ich nicht Vorarbeiter werden wollte“, erinnert sich Rottmann. Seitdem führt er ein vierköpfiges Team, „und das ganz souverän“, wie Thomas Pahls findet. Tobias Rottmann selbst ist froh, bei der GUW angefangen zu haben: „Vom Praktikanten zum Vorarbeiter – das ist doch toll!“  

Auf Augenhöhe

Dass Mitarbeiter wie Tobias Rottmann bei der GUW ihre Chancen so gut entfalten können, liegt auch am Führungsstil von Thomas Pahls und Christian Rüschoff. „Wir sind alle ein Team und begegnen unseren Leuten auf Augenhöhe“, sagt Pahls. Morgens begrüßt er jeden einzelnen Mitarbeiter per Handschlag. Und: „Hier duzt jeder jeden.“ Die beiden Chefs packen selbst mit an, und wenn etwas nicht klappt, wird das sofort besprochen. Denn die Motivation der Mitarbeiter ist für Pahls und Rüschoff das A und O eines erfolgreichen Unternehmens.

Zurück in der Grünanlage des Speditionsunternehmens: Vom Feuerdorn-Wildwuchs sind nur noch Häckselspäne übriggeblieben. Tobias Rottmann blickt zufrieden auf den Rückschnitt. Morgen wird er mit seinem Team zur nächsten Baustelle fahren. Er freut sich schon darauf.


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




Das Projekt „enterability“ unterstützt Gründerinnen, Gründer und Selbstständige mit Behinderung

Herr Radermacher, was ist enterability?

enterability ist ein Projekt der gemeinnützigen GmbH Social Impact, die unter anderem soziale Start-ups und Innovationen fördert. Wir von enterability beraten und unterstützen Menschen mit Schwerbehinderung, die in Berlin leben und sich selbstständig machen möchten oder schon länger selbstständig arbeiten. Das Besondere an uns ist, dass wir uns ganz auf das Thema Gründung mit Schwerbehinderung spezialisiert und wirklich alle Informationen dazu gesammelt haben. Vorher gab es kein vergleichbares Angebot in Berlin – bis jetzt gibt es in ganz Deutschland keins. Die Nachfrage war riesig, deshalb hatten wir von Anfang an lange Wartelisten. Eine Kollegin und ich haben enterability 2004 als Modellprojekt aufgebaut. Im Laufe der Jahre sind wir stark gewachsen. Heute arbeiten wir im Auftrag des Integrationsamts Berlin mit insgesamt sieben Beraterinnen und Beratern auf fünf Vollzeitstellen und sind der offizielle „Integrationsfachdienst Selbstständigkeit“. Deshalb ist unser Angebot auch komplett kostenlos.

Was bieten Sie an?

Unser Schwerpunkt sind individuelle Beratungsgespräche, in denen wir mit den Gründerinnen und Gründern über einen längeren Zeitraum intensiv über ihre Geschäftsidee und über ihre persönliche Situation sprechen. Zu Beginn bieten wir Infoveranstaltungen an, auf denen wir unser Projekt vorstellen, Fragen zu Fördermöglichkeiten beantworten und erklären, wie man einen Businessplan schreibt. Später im Prozess kommen Seminare hinzu, zum Beispiel zu den Themen Marketing, Buchhaltung, Steuern und Recht, aber auch zu Zeitmanagement und Selbstfürsorge. Gerade die letzten beiden werden oft vergessen, dabei sind sie für Menschen mit Behinderung noch wichtiger als für Gründerinnen und Gründer ohne Behinderung.

Welche Vorteile hat eine Selbstständigkeit für Menschen mit Behinderung?

Ein großer Vorteil ist, dass sie sich ihre Arbeitszeiten und Pausen selbst so einteilen können, dass sie am besten und effektivsten arbeiten können. Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben sie diese Freiheit oft nicht. Für viele Menschen mit Behinderung ist die Gründung deshalb die einzige Möglichkeit, wieder zu arbeiten. Wir unterstützen sie dabei.

Ist die Behinderung der Person in den Beratungsgesprächen auch sonst ein Thema?

Ja, weil das ein wichtiger Teil der persönlichen Situation ist. Der Arbeitsalltag kann in der Selbstständigkeit auch nur dann langfristig gut funktionieren, wenn er gut zum Menschen passt. Wenn jemand zum Beispiel eine Hörbehinderung hat, kommuniziert sie oder er anders mit den Kunden als ein Selbstständiger ohne Behinderung – darüber müssen wir sprechen und überlegen, was das bedeutet. Eine Gehbehinderung bringt oft mit sich, dass die Mobilität und Flexibilität etwas anders sind. Wenn jemand wegen seiner Behinderung Schmerzen hat, hat das ebenfalls Auswirkungen. Sie oder er muss vielleicht mehr Pausen einplanen oder nimmt womöglich Medikamente, die zu einer bestimmten Tageszeit müde machen. All das besprechen wir ganz offen und helfen unseren Klientinnen und Klienten dabei, die eigenen Voraussetzungen realistisch einzuschätzen. Anschließend spielen wir durch, was das im Einzelnen für den Arbeitsalltag der Person bedeutet, damit die Selbstständigkeit langfristig gut laufen kann – wie sie ihre Arbeit also behinderungsgerecht gestalten kann.

Raten Sie manchmal auch von einer Gründung ab?

Ja, zum Beispiel, wenn wir glauben, dass eine Geschäftsidee nicht funktionieren kann. Einige merken in der Beratung auch, dass eine Selbstständigkeit für sie nicht das Richtige ist. Ein Hauptgrund dafür ist, dass sie als Freiberuflerinnen oder Unternehmer mit einem gewissen finanziellen Risiko leben müssen. Das Einkommen ist nicht so regelmäßig und verlässlich wie bei einer Festanstellung. Wenn man selbstständig arbeitet, muss man sich außerdem auch um Marketing, die Buchhaltung oder das Thema Steuerrecht kümmern. Viele können den Umfang dieser Zusatzaufgaben oft erst im Laufe der Zeit richtig überblicken.

Wir helfen unseren Klientinnen und Klienten dabei, die eigenen Voraussetzungen realistisch einzuschätzen und ihre Arbeit behinderungsgerecht zu gestalten.
Manfred Radermacher von “enterability”

Wie viele der Menschen, die Sie beraten, machen sich selbstständig?

Etwa ein Drittel. Wir haben inzwischen rund 1.500 Menschen mit Behinderung begleitet, etwa 500 davon arbeiten heute hauptberuflich selbstständig. Einige andere haben ihre Geschäftsidee nebenberuflich verwirklicht oder während der Beratung eine Fortbildung angefangen, die sie in ganz andere Jobs geführt hat. Für uns ist das sehr erfreulich, denn wir wollen ja genau das erreichen: Dass die Menschen mit unserer Unterstützung und Beratung für sich persönlich die richtige Entscheidung treffen und ihren Weg machen.

Sind bestimmte Berufe bei Gründerinnen und Gründern mit Behinderung besonders beliebt?

Nein, die Bandbreite ist sehr groß. Ich würde aber sagen, dass sich die meisten hier eher „berlintypische“ Jobs aussuchen. Sie ergreifen zum Beispiel oft kreative Berufe, entscheiden sich für die Kommunikationsbranche oder machen sich in der Gesundheitsberatung selbstständig. Die meisten sind übrigens klassische „Einzelkämpfer“, wir haben bisher also kaum Gruppen begleitet, die gemeinsam gegründet haben. Und es gibt auch nur wenige Selbstständige mit Behinderung, die später Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen.

Sie sprechen mit Ihren Klientinnen und Klienten auch viel über finanzielle Unterstützungsangebote für Selbstständige. Welche Zuschüsse gibt es für Menschen mit Behinderung?

Da gibt es sehr viele Möglichkeiten. Sie können zum Beispiel bei der Agentur für Arbeit einen Gründungszuschuss beantragen, der in der Startphase die Kosten für den Lebensunterhalt deckt. Wenn ein Büro eingerichtet oder Maschinen gekauft werden müssen, kann ein Gründungsdarlehen eine gute Möglichkeit sein. Diese Starthilfe wird von staatlichen Banken oder Förderbanken angeboten. Darüber hinaus können Gründerinnen und Gründer mit Behinderung beim zuständigen Integrations- oder Inklusionsamt Zuschüsse beantragen, wenn sie für ihre Arbeit technische Ausstattung anschaffen müssen – zum Beispiel Braillezeilen, große Bildschirme oder bestimmte Software für die Arbeit am Computer mit einer Sehbehinderung. Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer wiederum müssen eventuell ihr Auto umbauen lassen. Auch das fällt unter technische Ausstattung. Es gibt auch Zuschüsse für eine Arbeitsassistenz, also für einen Gebärdensprachdolmetscher beispielsweise oder eine Begleiterin, die blinde Selbstständige auf beruflichen Reisen unterstützt, wo sie oft unbekannte Wege laufen müssen. In solchen Fällen wird genau geprüft, bei welchen Arbeitsschritten und wie viele Stunden pro Woche jemand Unterstützung benötigt.

Sie beraten auch Selbstständige mit Behinderung, die schon länger freiberuflich arbeiten. Mit welchen Fragen kommen sie zu Ihnen?

