Inklupreneur: Ein Projekt für mehr Inklusion in der Start-up-Szene

Herr Dreyer, was ist ein „Inklupreneur“?

Inklupreneure sind Unternehmer:innen und Gründer:innen, die sich für Inklusion einsetzen und in ihrem Unternehmen inklusive Arbeitsplätze schaffen. Für den Namen unseres Projekts haben wir deshalb die Begriffe „Inklusion“ und „Entrepreneurship“ (auf Deutsch: Unternehmertum) miteinander verbunden. Inklupreneure können aber auch Menschen mit Behinderung sein, die den mutigen Schritt gehen und sich bei Unternehmen bewerben, in denen sie berufliches Neuland betreten. Unser Programm ist also für Menschen und Unternehmen gedacht, die neue Wege gehen. Wir richten uns dabei vor allem an die Start-up-Szene.

Es gibt bereits viele Anlaufstellen für Gründer:innen, Unternehmen und Arbeitnehmer:innen. Braucht die Start-up-Szene trotzdem solche Beratungsangebote wie Ihres?

Unserer Erfahrung nach: ja. Firmen und Organisationen aus der Start-up-Szene haben eine ganz eigene Unternehmenskultur mit sehr dynamischen, also sich ständig verändernden Prozessen. Sie wachsen sehr schnell und brauchen viel Personal. Viele Beratungsangebote erfüllen nicht unbedingt das, was Start-ups tatsächlich brauchen. Hier setzen wir an. Wir möchten die Unternehmer:innen dabei unterstützen, Inklusion zu einem Teil ihrer Unternehmenskultur zu machen.

Warum ist das wichtig?

Ich glaube, dass langfristig nur noch Unternehmen am Markt eine Chance haben, die auch einen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Daher finde ich, dass sich alle Gründer:innen überlegen sollten, wie dieser Beitrag in ihrer eigenen Organisation aussehen könnte. Ich selbst habe vor 15 Jahren ein Unternehmen gegründet und sehr positive Erfahrungen mit der Arbeit in einem inklusiven Team gemacht. Als wir damals gewachsen sind und Personal brauchten, hat uns die Agentur für Arbeit die Bewerbung eines Software-Entwicklers mit Behinderung übermittelt. Seine Qualifikationen passten zu unseren Anforderungen, wir wiederum haben uns auf seine Bedürfnisse eingestellt – und er hat sich darauf eingelassen, in einem Start-up zu arbeiten. Für alle, die später in der Firma angefangen haben, war Inklusion dann ganz selbstverständlich. Mein und unser gesellschaftlicher Beitrag ist, dass wir das auch anderen Start-ups ermöglichen möchten.

Mit was für einem Programm unterstützen Sie Unternehmen dabei?

Wer mitmachen möchte, muss auf unserer Website erst einmal einen „Pledge“ unterzeichnen, also ein Formular zur Selbstverpflichtung. Das Start-up beschreibt darin das eigene Unternehmen genauer und erklärt, wo im Betrieb Stellen für Menschen mit Behinderung eingerichtet werden sollen.

Was ist der nächste Schritt?

Wir beginnen immer mit einer Auftaktveranstaltung. Das sind zwei sehr intensive Tage, an denen alle Unternehmen, die mitmachen, ihre jeweils eigene Inklusionsstrategie erarbeiten. Wir begleiten die Gründer:innen und Unternehmen anschließend noch einige Monate mit einem Coaching.

Wer coacht die Firmen?

Das Projekt „Inklupreneur“ wird von der Hilfswerft gGmbH organisiert, die ich als Geschäftsführer leite. Wir bieten dort Workshops für angehende Sozialunternehmer:innen an und haben dafür ein großes Netzwerk von Mentorinnen und Mentoren aufgebaut, auf das wir nun auch für „Inklupreneur“ zurückgreifen können. Insgesamt beraten 20 Menschen mit Behinderung die Unternehmen auf ihrem Weg und geben ihnen Rückmeldungen dazu, wie sie in der Community wahrgenommen werden: Worauf schauen Bewerber:innen mit Behinderung auf der Website als erstes? Wie barrierearm ist das Unternehmen? Wer könnte dort arbeiten – und wer nicht? Zum Beispiel kann ja auch ein Büro in einer Altbauwohnung im zweiten Stock barrierefrei sein, nur eben nicht für Menschen mit einer Mobilitätseinschränkung. Das ist den Verantwortlichen in den Firmen aber oft gar nicht klar, weil viele erst einmal nur an bauliche Barrierefreiheit denken. Deshalb ist der Austausch mit den Coaches sehr wichtig. Ich glaube, durch diesen direkten Kontakt setzen wir am meisten in Bewegung.

Müssen die Unternehmen für die Beratung etwas bezahlen?

Nein, das Programm ist kostenlos. Wir erwarten nur, dass sie hinter ihrer Selbstverpflichtung stehen und es ihnen damit ernst ist. Es ist daher auch wichtig, dass sie sich vorher gut überlegen, wie viele inklusive Stellen sie ankündigen, denn wir nehmen sie da beim Wort.

