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„Die Beratung soll immer eine Begegnung auf Augenhöhe sein“

Frau Gühne, was unterscheidet Ihr Projekt von anderen Beratungsangeboten?

Wir bieten Eins-zu-eins-Patenschaften an, dadurch ist die Beratung sehr individuell. Und wir setzen keine zeitliche Grenze. Es dauert so lange, wie eine Person eben Unterstützung braucht. So etwas bieten sonst eigentlich nur professionelle Coaches an, die dafür aber hohe Honorare abrechnen. Unser Angebot dagegen ist für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kostenlos. Das Projekt wird nämlich von der Aktion Mensch gefördert.

Wie unterstützen die Jobpatinnen und -paten Menschen mit Behinderung?

Das hängt ganz davon ab, welche Ziele die oder der Arbeitssuchende hat. Für viele steht an erster Stelle, sich im Berufsleben neu zu orientieren, weil sie wegen einer Erkrankung ihren Job aufgegeben oder ihre Ausbildung unterbrochen haben. Wenn jemand wegen eines Burnouts oder einer Depression pausiert hat, geht es oft um die Frage: Gehe ich zurück in meinen Beruf oder komme ich mit einer Erwerbsminderungsrente aus? Manchmal kann das Ziel auch sein, als Ergänzung zur Erwerbsminderungsrente ein passendes Ehrenamt zu finden. Das ist also wirklich ganz unterschiedlich. Deshalb beginnt die Beratung auch immer damit, dass die Teilnehmer:innen und die Pat:innen zusammen das Ziel ganz klar formulieren. Anschließend suchen sie gemeinsam nach passenden Stellenangeboten, schreiben Bewerbungen oder recherchieren, welche Fort- oder Weiterbildung ein guter nächster Schritt wäre.

Für wen ist das Angebot gedacht?

Wir haben die Zielgruppe bewusst weit gefasst. Bei uns können sich Menschen mit Behinderung, einer seelischen Erkrankung oder anderen Einschränkungen anmelden. Und zwar ausdrücklich auch dann, wenn sie ihre Schwerbehinderung nicht haben anerkennen lassen oder gerade noch darüber nachdenken, ob sie das tun wollen. Manche Menschen entscheiden sich bewusst dagegen. Aber das ist kein Hindernis, sie können trotzdem am Projekt teilnehmen.

Wer sind die Patinnen und Paten?

Einige unserer Pat:innen sind schon im Ruhestand, die meisten stehen aber selbst noch im Berufsleben. Sie haben ganz unterschiedliche Jobs. Neben Unternehmensberater:innen und Coaches sind zum Beispiel auch ein Polizist und eine Kapitänin und Nautikerin dabei. Das sind tolle Leute und es macht mir viel Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Die meisten hatten vor dem Projekt gar keinen Bezug zur Zielgruppe. Sie möchten einfach etwas in die Gesellschaft zurückgeben und Menschen unterstützen, die es nicht so einfach haben. Viele finden es auch spannend, andere Menschen kennenzulernen und über ihren eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Und für manche ist es eine Motivation, in unserem Projekt Fähigkeiten einzubringen, die sie in ihrem Beruf nicht einsetzen können.

Gibt es eine Art Einstiegsvoraussetzung für dieses Ehrenamt?

Ich treffe mich mindestens zweimal mit allen Interessent:innen, um über das Projekt und das Ehrenamt zu sprechen. Anschließend nehmen die Pat:innen an einer Einstiegsqualifizierung teil, bei der wir ihnen ein paar Tipps für die Beratung geben. Wir haben außerdem einen Ehrenkodex, der für alle gilt. Wir achten zum Beispiel sehr auf Pünktlichkeit und auf Respekt für religiöse, sexuelle und herkunftsbezogene Besonderheiten. Die Beratung soll immer eine Begegnung auf Augenhöhe sein. Unsere Pat:innen sind also handverlesen. Für die Teilnehmer:innen in unserem Projekt geht es ja um sehr wichtige Entscheidungen. Das kann manchmal auch für Pat:innen eine große Herausforderung sein. Wir bieten ihnen deshalb regelmäßig Workshops an, bei Bedarf auch eine Supervision.

Zu Ihrem Projekt gehören auch Weiterbildungen für Menschen mit Behinderung. Um welche Themen geht es dabei?

In unserem Einstiegsworkshop informieren wir über die Rechte von Menschen mit Behinderungen auf dem Arbeitsmarkt. Viele wissen darüber nämlich recht wenig. Wir beantworten in dem Kurs deshalb ganz grundlegende Fragen: Muss ich meine Behinderung offenlegen, wenn ich mich auf eine Stelle bewerbe? Wie viele Urlaubstage bekomme ich? Ist es sinnvoll, meine Schwerbehinderung anerkennen zu lassen? Wie viel Rente werde ich später bekommen?
Wir bieten außerdem Workshops an, in denen die Teilnehmer:innen lernen, auch in Stresssituationen achtsam mit sich umzugehen und sich nicht so stark unter Druck zu setzen. So etwas ist ja sehr wichtig, um im Beruf erfolgreich und auch glücklich zu sein. Und ein- oder zweimal im Monat können sich die Teilnehmenden bei uns treffen, sich bei einem Kaffee kennenlernen und sich untereinander austauschen.

Wie viele Menschen haben mit Hilfe der „Jobbrücke“ schon eine neue Stelle gefunden?

Wir sind Anfang 2020 gestartet und bekommen drei Jahre lang Fördergelder von der Aktion Mensch. Das Ziel ist, insgesamt 75 Teilnehmer:innen zu erreichen. 2020 haben sich 25 Menschen angemeldet, das ist eine gute Zwischenbilanz.
Mit den Bewerbungen lief es durch die Corona-Pandemie natürlich etwas schleppender an als erwartet. Drei Menschen haben aber schon Arbeitsverträge unterschrieben und sind glücklich in ihren neuen Jobs. Einer von ihnen hat sogar die Aussicht, in seinem Unternehmen später eine Weiterbildung zu machen. Ein anderer Teilnehmer hat eine Ausbildung begonnen. Einige weitere wollen noch ihre Corona-Impfung abwarten, bevor sie einen neuen Job anfangen. Und bei den übrigen läuft die Patenschaft derzeit noch, sie brauchen noch etwas Zeit.

Wie sind Sie zu Ihrem Job bei dem Projekt gekommen?

Ich bin Seiteneinsteigerin, deshalb war ich gewissermaßen prädestiniert für diese Stelle. Ich habe mich nämlich auch ganz neu orientiert, als ich Anfang 40 war. Bis dahin hatte ich viele Jahre lang in der Kulturbranche gearbeitet und wollte gerne in einen sozialen Beruf wechseln. Dafür habe ich eine Ausbildung im Bereich Social Marketing und Fundraising gemacht. Ein Job soll ja Spaß machen und erfüllend sein – das gilt für mich genauso wie für die Menschen, die wir hier beraten. —

Porträtfoto von Antje Gühne

Foto: Claudia Kahnt

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Lina Antje Gühne
Geburtsjahr: 1972
Wohn-/Arbeitsort: Berlin
Beruf: Projektmanagerin Sozialer Bereich
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: wünscht sich Gerechtigkeit und denkt intersektional, hat also verschieden Formen von Diskriminierung oder Benachteiligung im Blick. Sie ist sich ihrer eigenen Privilegien bewusst: Sie ist weiß, ist akademisch gebildet und hat keine Behinderung. Das möchte sie nutzen, um anderen, weniger privilegierten Menschen Zugangschancen zu eröffnen.




Mit den Fingern lesen: 7 Fragen und Antworten zur Brailleschrift

#1: Was ist Brailleschrift?

Braille ist eine taktile (also tastbare) Punktschrift. Die
Schriftzeichen sind aus kleinen, erhabenen Punkten zusammengesetzt, die von der
Rückseite aus in das Papier gedrückt sind. Blinde und Menschen mit Sehbehinderung
können diese Punkt-Buchstaben mit den Fingern ertasten und so Texte oder ganze
Bücher lesen.

