„Ich möchte, dass mehr Menschen mit Behinderung in Filmen zu sehen sind“

Herr Janßen, Sie waren früher Verwaltungsleiter der Berlinale. Wie kamen Sie dazu, sich für Inklusion in der Filmbranche zu engagieren?

Mein Patenkind Max hat eine Behinderung. Vor einigen Jahren wurde er durch Zufall für eine Rolle in einem Fernsehfilm entdeckt, er hat mit Matthias Brandt und Corinna Harfouch in dem Thriller „Tod einer Schülerin“ gespielt. Danach sagte er: „Wenn das Arbeit ist, will ich Schauspieler werden.“ Ich habe versucht, ihn bei der Suche nach neuen Rollen zu unterstützen, aber es war sehr schwierig, eben weil die Branche noch kaum inklusiv ist. Das möchte ich ändern, damit mehr Menschen mit Behinderung in Filmen und Serien zu sehen sind. Außerdem hatte ich nach zehn Jahren bei der Berlinale Lust, etwas Neues zu machen. Also habe ich „Rollenfang“ gegründet. Meine Erfahrungen und Verbindungen zur Filmszene helfen mir natürlich. Einige Zeit nach der Gründung ist noch das Theater dazugekommen, weil manche Darsteller:innen lieber auf der Bühne spielen möchten.

Was genau bieten Sie Schauspieler:innen mit Behinderung an?

Ich vermittle sie an professionelle Theatergruppen, Film- oder Serienprojekte und handle Verträge für sie aus, ähnlich wie eine Agentur. Anders als andere Agenturen biete ich aber eine Art „Rundum-Sorglos-Paket“ an. Ich buche zum Beispiel Fotograf:innen, die professionelle Bilder für die Bewerbungen machen und mit den Darsteller:innen auch sogenannte Showreels aufnehmen. Das sind kleine Videos, die als Arbeitsproben an die Produktionsfirmen gehen. Außerdem vernetze ich die Schauspieler:innen untereinander und mit anderen Menschen aus der Branche. Und ich betreibe viel Lobbyarbeit, etwa bei Festivals und Verbänden.

Diversität, also Vielfalt, ist seit einigen Jahren ein wichtiges Schlagwort. Ist das auch in der Filmbranche spürbar?

Ja, es hat sich einiges getan. Die Förderanstalt „Moin“ aus Hamburg hat eine „Diversity Checklist“ entwickelt und veröffentlicht, einen Fragenkatalog, den alle Antragsteller:innen ausfüllen müssen. Darin wird unter anderem gefragt, ob Menschen mit Behinderung im Projekt mitarbeiten oder im geplanten Film vorkommen. Andere Fördereinrichtungen werden da sicher nachziehen, da ist also etwas in Bewegung geraten. Das spüren wir auch an unserer eigenen Arbeit bei „Rollenfang“: Viele große Produktionsfirmen hatten lange kaum Interesse an uns, jetzt arbeiten wir mit der UFA Film & TV Produktion GmbH an einem gemeinsamen Projekt. Wir bekommen auch von anderen Firmen Anfragen, weil sie Schauspieler:innen mit Behinderung engagieren möchten – allerdings in der Regel nur dann, wenn im Drehbuch explizit eine Behinderung vorgesehen ist. Eines unserer Ziele für die Zukunft ist, dass die Behinderung irgendwann gar keine Rolle mehr spielt.

Was müsste sich dafür noch verändern?

Die meisten Produzent:innen haben selten oder noch nie mit Menschen mit Behinderung zusammengearbeitet. Das ist ganz ähnlich wie in anderen Branchen auch: Wegen der fehlenden Erfahrung machen sich die Verantwortlichen Sorgen, ob das funktionieren kann. Ob zum Beispiel eine Schauspielerin mit Behinderung lange Drehtage durchhält oder ein Schauspieler mit geistiger Beeinträchtigung deutlich genug spricht.

Wie überzeugen Sie die Produktionsfirmen davon, dennoch Schauspieler:innen mit Behinderung zu engagieren?

In der Regel nehme ich erst einmal Kontakt zu den Caster:innen der Projekte auf, treffe mich mit ihnen, stelle ihnen Leute vor und schicke später Filmmaterial. Dieser persönliche Kontakt ist ganz wichtig. Manchmal kommt das auch bei Veranstaltungen zustande. Wir haben im Frühjahr 2022 ein Kurzfilmfestival organisiert, eine Gala in einem Theater in Berlin, zu der alle „Rollenfang“-Schauspielerinnen und 150 Gäste gekommen sind. Wir haben viele Gespräche geführt und Kurzfilme von und mit unseren Darsteller:innen vorgeführt, um die Qualität ihrer Arbeit zu zeigen. Daraus sind fünf oder sechs Engagements entstanden.
Ganz allein kann ich diese wichtige Netzwerkarbeit aber nicht machen.

Und wo holen Sie sich Unterstützung?

Etliche Filmschaffende und Theaterleute ohne Behinderung haben schon unsere Charta für Inklusion im Film unterzeichnet und setzen für die Ziele von Rollenfang ein. Auch bekannte Schauspieler:innen ohne Behinderung treten als Botschafter:innen für unser Anliegen ein. Sie öffnen Türen, indem sie Kolleg:innen mit Behinderung für Rollen in ihren Produktionen vorschlagen. So sind schon einige tolle Filmprojekte zustande gekommen. Es müssen übrigens ja nicht immer Hauptrollen sein, wir freuen uns auch über interessante Nebenrollen. Darüber hinaus unterstützen einige Schauspieler:innen unsere Darsteller:innen auf Wunsch auch als Coaches und arbeiten bei Dreharbeiten in Tandems mit ihnen zusammen.

Wie genau funktioniert das am Filmset?

Die Coaches sind Ansprechperson für die Produzent:innen und Vertrauensperson für unsere Schauspielerin oder unseren Schauspieler. Sie teilen ihre Erfahrung und helfen auch ganz praktisch, in den langen Wartezeiten an den Drehtagen nochmal den Text für die nächste Szene durchzugehen.

In welchen Filmen und Serien sind denn die Schauspieler:innen zu sehen, die „Rollenfang“ schon vermitteln konnte?

Das ist inzwischen ein sehr breites Spektrum. Wir haben Serien wie „In aller Freundschaft“, „Rote Rosen“ oder „Die Bergretter“ im Portfolio, Fernsehreihen wie „Praxis mit Meerblick“ oder „Polizeiruf 110“, aber auch Kinofilme wie „24 Wochen“ und Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“.