Wie finanzieren Sie das Projekt?

Wir haben Fördergelder für drei Jahre vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) Berlin bekommen. Das ist das gleiche wie die Inklusionsämter in Nordrhein-Westfalen und in anderen Bundesländern.

Müssen Sie bestimmte Ziele erfüllen, um diese Förderung zu bekommen?

Ja, wir haben in Rücksprache mit dem Landesamt als Ziel formuliert, dass wir durch das Projekt 60 bis 120 neue inklusive Arbeitsplätze schaffen wollen. Unsere Hauptleistung dabei ist, Kontakt zu Unternehmen aufzubauen, die bereit dazu sind, und sie dabei zu unterstützen, diese Stellen zu definieren und auszuschreiben. Das zweite Ziel ist natürlich, diese Stellen auch zu besetzen. Dabei kooperieren wir unter anderem mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Jobcenter.

Wie läuft das bisher?

Deutschlandweit haben bisher 42 Firmen die Selbstverpflichtung unterzeichnet. Sie wollen insgesamt 139 inklusive Stellen schaffen.

Sind diese Stellen schon vergeben?

Nein, das wird noch dauern. Für die Unternehmen ist der „Pledge“ am Anfang des Prozesses ein erster, wichtiger Schritt, mit dem sie sich im positiven Sinne selbst unter Druck setzen. Danach müssen sie aber oft noch viele offene Fragen klären, bevor es wirklich losgehen kann. Dabei unterstützen wir sie. Bisher haben die Inklupreneure in unserem Programm knapp 30 konkrete Stellen ausgeschrieben. Sechs davon sind schon besetzt.

Woran liegt es, dass bisher erst so wenige Arbeitsplätze besetzt sind? Finden die Unternehmen keine passenden Bewerber:innen?

Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Unser Projekt läuft jetzt seit einem Jahr. Eine Erkenntnis aus dieser Zeit ist, dass auf der Unternehmensseite zwar ein sehr großes Interesse besteht, inklusive Stellen zu schaffen. Oft gehen dann aber gar keine Bewerbungen für die neu geschaffenen Arbeitsplätze ein. Offenbar reichen die bisher vorhandenen Angebote zur Vermittlung dieser Stellen noch nicht aus. Wir möchten deshalb in Zukunft eine eigene Inklupreneur-Gemeinschaft aufbauen und so Arbeitsuchende mit Unternehmen verknüpfen.
Die Unternehmen können sich im Rahmen unseres Angebots schon jetzt miteinander vernetzen und Wissen austauschen. Eigentlich arbeiten wir also daran, unser Programm irgendwann überflüssig zu machen. Das wird vermutlich nicht passieren, aber mit dieser Haltung gehen wir an das Projekt heran.

Bisher gibt es das Inklupreneur-Programm nur in Berlin und Bremen. Wollen Sie es später auch in anderen Bundesländern anbieten?

Ja, das können wir uns gut vorstellen. Unternehmen aus anderen Bundesländern können schon jetzt unseren „Pledge“ unterzeichnen. Wenn sich genügend Interessierte gemeldet haben, werden wir auf die zuständigen Inklusionsämter zugehen und versuchen, unser Programm auch dort auf den Weg zu bringen. Wir würden uns freuen, wenn mit der Zeit eine Art Bewegung daraus wird und Inklusion irgendwann ganz selbstverständlich zur klassischen Gründer:innenberatung dazugehört. Wenn es in solchen Gesprächen also künftig nicht mehr nur darum geht, wie ein Unternehmen finanziell über die Runden kommen kann, sondern auch gemeinsam überlegt wird, wie es einen gesellschaftlichen Beitrag leisten kann, hätten wir unser Ziel erreicht.




Wie der Kunstmarkt inklusiver werden könnte

Bei „Touchdown 21“ arbeiten Menschen mit und ohne Down-Syndrom zusammen. Sie sammeln zum Beispiel Informationen über das Down-Syndrom und bereiten sie auf, vernetzen Forschende aus der ganzen Welt und unterstützen sich gegenseitig bei ihrer eigenen Arbeit. Mit dabei sind auch einige Künstler:innen, die sich in Workshops über ihre Werke und Ideen austauschen und vom Netzwerk des Projekts profitieren.

Für Katja de Bragança, die mit dem Goethe-Insititut über das Thema gesprochen hat, ist die Vermittlung von Kontakten zu Museen und anderen Ausstellungsorten eine gute Möglichkeit, Künstler:innen mit Behinderung zu unterstützen. Warum auch Geld und eine gute persönliche Verbindung wichtig sind, erklärt sie im Interview, das es hier zu lesen gibt:




Podcast-Tipp »Sag’s einfach«: „Mari Lang, warum bist du nicht behindert?“

Zu Besuch bei „Sag’s einfach“ ist in einer Folge die Journalistin und Autorin Mari Lang, die selbst den Podcast „Frauenfragen“ moderiert. Der Name ist dabei Programm: Sie stellt Männern Fragen, die sonst nur Frauen zu hören bekommen. Zum Beispiel: „Wie lassen sich Kinder und Karriere vereinbaren?“ oder „Wie ist das mit den Falten und dem Älterwerden?“.

