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Wie die Digitalisierung neue Jobchancen für Menschen mit Behinderung schaffen kann

Frau Große-Coosmann, Herr Rötgers, welche Möglichkeiten bieten digitale Assistenzsysteme für Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz?

Anja Große-Coosmann (GC): Digitale Assistenzsysteme sind für uns deshalb sehr interessant, weil sie Menschen schrittweise durch komplexe Arbeitsabläufe führen können – und zwar ohne, dass ein Mensch der Mitarbeiterin oder dem Mitarbeiter ständig über die Schulter schauen muss. Wer mit einem System wie dem unseren arbeitet, kann zum Beispiel Montagetätigkeiten weitestgehend selbstständig ausführen. Wir haben dazu oberhalb eines Werktisches zwei Beamer angebracht. Sie strahlen jeweils das Bauteil an, das als nächstes verbaut werden muss. Gleichzeitig wird ein kurzes Anleitungsvideo direkt auf den Werktisch projiziert, das Schritt für Schritt durch die Montage führt. Unterhalb des Films erscheint jede Arbeitsanweisung auch noch einmal als Text (siehe Video unten).

Ulrich Rötgers (UR): Das System kann aber noch mehr, denn es führt nicht nur durch die jeweilige Aufgabe, sondern prüft auch mit Hilfe von Sensoren, ob das richtige Bauteil entnommen wurde. Erst dann wird der nächste Arbeitsschritt freigegeben. Das System gewährleistet also auch gleich eine Qualitätssicherung. Außerdem ist es sehr nutzerfreundlich, denn die Anleitungsvideos können beliebig oft angeschaut werden. Dadurch können die Nutzerinnen und Nutzer ihr Arbeitstempo selbst bestimmen und eigenständig arbeiten.

Anja Große-Coosmann führt in diesem Video vor, wie das Assistenzsystem arbeitet.

Warum haben Sie ein eigenes System entwickelt – gab es so etwas auf dem Markt nicht schon?

UR: Es gibt natürlich schon etliche digitale Assistenzsysteme, die für unsere Zwecke allerdings nur sehr bedingt geeignet sind. Für uns wäre es viel zu aufwändig gewesen, ein fertiges System zu kaufen und es umzurüsten. Wir haben uns deshalb an das Fraunhofer-Institut in Lemgo gewandt und gemeinsam ein eigenes entwickelt, das genau auf unsere Anforderungen zugeschnitten ist.

GC: Für uns war vor allem wichtig, dass das System möglichst flexibel ist, weil es durch viele verschiedene Montagearbeiten führen soll. Dafür haben wir einen Baukasten entwickelt, mit dem wir beliebig viele Arbeitsanleitungen und Einzelschritte anlegen können.
Die Einrichtung ist sehr einfach: Wir fotografieren mit dem Smartphone jedes Bauteil und filmen jeden Montageschritt ab. Diese Fotos und Videos lassen sich später mit einem Klick einem bestimmten Arbeitsschritt zuordnen. Dann schreiben wir einen Anleitungstext und bei Bedarf Hinweise zur Arbeitssicherheit dazu – und fertig ist die Programmierung. Wir benötigen also nicht ständig einen IT-Experten, der uns das aufsetzt, sondern können das System in wenigen Stunden für einen neuen Auftrag umrüsten.

Für welche Branchen ist das System geeignet?

GC: Das ist eigentlich nicht beschränkt, wobei ein Schwerpunkt im Moment noch in der Montage liegt. Grundsätzlich kann das System für fast alle Aufgaben konfiguriert werden, die sich mit einzelnen Arbeitsschritten abbilden lassen. Es lässt sich auch an verschiedenste Arbeitsplätze anpassen, nicht nur an Werktische. Zum Beispiel können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter damit auch lernen, neue Maschinen zu bedienen, und zwar mit Hilfe von Erklärvideos und Arbeitsanweisungen.

Welche Kundinnen und Kunden wollen Sie mit Ihrem digitalen Assistenten ansprechen?

UR: Zunächst einmal investieren wir damit in die Zukunft der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). Die Arbeitswelt wird sich durch die Digitalisierung schnell und massiv verändern. In der Industrie laufen die meisten einfacheren Produktions- und Arbeitsschritte schon jetzt automatisiert. Im Umkehrschluss werden die von Menschen ausgeführten Aufgaben künftig immer komplexer werden. Bisher sind es aber gerade die relativ einfachen Arbeitsabläufe, die auch unsere Teams in den Werkstätten erledigen – das wird in absehbarer Zukunft nicht mehr gefragt sein. Um mit diesem Wandel Schritt zu halten und auch in Zukunft attraktive Aufträge zu bekommen, müssen wir uns anpassen. Digitale Assistenzsysteme bieten da eine große Chance, denn damit können unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter künftig auch komplexere Arbeitsabläufe ausführen.

Könnte das auch für Unternehmen eine Strategie sein?

GC: Selbstverständlich, denn es gibt ja auch in Unternehmen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt viele Aufgaben, die Menschen mit Behinderung mit digitaler Unterstützung selbstständig ausführen könnten. Langfristig können wir uns vorstellen, das Assistenzsystem auch für externe Kunden zu bauen.
Es soll außerdem den Menschen in Werkstätten den Schritt auf den Ersten Arbeitsmarkt erleichtern. Zum Beispiel könnte ein Unternehmen uns vorab die Aufgaben zeigen, die dort künftig eine neue Mitarbeiterin oder ein neuer Mitarbeiter mit Behinderung übernehmen soll. Mit dem Assistenten könnten wir diese Abläufe schon in der Werkstatt einüben. So ließen sich die Einarbeitungszeiten am neuen Arbeitsplatz deutlich verkürzen.

UR: Übrigens wollen wir ausdrücklich jedes Unternehmen damit ansprechen, nicht nur inklusive Betriebe. Mit unserem System können Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber nämlich etwa auch ungeschultes Personal anleiten und einarbeiten, ohne dass ständig eine Fachkraft dabei sein muss. Und für Menschen mit Migrationshintergrund sind die Anleitungsvideos ein gutes Instrument, wenn sie noch nicht so gut Deutsch sprechen. Damit können sie relativ schnell und ohne Sprachbarrieren neue Aufgaben lernen und übernehmen.
Wir haben übrigens auch schon einige positive Rückmeldungen von Unternehmen bekommen, die regelmäßig neue Aufträge bearbeiten oder die mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Das Projekt könnte wirklich ein spannendes Geschäftsmodell für uns werden.

Wann können Sie die ersten fertigen Systeme liefern?

GC: Wenn alles klappt, bauen wir Ende 2020 die ersten Assistenzsysteme für externe Kunden. Im Moment sind wir aber noch in der Testphase. In den nächsten Monaten werden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung den Prototypen noch einmal auf Herz und Nieren testen, damit wir wirklich alle Fehler beseitigen und das System weiter verbessern können.

UR: Einiges haben wir aber sowieso von Anfang an eingeplant. Der Arbeitstisch zum Beispiel ist elektrisch höhenverstellbar und unterfahrbar, so dass Menschen mit Rollstuhl gut daran arbeiten können. Die Anleitungsvideos lassen sich problemlos auch in Gebärdensprache und in Leichter Sprache einspielen, für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit geistigen Behinderungen können die Anleitungen auch ausschließlich in Bildern hinterlegt werden. Wir wollen aber ein wirklich rundum durchdachtes System ausliefern, deshalb nehmen wir uns auch die Zeit dafür. An der Vermarktung arbeiten wir parallel trotzdem weiter.
Nächstes Jahr stehen schon vier Info-Veranstaltungen in unserem Kalender, auf denen wir unser System vorstellen, uns vernetzen und mit Interessenten ins Gespräch kommen wollen – und wenn sich dann nichts mehr verschiebt, geht es Ende des Jahres los mit der Produktion.


Sascha Jenderny vom Fraunhofer-Institut arbeitet konzentriert an einer Version des Assistenzsystems.

Sascha Jenderny vom Fraunhofer Institut in Lemgo auf der REHACARE 2019. Foto: LWL/Windhausen

Das Fraunhofer-Institut Lemgo: Software für das digitale Assistenzsystem

Viele Projektpartner des Fraunhofer-Instituts haben dieselben Probleme: Ihnen fehlt qualifiziertes Personal, zugleich werden die Aufgaben immer komplexer, die erledigt werden müssen.

Sascha Jenderny (siehe Foto) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institutsteil für industrielle Automation und sieht eine Lösung in computergestützten Assistenzsystemen: Sie können Menschen besonders nutzerfreundlich und ohne zusätzliches Personal auch durch komplexe Arbeitsabläufe führen.
Das digitale Assistenzsystem der wertkreis Gütersloh gGmbH ist auch für das Fraunhofer-Institut etwas Besonderes, weil es auf Menschen mit Behinderung zugeschnitten ist. Das ist ein relativ neuer Anwendungsbereich. Das System selbst basiert auf der Plattform „XTEND“, die das Team um Sascha Jenderny entwickelt hat. Diese Software kann Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei verschiedenen Aufgaben in der Produktion, aber auch bei Reparatur- und Wartungsarbeiten unterstützen. Für jedes Unternehmen kann sie sehr individuell angepasst werden, weil sie mit vielen verschiedenen Geräten kompatibel ist – mit Computern, Smartphones und Tablets, aber auch mit Smart Watches und sogar Augmented-Reality-Brillen.




Wie Roboter Menschen mit Behinderung bei der Arbeit unterstützen können

Herr Schrapper, was hat ein Roboterarm mit Inklusion am Arbeitsplatz zu tun?