Für Rollen in solchen Produktionen brauchen die Darsteller:innen wahrscheinlich eine gute Ausbildung. Wie einfach oder schwierig ist der Einstieg in diesen Beruf für Menschen mit Behinderung?

Leider ist er meistens schon die erste Hürde. Schauspielschulen sind zwar offiziell für alle offen, tatsächlich bekommen Menschen mit Behinderung aber fast nie einen Platz. Die meisten Schauspieler:innen mit Behinderung haben in inklusiven Theatergruppen erste Erfahrungen gesammelt oder wurden in einer Einrichtung für behinderte Menschen gecastet. Wir bieten deshalb bei „Rollenfang“ auch Weiterbildungen an, etwa einwöchige Kameraworkshops, in denen wir inklusiv besetzte Kurzfilme produzieren. Unsere Coaches bereiten unsere Schauspieler:innen bei Bedarf auch ganz direkt auf neue Rollen oder schwierige Szenen vor, in denen es etwa besonders wichtig ist, zwischen der Rolle und dem realen Leben zu unterscheiden.

Wie finanzieren Sie die Arbeit von „Rollenfang“?

Hauptsächlich wird die Arbeit von Rollenfang durch eine Projektförderung der Aktion Mensch finanziert, außerdem unterstützen uns einige private Stiftungen. Für einen Kurzfilm konnten wir den RBB als Koproduzenten gewinnen, und auch das Medienboard Berlin Brandenburg hat zwei unserer Projekte mitfinanziert.

Was haben Sie sich für die nächsten Jahre vorgenommen?

Unser neuestes Projekt „Rollenfang-Labor“, eine Art Denkfabrik, in der Künstler:innen mit und ohne Behinderung gemeinsam arbeiten. Hier wollen wir inklusiv neue Sichtweisen und Filmstoffe und gleichzeitig Arbeitsmöglickeiten für Regisseur:innen, Drehbuchautor:innen und Musiker:innen mit Behinderung entwickeln, also für alle Gewerke, die hinter der Kamera agieren.




Filmtipp: Inklusives Studium an der Uni Marburg

Anna Mühlhause studiert Psychologie. Sie lebt mit Rollstuhl und braucht im Alltag manchmal Hilfe. Deshalb hat sie sich für die Uni Marburg entschieden: Dort gibt es ein barrierefreies Wohnheim mit einem integrierten Pflegedienst, Assistent:innen und einem Fahrdienst, der sie zur Uni und wieder zurück bringt.
Für die Studentin sind aber nicht nur diese Angebote wichtig, sondern auch die Einstellung ihrer Kommiliton:innen und Dozent:innen. Sie bieten Hilfe an und gestalten Prüfungen ganz unkompliziert so um, dass sie durch ihre Behinderung keinen Nachteil hat.





Hör-Tipp: Ein Podcast zur Inklusion in der Gesellschaft

Jürgen Dusel erzählt im Gespräch mit Simone Fischer, warum er für sein Amt brennt und was Inklusion für ihn bedeutet. Für ihn geht es dabei nämlich um Demokratie und die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Er erklärt außerdem, welche Themen er in den nächsten Jahren besonders in den Blick nehmen möchte: Neben der barrierefreien Mobilität und mehr bezahlbarem, barrierefreien Wohnraum beschäftigt ihn auch die Teilhabe am Arbeitsleben. Der Beauftragte der Bundesregierung schildert, was aus seiner Sicht bei diesem Thema schon gut läuft, aber auch, wo es noch viel zu tun gibt und welche Lösungen er dafür anstrebt.




Wie Arztbesuche inklusiver werden können

Frau Sappok, warum braucht es eine eigene Medizin für Menschen mit Behinderung?

Menschen mit Behinderung werden in Deutschland oft noch nicht so gut medizinisch versorgt, wie es möglich und nötig wäre. Das liegt daran, dass sie häufig viele körperliche und auch psychische Erkrankungen haben und deswegen eine besonders hochwertige ärztliche Versorgung benötigen. Leider erschweren in unserem Gesundheitssystem aber viele Barrieren den Zugang zu einer solchen Betreuung. Und wenn sie dann in einer Arztpraxis oder im Krankenhaus behandelt werden müssen, sind viele Mitarbeiter:innen überfordert. Zum Beispiel, weil sich Ärzt:innen mit bei diesen Personen häufigen Krankheitsbildern kaum oder gar nicht auskennen. Oder schlicht, weil ein Mensch mit einer kognitiven Beeinträchtigung die übliche Eingangsfrage „Was führt Sie zu mir?“ nicht versteht oder nicht beantworten kann – der Arzt oder die Ärztin aber keinen anderen Zugang findet.

Wie wollen Sie das ändern?

In meinen Vorlesungen und Seminaren werde ich medizinisches Fachwissen vermitteln, zu Krankheitsbildern, die bei Menschen mit Behinderungen überdurchschnittlich häufig auftauchen. Um zum Beispiel bestimmte genetische Syndrome zu erkennen, müssen Mediziner:innen erst einmal damit vertraut sein. Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sind übrigens auch häufig im Autismusspektrum. Die Diagnose wird bei ihnen aber mit anderen oder angepassten Untersuchungsverfahren gestellt als bei Menschen ohne Lernbehinderung. Darüber hinaus möchte ich meine Studierenden auf den Umgang mit Patient:innen, die eine Behinderung haben, vorbereiten und sie für die Barrieren im Gesundheitswesen sensibilisieren.

Können Sie diese Barrieren genauer beschreiben?

Die erste große Hürde ist, überhaupt einen Arzttermin zu bekommen. Für Personen im Autismusspektrum ist es oft schon schwierig, in einer Praxis anzurufen. Hier kann helfen, wenn sie die Möglichkeit haben, online einen Termin zu buchen. Aber das ist bisher ja eher die Ausnahme. Ein weiteres Problem ist, dass Praxen und Kliniken Menschen mit Behinderung gar nicht erst als Patient:innen annehmen möchten oder rasch wieder aus der Behandlung entlassen. Deshalb suchen diese Patient:innen häufig Rettungsstellen auf, wo aber nur akute Erkrankungen untersucht und behandelt werden. Eine langfristige medizinische Versorgung ist so natürlich nicht möglich.

Warum lehnen Ärzt:innen denn Menschen mit Behinderung als Patient:innen ab?

Die Behandlung kann kompliziert und zeitintensiv sein, wenn Patient:innen bei bestimmten Untersuchungen Angst haben, etwa in der Gynäkologie oder Urologie. Manchmal wird auch gesagt, sie seien „nicht wartezimmerfähig“ oder in Kliniken „nicht führbar“.