Mari Langs Idee hat den Journalist:innen von „andererseits“ so gut gefallen, dass sie die Autorin eingeladen und deren Konzept für ihren „Sag’s einfach“-Podcast in etwas abgewandelter Form übernommen haben. Moderatorin Yuria Knoll fragt Mari Lang zum Beispiel: „Wie wohnst du?“, „Hast du Hilfe in deiner Wohnung?“ oder „Warum bist du nicht behindert?“.

Das ungewöhnliche Interview zeigt, wie absurd viele der oft gestellten Fragen sind. Die beiden Frauen tauschen sich in dem hörenswerten Gespräch außerdem darüber aus, wie es ist, nicht zur Mehrheitsgesellschaft zu gehören, und welche Parallelen es zwischen sexistischen und behindertenfeindlichen Aussagen gibt.

Die ganze Folge könnt ihr euch hier anhören.




Neue Geschichten erzählen: Das journalistische Projekt „andererseits“

Frau Kreutzer, warum heißt Ihr Projekt „andererseits“?

Die Redaktionen großer Medien, die öffentliche Debatten prägen und abbilden, arbeiten meistens noch nicht inklusiv. Im Journalismus fehlen deshalb viele Perspektiven, zum Beispiel die von Menschen mit Behinderung. Meine Kolleginnen Katharina Brunner, Katharina Kropshofer und Clara Porak haben im Frühjahr 2020 „andererseits“ gegründet, um diesen Perspektiven Raum zu geben. Wir möchten Sichtweisen abbilden und Geschichten erzählen, die bisher kaum oder gar nicht vorkommen – die andere Seite eben.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass so viele Redaktionen noch nicht inklusiv arbeiten?

Ja, wir sehen zwei große Hürden für inklusive Arbeit. Eine davon ist der hohe Zeitdruck, der in vielen Redaktionen herrscht. Oft müssen Texte wenige Tage nach einem Interview fertig sein, und gleichzeitig sind noch andere Aufgaben zu erledigen. Das kann für manche Menschen mit Behinderung schwierig sein. Und die zweite Hürde sind die recht strengen Vorgaben für journalistische Texte, mit denen nicht alle zurechtkommen.

Und wie könnte sich das ändern?

Wir wünschen uns, dass Redaktionen und natürlich auch die Leser:innen offener werden für Texte, die anders sind als das bisher Gewohnte. So etwas ist spannend zu lesen und macht auch einfach Spaß. Und gerade diese Vielfalt ist aus unserer Sicht etwas, das Journalismus ausmacht, auszeichnet und stark macht.

Wie arbeiten Sie bei „andererseits“?

Wir nehmen uns Zeit für unsere Texte, Grafiken und Bilder. Normalerweise arbeiten an allen Aufgaben jeweils inklusive Teams, die aus zwei Journalistinnen oder Grafikdesignern mit und ohne Behinderung bestehen. Je nachdem, um welches Thema es geht und wie viel Erfahrung die Beteiligten haben, tauschen wir uns während der Recherchen und der Arbeit an den Texten viel miteinander aus.

Sie haben bestimmte sprachliche Vorgaben erwähnt, die es bei traditionellen Medien gibt. Klingen Ihre Texte anders als die in großen Zeitungen oder Magazinen?

Ja, bei uns sind ungewöhnliche und überraschende Formulierungen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Wir weisen in unserem Newsletter mit einer eigenen Rubrik sogar besonders darauf hin. Dort stellen wir Worte oder Formulierungen vor, die Autor:innen aus unserem Team erfunden haben. „Ich kriege einen Zuckaus“, sagt unserem Redakteurin Hanna beispielsweise, wenn sie aus der Haut fährt.

Um welche Themen geht es in Ihren Artikeln und Podcasts?

Zuletzt haben wir zu zwei sehr unterschiedlichen Schwerpunkten gearbeitet: Mut und Handysucht. Zu solchen Themen entstehen jeweils mehrere Beiträge, die informativ, aber auch sehr persönlich sein können. Tatsächlich stehen oft Gefühle im Mittelpunkt, auch das ist etwas Besonderes bei uns. Der Grund ist, dass Emotionen sich oft auf politische Umstände zurückführen lassen und damit im Grunde selbst auch politisch sind. Je nachdem, in welcher Rolle eine Person ist und wie viel gesellschaftlichen Einfluss sie hat, wird diese politische Dimension aber nicht unbedingt wahrgenommen. Das möchten wir ändern.

Welche Leser:innen oder Hörer:innen erreichen Sie mit Ihren Beiträgen?

Bisher bekommen wir vor allem Nachrichten und Rückmeldungen von Menschen, die selbst Berührungspunkte mit dem Thema Behinderung haben. Und von Journalist:innen, die sich dafür interessieren, was sich in der Branche gerade so tut. Wir hoffen, dass sich unser Projekt mit der Zeit weiter herumspricht und auch Menschen ohne Behinderung oder ohne Bezug dazu unsere inklusiven Texte lesen möchten. Um eine größere Zielgruppe zu erreichen, kooperieren wir übrigens auch mit anderen Medien, etwa der Monatszeitschrift Datum, dem SZ-Magazin, dem Magazin period. oder Ö1.