Bei diesen Gesprächen geht es oft um sehr konkrete Probleme, die zum Beispiel im Marketing, bei den Finanzen oder im Zusammenhang mit einer behinderungsbedingten Förderung aufgetreten sind. Manche kommen auch zu uns, weil sich ihre Gesundheit durch die Behinderung verschlechtert hat, sie deshalb weniger arbeiten können oder nicht mehr so mobil sind. Wir unterstützen dann mit einer gezielten Einzelberatung dabei, das Geschäftsmodell anzupassen. Und wenn jemand überhaupt nicht mehr arbeiten kann, helfen wir, das Unternehmen abzuwickeln. In solchen Fällen ist es wichtig, an alles zu denken und gut zu ordnen, damit es nicht zu einer Insolvenz kommt. Das kommt zum Glück aber nur ganz selten vor – und manchmal finden wir selbst dann noch eine Möglichkeit, an die vorher noch nicht gedacht wurde.


Porträtfoto von Manfred Radermacher

Foto: Silke Weinsheimer

Über unseren Interviewpartner

Name: Manfred Radermacher
Geburtsjahr: 1959
Arbeitsort: Berlin
Beruf: Projektleiter und Gründungsberater für Menschen mit Schwerbehinderung

Beratung und Fördermöglichkeiten für Selbstständige in der Region

Menschen mit Behinderung, die in Westfalen-Lippe wohnen und selbstständig arbeiten oder arbeiten möchten, können sich von den Fachstellen „Behinderte Menschen im Beruf“ dabei unterstützen und beraten lassen. Dort können auch direkt Zuschüsse und Darlehen beantragt werden.
Die richtigen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner und weitere Informationen findet ihr auf der Website des LWL-Inklusionsamts Arbeit.




„Unser Unternehmen ist durch die Inklusionsabteilung gewachsen“

Win-Win-Situation für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Unternehmen

Bei Kontorvier übernimmt die 2012 geschaffene Inklusionsabteilung einen Bereich, der früher extern abgewickelt wurde: Die Verarbeitung von Schaumstoff und Folien. Das bringt eine Reihe von arbeitsintensiven Handling-Arbeiten wie Packarbeiten oder die Kommissionierung mit sich.

Ein solches so genanntes Insourcing von Arbeitsschritten kann nicht nur aus Kostengründen wichtig werden. Im Falle von Habig und Krips führte es auch zu einem neuen Großkunden, der viel Wert auf die Abwicklung aus einer Hand legt. Das Unternehmen schuf 2013 die erste Inklusionsabteilung, die sich seither um die Garten-, Rasen- und Außenpflege der firmeneigenen Immobilien kümmert. Auch bei Kontorvier eröffnete die neue Inklusionsabteilung dem Unternehmen ganz neue Möglichkeiten.

Wir sind ein gutes Stück gewachsen durch den Bereich. Das ist eine echte Win-Win-Situation: Die Beschäftigten haben einen festen Arbeitsplatz und wir können Tätigkeiten anbieten, die wir vorher nicht im Portfolio hatten.
Martin Kapovits, Geschäftsführer bei Kontorvier

Stark vernetzt in der Umgebung

Beide Unternehmen werden von Jobcoach Jochen Twelker unterstützt. Mindestens zweimal pro Woche besucht er die Betriebe, spricht mit allen Beteiligten und stellt bei Bedarf auch Kontakte zu den Integrationsfachdiensten oder anderen Institutionen her. 

Auch die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter Bielefeld funktioniert gut. Die Stadt Bielefeld hat bei der Vergabe von Aufträgen einen Vermerk eingeführt, der die Entscheider dazu bewegt, ein besonderes Augenmerk auf die Auftragslage zu stellen – und somit Inklusionsbetriebe und -abteilungen zu berücksichtigen. Zukünftig soll das per Gesetz verbindlich für alle öffentlichen Einrichtungen Pflicht werden.

Ich kenne die Integrationsfachdienste schon seit 30 Jahren und die Betriebe seit ihrer Gründung. Wir sind hier sehr eng vernetzt. Und dadurch, dass allein in dieser Straße drei Betriebe mit Inklusionsabteilungen liegen, können wir auch immer passende Praktikumsstellen vermitteln.
Jochen Twelker, freiberuflicher Jobcoach

Unterschiedliche Arbeitszeit-Modelle

Sowohl Kontorvier als auch Habig und Krips beschäftigen hauptsächlich Menschen mit psychischen Erkrankungen. Kontorvier bietet seinen Angestellten dabei besonders flexible Arbeitszeiten, sodass viele Angestellte je nach persönlicher Präferenz zur Arbeit erscheinen können. Das kommt besonders Beschäftigten entgegen, die bedingt durch Medikamente morgens oder abends nicht fit sind.

Jochen Twelker spielt Doppelkopf mit Martin Kapovits und Karl-Heinz Wohletz von der Kontorvier GmbH.
Von links nach rechts: Jochen Twelker (freiberuflicher Jobcoach), Martin Kapovits (Kontorvier) und Karl-Heinz Wohletz (Kontorvier) liegt Inklusion mindestens genauso am Herzen wie ihre wöchentliche Doppelkopfrunde. Foto: LWL/Kopfkunst

Bei Habig und Krips hat sich in einer der drei Inklusionsabteilungen ein gänzlich anderes Modell bewährt: strikte Arbeitszeiten ohne Überstunden und feste Pausen, die den Angestellten eine feste Struktur und Sicherheit bieten. Die Unternehmensgruppe bietet ihren mehr als 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit und ohne Behinderung außerdem viele Extras, zum Beispiel eine Gesundheitsmanagerin, wöchentliche Obstkörbe, freies Mineralwasser und Kaffee und viele Mitarbeiterrabatte. Genauso wichtig für die Zufriedenheit aller Angestellten sind die regelmäßigen Gespräche, in denen Schwierigkeiten möglichst früh angesprochen und gelöst werden sollen. Das Konzept geht auf, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fühlen sich offenbar wohl im Unternehmen.

Einige unserer Beschäftigten mit Behinderung nun schon seit dem Start der Inklusionsabteilungen dabei. Wir haben zum Beispiel einen Mitarbeiter, der über ein Praktikum und eine Probebeschäftigung auf einen Inklusionsarbeitsplatz kam. Mittlerweile ist er technischer Betriebsleiter und nicht mehr wegzudenken. Neben dem betrieblichen Wachstum sind es solche persönlichen Erfolgsgeschichten, die uns sagen: Es lohnt sich!
Heidi Emmerich, Ansprechpartnerin für die Inklusionsabteilung bei Habig und Krips

Porträtfoto von Martin Kapovits

Foto: LWL/Kopfkunst

Über Martin Kapovits

Der Geschäftsführer von Kontorvier engagiert sich an der Spitze seines Betriebs für die Inklusion. Das Unternehmen verarbeitet Schäume, Folien und Luftpolsterfolien. Die Inklusionsabteilung besteht seit 2012 und kümmert sich um die Kommissionierung, das Handling und die Packarbeiten der Produkte.

Porträtfoto von Jochen Twelker

Foto: LWL/Kopfkunst

Über Jochen Twelker

Der freiberufliche Jobcoach arbeitet seit Jahren für das LWL-Inklusionsamt Arbeit und unterstützt Firmen wie Habig und Krips oder Kontorvier bei der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung. Er ist regelmäßig vor Ort, um gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und den Unternehmen die Zusammenarbeit optimal zu gestalten.

Porträtfoto von Heidi Emmerich

Foto: LWL/Kopfkunst

Über Heidi Emmerich

Die Industriekauffrau arbeitet seit 15 Jahren bei Habig und Krips, einer Firmengruppe mit acht eigenständigen Unternehmen aus der Verpackungsindustrie. Seit 2013 beschäftigt das Unternehmen Menschen mit Behinderungen – inzwischen sind es 25 – und unterstützt so die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsleben.


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




Wie eine große Familie

Es duftet nach Tomatensauce und gebratenem Hackfleisch. In der Auslage der knallig-roten Theke dampfen gefüllte Paprika. Die Kantine der Integrationsküche Nordkirchen rüstet sich für den großen Ansturm. Jetzt, um kurz nach halb zwölf, ist es noch ruhig, aber das wird sich in der nächsten Stunde ändern.
Torsten Wißmann und einige seiner Kollegen nutzen die Zeit und essen das, was sie in den Stunden zuvor selbst gekocht haben. Der 38-Jährige, der aus der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) des Caritasverbandes in Nordkirchen zur Integrationsküche wechselte, gehört zu den Mitarbeitern mit Behinderung und arbeitet seit Mai 2016 auf einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz.

Sie mögen ihn hier sehr, er gilt als ruhig, zuverlässig und eigentlich immer gut gelaunt. Wenn Torsten Wißmann morgens um 7:30 Uhr seinen Dienst antritt, weiß er genau, was zu tun ist. Lebensmittel heranschaffen, Gemüse oder Fleisch anbraten, in großen Töpfen umrühren, später auch spülen oder mit einem der Elektro-Fahrzeuge Essen auf dem weitläufigen Gelände der Vestischen Caritas-Kliniken, zu der die Integrationsküche gehört, ausfahren. Bis 14:30 Uhr dauert Wißmanns Arbeitstag, dann hat er Feierabend. Für ihn ist die Arbeit aber keine Last, ganz im Gegenteil: „Ich koche sehr gerne, deswegen finde ich meinen Job auch so gut.“ Die Kolleginnen und Kollegen sind für ihn, so sagt er, „wie eine große Familie.“

Niemand wird überfordert

So etwas hört Thomas Pliquett gerne. Er ist Kaufmännischer Direktor der zum Gesamtkomplex gehörenden Trägerschaft Vestische Caritas Kliniken Kinderheilstätte und Geschäftsführer der Integrationsküche Nordkirchen. „Wir schauen genau hin, wie belastbar der einzelne Mitarbeiter ist“, sagt Pliquett. Niemand soll überfordert werden.