Wie bitte?

Dahinter stecken Ängste und teilweise auch Vorurteile. Viele Ärzt:innen haben einfach kaum Erfahrung mit Menschen mit Behinderung. Sie sind verunsichert, weil sie zum Beispiel nicht wissen, wie sie mit Menschen umgehen und kommunizieren sollen, die nicht sprechen können. Auch das wollen wir ändern, indem unsere Studierenden an der Klinik von Anfang an mit Menschen mit Behinderung in Kontakt kommen. Wir möchten die Perspektive umkehren. Nicht die Patient:innen sollen sich anpassen, sondern Kliniken und Praxen müssen passende Rahmenbedingungen schaffen, etwa, indem medizinisches Personal die Leichte Sprache erlernt.

Der Bedarf für solche Veränderungen ist offenbar groß. Warum gibt es in Deutschland erst jetzt die erste Professur in diesem Fachgebiet?

Menschen mit Behinderung haben keine große Lobby. Und es gibt auch kein großes Interesse bei den Kostenträgern, weil eine individuelle und dadurch zeitintensivere Betreuung teurer ist. Aber eine gute Gesundheitsversorgung ist notwendig, um ein Höchstmaß an Lebensqualität und Teilhabe zu erreichen, so wie es etwa die UN-Behindertenrechtskonvention fordert. Das ist übrigens ein weltweites Problem. In Großbritannien und den Niederlanden gibt es zwar schon Lehrstühle für Behindertenmedizin und mehr Forschung als hier. Aber in den meisten europäischen Ländern oder auch in den USA, in Asien oder weniger entwickelten Ländern spielt das Themengebiet immer noch eine sehr untergeordnete Rolle.

Wie sind Sie selbst zu Ihrem jetzigen Spezialgebiet gekommen?

Das war ein Zufall. Während meiner psychiatrischen Facharztausbildung am Krankenhaus Königin-Elisabeth Herzberge in Berlin wurde ich auch im Behandlungszentrum für psychische Gesundheit bei Entwicklungsstörungen eingesetzt; dort werden psychisch erkrankte Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung behandelt. Dabei habe ich Feuer gefangen. Das Fachgebiet ist spannend und anspruchsvoll, und die Arbeit mit Menschen mit Behinderung hat mir sofort viel Freude gemacht. Bei der Behandlung bin ich immer wieder auf Fragen gestoßen, auf die ich in der Fachliteratur keine Antworten finden konnte. Also habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen und die Fragen selbst zu beantworten. Alle meine Forschungsthemen haben sich direkt aus dem Behandlungsalltag ergeben.

Können Sie ein Beispiel erzählen?

Anfang der 2000er-Jahre kam eine junge Frau mit einer Lernbehinderung zu uns. Ihr Arzt hatte ihr ein Medikament gegen Schizophrenie verordnet, was ihr nicht geholfen hat, denn die Diagnose war falsch – und entsprechend auch das Medikament. Ihre Mutter hat uns erzählt, dass sich die Tochter schon als Kind so verhalten habe wie später als junge Erwachsene. Schizophrenien entwickeln sich aber in der Regel erst im jungen Erwachsenenalter. Ich habe viel recherchiert, was es stattdessen sein könnte, und kam schließlich auf das Thema Autismus. Damals war noch gar nicht bekannt, dass Menschen mit kognitiven Behinderungen häufig Autist:innen sind, und es gab kaum Diagnostikmöglichkeiten für diese Patient:innen. Im Rahmen meiner Habilitationsarbeit habe ich verschiedene Untersuchungsinstrumente entwickelt oder für Menschen mit Behinderungen angepasst, die auch andere Ärzt:innen anwenden können. Seitdem werden seltener Schizophrenien diagnostiziert. Für die Patient:innen ist das sehr wichtig, weil sie keine falschen Medikamente mehr bekommen, sondern ihr Umfeld stattdessen autismusfreundlich gestaltet wird.

Sie treten Anfang 2023 nicht nur Ihre Professur an, sondern werden auch Direktorin der neuen Universitätsklinik für Inklusive Medizin am Krankenhaus Mara in Bethel. Was haben Sie in dieser Klinik vor?

Wir möchten das dortige Zentrum für Behindertenmedizin erweitern. Neben der internistischen und chirurgischen Abteilung wollen wir in Zukunft auch ein psychiatrisches Behandlungsangebot schaffen. Diese drei Stationen sollen aber nicht nebeneinander arbeiten, sondern Patient:innen gemeinsam betreuen. Je nach Diagnose wird natürlich ein:e Expert:in die Fallführung übernehmen, aber Fachleute aus allen Bereichen werden in gemeinsamen Visiten interdisziplinäre Behandlungspläne entwickeln und umsetzen.

Was muss bis Ende des Jahres noch passieren, damit Sie im Januar starten können?

Die Klinik wird für das zusätzliche psychiatrische Angebot umgebaut, wir brauchen Räume und Material für die Kreativ-, Musik- und Ergotherapie, für Einzel- und Gruppengespräche. Darüber hinaus werden wir einen geschützten Bereich einrichten, in dem wir Menschen mit schweren Verhaltensstörungen betreuen werden. Für all diese Angebote suchen wir gerade natürlich auch Personal, etwa Psycholog:innen, Psychiater:innen und Kreativtherapeut:innen.

Werden Sie auch Menschen mit Behinderung im Team haben?

Ja, wir planen, sowohl in der Klinik als auch in der Lehre und Forschung in inklusiven Teams zu arbeiten.

Zum Schluss ein Ausblick: In ein paar Jahren werden Ihre ersten Student:innen ihren Abschluss haben und in den Beruf starten. Wie können diese das Wissen aus Ihren Vorlesungen einsetzen?

Ich wünsche mir, dass sie sich freuen, wenn Menschen mit Behinderung in ihre Praxis oder Klinik kommen. Dass sie Menschen mit Behinderung mit offenen Armen empfangen und diese umgekehrt nicht mehr auf die vielen Schwierigkeiten stoßen wie jetzt. Und ich würde mich freuen, wenn einige Studierende das Fachgebiet so spannend finden, dass sie darin promovieren und ein immer regeres wissenschaftliches Leben entsteht. —




102 Jahre Schwerbehindertenvertretung: Interview mit zwei Vertrauenspersonen, die seit 20 Jahren dabei sind

Frau Porcher, Herr Graute, Sie blicken auf zwei Jahrzehnte Erfahrung damit zurück, Menschen mit Schwerbehinderung innerhalb Ihrer Kliniken zu unterstützen. Sie kennen den Job also sehr gut. Was sollte jemand mitbringen, die oder der sich als Vertrauensperson engagieren möchte?