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Die Schrift ist nach ihrem Erfinder Louis Braille benannt. Der Franzose erblindete durch einen Unfall, als er drei Jahre alt war. Als Jugendlicher wünschte er sich sehr, lesen zu können. Also erfand der damals 16-Jährige im Jahr 1825 die Punktschrift, die inzwischen auf der ganzen Welt benutzt wird. Als Vorlage diente ihm die so genannte Nachtschrift, mit der Soldaten im Krieg ihre Texte verschlüsselten. Die Buchstaben dieser Militärschrift bestanden aus elf Punkten. Louis Braille entschied sich für seine Schrift für ein Raster aus sechs Punkten, das mit den Fingern noch leichter ertastet werden kann als die Vorlage.


#2: Hat die Brailleschrift die gleichen Buchstaben wie
das moderne lateinische Alphabet?

Ja, für jeden Buchstaben des Alphabets gibt es in der Brailleschrift eine Punktkombination. Das Raster, nach dem die Punkte angeordnet sind, wird oft mit einem senkrecht stehenden Eierkarton verglichen: Es gibt zwei Spalten und drei Reihen. Also können höchstens zwei Punkte nebeneinander und drei übereinander stehen. Pro Braillezeichen werden in diesem Raster nur an bestimmten Stellen Punkte platziert. Je nach Kombination ergeben sich daraus verschiedene Buchstaben, Umlaute und Satzzeichen.

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In einem Sechs-Punkte-Raster sind insgesamt nur 64 Kombinationen möglich. Das wäre zu wenig, um alle 26 Buchstaben, Umlaute und sämtliche Satzzeichen abzubilden, wenn dabei außerdem die Klein- und Großschreibung beachtet werden soll. In der Brailleschrift gibt es deshalb nur kleine Buchstaben. Wenn doch einmal ein Großbuchstabe dargestellt und betont werden soll, weist ein Sonderzeichen vor dem eigentlichen Buchstaben darauf hin. So ähnlich werden auch Zahlen abgebildet: Die Zeichen für die Ziffern 0 bis 9 sind identisch mit den Buchstaben a bis j – davor steht aber jeweils ein Zahlzeichen.


#3: Gibt es die Blindenschrift auch in anderen Sprachen?

Alle Sprachen, für die es Schriftzeichen gibt, können auch in
Brailleschrift dargestellt werden. Sie wird von blinden Menschen auf der ganzen
Welt benutzt – zum Beispiel gibt es ganz eigene Punktkombinationen für das
russische Alphabet, für chinesische Schriftzeichen und für die Umlaute oder
andere Sonderzeichen der verschiedenen europäischen Sprachen. Sie alle werden immer
in dem einfachen Sechs-Punkte-Raster dargestellt, das Louis Braille entwickelt
hat.

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Mit dem System der Blindenschrift können nicht nur Schriftzeichen, sondern auch Symbole abgebildet werden. Louis Braille hat etwa auch eine Notenschrift entworfen, mit der sich blinde Menschen Musikstücke erschließen können. Außerdem gibt es mittlerweile Schriften für mathematische Zeichen, chemische Formeln und Strickmuster. Auch die Symbole solcher Sonderschriften werden im Sechs-Punkte-Raster abgebildet. Die Nutzerinnen und Nutzer müssen also lernen, welche Punktekombination für welche Musiknoten oder Formeln stehen. Wenn eine Sonderschrift benutzt wird, wird darauf jeweils am Seitenanfang hingewiesen.


#4: Wo gibt es Bücher in Brailleschrift zu kaufen oder zu
leihen?

In Deutschland bieten mehrere große Bibliotheken verschiedene Bücher und Noten in deutscher Blindenschrift, aber auch Hörbücher oder Hörfilme zum Leihen oder Kaufen an. Drei Beispiele sind das Deutsche Zentrum für barrierefreies Lesen (dzb lesen), der Verein „Norddeutsche Hörbücherei“ und das Bundesweite Kompetenzzentrum für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung (blista). Sie alle verschicken Leihbücher auch an blinde Leserinnen und Leser, die weiter weg wohnen. Übrigens befördert die Deutsche Post Briefe und Päckchen mit Literatur in Brailleschrift bis zu einem Gewicht von sieben Kilogramm kostenlos.

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Die Brailleschrift ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Blinde und Menschen mit Sehbehinderung lesen, lernen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Deshalb gehört sie in Deutschland seit März 2020 zum so genannten Immateriellen UNESCO-Kulturerbe. Dafür setzte sich der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) ein.


#5: Sind Bücher in Brailleschrift größer als Bücher in
gedruckter Schrift?

Ja, weil Braillezeichen viel höher und breiter sind als „Schwarzschrift“, wie gedruckte Buchstaben von Braille-Nutzerinnen und -Nutzern genannt werden. Punktschriftzeichen müssen deshalb in größerem Abstand zueinander stehen. Für ein Buch in Brailleschrift wird auch dickeres Papier benötigt, damit die Punkte erhaben genug und damit gut zu ertasten sind. Bücher in Blindenschrift sind also deutlich größer und schwerer als Bücher, in denen die gleichen Texte in Schwarzschrift abgebildet sind. Ein Beispiel: Das erste Buch der Harry-Potter-Reihe in Brailleschrift umfasst vier dicke Bände. Wie ein Braille-Buch entsteht, könnt ihr übrigens bei der Schweizerischen Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte nachlesen.

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Braille gibt es auch als Kurzschrift und sogar als Stenografieschrift. Beide können sehr viel schneller geschrieben und gelesen werden als die Basisschrift. Sie wurden Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt und waren damals eine wichtige Voraussetzung dafür, dass blinde Menschen in Büroberufen arbeiten konnten.


#6: Wie lesen und arbeiten blinde Menschen ohne Papier –
also am Computer oder mit dem Smartphone?

Am Computer wird meist eine Braillezeile verwendet, auch
Brailledisplay genannt. Das flexible Gerät übersetzt mit einer speziellen
Software den Text auf dem Bildschirm in Punktschrift. Dem jeweiligen
Punkteraster entsprechend springen auf der Braillezeile kleine Stifte nach oben.
So können Blinde Texte lesen und im Internet surfen. Manche Menschen lassen
sich den Text, der gerade auf dem Bildschirm zu sehen ist, auch gleichzeitig über
eine sogenannte Screenreader-Software vorlesen. Damit funktioniert übrigens
auch das Lesen auch auf dem Smartphone.

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Blinde Menschen können Texte am Computer entweder auf einer Standard-Tastatur oder auf einer Braille-Tastatur schreiben. Braille-Tastaturen kommen mit deutlich weniger Tasten aus als Standard-Tastaturen. Es gibt acht Punkttasten: sechs für die Punkte des Braille-Rasters und zwei zusätzliche, die am Computer für Sonderzeichen genutzt werden. Dazu kommen Pfeil- und Steuertasten sowie ein Nummernblock. Egal, mit welcher Tastatur gearbeitet wird: Auf der Braillezeile kann anschließend geprüft werden, ob alles richtig aufgeschrieben wurde.


#7: Wie entstehen selbst geschriebene Brailletexte?

Wenn ein Text vom Computer auf Papier übertragen werden
soll, kann dafür ein Brailledrucker verwendet werden, der einfach mit einem
Kabel angeschlossen wird. Eine Software übersetzt den getippten Text in
Braillezeichen, der Drucker prägt die Punkte ins Papier. Darüber hinaus gibt es
auch mechanische und elektrische Braille-Schreibmaschinen. Sie sehen so ähnlich
aus wie die Apparate, mit denen früher Texte in Schwarzschrift auf Papier
getippt wurden. Eine Braille-Schreibmaschine hat allerdings nur sieben Tasten: Je
eine für die insgesamt sechs Punkte, mit denen Buchstaben verschlüsselt werden
können, und eine Leertaste.