Wie finanzieren Sie das Projekt?

Bisher arbeiten wir ehrenamtlich. Wir haben alle einen Hauptberuf, mit dem wir unseren Lebensunterhalt verdienen, oder wir studieren noch. Für die Anfangszeit ist dieses Modell in Ordnung, denn die Arbeit für „andererseits“ macht Spaß und ich sehe darin sehr viel Sinn. Unser Ziel ist es natürlich, dass auf lange Sicht alle ein faires Gehalt oder Honorar für ihre Arbeit bekommen.

Werden die Inhalte von „andererseits“ demnächst kostenpflichtig?

Nein, unsere Beiträge sollen gratis bleiben. Wir planen stattdessen ein Abo-Modell, bei dem unsere zahlenden Abonnent:innen mit ihrem Beitrag unseren redaktionellen Betrieb finanzieren und dafür beispielsweise exklusiv an Veranstaltungen teilnehmen können, die wir organisieren werden. Wir werden außerdem Workshops für Unternehmer:innen und Teams anbieten, die lernen möchten, inklusiv zu arbeiten und zu denken. Daran besteht großes Interesse, nicht nur im Journalismus. All das müssen wir aber noch konkreter ausarbeiten. Wir haben gerade ein Finanzierungsteam aufgestellt, das in den nächsten Monaten ein Modell entwickeln wird, mit dem wir hoffentlich erfolgreich sein werden.

Was war bisher Ihr größter Erfolg?

Wir haben gezeigt, dass inklusiver Journalismus von der Grundidee her funktioniert. Es ist möglich, so zu arbeiten, es macht Spaß und es kommen gute Texte dabei heraus. —




Vier Fragen an… Frank Albin vom Deutschen Olympischen Sportbund

Herr Albin, was ist der Job von Event-Inklusionsmanager:innen, kurz „EVI“s?

Die Aufgabe von „EVI“s ist es, Sport-Events und -Großveranstaltungen inklusiv und barrierefrei zu gestalten. Das beginnt mit der inklusiven Anmeldung zum Event, etwa über eine barrierefreie Website des Veranstalters, auf der alle Informationen auch für Menschen mit Sehbehinderung zugänglich sein sollten. Das Gebäude oder Gelände, auf dem die Veranstaltung stattfindet, sollte außerdem nicht nur für Menschen mit Gehbehinderungen barrierefrei sein, sondern zum Beispiel auch für blinde Menschen, die sich mit einem Taststock oder über Schilder mit Brailleschrift orientieren. Und die Moderation und Kommentare sollten für gehörlose Zuschauer:innen und Athlet:innen zugänglich gemacht werden, also von Gebärdensprachdolmetscher:innen übersetzt werden. Die Event-Inklusionsmanager:innen sorgen in ihren Sportorganisationen dafür, dass all das bei der Planung mit bedacht und gut umgesetzt wird.

In welchen Organisationen arbeiten die „EVI“s?

Ende Mai wurden von einer Jury die ersten zwölf Organisationen ausgewählt, die eine Förderung für solch eine EVI-Stelle bekommen. Darunter sind zum Beispiel der Deutsche Rollstuhl-Sportverband in Kooperation mit dem Deutschen Behinderten-Sportverband, Special Olympics Deutschland, die Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußball-Bunds, der Deutsche Motor Sport Bund und der Deutsche Ruderverband. Die Verbände schaffen jeweils einen Arbeitsplatz für einen Menschen mit Schwerbehinderung, der für zwei Jahre aus Mitteln des Ausgleichsfonds des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales finanziert wird. Von 2023 bis 2025 läuft eine zweite Projektphase, dafür wählt die Jury wieder zwölf Organisationen aus, die erneut „EVI“s einstellen können.
Die Finanzierung ist übrigens als Anschubfinanzierung gedacht. Wir hoffen natürlich, dass wir diese Stellen erhalten können und durch das Projekt auch langfristig mehr Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung im Sport schaffen. Ich bin da zuversichtlich, denn die ersten Organisationen haben jetzt schon signalisiert, dass sie weitermachen möchten. Und sie werden sicher ein Vorbild für viele Vereine sein, die in den nationalen Sportverbänden organisiert sind.

Sie nennen mehrere Behindertensportverbände in Ihrer Aufzählung. Warum stellen sie überhaupt „EVI“s ein – sind ihre Veranstaltungen nicht sowieso schon barrierefrei?

Jein. Die Behindertensportverbände haben eine Vorbildfunktion. Allerdings sind sie in der Regel auf ihre Zielgruppe fokussiert, also auf Menschen mit bestimmten Behinderungen, was ja auch verständlich ist. Die Verantwortlichen in diesen Organisationen merken aber inzwischen, dass sie sich öffnen und auch für andere Behinderungsarten inklusiver aufstellen müssen. Der Rollstuhl-Sportverband etwa hat bisher kaum inklusive Angebote für Menschen mit Sehbehinderung. Und der Deutsche Gehörlosen-Sportverband kann sicher noch einiges tun, damit nicht nur gehörlose Menschen zu seinen Veranstaltungen kommen.

