„Irgendwann möchte ich unabhängig von meinen Eltern leben“

Melanie Strasser lebt mit Rollstuhl, sie spricht langsamer und undeutlicher als andere und kommuniziert deswegen lieber schriftlich. Die Agentur für Arbeit riet ihr deshalb, in einer Werkstatt für behinderte Menschen anzufangen oder sich gleich arbeitslos zu melden.

Melanie Strasser befolgte diesen „Rat“ aber nicht. Gemeinsam mit ihrer Mutter fand sie selbst einen Ausbildungsplatz und ließ sich zur Kauffrau für Büromanagement weiterbilden. Sie zog in ein Internat, sammelte erste praktische Erfahrungen und fand schließlich einen passenden Job. Nach einem dreimonatigen Praktikum bei einer Bildungs- und Begegnungsstätte bekam sie dort eine feste Stelle. Ihr nächster Wunsch steht auch schon fest: So viel zu verdienen, dass nicht mehr bei ihren Eltern wohnen muss.




Ein alter Beruf und ein modernes Hilfsmittel: Wie ein Scherenmonteur mit bionischer Unterstützung arbeitet

Herr Schrage, in welchem Beruf arbeiten Sie und wann haben Sie damit begonnen?

Ich habe 1978 mit meiner Ausbildung zum Scherenmonteur angefangen. In diesem Beruf habe ich 21 Jahre lang gearbeitet. Im Jahr 1999 habe ich ins LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs gewechselt. Dort habe ich von Solinger Handwerksmeistern auch noch das Schleifen von Messern gelernt.

Bei so viel Erfahrung passt es sehr gut, dass Sie im LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs heute den Schleif- und Reparaturservice betreuen. Warum hat das Museum so einen Service und was ist Ihr Job dort?

Der damalige Museumsleiter wusste um meine langjährige Berufserfahrung und hatte deshalb die Idee, in der Gesenkschmiede nicht nur Führungen anzubieten, sondern zusätzlich auch noch einen Besucherservice, zu dem die Leute ihre Scheren und Messer mitbringen und bei uns schärfen lassen können. Wir haben seinerzeit sogar eine eigene Schere für das Museum entwickelt. Meine Hauptaufgabe ist aber eigentlich nicht das Schleifen, vor allem betreue, begleite und führe ich die Besucherinnen und Besucher der Gesenkschmiede.  

Sie arbeiten also nicht nur handwerklich, sondern vermitteln auch Wissen?

Genau, ich arbeite sehr viel museumspädagogisch. Zum Beispiel, wenn Kindergärten, Schulklassen und Erwachsenengruppen zu Besuch kommen, oder an Aktionstagen wie dem „Girlsday“ oder dem „Boysday“. Dann zeige ich jungen Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen die Ausstellung, damit sie einen Eindruck der jeweils vielleicht eher geschlechteruntypischen Berufe in der Schmiede bekommen können. Ich führe auch Jugendliche im Rahmen des „MINT-Mädchen“-Projekts des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durch die Gesenkschmiede, also junge Frauen, die sich für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik interessieren. Und ich gebe Workshops zu verschiedenen Themen, beispielsweise zum Bau von Taschenmessern.

Wenn Sie wieder am Schleifstein sitzen, benutzen Sie ein Hilfsmittel, einen bionischen Handschuh. Wie funktioniert diese Technik und wofür nutzen Sie sie?

Ich kann meine rechte Schulter und den Daumen der rechten Hand nur sehr eingeschränkt benutzen. Der Handschuh unterstützt mich und gleicht die fehlende Kraft aus. Er hat Sensoren, die die Bewegung meiner Finger erkennen. Und die Elektronik im dazugehörigen Rucksack verstärkt mit einem Motor die Kraft der Finger. Dadurch kann ich Messergriffe und die Scheren beim Schleifen sicher halten, Scherenklingen mit einem Hammer abrichten und Scheren montieren. Ohne den Handschuh könnte ich diese Arbeiten nicht präzise ausführen.

Wie sind Sie auf diesen Handschuh gekommen?

Das war nicht ich, sondern Norbert Poqué vom technischen Beratungsdienst des LVR-Inklusionsamtes. Er kannte meinen Fall und hat mir den Handschuh empfohlen. Finanziert wurde das Hilfsmittel dann über die Fachstelle für Menschen mit Behinderung im Arbeitsleben in Solingen.

Kommen Sie gut damit klar oder würden Sie gern etwas daran verbessern?