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Braille kann auch mit der Hand geschrieben werden. Dafür benutzen Blinde und Menschen mit Sehbehinderung eine Punktschrifttafel, also eine Metallplatte mit kleinen, rechteckigen Aussparungen. Jedes Loch ist so groß wie ein Braillezeichen. Die Punkte werden mit einem Metallstift auf der Rückseite ins Papier gedrückt. Der Text wird also in Spiegelschrift aufgeschrieben, denn zum Ertasten der Punkte muss das Papier später umgedreht werden.
Mit einer Punktschrifttafel lässt sich übrigens auch Klebefolie prägen. Damit können zum Beispiel Alltagsgegenstände wie Dosen für Gewürze, Mehl oder andere Lebensmittel beschriftet werden.





8 Fragen und Antworten zur Leichten Sprache

#1: Was ist die Leichte Sprache?

Die Leichte Sprache ist eine leicht verständliche Sprache, die geschrieben und auch gesprochen werden kann. Sie ist vor allem für Menschen mit Lernschwierigkeiten gedacht (früher: „Menschen mit geistiger Behinderung“), die Texte in der (schwierigeren) Alltagssprache nicht oder nicht gut lesen und verstehen können.

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Texte in Leichter Sprache können auch Menschen ohne Deutschkenntnisse helfen, die gerade die Sprache lernen. Auch für Gehörlose ist diese Sprachform unter Umständen besser zu lesen, weil manche die Deutsche Schriftsprache nicht so gut beherrschen. Das liegt daran, dass die Deutsche Gebärdensprache eine ganz andere Grammatik hat als die gesprochene und die Schriftsprache (das erklären wir hier genauer).


#2: Gibt es feste Regeln für die Leichte Sprache?

Ja, es ist genau festgelegt, wie Texte in Leichter Sprache geschrieben werden sollen. Die wichtigsten Regeln sind: Sätze sollen kurz sein und keine Fach- oder Fremdwörter enthalten. Zusammengesetzte Wörter werden getrennt geschrieben und mit einem Bindestrich oder einem Punkt verbunden, zum Beispiel „Bundes-Regierung“ oder „Bundes·regierung“. Außerdem sollten möglichst viele Fotos und Bilder verwendet werden, die beim Verstehen helfen.

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Die Regeln für die Leichte Sprache wurden von Menschen mit Lernschwierigkeiten erarbeitet. Mitglieder des Vereins „Netzwerk Leichte Sprache“ haben sie weiterentwickelt und aufgeschrieben.


#3: Sind Leichte Sprache und Einfache Sprache dasselbe?

Nein, die beiden Sprachformen sind unterschiedlich anspruchsvoll. Die Leichte Sprache entspricht dem Level A1 des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen – also ungefähr einem Anfängerkurs für Menschen ohne Deutschkenntnisse. Die Einfache Sprache liegt zwischen der Leichten Sprache und der Alltagssprache, sie entspricht ungefähr dem Level A2/B1 (Anfänger mit Vorkenntnissen/Fortgeschrittene). Sie ist für Menschen gedacht, die aus verschiedenen Gründen mit dem Lesen und Schreiben Probleme haben.

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Anders als bei der Leichten Sprache gibt es für die Einfache Sprache kein festes Regelwerk, sondern nur Empfehlungen. Texte in Einfacher Sprache sollen zum Beispiel ebenfalls aus möglichst kurzen Sätzen bestehen. Im Gegensatz zur Leichten Sprache sind hier aber auch (gut verständliche) Nebensätze erlaubt.


#4: Welche Texte gibt es in Leichter Sprache?

Viele öffentliche Einrichtungen und Institutionen, zum Beispiel die Deutsche Bundesregierung, veröffentlichen Informationen in Leichter Sprache auf ihren Internetseiten oder in Broschüren. Es gibt aber auch viele Bücher mit Geschichten, die in die Leichte oder die Einfache Sprache übertragen wurden, zum Beispiel hier oder hier.

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Das Netzwerk Leichte Sprache hat vor einigen Jahren die Deutschen Grundrechte in die Leichte Sprache (Link führt zum PDF) übertragen. Das war sehr wichtig, denn viele Menschen mit Lernschwierigkeiten kannten bis dahin ihre Grundrechte gar nicht.


#5: Gibt es auch andere Sprachen in vereinfachter Form, zum Beispiel Leichtes Englisch?

Ja, viele europäische Sprachen gibt es auch in einer vereinfachten Form. Leichtes Englisch heißt zum Beispiel „Easy to read“ (Übersetzung: „Leicht zu lesen“) und wird in den USA und in Großbritannien verwendet. Auch in Frankreich, den Niederlanden, Skandinavien und vielen weiteren Ländern ist die Leichte Sprache schon lange anerkannt.

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„Easy to read“ ist in den 1970er-Jahren entstanden und war die erste Leichte Sprache der Welt. Etwa 20 Jahre später wurde die Idee auch in Deutschland aufgegriffen.


#6: Wie entstehen Texte in Leichter Sprache?

Ähnlich wie für Fremdsprachen gibt es auch für die Leichte Sprache Übersetzerinnen und Übersetzer. Sie werden von Institutionen, Organisationen oder Verlagen beauftragt. Bevor sie anfangen, einen Text in die Leichte Sprache zu übertragen, fassen sie den Inhalt grob zusammen. Dabei achten sie vor allem darauf, welche Informationen für Menschen mit Lernschwierigkeiten besonders wichtig sind und was wegfallen kann, damit der Text in Leichter Sprache nicht zu lang wird. Für ein gutes Ergebnis besprechen die Übersetzerinnen und Übersetzer die wichtigen Inhalte am besten mit Prüferinnen und Prüfern für Leichte Sprache (siehe #7).

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Die meisten Texte in Einfacher Sprache sind ebenfalls eine Übersetzung der Alltagssprache. Hier stellen wir euch ein Buch vor, für das bekannte Autorinnen und Autoren zum ersten Mal ganz neue Geschichten in Einfacher Sprache geschrieben haben.


#7: Woher wissen die Übersetzerinnen und Übersetzer, wann Menschen mit Lernschwierigkeiten einen Text gut verstehen können?

Wenn ein Text in die Leichte Sprache übertragen wurde, lesen ihn anschließend Prüferinnen und Prüfer mit Lernschwierigkeiten. Sie kontrollieren, wie gut die Übersetzung ist. Verstehen sie einen Satz oder den ganzen Text nicht, müssen die Übersetzerinnen und Übersetzer ihn noch einmal überarbeiten.

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Prüferinnen und Prüfer für Leichte Sprache arbeiten oft in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). Sie kontrollieren dort im Rahmen ihrer Beschäftigung Texte, die in Leichte Sprache übersetzt wurden. In Zukunft sollen die Prüferinnen und Prüfer sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen – dafür setzen sich die Mitglieder des Netzwerks Leichte Sprache ein. Sie entwickeln dafür in einem Modellprojekt zusammen mit der Caritas Augsburg eine neue Qualifizierung. Das Konzept: Menschen mit Lernschwierigkeiten sollen künftig als Büropraktikerin oder Büropraktiker für Leichte Sprache in öffentlichen Einrichtungen oder anderen Organisationen Texte in Leichter Sprache prüfen und andere Büroaufgaben übernehmen.


#8: Gibt es auch Kritik am Konzept der Leichten Sprache?

Ja, einige Politiker und Journalistinnen haben zum Beispiel kritisiert, dass bei der Übertragung in die Leichte Sprache Inhalte weggelassen oder zu stark vereinfacht erklärt werden. Oft kennen sich Kritikerinnen und Kritiker aber gar nicht richtig mit der Leichten Sprache aus: Sie wissen nicht, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten genau diese Vereinfachungen brauchen, um einen Text überhaupt zu verstehen.

