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„Eine vermeintliche Einschränkung kann eine Bereicherung für alle sein“

Frau Roye, die Initiative Discovering Hands ist noch vergleichsweise jung, viele Frauen kennen die Tastuntersuchung durch eine Medizinisch-Taktile Untersucherin wie Sie noch nicht. Wie läuft so ein Termin bei Ihnen ab?

Für eine gründliche Tastuntersuchung nehme ich mir – abhängig von der Größe der Brust – 30 bis 50 Minuten Zeit. Ich beginne immer mit einer Anamnese, also einem Vorgespräch mit der Patientin. Das ist sehr wichtig, um mir einen Überblick über mögliche Risikofaktoren zu verschaffen. Ich frage die Patientin beispielsweise, ob sie sich einer längeren Hormontherapie unterzogen hat, ob Familienangehörige Brustkrebs haben oder hatten oder ob sie selbst schon einmal erkrankt war.
Während sie sitzt, führe ich schon eine erste Untersuchung durch, taste die Brust ab und untersuche die Lymphbahnen in den Achseln, am Schlüsselbein und am Hals. Anschließend legt sich die Patientin hin. Ich klebe dann fünf Spezialklebestreifen auf ihren Oberkörper, die eine Art Raster bilden. Daran orientiere ich mich bei der Untersuchung und kann die Brust damit zentimetergenau, in ganzer Breite und in allen Gewebetiefen abtasten.

Wie geht es danach weiter?

Ich arbeite in meinem Beruf sehr eng mit den Gynäkologinnen und Gynäkologen der jeweiligen Praxen zusammen und dokumentiere für sie meinen Befund ganz genau. Die Ärztinnen und Ärzte besprechen das Ergebnis dann mit der Patientin.
Wenn ich eine Veränderung oder einen Knoten im Drüsengewebe ertastet habe, teile ich das der Patientin schon während der Untersuchung behutsam mit. Wichtig ist aber, dass natürlich nicht jede Veränderung sofort bedeutet, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Es gibt auch viele harmlose Befunde. Um das abzuklären, übernimmt der behandelnde Arzt oder die Ärztin die weitere Diagnostik und führt zum Beispiel eine Ultraschalluntersuchung der Brust durch. Wenn die Gewebeveränderungen dann immer noch unklar sind, werden der Patientin Gewebeproben entnommen.
Übrigens sprechen wir immer automatisch von „der Patientin“ – dabei können auch Männer an Brustkrebs erkranken. Sie dürfen die spezielle Früherkennungsuntersuchung durch eine MTU ebenfalls in Anspruch nehmen, denn unter den rund 70.000 neuerkrankten Menschen in Deutschland sind zwar nur ein Prozent Männer, aber bei ihnen wird ein Tumor in der Brust oft erst sehr spät entdeckt.

Wie haben Sie sich während der Ausbildung auf Ihren Berufsalltag vorbereitet? Sie mussten diese Untersuchungen ja bestimmt auch praktisch üben.

Ja, praktischer Unterricht gehörte natürlich auch dazu. Unsere Ausbilderin hat uns in den Übungen unter anderem gezeigt, wo und wie wir die Orientierungsstreifen anbringen und wie genau wir die Untersuchung durchführen müssen. Wir Kursteilnehmerinnen haben uns dafür im Unterricht gegenseitig untersucht, außerdem hatten wir Testpatientinnen, die sich zu Lernzwecken für die Untersuchung zur Verfügung gestellt haben.
Ein ebenso wichtiger Teil der Ausbildung ist natürlich auch das medizinische Fachwissen, das im theoretischen Unterricht vermittelt wird. Ich kenne beispielsweise die Anatomie der weiblichen Brust sehr genau, genauso wie die gut- und bösartigen Erkrankungen, die in diesem Gewebe auftreten können. Die medizinische Ausbildung dauert insgesamt neun Monate, danach absolviert jede MTU ein dreimonatiges Praktikum in einer gynäkologischen Praxis oder Klinik, um erste Erfahrungen zu sammeln.