Seit Anfang 2016 gibt es die Integrationsküche Nordkirchen. „Früher hatten die Einrichtungen ihre eigenen kleinen Küchen, das war alles nicht mehr kostendeckend. Man braucht heute gut 1.500 Essen täglich, um wirtschaftlich zu sein. Wir hatten hier in Nordkirchen nur 500“, so Pliquett. Man habe vor der Entscheidung gestanden: „Bauen wir eine neue Großküche, die leistungsfähiger ist als die bisherigen zusammen, oder lassen wir es?“

Auf Expansionskurs

Die neue Küche wurde gebaut, auch weil sich neben der Muttergesellschaft Institutionen wie das NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, das LWL-Inklusionsamt Arbeit, die Stiftung Wohlfahrtspflege NRW und die Aktion Mensch finanziell engagierten. Während der Planungsphase wurde Thomas Pliquett durch die Betriebswirtschaftliche Beratungsstelle für Inklusionsbetriebe bei der Handwerkskammer Münster unterstützt. Pliquett und seine Kollegen schauten sich andere Großküchen an, recherchierten die technischen Notwendigkeiten, kalkulierten das Investitionsvolumen – und machten sich dann an die Kundenakquise. Klar war, dass die neue Integrationsküche die Kinderheilstätte versorgen sollte, aber auch weitere Einrichtungen in Nordkirchen wie die Gesamtschule, Kindergärten oder die Werkstatt des Caritasverbandes für den Kreis Coesfeld in Nordkirchen.

Der Start 2016 mit 850 Essen war gut, aber noch ausbaufähig. 2019 kamen weitere Werkstätten aus dem Caritas-Verbund in Lüdinghausen und Lünen sowie die Vestische Kinder- und Jugendklinik in Datteln, die zum Trägerverbund gehört, hinzu. „Heute sind wir bei 1.600 Essen täglich“, sagt Thomas Pliquett. „Das ist dann auch die Grenze für einen Ein-Schicht-Betrieb.“ Schließlich müssten sich alle Mitarbeiter zurechtfinden. Auch deren Zahl ist gestiegen. Waren es vor kurzem noch 25, werden es bald 33 sein, 16 davon sind Menschen mit Behinderungen. In der Integrationsküche arbeiten Menschen mit geistiger, psychischer und körperlicher Behinderung Seite an Seite mit Menschen ohne Handicap. „Wir schauen vor allem auf die individuelle Qualifikation“, deshalb sind die jeweiligen Teams auch sehr gemischt.

Betriebswirtschaftlich organisiert

Natürlich steht die Integrationsküche Nordkirchen in einem harten Wettbewerb. Sie ist streng betriebswirtschaftlich organisiert; vom Betriebsleiter über den Küchenchef, die Köche und Wirtschafterinnen bis zu den Küchenhilfen und Fahrern. Sogar eine Diätassistentin wird beschäftigt. Und selbstverständlich bietet die moderne Großküche auch regionale, vegetarische und vegane Essensalternativen an.

Mit drei Transportern liefern Torsten Wißmanns Kollegen täglich die Mahlzeiten aus, jedes Auto beladen sie mit 350 Essen, gut verpackt in Thermoporten. „Der Preis bei uns ist etwas höher als bei den Branchenriesen, ­aber dafür ist das Essen auch regionaler“, sagt Thomas Pliquett. Und sehr geschmackvoll. „Wir wollen zufriedene Kunden haben, gute Qualität ist da entscheidend. Ein Mittagessen für zwei Euro können wir deshalb nicht bieten“, so Pliquett.

Menschliches Maß

Auch einer Expansion um jeden Preis erteilt der Kaufmännische Direktor eine Absage. „Wir wollen in unserem Kerngebiet bleiben. Ein 25-Kilometer-Radius ist in Ordnung, mehr aber nicht“, sagt Pliquett. Und fügt hinzu: „Wir sind und bleiben die regionale Großküche für Nordkirchen und Umgebung.“ Überhaupt hat in der Integrationsküche alles ein menschliches Maß. Eine Pädagogin steht den Beschäftigten mit Behinderungen bei Bedarf als Ansprechpartnerin zur Verfügung, Probleme werden möglichst sofort geklärt. Auch der Krankenstand der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderungen ist nicht höher als bei der übrigen Belegschaft.

Torsten Wißmann ist ebenfalls nur sehr selten krank. Es gefällt ihm in Nordkirchen. Woanders zu arbeiten, kann er sich nicht vorstellen. Nur sein Lieblingsessen vermisst er manchmal, denn das gibt es in der Integrationsküche nicht so häufig: „Sauerbraten mit Königsberger Klopsen.“


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




Zweites Leben für Laptop und Co.

Jutta Dieckmann sitzt an ihrem Schreibtisch in der geräumigen Aufbereitungshalle der AfB an der Otto-Stadler-Straße in Paderborn. Mit einem Heißluftfön löst sie Etiketten und Aufkleber von Netzteilen und Adaptern. „Ich sortiere die Netzteile nach Hersteller und Amperezahl“, erklärt sie. Neben ihrem Tisch stehen mehrere Kisten. Sind sie voll, werden sie ins Lager gebracht oder an eine andere AfB-Filiale verschickt.

Perfekt getaktetes System

Jutta Dieckmann und ihre Kollegen arbeiten nach einem bis ins Detail organisierten und perfekt getakteten System von Abholung, Datenvernichtung, Aufbereitung, Wiedervermarktung und Entsorgung von IT- und Mobilgeräten. Die AfB gilt als Europas erstes und größtes gemeinnütziges IT-Unternehmen – und befindet sich weiter auf strammem Wachstumskurs. Der Betrieb ist darauf spezialisiert, ausgemusterte IT-Geräte von Unternehmen, Versicherungen, Banken und öffentlichen Einrichtungen zu übernehmen und dabei so viele Geräte wie möglich wieder zu vermarkten. 

Der vom LWL geförderte Inklusionsbetrieb bearbeitet jährlich mehr als 360.000 Geräte, die er von mehr als 700 Unternehmen zur Verfügung gestellt bekommt. Menschen mit Behinderung wie Jutta Dieckmann stellen fast die Hälfte der gut 380 Beschäftigten, am Standort Paderborn sind es 16 von 33 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Einige Mitarbeiterinnen und ein junger Praktikant posieren in einer Reihe in der Halle der AfB für die Kamera. Links im Bild ist die Mitarbeiterin Jutta Dieckmann zu sehen.
Fast die Hälfte der Beschäftigten der AfB haben eine Behinderung. Eine von ihnen ist Jutta Dieckmann (links), hier mit einigen Kolleginnen und einem Praktikanten in der Halle der AfB. Foto: LWL/Paul Metzdorf

Nachhaltiges Geschäftsmodell

Der Markt für diesen Wiederverwendungskreislauf ist größer, als man meint. „Wir arbeiten mit Konzernen wie Thyssen-Krupp, RWE oder Siemens zusammen, aber auch mit regionalen Firmen, Behörden und Institutionen“, sagt Monika Braun. Die AfB-Prokuristin spricht dabei stets von „Partnern“. Und denen kann die AfB durchaus etwas bieten.

„Sämtliche Datenträger werden im Rahmen eines zertifizierten Prozesses nach höchsten Sicherheitsstandards gelöscht oder geschreddert. Die Geräte werden per IT-Sicherheitstransport durch unser eigenes Personal mit unserem eigenen Fuhrpark abgeholt und zur nächstgelegenen AfB-Niederlassung transportiert“, erläutert Monika Braun. Neben der Datenvernichtung werden die Geräte erfasst, getestet, gereinigt, mit neuer Software bespielt und anschließend verkauft – mit bis zu drei Jahren Gewährleistung. Nicht mehr vermarktbare Hardware wird unter höchsten ökologischen Standards zerlegt und recycelt. Der ursprüngliche Eigentümer der Geräte erhält alle relevanten Nachweise zur Datenvernichtung.

Fujitsu-Aus als Chance

Der Leiter der Paderborner AfB-Niederlassung, Dietmar Mormann, hat alle Arbeitsschritte im Blick. Er kam 2018 vom japanischen Technologiekonzern Fujitsu, als der sein Werk in Paderborn dicht machte. „Ich hatte schon vorher AfB-Gründer Paul Cvilak kennengelernt“, sagt Mormann. „Damals haben wir noch über eine mögliche Kooperation von Fujitsu und AfB gesprochen.“ Dann kam die Schließung des Fujitsu-Standorts. Mormann begriff das als Chance, die AfB nach Paderborn zu holen. „Wir haben dann eine Ausschreibung von Fujitsu gewonnen, eine weitere von Diebold Nixdorf, und dann ging alles ganz schnell“, sagt Mormann.

Man fand mit einer 3.200 Quadratmeter großen Halle eines ehemaligen Schulbuch-Verlags eine optimale Immobilie. Der neue Niederlassungsleiter brachte gleich noch eine ganze Reihe ehemaliger Fujitsu-Kollegen mit. „Wir haben 2018 mit zwölf Leuten hier angefangen“, erzählt Mormann. Um dann personell rasch aufzustocken. „Paderborn mit seinen IT-Unternehmen hat einfach das Potenzial.“

Echter Wettbewerbsvorteil

Eine Zusammenarbeit mit der AfB ist nicht nur gut für das soziale und ökologische Gewissen, sie kann ein echter Wettbewerbsvorteil sein. „Das durch eine Partnerschaft mit der AfB gezeigte gesellschaftliche Engagement kann am Point-of-Sale unserer Partner kommuniziert und somit als Vertriebsvorteil genutzt werden“, heißt es auf einem Imageflyer des Unternehmens. Der Zusatz „social & green IT“ im Firmentitel weist darauf hin. Sozial ist die inklusive Ausrichtung der AfB, grün sind etwa Einsparungen von CO2, Rohstoffen und Energie durch die Wiederverwertung der IT-Geräte.