Wie unterstützt der DOSB die „EVI“s und deren Arbeitgeber:innen?

Wir bieten unter anderem eine neue Qualifizierung namens „Eventmanagement im Sport“ an. Die Kurse sind nicht nur für die „EVI“s gedacht, sondern stehen allen Menschen mit und ohne Behinderung offen, die ihre Organisation und ihre Angebote inklusiver gestalten wollen. Zusätzlich können die „EVI“s ein Jobcoaching in Anspruch nehmen, wenn sie das möchten. Wir besuchen außerdem sämtliche Sportorganisationen und stellen bei Bedarf Kontakte zu Beratungsstellen und anderen Expert:innen her, die dabei helfen, Arbeitsplätze barrierefrei zu gestalten.
Langfristig sollen die Event-Inklusionsmanager:innen und die Sportverbände von dem Netzwerk profitieren, das wir durch das Projekt gemeinsam Stück für Stück aufbauen. Die „EVI“s vernetzen sich bei regelmäßigen Treffen untereinander und tauschen ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus. Wir organisieren darüber hinaus auch Treffen für die Arbeitgeber:innen – und wir möchten die Sportverbände mit Behinderten- und Selbsthilfeorganisationen zusammenbringen, die bisher noch keinen oder kaum Kontakt zum Sportbereich haben. In den nächsten Jahren wollen wir einen digitalen Informationspool aufbauen, in dem wir das Wissen, die Ideen und Lösungen aller Beteiligten zur Umsetzung inklusiver Sportveranstaltungen sammeln. Denn so können bald auch andere Organisationen darauf zugreifen und damit arbeiten.




ARD-Doku-Serie: „Von der Behindertenwerkstatt in den Hörsaal“

Die Frauen und Männer absolvieren am Institut für inklusive Bildung eine Qualifizierung zur Bildungsfachkraft, die drei Jahre dauert (mehr zum Institut in unserem Blog-Interview mit der Mitarbeiterin Sara Gross, Anm. d. Red.). Alle Teilnehmer:innen waren vorher in einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt und haben jetzt die Chance auf einen sozialversicherungspflichtigen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Nach ihrer Ausbildung können sie sich an Hochschulen bewerben und den Studierenden dort als Dozent:innen die Perspektiven und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung vermitteln.

Die Regisseurin Tabea Hosche hat für die Doku die angehenden Bildungsfachkräfte während des Bewerbungsverfahrens und der Qualifizierung begleitet. Daraus ist eine sehr schöne Serie mit vier Folgen entstanden, die jeweils 15 bis 20 Minuten dauern. Die Filme erzählen, wie die sieben Auszubildenden neue Stärken entdecken und entfalten, wie sie nach dem theoretischen Unterricht zum ersten Mal Studierende treffen, wie sie ihr erstes Seminar halten, aber auch, wie sie sich durch die Ausbildung privat weiterentwickeln und neue Freundschaften schließen.




Fundstück der Woche: Berufseinstieg als Gebärdensprachdolmetscherin

Corinna Brenner wollte eigentlich Lehrerin werden. Sie merkte aber schnell, dass der Beruf doch nicht der richtige für sie ist, und brach das Studium ab. Ein Zufall brachte sie auf die Idee, Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache und Schriftdeutsch zu werden. Nach ihrem Studium arbeitete sie erst einmal freiberuflich und dolmetschte unter anderem Debatten im Deutschen Bundestag (oder auch die Neujahrsansprache 2020 der Bundeskanzlerin). Dabei war sie so erfolgreich, dass sie schon nach ein paar Wochen eine Festanstellung bekam.

Im SPIEGEL-Beitrag „Berufseinstieg als Gebärdensprachdolmetscherin“ erzählt sie, wie sie ein Gebärdensprachvideo aufnimmt und warum es für sie ein großer Vorteil ist, selbst gehörlos zu sein. Ein toller Einblick in den Arbeitsalltag dieses interessanten Berufs!

Und noch ein Tipp zum Weiterlesen: In diesem Beitrag haben wir Fragen, Antworten und spannende Fakten zur Gebärdensprache für euch zusammengestellt.




„Die Beratung soll immer eine Begegnung auf Augenhöhe sein“

Frau Gühne, was unterscheidet Ihr Projekt von anderen Beratungsangeboten?

Wir bieten Eins-zu-eins-Patenschaften an, dadurch ist die Beratung sehr individuell. Und wir setzen keine zeitliche Grenze. Es dauert so lange, wie eine Person eben Unterstützung braucht. So etwas bieten sonst eigentlich nur professionelle Coaches an, die dafür aber hohe Honorare abrechnen. Unser Angebot dagegen ist für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kostenlos. Das Projekt wird nämlich von der Aktion Mensch gefördert.