Ein Roboterarm kann Menschen mit Behinderung zum Beispiel bei der Montage unterstützen und sich immer wieder flexibel auf neue Aufgaben einstellen. Der Prototyp, den wir auf der RehaCare-Messe 2019 gezeigt haben, kann Werkstücke festhalten und sie sehr präzise so drehen, dass zum Beispiel auch ein Mensch gut daran arbeiten kann, der nur einen Arm hat.
Das allein wäre aber nichts Neues, denn solche Systeme gibt es schon recht oft. Die Innovation bei unserem Roboterarm ist, dass er nach der Fertigung mit Hilfe einer Kamera überprüft, ob der jeweilige Arbeitsgang richtig ausgeführt wurde. Das System meldet auf einem Bildschirm zurück, wenn etwas schiefgelaufen ist – und die Person am Arbeitsplatz kann den Fehler sofort korrigieren (siehe Video weiter unten). Das ist vor allem für Menschen mit geistigen Behinderungen sehr wichtig. Bisher lag der Fokus in der technischen Beratung von Unternehmen eher darauf, Menschen mit körperlichen Behinderungen zu unterstützen. Das neue System ist für beide Gruppen nützlich.

Was ist nötig, um ein technisch so komplexes System zu entwickeln?

Neben Forschungsgeldern braucht es vor allem Fachwissen und Erfahrung – und zwar sowohl in der Technik als auch beim Thema Inklusion am Arbeitsplatz. Das technische Wissen und die Erfahrung in der Montage kommt von der IBG Group aus Neuenrade, einem Unternehmen, das auf die Herstellung von Produktions- und Montageanlagen mit Hilfe der Robotik spezialisiert ist. Wir vom Technischen Beratungsdienst bringen unsere Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit Menschen ein, die eine Behinderung haben und an ihren Arbeitsplätzen Unterstützung brauchen. Wir wissen also genau, was die späteren Nutzerinnen und Nutzer eines solchen Systems wirklich brauchen.

Frank Schrapper erklärt in diesem kurzen Film, wie der Roboterarm nicht nur bei der Montage unterstützen kann, sondern auch Fehler bei einzelnen Arbeitsschritten bemerkt.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Prototypen des Roboterarms?

Wir wollen vor allem zeigen, dass so etwas möglich ist und technische Assistenzsysteme auch Menschen mit geistiger Behinderung am Arbeitsplatz unterstützen können. Darüber wollen wir mit Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern ins Gespräch kommen und gemeinsam überlegen, ob und wie so ein System künftig in Betrieben eingesetzt werden und vielleicht neue Arbeitsplätze schaffen könnte. Bisher stößt diese Idee auf sehr großes Interesse.

In welchen Branchen kann der Roboterarm eingesetzt werden?

In eigentlich allen Bereichen, die mit Montage und Handwerk zu tun haben. Massenproduktionen fallen raus, denn die werden häufig vollständig von Maschinen übernommen oder laufen in sehr hohem Tempo. Unser Prototyp ist vor allem für Arbeitsplätze mit einfachen Montagetätigkeiten und kleineren Stückzahlen geeignet. Ein Beispiel: Ein Unternehmen fertigt 500 Stück eines bestimmten Bauteils an und wechselt danach zu einer anderen Montageschleife. Nach weiteren 500 Stück dieses neuen Teils kommt wieder eine neue Aufgabe auf die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter zu. Der Roboterarm kann den jeweiligen Menschen mit Behinderung bei diesen verschiedenen Aufgaben optimal unterstützen, weil er immer wieder neu konfiguriert werden kann.

Welche Kosten kommen auf ein Unternehmen zu, wenn es einen Roboterarm für einen Menschen mit Behinderung anschaffen will?

Der Prototyp, den wir im Moment auf Messen wie der RehaCare präsentieren, kostet rund 100.000 Euro – nach oben sind dem allerdings keine Grenzen gesetzt, denn der Preis hängt auch davon ab, welche Ausstattung der Roboter haben soll. Die Summe klingt erst einmal recht hoch, allerdings können sich Betriebe so eine Investition bezuschussen lassen, wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

Der IBG-Roboter im Vordergrund unter zwei großen Schildern: auf dem linken Schild steht "Assistenz für den Menschen", auf dem rechten "Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK)".
Der Roboterarm könnte auch Menschen mit einer geistigen Behinderung künftig in der Montage unterstützen. Foto: LWL/Windhausen

Welche Voraussetzungen sind das – und wie hoch ist die Fördersumme?

Das ist je nach Einzelfall ganz unterschiedlich. Verbände wie der Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) und der Landschaftsverband Rheinland (LVR) fördern entsprechende Ausstattungen für Arbeitsplätze zum Beispiel über das Budget für Arbeit. Wir schauen im ersten Schritt, ob solch eine Investition für den jeweiligen Betrieb wirtschaftlich ist oder nicht. Wenn das zutrifft, hängt die Höhe der Förderung noch von anderen Faktoren ab: Von der Quote des jeweiligen Arbeitgebers etwa, also davon, wie viele Menschen mit Behinderung sie oder er im Unternehmen beschäftigt. Daher können es mal nur 30 Prozent sein, aber auch mal 80 Prozent der Anschaffungskosten, die bezuschusst werden.

Lohnt es sich denn, so hohe Fördersummen in die Ausstattung für einen einzigen Arbeitsplatz zu stecken?

Ja, auf jeden Fall. Gesellschaftlich betrachtet gleicht sich der im Moment noch recht hohe Anschaffungspreis für so ein System schnell aus. Die Frage ist ja, was stattdessen mit einem Menschen passiert, der womöglich sehr gut für die Tätigkeiten an diesem Arbeitsplatz geeignet wäre, aber eine passende Unterstützung braucht. Sie oder er wird oder bleibt entweder arbeitslos oder fängt in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) an, die keine sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse bietet. Beides kostet den Staat und damit auch die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler im Zweifel mehr Geld als ein entsprechend ausgestatteter Arbeitsplatz für einen Menschen mit Behinderung.

Warum ist das System im Moment noch so teuer, und welche Chancen sehen Sie, dass es in Zukunft günstiger wird?

Die Kosten hängen vor allem mit der Programmierung des Systems zusammen, die im Moment noch recht aufwändig ist. Wir arbeiten gerade daran, das intuitiver zu gestalten. Konkret würde das heißen: Der Roboterarm müsste künftig nicht mehr von Fachleuten mit Programmiersprache aufgesetzt und im Betrieb immer wieder an neue Gegebenheiten und Aufgaben angepasst werden, sondern er könnte einfach von Hand zu den jeweiligen Schritten geführt werden, die er ausführen soll – und die merkt er sich dann. Damit sind wir im Bereich der Künstlichen Intelligenz, übrigens auch eine Technologie, die eine Menge Möglichkeiten bietet. Man bräuchte dann keine aufwändige Entwicklungsarbeit und auch keine externen Experten mehr. Wenn uns dieser Schritt gelingt, werden die Kosten für so ein System sinken, weil jede Arbeitgeberin und jeder Arbeitgeber das Gerät sehr einfach selbst vor Ort und ohne besonderes Fachwissen einrichten könnte.

Fragen zum Thema?

Am besten einfach per E-Mail Kontakt zum Technischen Beratungsdienst des LWL-Inklusionsamtes aufnehmen (Frank Schrapper, Sachbereichsleiter).

Blau-orangefarbenes Schild, auf dem "Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK)" steht.

Foto: LWL/Windhausen

Kurz erklärt: Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK)

Wenn Menschen mit Maschinen so eng und direkt zusammenarbeiten wie mit dem Roboterarm der IBG, ist es wichtig, dass in der Maschine Schutzmechanismen eingebaut sind. Ein technisches System muss nämlich selbstständig und sicher erkennen können, wenn es einen Menschen in Gefahr bringt – genau das verbirgt sich auch hinter dem Begriff „Mensch-Roboter-Kollaboration“, kurz MRK. Beim Roboterarm der IBG ist dieses wichtige Prinzip mit Sensoren sichergestellt, die auf Berührungen und Stöße reagieren. Wenn jemand gerade ein Bauteil montiert und zum Beispiel einen Kollegen begrüßt, sich deshalb umdreht und den Roboterarm anstößt, stoppt das System sofort alle Bewegungen des Arms. Über einen Sicherheitsknopf an der Oberseite kann er wieder reaktiviert werden.

Der IBG-Roboterarm mit einem Minaturauto zur Test-Montage.

Foto: LWL/Windhausen

Die IBG Goeke Technology Group

Die IBG ist ein mittelständisches Familienunternehmen aus Neuenrade im Sauerland. Es ist auf die Herstellung von Produktions- und Montageanlagen spezialisiert und setzt dabei oft Robotik ein. Bisher stellte die Firma vor allem Assistenzsysteme für Menschen ohne Behinderung her, mit denen diese ihre Arbeit leichter machen können. Roboter übernehmen dabei bestimmte Aufgaben, die für den menschlichen Körper zu belastend oder zu gefährlich sind.
Vor einiger Zeit kam der Technische Beratungsdienst des LWL auf die IBG zu und regte das Unternehmen dazu an, ihren Assistenz-Ansatz in Richtung Inklusion im Arbeitsleben weiterzudenken. Die IBG war dazu gerne bereit und entwickelte zusammen mit dem Technischen Beratungsdienst den Prototypen eines Roboterarms, der sowohl Menschen mit körperlichen als auch mit geistigen Behinderungen bei Montagetätigkeiten unterstützen kann.




Barrierefrei und inklusiv: die Bundesgartenschau Heilbronn 2019

Herr Reinwald, was ist Ihr Job bei der Bundesgartenschau?

Uns war es von Anfang an wichtig, dass alle Menschen die BUGA erleben und genießen können – ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Meine Aufgabe ist es, alles dafür Nötige zu organisieren. Ich war und bin noch bis Oktober an allen Planungen beteiligt, die das Gelände und die Veranstaltungen der Gartenschau betreffen. Ich betreue und koordiniere zum Beispiel die Arbeitsgruppe „aktiv-inklusiv!“, die sich dafür eingesetzt hat, die BUGA inklusiv und barrierefrei zu gestalten. Dafür haben wir unter anderem mit Behindertenverbänden, Vereinen, Werkstätten, Schulen und der Inklusionsbeauftragten der Stadt Heilbronn zusammengearbeitet.