Die AfB-Beschäftigten in Paderborn haben zum Teil seelische, körperliche, Seh- oder Hörbehinderungen. Einer von ihnen ist Martin Gasse, der die Verteilung der Hardware am Wareneingang organisiert. Dort werden die firmeneigenen Transporter entladen. „Ich sortiere und erfasse die hereinkommenden Geräte“, sagt er.

Blick in die große Lagerhalle der AfB in Paderborn.
Die 3.200 Quadratmeter große Halle der AfB in Paderborn, das eines der ersten und zugleich größten gemeinnützigen IT-Unternehmen Europas ist. Foto: LWL/Paul Metzdorf

Hauseigenes Warenwirtschaftssystem

Bernd Schmelter kümmert sich um die Detailerfassung im hauseigenen Warenwirtschaftssystem. Und er schaut, ob die Datenlöschung tatsächlich vollständig erfolgt ist: „Ich bin so etwas wie die letzte Instanz.“ Thomas Müller wiederum löscht Server. Gut und gerne 20 pro Tag. Dann sortiert er sie und macht die Enderfassung für den Verkauf. Für ihn ein Traumjob: „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, woanders zu arbeiten.“

Die aufbereiteten Server, PCs, Notebooks, Bildschirme, Drucker und Handys werden teilweise im Shop zum Verkauf angeboten. Zum Beispiel von Andy Swanston. Zu seinen Kunden zählen Privatpersonen, vor allem auch ältere Menschen, ebenso wie Steuerberater oder Zahnarztpraxen. Was sie alle am AfB-Shop schätzen, ist die ausführliche und persönliche Beratung. „Und sollte ein Käufer mit seinem Gerät daheim nicht klarkommen, dann fahren wir vorbei und helfen ihm“, sagt Niederlassungsleiter Dietmar Mormann.

Das AfB-Konzept baut auf flache Hierarchien. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter duzen sich, vom Firmengründer bis zum Praktikanten. Es gibt eine Niederlassungsleitung, eine Technische Leitung und die Teams – mehr nicht. Im Sommer wird oft gemeinsam gegrillt, der Zusammenhalt ist groß. Mehrmals im Jahr schaut auch AfB-Gründer Paul Cvilak in Paderborn vorbei. Er kennt fast alle Beschäftigten persönlich und nimmt sich Zeit für Gespräche. Seine Vision von 2004 ist längst Wirklichkeit geworden. In Paderborn und anderswo an einem der mittlerweile 18 Standorte in fünf europäischen Ländern.


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).




Das Modellprojekt „CASCO – vom Case zum Coach“

Frau Vieweg, Sie setzen sich mit Ihrer Interessenvertretung für das selbstbestimmte Leben von Menschen mit Behinderung ein. Mit dem Projekt CASCO engagieren Sie sich im Bereich Weiterbildung. Warum ausgerechnet dort?

Weil es ein zentraler Grundsatz menschenrechtsorientierter Behindertenpolitik ist, dass Menschen mit Behinderung als Expertinnen und Experten in eigener Sache auftreten und an Beteiligungsprozessen teilnehmen können. Im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention (kurz: „UN-BRK“) müsste das längst Standard sein. Leider werden viele Weiterbildungen im Bereich der Behindertenarbeit, zum Beispiel Workshops in Unternehmen zum Thema Barrierefreiheit, nach wie vor nicht von Menschen mit Behinderung geleitet. Sie werden höchstens am Rande als Mitwirkende eingesetzt.

Zugleich haben wir die Situation, dass den Trägern von Weiterbildungsangeboten der Zugang zu entsprechenden Kräften fehlt. Sie finden also oft niemanden, selbst wenn sie explizit Referentinnen und Referenten mit Behinderungen für ihre Veranstaltungen suchen. Nicht zuletzt gibt es auch noch eine weitere Leerstelle: Bislang gibt es kein Angebot für angehende Expertinnen und Experten mit Behinderung, sich qualifiziert und auf Grundlage der UN-BRK zu fachlich kompetenten Referentinnen und Referenten weiterbilden zu lassen. Das müsste aber dringend gegeben sein, damit die Belange von Menschen in der Politik auch tatsächlich berücksichtigt werden können – und genau hier setzen wir mit CASCO an.

Was ist das Ziel des Modellprojekts – und was haben Sie schon erreicht?

Wir haben im Rahmen von CASCO ein Curriculum, also einen Ausbildungsplan für die gezielte Qualifizierung von Menschen mit Behinderungen erarbeitet. Damit können diese sich zu Referentinnen und Referenten für eine menschenrechtsbasierte Behindertenpolitik ausbilden lassen. Innerhalb des Projekts haben wir auf dieser Grundlage auch schon mehrere Menschen ausgebildet, das Curriculum also schon praktisch erprobt. Außerdem haben wir einen Pool aus Expertinnen und Experten in eigener Sache aufgebaut.

An wen genau richtet sich CASCO, wer kann sich innerhalb des Projekts also zum Coach ausbilden lassen?

Zum einen wollen wir Menschen mit Schwerbehinderungen mit unserem Angebot ansprechen, die sich bisher schon ehrenamtlich engagiert haben. Für sie kann es eine interessante Option sein, sich als Referentin oder Referent zu qualifizieren, denn damit steigen anschließend die Chancen auf eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung – oder die Weiterbildung ebnet den Weg in die Selbstständigkeit. Darüber hinaus liegt unser Fokus auch auf Menschen mit Schwerbehinderungen, die bereits als Fachkräfte arbeiten und sich zusätzlich weiterbilden wollen. Und wir wollen nicht zuletzt auch diejenigen ansprechen, die schon als Referentinnen oder Referenten arbeiten oder gearbeitet haben, ihr Wissen vertiefen und damit ihre Beschäftigung nachhaltig sichern wollen.

Wie werden CASCO-Referentinnen und -referenten bei Ihnen ausgebildet?

Im Projekt, das im letzten Jahr seiner Laufzeit ist, haben wir je 16 Menschen in zwei Durchgängen mit zwei Präsenzseminaren ausgebildet. Zwischen den beiden Seminaren mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeweils einen Selbstlernanteil belegen. Anschließend wurden sie in der praktischen Phase der Ausbildung erstmals als Referentin oder Referent eingesetzt.

Was ist an Ihrer Qualifizierung anders als an anderen Ausbildungsgängen?

Wir legen ein menschenrechtliches Verständnis von Behinderung zugrunde, das allein ist sicherlich anders als in anderen Programmen. Außerdem legen wir großen Wert darauf, barrierefreie Methoden und Materialien anzubieten. Die Art, wie Vorträge oder Workshops präsentiert werden, ist bei uns ebenfalls an die Belange von Menschen mit Behinderung angepasst. Und der Anteil der Ausbildung, bei dem die Teilnehmenden sich selbst Wissen erarbeiten mussten, behandelt rechtliche Themen, umfasst den Begriff der Selbstbestimmung samt dessen Geschichte und geht auf die vielfältigen Lebenswelten von Menschen mit Behinderung ein. All das gibt es in anderen Lehrgängen so nicht.

Wenn die Referentinnen und Referenten ihre Ausbildung abgeschlossen haben, können sie als Fachleute arbeiten. Wer bucht sie und wie werden sie dafür bezahlt?

Beauftragt werden sie zum Beispiel von Bildungsträgern, Behinderten- und Wohlfahrtsverbänden, Organisationen oder Parteien. Von diesen Auftraggebern bekommen sie für ihre Tätigkeit ein Honorar. Im Modellprojekt haben wir als Grundlage dafür eine Honorartabelle entwickelt, damit die Bezahlung fair, angemessen und transparent ist und bleibt.

Wie sieht der Alltag der Referentinnen und Referenten aus?

In der Regel haben sie schon einen anderen Beruf und arbeiten zusätzlich als Referentin oder Referent. Dabei haben sie ganz unterschiedliche Schwerpunktthemen, was toll ist. Ein Beispiel: Eine Organisation sucht eine Referentin, weil sie ihre Beschäftigten in einem Workshop zum Thema Barrierefreiheit qualifizieren lassen möchte. CASCO sucht eine passende Referentin aus ihrem Pool und stellt den Kontakt her – oder die Organisation hat darüber bereits selbst eine passende Expertin oder einen Experten bei uns gefunden und kontaktiert sie oder ihn direkt.

Welche Rückmeldungen haben Sie bisher zu den Workshops erhalten, die von den CASCO-Referentinnen und -Referenten geleitet wurden?

Aus den praktischen Einsätzen haben wir schon viel sehr positives Feedback bekommen. Viele Bildungsanbieter schätzen vor allem das authentische Auftreten der Referentinnen und Referenten. Wenn zum Beispiel über das Teilhaberecht diskutiert wird, hat es ein anderes Gewicht, wenn jemand als Expertin oder Experte in eigener Sache darüber spricht, also glaubhaft die Sicht eines Menschen mit Behinderung in der Runde vertritt. Damit wird zugleich ein wichtiges Ziel in der gesellschaftlichen Kommunikation zum Thema erreicht: Es wird nicht, wie so oft, nur über Menschen mit Behinderung gesprochen, sondern mit ihnen – und sie kommen auch selbst zu Wort. Dadurch findet ein echter Perspektivenwechsel statt.

Wie wird CASCO finanziert?

Aus Mitteln des Bundesausgleichsfonds. Dieses Budget läuft Ende 2020 aus. Das Curriculum für die Ausbildung und der Referentinnen- und Referentenpool, den wir nach und nach weiter ausbauen, werden aber auch danach weiter zur Verfügung stehen. So können sich Menschen mit Behinderungen auch über unser Projekt hinaus zu Referentinnen und Referenten qualifizieren lassen – dann gerne auch von anderen Anbietern.