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Texte in Leichter Sprache sind immer als Zusatzangebot gedacht, damit alle Menschen wichtige Informationen lesen können. Die Leichte Sprache soll auch in Zukunft nicht die Standardsprache ersetzen. Das wird oft falsch verstanden.


Das Netzwerk Leichte Sprache

Für diesen Text haben wir mit Thorsten Lotze gesprochen, der als Übersetzer für Leichte Sprache arbeitet und im Vorstand des Vereins „Netzwerk Leichte Sprache“ ist. Insgesamt gehören vier Übersetzerinnen und Übersetzer und sechs Menschen mit Lernschwierigkeiten zum Vorstand des Netzwerks.
Der Verein wurde 2006 gegründet und hat inzwischen 170 Mitglieder aus sieben Ländern, in denen Deutsch gesprochen wird: Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tirol (Region in Italien), Luxemburg, Belgien und den Niederlanden. Die Mitglieder sind entweder Einzelpersonen – zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten, Übersetzerinnen und Übersetzer – oder Organisationen wie die AWO, die Caritas und die Diakonie. Sie alle engagieren sich in Arbeitsgruppen für eine gute Qualifizierung von Übersetzerinnen und Prüfern – oder auch dafür, dass mehr Menschen auch in Leichter Sprache sprechen und es zum Beispiel bei großen Veranstaltungen mehr Vorträge in Leichter Sprache gibt. Einmal pro Jahr findet ein großes Netzwerktreffen statt, bei dem sich die Mitglieder austauschen.




20 Millionen Euro Soforthilfe: Aktion Mensch unterstützt Helferinnen und Helfer in der Corona-Pandemie

Indirekt sollen mit dem Soforthilfe-Programm der Aktion Mensch zum Beispiel Menschen mit Behinderung während der Corona-Krise unterstützt werden, deren Pflege- und Assistenzkräfte aktuell ausfallen, aber auch sozial schlechter gestellte Menschen, die derzeit nicht mehr mit Lebensmitteln versorgt werden können.

Das Soforthilfe-Angebot richtet sich an Organisationen und Vereine, die in den Bereichen der Persönlichen Assistenz oder der Lebensmittelversorgung für sozial und wirtschaftlich Benachteiligte tätig sind – zum Beispiel Ambulante Dienste oder Tafeln. Einzige Voraussetzung für einen Antrag: Die jeweilige Organisation muss frei und gemeinnützig organisiert sein und ihren Sitz in Deutschland haben.

Details und die Antragsformulare zu den beiden Soforthilfe-Programmen findet ihr hier: aktion-mensch.de/corona

Linktipp: Corona-Infos in Leichter Sprache und Gebärdensprache

In Krisenzeiten ist es wichtig, informiert zu bleiben. Während der Corona-Pandemie gilt das auch und gerade für Menschen mit Behinderung, die wegen bestimmter Vorerkrankungen häufig ein höheres Risiko haben, durch das Corona-Virus schwer zu erkranken.

Die Aktion Mensch hat deshalb bereits letzte Woche eine Liste mit barrierefreien Angeboten im Netz erstellt, in der ihr Links zu Corona-Infos, Erklärvideos und Hilfsangeboten in Leichter Sprache und in Gebärdensprache findet. Diese Liste haben wir euch hier verlinkt:

→ zur Corona-Infoseite der Aktion Mensch

Bleibt gesund!




Inklusion auf dem Arbeitsmarkt: Private Unternehmen in der Pflicht

Obwohl es mit der Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt im Verhältnis zu den vergangenen Jahren aufwärts geht, gibt es offenbar vor allem in Nordrhein-Westfalen Nachholbedarf. Hier waren laut der Neuen Westfälischen (NW) zuletzt rund 13 Prozent aller Menschen mit Behinderung, die dem Bundesland leben, arbeitslos gemeldet. Die bundesweite Quote liegt bei 11,2 Prozent.

Der Sozialverband VdK sieht die Ursache dafür vor allem bei privaten Arbeitgebern, „die ihrer gesetzlichen Beschäftigungspflicht [von Menschen mit Behinderung (Anmerkung der Redaktion)] nicht oder nur unzureichend nachkommen”. Der Hintergrund: Bei öffentlichen Arbeitgebern in der Region hätten durchschnittlich 6,5 Prozent der Belegschaft eine Behinderung, während die privaten Unternehmerinnen und Unternehmer im Durchschnitt nur 4,4 Prozent erreichten.
Diesen Zustand und den Umgang der Wirtschaft generell mit dem Thema Beschäftigungsquote insgesamt kritisierte der SoVB kürzlich bei einer Anhörung im NRW-Landesparlament.

Die Zusammenhänge und Details dazu hat die Neue Westfälische in diesem Artikel zum Thema zusammengefasst und kritisch kommentiert. Unser Fundstück der Woche!




Welche Aufgaben hat eine Fachstelle „Behinderte Menschen im Beruf“?

Herr Simon, Frau Sundermeier, in Nordrhein-Westfalen gibt es insgesamt 53 Fachstellen „Behinderte Menschen im Beruf“. An wen richtet sich das Beratungsangebot dieser Einrichtungen?

Olaf Simon (OS): Die Fachleute dort beraten vor allem Menschen mit Schwerbehinderung und ihre Arbeitgeber, aber auch Schwerbehindertenvertretungen, Betriebs- und Personalräte und Menschen, die sich in Unternehmen um die Inklusion und das Betriebliche Eingliederungsmanagement kümmern. Wir unterstützen zum Beispiel Angestellte und Arbeitgeberinnen dabei, Arbeitsplätze behinderungsgerecht auszustatten oder Abläufe so zu organisieren, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung ihren Job gut machen können.

Linda Sundermeier (LS): Unser Ziel ist es, Arbeitsplätze zu erhalten und Schwierigkeiten oder Konflikte so früh wie möglich zu lösen. Dafür besuchen wir Menschen mit Behinderung auch im Unternehmen, schauen uns die Arbeitsplätze an und geben Tipps. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, die einen Menschen mit Behinderung beschäftigen und Unterstützung brauchen, können sich jederzeit an uns wenden. Unsere Beratung ist immer kostenlos.

Stehen Betrieben finanzielle Zuschüsse zu, wenn sie einen Arbeitsplatz für eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter mit Behinderung umgestalten möchten?

LS: Ja, wenn die oder der Angestellte mindestens 15 Stunden pro Woche im Unternehmen arbeitet, können die Fachstellen individuell angepasste Hilfsmittel fördern. Das kann zum Beispiel ein Telefonverstärker für einen Menschen mit Hörbehinderung sein oder eine Kühlweste für jemanden, der an Multipler Sklerose erkrankt ist. Darüber hinaus können Unternehmen auch weitere Zuschüsse vom Staat beantragen, wenn sie einen Arbeitsplatz oder die Zugänge zum Gebäude barrierefrei umbauen.

OS: Das Geld dafür stammt übrigens aus der Ausgleichsabgabe. Das ist ein Betrag, den alle Betriebe zahlen müssen, die nicht wie gesetzlich vorgeschrieben mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung vergeben haben. Diese Regelung gilt bei Betrieben mit mindestens 20 Angestellten. In Nordrhein-Westfalen wird die Ausgleichsabgabe vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe und vom Landschaftsverband Rheinland verwaltet und von den Fachstellen ausgezahlt. Manchmal sind auch die Deutsche Rentenversicherung oder die Agentur für Arbeit zuständig, die Geld aus weiteren Töpfen auszahlen können. Mit diesen Kostenträgern tauschen wir uns regelmäßig aus. Außerdem stehen wir in engem Kontakt mit anderen Einrichtungen wie dem Präventionsfachdienst Sucht und Psyche, dem LWL-Inklusionsamt Arbeit und den Integrationsfachdiensten.