Graute: Als erstes fällt mir Beharrlichkeit ein. Auch wenn ein Anliegen auf den ersten Blick gar nicht so kompliziert zu sein scheint, ist es manchmal ganz schön komplex, das zu organisieren. Ein Beispiel: Menschen mit Sehbehinderung brauchen einen Computer mit einem großen Arbeitsspeicher, das hat mit der Software zu tun, die Texte auf dem Bildschirm vorliest. Bei der Anschaffung eines solchen Geräts sind beim jeweiligen Kostenträger unter Umständen mehrere Abteilungen oder Sachbearbeiter:innen beteiligt, zwischen denen wir vermitteln müssen. Als Vertreter muss ich also bei allen immer wieder nachhaken und dranbleiben. Oft müssen wir auch erst einmal klären, welcher Kostenträger zuständig ist und ob die Beschäftigten selbst oder die Arbeitgeber ein Hilfsmittel beantragen müssen. Dann meldet sich noch die hauseigene IT-Abteilung, die Probleme mit Geräten hat, die sie nicht selbst angeschafft und zertifiziert hat. All das kann sehr kleinteilig und langwierig sein.

Porcher: Davor sollte aber niemand Angst haben. Vertrauenspersonen müssen meiner Erfahrung nach vor allem empathisch sein und Lust haben, Menschen zu helfen und zu unterstützen. Wer das mitbringt, kann sich das nötige Wissen schrittweise aneignen. Dann lässt es sich sehr zielführend einsetzen. Und das macht Spaß.

Sie beide haben sich also vor 20 Jahren noch einmal in einen ganz neuen „Job“ eingearbeitet. Hatten Sie dabei Hilfe?

Porcher: Ja, es gibt verschiedene Fortbildungen, in denen Vertrauenspersonen das nötige Handwerkszeug lernen, es wird also niemand damit allein gelassen. Wir müssen zum Beispiel über die gesetzlichen Rechte und Pflichten der Schwerbehindertenvertretung Bescheid wissen. Ich engagiere mich seit 2014 auch in der Gesamtschwerbehindertenvertretung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe. Auch dafür habe ich mich weitergebildet. Heute bin ich außerdem Ansprechpartnerin für das Betriebliche Eingliederungsmanagement.

Ihre Aufgaben haben sich also mit der Zeit entwickelt und Sie mussten nicht von Anfang an über alles Bescheid wissen?

Porcher: Nein, das geht ja auch gar nicht, denn wir beraten ja zu ganz verschiedenen Themen. Im Laufe der Jahre haben wir nach und nach die nötige Erfahrung und das Wissen angesammelt. Ich habe zum Beispiel Kolleg:innen mit einem Rückenleiden dabei unterstützt, die nötigen Anträge zu stellen, damit eine Schwerbehinderung oder eine Gleichstellung bei ihnen anerkannt wird. Wenn Beschäftigte lange krank waren und wiederkommen möchten, helfe ich bei der Wiedereingliederung. Kolleg:innen mit Hörbehinderung brauchen oft bestimmte Hilfsmittel. Ich unterstütze sie dabei, diese auch zu bekommen.
Die eigene Gesundheit oder eben Erkrankung ist ja etwas sehr Persönliches, die Kolleg:innen bringen uns sehr viel Vertrauen entgegen. Dem möchte ich natürlich gerecht werden. Wichtig ist, ein gutes Netzwerk aufzubauen, um immer schnell die benötigte Hilfe oder einen Rat zu bekommen.

Wie ist es Ihnen im Laufe der Jahre damit ergangen, dass die Kolleg:innen sich Ihnen so anvertrauen?

Graute: Das ist ein sehr schönes Gefühl und ja auch einer der Gründe, warum ich diesen Job so gerne mache. Manchmal ist das aber nicht so leicht. Es kommt vor, dass Kolleg:innen mir von einer schweren Erkrankung erzählen, etwa von einer Krebserkrankung mit schlechter Prognose. Oft suchen sie gar keinen konkreten Rat, sondern möchten sich einfach jemandem anvertrauen. In solchen Momenten geht mir das schon sehr nahe.

Porcher: So etwas habe ich auch schon erlebt, das ist mir auch sehr nahegegangen. Aber es gehört dazu, auch dann, wenn man selbst starke Gefühle mit einer Situation hat, empathisch zu sein und zu helfen, so gut es geht.

Und was ist Ihnen aus Ihrer bisherigen Amtszeit besonders positiv in Erinnerung geblieben?

Porcher: Für mich sind es die vielen kleinen Erfolge, über die ich mich freue und die diese Aufgabe so schön machen. Ich bin immer wieder begeistert, wenn Kolleg:innen mit Hörbehinderung dank ihrer Hilfsmittel in Teambesprechungen alles mitbekommen. Das ist nicht nur für sie, sondern für das ganze Team einfacher und entspannter. Und ich freue mich, wenn erkrankte Beschäftigte gut wieder in den Job einsteigen können. Oder auch, wenn wir für jemanden eine Erwerbsminderungsrente auf Zeit erreichen, damit die- oder derjenige sich vollständig von einer Krankheit erholen kann.

Graute: Ich erinnere mich an ein Vorstellungsgespräch in unserer Küche. Der Küchenchef hatte seinen Stellvertreter geschickt. Das stellte sich als großer Glücksfall heraus. Es hatte sich nämlich ein Gehörloser beworben, und der stellvertretende Küchenchef beherrschte die Deutsche Gebärdensprache. Wir haben die Zusammenarbeit ausprobiert, und es klappte gut. Inzwischen arbeiten vier Gehörlose in der Küche. Der frühere stellvertretende Küchenchef, der innerhalb des Teams übersetzen konnte, ist zwar heute nicht mehr da. Aber es klappt im Arbeitsalltag trotzdem gut, weil alle gelernt haben, sich gegenseitig zu verstehen. Das ist für mich ein toller Erfolg.

Was geben Sie Menschen mit auf den Weg, die ganz neu dabei sind, also das erste Mal als Vertrauensperson arbeiten?