Porträtfoto von Barbara Vieweg

Foto: ISL e. V.

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Barbara Vieweg
Geburtsjahr: 1960
Wohn-/Arbeitsort: Jena/Berlin
Beruf: Diplom-Philosophin
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: ist selbst wegen einer Gehbehinderung schwerbehindert

Die „Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e. V. (ISL)“

Im Jahr 2017 entschied der Teilhabebeirat des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, das Modellprojekt „CASCO – Vom Case zum Coach“ zu fördern. Den Antrag dafür reichte die „Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e. V. (ISL)“ ein.
Diese Organisation wurde im Jahr 1990 von mehreren Frauen und Männern mit Behinderung in Erlangen gegründet. Die Mitglieder des Vereins wollen durch ihr eigenes Beispiel und Engagement anschaulich zeigen, dass eine Behinderung kein Hindernis für eine selbstbestimmte und eigenständige Lebensführung ist.
Der Unterschied zu anderen Einrichtungen liegt also darin, dass die Organisation den Begriff „Behinderung“ nicht als Defizit oder aus einer medizinischen Perspektive definiert, sondern ihn als Menschenrechtsthema begreift.

In Deutschland arbeiten unter dem Dach des Vereins insgesamt 26 „Zentren für Selbstbestimmtes Leben“ (kurz: „ZsL“) als Beratungsstellen von und für Menschen mit Behinderung.




Vier Fragen an… Gregor Doepke, kommmitmensch-Kampagne

#1: Herr Doepke, wen möchten Sie mit Ihrer Kampagne ansprechen – und was möchten Sie erreichen?

„kommmitmensch“ richtet sich an Betriebe und öffentliche Einrichtungen. Unser Ziel ist es, dort für sichere Arbeitsplätze der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu sorgen und ihnen dabei zu helfen, gesund zu bleiben. Damit das gelingt, müssen alle im Unternehmen dieses Thema im Kopf haben: Wie können wir schwere oder sogar tödliche Arbeitsunfälle vermeiden? Wie können wir aus Fehlern lernen und was können wir tun, damit sie gar nicht erst passieren? Leben auch die Vorgesetzten im Unternehmen vor, dass ihnen Sicherheit und Gesundheit wichtig sind? Unsere Kampagne besteht nicht nur aus einzelnen Aktionen, sondern soll einen echten Kulturwandel in möglichst vielen Betrieben anstoßen.

#2: Wie unterstützen Sie Betriebe und Organisationen bei diesem „Kulturwandel“?

Oft beginnt damit ein längerer Prozess, den die Mehrzahl der Beteiligten aber als spannend empfinden und für den sie gerne bereit sind, sich zu engagieren. Ein Beispiel: Wir stellen auf unserer Website eine Toolbox bereit, also eine Art „Werkzeugkasten“ zum Mitmachen. Darin sind etwa ein Arbeitsposter und Fragekarten für den „kommmitmensch-Dialog“ enthalten. Die Fragekarten werden gern genutzt und sind dazu gedacht, im Team eines Betriebs oder innerhalb einer Gruppe von Vertreterinnen und Vertretern der Abteilungen ein Gespräch anzuregen: Wo wünscht sich wer welche Veränderungen? Welche Verbesserungsmöglichkeiten sehen die Beteiligten – und wo genau?
Mit den Karten und unseren anderen kostenfreien Tools können Betriebe herausfinden, welchen Stellenwert Sicherheit und Gesundheit in ihrer Unternehmenskultur aktuell schon haben.
Dabei kann manchmal herauskommen, dass die Verantwortlichen erst dann reagieren, wenn schon ein Unfall passiert ist – das wäre im Sinne der Prävention zu spät, dann sollten im Betrieb möglichst schnell entsprechende Veränderungen angestoßen werden. Vielleicht kümmern sich aber auch schon jetzt alle Verantwortlichen im Betrieb gemeinsam darum, dass es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern richtig gut geht und sie sich wohl fühlen. Das wäre der Optimalzustand. Dafür muss ein Unternehmen zwar einiges investieren, aber es gewinnt dabei auch: gesunde und zufriedene Mitarbeiter nämlich. Und die schaffen erwiesenermaßen mehr und leisten bessere Arbeit.

#3: Welche Rolle spielt das Thema Barrierefreiheit am Arbeitsplatz bei Ihrer Kampagne?

Die Schwerpunkte von „kommmitmensch“ sind zwar Gesundheit und Sicherheit, diese Themen hängen aber sehr eng mit Barrierefreiheit zusammen. Menschen mit einer Behinderung oder einer chronischen Erkrankung brauchen als „Grundausstattung“ ohnehin erst einmal eine barrierefreie Arbeitsumgebung, damit sie ihren Job überhaupt machen können und erfolgreich sind. Ein gemeinsames Arbeiten auf Augenhöhe trägt zu einem guten Betriebsklima bei – und das ist sehr wichtig, um gesund zu bleiben.
Das gleiche gilt übrigens auch für Veranstaltungen wie etwa Messen oder Seminare. Auch die müssen barrierefrei gestaltet sein, damit wirklich jeder teilnehmen und sich einbringen kann. Viele Organisatorinnen und Organisatoren haben bei der Planung vor allem die Gäste ihrer Veranstaltungen im Blick. Wir raten dazu, unbedingt auch an die Menschen zu denken, die auf der Bühne eine Aufgabe übernehmen: Gibt es Headsets für die Vortragenden, die kein Mikrofon festhalten können? Stehen höhenverstellbare Stehpulte und nicht zu steile Rampen für Menschen mit Rollstuhl bereit? Solche und viele andere Tipps haben wir in einer Broschüre zusammengetragen, die kostenlos bei uns heruntergeladen werden kann.

#4: Ihrer Erfahrung nach: Haben Veranstalterinnen und Veranstaltern das Thema Barrierefreiheit schon gut im Kopf – oder sehen Sie noch Verbesserungsbedarf?

Viele haben das Thema ganz gut im Blick, es gibt aber immer noch einiges zu tun. Die Branchenstudie „Meeting- und Event-Barometer“ zum Beispiel hat untersucht, wie barrierefrei Kongresse, Messen und Freizeitveranstaltungen – zum Beispiel Konzerte – gestaltet sind.
Das Ergebnis: Nur 35 Prozent der Organisatorinnen und Organisatoren, die für die Studie befragt wurden, schätzen ihr Angebot als vollkommen barrierefrei ein. Dabei muss man aber eines bedenken: Viele haben beim Stichwort ‚Barrierefreiheit‘ vor allem bauliche Begebenheiten im Kopf, die aber erst einmal nur für Menschen wichtig sind, die mit dem Rollstuhl oder einer Gehhilfe unterwegs sind. Menschen mit Hör- oder Sehbehinderung werden dabei oft vergessen, genauso wie Menschen mit geistiger Behinderung. Wir möchten auch hier mit unserer Broschüre ein wenig Aufklärungsarbeit leisten und einen Überblick geben, welche Barrieren bei Events entstehen und wie Veranstalterinnen und Veranstalter sie beseitigen können.

Porträtfoto von Gregor Doepke

Foto: DGUV/Wolfgang Bellwinkel

Über unseren Interviewpartner

Name: Gregor Doepke
Geburtsjahr:
1960
Wohn- und Arbeitsort:
Berlin
Beruf:
Pressesprecher und Leiter des Bereichs Kommunikation der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV)
Persönlicher Bezug zum Thema Behinderung:
Im Jahr 2004 brachte Gregor Doepke die Paralympics Zeitung auf den Weg. Später initiierte er den Film „GOLD – Du kannst mehr, als du denkst“, ein Porträt über drei paralympische Sportler, mit. Er ist seit 2016 Mitglied des Kuratoriums des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) und seit 2019 ergänzendes Mitglied im Vorstand des Deutschen Rollstuhlsportverbandes (DRS).

Die Kampagne

kommmitmensch

Das Konzept für die Kampagne wurde von mehreren deutschen Berufsgenossenschaften und Unfallkassen gemeinsam entwickelt. Das Ziel: Betriebe, öffentliche Einrichtungen und Bildungseinrichtungen sollen gezielt und praktisch dabei unterstützt werden, Sicherheit und Gesundheit in ihren Organisationen zu etablieren.
Ein wichtiger Ausgangspunkt dafür ist die so genannte „Vision Zero“, also die Vision einer Welt ohne Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen. An erster Stelle steht, tödliche oder schwere Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten zu vermeiden. Die kommmitmensch-Kampagne soll in diesem Zusammenhang eine neue Präventionskultur schaffen und Menschen dafür begeistern, Sicherheit und Gesundheit als zentrale Werte bei ihren Entscheidungen und Aktivitäten zu berücksichtigen. Sie setzt daher auf Aktionen, die Menschen verbinden und zum Mitmachen anregen.




Den Traumjob gefunden

Frau Jordan, das PROMI-Projekt unterstützt Menschen wie Sie, die mit einer Schwerbehinderung leben, bei der Promotion. Wie sind Sie auf die Initiative aufmerksam geworden?

Ich habe einen Aushang im Flur des Instituts gesehen und eine Professorin darauf angesprochen. Für mich passten Zeitpunkt und Aufgabenbereich optimal zusammen. Es war schon immer ein Traum von mir, selbst an der Uni zu unterrichten und zu forschen.

Hätten Sie auch ohne PROMI promoviert?