Was ist für Ihren Beruf – außer eines ausgeprägten Tastsinns – noch wichtig?

Großes Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, ruhig und gut mit Menschen zu kommunizieren. Viele Patientinnen sind vor der Untersuchung aufgeregt und hoffen natürlich darauf, dass ich nichts finde und Entwarnung geben kann. Manche haben richtig Angst und brechen in Tränen aus. Ihnen muss ich dann ganz besonders zur Seite stehen. Aber auch für diejenigen, die sich keine so großen Sorgen machen, ist das eine sehr intime und oft ungewohnte Situation. Als MTU muss ich eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen, damit jede Patientin und jeder Patient sich nicht nur fachlich, sondern auch zwischenmenschlich gut aufgehoben fühlt.

Was mögen Sie besonders an Ihrer Arbeit?

Ich gehe gern mit Menschen um und freue mich, wenn ich ihnen helfen kann. In diesem Beruf kann ich die Arbeit von Ärztinnen und Ärzten sinnvoll ergänzen, indem ich meinen ausgeprägten Tastsinn einsetze. Das ist schon toll, weil ich so einen wichtigen Beitrag zur Krebsprävention leisten kann. Die Mediziner schätzen das sehr, und auch von den Patientinnen und Patienten bekomme ich viele positive Rückmeldungen. Ich freue mich einfach, die Dankbarkeit dafür mitzuerleben, dass es meinen Beruf gibt und ich damit etwas Gutes leisten kann.

Hat sich durch Ihre Arbeit als MTU ihre Einstellung dazu verändert, blind zu sein?

Ich finde, dass jeder Mensch auf seine Stärken setzen sollte. Eine vermeintliche Einschränkung wie meine Sehbehinderung kann eine Bereicherung für alle sein. Mein Beruf ist ein ganz besonders schönes Beispiel dafür und hat mich so immer mehr in meiner Haltung bestärkt. Ich pflege mit meinen Kolleginnen und Kollegen, egal, ob sehend oder blind, einen lockeren und tollen Umgang auf Augenhöhe. So sollte es ja eigentlich auch in allen Bereichen des Lebens sein: Man sollte eine Einschränkung gar nicht erst zu einer Behinderung machen oder werden lassen.

Porträtfoto von Tanja Roye

Foto: Discovering Hands

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Tanja Roye
Geburtsjahr: 1982
Wohn-/Arbeitsort: Soest (Wohnort); arbeitet in verschiedenen gynäkologischen Praxen im Ruhrgebiet
Beruf:
Medizinisch-Taktile Untersucherin (MTU)
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: ist blind und hat deshalb einen besonders ausgeprägten Tastsinn, den sie in ihrem Beruf gezielt einsetzt.




„Changemaker“ gesucht: Ashoka fördert soziale Innovationen

Frau Haverkamp, was sind soziale Entrepreneure und was macht sie aus?

Das sind Frauen und Männer, die sich mit innovativen, übertragbaren Ansätzen und mit unternehmerischem Geist dafür einsetzen, gesellschaftliche Probleme zu lösen – und dafür meist eine Organisation gründen. Auch wenn der Begriff vergleichsweise neu ist: „Social Entrepreneurs“, also soziale Gründerinnen und Gründer, hat es eigentlich schon immer gegeben. Berühmte Beispiele sind Maria Montessori, die Begründerin der Reformpädagogik, oder Henry Dunant, Mitgründer des Roten Kreuzes. Innovative Ansätze gehen oft von engagierten Einzelpersonen aus, die sich kreativ für einen neuen Zustand unserer Gesellschaft einsetzen. Das gilt für alle Bereiche: Die Themen unserer Fellows reichen von Umweltschutz über Bildung bis hin zur ökonomischen Teilhabe oder der Unterstützung von Familien.

Was ist denn das Besondere an diesem Engagement? Solche Impulse für gesellschaftliche Veränderungen könnten ja zum Beispiel auch aus der Politik kommen.