Unser Ziel ist es immer, Arbeitsplätze zu erhalten und Konflikte so früh wie möglich zu lösen. Deshalb besuchen wir Menschen mit Behinderung gerne an ihrem Arbeitsplatz und geben konkrete Tipps.
Linda Sundermeier

Angenommen, ein Unternehmen möchte bei Ihnen einen Zuschuss für einen behinderungsgerechten Arbeitsplatz beantragen. Wie funktioniert das genau?

LS: Zuerst vereinbaren wir einen Beratungstermin und schauen uns den Arbeitsplatz direkt im Betrieb an, um den es geht. Bei Bedarf werden wir dabei von Kolleginnen oder Kollegen unterstützt, die entweder aus den Fachdiensten für Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung oder vom Technischen Beratungsdienst des LWL-Inklusionsamtes Arbeit dazukommen. Vor Kurzem hat beispielsweise jemand Kontakt mit mir aufgenommen, der infolge eines Hirntumors eine Sehbehinderung entwickelt hatte. Nach der medizinischen Therapie ging es ihm zwar wieder besser, er konnte aber trotzdem nicht gleich an seinen Arbeitsplatz in einem Büro zurückkehren. Eine Kollegin vom Fachdienst für Menschen mit Sehbehinderung und ich haben ihm und seinem Arbeitgeber daher empfohlen, einige Hilfsmittel anzuschaffen: einen Monitorschwenkarm, mit dem der Mitarbeiter seinen Computerbildschirm flexibel bewegen und näher zu sich heranziehen kann, eine Tastatur mit hohem Kontrast und sehr großen Buchstaben und eine Software, die ihm den Mauszeiger auf dem Bildschirm besser anzeigt. Für all diese Hilfsmittel kann der Arbeitgeber bei uns nun Zuschüsse beantragen.

Werden die Kosten für solche Hilfsmittel komplett übernommen?

LS: In diesem Fall ja, weil sie als Nachteilsausgleiche für einen Mitarbeiter mit Behinderung dienen. Meistens müssen die Unternehmen aber einen Eigenanteil zahlen, etwa dann, wenn ein Hilfsmittel auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Betrieb zugutekommt, die keine Behinderung haben. Ein Beispiel: Ein Industriebetrieb möchte für einen Lagerarbeiter mit einer Rückenerkrankung einen elektrischen Hubwagen anschaffen. Der Mitarbeiter ist auf diesen Hubwagen zwar angewiesen, die Anschaffung ist aber auch grundsätzlich vorteilhaft für das gesamte Unternehmen, weil auch alle anderen Kollegen nicht mehr so häufig schwere Lasten heben müssen. Der Arbeitgeber müsste in diesem Fall einen Teil der Kosten selbst übernehmen. Wie hoch der Zuschuss seitens der Fachstellen ausfällt, hängt außerdem davon ab, wie viele Menschen mit Behinderung das Unternehmen beschäftigt, ob es also die gesetzlich vorgeschriebene Quote von fünf Prozent erfüllt.

Können Sie auch dann weiterhelfen, wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter mit Behinderung einen Konflikt innerhalb des Teams oder mit dem Arbeitgeber hat?

OS: Wir beraten auch bei solchen Schwierigkeiten, ja. In diesen Fällen suchen wir erst einmal das Gespräch und bemühen uns, zwischen den Parteien zu vermitteln. Bei Bedarf werden wir dabei vom Integrationsfachdienst unterstützt.

Was passiert, wenn sich ein Konflikt nicht lösen lässt und der Arbeitgeber einem Menschen mit Behinderung kündigen möchte?

OS: Für Menschen mit Schwerbehinderung gilt ein besonderer Kündigungsschutz. Das LWL-Inklusionsamt Arbeit muss einer solchen Kündigung nämlich erst einmal zustimmen. Wenn ein Unternehmen eine entsprechende Entlassung beantragt, schauen wir uns den Fall im Auftrag des Inklusionsamts sehr genau an. Wir sprechen mit der Mitarbeiterin oder dem Mitarbeiter, den Vorgesetzten und der Schwerbehindertenvertretung. Bei Bedarf holen wir auch externe Gutachten ein. Wir gehen jeden Fall neutral an, unser Ziel ist aber natürlich, dass alle Beteiligten sich gut einigen und das Arbeitsverhältnis idealerweise bestehen bleibt.

Unterstützen Sie auch Menschen mit Behinderung auf ihrem Berufsweg, die selbstständig arbeiten oder sich selbstständig machen möchten?

LS: Natürlich, Selbstständigen stehen dieselben Zuschüsse für Hilfsmittel zu wie Angestellten oder Beamten. Außerdem können angehende Gründerinnen und Gründer mit einer Behinderung ein Darlehen oder einen Zinszuschuss für ihr Unternehmen beantragen. Wir helfen zum Beispiel, wenn sich jemand als Steuerberater selbstständig machen und sein Büro einrichten möchte. Solche Darlehen gibt es übrigens auch für bereits aktive Selbstständige, die im laufenden Betrieb in ihr Unternehmen investieren wollen.


Porträtfoto von Olaf Simon

Foto: Fachstelle Behinderte Menschen im Beruf Kreis Herford

Über unsere Interviewpartner

Name: Olaf Simon
Geburtsjahr:
1970
Arbeitsort: Herford
Beruf: Diplom-Sozialarbeiter und Berater in der Fachstelle „Behinderte Menschen im Beruf“
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Setzt sich durch seine Arbeit in der Fachstelle „Behinderte Menschen im Beruf“ und mit der psychosozialen Begleitung von Menschen mit Behinderung im Integrationsfachdienst im Kreis Herford für Inklusion im Arbeitsleben ein.

Porträtfoto von Lisa Sundermeier

Foto: Fachstelle Behinderte Menschen im Beruf Kreis Herford

Name: Linda Sundermeier
Geburtsjahr: 1990
Arbeitsort: Herford
Beruf: Verwaltungsbeamtin und Beraterin in der Fachstelle „Behinderte Menschen im Beruf“
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: Engagiert sich ebenfalls durch ihre Arbeit in der Fachstelle „Behinderte Menschen im Beruf“ für einen inklusiven Arbeitsmarkt.

Die Fachstellen „Behinderte Menschen im Beruf“: Wer ist der richtige Ansprechpartner?

In Nordrhein-Westfalen gibt es insgesamt 53 Fachstellen „Behinderte Menschen im Beruf“. Wer in einer kleineren Stadt oder Gemeinde wohnt, kann sich an die Einrichtung bei der jeweiligen Kreisverwaltung wenden. In kreisfreien und großen kreisangehörigen Städten gibt es jeweils eigene Fachstellen. Auf der Website des NRW-Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales steht eine Liste aller Fachstellen und eine Landkarte bereit, auf der die nächstgelegene Einrichtung direkt angeklickt werden kann.
Die Fachstellen werden von den Städten und Kreisen des Landes finanziert, die die Personal- und Sachkosten tragen. Das Geld für Zuschüsse zum Beispiel für Hilfsmittel wird aus der Ausgleichsabgabe entnommen, die von den Landschaftsverbänden verwaltet wird. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und der Landschaftsverband Rheinland (LVR) unterstützen die Fachstellen darüber hinaus mit regelmäßigen Tagungen, Fortbildungen und Arbeitsgruppen.




Zahl des Jahres: 1,27 Millionen

Seit 2013 untersucht die Aktion Mensch für ihr Inklusionsbarometer Arbeit jedes Jahr zusammen mit dem Handelsblatt Research Institute, wie sich die berufliche Inklusion auf dem deutschen Arbeitsmarkt entwickelt.

Mit den aktuellen Ergebnissen setzt sich nun der positive Trend der letzten Jahre fort: Die Zahl der Menschen mit Behinderung, die eine Stelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben, steigt stetig an (2015: 1,15 Mio., 2016: 1,18 Mio., 2017: 1,23 Mio., 2018: 1,25 Mio.). Wie die Aktion Mensch diese Zahlen genau ermittelt, haben wir hier erklärt.