Graute: Lasst euch nicht entmutigen, sondern bleibt einfach dran! Bei mir selbst hat es damals auch lange gedauert, bis alle mich in der neuen Rolle akzeptiert und meine Vorschläge angenommen haben. Dass Bärbel Porcher und ich heute oft so gut helfen können, liegt ja auch daran, dass wir schon so lange im Amt sind. Wir haben uns ein großes Netzwerk und einen guten Ruf aufgebaut. Das braucht einfach Zeit. Wer Unterstützung sucht oder sich austauschen möchte, kann sich mit anderen Vertrauenspersonen vernetzen, hier in Nordrhein-Westfalen geht das in der Arbeitsgemeinschaft der Schwerbehindertenvertretungen.

Porcher: Ich finde es wichtig, sich bei Konflikten sofort mit allen Beteiligten zusammenzusetzen, auch mit den Vorgesetzten. Meiner Erfahrung nach ist es am besten, Lösungen aufzuzeigen. Ich versuche immer, zu erklären, wie eine solche Lösung den Arbeitsaufwand reduzieren oder dabei helfen kann, dass jemand gar nicht erst krank wird und ausfällt. Das ist ja eine Win-Win-Situation, die Arbeitgeber:innen meistens gerne unterstützen und umsetzen. —


Die Geschichte der Schwerbehindertenvertretungen

Der Grundstein für die Schwerbehindertenvertretung in Betrieben, wie wir sie heute kennen, wurde schon im Jahr 1920 gelegt. Die Zwischenstationen von damals bis heute:

6. April 1920

Das (damals noch so genannte) Schwerbeschädigtengesetz tritt in Kraft.

Betriebe mit mindestens 100 Arbeitnehmer:innen waren damit erstmals gesetzlich verpflichtet, einen Vetrauensmann einzuführen.

6. April 1920
19. April 1974

Das Schwerbehindertengesetz löst das Schwerbeschädigtengesetz ab.

Der geschützte Personenkreis erstreckt sich nun auf alle Menschen mit Schwerbehinderung, unabhängig von Art und Ursache ihrer Behinderung.

19. April 1974
1. Juli 2001

Das Sozialgesetzbuch IX (SGB IX) wird eingeführt.

Der (heutige) Teil 3 des Sozialgesetzbuchs umfasst das Schwerbehindertenrecht. Es wird in den Folgejahren umfassend reformiert. Dabei werden unter anderem die Inklusionsvereinbarung und das Betriebliche Eingliederungsmanagement eingeführt.

1. Juli 2001
26. März 2009

In Deutschland tritt die UN-Behindertenrechtskonvention tritt in Kraft.

Das Ziel der Konvention ist die volle Gleichberechtigung für alle Menschen mit Behinderungen mit Blick auf sämtliche Menschenrechte und Grundfreiheiten.

26. März 2009
23. Dezember 2016

Das Bundesteilhabegesetz wird erlassen.

Es tritt in vier Reformstufen bis 2023 in Kraft und umfasst Maßnahmen, die die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen verbessern sollen. Unter anderem erhält die Schwerbehindertenvertretung in Betrieben und Unternehmen (die so genannte Vertrauensperson) mehr Rechte und wird damit gestärkt.

23. Dezember 2016
1. Juli 2022

Die Schwerbehindertenvertretung feiert ihren 102. Geburtstag!

Außerdem werden die Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber (EAA) eingeführt. Sie informieren, beraten und unterstützen Arbeitgeber:innen bei der Ausbildung, Einstellung und Beschäftigung von Menschen mit Schwerbehinderung.

1. Juli 2022



OmniAssist: Ein Pilotprojekt für mehr Inklusion durch digitale Assistenzsysteme

Herr Kuhn, Sie und Ihr Team haben verschiedene Assistenzsysteme entwickelt, die im Projekt OmniAssist ausprobiert werden sollen. Welche sind das und wie funktionieren sie?

Wir haben eine Art Baukasten aus verschiedenen Systemen zusammengestellt. Unternehmen und Organisationen können sich daraus mit ein paar Klicks genau die Funktionen zusammenstellen, die sie für ihre Prozesse brauchen. Es gibt zum Beispiel eine Variante für stationäre Arbeitsplätze, das Mitarbeiter:innen bei Montagearbeiten unterstützt. Menschen mit Lernbehinderung können damit selbstständig komplexe Arbeitsabläufe umsetzen: Das System zeigt ihnen mit Lichtprojektionen und kurzen Videos an, aus welchen Greifkästen sie Bauteile nehmen und wie sie diese zusammenbauen müssen (Anm. d. Red.: Ein solches System haben wir in diesem Beitrag mit einem Film schon einmal vorgestellt).

Welche Systeme gibt es noch, die Menschen in anderen Situationen und Branchen unterstützen können?

Ein System funktioniert zum Beispiel mobil und ist deshalb für viele verschiedene Arbeitsumgebungen geeignet. Wir nennen es ‚Assistenz für die Hosentasche‘. Es erlaubt Betreuer:innen oder Vorgesetzten, Aufgaben und Anleitungen darin zu hinterlegen, die Mitarbeiter:innen mit Behinderung dann auf ihrem Smartphone oder Tablet abrufen können. Das ist zum Beispiel im Pflegebereich sehr nützlich oder in Hotels, im Housekeeping oder im Service etwa. Die Mitarbeiter:innen können mit Hilfe der Assistenz nämlich selbst durch ihren Arbeitstag navigieren. Sie schauen nach, wann welche Aufgabe dran ist und wie sie diese erledigen müssen – zum Beispiel, wie sie in einem Hotelzimmer den Filter einer Klimaanlage wechseln sollen. Anschließend haben sie die Möglichkeit, mit einem Foto zu dokumentieren, dass sie die Aufgabe erledigt haben, und dieses ins System hochladen.

Sind Ihre Systeme nur für solche regelmäßigen Aufgaben und Arbeitsabläufe gedacht?

Nein, bei Bedarf lassen sich immer wieder neue Inhalte einspielen. Ein Garten- und Landschaftsbauunternehmen etwa nutzt unser mobiles System, um Mitarbeiter:innen dabei zu unterstützen, die Autos für tagesaktuelle Aufträge zu bestücken. Eine Verwaltungskraft hinterlegt vorher im System, wer bei welchem Job welche Tätigkeit übernehmen soll und welche Werkzeuge dafür gebraucht werden. Die Mitarbeiter:innen können bei Bedarf nachschauen, wie diese Werkzeuge aussehen und wo sie zu finden sind.

Die Systeme sind also schon in der Praxis im Einsatz und funktionieren auch gut. Wozu dann noch ein Pilotprojekt?