Wir glauben, dass es kaum etwas Kraftvolleres gibt als eine soziale Innovation, die von einer unternehmerischen Persönlichkeit geführt wird – und daran, dass vielversprechende Ansätze möglichst früh aufgespürt und gefördert werden müssen, anstatt sie erst nach ihrem Durchbruch zu feiern. Dann sind nämlich die anfänglichen, oft sehr hohen Hürden schon längst überwunden, zum Beispiel solche geistigen Haltungen wie „Das haben wir doch noch nie so gemacht!“ und „Dafür sind doch andere zuständig!“. Die Fellows in unserem Netzwerk nehmen sich oftmals Themen vor, die sich über mehrere Generationen hinweg entwickeln – das sind also keine Konzepte und Unternehmen, die übermorgen fertig sind.

Nach welchen Kriterien wählen Sie aus, wer gefördert wird, und wie spüren Sie entsprechende Persönlichkeiten und Ansätze auf?

Ob eine Person Ashoka-Fellow werden kann, entscheiden wir nach weltweit gültigen Kriterien: Unsere Gründerinnen und Gründer müssen kreativ sein, ethisch denken und handeln und Unternehmergeist mitbringen. Das Ziel ihres Ansatzes, den sie mindestens in einem Pilotvorhaben erfolgreich umsetzt haben, sollte es sein, grundlegende gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Um solche Menschen und Projekte zu finden, recherchieren wir selbst aktiv und nutzen dabei unsere mehr als 35 Jahre globale Erfahrung, Weltveränderer zu erkennen und zu begleiten. Im Laufe dieser langen Zeit haben wir ein sehr engagiertes Netzwerk aufgebaut, das immer wieder sehr hilfreich ist und aus dem viele Ideen an uns herangetragen werden. Außerdem gibt es auf unserer Website die Möglichkeit, Kandidatinnen und Kandidaten zu nominieren. Auf diesem Weg erreichen uns pro Jahr etwa 200 Hinweise auf Persönlichkeiten, die für die Ashoka Fellowship vorgeschlagen werden – und wir freuen uns über jeden einzelnen davon!

Fördert Ashoka auch Persönlichkeiten und Projekte, die sich mit Inklusion beschäftigen?

Natürlich, das ist ein sehr wichtiges gesellschaftliches Feld. Vielen unserer Gründerinnen und Gründern gelingt es, den Blick der Gesellschaft auf vermeintliche „Behinderungen“ zu verändern, indem sie zeigen, dass darin auch ein besonderes Talent schlummern kann. Zu unseren Fellows gehört zum Beispiel Andreas Heinecke, der mit den Ausstellungen „Dialog im Dunkeln“ und „Dialog mit der Zeit“ unseren Blick auf Blindheit oder das Altern verändert. Manuela Richter-Werling hat das Präventions-Programm „Verrückt? Na und!“ gegründet und setzt sich damit dafür ein, Tabus rund um das Thema der psychischen Gesundheit abzubauen. Der Clou: Sie setzt Betroffene aktiv als Botschafterinnen und Botschafter ein, die authentisch von ihren Erfahrungen berichten. Jan Wulf-Schnabel wiederum hat das Institut für inklusive Bildung gegründet und bildet dort Menschen mit (geistiger) Behinderung zu Bildungsfachkräften aus. Diese lehren dann in Fachhochschulen und Universitäten, um die inklusive Lehrkompetenz von Studierenden zu stärken (Anm. d. Red.: In unserem Blog-Interview mit einer Mitarbeiterin des Instituts erfahrt ihr genauer, wie dieses Konzept funktioniert). Diese Liste ließe sich noch um viele Beispiele erweitern.

Wie unterstützt Ashoka die Unternehmen?

Wir begleiten unsere Ashoka-Fellows, sofern sie möchten, ein Leben lang auf ihrer Mission, indem wir Impulse geben, Beratungsangebote vermitteln, einen Dialog zwischen ganz unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft aufbauen und Brücken schlagen. Und: Bei Bedarf können wir bis zu drei Jahre lang ein Lebenshaltungsstipendium zahlen, mit dem die geförderten Unternehmerinnen und Unternehmer ihre Alltagsausgaben decken und sich damit gerade in der Anfangs- und Aufbauphase ganz auf ihr unternehmerisches Engagement konzentrieren können.