Auch die Arbeitslosenquote sinkt

Eine weitere schöne Nachricht: Die Arbeitslosenquote ist erneut gesunken und liegt jetzt bei 11,2 Prozent (2018: 11,7 Prozent, 2017: 12,4 Prozent).
Der Wert des so genannten Lagebarometers ist deshalb auch von 107,2 auf 107,7 Punkte gestiegen. Mit dieser Zahl beschreibt die Aktion Mensch in der Studie, wie sich die berufliche Inklusion insgesamt entwickelt: Sinkt der Wert unter 100, bedeutet das eine Verschlechterung; Werte über 100 Punkten zeigen eine Verbesserung an.

Die Ergebnisse des Inklusionsbarometers Arbeit als Grafik mit Text.
Die Ergebnisse des Inklusionsbarometers 2019 in der Übersicht. Illustration: Aktion Mensch

„Trotzdem Handlungsbedarf“

Die Inklusion auf dem Arbeitsmarkt ist also weiter im Aufschwung. Dennoch gibt es noch eine Menge zu tun, sagt die Aktion Mensch. Die Arbeitslosenquote von Menschen mit Behinderung ist beispielsweise nach wie vor mehr als doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Behinderung (11,2 Prozent im Vergleich zu 5,2 Prozent). Außerdem waren Menschen mit Behinderung im Jahr 2019 im Schnitt 359 Tage (2018: 366 Tage) auf Jobsuche – das sind 100 Tage mehr als Menschen ohne Behinderung.

Mehr Infos zum Inklusionsbarometer Arbeit




Vier Fragen an… Gregor Doepke, kommmitmensch-Kampagne

#1: Herr Doepke, wen möchten Sie mit Ihrer Kampagne ansprechen – und was möchten Sie erreichen?

„kommmitmensch“ richtet sich an Betriebe und öffentliche Einrichtungen. Unser Ziel ist es, dort für sichere Arbeitsplätze der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu sorgen und ihnen dabei zu helfen, gesund zu bleiben. Damit das gelingt, müssen alle im Unternehmen dieses Thema im Kopf haben: Wie können wir schwere oder sogar tödliche Arbeitsunfälle vermeiden? Wie können wir aus Fehlern lernen und was können wir tun, damit sie gar nicht erst passieren? Leben auch die Vorgesetzten im Unternehmen vor, dass ihnen Sicherheit und Gesundheit wichtig sind? Unsere Kampagne besteht nicht nur aus einzelnen Aktionen, sondern soll einen echten Kulturwandel in möglichst vielen Betrieben anstoßen.

#2: Wie unterstützen Sie Betriebe und Organisationen bei diesem „Kulturwandel“?

Oft beginnt damit ein längerer Prozess, den die Mehrzahl der Beteiligten aber als spannend empfinden und für den sie gerne bereit sind, sich zu engagieren. Ein Beispiel: Wir stellen auf unserer Website eine Toolbox bereit, also eine Art „Werkzeugkasten“ zum Mitmachen. Darin sind etwa ein Arbeitsposter und Fragekarten für den „kommmitmensch-Dialog“ enthalten. Die Fragekarten werden gern genutzt und sind dazu gedacht, im Team eines Betriebs oder innerhalb einer Gruppe von Vertreterinnen und Vertretern der Abteilungen ein Gespräch anzuregen: Wo wünscht sich wer welche Veränderungen? Welche Verbesserungsmöglichkeiten sehen die Beteiligten – und wo genau?
Mit den Karten und unseren anderen kostenfreien Tools können Betriebe herausfinden, welchen Stellenwert Sicherheit und Gesundheit in ihrer Unternehmenskultur aktuell schon haben.
Dabei kann manchmal herauskommen, dass die Verantwortlichen erst dann reagieren, wenn schon ein Unfall passiert ist – das wäre im Sinne der Prävention zu spät, dann sollten im Betrieb möglichst schnell entsprechende Veränderungen angestoßen werden. Vielleicht kümmern sich aber auch schon jetzt alle Verantwortlichen im Betrieb gemeinsam darum, dass es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern richtig gut geht und sie sich wohl fühlen. Das wäre der Optimalzustand. Dafür muss ein Unternehmen zwar einiges investieren, aber es gewinnt dabei auch: gesunde und zufriedene Mitarbeiter nämlich. Und die schaffen erwiesenermaßen mehr und leisten bessere Arbeit.

#3: Welche Rolle spielt das Thema Barrierefreiheit am Arbeitsplatz bei Ihrer Kampagne?

Die Schwerpunkte von „kommmitmensch“ sind zwar Gesundheit und Sicherheit, diese Themen hängen aber sehr eng mit Barrierefreiheit zusammen. Menschen mit einer Behinderung oder einer chronischen Erkrankung brauchen als „Grundausstattung“ ohnehin erst einmal eine barrierefreie Arbeitsumgebung, damit sie ihren Job überhaupt machen können und erfolgreich sind. Ein gemeinsames Arbeiten auf Augenhöhe trägt zu einem guten Betriebsklima bei – und das ist sehr wichtig, um gesund zu bleiben.
Das gleiche gilt übrigens auch für Veranstaltungen wie etwa Messen oder Seminare. Auch die müssen barrierefrei gestaltet sein, damit wirklich jeder teilnehmen und sich einbringen kann. Viele Organisatorinnen und Organisatoren haben bei der Planung vor allem die Gäste ihrer Veranstaltungen im Blick. Wir raten dazu, unbedingt auch an die Menschen zu denken, die auf der Bühne eine Aufgabe übernehmen: Gibt es Headsets für die Vortragenden, die kein Mikrofon festhalten können? Stehen höhenverstellbare Stehpulte und nicht zu steile Rampen für Menschen mit Rollstuhl bereit? Solche und viele andere Tipps haben wir in einer Broschüre zusammengetragen, die kostenlos bei uns heruntergeladen werden kann.

#4: Ihrer Erfahrung nach: Haben Veranstalterinnen und Veranstaltern das Thema Barrierefreiheit schon gut im Kopf – oder sehen Sie noch Verbesserungsbedarf?

Viele haben das Thema ganz gut im Blick, es gibt aber immer noch einiges zu tun. Die Branchenstudie „Meeting- und Event-Barometer“ zum Beispiel hat untersucht, wie barrierefrei Kongresse, Messen und Freizeitveranstaltungen – zum Beispiel Konzerte – gestaltet sind.
Das Ergebnis: Nur 35 Prozent der Organisatorinnen und Organisatoren, die für die Studie befragt wurden, schätzen ihr Angebot als vollkommen barrierefrei ein. Dabei muss man aber eines bedenken: Viele haben beim Stichwort ‚Barrierefreiheit‘ vor allem bauliche Begebenheiten im Kopf, die aber erst einmal nur für Menschen wichtig sind, die mit dem Rollstuhl oder einer Gehhilfe unterwegs sind. Menschen mit Hör- oder Sehbehinderung werden dabei oft vergessen, genauso wie Menschen mit geistiger Behinderung. Wir möchten auch hier mit unserer Broschüre ein wenig Aufklärungsarbeit leisten und einen Überblick geben, welche Barrieren bei Events entstehen und wie Veranstalterinnen und Veranstalter sie beseitigen können.

Porträtfoto von Gregor Doepke

Foto: DGUV/Wolfgang Bellwinkel

Über unseren Interviewpartner

Name: Gregor Doepke
Geburtsjahr:
1960
Wohn- und Arbeitsort:
Berlin
Beruf:
Pressesprecher und Leiter des Bereichs Kommunikation der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV)
Persönlicher Bezug zum Thema Behinderung:
Im Jahr 2004 brachte Gregor Doepke die Paralympics Zeitung auf den Weg. Später initiierte er den Film „GOLD – Du kannst mehr, als du denkst“, ein Porträt über drei paralympische Sportler, mit. Er ist seit 2016 Mitglied des Kuratoriums des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) und seit 2019 ergänzendes Mitglied im Vorstand des Deutschen Rollstuhlsportverbandes (DRS).