Um zu schauen, ob ein System wirklich in der Breite einsetzbar ist und wie das am besten klappt. Wir sind uns sicher, dass dadurch mehr Inklusion am ersten Arbeitsmarkt möglich wird, dass Assistenzsysteme außerdem eine größere Wertschöpfung und mehr sozialversicherungspflichtige Jobs schaffen könnten. Deshalb möchten wir sie für möglichst viele verschiedenen Tätigkeiten ausprobieren und dabei zugleich wissenschaftlich überprüfen, was unter welchen Umständen gut funktioniert und wo vielleicht noch etwas verbessert werden muss.

Wie bewerten Sie das?

Ein Qualitätsmerkmal wäre zum Beispiel, wenn weniger Fehler bei einem Arbeitsablauf passieren, weil ein Assistenzsystem im Einsatz ist. Wichtig sind aber auch die Erfahrungen der Mitarbeiter:innen, der Vorgesetzten und der sonstigen Beteiligten in den Unternehmen. Deshalb sprechen wir mit allen, die mit den Systemen arbeiten. Wenn Betreuer:innen während der Arbeitszeit zum Beispiel seltener Fragen beantworten müssen und sich dadurch stärker auf andere Kolleg:innen im Team konzentrieren können, wäre auch das ein Mehrwert. Anhand solcher Erfahrungen wollen wir die Systeme anschließend weiter verbessern, damit sie langfristig in immer mehr Unternehmen eingesetzt und irgendwann Standard werden.

Welche Betriebe oder Einrichtungen nehmen an dem Pilotprojekt teil und wie läuft es ab?

Für das Projekt können sich sowohl Inklusionsunternehmen bewerben als auch gewöhnliche Firmen, die neue Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung einrichten möchten und dafür schon Bewerber:innen haben. Weil die Systeme so flexibel sind, sind wir nicht auf eine bestimmte Branche festgelegt. Das Projekt an sich ist in zwei Phasen unterteilt. Im Oktober beginnen wir im ersten Schritt mit den sogenannten Potenzialanalysen, in denen wir gemeinsam mit den Unternehmen herausfinden, welche Arbeitsplätze sie mit einer digitalen Assistenz inklusiv gestalten könnten. In der zweiten Phase richten wir die Systeme in Betrieben ein und bewerten diese nach den beschriebenen Kriterien zusammen mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Technischen Hochschule Lemgo – wir überprüfen also, ob sich das System in der Praxis für den jeweiligen Arbeitsplatz lohnt. In der ersten Phase sollen zehn Unternehmen teilnehmen, für die Machbarkeitsstudie in der zweiten Phase haben wir sechs Betriebe eingeplant.

Wie unterstützen Sie die Unternehmen während der zweiten Phase des Projekts, also bei der praktischen Anwendung?

Wir richten die Assistenzsysteme direkt an den jeweiligen Arbeitsplätzen ein und begleiten die Betriebe sehr eng. Das heißt, wir vom Projektteam sind immer wieder selbst vor Ort, geben Impulse und Tipps oder helfen dabei, die Systeme individuell einzurichten. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese Unterstützung gerade für kleine und mittlere Unternehmen sehr wichtig ist. Denn die Verantwortlichen dort befürchten oft, dass solche digitalen Systeme nur etwas für IT-Expert:innen sind. Wir möchten aber zeigen, dass sie auch ohne Vorwissen oder eine aufwändige Einarbeitung genutzt werden können. Und wir hoffen, dass wir so Firmen, die bisher noch keine Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung bei sich eingerichtet haben, dazu ermutigen können, diesen Schritt zu gehen und inklusives Arbeiten auszuprobieren. Das Projekt ist für die Unternehmen übrigens kostenlos. Sie müssen erst dann etwas zahlen, wenn sie sich dazu entscheiden, ein System nach Ende des Projekts zu behalten und im Alltag einzusetzen.


Neugierig geworden?

Kleine oder mittelständische Unternehmen können sich noch bis Ende September 2022 direkt per E-Mail beim Team von delta3 für das Pilotprojekt bewerben!






Filmtipp: Das ZDF begleitet zwei Schwestern mit und ohne Down-Syndrom

Die beiden Schwestern erzählen im Film von ihrer gemeinsamen Kindheit und Jugend und was sie sich für ihre Zukunft wünschen. Für Victoria ist der Berufseinstieg außerdem einfacher als für ihre Schwester, denn Elisabeth muss beim Jobcenter erst einmal finanzielle Unterstützung für eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme beantragen, um überhaupt eine Ausbildungsstelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen zu können.

Die schöne 37-Grad-Reportage über die beiden zeigt, wie die Schwestern und ihre Eltern mit unterschiedlichen Herausforderungen umgehen, wie sie sich an einen neuen Alltag ohne die jeweils andere Schwester gewöhnen und ihren Kontakt zueinander neu gestalten müssen – und wie sie dabei neue gemeinsame Pläne schmieden.

Das Filmteam hat außerdem ein zweites, jüngeres Zwillingspaar und dessen Familie begleitet und zeigt, wie sie mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens umgehen.




Patienten-Information.de: Gesundheitsinfos in Leichter Sprache

Was ist eine Essstörung und wie wird sie behandelt? Welche Medikamente helfen bei Asthma und wie werden sie angewendet? Und was sollten Patient:innen beachten, wenn sie ein Antibiotikum einnehmen müssen?
Solche und ähnliche Fragen beantwortet die Website Patienten-Information.de in Leichter Sprache. Medizinische Informationen einfach zu aufzubereiten, ist eine Herausforderung. Denn die Übersetzer:innen müssen gut auswählen, welche Aspekte sie überhaupt aufnehmen, und auch entscheiden, wie stark sie Zusammenhänge vereinfachen wollen und können, um sie in Leichte Sprache zu übersetzen.

Wie die Verantwortlichen damit umgehen und warum die Übersetzer:innen für die fertigen Texte in Leichter Sprache manchmal auch kritisiert werden, lest ihr in diesem Interview.




Worauf es für Menschen mit Hörbehinderungen in Videokonferenzen ankommt: Interview mit einem Online-Absolventen

Herr Bähner, Sie arbeiten zurzeit als Altenpfleger in einer Rehaklinik, haben also schon einen Beruf gelernt und üben diesen auch aus. Was war Ihr Antrieb, sich weiterzubilden?

Ich habe eine neue Herausforderung gesucht, deshalb habe ich mich im Jahr 2020 bei der Bildungsakademie (BAK) in Siegen für eine Weiterbildung zur Pflegedienstleitung angemeldet, die ich in diesem Frühjahr abgeschlossen habe. Durch das Zertifikat habe ich jetzt gute Karrieremöglichkeiten und Chancen auch für den Fall, dass ich einmal nicht mehr in der Pflege arbeiten kann.