Wie finanzieren Sie dieses Modell?

Ashoka ist weltanschaulich und politisch unabhängig und nimmt deshalb keine staatlichen Gelder an. Die Finanzierung der Organisation kommt ausschließlich durch die Unterstützung einer Gruppe engagierter Unternehmerinnen und Unternehmer sowie einiger Stiftungen und Unternehmen zustande.

Und wie finanzieren die Gründerinnen und Gründer sich und ihre Start-ups?

Soziale Gründerinnen und Gründer brennen dafür, ihre Ideen und Ansätze in die Welt hinaus zu tragen – und genau dabei gibt es oft Hürden zu überwinden, gerade, weil sie oft unkonventionell vorgehen. Ein Beispiel ist die Finanzierung sozialer Innovationen und deren Verbreitung. Das Komplexe beim Thema Finanzierung ist, dass wir das oft noch sehr verbreitete Denken in den Schubladen ‚Spenden‘ und ‚Investieren‘ überwinden und erst einmal fragen müssen: Welche Finanzierung braucht eine soziale Innovation zu welchem Zeitpunkt, damit sie die bestmögliche Wirkung entfalten kann? In den vergangenen Jahren haben wir uns daher viel mit der Frage auseinandergesetzt, welche Finanzierungsmodelle soziale Innovationen wirklich voranbringen. Aus diesen Überlegungen ist unter anderem die „Finanzierungsagentur für Social Entrepreneurship (FASE)“ hervorgegangen, die wir mit einigen Partnern zusammen aufgebaut haben. Jetzt können wir auf eine Reihe oft unkonventioneller – und ebenso spannender – Finanzierungsmodelle zurückgreifen. Viele soziale Innovationen brauchen nämlich eine ganz andere und oft längere Anfangsinvestition, bei der es erst einmal nicht um Geld, sondern um die gute Sache geht. Andere Start-ups richten sich schneller an finanzieller Rendite aus – das funktioniert bei sozialen Gründungen vor allem am Anfang oft noch nicht.

Welche neuen Aufgaben wollen Sie in Zukunft angehen?

Ganz wichtig ist für uns die Frage, wie gute Ideen den Weg überall dorthin finden, wo sie hilfreich und wirkungsvoll sein können – auch (zurück) in große Institutionen und Strukturen hinein, also in Wohlfahrtsorganisationen, Kommunen und Unternehmen. Hier müssen wir noch viel dafür tun, einen Dialog zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren herzustellen, und Allianzen schmieden, die eine Verbreitung wirkungsvoller Ideen und Ansätze ermöglichen. Wir müssen den Blick zu erweitern: Wer müsste eigentlich wie zusammenarbeiten, damit eine soziale Innovation sich in der Breite durchsetzen kann? Der nächste Schritt wäre die Suche nach Modellen, damit eine entsprechende Kooperation zustande kommen kann.

Porträtfoto der Interviewpartnerin Laura Haverkamp

Foto: Christian Klant

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Laura Haverkamp
Geburtsjahr: 1984
Wohn-/Arbeitsort: Hamburg
Beruf: Partnerin bei der Ashoka Deutschland gGmbH
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: hat selbst keine körperliche oder geistige Behinderung, wird in ihrem Engagement aber von ihrer Überzeugung geleitet, dass eine Gesellschaft alles tun sollte, um Menschen nicht daran zu hindern, ihre Talente und Möglichkeiten frei zu entfalten. Soziale Gründerinnen und Gründer sind für sie hierbei tolle Vorbilder, mit denen sie sehr gerne zusammenarbeitet.