Wie unterstützen die Jobpatinnen und -paten Menschen mit Behinderung?

Das hängt ganz davon ab, welche Ziele die oder der Arbeitssuchende hat. Für viele steht an erster Stelle, sich im Berufsleben neu zu orientieren, weil sie wegen einer Erkrankung ihren Job aufgegeben oder ihre Ausbildung unterbrochen haben. Wenn jemand wegen eines Burnouts oder einer Depression pausiert hat, geht es oft um die Frage: Gehe ich zurück in meinen Beruf oder komme ich mit einer Erwerbsminderungsrente aus? Manchmal kann das Ziel auch sein, als Ergänzung zur Erwerbsminderungsrente ein passendes Ehrenamt zu finden. Das ist also wirklich ganz unterschiedlich. Deshalb beginnt die Beratung auch immer damit, dass die Teilnehmer:innen und die Pat:innen zusammen das Ziel ganz klar formulieren. Anschließend suchen sie gemeinsam nach passenden Stellenangeboten, schreiben Bewerbungen oder recherchieren, welche Fort- oder Weiterbildung ein guter nächster Schritt wäre.

Für wen ist das Angebot gedacht?

Wir haben die Zielgruppe bewusst weit gefasst. Bei uns können sich Menschen mit Behinderung, einer seelischen Erkrankung oder anderen Einschränkungen anmelden. Und zwar ausdrücklich auch dann, wenn sie ihre Schwerbehinderung nicht haben anerkennen lassen oder gerade noch darüber nachdenken, ob sie das tun wollen. Manche Menschen entscheiden sich bewusst dagegen. Aber das ist kein Hindernis, sie können trotzdem am Projekt teilnehmen.

Wer sind die Patinnen und Paten?

Einige unserer Pat:innen sind schon im Ruhestand, die meisten stehen aber selbst noch im Berufsleben. Sie haben ganz unterschiedliche Jobs. Neben Unternehmensberater:innen und Coaches sind zum Beispiel auch ein Polizist und eine Kapitänin und Nautikerin dabei. Das sind tolle Leute und es macht mir viel Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Die meisten hatten vor dem Projekt gar keinen Bezug zur Zielgruppe. Sie möchten einfach etwas in die Gesellschaft zurückgeben und Menschen unterstützen, die es nicht so einfach haben. Viele finden es auch spannend, andere Menschen kennenzulernen und über ihren eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Und für manche ist es eine Motivation, in unserem Projekt Fähigkeiten einzubringen, die sie in ihrem Beruf nicht einsetzen können.

Gibt es eine Art Einstiegsvoraussetzung für dieses Ehrenamt?

Ich treffe mich mindestens zweimal mit allen Interessent:innen, um über das Projekt und das Ehrenamt zu sprechen. Anschließend nehmen die Pat:innen an einer Einstiegsqualifizierung teil, bei der wir ihnen ein paar Tipps für die Beratung geben. Wir haben außerdem einen Ehrenkodex, der für alle gilt. Wir achten zum Beispiel sehr auf Pünktlichkeit und auf Respekt für religiöse, sexuelle und herkunftsbezogene Besonderheiten. Die Beratung soll immer eine Begegnung auf Augenhöhe sein. Unsere Pat:innen sind also handverlesen. Für die Teilnehmer:innen in unserem Projekt geht es ja um sehr wichtige Entscheidungen. Das kann manchmal auch für Pat:innen eine große Herausforderung sein. Wir bieten ihnen deshalb regelmäßig Workshops an, bei Bedarf auch eine Supervision.

Zu Ihrem Projekt gehören auch Weiterbildungen für Menschen mit Behinderung. Um welche Themen geht es dabei?

In unserem Einstiegsworkshop informieren wir über die Rechte von Menschen mit Behinderungen auf dem Arbeitsmarkt. Viele wissen darüber nämlich recht wenig. Wir beantworten in dem Kurs deshalb ganz grundlegende Fragen: Muss ich meine Behinderung offenlegen, wenn ich mich auf eine Stelle bewerbe? Wie viele Urlaubstage bekomme ich? Ist es sinnvoll, meine Schwerbehinderung anerkennen zu lassen? Wie viel Rente werde ich später bekommen?
Wir bieten außerdem Workshops an, in denen die Teilnehmer:innen lernen, auch in Stresssituationen achtsam mit sich umzugehen und sich nicht so stark unter Druck zu setzen. So etwas ist ja sehr wichtig, um im Beruf erfolgreich und auch glücklich zu sein. Und ein- oder zweimal im Monat können sich die Teilnehmenden bei uns treffen, sich bei einem Kaffee kennenlernen und sich untereinander austauschen.

Wie viele Menschen haben mit Hilfe der „Jobbrücke“ schon eine neue Stelle gefunden?