Höchstwahrscheinlich nicht. Ich habe durch einen Zeckenbiss eine Borreliose bekommen, das hat damals zu einer inkompletten Querschnittlähmung geführt. Seither lebe ich mit Rollstuhl. Bis zum damaligen Zeitpunkt hatte ich im Uni-Umfeld noch nie eine Dozentin oder einen Dozenten mit einer Behinderung gesehen. Deshalb hätte mir das selbst auch erst einmal nicht zugetraut.

Warum haben Sie gezweifelt, dass Sie mit einer Behinderung eine Karriere als Forscherin einschlagen können?

Weil in den Köpfen vieler Menschen immer noch sehr viele Vorurteile vorhanden sind. Es geht nicht einfach an einem vorüber, wenn man plötzlich selbst in diese „Schublade“ fällt – und dadurch zweifelt man schneller. Heute kenne ich mehrere „rollende“ Professorinnen und Professoren, die sind für mich wichtige Vorbilder. Die Qualität, die sie in der Forschung und der Lehre bringen, ist durch ihre (Geh-)Behinderung nicht eingeschränkt. Wieso sollte das auch so sein? Es macht keinen Unterschied, ob lehrende oder forschende Menschen eine Seh- oder Hörbehinderung, eine chronische Erkrankung oder eben eine andere körperliche Behinderung haben. Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen und die Antidiskriminierungsgesetze in Deutschland haben in den letzten Jahren auch dazu geführt, dass Universitäten in der Regel gut mit dem Rollstuhl befahrbar sind. Dadurch hat sich für Menschen wie mich, die rollend unterwegs sind, vieles verbessert und vereinfacht.

Wie kam es dazu, dass Sie sich für das PROMI-Projekt beworben haben?

Als ich vor zehn Jahren plötzlich auf einen Rollstuhl angewiesen war, hat sich mein Leben um 180 Grad gedreht. Ich hatte damals gerade mein Diplom-Studium in Sozialarbeit und -pädagogik erfolgreich abgeschlossen. Wenige Monate später bekam ich einen neuen Borreliose-Schub. Danach spürte ich meine Beine nicht mehr. Fast alle Stellenanzeigen für Berufsanfänger setzten damals aber „Mobilität“ voraus, viele waren im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe ausgeschrieben. Eine Sozialarbeiterin, die nicht stehen oder umherlaufen kann – das schien kaum denkbar. So bin ich mit ausgezeichnetem Diplom erst einmal in Hartz IV gelandet.

Heute kenne ich mehrere „rollende“ Professorinnen und Professoren, die sind für mich wichtige Vorbilder. Die Qualität, die sie in der Forschung und der Lehre bringen, ist durch ihre (Geh-)Behinderung nicht eingeschränkt. Wieso sollte das auch so sein?
Micah Jordan

Ich musste damals also gleich mit mehreren Herausforderungen zurechtkommen. Während der Zeit, in der ich vieles neu lernen und an meine Behinderung anpassen musste, habe ich ein Masterstudium angefangen und „Soziale Arbeit und Lebenslauf“ studiert. Ich habe damals nebenher in der wissenschaftlichen Begleitforschung gearbeitet und bin dort auf eine pädagogische Methode gestoßen, die mich sofort begeistert hat: Das Peer Counseling. Der Ansatz dieses Konzeptes ist die professionelle Beratung von und für Menschen mit Behinderung. Ich habe mich daher studienbegleitend zur Peer-Beraterin ausbilden lassen. Anschließend eröffnete mir das PROMI-Projekt die ganz neue Möglichkeit, direkt eine Promotion anzuschließen und damit eine akademische Karriere einzuschlagen. Das hätte ich ohne dieses Förderprogramm wahrscheinlich nicht gemacht.

Wie sieht Ihr Alltag als Promovierende und wissenschaftliche Mitarbeiterin aus?

Der ist oft relativ unspektakulär: Ich unterrichte, korrigiere und bewerte Hausarbeiten, schreibe Gutachten zu Bachelor- und Masterarbeiten oder gestalte auch mal spontan eine Seminareinheit, wenn sich Studierende kurz vorher krankgemeldet haben, die eigentlich ein Referat halten sollten. Höhepunkte sind es, wenn ich Studentinnen oder Studenten bei der Themenfindung und dem Schreiben ihrer Abschlussarbeiten begleiten oder wenn ich in meinen Veranstaltungen auf aktuelle sozialpolitische Entwicklungen wie die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes Bezug nehmen kann. Manchmal lade ich auch Menschen aus der Praxis der Sozialen Arbeit in meine Seminare ein. Dann entsteht oft ein lebendiger Austausch zwischen den Studierenden und den „Professionellen“ – das sind begeisternde Momente.

Welche Vorteile hat PROMI Ihnen gebracht?

Sehr viele. Zuallererst arbeite ich jetzt auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt in meinem Traumjob und verdiene Geld. Ich forsche zu einem Thema, bei dem es noch viel zu entdecken gibt und bei dem ich sämtliche Perspektiven selbst sehr gut kenne: als Ratsuchende, als Beraterin, als Mensch mit und ohne Behinderung. Außerdem habe ich auf Fachtagungen und Konferenzen andere Akademikerinnen und Akademiker mit Behinderung kennengelernt.
Auch dadurch habe ich gelernt, meine Behinderung als einen Teilaspekt meines Lebens zu sehen und nicht mehr als Hauptthema. Ich nehme zugleich nichts mehr als selbstverständlich hin. Was auch ein großer Vorteil ist: Die PROMI-Organisatorinnen und -Organisatoren bieten regelmäßig Netzwerktreffen an, bei denen sich alle Doktorandinnen und Doktoranden des Programms kennenlernen und ihre Forschungsprojekte vorstellen können. Auch hier habe ich vom informellen Austausch mit anderen Leuten in ähnlichen Situationen profitiert. Es entstanden sogar Freundschaften und Kooperationen für andere Projekte.

Gibt es auch negative Seiten?

Wie in allen Jobs, ja. Belastend ist zum Beispiel, dass die Arbeitsverhältnisse für die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befristet sind. Außerdem arbeite ich in meinem Job sehr viel – mitunter deutlich über den vertraglich bestimmten und bezahlten Stundenumfang hinaus, weil ich neben der Begleitung der Studierenden bei ihren Arbeiten und Prüfungen auch viele Verwaltungsaufgaben übernehmen muss. Trotzdem arbeite ich sehr gerne in der Lehre. Ich reise auch gern zu Tagungen und Kongressen und tausche mich mit Kolleginnen und Kollegen aus. Andersherum schätze ich auch sehr die ruhigen Momente, wenn ich zwischen Büchern an meinem Schreibtisch sitzen kann.

Was möchten Sie nach der Promotion machen?

Ich möchte gerne in der Forschung und der Wissenschaft bleiben. Ich arbeite seit zwei Jahren nebenher in der Fort- und Weiterbildung für (Peer-)Beraterinnen und -Berater. Wir diskutieren dort unter anderem, wie Seminareinheiten so gestaltet werden können, dass die Teilnehmenden neue Impulse und Denkweisen für sich mitnehmen können. Die Studierenden lernen zum Beispiel, dass es nicht „die Behinderten“ gibt und dass die Arbeit mit Menschen immer sehr vielfältig und komplex ist. Wir untersuchen außerdem gemeinsam, welche Faktoren offen oder versteckt bestimmte Denkmuster auslösen oder verstärken – und überlegen, wie wir das verändern können.

Porträtfoto von Micah Jordan

Foto: Lucie Tautropfen

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Micah Jordan
Geburtsjahr: 1976
Wohn-/Arbeitsort: Kassel
Werdegang und Berufe: Diplom-Sozialarbeiterin und -pädagogin, Master-Absolventin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin, Trainerin für Peer Counseling (EUTB) und Peer Counselor (LVR), Schwesternhelferin und Trauerbegleiterin

(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Hat eine inkomplette Querschnittslähmung infolge einer neurologischen Erkrankung und ist deshalb seit 2009 Rollstuhlfahrerin.

Persönlicher Antrieb für ihren Job: Interessierte sich schon immer dafür, warum Menschen so sind, wie sie sind und ist neugierig, nachzuvollziehen, wie Brüche in der Biografie sich auf ein Leben auswirken können. Wollte lernen, mit welchen Methoden und Ansätzen Menschen zum Beispiel in Krisen gut begleitet werden können.

Berufliche Erkenntnisse und Ziele: Stellte fest, wie positiv sich Menschen mit kognitiven Behinderungen und psychischen Erkrankungen im Laufe der Jahre durch das Peer Counseling verändern: Sie werden selbstsicherer und selbstbewusster, viele wirken lebensfroher und mutiger, einige brauchen sogar erstmals seit langem keine Krisenunterbringung mehr in einer Psychiatrie.
Will in ihrer Promotion erforschen, ob und welche anderen (auch negativen) Begleiterscheinungen beim Peer Counseling sowohl für die Beratenden als auch für die Ratsuchenden auftreten können.

Was ist PROMI und wie funktioniert das Projekt?

Das PROMI-Projekt fördert Menschen mit Schwerbehinderung, die an einer deutschen Uni promovieren möchten. Zwischen 2013 und 2015 wurden so insgesamt 45 Menschen sozialversicherungspflichtig auf Promotionsstellen eingestellt – an 21 Universitäten, in Teilzeit und mit Tarifverträgen der Stufe 13 (TV-L 13). Die Kosten trägt zur Hälfte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) aus Mitteln des Ausgleichsfonds, die anderen 50 Prozent finanzieren die kooperierenden Hochschulen. Diese werden wiederum durch Eingliederungszuschüsse der Agenturen für Arbeit dabei unterstützt.
Die Promotionsstellen sind auf drei Jahre befristet und können um maximal zwei Jahre verlängert werden.
Nachdem inzwischen alle 45 Stellen im Projekt besetzt sind, liegt der Fokus der Initiatoren nun darauf, deutschlandweit Netzwerke zu dem Thema zu etablieren, nachhaltige Strukturen zu schaffen und Handlungshilfen zu entwickeln.