„Wir sind eine unfassbar laute Band“

Experimentierfreudig, verspielt, laut: So ist die Musik der Hamburger Krautrock-Band Station 17. In wechselnder Besetzung proben unter diesem Namen seit 30 Jahren Musiker mit und ohne Behinderung, spielen Konzerte und veröffentlichen Alben.
Die Aufschrift „Stop – Hier wird gearbeitet“ an der Tür des Probenraums ist dabei wörtlich zu nehmen, denn die Band ist viel mehr als ein Hobby. Die Musiker sind beim inklusiven Netzwerk Barner 16 fest angestellt und erwirtschaften ihr Einkommen durch ihre Kunst. Wie das klingt und aussieht, erzählt die taz in dieser Reportage.




Behinderung als Jobchance

Martin Neumann ist Asperger-Autist. Unregelmäßigkeiten in Mustern und Fehler in Programmiercodes fallen ihm sofort auf – eine außergewöhnliche und wertvolle Fähigkeit, die das Unternehmen Auticon erkannt hat und Neumann als Mitarbeiter eingestellt hat.

Auch Steffi Gedenk kann gerade wegen ihrer Behinderung Besonderes leisten: Sie ist fast blind und rettet Leben, nämlich dank ihres ausgeprägten Tastsinns, den sie in der Brustkrebsfrüherkennung nach der Methode „discovering hands“ einsetzt.

Beim spanischen Joghurthersteller LaFageda erwirtschaften Menschen mit und ohne Behinderung zusammen mit psychisch erkrankten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen Jahresumsatz von mehr als 20 Millionen Euro.

Um diese drei Unternehmen geht es in dieser sehenswerte Arte-Dokumentation, die noch bis zum 19. September 2018 in der Mediathek des Senders abrufbar ist.




„Wir möchten mit gutem Beispiel vorangehen“

Ihr beiden, wie kamt ihr auf die Idee, aus „Zurück zu den Wurzeln“ ein inklusives Festival zu machen?

Christian: Das war im Grunde ein großer Zufall. Wir haben schon früher Open-Airs im Wald oder in Berliner Industrieruinen organisiert. Bei einer Veranstaltung trafen wir einen Gast mitten im Wald, der mit Rollstuhl unterwegs war. Aus Interesse fragten wir ihn, wie er es bis zur Bühne geschafft hatte. Die Antwort: Seine Freunde hatten ihn geschoben und getragen. Er war also komplett auf andere angewiesen, um an so einer Kulturveranstaltung überhaupt teilnehmen zu können – das hat uns sehr beschäftigt. Nach dieser Begegnung haben wir angefangen, uns mit der Frage zu befassen, wie Menschen mit Behinderung eigentlich Festivals erleben und wie wir als Veranstalter darauf reagieren sollten.

Björn: Wir stellten dann schnell fest, dass das Thema Inklusion für die meisten anderen Festival-Verantwortlichen völlig uninteressant ist. Das finden wir überhaupt nicht gut, aber aus wirtschaftlicher Sicht können wir es auch irgendwie verstehen. Um ein Festivalgelände behindertengerecht umzubauen, muss man einfach enorm viel investieren. Es klingt hart, aber wenn am Ende nur 150 bis 200 zahlende Gäste mit Behinderung zur Veranstaltung kommen, ist das rein finanziell betrachtet ein Verlustgeschäft. Wir selbst haben uns trotzdem dazu entschieden – wir machen das für‘s Karma! (lacht) Nein, wir finden das Thema einfach sehr wichtig und möchten mit gutem Beispiel vorangehen. Und wir hoffen, dass wir so auch anderen Menschen aus der Musikszene, die Veranstaltungen organisieren, die Augen für inklusive Fragen öffnen können.

Barrierefreie gestalteter Weg auf dem Wurzelfestival.
Foto: Höme – Magazin für Festivalkultur/Sascha Krautz

Euer Festivalgelände ist also seit dem vergangenen Jahr für Menschen, die mit Rollstuhl oder mit Gehhilfen unterwegs sind, komplett barrierefrei gestaltet. Was bedeutet das genau?