Der Handschuh unterstützt mich sehr gut in der täglichen Arbeit. Die Sensorik reagiert aber natürlich schon ein wenig träger als der Körper selbst. Ich spüre durchaus einen Unterschied zwischen der linken und der rechten Hand. Wenn es künftig möglich wäre, das zu verfeinern, fände ich das toll. Aber der Handschuh ist wie gesagt auch so ein tolles Hilfsmittel. Ich benutze ihn auch zu Hause bei vielen alltäglichen Arbeiten, bei denen ich Kraft zum Greifen brauche. Zum Beispiel im Garten, wenn ich Pflanzen ins Beet setzen will.

Bei der A+A-Messe führen Sie am gemeinsamen Infostand des LVR und LWL Ihre Fähigkeiten an einem alten Schleifstein vor. Unterscheidet sich diese alte Schleiftechnik von der heutigen Art, Messer und Scheren zu schärfen?

Ein Reparaturservice funktioniert sowieso nur von Hand, daher gibt es hier kein Alt und Neu. Das LVR-Industriemuseum will ja außerdem die Arbeitsbedingungen in der Solinger Schneidwarenindustrie aus dem vergangenen Jahrhundert zeigen. Ich arbeite also auch noch mit der Technik von früher, die heutige Art des Schärfens kann ich daher nicht direkt beurteilen. Ich weiß, dass die Solinger Schneidwarenindustrie inzwischen oft mit computergesteuerten Schleifmaschinen arbeitet. Es gibt aber auch weiterhin einige Betriebe, die besonders hochwertige Schneidwaren herstellen und auch heute noch von Hand schleifen – genauso wie vor 100 Jahren.






Aus Angst vor Nachteilen

Fatma Ismail aus Wuppertal, die mit Business Insider über das Thema ausführlich gesprochen hat, gehört zu den Menschen, die ihre Behinderung in ihrem beruflichen Umfeld lange verschwiegen haben. Aus gutem Grund: Bei ihrem ersten Vorstellungsgespräch bekam sie unverblümt zu hören, dass sie nur befristet eingestellt werden würde, weil sie einen Schwerbehindertenausweis hatte.

Der Hintergrund solcher harschen Aussagen ist meist, dass viele Arbeitgeber die Auflagen scheuen, die sie für Mitarbeitende mit Behinderung einhalten müssen: den besonderen Kündigungsschutz zum Beispiel oder den Anspruch auf einen behindertengerechten Arbeitsplatz. Die junge Frau ließ sich aber nicht entmutigen. Trotz frustrierender Erfahrungen setzte sie sich in ihrem Job durch. Die dreifache Mutter ist heute selbstständige Karriereberaterin und arbeitet als Produktmanagerin in Teilzeit bei ihrem ersten Arbeitgeber.

Der Beitrag erzählt ihre Geschichte, gibt Einblicke in die Studie – und liefert Impulse für Unternehmen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen.




Inklusives Kita-Tanzprojekt der Villa Kunterbunt gewinnt den LWL-Sonderpreis „Vorbild Inklusion“

Seit 2015 arbeitet Anja Wagner 15 Stunden pro Woche in der Villa mit, hilft in Küche und Garten, spielt mit den rund 60 Kindern mit und ohne Behinderung, die hier von insgesamt 14 Mitarbeiter:innen betreut werden – und sie entwickelt und trainiert im Rahmen des Tanzprojekts „Keep on dancing – Anders ist normal“ Choreografien mit den Kleinen, die zwischen zwei und sechs Jahren alt sind. Zum Beispiel den Superhelden-Tanz mit passender Verkleidung (siehe Foto).

Die 26-Jährige hat selbst eine Behinderung und ist durch das Projekt „Neueinstellung“ der AWO-Tochter Bildung+Lernen gGmbH zur Villa Kunterbunt gekommen. Weil die Einrichtung damit vorbildlich dazu beiträgt, Menschen mit Schwerbehinderung den Einstieg in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu erleichtern, hat sie dafür in diesem Jahr den LWL-Sonderpreis „Vorbild Inklusion“ (Infos siehe Kasten unten) gewonnen.
Beworben hatte sich die Villa zusammen mit Anja Wagner und ihrem Tanz- und Theaterprojekt, das inzwischen fest zum Arbeitsalltag der Kita gehört. Die Auszeichnung gebührt also ebenso der 26-Jährigen selbst, die sich sehr über den Entschluss des Villa-Teams freut, das Preisgeld von 8.000 Euro direkt wieder in das Projekt „Neueinstellung“ zu investieren. „Damit noch mehr Menschen mit Down-Syndrom oder Handicap ein Praktikum machen können“, erklärt sie. Denn so könnten bald, so wie sie selbst, noch mehr Menschen einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt finden. 