Sie haben die Weiterbildung wegen der Corona-Pandemie komplett online absolviert, also in Videokursen. Wie war das für Sie?

Das war oft schwierig, weil ich zum Beispiel die Lippenbewegungen der anderen in Videokonferenzen viel schlechter sehen kann, als wenn Menschen mir in einem Gespräch oder Kurs direkt gegenübersitzen. Dadurch, dass alles online stattfand, gab es auch zu wenig Austausch oder Gruppenarbeiten. Über 18 Monate und insgesamt 720 Stunden Unterricht hinweg war das schon sehr anspruchsvoll. Zum Glück hatte ich zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen an meiner Seite, die mich sehr unterstützt haben. Sie haben mir zum Beispiel viel Organisatorisches abgenommen und waren sehr flexibel. Es war zum Beispiel laufend nicht klar, ob Teile der Weiterbildung auch in Präsenz stattfinden würden. Sie haben sich deshalb die Termine für beide Varianten freigehalten, damit ich auf jeden Fall teilnehmen konnte. Und sie haben den Dozent:innen, den anderen Kursteilnehmer:innen und auch mir sehr konstruktive Hinweise gegeben, wie die Videokonferenz-Software am besten genutzt werden kann, damit es auch für mich optimal funktioniert.

Was war bei den Videokonferenzen für Sie besonders wichtig, damit Sie gut folgen konnten?

Ich musste die Lehrperson, beide Gebärdensprachdolmetscherinnen und die Präsentationen oder Videos, die gezeigt wurden, gleichzeitig sehen können. Das technisch zu lösen, war nicht so einfach. Denn die Software ließ nicht zu, mehrere Beteiligte gleichzeitig „anzupinnen“, damit ich sie nicht immer zwischen den anderen Teilnehmer:innen suchen musste. Wir sind daher zunächst auf die Lösung ausgewichen, mehrere Videokonferenzen parallel laufen zu lassen. Das funktionierte dann aber aufgrund der Internetbandbreite irgendwann nicht mehr.
Die Dolmetscherinnen haben sich abseits der Kurse regelmäßig mit mir getroffen, um diese und andere Lösungen auszuprobieren und zu besprechen, was wir wie verbessern könnten. Bei diesen Treffen haben sie mir auch Rückmeldungen dazu gegeben, was ich selbst noch anders machen kann, damit sie mich umgekehrt während der Konferenzen besser verstehen und so besser dolmetschen können. Ich wollte mich ja nicht nur am Unterricht beteiligen, sondern auch gut präsentieren. Das war für meine Referate, Präsentationen und die Abschlussprüfung besonders wichtig.

Haben immer beide Dolmetscherinnen an den Unterrichtsstunden teilgenommen?

Ja, aber sie haben während der Kurse dann abwechselnd für mich gedolmetscht. Die Dolmetscherinnen haben außerdem vorausschauend gehandelt. So haben sie beispielsweise direkt zu Beginn meiner Ausbildung ein Vertretungsteam zusammengestellt, für den Fall, dass sie selbst erkranken oder aus anderen wichtigen Gründen einmal nicht selbst dolmetschen könnten. Es war für mich eine große Entlastung, dass ich mich nicht selbst darum kümmern musste. Sie haben mir die anderen Dolmetscherinnen vorher auch vorgestellt und sie eingearbeitet, ihnen also zum Beispiel die Ausbildungsinhalte und die vereinbarten Fachgebärden übermittelt. Denn auch das war wichtig, damit sie fachlich korrekt dolmetschen konnten. Dazu haben die beiden Stammdolmetscherinnen während meiner Weiterbildung übrigens sogar selbst Fortbildungen besucht, etwa zum Thema Pflege, aber auch zum Thema Videodolmetschen.

Haben Sie Ihre mündliche Abschlussprüfung auch online abgelegt?

Ja, und auch das war eine Herausforderung. Ich musste mich ja nicht nur inhaltlich vorbereiten. Ich habe auch mit meinen Dolmetscherinnen und den Verantwortlichen bei der Berufsakademie besprochen, wie die Online-Prüfung gestaltet sein muss, damit ich keine Nachteile habe. Dazu haben wir den Integrationsfachdienst (IFD)* mit ins Boot geholt und am Schluss eine schriftliche Vereinbarung über die Rahmenbedingungen geschlossen. Das waren rechtliche Fragen, die mit dem Dolmetschen einer Online-Prüfung zusammenhängen, zum Beispiel: Was ist, wenn die Internetleitung zusammenbricht? Wie können die Prüfer:innen sich sicher sein, dass bei der mündlichen Prüfung nicht über die Dolmetscherinnen geschummelt wird? Es ging darüber hinaus auch um Nachteilsausgleiche, die Rechte der Dolmetscherinnen oder darum, wer für den Datenschutz verantwortlich ist. Das alles mussten wir klären, weil es beim IFD dazu noch kein Vorwissen gab.

Sie haben die Prüfung inzwischen bestanden und Ihr Zertifikat in der Tasche. Bewerben Sie sich jetzt als Pflegedienstleiter?

Nicht sofort, aber das ist mein Ziel. Erst einmal möchte ich als Stationsleiter oder Wohnbereichsleiter arbeiten, falls ich eine passende Stelle finde. Ich möchte erst einmal noch mehr Berufserfahrung sammeln und später in die Pflegedienstleitung aufsteigen. —




„Viele Kinder müssen erst einmal herausfinden, was ihnen Spaß macht“

Frau Rilinger, wie können junge Menschen ihre Freizeit bei Ihnen verbringen?

Sie können bei uns jeden Nachmittag Billard spielen, kickern oder basteln. Außerdem haben wir einen Garten mit einem großen inklusiven Spielplatz, der durch seinen ebenerdigen Gummiboden für alle Kinder und Jugendlichen zugänglich ist und den alle jederzeit nutzen können. Neben diesen offenen Angeboten gibt es verschiedene Gruppen und Kurse, etwa Mädchen- und Jungengruppen, gemeinsames Kochen oder Comic-Workshops. Manchmal unternehmen wir auch Ausflüge.

Ihre Angebote sind inklusiv, richten sich also an Menschen mit und ohne Behinderung. Wie stellen Sie sicher, dass alle teilnehmen können?

Wir stellen uns zum Beispiel von Anfang an die Frage, wie wir mögliche Barrieren verhindern oder abbauen können oder ob ein Angebot wirklich für alle attraktiv ist. Dabei geht die Qualität immer vor. Im Zweifelsfall organisieren wir lieber ein tolles Angebot für 15 Jugendliche, die wir währenddessen wirklich gut betreuen können, als dass 40 Jugendliche genervt nach Hause gehen, weil wir für die Einzelnen nicht genügend Zeit hatten.