Wie die Digitalisierung neue Jobchancen für Menschen mit Behinderung schaffen kann

Frau Große-Coosmann, Herr Rötgers, welche Möglichkeiten bieten digitale Assistenzsysteme für Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz?

Anja Große-Coosmann (GC): Digitale Assistenzsysteme sind für uns deshalb sehr interessant, weil sie Menschen schrittweise durch komplexe Arbeitsabläufe führen können – und zwar ohne, dass ein Mensch der Mitarbeiterin oder dem Mitarbeiter ständig über die Schulter schauen muss. Wer mit einem System wie dem unseren arbeitet, kann zum Beispiel Montagetätigkeiten weitestgehend selbstständig ausführen. Wir haben dazu oberhalb eines Werktisches zwei Beamer angebracht. Sie strahlen jeweils das Bauteil an, das als nächstes verbaut werden muss. Gleichzeitig wird ein kurzes Anleitungsvideo direkt auf den Werktisch projiziert, das Schritt für Schritt durch die Montage führt. Unterhalb des Films erscheint jede Arbeitsanweisung auch noch einmal als Text (siehe Video unten).

Ulrich Rötgers (UR): Das System kann aber noch mehr, denn es führt nicht nur durch die jeweilige Aufgabe, sondern prüft auch mit Hilfe von Sensoren, ob das richtige Bauteil entnommen wurde. Erst dann wird der nächste Arbeitsschritt freigegeben. Das System gewährleistet also auch gleich eine Qualitätssicherung. Außerdem ist es sehr nutzerfreundlich, denn die Anleitungsvideos können beliebig oft angeschaut werden. Dadurch können die Nutzerinnen und Nutzer ihr Arbeitstempo selbst bestimmen und eigenständig arbeiten.

Anja Große-Coosmann führt in diesem Video vor, wie das Assistenzsystem arbeitet.

Warum haben Sie ein eigenes System entwickelt – gab es so etwas auf dem Markt nicht schon?

UR: Es gibt natürlich schon etliche digitale Assistenzsysteme, die für unsere Zwecke allerdings nur sehr bedingt geeignet sind. Für uns wäre es viel zu aufwändig gewesen, ein fertiges System zu kaufen und es umzurüsten. Wir haben uns deshalb an das Fraunhofer-Institut in Lemgo gewandt und gemeinsam ein eigenes entwickelt, das genau auf unsere Anforderungen zugeschnitten ist.

GC: Für uns war vor allem wichtig, dass das System möglichst flexibel ist, weil es durch viele verschiedene Montagearbeiten führen soll. Dafür haben wir einen Baukasten entwickelt, mit dem wir beliebig viele Arbeitsanleitungen und Einzelschritte anlegen können.
Die Einrichtung ist sehr einfach: Wir fotografieren mit dem Smartphone jedes Bauteil und filmen jeden Montageschritt ab. Diese Fotos und Videos lassen sich später mit einem Klick einem bestimmten Arbeitsschritt zuordnen. Dann schreiben wir einen Anleitungstext und bei Bedarf Hinweise zur Arbeitssicherheit dazu – und fertig ist die Programmierung. Wir benötigen also nicht ständig einen IT-Experten, der uns das aufsetzt, sondern können das System in wenigen Stunden für einen neuen Auftrag umrüsten.

Für welche Branchen ist das System geeignet?

GC: Das ist eigentlich nicht beschränkt, wobei ein Schwerpunkt im Moment noch in der Montage liegt. Grundsätzlich kann das System für fast alle Aufgaben konfiguriert werden, die sich mit einzelnen Arbeitsschritten abbilden lassen. Es lässt sich auch an verschiedenste Arbeitsplätze anpassen, nicht nur an Werktische. Zum Beispiel können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter damit auch lernen, neue Maschinen zu bedienen, und zwar mit Hilfe von Erklärvideos und Arbeitsanweisungen.

Welche Kundinnen und Kunden wollen Sie mit Ihrem digitalen Assistenten ansprechen?

UR: Zunächst einmal investieren wir damit in die Zukunft der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). Die Arbeitswelt wird sich durch die Digitalisierung schnell und massiv verändern. In der Industrie laufen die meisten einfacheren Produktions- und Arbeitsschritte schon jetzt automatisiert. Im Umkehrschluss werden die von Menschen ausgeführten Aufgaben künftig immer komplexer werden. Bisher sind es aber gerade die relativ einfachen Arbeitsabläufe, die auch unsere Teams in den Werkstätten erledigen – das wird in absehbarer Zukunft nicht mehr gefragt sein. Um mit diesem Wandel Schritt zu halten und auch in Zukunft attraktive Aufträge zu bekommen, müssen wir uns anpassen. Digitale Assistenzsysteme bieten da eine große Chance, denn damit können unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter künftig auch komplexere Arbeitsabläufe ausführen.

Könnte das auch für Unternehmen eine Strategie sein?

GC: Selbstverständlich, denn es gibt ja auch in Unternehmen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt viele Aufgaben, die Menschen mit Behinderung mit digitaler Unterstützung selbstständig ausführen könnten. Langfristig können wir uns vorstellen, das Assistenzsystem auch für externe Kunden zu bauen.
Es soll außerdem den Menschen in Werkstätten den Schritt auf den Ersten Arbeitsmarkt erleichtern. Zum Beispiel könnte ein Unternehmen uns vorab die Aufgaben zeigen, die dort künftig eine neue Mitarbeiterin oder ein neuer Mitarbeiter mit Behinderung übernehmen soll. Mit dem Assistenten könnten wir diese Abläufe schon in der Werkstatt einüben. So ließen sich die Einarbeitungszeiten am neuen Arbeitsplatz deutlich verkürzen.

UR: Übrigens wollen wir ausdrücklich jedes Unternehmen damit ansprechen, nicht nur inklusive Betriebe. Mit unserem System können Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber nämlich etwa auch ungeschultes Personal anleiten und einarbeiten, ohne dass ständig eine Fachkraft dabei sein muss. Und für Menschen mit Migrationshintergrund sind die Anleitungsvideos ein gutes Instrument, wenn sie noch nicht so gut Deutsch sprechen. Damit können sie relativ schnell und ohne Sprachbarrieren neue Aufgaben lernen und übernehmen.
Wir haben übrigens auch schon einige positive Rückmeldungen von Unternehmen bekommen, die regelmäßig neue Aufträge bearbeiten oder die mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Das Projekt könnte wirklich ein spannendes Geschäftsmodell für uns werden.

Wann können Sie die ersten fertigen Systeme liefern?

GC: Wenn alles klappt, bauen wir Ende 2020 die ersten Assistenzsysteme für externe Kunden. Im Moment sind wir aber noch in der Testphase. In den nächsten Monaten werden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung den Prototypen noch einmal auf Herz und Nieren testen, damit wir wirklich alle Fehler beseitigen und das System weiter verbessern können.

UR: Einiges haben wir aber sowieso von Anfang an eingeplant. Der Arbeitstisch zum Beispiel ist elektrisch höhenverstellbar und unterfahrbar, so dass Menschen mit Rollstuhl gut daran arbeiten können. Die Anleitungsvideos lassen sich problemlos auch in Gebärdensprache und in Leichter Sprache einspielen, für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit geistigen Behinderungen können die Anleitungen auch ausschließlich in Bildern hinterlegt werden. Wir wollen aber ein wirklich rundum durchdachtes System ausliefern, deshalb nehmen wir uns auch die Zeit dafür. An der Vermarktung arbeiten wir parallel trotzdem weiter.
Nächstes Jahr stehen schon vier Info-Veranstaltungen in unserem Kalender, auf denen wir unser System vorstellen, uns vernetzen und mit Interessenten ins Gespräch kommen wollen – und wenn sich dann nichts mehr verschiebt, geht es Ende des Jahres los mit der Produktion.


Sascha Jenderny vom Fraunhofer-Institut arbeitet konzentriert an einer Version des Assistenzsystems.

Sascha Jenderny vom Fraunhofer Institut in Lemgo auf der REHACARE 2019. Foto: LWL/Windhausen

Das Fraunhofer-Institut Lemgo: Software für das digitale Assistenzsystem

Viele Projektpartner des Fraunhofer-Instituts haben dieselben Probleme: Ihnen fehlt qualifiziertes Personal, zugleich werden die Aufgaben immer komplexer, die erledigt werden müssen.

Sascha Jenderny (siehe Foto) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institutsteil für industrielle Automation und sieht eine Lösung in computergestützten Assistenzsystemen: Sie können Menschen besonders nutzerfreundlich und ohne zusätzliches Personal auch durch komplexe Arbeitsabläufe führen.
Das digitale Assistenzsystem der wertkreis Gütersloh gGmbH ist auch für das Fraunhofer-Institut etwas Besonderes, weil es auf Menschen mit Behinderung zugeschnitten ist. Das ist ein relativ neuer Anwendungsbereich. Das System selbst basiert auf der Plattform „XTEND“, die das Team um Sascha Jenderny entwickelt hat. Diese Software kann Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei verschiedenen Aufgaben in der Produktion, aber auch bei Reparatur- und Wartungsarbeiten unterstützen. Für jedes Unternehmen kann sie sehr individuell angepasst werden, weil sie mit vielen verschiedenen Geräten kompatibel ist – mit Computern, Smartphones und Tablets, aber auch mit Smart Watches und sogar Augmented-Reality-Brillen.