Die Kampagne

kommmitmensch

Das Konzept für die Kampagne wurde von mehreren deutschen Berufsgenossenschaften und Unfallkassen gemeinsam entwickelt. Das Ziel: Betriebe, öffentliche Einrichtungen und Bildungseinrichtungen sollen gezielt und praktisch dabei unterstützt werden, Sicherheit und Gesundheit in ihren Organisationen zu etablieren.
Ein wichtiger Ausgangspunkt dafür ist die so genannte „Vision Zero“, also die Vision einer Welt ohne Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen. An erster Stelle steht, tödliche oder schwere Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten zu vermeiden. Die kommmitmensch-Kampagne soll in diesem Zusammenhang eine neue Präventionskultur schaffen und Menschen dafür begeistern, Sicherheit und Gesundheit als zentrale Werte bei ihren Entscheidungen und Aktivitäten zu berücksichtigen. Sie setzt daher auf Aktionen, die Menschen verbinden und zum Mitmachen anregen.




VIER FRAGEN AN… Christoph Beyer

#1: Herr Beyer, welche Aufgaben hat eine Schwerbehindertenvertretung – und warum ist das ein anspruchsvoller Job?

Die Vertrauenspersonen müssen sich zum Beispiel in sehr unterschiedliche Themen einarbeiten und ein gewisses Verhandlungsgeschick mitbringen. Außerdem müssen sie sich durchsetzen können, denn sie vertreten ja die Interessen ihrer Kolleginnen und Kollegen mit Behinderung und der Personen, die ihnen gleichgestellt sind. Das ist nicht einfach. Diese Aufgaben beginnen schon an dem Tag, an dem ein Arbeitsverhältnis anfängt, also mit der Einstellung, und können sich bis zu einem Verfahren um eine mögliche Kündigung ziehen. Die Schwerbehindertenvertretungen vermitteln dabei ständig zwischen der Arbeitgeberin oder dem Arbeitgeber, den Beschäftigten und oft auch externen Partnern, zum Beispiel dem Inklusionsamt, der Arbeitsagentur oder der Rentenversicherung. Vor allem am Anfang stoßen sie dabei manchmal auf Widerstände und müssen sich dann dem Arbeitgeber gegenüber behaupten. Wenn das aber erst einmal geschafft ist, können die Vertrauenspersonen sehr viel bewegen.

#2: Welche Fragen oder Schwierigkeiten tauchen bei Schwerbehindertenvertretungen im Moment besonders häufig auf?

In jedem Betrieb sind die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Schwerbehinderung unterschiedlich – und so sind auch die Herausforderungen immer andere, mit denen die Vertrauenspersonen konfrontiert sind. Es gibt aber einige Punkte, die für alle Schwerbehindertenvertretungen derzeit schwierig sind. Im Moment bauen zum Beispiel viele Unternehmen in Deutschland Stellen ab, obwohl die Wirtschaft seit Jahren im Aufschwung ist. Von solchen Kündigungen sind auch viele Menschen mit Schwerbehinderung betroffen. Ihre Vertreterinnen und Vertreter haben deshalb alle Hände voll zu tun, damit möglichst viele ihren Job behalten können oder eine andere Stelle im Unternehmen finden.
Eine andere große Herausforderung ist, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den meisten Unternehmen immer älter werden. Dadurch steigt auch das Risiko einer Schwerbehinderung. Die Vertrauenspersonen wollen ihre Kolleginnen und Kollegen natürlich dabei unterstützen, gesund zu bleiben. Das ist zusätzliche Arbeit, denn sie setzen sich ja auch weiterhin dafür ein, den Arbeitsplatz des Mitarbeiters oder der Mitarbeiterin zu erhalten, wenn dann doch eine Schwerbehinderung eintritt.

#3: Bei einigen Veranstaltungen auf dem A+A-Kongress, die Sie moderieren, geht es auch um die Digitalisierung. Welche Rolle spielt dieses Thema für die Inklusion?

Die Arbeitswelt verändert sich durch die Digitalisierung sehr stark. Das birgt Risiken, mit denen wir uns dringend auseinandersetzen müssen, aber auch Chancen. Spezielle Roboter und digitale Systeme zum Beispiel können Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz unterstützen, anstatt sie zu ersetzen. Die Maschine übernimmt dann nur noch die Aufgaben, die der Mitarbeiter aufgrund seiner Behinderung nicht erledigen kann. In Zukunft können so ganz neue Arbeitsfelder entstehen. Risiken entstehen durch die Digitalisierung vor allem für Menschen mit Behinderung, die schon längere Zeit im Beruf sind: Wenn sich ihr Arbeitsplatz sehr stark verändert, müssen sie neue Abläufe einüben oder lernen, mit neuer Soft- oder Hardware umzugehen. Das ist für viele oft schwierig.

#4: Was können die Inklusionsämter des LVR und des LWL tun, um Unternehmen, Betriebe und die Schwerbehindertenvertretungen bei diesem Wandel zu unterstützen?

Die Technischen Beratungsdienste der Inklusionsämter sind gute und kompetente Ansprechpartner, sowohl für die Betriebe als auch für die Schwerbehindertenvertretungen. Sie helfen mit Informationen und unterstützen Menschen mit Behinderung und ihre Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber. Sie sind aber auch eine Art Schnittstelle zwischen den Unternehmen und bestimmten Abteilungen der Landschaftsverbände, die zum Beispiel Fördermittel bewilligen.
Wenn ein Unternehmen schon dabei ist, sich digital zu verändern, kann es auch einen der Integrationsfachdienste (IFD) in der Region ansprechen. Unter bestimmten Voraussetzungen können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung von den IFD finanziell dabei unterstützt werden, zum Beispiel eine Weiterbildung zu machen. Außerdem können die Integrationsfachdienste Jobcoaches vermitteln, die am Arbeitsplatz neue Abläufe mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einüben.

Porträtfoto von Christoph Beyer

Foto: Paul Esser

Über unseren Interviewpartner

Name: Christoph Beyer
Geburtsjahr: 1969
Wohn-/Arbeitsort: Köln
Beruf: Leiter des Inklusionsamts beim Landschaftsverband Rheinland (LVR); moderierte am 6. November eine Vortrags- und Diskussionsreihe zum Thema auf dem Internationalen Kongress für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (A+A). Dabei ging es zum Beispiel um Herausforderungen für die Schwerbehindertenvertretungen, aber auch um Chancen für die Inklusion.

Infos zur A+A

Messe und Kongress zu Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Die Internationale Fachmesse A+A fand vom 5. bis 8. November 2019 in den Messehallen in Düsseldorf statt. Dort konnten sich Betriebs- und Personalräte, Planer, Entscheiderinnen, Mitarbeiter oder auch Arbeitsmedizinerinnen über neue Produkte und Ideen rund um den Schwerpunkt der Messe informieren.

Auf dem Messegelände fand zeitgleich außerdem der Internationale Kongress für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin statt. In rund 40 Veranstaltungsreihen konnten die Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer dort über die Zukunft der Arbeit diskutieren, über Arbeitsschutz, neue Formen der Arbeitszeitgestaltung und über viele andere Themen.




Mit den Händen, dem Gesicht und dem ganzen Körper sprechen

#1: Gibt es weltweit nur eine einzige Gebärdensprache?

Nein, es werden sehr viele Gebärdensprachen verwendet – weltweit sind es insgesamt 137, sagt die Fachzeitschrift „Ethnologue“.

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Wie in der gesprochenen Sprache existieren auch in Gebärdensprachen mehrere Dialekte. In der Deutschen Gebärdensprache (DGS) zum Beispiel werden Farben und Wochentage je nach Region mit jeweils etwas anderen Handzeichen dargestellt.