Wir sind Anfang 2020 gestartet und bekommen drei Jahre lang Fördergelder von der Aktion Mensch. Das Ziel ist, insgesamt 75 Teilnehmer:innen zu erreichen. 2020 haben sich 25 Menschen angemeldet, das ist eine gute Zwischenbilanz.
Mit den Bewerbungen lief es durch die Corona-Pandemie natürlich etwas schleppender an als erwartet. Drei Menschen haben aber schon Arbeitsverträge unterschrieben und sind glücklich in ihren neuen Jobs. Einer von ihnen hat sogar die Aussicht, in seinem Unternehmen später eine Weiterbildung zu machen. Ein anderer Teilnehmer hat eine Ausbildung begonnen. Einige weitere wollen noch ihre Corona-Impfung abwarten, bevor sie einen neuen Job anfangen. Und bei den übrigen läuft die Patenschaft derzeit noch, sie brauchen noch etwas Zeit.

Wie sind Sie zu Ihrem Job bei dem Projekt gekommen?

Ich bin Seiteneinsteigerin, deshalb war ich gewissermaßen prädestiniert für diese Stelle. Ich habe mich nämlich auch ganz neu orientiert, als ich Anfang 40 war. Bis dahin hatte ich viele Jahre lang in der Kulturbranche gearbeitet und wollte gerne in einen sozialen Beruf wechseln. Dafür habe ich eine Ausbildung im Bereich Social Marketing und Fundraising gemacht. Ein Job soll ja Spaß machen und erfüllend sein – das gilt für mich genauso wie für die Menschen, die wir hier beraten. —




Fundstück der Woche: ZEIT-Artikel über adaptive Mode

Kleidung für Menschen mit körperlichen Behinderungen war lange Zeit vor allem praktisch und funktional, aber nicht unbedingt schön und modisch. Bei den Modeschauen und Kampagnen der großen Marken kamen kaum Menschen mit Behinderung vor. Doch nun wird die Branche allmählich inklusiver.

In den USA und in Kanada gibt es schon etliche Label, die sogenannte adaptive (also barrierefreie) Mode anbieten. Und auch in Europa wächst der Markt für barrierefreie, schicke Kleidung. Einige Marken führen sogar Kollektionen, die für Menschen mit und ohne Behinderung designt ist. Die Hersteller verarbeiten dabei etwa versteckte Magnetknöpfe, die sich auch mit einer Hand oder mit einer eingeschränkten Feinmotorik schließen lassen – anstelle von Knöpfen, die durch ein Knopfloch geführt werden müssen.

Worauf Hersteller bei adaptiver Mode sonst noch achten sollten und warum es trotzdem schwierig ist, wirklich inklusive Kollektionen zu entwerfen, lest ihr in diesem Beitrag des ZEIT-Magazins.




VIER FRAGEN AN… Mechthild Schickhoff, Inklusionsberaterin bei der Landwirtschaftskammer NRW

#1: Frau Schickhoff, welche Aufgaben haben Sie als Inklusionsberaterin?

Ich bin Ansprechpartnerin für landwirtschaftliche Betriebe, die Menschen mit Behinderung ausbilden oder einstellen möchten. Außerdem berate ich Betriebsleiter:innen, wenn ein:e Mitarbeiter:in nach einer Erkrankung oder einem Unfall eine Behinderung hat. Ich informiere dazu, welche Expertinnen und Fachstellen dabei unterstützen können, den Arbeitsplatz und die Arbeitsabläufe behinderungsgerecht umzugestalten. Diese Lotsenfunktion ist überhaupt sehr wichtig. Ich bin also die erste Anlaufstelle für alle Fragen und Anliegen rund um das Thema. Wenn ich nicht selbst zuständig bin, vermittle ich an die richtigen Personen weiter und stelle Kontakte her.
Ich mache darüber hinaus viel Aufklärungsarbeit und fahre zum Beispiel zu Tagungen der Landwirtschaftskammer oder zu Fachschulen, um das Thema dort vorzustellen. An den Fachschulen bilden sich Landwirt:innen zu:r Meister:in oder Agrarbetriebswirt:in fort. Das sind Menschen, die später in einer verantwortlichen Position als Hofnachfolger:in oder Betriebsleiter:in arbeiten – da ist es gut, früh Kontakte zu knüpfen und auf das Thema Inklusion aufmerksam zu machen.
Wenn Interesse besteht, besuche ich natürlich auch einzelne Betriebe, um vor Ort konkrete Fragen zu besprechen. Leider hält sich oft noch hartnäckig die Vorstellung, dass landwirtschaftliche Berufe für Menschen mit Behinderung nicht gut geeignet sind, vor allem nicht für Menschen mit körperlichen Behinderungen. Dieses Vorurteil ist nicht nur bei den Verantwortlichen in der Branche weit verbreitet, sondern auch bei Eltern, Betreuungs- und Lehrkräften. Meine Aufgabe ist es, dieses Bild aufzubrechen.

#2: Mit welchen Fragen oder Anliegen wenden sich landwirtschaftliche Betriebe besonders oft an Sie?