Björn: Unser Anspruch ist, dass Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer jede Bühne selbstständig erreichen können sollen. Für uns heißt das in der Vorbereitung: Wir ebnen den Waldboden, damit richtige Wege entstehen, und legen Schwerlastplatten aus, wie sie auch auf Baustellen verwendet werden. Diese Platten sind geriffelt, so dass die Reifen eines Rollstuhls guten Halt darauf haben und nicht wegrutschen. Nach dem Festival bauen wir alles wieder zurück und lockern auch den Boden wieder auf. Das ist viel Arbeit, aber sehr wichtig für die Umwelt.

Christian: Zur Barrierefreiheit gehören natürlich auch rollstuhlgerechte Duschen und Toiletten, die es bei uns ebenfalls gibt. Wir richten außerdem ein so genanntes „Inklusionscamp“ auf unserem Gelände ein, wo große Zelte mit Betten, einer Küche und Kühlschränken für Medikamente stehen. Wenn jemand Unterstützung braucht, kann sie oder er sich an unsere Heilerziehungspflegerinnen und -pfleger im Camp wenden, die ständig dort sind. Auf dem gesamten Gelände sind auch Inklusionslotsen unterwegs, die wir liebevoll „Buddys“ nennen. Sie begleiten unsere Gäste mit Behinderung während der ganzen Festivalzeit, wenn diese das möchten. Bei uns soll niemand allein gelassen werden.

Das klingt wirklich nach großem Aufwand. Wie hoch sind die Kosten für diese Maßnahmen?

Christian: Da kommen schon so rund 80.000 Euro zusammen. Die Inklusionslotsen arbeiten zwar ehrenamtlich für uns, und beim Aufbau helfen uns 400 Freiwillige. Aber die müssen ja auch was essen und trinken in der ganzen Zeit, was wir natürlich zahlen – und zwar drei Wochen lang. Dazu kommen die Kosten für den Bagger, der den Boden ebnen muss, und die Miete für die Schwerlastplatten. Die allein kosten schon 22.000 Euro.

Blick auf einen Rollstuhl in einem Übernachtungszelt.
Blick in eines der großen Zelte, die im Inklusionscamp des Festivals jedes Jahr aufgestellt werden. Foto: Höme – Magazin für Festivalkultur/Sascha Krautz

Diese Ausgaben lassen sich ja wahrscheinlich nicht komplett über Eintrittsgelder wieder reinholen. Wie finanziert ihr das?

Björn: Wir setzen zumindest für einen Teil der Kosten auf das Engagement und die Zuwendung von Menschen, die unser Konzept gut finden und unterstützen wollen. Für die Miete der Platten zum Beispiel haben wir eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und konnten so mehr als 11.000 Euro einsammeln, hatten damit also schon mal die Hälfte gedeckt. Außerdem haben wir einen Zuschuss von 25.000 Euro für die Errichtung des Inklusionscamps vom Berliner Musicboard bekommen – das ist eine GmbH des Landes, die im Auftrag des Senats Musikprojekte fördert. Den Rest, also immer noch mehr als die Hälfte der Gesamtkosten, müssen wir aus den Eintrittsgeldern stemmen. Deshalb haben wir die Preise entsprechend angepasst. Wir betrachten das als eine Art Solidarbeitrag: Wenn es in unserer Gesellschaft schon überhaupt Geld kosten muss, dass Menschen mit Behinderung mitmachen können und nicht ausgegrenzt werden, dann müssen das alle gemeinsam stemmen, finden wir. Das sehen unsere Festivalgäste zum Glück ganz genauso.

Christian: Ja, und das haben wir auch schon bei der Crowdfunding-Kampagne beobachtet: Selbst Menschen, die sowieso sehr wenig haben – wie Hartz-IV-Empfängerinnen und -empfänger – haben sich daran beteiligt und ein paar Euro gespendet. Aber das ist auch das Besondere an unserem Festival. Alle helfen sich gegenseitig, packen beim Zeltaufbau mit an, laden ihre Nachbarinnen und Nachbarn zum Essen ein. Und sie sind auch finanziell sehr solidarisch, was nicht weniger wichtig ist, damit jede und jeder dabei sein kann.