Und plötzlich geht es doch: „Manöverkritik“ der TAZ zur digitalen Inklusion

Gleich zu Beginn ihres Artikels führt Judyta Smykowski ihre eigene Branche als Negativbeispiel an: Medienhäuser seien oft nach wie vor nicht barrierefrei und inklusiv. Das erklärt sie an einem Beispiel.
Seit der Corona-Pandemie etwa gehe vieles plötzlich doch, was vorher eher als ungewöhnlich galt – Interviews am Bildschirm führen zum Beispiel. Dabei funktionierten Recherchen und Redaktionsarbeit in den vergangenen anderthalb Jahren sehr gut digital, also auch ohne Führerschein, der in Stellenanzeigen für Journalist:innen aber oft immer noch als „wünschenswert“ angegeben wird. Menschen mit körperlichen Behinderungen schließt das meist von vornherein als Bewerber:innen aus.

Nun geht es also doch auch von zu Hause aus, per Skype oder Zoom, stellt die Autorin fest. Und findet: Vor allem für Menschen mit körperlichen Behinderungen kann dieses Umdenken eine Chance auf dem Medien-Arbeitsmarkt sein, weil bedingungslose Mobilität plötzlich keine zwingende Voraussetzung mehr ist.
Wer dagegen eine Hör-, Seh- oder Lernbehinderung hat, ist durch die digitale Kommunikation eher mit neuen oder nur verschobenen Barrieren konfrontiert, analysiert Judyta Smykowski weiter. Durch eine schlechte Internetverbindung zum Beispiel können Verzögerungen in Bild und Ton entstehen. Der Inhalt von Videokonferenzen wird damit schnell unverständlich, weil etwa Aussetzer bei der Gebärdensprachübersetzung entstehen oder die Lippenbewegungen der Interviewpartner:innen nicht mehr klar zu erkennen sind. Digital bedeutet also nicht gleich barrierefrei.

In ihrer „Manöverkritik“ greift die Autorin noch eine ganze Reihe weiterer Aspekte rund um die digitale Inklusion im Journalismus auf – und analysiert sie selbstkritisch. Unser Fundstück der Woche!




Video-Fundstück zum Thema Autismus: Warum Lisa eine Maske trägt

Lisa fühlt sich in vielen sozialen Situationen überhaupt nicht wohl. Das ist ihr aber kaum anzumerken, denn die 29-Jährige hat sich etwas antrainiert, das sich „Masking“ nennt: Sie imitiert die sozialen Verhaltensweisen nicht-behinderter Menschen, um nicht so sehr aufzufallen.
Eigentlich würde die Asperger-Autistin aber beispielsweise bei der Begrüßung anderer Menschen gar keinen Augenkontakt herstellen. Sie tut es trotzdem. Anstrengung und Reizüberflutung sind dabei riesig. „Ich kann dich zwar anschauen, wie du ja jetzt auch siehst – aber es ist mir total unangenehm“, erklärt Lisa der Reporterin Anna ihr Gefühl, die sie im Film für „reporter“ interviewt und begleitet.
Anna spricht neben Lisa auch noch mit einer psychologischen Beraterin, die ebenfalls Asperger-Autistin ist. Sie gibt einige Tipps für eine gute Kommunikation zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen.

Vor allem Menschen ohne Behinderung sollten sich diese schöne, kurzweilige Filmreportage unbedingt anschauen und am besten direkt weiterempfehlen – denn je besser auch sie über Autismus Bescheid wissen, desto weniger müssen sich Autist:innen in Zukunft verstellen.




Doppelt benachteiligt: Frauen mit Schwerbehinderung auf dem Arbeitsmarkt

Menschen mit Schwerbehinderung verdienen auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor schlechter als Menschen ohne. Eine Bevölkerungsgruppe wird bei diesem Thema allerdings gleich doppelt benachteiligt: Frauen mit einer Schwerbehinderung. Sie verdienen im Vergleich zu anderen Gruppen – also auch im Verhältnis zu Männern mit Schwerbehinderung – am wenigsten. Außerdem arbeiten sie viel seltener in Vollzeit.

Dilek Özkaya ist eine von ihnen. SPIEGEL ONLINE hat mit der 42-Jährigen gesprochen und ihre Situation und die vieler anderer Frauen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt analysiert. Ein lesenswerter Artikel zu den Hintergründen eines für viele Menschen immer noch sehr ungerechten Systems. Unser Fundstück der Woche!