Das hängt stark vom Vorwissen der Verantwortlichen ab. Manche möchten einen inklusiven Arbeitsplatz in ihrem Betrieb einrichten und stellen erst einmal sehr grundsätzliche Fragen: Was ist eine Schwerbehinderung? Und was bedeutet es für mich als Arbeitgeberin oder Arbeitgeber, einen Menschen mit Schwerbehinderung einzustellen?
Manche fragen auch sehr konkret nach den Förderungsmöglichkeiten oder dem Kündigungsschutz. Oder es geht darum, eine passende Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter für eine Stelle zu finden. In diesen Fällen greife ich auf mein Netzwerk zurück und frage bei Arbeitsagenturen, Integrationsfachdiensten und Schulen nach, ob sie jemanden kennen, die oder der für die Stelle in Frage kommt.
Diese Netzwerkarbeit funktioniert übrigens auch andersherum. Manchmal melden sich zum Beispiel Mitarbeiter:innen von Integrationsfachdiensten bei mir, weil ein Mensch mit Behinderung ein Praktikum in einem landwirtschaftlichen Betrieb machen möchte oder einen festen Arbeitsplatz sucht. Ich frage dann nach, ob die Person lieber im Bereich Gemüseanbau, Grünland- oder Tierpflege arbeiten möchte. Anschließend spreche ich Kolleg:innen aus der Landwirtschaftskammer an, die vielleicht einen passenden Betrieb empfehlen können.

#3: In welchen landwirtschaftlichen Bereichen können Sie (junge) Menschen mit Behinderung dabei unterstützen, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden?

Die Landwirtschaftskammer ist für insgesamt zwölf Ausbildungsberufe in der Branche zuständig. Neben der Ausbildung zur Landwirtin oder zum Landwirt gibt es beispielsweise auch den Beruf „Fachkraft Agrarservice“. Wer darin ausgebildet ist, bedient landwirtschaftliche Maschinen und mäht, pflügt oder erntet im Auftrag von Betrieben. Tierwirt:innen wiederum spezialisieren sich in der Ausbildung auf eine bestimmte Tierart, etwa Schweine oder Geflügel. Auch die Bereiche Gartenbau und Forstwirtschaft gehören zu den so genannten grünen Berufen, zu denen das Team der Landwirtschaftskammer und ich beraten können.
Wenn jemand keine klassische Ausbildung machen kann oder möchte, gibt es auch noch die Berufe der Landwirtschaftsfachwerker:in, Werker:in im Gartenbau oder Werker:in in der Forstwirtschaft. Diese Ausbildungen haben einen kleineren Theorie-Teil als die anderen Berufe.
Manche landwirtschaftlichen Betriebe stellen übrigens auch Menschen ein, die gar keine Berufsausbildung haben, aber gerne in der Landwirtschaft arbeiten möchten. Sie werden dann für bestimmte Hilfstätigkeiten angelernt.

#4: Wie sind die Zukunftsaussichten für junge Menschen mit Behinderung, die in einem landwirtschaftlichen Betrieb arbeiten möchten?

In der Landwirtschaft findet derzeit ein Strukturwandel statt, der einen Blick in die Zukunft sehr schwer macht. Es zeichnen sich aber zwei große Trends ab. Zum einen werden landwirtschaftliche Betriebe immer größer und brauchen deshalb auch mehr Mitarbeiter:innen. Wie in vielen anderen Branchen fehlen aber auch in der Landwirtschaft Fachkräfte. Das kann eine Chance für die Inklusion sein. Menschen mit Lernbehinderungen oder kognitiven Beeinträchtigungen können wiederkehrende Hilfs- und Handarbeiten übernehmen und dadurch die Fachkräfte entlasten. Landwirtschaftsfachwerker:innen und angelernte Arbeitskräfte bleiben zudem, wenn alles passt, dauerhaft im Unternehmen. Das sehen viele Betriebsleiter:innen als Pluspunkt, sie suchen deshalb gezielt nach solchen Mitarbeiter:innen.
Gleichzeitig gibt es aber auch Unternehmen, die gern ausgebildete Landwirt:innen anstellen möchten, die die Betriebsleitung entlasten und bei Krankheit oder Urlaub vertreten können. Denn je mehr digitale Lösungen ein landwirtschaftlicher Betrieb einsetzt, desto mehr qualifizierte Mitarbeiter:innen werden dort gebraucht. Je nach Arbeitsbereich können Menschen mit körperlichen Behinderungen diese Aufgaben sehr gut übernehmen, bei Bedarf bekommen sie dafür technische Arbeitshilfen. Ich kenne etliche Betriebe, in denen das gut geklappt hat und die Betriebsleitung und die angestellten Landwirt:innen sehr zufrieden sind. Ich hoffe, dass meine Kolleg:innen und ich durch unsere Aufklärungsarbeit noch mehr landwirtschaftliche Betriebe dafür gewinnen können, inklusive Arbeitsplätze einzurichten. —


Lesetipp

Tobias Koddebusch mit seinem Fahrrad auf dem Hof

Bei Tobias Koddebusch hat es geklappt: Der junge Mann mit Down-Syndrom hat bei der preisgekrönten Bertelsbeck GbR in Coesfeld seinen Traumberuf gefunden – also bei einem landwirtschaftlichen Betrieb auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. 2019 haben wir auf unserem Blog eine Reportage über ihn veröffentlicht.

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