Wo beginnt für Sie Barrierefreiheit bei einer solchen Veranstaltung, die noch dazu im Grünen stattfindet?

Mit der Anreise, denn die muss einwandfrei funktionieren, damit unsere Besucherinnen und Besucher entspannt bei uns ankommen können und nicht vorher übermäßig viel selbst planen müssen. Für Menschen, die mit Rollstuhl unterwegs sind, gibt es in der Nähe des Eingangs „Wohlgelegen“ viele Behindertenparkplätze, außerdem verkehren zwischen den weiter entfernten Parkplätzen und dem Eingang rollstuhlgerechte Shuttle-Busse.
Für einen barrierefreien Kartenkauf haben wir abgesenkte Kassenschalter eingerichtet. Für Menschen mit Sehbehinderung stehen am Eingang taktile Lagepläne bereit, damit sie sich eigenständig orientieren können. Und für Menschen mit Hörbehinderung haben wir einen Infopoint eingerichtet, an dem geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutscher Gebärdensprache Auskunft geben.

Ein Shuttlebus an einem Bussteig, im Hintergrund ein großes Parkhaus. Foto: BUGA Heilbronn 2019 GmbH
Barrierefreiheit beginnt schon bei der Anreise: zwischen den weiter entfernten Parkplätzen und den Eingängen verkehren mehrere Shuttle-Busse. Foto: BUGA Heilbronn 2019 GmbH

Zusätzlich haben wir an der größten Bühne auf dem Gelände – der Sparkassenbühne – eine Induktionsschleife eingerichtet, über die Menschen mit Hörhilfen und Cochlea-Implantaten die Tonsignale der Mikrofone störungsfrei und verstärkt empfangen können. Dazu kommt unser digitales Angebot: Auf unserer Homepage stehen unter dem Punkt „Service“ und der Rubrik „Barrierefreiheit“ Informationen zur Bundesgartenschau in Leichter Sprache bereit, außerdem kann dort ein Info-Film in Gebärdensprache und mit Untertiteln angeschaut werden.

Auch unterwegs können diese Angebote über die App „Actionbound“ abgerufen werden, in der wir einen eigenen Bound (frei auf Deutsch übersetzt: „Umgrenzung“) namens „BUGA 2019 barrierefrei“ angelegt haben. Wir bieten darin zusätzlich zu den Texten in Leichter Sprache und den Gebärdensprachvideos auch noch Audiodateien an, die sich die Besucherinnen und Besucher während ihres Rundgangs anhören können.

Wie barrierefrei ist das Gartenschaugelände selbst?

Nahezu komplett. Lediglich an einer Treppe auf einer Insel, der „Forscherinsel“, gibt es aus baulichen Gründen keinen Zugang für Menschen mit Rollstuhl. Überall sonst kommen Menschen mit Gehbehinderung gut weiter. Zwar können sie nicht immer die allerkürzesten Wege nutzen, aber es gibt Zugänge zu allen Ausstellungsbereichen. In den Themengärten etwa haben wir darauf geachtet, dass der Untergrund mit Rollstühlen befahrbar ist.

Auch die Aussichtsplattformen und die Holzstege an den Seen und am Neckar sind ohne bauliche Hindernisse zugänglich. Dort gibt es für Menschen mit Sehbehinderung außerdem so genannte Aufmerksamkeitsfelder: Noppen aus Metall markieren dort gefährliche Stellen wie zum Beispiel Absturzkanten, an denen sie besonders gut auf den Weg achten müssen. Die Restaurants, Cafés und Ausstellungsräume auf dem Gelände sind mit Rampen ausgestattet, die Türen und Flure der Gebäude sind breit genug gebaut, damit Rollstühle bequem hindurchpassen. Die Theken und Tische in den Restaurants und Cafés sind außerdem unterfahrbar. Und unsere Speisekarten haben wir für Blinde und Menschen mit Sehbehinderung in Brailleschrift gedruckt.

Wie Sie beschrieben haben, können sich die meisten Besucherinnen und Besucher gut auch ohne Begleitpersonen auf Ihrem Gelände bewegen und orientieren. Welche Angebote halten Sie für Menschen mit Behinderung bereit, die die Gartenschau dennoch nicht allein besuchen können oder möchten?

Wir bieten Führungen in Leichter Sprache und in Gebärdensprache an. Blinde Besucherinnen und Besucher oder Menschen mit starken Sehbehinderungen können sich von einer Person aus unserem Team bei ihrem Rundgang über das Gelände begleiten lassen. Und Menschen mit Rollstuhl, die nicht allein fahren können oder wollen, können ehrenamtliche Helfer als Schiebehilfe anfragen. Außerdem vermieten wir gegen eine Gebühr elektrische Rollstühle, der Preis richtet sich nach der Nutzungsdauer. Ein besonderes Angebot sind unsere Tandem-Führungen, bei denen Menschen mit und ohne geistige Beeinträchtigungen als Team andere Besuchergruppen über das BUGA-Gelände führen.

Das klingt nach einem vorbildlichen Konzept und zugleich nach sehr großem Aufwand. Ist so eine barrierefreie Gestaltung teurer als nicht-inklusive Konzepte, auch wenn sie von Anfang an mit geplant wird? Und gibt es Fördertöpfe dafür?

Mehrkosten lassen sich oft vermeiden, wenn Barrierefreiheit bereits in der Planung des Geländes berücksichtigt wird und auch bauliche Aspekte wie zum Beispiel breitere Türen und Flure frühzeitig mit eingeplant werden. Durch zusätzliche Angebote wie die Toilette für alle, die wir mit einem Lifter und einem Wickeltisch für Erwachsene ausgestattet haben, wird die barrierefreie Gestaltung dagegen tatsächlich teurer. Auch für die individuelle Begleitung von Menschen mit Behinderung fallen natürlich Mehrkosten an. Diese Angebote wurden im Rahmen des Förderprogramms „Impulse Inklusion 2018“ des Ministeriums für Soziales und Integration Baden-Württemberg finanziell unterstützt, das auch 2019 weiterläuft.

Sie beschäftigen dieses Jahr erstmals auch Menschen mit Behinderung sozialversicherungspflichtig in Ihrem Team. Wie viele Menschen arbeiten bei Ihnen und in welchen Bereichen sind diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingesetzt?

Insgesamt beschäftigen wir 16 Frauen und Männer mit Behinderung fest bei uns, die vorher in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) gearbeitet haben. Sie arbeiten je nach Vorliebe und Fähigkeiten in ganz verschiedenen Bereichen: in der Grünpflege, im Hausmeisterservice, am Einlass, in der Busfahrerlounge, im Kurierdienst, im Fahrradparkhaus oder an unseren Verleihstationen für Bollerwagen und Rollstühle. Der Stadt- und Landkreis Heilbronn bezuschusst alle 16 Stellen im Rahmen des Programms „Budget für Arbeit“.

Mehrkosten lassen sich oft vermeiden, wenn Barrierefreiheit schon in der Planung des Geländes berücksichtigt wird. Auch bauliche Aspekte wie zum Beispiel breitere Türen und Flure sollten frühzeitig mit eingeplant werden.
Karl Reinwald

Wie kam es dazu, dass diese neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Werkstatt zu Ihnen gewechselt haben?

Wir wollten von Anfang an auch Menschen mit Behinderung bei der BUGA beschäftigen und haben vorab die möglichen Tätigkeiten abgesteckt. In Zusammenarbeit mit Stadt und Landkreis Heilbronn, der Werkstatt der Stiftung Lichtenstern und der Lebenswerkstatt Heilbronn haben wir in den beiden Werkstätten nach Interessenten für diese Jobs gesucht. Die 16 Menschen mit Behinderung, die wir eingestellt haben, wurden vor dem Start der Gartenschau während ihrer Einarbeitungsphase von Jobcoaches betreut und begleitet. Diese haben zum Beispiel mit ihnen Arbeitsabläufe trainiert. Außerdem wurden die Abläufe und Arbeitsplätze so organisiert und strukturiert, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung ihre Aufgaben gut erfüllen können. Dabei werden sie jetzt noch von den Jobcoaches unterstützt und bis zum Ende der BUGA auch weiterhin.

Wie geht es für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung nach dem Ende der Bundesgartenschau weiter?

Ein wichtiges Ziel unseres Pilotprojektes ist es, Menschen mit Behinderung den Einstieg in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Sie fassen bei der BUGA Fuß und sammeln wichtige Erfahrungen. Da viele dieser Arbeitsplätze sehr eng an die Bundesgartenschau selbst geknüpft sind, enden die Arbeitsverhältnisse mit dem Ende der Veranstaltung. Wir unterstützen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber schon jetzt dabei, eine passende Anschlussbeschäftigung zu finden – sofern sie das möchten.
Wir haben dazu unsere Partner und Sponsoren, Firmen aus der Region, die Stadt und den Landkreis Heilbronn schon angesprochen, die entsprechende Stellen schaffen oder vermitteln können. Wer keinen neuen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt möchte, kann übrigens auch wieder an seinen Werkstatt-Arbeitsplatz zurückkehren – dafür hat sich aber bisher noch niemand entschieden.

Porträtfoto von Karl Reinwald, dem Inklusionsbeauftragten der BUGA 2019. Foto: BUGA Heilbronn 2019 GmbH

Foto: BUGA Heilbronn 2019 GmbH

Über unseren Interviewpartner

Name: Karl Reinwald
Geburtsjahr: 1984
Wohn-/Arbeitsort: Heilbronn
Beruf: Diplom-Sozialpädagoge und Sozialarbeiter mit Bachelor of Business Administration, Inklusionsbeauftragter der BUGA Heilbronn 2019
(Persönlicher Bezug zum Thema): Die Arbeit mit und für verschiedene Personengruppen, die eine Hilfestellung im täglichen Leben benötigen, begleitet mich bereits mein gesamtes Berufsleben. Das ist eine Tätigkeit, die mir sehr am Herzen liegt und mir gleichzeitig viel Freude bereitet.