Ein Superheld mit Schwächen: Das Barrierefreiheits­­­­­stärkungs­­­gesetz

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) hat nicht nur einen langen Namen, es ist auch nicht so einfach zu verstehen. Und es hat in seinem jetzigen Entwurf noch einige Schwächen, sagen viele. Auf der Website des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zum Beispiel sind ganz unten auf der Seite eine ganze Reihe von Stellungnahmen zum Gesetz zu finden. Deswegen versuchen zum Beispiel die Behindertenverbände, noch Einfluss auf den Gesetzentwurf zu nehmen, den der Bundestag schon sehr bald verabschieden will.

Einer dieser Verbände ist der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). Er erklärt mit einem animierten Video sehr anschaulich, wo das Gesetz für ihn noch nicht so stark ist, wie es sein sollte, und verbessert werden müsste. Der Film zeigt auch, warum Barrierefreiheit in sehr vielen Lebensbereichen wichtig ist und wie das Gesetz diese beeinflussen würde (oder auch nicht).
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz selbst tritt in dem kleinen Film übrigens als Superheld auf – allerdings am Ende mit sehr vielen Löchern im Umhang.

Den Film gibt es auf der Website des DBSV auch mit Audiodeskription und in Gebärdensprache. Darüber hinaus sind die Kritikpunkte, die im Video angesprochen werden, unten auf der Seite noch einmal schriftlich aufgeführt.




FAQ für Unternehmen und Betriebe: Beratungskompass Inklusion

In unserem Fundstück der Woche zum Welttag des Downsyndroms am 21. März 2021 wurde in einem kurzen Film zu einem Song des Sängers Sting deutlich, warum Inklusion in der Wirtschaft so wichtig ist: Wenn es normaler wird, dass Menschen mit Schwerbehinderung in allen Branchen arbeiten und vor allem sichtbar sind, werden auf Dauer immer mehr Unternehmer:innen folgen – und die Gesellschaft wird damit insgesamt inklusiver.

An fehlenden Informationen sollte das keinesfalls scheitern. Deshalb hat das Projekt „Wirtschaft inklusiv“ der Bundesarbeitsgemeinschaft ambulante berufliche Rehabilitation e.V. den Beratungskompass Inklusion aufgebaut.
Der Kompass ist eine Art FAQ (Abkürzung für „Frequently Asked Questions“, Auf Deutsch: „Häufig gestellte Fragen“), der viele detaillierte Fragen rund um die Eingliederung, Anstellung, Ausbildung, Förderung und Beschäftigung von Menschen mit Schwerbehinderung beantwortet.
Zum Beispiel: Wo finde ich geeignete Bewerberinnen und Bewerber für eine neue Stelle in meinem Unternehmen? Welche Zuschüsse gibt es und für was? Und was muss ich beachten, wenn ich einen Ausbildungsplatz für einen Menschen mit Schwerbehinderung schaffen möchte?

Ein Tipp: Ihr könnt beim Beratungskompass oben auch freie Suchbegriffe eingeben und schauen, ob es im Beratungskompass einen Treffer dazu gibt.




Die Arbeitsmarkt-Kampagne „The Hiring Chain“: Der Bäcker, der Simone anstellte

Menschen mit Down-Syndrom haben es schwer, einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bekommen – nicht nur in Deutschland. Neben vielen anderen Gründen ist auch eine Art Teufelskreis dafür mitverantwortlich: Weil sie im beruflichen Umfeld kaum zu sehen sind, gibt es keine guten Beispiele, die mehr Unternehmen dazu motivieren, selbst Menschen mit Down-Syndrom einzustellen.

Genau darum geht es bei der Kampagne „The Hiring Chain“ (frei aus dem Englischen übersetzt: „Die Arbeitsplatz-Kettenreaktion“). Mehrere Organisationen weltweit, die bereits Menschen mit Down-Syndrom beschäftigen, haben sie gemeinsam gestartet – und einen sehr prominenten Fürsprecher dafür gefunden: Sting, den ehemaligen Sänger und Bassisten der Band „The Police“. Er hat einen Song darüber geschrieben, wie eine positive Kettenreaktion auf dem Arbeitsmarkt mit einem Bäcker beginnt, der eine junge Frau mit Down-Syndrom namens Simone einstellt. Eine Anwältin beobachtet durchs Fenster, dass Simone einen guten Job macht, und stellt daraufhin selbst einen jungen Anwalt namens John ein, der auch das Down-Syndrom hat. Und so setzt sich die Kette immer weiter fort.

Der Song wird auf Englisch gesungen, ist durch das schöne Musikvideo aber auch ohne Englischkenntnisse gut verständlich. Durch einen Klick rechts auf den runden Button „Change Mode“ lassen sich auf der Website übrigens auch englische Untertitel einblenden.