Gibt es Ausnahmen für die Teilnahme?

Grundsätzlich hat bei uns jeder junge Mensch das Recht, dabei zu sein und bei und mit uns seine Freizeit zu verbringen. Aber wenn ein Kind beispielsweise eine sehr intensive Pflege braucht oder häufig wegläuft, müssen wir schon schauen, was unser Team in welchem Zeitraum leisten kann. Wir fangen dann mit zwei Stunden pro Woche an. Und wenn wir einander besser kennengelernt haben, ist oft mehr möglich. Ich muss dazu aber auch sagen, dass Inklusion aus meiner Sicht vor allem von manchen Eltern falsch verstanden wird.

Wie meinen Sie das?

Teilhabe bedeutet für uns, dass wir es allen ermöglichen möchten, mitzumachen. Wenn wir zum Beispiel Eislaufen gehen, liegt es in unserer Verantwortung, das so zu gestalten, dass auch ein Kind mit einer Gehbehinderung mitmachen kann. Wenn ein anderes Kind nur mitkommen will, aber gar nicht auf die Eisbahn möchte, geht das auch, dann erweitern wir eben das Angebot. Das Kind kann zum Beispiel Fotos machen und einen Blogbeitrag über den Ausflug schreiben. Wir sind also sehr offen, aber das heißt nicht, dass alle zwingend auch alle Aktivitäten mitmachen müssen, damit es Inklusion ist. Das setzen wir unter Umständen auch im Interesse eines Kindes oder Jugendlichen gegen die Eltern durch.

Drängen manche Eltern ihre Kinder zum Mitmachen?

Es gibt Eltern, die unbedingt wollen, dass ihr Kind überall dabei ist – auch wenn es selbst vielleicht gar keine große Lust dazu hat. Die Eltern meinen das ja nur gut und sind meistens einfach froh, dass sie endlich ein inklusives Angebot gefunden haben. Aber weil so viele andere Einrichtungen und auch Vereine eben nicht inklusiv sind, haben viele der jungen Menschen bis zu ihrem Besuch bei uns kaum Hobbys oder Aktivitäten ausprobieren können. Wir erleben oft, dass sie anfangs mit der großen Auswahl überfordert sind und deshalb gar nicht mitmachen möchten. Sie müssen erst einmal herausfinden, was ihnen Spaß macht. Und dabei unterstützen wir sie.

Wie genau machen Sie das?

Vor unseren Ferienprogrammen vereinbaren wir mit den Familien, die neu bei uns sind, ein Treffen. So können wir uns in Ruhe kennenlernen. Die Kinder und Jugendlichen dürfen danach selbst entscheiden, ob sie hier wirklich ihre Ferientage verbringen möchten.

Und wie finanzieren Sie Ihre Arbeit?

Unsere Einrichtung ist als Träger der Jugendhilfe anerkannt und bekommt deshalb Geld von der Stadt Köln. Das reicht aber noch nicht aus, um unsere Kosten zu decken. Wir bekommen daher zusätzlich eine Förderung über die katholische Jugendagentur und beantragen auch regelmäßig Fördermittel für einzelne Projekte. Ein relativ großer Teil meiner Arbeit besteht sogar darin, Anträge zu stellen, damit wir unser komplettes Angebot finanzieren können.
Das ist etwas schade und ärgerlich, auch deshalb, weil ja eigentlich die gesamte Kinder- und Jugendarbeit in allen Einrichtungen inklusiv sein sollte. Das ist aber wohl nicht der Fall. Die Hälfte unserer Besucher:innen hat eine Behinderung, das ist viel mehr als der Anteil von Menschen mit Behinderung an der gesamten Bevölkerung. Ich kann mir das nur dadurch erklären, dass andere Einrichtungen eben nicht oder kaum inklusiv arbeiten, und deshalb so viele junge Menschen mit Behinderung zu uns kommen.

Wie viele Leuten arbeiten in Ihrem Team?

Zwei Mitarbeiter:innen sind hauptamtlich dabei und wir haben noch einige Honorarkräfte, die auf Stundenbasis in unserem Haus arbeiten. Wir organisieren uns so, dass immer drei bis vier aus dem Team da sind.

Haben Sie alle eine pädagogische Ausbildung?

Ich selbst bin Inklusionspädagogin, mein hauptamtlicher Kollege ist Sozialarbeiter. Unsere Honorarkräfte haben ganz unterschiedliche Berufsausbildungen, sie kommen zum Beispiel aus dem Management, studieren gerade Heil- und inklusive Pädagogik oder haben eine medizinische Ausbildung. Ein pädagogischer Hintergrund ist also kein Muss. Wir freuen uns aber immer, wenn jemand handwerkliches Geschick mitbringt, mit unseren Besucher:innen kreativ arbeiten oder das Programm mitgestalten kann.

Arbeiten bei Ihnen auch Menschen mit Behinderung?

Eine Honorarkraft und eine Projektmitarbeiterin bei uns haben jeweils selbst eine Behinderung. Und durch die Praktika, die wir anbieten, sind außerdem oft Schüler:innen von Förderschulen hier in Köln in unserem Team mit dabei. Oft haben diese Jugendlichen unsere Einrichtung vorher selbst besucht und möchten beim Praktikum unsere Arbeit von der anderen Seite kennenlernen. Das ermöglichen wir gerne und haben so immer mindestens fünf Praktikant:innen pro Jahr.
Manchmal absolvieren auch junge Menschen ihr Praxissemester bei uns, die Sozialpädagogik studieren. Sie gestalten und organisieren dann ein eigenes Projekt, das gehört zum Studiengang. Wir können diese Projekte zwar leider nicht vergüten, aber die Studierenden bleiben danach häufig als Honorarkräfte bei uns, verdienen etwas Geld und machen damit sozusagen nebenbei ihren Berufseinstieg.

Unterstützen Sie auch ihre Besucher:innen beim Start in den Beruf?

Ja, wir überlegen sogar meist gemeinsam mit den Familien, ob und wie die Person einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt finden könnte. Manchmal unterstützen wir auch bei der Suche und vermitteln Kontakte zu Betrieben, die wir kennen. Ein sehr schönes Beispiel: Eine ehemalige Besucherin, die eine geistige Behinderung hat, arbeitet jetzt als Betreuerin in einer inklusiven Kita.