Wie sieht es mit der Crew und den Künstlerinnen und Künstlern aus? Beschäftigt und bucht ihr auch Menschen mit Behinderung?

Björn: Natürlich. Unsere Kollegin Julie Rabong – wir sind im Büro-Team zu viert – hat zum Beispiel eine Gehbehinderung. Und im vergangenen Jahr hat zum ersten Mal Jan Haufe aka DJ Eltron bei uns aufgelegt – er lebt seit einigen Jahren mit Rollstuhl. Beide haben uns viele wichtige Tipps gegeben, wie wir die Barrierefreiheit auf unserem Festival weiter verbessern können. Ob unter unseren vielen freiwilligen Helfern auch Menschen mit Behinderung sind oder nicht, darüber habe ich ehrlich gesagt gar keinen Überblick. Im Grunde spielt das für uns auch gar keine Rolle, denn genau das bedeutet ja für uns Gleichberechtigung. Über eine Behinderung sprechen wir erst dann, wenn es irgendwo Schwierigkeiten gibt.

Festivalbesucher spielen auf dem Gelände des Festivals.
Foto: Höme – Magazin für Festivalkultur/Sascha Krautz

Welche Hinweise haben Julie und Jan euch gegeben – und was habt ihr daraufhin verändert?

Christian: Jan hat im vergangenen Jahr mit seinem Rollstuhl unsere Wege getestet und festgestellt, dass die Platten verrutscht und dadurch Lücken entstanden sind. Das wird für Rollstuhlfahrer natürlich schnell zum Problem. Deshalb haben wir in diesem Jahr andere Platten gemietet. Sie sind größer als die bisherigen und werden jetzt fest im Boden verankert.

Björn: Was wir auch nicht bedacht hatten: Die Tresen an den Bars waren im vergangenen Jahr zu hoch für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer. Sie mussten sich ihre Getränke deshalb von anderen Gästen holen lassen. Darauf hat Julie uns aufmerksam gemacht, das war ein sehr wertvoller Hinweis, weil wir selbst darüber einfach noch gar nicht nachgedacht hatten. In diesem Jahr haben wir anders geplant und bauen die Bars jetzt so auf, dass alle Gäste selbstständig ordern können. An diesem Beispiel sieht man sehr gut, dass das ein Prozess für uns ist. Wir lernen immer mehr dazu und müssen manchmal damit leben, dass wir nicht alles perfekt machen können – und oft improvisieren wir auch einfach. Was uns sehr dabei hilft, ist die gemeinnützige Gesellschaft ‚Inklusion muss laut sein‘, die sich für die Barrierefreiheit von Kulturveranstaltungen engagiert und uns super bei der Festivalplanung berät. Wir sind ja selbst keine Experten für das Thema, sondern hatten einfach Bock auf das Projekt.

Welche Pläne habt ihr für die Zukunft?

Christian: Wir möchten unser Festival irgendwann auch für Menschen mit Sehbehinderung barrierefrei gestalten, dafür fehlt uns im Moment aber leider noch das Geld. Die erste große Barriere für die Gäste ist unsere Website, die ganz neu aufgebaut werden muss. Das wird 3.000 bis 4.000 Euro kosten. Auch unser Festivalgelände müssen wir anders gestalten, wir brauchen ein taktiles Leitsystem mit genoppten Bodenplatten, wie man sie von Bahnhöfen oder modernen Straßenbahnhaltestellen kennt. Dafür müssen wir mit 50.000 bis 80.000 Euro rechnen. Was auch toll wäre: akustische Signale, die den Gästen den Weg zur Bühne oder zu den sanitären Anlagen weisen. Die Kosten dafür wissen wir aber noch nicht.

Björn: Menschen mit Sehbehinderung sind natürlich trotzdem schon jetzt herzlich willkommen bei uns, auch wenn wir die barrierefreie Ausstattung für sie noch nicht finanzieren können. Wenn sie allein zum Festival kommen möchten, sind unsere Inklusionslotsen gern für sie da und begleiten sie. Wir wissen, dass das noch nicht optimal ist – wie gesagt, das Ganze ist ein Prozess, der oft leider nicht so schnell geht, wie wir es uns wünschen würden. Aber wir machen jedes Jahr einen weiteren Schritt nach vorn.