Wie Roboter Menschen mit Behinderung bei der Arbeit unterstützen können

Herr Schrapper, was hat ein Roboterarm mit Inklusion am Arbeitsplatz zu tun?

Ein Roboterarm kann Menschen mit Behinderung zum Beispiel bei der Montage unterstützen und sich immer wieder flexibel auf neue Aufgaben einstellen. Der Prototyp, den wir auf der RehaCare-Messe 2019 gezeigt haben, kann Werkstücke festhalten und sie sehr präzise so drehen, dass zum Beispiel auch ein Mensch gut daran arbeiten kann, der nur einen Arm hat.
Das allein wäre aber nichts Neues, denn solche Systeme gibt es schon recht oft. Die Innovation bei unserem Roboterarm ist, dass er nach der Fertigung mit Hilfe einer Kamera überprüft, ob der jeweilige Arbeitsgang richtig ausgeführt wurde. Das System meldet auf einem Bildschirm zurück, wenn etwas schiefgelaufen ist – und die Person am Arbeitsplatz kann den Fehler sofort korrigieren (siehe Video weiter unten). Das ist vor allem für Menschen mit geistigen Behinderungen sehr wichtig. Bisher lag der Fokus in der technischen Beratung von Unternehmen eher darauf, Menschen mit körperlichen Behinderungen zu unterstützen. Das neue System ist für beide Gruppen nützlich.

Was ist nötig, um ein technisch so komplexes System zu entwickeln?

Neben Forschungsgeldern braucht es vor allem Fachwissen und Erfahrung – und zwar sowohl in der Technik als auch beim Thema Inklusion am Arbeitsplatz. Das technische Wissen und die Erfahrung in der Montage kommt von der IBG Group aus Neuenrade, einem Unternehmen, das auf die Herstellung von Produktions- und Montageanlagen mit Hilfe der Robotik spezialisiert ist. Wir vom Technischen Beratungsdienst bringen unsere Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit Menschen ein, die eine Behinderung haben und an ihren Arbeitsplätzen Unterstützung brauchen. Wir wissen also genau, was die späteren Nutzerinnen und Nutzer eines solchen Systems wirklich brauchen.

Frank Schrapper erklärt in diesem kurzen Film, wie der Roboterarm nicht nur bei der Montage unterstützen kann, sondern auch Fehler bei einzelnen Arbeitsschritten bemerkt.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Prototypen des Roboterarms?

Wir wollen vor allem zeigen, dass so etwas möglich ist und technische Assistenzsysteme auch Menschen mit geistiger Behinderung am Arbeitsplatz unterstützen können. Darüber wollen wir mit Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern ins Gespräch kommen und gemeinsam überlegen, ob und wie so ein System künftig in Betrieben eingesetzt werden und vielleicht neue Arbeitsplätze schaffen könnte. Bisher stößt diese Idee auf sehr großes Interesse.

In welchen Branchen kann der Roboterarm eingesetzt werden?

In eigentlich allen Bereichen, die mit Montage und Handwerk zu tun haben. Massenproduktionen fallen raus, denn die werden häufig vollständig von Maschinen übernommen oder laufen in sehr hohem Tempo. Unser Prototyp ist vor allem für Arbeitsplätze mit einfachen Montagetätigkeiten und kleineren Stückzahlen geeignet. Ein Beispiel: Ein Unternehmen fertigt 500 Stück eines bestimmten Bauteils an und wechselt danach zu einer anderen Montageschleife. Nach weiteren 500 Stück dieses neuen Teils kommt wieder eine neue Aufgabe auf die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter zu. Der Roboterarm kann den jeweiligen Menschen mit Behinderung bei diesen verschiedenen Aufgaben optimal unterstützen, weil er immer wieder neu konfiguriert werden kann.

Welche Kosten kommen auf ein Unternehmen zu, wenn es einen Roboterarm für einen Menschen mit Behinderung anschaffen will?

Der Prototyp, den wir im Moment auf Messen wie der RehaCare präsentieren, kostet rund 100.000 Euro – nach oben sind dem allerdings keine Grenzen gesetzt, denn der Preis hängt auch davon ab, welche Ausstattung der Roboter haben soll. Die Summe klingt erst einmal recht hoch, allerdings können sich Betriebe so eine Investition bezuschussen lassen, wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

Der IBG-Roboter im Vordergrund unter zwei großen Schildern: auf dem linken Schild steht "Assistenz für den Menschen", auf dem rechten "Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK)".
Der Roboterarm könnte auch Menschen mit einer geistigen Behinderung künftig in der Montage unterstützen. Foto: LWL/Windhausen

Welche Voraussetzungen sind das – und wie hoch ist die Fördersumme?

Das ist je nach Einzelfall ganz unterschiedlich. Verbände wie der Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) und der Landschaftsverband Rheinland (LVR) fördern entsprechende Ausstattungen für Arbeitsplätze zum Beispiel über das Budget für Arbeit. Wir schauen im ersten Schritt, ob solch eine Investition für den jeweiligen Betrieb wirtschaftlich ist oder nicht. Wenn das zutrifft, hängt die Höhe der Förderung noch von anderen Faktoren ab: Von der Quote des jeweiligen Arbeitgebers etwa, also davon, wie viele Menschen mit Behinderung sie oder er im Unternehmen beschäftigt. Daher können es mal nur 30 Prozent sein, aber auch mal 80 Prozent der Anschaffungskosten, die bezuschusst werden.

Lohnt es sich denn, so hohe Fördersummen in die Ausstattung für einen einzigen Arbeitsplatz zu stecken?

Ja, auf jeden Fall. Gesellschaftlich betrachtet gleicht sich der im Moment noch recht hohe Anschaffungspreis für so ein System schnell aus. Die Frage ist ja, was stattdessen mit einem Menschen passiert, der womöglich sehr gut für die Tätigkeiten an diesem Arbeitsplatz geeignet wäre, aber eine passende Unterstützung braucht. Sie oder er wird oder bleibt entweder arbeitslos oder fängt in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) an, die keine sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse bietet. Beides kostet den Staat und damit auch die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler im Zweifel mehr Geld als ein entsprechend ausgestatteter Arbeitsplatz für einen Menschen mit Behinderung.

Warum ist das System im Moment noch so teuer, und welche Chancen sehen Sie, dass es in Zukunft günstiger wird?

Die Kosten hängen vor allem mit der Programmierung des Systems zusammen, die im Moment noch recht aufwändig ist. Wir arbeiten gerade daran, das intuitiver zu gestalten. Konkret würde das heißen: Der Roboterarm müsste künftig nicht mehr von Fachleuten mit Programmiersprache aufgesetzt und im Betrieb immer wieder an neue Gegebenheiten und Aufgaben angepasst werden, sondern er könnte einfach von Hand zu den jeweiligen Schritten geführt werden, die er ausführen soll – und die merkt er sich dann. Damit sind wir im Bereich der Künstlichen Intelligenz, übrigens auch eine Technologie, die eine Menge Möglichkeiten bietet. Man bräuchte dann keine aufwändige Entwicklungsarbeit und auch keine externen Experten mehr. Wenn uns dieser Schritt gelingt, werden die Kosten für so ein System sinken, weil jede Arbeitgeberin und jeder Arbeitgeber das Gerät sehr einfach selbst vor Ort und ohne besonderes Fachwissen einrichten könnte.

Fragen zum Thema?

Am besten einfach per E-Mail Kontakt zum Technischen Beratungsdienst des LWL-Inklusionsamtes aufnehmen (Frank Schrapper, Sachbereichsleiter).

Blau-orangefarbenes Schild, auf dem "Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK)" steht.

Foto: LWL/Windhausen

Kurz erklärt: Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK)

Wenn Menschen mit Maschinen so eng und direkt zusammenarbeiten wie mit dem Roboterarm der IBG, ist es wichtig, dass in der Maschine Schutzmechanismen eingebaut sind. Ein technisches System muss nämlich selbstständig und sicher erkennen können, wenn es einen Menschen in Gefahr bringt – genau das verbirgt sich auch hinter dem Begriff „Mensch-Roboter-Kollaboration“, kurz MRK. Beim Roboterarm der IBG ist dieses wichtige Prinzip mit Sensoren sichergestellt, die auf Berührungen und Stöße reagieren. Wenn jemand gerade ein Bauteil montiert und zum Beispiel einen Kollegen begrüßt, sich deshalb umdreht und den Roboterarm anstößt, stoppt das System sofort alle Bewegungen des Arms. Über einen Sicherheitsknopf an der Oberseite kann er wieder reaktiviert werden.

Der IBG-Roboterarm mit einem Minaturauto zur Test-Montage.

Foto: LWL/Windhausen

Die IBG Goeke Technology Group

Die IBG ist ein mittelständisches Familienunternehmen aus Neuenrade im Sauerland. Es ist auf die Herstellung von Produktions- und Montageanlagen spezialisiert und setzt dabei oft Robotik ein. Bisher stellte die Firma vor allem Assistenzsysteme für Menschen ohne Behinderung her, mit denen diese ihre Arbeit leichter machen können. Roboter übernehmen dabei bestimmte Aufgaben, die für den menschlichen Körper zu belastend oder zu gefährlich sind.
Vor einiger Zeit kam der Technische Beratungsdienst des LWL auf die IBG zu und regte das Unternehmen dazu an, ihren Assistenz-Ansatz in Richtung Inklusion im Arbeitsleben weiterzudenken. Die IBG war dazu gerne bereit und entwickelte zusammen mit dem Technischen Beratungsdienst den Prototypen eines Roboterarms, der sowohl Menschen mit körperlichen als auch mit geistigen Behinderungen bei Montagetätigkeiten unterstützen kann.