Hintergründe & Infos

Bundesgartenschau Heilbronn

Die Bundesgartenschau Heilbronn 2019 steht unter dem Motto „Blühendes Leben“. Sie läuft noch bis zum 6. Oktober 2019 und ist täglich ab 9 Uhr morgens geöffnet.

Die Veranstaltung bekam für ihr barrierefreies Konzept bereits mehrere Preise: Die Lebenshilfe Baden-Württemberg zeichnete das Teilprojekt „Barrierefreier Ausbau der Freianlagen“ mit dem BRIDGE-Preis aus, das Zentrum Selbstbestimmt Leben – Aktive Behinderte in Stuttgart (ZSL) würdigte das barrierefreie Freizeitangebot mit dem „Goldenen Rollstuhl“.

Die BUGA GmbH hat aber nicht nur das Gelände so gestaltet, dass es für alle zugänglich ist, sondern beschäftigt auch insgesamt 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung in ihrem Team. Nach Ende der Veranstaltung werden sie dabei unterstützt, eine Anschlussbeschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden. Auf dem Gelände gibt es außerdem ein Café und einen Waschsalon, der von der Stiftung Lichtenstern betrieben wird. In diesen beiden Einrichtungen arbeiten schon seit dem Jahr 2018 Menschen mit und ohne Behinderung zusammen.

Tickets für die Bundesgartenschau kosten pro Tag und je nach Alter zwischen 8 und 23 Euro, Menschen mit einem Behinderungsgrad von mindestens 50 bezahlen 8 Euro (mit Nachweis). Für Kinder bis 15 Jahren ist der Eintritt frei. Shuttle-Services und Veranstaltungen sind im Eintrittspreis immer inbegriffen.

Führungen in Leichter Sprache und Gebärdensprache, ehrenamtliche Schiebehilfen und andere Serviceleistungen können telefonisch unter 07131-2019 oder per E-Mail an service@buga2019.de angefragt werden.




Innovationen für ein selbstbestimmtes Leben und Arbeiten

Aussteller aus der ganzen Welt zeigen bei der Messe unter anderem Hilfsmittel und Spielzeug für Kinder mit Behinderung, aber auch Alltagshilfen für Erwachsene. Daneben werden viele interessante Neuheiten rund um die Themen Kommunikation und barrierefreies Wohnen präsentiert.

Der Schwerpunkt der Fachmesse liegt in diesem Jahr auf Entwicklungen für Menschen mit Mobilitätseinschränkung: Die Gäste können zum Beispiel neue Rollstühle, Gehhilfen und behindertengerecht ausgestattete Kraftfahrzeuge kennenlernen und ausprobieren.

Blick in die Zukunft der Arbeitswelt: Messestand von LWL und LVR

Unter anderem sind auch die beiden großen Landschaftsverbände aus Westfalen (LWL) und dem Rheinland (LVR) im Themenpark „Menschen mit Behinderung und Beruf“ mit einem gemeinsamen Messe-Stand vertreten. Dort können die Besucherinnen und Besucher zum Beispiel einen Blick in die Zukunft der Arbeitswelt werfen: Wie können Roboter Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz unterstützen? Wie helfen digitale Assistenzsysteme im Arbeitsalltag? Welche neuen Arbeitsplätze und Aufgabenfelder eröffnen solche Lösungen für Menschen mit Behinderung?

Roboterarm und digitale Assistenzsysteme

Auf diese und weitere Fragen gibt es am Stand von LWL und LVR theoretische und praktische Antworten. Die Gäste können am Stand zum Beispiel einen Roboterarm der Firma IBG bestaunen, der Menschen mit Behinderung bei der Montage von Werkstücken unterstützt. Außerdem präsentiert die wertkreis Gütersloh gGmbH gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut aus Lemgo zwei digitale Assistenten für Menschen mit geistigen oder psychischen Behinderungen. Dabei überprüfen zum Beispiel Kameras, ob bei der Montage eines Werkstücks jeder Arbeitsschritt richtig ausgeführt wurde. Falls dabei etwas verkehrt läuft, können die Nutzerinnen und Nutzer des Assistenten auf einem Bildschirm sehen, wie sie eventuell entstandene Fehler korrigieren können.

Beratung und Vorträge

Darüber hinaus können sich die Messe-Besucherinnen und -Besucher am Stand der Inklusionsämter aus Westfalen und dem Rheinland auch rund um das Thema Beruf beraten lassen. Im „Treffpunkt REHACARE“ finden außerdem verschiedene Vorträge zum Thema statt, die für alle Gäste kostenfrei zugänglich sind.

REHACARE-Messe

Infos & Tickets

Die internationale Fachmesse REHACARE findet vom 18. bis zum 21. September 2019 in den Messehallen in Düsseldorf statt.

Tickets kosten für einen Messetag bei einer Online-Buchung vorab 8 Euro, vor Ort 14 Euro (ermäßigt: 8 Euro). Um online eine Eintrittskarte kaufen zu können, ist vorher eine Registrierung nötig. Die eTickets sind aber nicht nur günstiger, ihr dürft damit außerdem kostenlos mit der Rheinbahn im Tarifgebiet des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) zur Messe an- und abreisen.

Öffnungszeiten der REHACARE:
18. bis 20. September: 10 bis 18 Uhr
21. September: 10 bis 17 Uhr




Mittendrin – oder nur dabei? Umfrage zum Arbeiten mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen


Die Studie

Wie steht es um die „gefühlte“ Inklusion in Deutschland? Das will Veronika Chakraverty mit ihrem Team genauer untersuchen. Bisher ging oder geht es in Studien oft um die rein sachliche oder gesetzliche Faktenlage auf dem Arbeitsmarkt. Das Forscherteam der Uni Köln beschäftigt sich dagegen mit der psychologischen Seite der Inklusion: Wie nehmen Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen ihr Arbeitsumfeld ganz individuell wahr? Und welche Gründe gibt es dafür?
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen dazu möglichst viele Eindrücke aus erster Hand sammeln. Wie fühlen sich Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen in ihrem Team? Welche Auswirkungen hat das auf sie? Und was brauchen sie, damit es besser wird?

Wer darf an der Befragung teilnehmen?

Jede Person über 18 Jahre, die mindestens mit 18 Stunden in der Woche einer festen Arbeit nachgeht und eine oder mehrere langanhaltende (gesundheitliche) Beeinträchtigungen hat, die sie im Alltag mehr als nur geringfügig einschränken.

Bis wann läuft die Umfrage?

Die Befragungsphase läuft noch bis mindestens Ende 2019, dann wird der Online-Fragebogen geschlossen. Anschließend werden die Ergebnisse ausgewertet, die voraussichtlich im Spätsommer 2020 veröffentlicht werden.

Wie lange dauert es, den Fragebogen auszufüllen?

Die Befragung dauert zwischen 15 und 25 Minuten. Nehmt euch die Zeit und macht mit, damit genügend Daten zusammenkommen – es werden nämlich insgesamt rund 1.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gebraucht!

Muss ich auf alles antworten, was abgefragt wird?

Nein. Die Umfrage ist anonym und die Angaben sind freiwillig. Nur die Einstiegsfragen nach dem aktuellen Arbeitsverhältnis, der gesundheitlichen Beeinträchtigung oder Behinderung und der wöchentlichen Arbeitszeit sind verpflichtend, damit der Fragebogen in die Studie einfließen kann. Das Forscherteam freut sich aber selbstverständlich über jede Frage mehr, die ehrlich beantwortet wird.

Gibt es eine Belohnung für die Teilnahme an der Studie?

Wer möchte, kann nach der Befragung an einem Gewinnspiel teilnehmen, bei dem zwei Gutscheine im Wert von je 100 Euro verlost werden. Außerdem bietet das Forscherteam an, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nach Ende der Auswertung eine Zusammenfassung der Ergebnisse zuzuschicken.

Link zur Umfrage

Noch mehr Informationen und den direkten Link zum Fragebogen findet ihr hier.


Porträtfoto Veronika Chakraverty
Veronika Chakraverty, Initiatorin der Studie

„Inklusion hört nicht auf, sobald ein Mensch mit Behinderung eine Arbeit hat – sie fängt dann erst richtig an!“

Veronika Chakraverty ist 44 Jahre alt, Wahl-Kölnerin und Psychologin. Sie mag Zahlen und Statistiken und arbeitet seit 2017 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabilitation der Universität zu Köln. Dort schreibt sie ihre Doktorarbeit zum Thema „Arbeiten mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen: Inklusion und Inklusionsklima aus psychologischer Perspektive“.
Veronika lebt mit Multipler Sklerose (MS). Deshalb kennt sie viele der Fragen, die sie in ihrer Umfrage an andere Menschen stellt, aus ihrem eigenen Alltag. Denn ein Arbeitsplatz ist zwar ein sehr wichtiger erster Schritt für die Inklusion – doch danach gehen die entscheidenden Fragen eigentlich erst los: Wie geht es diesem Menschen an seinem Arbeitsplatz? Fühlt er sich in seinem Team wohl und sicher genug, um ehrlich mit seiner Erkrankung oder Behinderung umzugehen? Oder verstellt er sich lieber, weil er nicht als leistungsschwach gelten will? „Über die subjektive Seite von Inklusion wissen wir noch viel zu wenig“, sagt Veronika Chakraverty. Sie möchte mit ihrer Befragung dazu beitragen, dass sich das ändert.

Kontakt: veronika.chakraverty@uni-koeln.de




„Die Arbeitswelt braucht Querdenkerinnen und Querdenker“

Herr Kuhlemann, wie kamen Sie auf die Idee, ein Unternehmen zu gründen, das Menschen mit Autismus im Beruf unterstützt?