#2: Wie viele Menschen sind gehörlos und verwenden eine Gebärdensprache?

Rund 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland sind gehörlos, sagt der Deutsche Gehörlosen-Bund. Das entspricht rund 83.000 Menschen. Weltweit sind es etwa 70 Millionen. Die Deutsche Gebärdensprache gebrauchen in Deutschland rund 200.000 bis 300.000 Menschen ständig oder gelegentlich.

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Nicht alle gehörlosen Menschen haben auch eine Gebärdensprache gelernt und verständigen sich damit. Umgekehrt sind nicht alle Menschen gehörlos, die eine Gebärdensprache verwenden, denn häufig beherrschen auch hörende Angehörige und Freunde diese Sprachform – und natürlich Dolmetscherinnen und Dolmetscher.

# 3: Wenn jemand eine fremde Gebärdensprache lernt: Hat er sie oder er dann einen Akzent?

Ja, wenn Gehörlose eine fremde Gebärdensprache lernen und sie verwenden, können Muttersprachlerinnen und Muttersprachler ihnen das manchmal ansehen – zum Beispiel, wenn die Fremdsprachlerinnen und Fremdsprachler bestimmte Handformen aus der eigenen Muttersprache benutzen. Dadurch entsteht, wie in den Lautsprachen, ein Akzent: Man wird zwar verstanden, doch das Gegenüber kann sehen, dass nicht in der Muttersprache kommuniziert wird.

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Wie bei den gesprochenen Sprachen gibt es auch bei den Gebärdensprachen so genannte Sprachfamilien, deren Sprachen einander ähneln. Die Französische und die Amerikanische Gebärdensprache etwa gehören zur selben Sprachfamilie, die Britische Gebärdensprache wiederum ist mit der Australischen verwandt.

#4: Bestehen Gebärdensprachen nur aus Gesten mit den Händen?

Nein, Handformen und -bewegungen sind zwar ein sehr wichtiger Teil der Gebärdensprachen, sie bestehen aber genauso auch aus Gesichtsausdrücken, der Körperhaltung und lautlos gesprochenen Wörtern. Über die Mimik werden zum Beispiel Gefühle ausgedrückt und gezeigt, ob einem etwas gefällt oder ob man etwas spannend oder langweilig findet. Ebenso wichtig kann es sein, wo und wie die Gesten ausgeführt werden – zum Beispiel nah am Körper oder mit ausgestrecktem Arm ein Stück davor. Die gleiche Handbewegung kann dann jeweils ein anderes Wort bedeuten.

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Bei manchen Gebärden können auch Menschen, die die Sprachen selbst nicht sprechen, erraten, worum es in der Unterhaltung geht: Rund ein Drittel der Gebärden sind „ikonisch“. Einige Gesten bilden ihre Bedeutung also direkt bildlich ab, wie etwa bei der Gebärde für „Baby“. Dabei bewegt man die Arme vor dem Körper hin und her, als würde man ein kleines Kind wiegen. Überwiegend sind Gebärden aber abstrakt, das Aussehen der Gesten hat also nichts mit ihrer Bedeutung zu tun. Deshalb muss man als Neuling die meisten Gebärden wie Vokabeln lernen.

#5: Neben den Gebärdensprachen gibt es ein so genanntes Fingeralphabet. Was ist das und wie wird es verwendet?

Das Fingeralphabet ergänzt die Gebärdensprache und dient dazu, Wörter zu buchstabieren. Für jeden Buchstaben des geschriebenen Alphabets gibt es ein Zeichen, das mit der Hand dargestellt wird. Diese Zeichen werden genutzt, um beispielsweise Namen oder Begriffe zu buchstabieren, für die es (noch) keine Gebärde gibt.

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Manchmal buchstabieren Gebärdensprachlerinnen und Gebärdensprachler einzelne Wörter auch dann, wenn es dazu schon eine Gebärde gibt. Das tun sie dann, wenn sie ein Wort oder einen Begriff besonders betonen wollen.

# 6: Wie und wann sind Gebärdensprachen entstanden?

Genauso wie die gesprochenen Sprachen sind Gebärdensprachen so genannte „natürliche Sprachen“. Das bedeutet, dass sie vor vielen Jahrhunderten entstanden sind und sich im Laufe der Zeit stetig weiterentwickelt haben. Allerdings wurden sie gesellschaftlich lange nicht als gleichwertige Kommunikationsform zu den Lautsprachen akzeptiert. Ab 1880 waren Gebärdensprachen in den Schulen sogar fast weltweit verboten, weil gehörlose Schülerinnen und Schüler die Lautsprache des jeweiligen Landes lernen sollten.

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In Deutschland ist die Deutsche Gebärdensprache seit 2002 offiziell als eigenständige Sprache anerkannt. Seither haben gehörlose und schwerhörige Menschen bestimmte Rechte, die sie vorher nicht hatten. Zum Beispiel muss ihnen bei Gerichtsterminen eine Gebärdensprachdolmetscherin oder ein Gebärdensprachdolmetscher zur Seite gestellt werden.

#7: Hat die Deutsche Gebärdensprache die gleiche Grammatik wie gesprochenes oder geschriebenes Deutsch?

Nein, die Deutsche Gebärdensprache hat eine ganz eigene Grammatik. So werden Sätze zum Beispiel ganz anders aufgebaut als in der gesprochenen Sprache: Zeitangaben wie „heute“ oder „morgen“ stehen in der Gebärdensprache immer am Satzanfang, danach folgen Ortsangaben. Fragewörter wie „warum“ oder „was“ stehen immer am Ende. Eine Frage wie „Gehst du mit mir ins Café?“ wird außerdem genauso gebärdet wie der Aussagesatz „Du gehst mit mir ins Café“. Dass eine Frage gestellt wird, erkennt das Gegenüber nur am Gesichtsausdruck der Person, die sie formuliert – die Mimik ist also das Fragezeichen.

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Menschen, die von Geburt an gehörlos sind und die Deutsche Gebärdensprache als Muttersprache gelernt haben, müssen die deutsche Schriftsprache wie eine neue Fremdsprache lernen. Das ist oft nicht einfach, denn die Schriftsprache bildet die gesprochene Sprache ab. Von Geburt an Gehörlose kennen aber die Laute nicht, die den Buchstaben und Wörtern zugrunde liegen.

#8: Wo kann ich die Deutsche Gebärdensprache lernen?

In Deutschland bieten viele Volkshochschulen entsprechende Sprachkurse an. Darüber hinaus gibt es auch einige Gebärdensprachschulen und Vereine, bei denen du die DGS lernen kannst – der Deutsche Gehörlosen-Bund hat auf seiner Website eine Liste von Anbietern zusammengestellt.

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Du kannst dich mit der DGS auch im Internet vertraut machen, zum Beispiel mit dem bebilderten DGS-Schnupperkurs des hörenden Journalisten Olaf Fritsche und seiner Gebärdensprachlehrerin Claudia Rüger. Auf der Website „Gebärden lernen“ findet ihr außerdem ein umfassendes Wörterbuch mit Videos zum Nachmachen und einen Grundkurs speziell für Menschen, die als Krankenpfleger oder Ärztinnen arbeiten.


Gehörlos ist nicht taubstumm!

Gehörlose Menschen werden im Alltag und in vielen Medien immer noch oft als „Taubstumme“ bezeichnet. Diese Bezeichnung ist gleich aus mehreren Gründen falsch. Warum, erklärt die Bloggerin Julia Probst in einem Beitrag für das Portal Leidmedien.de: Gehörlose sind zwar taub, aber die meisten von ihnen sind körperlich durchaus in der Lage, mit Lautsprache kommunizieren. Dazu kommt, dass auch dann niemand „stumm“ ist, wenn sie oder er keine physische Stimme (mehr) hat: Gehörlose können mit Gebärden ebenso viel ausdrücken, beschreiben und über Themen diskutieren, wie Hörende es über Lautsprache tun.