Die Festival-Veranstalter Björn Ösingmann (links) und Christian Reckmann (rechts) hinter einer riesigen Diskokugel.

Björn Ösingmann (links) und Christian Reckmann (rechts). Foto: Wurzelfestival

Über unsere Interviewpartner

Name: Christian Reckmann

Geburtsjahr: 1975

Wohn-/Arbeitsort:
Berlin

Beruf:
Gründer und Veranstalter des Wurzelfestivals
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: o
rganisiert zusammen mit seinem Kollegen Björn die inklusive Veranstaltung


Name: Björn Oesingmann
Geburtsjahr: 1967

Wohn-/Arbeitsort:
Potsdam

Beruf: Gr
ünder und Veranstalter des Festivals

(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung:
„Einen persönlichen Bezug zu Menschen mit Behinderung habe ich nicht – aber das muss ich auch nicht, um mich mit diesem Thema zu beschäftigen und es für wichtig zu erachten.“

Weitere Infos und Tickets gibt es auf der Homepage des Wurzelfestivals.




Reisen für Alle!

Im Urlaub wollen die meisten Menschen Sonne, ein schönes Reiseziel, Spaß, Entspannung und Erholung – und dazu gehört auch, dass eine Reise keinen unnötigen Stress verursacht.

Für viele Menschen mit Behinderung ist genau das allerdings oft schon bei der Planung der Fall. An fremde Orte zu fahren ist meist schwierig, wenn man mit Rollstuhl oder Gehhilfe reist, eine Sehbehinderung hat oder gehörlos ist: Viele Angebote sind nicht darauf eingerichtet, dass auch Menschen mit Behinderung zu ihren Gästen zählen könnten und genauso eigenständig und ohne Hilfe verreisen möchten wie andere Menschen auch.

Damit der nächste Ausflug oder Urlaub entspannt wird, ist also vor allem eins wichtig: verlässliche Informationen über die Voraussetzungen am Reiseziel. Seit 2014 findet ihr genau das auf dem Portal „Reisen für Alle“ für Ziele innerhalb Deutschlands. Alle Übernachtungs- und Gastronomiebetriebe, Unterhaltungs- und Freizeitstätten, die hier gelistet sind, erfüllen unabhängig geprüfte Standards der Barrierefreiheit.

Dabei wird ein Kennzeichnungssystem eingesetzt, das einige wichtige Grundvoraussetzungen festlegt:

  1. Die Angebote (etwa ein Hotel oder ein Freilichtmuseum) dürfen nicht selbst einschätzen, wie barrierefrei sie sind. Sie müssen sich von speziell geschulten Experten auf Herz und Nieren prüfen lassen, bevor sie in die Liste aufgenommen werden.
  2. Alle Angaben zur Barrierefreiheit der Orte im Detail aufgeführt, so dass die Urlauberinnen und Urlauber schon bei der Planung ganz genau wissen, was sie erwartet.
  3. „Reisen für Alle“ sicher, dass mindestens eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter pro Betrieb oder Angebot eine Schulung zum Thema „Barrierefreiheit als Qualitäts- und Komfort-Merkmal“ besucht hat.

Mehr Infos zu Reisen für Alle

Sofort losstöbern und planen könnt ihr auf www.reisen-fuer-alle.de. Das Portal wurde vom Deutschen Seminar für Tourismus (DSFT) Berlin e. V. ins Leben gerufen und gründet auf inem bundesweit einheitlichen Kennzeichnungssystem. Das DSFT ist der Träger der „Reisen für Alle“-Systems und stellt damit seit März 2014 sicher, dass Menschen mit Behinderung bei ihrer Reiseplanung auf detaillierte und verlässliche Informationen in deutscher und englischer Sprache zugreifen können.