René Kuhlemann: Ich habe einen sehr persönlichen Bezug zu dem Thema, genauso wie Dirk Müller-Remus, mit dem ich das Unternehmen zusammen gegründet habe. Ich bin selbst Asperger-Autist und Dirks Sohn ebenfalls. Dirk und mich hat es sehr beschäftigt, dass so viele Autisten in Deutschland arbeitslos sind – und das, obwohl viele von ihnen überdurchschnittliche Kenntnisse und Fähigkeiten haben. Deshalb haben wir überlegt, wie wir Autisten dabei unterstützen können, ihre Stärken besser zu nutzen und einen Platz im ersten Arbeitsmarkt zu finden. Dirk hat mit dieser Idee auch schon in seinem ersten Start-Up auticon sehr gute Erfahrungen gemacht, das allerdings eine reine IT-Beratung ist und ausschließlich autistische IT-Consultants beschäftigt. Mit Diversicon wollen wir eine größere Zielgruppe ansprechen, also Autisten, deren Interessen und Talente außerhalb des IT-Bereichs liegen oder die weniger belastbar sind und nicht in wechselnden Projektumfeldern arbeiten können.

Frau Ollech, Sie sind kurz nach der Gründung eingestiegen. Hatten auch Sie vor Diversicon einen so direkten Bezug zum Thema?

Sally Ollech: Nein, für mich war die Auseinandersetzung mit Autismus und Neurodiversität [?] neu. Aber die Idee hat mich damals sofort überzeugt und begeistert. Ich habe außerdem 2012 die Organisation „querstadtein“ mitgegründet, die Stadtführungen durch Berlin und Dresden anbietet, die von obdachlosen und geflüchteten Stadtführerinnen und -führern geleitet werden. Ich hatte also schon Erfahrung mit dem sozialunternehmerischen Ansatz, auf die Ressourcen und Stärken von Menschen zu setzen. Diese Erfahrungen der Organisationsentwicklung bringe ich jetzt bei Diversicon mit ein. René ist der Experte für das Thema Autismus in unserem Geschäftsleitungsteam – das ergänzt sich sehr gut.

Dirk und mich hat es sehr beschäftigt, dass so viele Autisten in Deutschland arbeitslos sind – und das, obwohl viele von ihnen überdurchschnittliche Kenntnisse und Fähigkeiten haben.
Sally Ollech

Wie unterstützen Sie mit Diversicon Menschen mit Autismus konkret bei der Berufswahl und im Beruf?

Ollech: Wir haben unser Angebot in drei Bausteine aufgeteilt. Das erste Element ist die berufliche Orientierung. Wir unterstützen Autistinnen und Autisten in einem achtwöchigen Kurs dabei, ihre Stärken zu erkennen und sich konkrete berufliche Ziele zu stecken. Im zweiten Schritt beraten und begleiten wir die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer während der anschließenden Bewerbungsphase. Und wenn sie eine feste Stelle gefunden haben, bieten wir ihnen als dritten Baustein an, sie mit einem Jobcoaching weiterhin zu begleiten. In Zukunft möchten wir unser Angebot noch erweitern und gezielt Schülerinnen und Schüler beim Übergang in den Beruf unterstützen. So könnten künftig mehr junge Menschen im Autismus-Spektrum direkt nach dem Schulabschluss auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen und einen Beruf wählen, der gut zu ihnen passt.

Kuhlemann: In der Bewerbungsphase schalten wir uns auch aktiv ein, indem wir auf die potentiellen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber zugehen. Die dadurch entstehenden direkten Kontakte zwischen Firmen und Bewerberinnen und Bewerbern wären anders oftmals nicht zustande gekommen. Ein wichtiger Teil unseres Konzeptes ist es auch, die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber zu beraten und dabei zu unterstützen, vielfältigere Teams in ihren Firmen aufzubauen. Und wir informieren und sensibilisieren die Arbeitsagenturen und Jobcenter für das Thema. In Zukunft wollen wir noch mehr tun und eine autismusspezifische Sozial- und Teilhabeberatung aufbauen.

Wer darf Ihre Angebote nutzen?

Kuhlemann: Grundsätzlich alle Menschen im Autismus-Spektrum. Bisher hatten wir Teilnehmerinnen und Teilnehmer von 19 bis 54 Jahren dabei, es gibt also in keine Richtung eine Altersbegrenzung. Wer möchte, kann sich online mit ein paar Angaben zu ihrer oder seiner Person und zum bisherigen Werdegang bewerben. Es ist übrigens nicht zwingend nötig, eine Diagnose einzuholen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie lang die Wartezeiten bei den verschiedenen Diagnosestellen oft sind, außerdem möchte ja auch nicht jede und jeder die Tests und Untersuchungen dafür machen. Unser Ansatz ist es deshalb, nach der Anmeldung zum Kurs erst einmal ausführlich mit jeder Interessentin und jedem Interessenten zu sprechen. Wir möchten sie so kennenlernen und können danach besser einschätzen, ob ein Kurs bei Diversicon sie weiterbringen kann oder nicht. Entscheidend ist auch, ob jemand motiviert an die Sache herangeht und ob sie oder er in eine Kursgruppe passt.

Was kosten Ihre Kurse und Coachings und wo finden sie statt?

Ollech: Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind unsere Leistungen kostenlos. Je nach Zuständigkeit werden die Kurse, Beratungen und Coachings durch die Agentur für Arbeit, das Jobcenter oder die Rentenversicherung finanziert. Allerdings gibt es uns bisher nur in Berlin. Grundsätzlich können sich zwar gerne auch Interessentinnen und Interessenten aus anderen Bundesländern zu unseren Kursen anmelden und sie werden dabei in der Regel auch vom zuständigen Träger unterstützt. Doch da unser Kurs zwei Monate dauert, müssen Teilnehmerinnen und Teilnehmer von außerhalb für diese Zeit eine Unterkunft in Berlin finden. Das ist leider nicht allen möglich. Mittelfristig wollen wir unsere Kurse und die Jobvermittlung aber auch in anderen Regionen Deutschlands anbieten.

Es ist nicht zwingend nötig, vor der Anmeldung zu unseren Kursen eine Autismus-Diagnose einzuholen. Wir sprechen vorher einfach ausführlich mit jeder Interessentin und jedem Interessenten.
René Kuhlemann

Ihr Ansatz ist es, auf die Stärken von autistischen Menschen zu schauen. Welche sind das?

Kuhlemann: Dazu gibt es einen schönen Satz aus der Community: „Kennst Du einen Autisten, kennst Du einen Autisten.“ Wie alle Menschen haben also auch Menschen im Autismus-Spektrum sehr individuelle und unterschiedliche Fähigkeiten. Es gibt dennoch einige Stärken, die tatsächlich bei fast allen vorhanden sind. Zum Beispiel haben die meisten Autistinnen und Autisten ein hohes Qualitätsbewusstsein und einen guten Blick für Details. Dadurch können sie Zusammenhänge und Muster oft besonders schnell erkennen. Auch ein intuitives Verständnis für technische Systeme kommt häufiger vor – und manche sind in den Bereichen Entwicklung und Design besonders gut.

Ollech: Menschen im Autismus-Spektrum nehmen viele Dinge etwas anders wahr als ihre Kolleginnen und Kollegen. Dadurch kommen sie oft auf neue und ungewöhnliche Lösungen. Die moderne Arbeitswelt braucht solche Querdenkerinnen und Querdenker, um innovativ und effizient arbeiten zu können und sich für die Zukunft aufzustellen.

Welche Branchen und Berufe passen besonders gut zu diesen Fähigkeiten?

Kuhlemann: Das hängt ganz davon ab, was unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer können und wollen – und was potentielle Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber suchen und anbieten können. Wir stecken immer zuerst mögliche Aufgabenfelder ab, die zu den individuellen Stärken der Teilnehmenden passen. Das können zum Beispiel Bereiche wie Recherche und Analyse oder Strukturierung und Optimierung sein. Oft ist auch die Fähigkeit gefragt, anspruchsvolle Soll-Ist-Abgleiche durchzuführen, oder ein ausgeprägtes kreativ-künstlerisches Talent. Im zweiten Schritt suchen wir nach passenden Berufen. Dabei denken wir immer branchenübergreifend. Unsere Kurs-Absolventinnen und -Absolventen haben so schon in ganz verschiedenen Bereichen Arbeit gefunden, zum Beispiel im öffentlichen Dienst, im Grafikbereich, bei einer Sicherheitsfirma, in der technischen Gebäudeausstattung, in der Wissenschaft oder im Bereich Erneuerbare Energien.

Gibt es auch Berufe, die gar nicht für Autisten geeignet sind?

Ollech: Das werden wir auf Veranstaltungen oft gefragt. Pauschal lässt sich aber auch das nicht beantworten. Jeder Autist, jede Autistin ist eben anders. Daher schließen wir erstmal keinen Berufswunsch aus, nicht mal Mitarbeit im Vertrieb – das ist sicherlich kein klassisches Tätigkeitsfeld für die Mehrheit der Autistinnen und Autisten. Aber ich kenne einen Autisten, der unglaublich guten Vertrieb für seine Idee macht und einfach selber Unternehmer geworden ist. Die Tendenz ist, dass es meistens dann nicht gut passt, wenn Ehrlichkeit und Offenheit in einem Job nicht erwünscht sind. Viele Autistinnen und Autisten haben nämlich ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und für sie ist Ehrlichkeit sehr wichtig.

Welche Rahmenbedingungen müssen Unternehmen schaffen, damit Autistinnen und Autisten gut arbeiten können?

Kuhlemann: Auch das ist sehr verschieden, und wir erleben in unseren Kursen immer wieder, dass es da kein Patentrezept gibt. Deshalb klären wir das bei jeder Job-Vermittlung individuell ab. Einige Beispiele: Viele unserer Kandidatinnen und Kandidaten bevorzugen ein reizarmes Umfeld. Sie mögen kein grelles Neonlicht und wollen auch keinen unruhigen Arbeitsplatz direkt am Gang oder in einem Großraumbüro. Wenn sich das nicht vermeiden lässt, der Job ansonsten aber gut passt, können Rückzugsmöglichkeiten oder geräuschunterdrückende Kopfhörer schon eine Lösung sein. Einige wünschen sich in ihren Berufen wenig oder gar keinen Kundenkontakt, weil soziale Interaktionen sie sehr anstrengen. Andere wiederum können sich das durchaus vorstellen und mögen es sehr, anderen Sachverhalte zu erklären, die sie interessieren.

Ollech: Struktur und Eindeutigkeit sind ebenfalls sehr wichtig. Deshalb sollten im Unternehmen sämtliche Abläufe, Aufgaben und Ansprechpartnerinnen und -partner klar definiert sein. Das klingt banal, ist im Arbeitsalltag aber oft eine Herausforderung. Die meisten Menschen reden zum Beispiel oft in Konjunktiven und Floskeln, ohne es zu merken. Für Autistinnen und Autisten sind die „versteckten“ Botschaften und Dinge „zwischen den Zeilen“ schwer zu entschlüsseln. Abhilfe schafft eine möglichst klare und direkte Sprache. Vielfalt in einem Team setzt unserer Erfahrung nach einerseits große Potenziale frei, bedeutet aber eben auch Arbeit. Es ist daher wichtig, dass die Teamleiterinnen und -leiter eines Unternehmens dazu bereit sind, ein inklusives, diverses Team zu führen, und das gesamte Kollegium offen und empathisch auf die neuen Perspektiven zugeht, die da ins Team kommen.


Porträtfoto von René Kuhlemann. Foto: Diversicon

Foto: Diversicon

Über unsere Interviewpartner

René Kuhlemann

Geburtsjahr: 1975
Wohn-/Arbeitsort: Berlin
Beruf: Gründer und Geschäftsführer von Diversicon
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: ist selbst Asperger-Autist und hat langjährige Erfahrung aus der Unternehmensberatung

Porträtfoto von Sally Ollech. Foto: Diversicon

Foto: Diversicon

Sally Ollech

Geburtsjahr: 1983
Wohn-/Arbeitsort: Berlin
Beruf: Mitglied der Geschäftsleitung bei Diversicon
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: hat Freude an Vielfalt und langjährige Erfahrung als Sozialunternehmerin

Für die Region Westfalen-Lippe:

Angebote und Unterstützung für Autistinnen und Autisten

Auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) berät und unterstützt Menschen im Autismus-Spektrum. Hier haben wir die wichtigsten Angebote und Anlaufstellen nach Situationen und Lebensbereichen für euch aufgelistet:

Diagnose und Beratung: Die Autismus-Ambulanz der LWL-Klinik Dortmund ist eine der wenigen Ambulanzen in Deutschland, die nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene Diagnosen stellt. Wer möchte, kann sich hier in einer Spezialsprechstunde beraten lassen und wird bei Bedarf an andere Anlaufstellen weitervermittelt.

Wohnen: Autistinnen und Autisten, die Schwierigkeiten mit der Organisation des Alltags haben, können sich in einer Wohngruppe für Menschen im Autismus-Spektrum dabei unterstützen lassen. Dieses Angebot des LWL-Wohnverbunds Marsberg richtet sich vor allem an Jugendliche und junge Erwachsene. In der Wohngruppe können bis zu acht Personen leben. Darüber hinaus bietet auch das LWL-Inklusionsamt Soziale Teilhabe Plätze in Wohngruppen an.

Arbeit: Ansprechpartner zu allen Fragen rund um das Thema „Autismus und Arbeit“ sind die Integrationsfachdienste, die im Auftrag des LWL arbeiten. In 20 regionalen Anlaufstellen beraten und unterstützen sie Menschen mit Behinderung und Menschen im Autismus-Spektrum, die eine Arbeitsstelle suchen. Bei Bedarf begleiten die Fachkräfte auch im Berufsleben weiter. Sie sind in den Kreisen und kreisfreien Städten der Region gut vernetzt und kennen dort potentielle Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber. Sie beraten auch die Unternehmen zum Beispiel dabei, einen Arbeitsplatz optimal auszustatten.

Auch mit einem Jobcoaching des LWL-Inklusionsamtes Arbeit können sich Menschen im Autismus-Spektrum und Menschen mit Behinderung im Beruf begleiten lassen. Jobcoaches besuchen regelmäßig den Arbeitsplatz, unterstützen im Berufsalltag und vermitteln bei Bedarf zwischen der Arbeitnehmerin oder dem Arbeitnehmer, dem Unternehmen und den Kolleginnen oder Kollegen. Das kann vor allem dann sehr hilfreich sein, wenn das Arbeitsverhältnis gerade erst begonnen oder wenn es Veränderungen im Betrieb gegeben hat.
Das Jobcoaching und die Begleitung durch die Integrationsfachdienste sind Unterstützungsangebote für Menschen mit einer Schwerbehinderung oder einer Gleichstellung.




Raum für Inklusion – und viele neue Ideen

Frau Trzecinski, welchen persönlichen Bezug haben Sie zum Thema Inklusion?

Das Thema beschäftigt mich seit meiner Kindheit. Mein Vater war schwerhörig, das hat er anderen Menschen aber nie offen gesagt. Deshalb gab es in Gesprächen mit Fremden oft Probleme. Wir Kinder haben in diesen Situationen früh vermittelt und versucht, Missverständnisse aufzuklären. Diese Erfahrung hat mich sicher stark beeinflusst. Später habe ich Sonderschulpädagogik studiert, anschließend aber erst einmal als Managerin bei Microsoft gearbeitet.

Wie sind Sie aus dieser Situation heraus auf die Idee gekommen, einen inklusiven Coworking-Space zu starten?

Ich wollte etwas Neues machen und dabei meine Erfahrungen aus der freien Wirtschaft und dem Bildungsbereich einbringen. 2010 habe ich „KOPF, HAND + FUSS“ gegründet, eine gemeinnützige Organisation, die sich mit verschiedenen Medien-Projekten für eine inklusive Gesellschaft einsetzt. Zum Beispiel haben wir eine App entwickelt, mit der Jobcenter-Formulare in Deutscher Gebärdensprache erklärt werden. Eine weitere Entwicklung war IRMGARD: Mit dieser App können Menschen, die nicht schreiben und lesen können, damit anfangen und es lernen.
Das Besondere bei uns ist, dass wir bei jedem Projekt von Anfang an mit Leuten aus der Zielgruppe zusammenarbeiten. Dadurch habe ich viele tolle Menschen kennengelernt, die ganz unterschiedliche Behinderungen haben. Einige davon wollten sich gerne selbständig machen, fanden aber keinen passenden Arbeitsort. In Berlin gibt es zwar über 100 Coworking-Spaces, aber bisher keinen einzigen barrierefreien. Deshalb haben wir 2017 selbst ein solches Büro eröffnet. Seither bieten wir verschiedene Arbeitsplätze auf insgesamt 760 Quadratmetern an, darunter ein Gemeinschaftsbüro mit 20 Schreibtischen und mehrere Konferenzräume, die wir für Veranstaltungen vermieten.

Das Besondere bei uns ist, dass wir bei jedem Projekt von Anfang an mit Leuten aus der Zielgruppe zusammenarbeiten. Dadurch habe ich viele tolle Menschen kennengelernt, die ganz unterschiedliche Behinderungen haben.
Stefanie Trzecinski

Wen wollen Sie mit diesem Angebot ansprechen und wer nutzt Ihre Büros bisher?

Bei uns arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen, unser Angebot gilt also für jede und jeden. Das ist unser Verständnis von Inklusion, das „Anderssein“ ist bei uns normal. Die meisten unserer Coworkerinnen und Coworker ohne Behinderung kommen aus dem Bezirk Wedding, diejenigen mit Behinderung aus ganz Berlin. Sie arbeiten für Vereine, Start-ups oder als Freiberufler.
Aktuell haben wir 20 solcher Nutzerinnen und Nutzer, sind damit aber noch nicht ausgebucht. Hinzu kommen Firmen, Stiftungen und Vereine, die ab und zu unsere Meetingräume anmieten. Sie kommen meist deshalb zu uns, weil wir barrierefrei sind, und nutzen etwa unsere kostenfreie induktive Höranlage für ihre Veranstaltungen oder unsere Bühne mit Rampe. Daran freut mich besonders, dass ich den Leuten schon bei der ersten Begehung unserer Räume zeigen kann, wie Inklusion ganz einfach funktionieren und dazu auch noch ansprechend gestaltet sein kann. Sie verlassen uns also immer mit einem sehr positiven Eindruck.

Was bedeutet „barrierefrei“ bei Ihnen genau und wie unterscheiden Sie sich diesbezüglich von anderen Coworking-Spaces?

Zunächst einmal gibt es bei uns keine Schwellen und die Türen sind breit genug für jeden Rollstuhl. Auch die Toiletten sind so gebaut. Das ist aber nicht unser Alleinstellungsmerkmal, denn diese Infrastruktur bieten manche anderen Coworking-Spaces auch.
Das Entscheidende ist, wie unsere Arbeitsplätze eingerichtet sind und dass sie individuell angepasst werden können. Zum Beispiel sind alle unsere Schreibtische elektrisch höhenverstellbar. Außerdem stellen wir auch inklusive Möbel bei uns auf, die wir selbst zusammen mit Designerinnen und Designern entwickelt haben. Den „konFAIRenztisch“ etwa: Er hat drei unterschiedliche Höhen, damit beispielsweise Menschen mit einem Rollstuhl darunter bequem Platz nehmen und die Arbeitsfläche optimal nutzen können.
Auch kleinwüchsige Menschen können so an einer für sie passenden Tischhöhe sitzen. Der konFAIRenztisch hat außerdem keine Tischbeine, so dass Menschen mit Sehbehinderungen sich nicht daran stoßen oder stolpern können. Den Tisch haben wir zusammen mit dem Verein „be able“ entworfen und bei der Planung mit Menschen zusammengearbeitet, die verschiedene Bedürfnisse und Anforderungen an ein solches Möbelstück haben. So machen wir es bei all unseren Projekten. Unser neuestes ist der Designer-Sessel „Schaumlove“, der komplett aus Schaumstoff besteht und deshalb auch für Menschen mit spastischen Behinderungen sehr bequem ist.

Wer möchte, kann sich bei Ihnen auch von einer Assistentin oder einem Assistenten am Arbeitsplatz begleiten und unterstützen lassen. Was ist das für ein Angebot?

Das sind so genannte Assistenzleistungen, die unsere Coworkerinnen und Coworker je nach Bedarf wahrnehmen können. Wer sich beispielsweise gerade von einem Burn-Out erholt oder eine andere psychische Erkrankung hat, kann sich von unserer Psychologin begleiten lassen, die im Alltag individuell unterstützt und etwa dabei hilft, mit Stresssituationen besser umzugehen. Außerdem können wir mehrere Arbeitsassistentinnen und -assistenten zur Verfügung stellen, die auf Wunsch bei der Arbeit unterstützen. Auch wir vom TUECHTIG-Team helfen in verschiedenen Situationen gerne weiter. Wenn jemand zum Beispiel nicht gut Deutsch spricht, korrigieren wir für sie oder ihn Texte, etwa für E-Mails. Und wenn eine Website nicht mit dem Screenreader gelesen werden kann, lesen wir sie einfach vor.

Das ist eine Menge an Angeboten und Leistungen. Würden Sie sagen, dass TUECHTIG damit komplett barrierefrei und inklusiv ist – oder fallen Ihnen im Alltag manchmal Punkte auf, die Sie noch verbessern wollen?

Ich bin mir sicher, dass wir niemals fertig sein werden. Wir nehmen regelmäßig die Rückmeldungen unserer Kundinnen und Kunden auf, außerdem kommen uns selbst ständig neue Ideen, die wir auch umsetzen. Ein Beispiel: Bisher hatten wir nur Türen mit normalen Klinken. Die sind für kleinwüchsige Menschen aber zu hoch. Anders gebaute Türklinken gibt es bisher nicht auf dem Markt, also entwickeln wir jetzt gemeinsam mit dem Designer Bruno Ziebell selbst welche, die weiter nach unten reichen.

Ein anderes Thema ist die Orientierung in unseren Räumen: Wir brauchen ein Tastmodell unseres Coworking-Spaces, damit blinde Menschen begreifen können, wie unsere Räume aussehen. Normalerweise sind sie statisch und können nicht mehr angepasst werden, wenn sie einmal fertig sind. Wir verändern unsere Räume allerdings täglich, stellen mal Tische in U-Form auf, mal gar keine Tische und stattdessen nur Stühle. Deshalb entwickeln wir jetzt ein flexibles Tastmodell gemeinsam mit blinden und sehbehinderten Menschen und der Firma „Figures“, die ebenfalls im TUECHTIG arbeitet. Wir haben dafür kürzlich einen 3D-Drucker angeschafft, den wir von einem Preisgeld finanziert haben. Mit diesem Gerät können wir nun maßstabsgetreue Miniatur-Möbel herstellen, die sich flexibel versetzen lassen.

Sind durch solche Kooperationen innerhalb des Coworking-Spaces selbst schon einmal neue Ideen für Projekte oder Produkte entstanden?

Ja, so einige! Zum Beispiel aus der gemeinsamen Arbeit an unserem Tastmodell: Die Coworkerinnen und Coworker der Firma „Figures“ entwickeln unter anderem Info-Grafiken für Online-Zeitungen. Sie übertragen ihre Erfahrungen aus der Kooperation im TUECHTIG nun auf diese Arbeit. Gerade überlegen sie, wie Info-Grafiken im Netz auch für Blinde und Menschen mit Sehbehinderung erfahrbar werden könnten. Das Tolle daran ist, dass sie selbst diese Idee hatten – wir von TUECHTIG hatten damit nichts zu tun.

Möchten Sie Ihre Entwicklungen bald auch größer vermarkten, Ihre Möbel oder das flexible Tastmodell zum Beispiel zum Kauf anbieten?

Nein, dazu fehlen uns die Kapazitäten, außerdem ist das nicht unser Ziel. Wir möchten mit unserem Konzept etwas bewegen und zeigen, wie Inklusion in der Arbeitswelt funktionieren kann, ohne dass die Räume aussehen wie im Krankenhaus. Aber: Wir nehmen durchaus Einzelaufträge an und bauen auf Wunsch zum Beispiel einen konFAIRenztisch oder ein Tastmodell für andere Einrichtungen nach. Unsere Ideen sind außerdem nicht patentrechtlich geschützt, also sozusagen „Open Source“. Wer handwerklich geschickt ist, darf unsere Möbel gerne nachbauen.

Porträtfoto von Stefanie Trzecinski.

Foto: Helen Nicolai/HelenNicolai BusinessPortraits

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Stefanie Trzecinski
Geburtsjahr: 1972
Wohn-/Arbeitsort: Berlin
Beruf: Gründerin und Geschäftsführerin von „KOPF, HAND + FUSS“ und des TUECHTIG und Lehrbeauftragte an der Humboldt-Universität Berlin
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: hatte einen Angehörigen, der schwerhörig war und deshalb oft von seinen Mitmenschen ausgegrenzt wurde.




Umfrage: Was braucht ihr, damit der Arbeitsmarkt inklusiver wird?

JOBinklusive ist eine Langzeit-Kampagne der Sozialhelden. Der Verein möchte mit dem Projekt Brücken bauen zwischen den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren, die beim Thema Arbeit und Inklusion etwas bewegen können oder von konkreten Maßnahmen profitieren würden: Menschen mit Behinderung, Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern, Bildungseinrichtungen, Arbeitsvermittlerinnen und -vermittlern, der Politik und den Wohlfahrtsverbänden.

Um herauszufinden, was konkret verbessert werden müsste, damit die Arbeitswelt wirklich inklusiver wird, hat JOBinklusive jetzt einen Online-Fragebogen gestartet. Damit soll die Perspektive von Menschen mit Behinderung erfasst werden: Wie ist eure Situation und warum ist sie so? Wie war euer Weg bisher? Was braucht ihr für einen inklusiven Arbeitsmarkt?

Link zur Umfrage

Je mehr Menschen teilnehmen und so ihre Erfahrungen teilen, desto besser – also los! Das Ausfüllen des Bogens dauert nur fünf bis zehn Minuten. Hier könnt ihr mitmachen.




„Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet“

Eduard Wiebe hebt eine Einkaufstasche aus seinem Rollstuhlanhänger, dabei rieseln ein paar goldene Konfettischnipsel zu Boden. „Die sind noch von der Siegerehrung bei ProSieben“, sagt er grinsend. Er sammelt die glänzenden Schnipsel auf und legt sie auf seinen Schreibtisch.

Ende März 2019 stand der Fertigungsleiter des Bielefelder Unternehmens Teuto InServ zusammen mit Geschäftsführer und Mit-Erfinder Andreas Neitzel im Goldregen auf der Bühne der ProSieben-Erfindershow „Das Ding des Jahres“. 41 Prozent der Fernsehzuschauer hatten bei der telefonischen Abstimmung im Finale live für die beiden angerufen und ihre Erfindung „Rollikup“ zur besten Idee gekürt. Damit wurde die weltweit erste Anhängerkupplung für Rollstühle auf einen Schlag bekannt. Und auch das Preisgeld kann sich sehen lassen: 100.000 Euro.

Menschen mit Behinderung den Alltag erleichtern

„Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet“, sagt Andreas Neitzel. Eigentlich geht es bei der Show darum, dass die Zuschauer eine Erfindung wählen, die sie selbst gut gebrauchen könnten. Dieses Mal stimmte eine überwältigende Mehrheit für „Rollikup“. Der Name für die Erfindung ist aus den Wörtern „Rollstuhl“ und „Kupplung“ zusammengesetzt, denn mit ihr lassen sich Koffer, Kinder- und Transportanhänger mit einer Hand sicher an Rollstühlen verschiedenster Hersteller befestigen. Menschen, die mit Rollstuhl leben und Oberkörper und Arme frei bewegen können, können so viel einfacher und ohne Hilfe einkaufen, verreisen und mit kleinen Kindern unterwegs sein – das ist eine große Erleichterung im Alltag.

Geht nicht? Gibt’s nicht!

Andreas Neitzel und Eduard Wiebe tüfteln an einem runden Tisch in ihrem Büro an der Anhängerkupplung.

Neitzel und Wiebe arbeiteten abends und manchmal auch nachts an den Entwürfen für ihre Erfindung, um den Rollikup perfekt zu machen. Foto: LWL/Busch

Die „Rollikup“-Erfolgsgeschichte begann im Herbst 2017. Damals erfuhr das Teuto-InServ-Team von einem Mann, der mit Rollstuhl lebte und gern allein sein Kind vom Kindergarten abholen wollte. „Er suchte nach einer Möglichkeit, einen Kinder-Caddy an seinem Rollstuhl zu befestigen“, erklärt Wiebe. „Aber Kupplungssysteme für Fahrradanhänger passen nicht an einen Rollstuhl und sind in der Bedienung auch viel zu kompliziert. Also dachten wir: Wenn es da noch nichts Passendes gibt, entwickeln wir das halt.“ Der Betriebsleiter des Inklusionsunternehmens begann zu tüfteln. Er brütete in den Mittagspausen zusammen mit Andreas Neitzel über Entwürfen, arbeitete abends, manchmal sogar nachts zu Hause an seiner Idee.

Anfang 2018 war der Prototyp fertig. Dafür schraubten die beiden eine Kupplung dauerhaft an einen Rollstuhl, an der sich ein Anhänger mit einem Handgriff sicher anklicken und mit einem weiteren Handgriff wieder lösen lässt. Während der Fahrt funktioniert die Kupplung wie ein flexibles Kugelgelenk. Die Nutzerin oder der Nutzer kann so einen Anhänger oder Koffer bequem um jede Kurve ziehen. Wiebe und Neitzel haben diesen Entwurf inzwischen weiterentwickelt und einen nur zwölf Kilo schweren Anhänger konstruiert, mit dem sich zwei große Einkaufstaschen oder eine Wasserkiste transportieren lassen. Selbst in einen Auto-Kofferraum passt der Anhänger bequem hinein.

Eduard Wiebe führt in diesem Zeitraffer-Video vor, wie der Rollikup-Anhänger, den er und sein Kollege zusätzlich zur Kupplung entworfen haben, einfach vom Rollstuhl getrennt und im Auto verstaut werden kann.

„Bewirb dich ruhig, aber das wird sowieso nichts“

Eine ehemalige Praktikantin brachte Wiebe und Neitzel im vergangenen Sommer auf eine Idee: Sie schlug vor, dass die beiden ihre Erfindung doch im Fernsehen vorstellen und sie so bekannter machen sollten. „Sie empfahl uns ‚Das Ding des Jahres‘ und schickte uns auch gleich die Bewerbungsunterlagen mit“, erinnert sich Wiebe lächelnd. „Sie hat sich so viel Mühe gegeben, dass wir gar nicht anders konnten, als uns zu bewerben.“ Andreas Neitzel war von der Idee anfangs noch wenig begeistert. Aber er stimmte zähneknirschend zu: „Ich habe gesagt: ‚Mach doch, aber das wird sowieso nichts.‘“ Heute lacht er, wenn er das erzählt. Denn es wurde doch etwas.

„Das Casting war ein Kampf“

Andreas Neitzel und Eduard Wiebe kamen in die engere Auswahl aus 400 Erfinderinnen und Erfindern, die das Pro7-Team aus knapp 1.000 Bewerbungen ausgesucht und zum Casting eingeladen hatte. Im September fuhren sie nach Köln und präsentierten den „Rollikup“ einer ersten Jury. „Das Casting war ein echter Kampf“, sagt Wiebe. „Die Konkurrenz war groß und die Atmosphäre war sehr angespannt, denn es gab ja auch viele andere Teams, die sich bei mehreren Sendungen gleichzeitig beworben hatten und unbedingt weiterkommen wollten. Manche Erfinder hatten sogar ihren Job gekündigt und alles auf eine Karte gesetzt“, erzählt er.

Olympischer Geist und Zusammenhalt

Doch das Teuto-InServ-Team überzeugte die Casting-Jury. Im Januar reisten die Bielefelder zum zweiten Mal nach Köln, um ihren ersten Fernsehauftritt aufzuzeichnen, begleitet von Ines Rose. Die Geschäftsführerin der Werkhaus GmbH, dem Mutterunternehmen von Teuto-InServ, hatte die beiden von Anfang an unterstützt und fieberte nun im ProSieben-Studio im Publikum mit.

Ihre Idee vor laufender Kamera vorzuführen, war für Neitzel und Wiebe ein spannendes Erlebnis, aber unter den Teilnehmern war die Stimmung jetzt lockerer: „Alle Erfinderteams waren im selben Hotel untergebracht. Dadurch haben wir uns untereinander schon etwas kennengelernt“, erzählt Andreas Neitzel. „Wir haben uns nett unterhalten – und statt Konkurrenzdenken herrschte eher olympischer Geist: Wir hatten alle sowieso schon gewonnen, indem wir teilnehmen durften.“ Für die „Rollikup“-Erfinder war das tatsächlich so, denn sie hatten ihr Hauptziel schon mit dem ersten Auftritt erreicht: Das Kupplungssystem wurde bekannter, noch dazu gab es eine Menge Lob von der ProSieben-Jury und begeistertes Feedback von potenziellen Kundinnen und Kunden.

Andreas Neitzel (links), Eduard Wiebe (rechts) und der Rollikup sind die stolzen Gewinner der ProSieben-Show „Das Ding des Jahres“. Foto: ProSieben/Willi Weber (Das Ding des Jahres, Finale Staffel 2, ausgestrahlt am 26. März 2019).

Inklusive Produktion

Doch damit war der Weg noch nicht zu Ende. Die beiden Erfinder qualifizierten sich für das Finale und setzten sich dort live gegen die übrigen fünf Finalisten durch. Die Freude war auch unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Bielefeld riesig, sagt Neitzel, der nach dem aufregenden Fernsehauftritt und dem Presserummel noch etwas müde, aber sehr zufrieden aussieht. „Wir feiern gleich einen dreifachen Sieg. Wir sind die Gewinner der Show und können das Preisgeld in unser Unternehmen investieren. Menschen, die mit Rollstuhl leben, gewinnen durch unsere Erfindung eine Menge Lebensqualität. Und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch die Werkstatt der Werkhaus GmbH selbst haben in Zukunft eine spannende neue Aufgabe.“

Damit meint er die insgesamt 28 Menschen, die bei Teuto InServ arbeiten. Zwei Drittel von ihnen haben eine Behinderung. Ihre Aufgaben: Sie bearbeiten, prüfen und verpacken Bauteile für einen großen Automobil-Zulieferer und andere Unternehmen. Der „Rollikup“ ist das erste eigene Produkt des Inklusionsunternehmens, die ersten 1.000 Exemplare der innovativen Kupplung haben die Mitarbeiter schon gefertigt, die nächste Charge ist geplant. Von der Produktion profitieren auch die Beschäftigten in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung der Werkhaus GmbH. Sie fertigen ein Bauteil für den „Rollikup“ mit ihrer CNC-Maschine.

„Wir haben eine Menge Anrufe und Nachrichten von Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern bekommen, die die Kupplung haben wollten. Einige haben sogar gesagt: ‚Egal, was der Rollikup kostet, ich brauche sowas!‘“
Eduard Wiebe

Ein toller Motivationsschub

Die Produktionszahlen steigen, und das ist auch dringend nötig. Denn der Bedarf nach einer solchen Lösung ist offenbar riesig. Das haben beiden Erfinder schon nach der Ausstrahlung der ersten ProSieben-Show gemerkt: „Wir haben eine Menge Anrufe und Nachrichten von Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern bekommen, die die Kupplung haben wollten. Einige haben sogar gesagt: ‚Egal, was der Rollikup kostet, ich brauche sowas!‘“, erzählt Eduard Wiebe.

Mindestens ebenso wichtig wie das positive Feedback und die zusätzlichen Umsätze ist für beide Unternehmen aber auch der Motivationsschub, den sie in den vergangenen Wochen bekommen haben. „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind wahnsinnig stolz auf den Erfolg und die vielen positiven Medienberichte“, sagt die Geschäftsführerin der Werkhaus GmbH Ines Rose. „Einige unserer Beschäftigten haben die Zeitungsartikel über die Fernsehshow sogar ausgeschnitten und an ihrem Arbeitsplatz aufgehängt. Dieses tolle Erlebnis hat uns allen neuen Schwung gegeben.


Andreas Neitzel, Ines Rose und Eduard Wiebe (er im Rollstuhl mit Rollikup) posieren draußen vor dem Firmengebäude der TeutoInServ gGmbH.

Von links nach rechts: Andreas Neitzel, Ines Rose und Eduard Wiebe vor dem Firmengebäude der TeutiInServ gGmbH. Foto: LWL/Busch

Mehr zum Unternehmen und zum Rollikup

Möchtet ihr wissen, was der Inklusionsbetrieb Teuto InServ sonst noch so alles macht? Dann könnt ihr hier unser Porträt über das Unternehmen lesen, das schon vor einiger Zeit auf unserem Blog erschienen ist.

Mehr Informationen zum „Rollikup“ bekommt ihr auf der Website von Teuto InServ. Den Vertrieb übernimmt der Fahrradzubehör-Händler Bike-Bep24 (dort könnt ihr die Kupplung bestellen).




Eine Anhängerkupplung für Rollstühle

Die Entwicklung des Erfinder-Duos der Teuto InServ aus Bielefeld ist ebenso simpel wie genial: zwei Mitarbeiter des Inklusionsunternehmens haben ein Kupplungssystem für den Rollstuhl entwickelt, an dem man Koffer, Transport- oder Kinderanhänger sicher befestigen kann. „Rollikup“ heißt diese Entwicklung von Andreas Neitzel und Eduard Wiebe, zusammengesetzt aus den Wörtern „Rollstuhl“ und „Kupplung“. Das System ist das weltweit erste seiner Art, denn anders als zum Beispiel schon existierende Kupplungen für Fahrradanhänger lässt sich „Rollikup“ auch hinter dem Rücken und mit einer Hand bedienen.

Das Entwickler-Team stellt seine Erfindung am Dienstag, 19. März, in der TV-Show „Das Ding des Jahres“ vor. Es bewirbt sich damit um ein Preisgeld von 100.000 Euro. Zur Jury gehören unter anderem der Moderator Joko Winterscheidt und das Model Lena Gercke.

Die Show wird um 20.15 Uhr auf Pro Sieben ausgestrahlt. Hier gibt es weitere Informationen zur Sendung und eine Mediathek mit allen Folgen.

Übrigens: Wenn ihr wissen wollt, was der Inklusionsbetrieb Teuto InServ sonst noch so alles macht, lest hier unser Porträt über das Unternehmen!