4 Fragen an Natalie Dedreux

Natalie, warum arbeitest du gerne als Journalistin?

Die Arbeit beim „Ohrenkuss“ ist meine Leidenschaft, ohne geht für mich gar nichts. Es macht Spaß, viel zu recherchieren und einfach drauflos zu schreiben. Wir sind 20 Kolleginnen und Kollegen mit Down-Syndrom, die sich regelmäßig zu den Redaktionssitzungen treffen. Für jedes „Ohrenkuss“-Heft haben wir ein Thema, zum Beispiel die Natur, die Familie oder Reisen. Dazu suchen wir im Internet und dann schreibt jeder einen Text. Manche Kollegen diktieren ihren Text auch.
Letztes Jahr habe ich auch ein Praktikum beim „Deutschlandfunk“ gemacht. Da habe ich über die Untersuchung von ungeborenen Kindern während einer Schwangerschaft recherchiert. Und ich habe Meldungen darüber geschrieben, was in der Welt passiert – zu ganz unterschiedlichen Themen. Das hat mir auch gut gefallen. Die Meldungen wurden später im Radio vorgelesen.

Wo würdest du gerne noch mehr arbeiten?

Ich würde gerne fürs Fernsehen arbeiten, weil ich dann noch berühmter werden könnte. Ich möchte, dass Menschen mit Down-Syndrom mehr gesehen werden und bekannter sind. Im Fernsehen, auf Instagram, überall. Deshalb mache ich auch viel auf Instagram und zeige da mein cooles Leben und meine Reisen, die ich mit meiner Familie mache. Meine Freunde, die auch das Down-Syndrom haben, haben auch Internetseiten und posten viele Bilder bei Instagram.

Was würdest du in der Welt gern verändern?

Es soll mehr Inklusion geben, vor allem bei der Arbeit und in der Schule. Da hapert es noch am meisten. Ich war auf einer inklusiven Schule und fand das gut. Es gibt mehr Bildung und alle sind zusammen, auch Menschen mit Behinderung. Im Beruf sollen auch alle zusammenarbeiten. Wenn Menschen mit Behinderung eine Assistenz bekommen, dann funktioniert das. Ich kann zum Beispiel sehr gut Texte schreiben, aber bei der Recherche brauche ich manchmal meine Assistentin. Sie übersetzt für mich Texte, die in Schwerer Sprache geschrieben sind, in Leichte Sprache.

Welche Ziele hast du noch für dein Leben?

Ich möchte weiter als Aktivistin für Menschen mit Down-Syndrom kämpfen, sie gehören zur Welt und zur Gesellschaft. Deshalb habe ich im März 2019 eine Petition gegen den Pränataltest auf das Down-Syndrom gestartet. 28.000 Leute haben schon unterschrieben. Das finde ich gut. Ich möchte, dass gegen den Bluttest richtig Krach gemacht und demonstriert wird. Der Test soll nicht von den Krankenkassen bezahlt werden. Und ich will, dass die Politiker über meine Petition diskutieren.

Porträtfoto von Natalie Dedreux

Foto: Michaela Dedreux

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Natalie Dedreux
Geburtsjahr:  1998
Wohn- und Arbeitsort: Köln
Beruf: schreibt für das Magazin „Ohrenkuss“ 




Schauspielerin Lucy Wilke bekommt Theaterpreis „FAUST“

Ein Jahr lang hat Lucy Wilke den Satz „Ich möchte schauspielern“ in ihr Tagebuch geschrieben – jeden Tag. Zum Theater hat sie seit ihrer Kindheit eine enge Beziehung, ihr Vater arbeitete als Bühnenbauer und die Familie lebte in einem Wohnwagen neben dem Münchner Theaterzelt „Das Schloss“. Lange Zeit traute sie sich aber nicht, eine Karriere als Schauspielerin anzustreben, weil sie wegen einer Muskelerkrankung mit Rollstuhl lebt.

Inzwischen arbeitet Lucy Wilke aber in ihrem Traumberuf. Das Stück „Fucking Disabled“ – der Titel kann mit „scheiß behindert“ oder mit „behindert ficken“ übersetzt werden – machte sie bekannt und war für sie selbst eine Art persönlicher Befreiungsschlag. Im BR-Beitrag erzählt sie, warum das so war und wann ihre Behinderung auf der Bühne eine Rolle spielt oder gerade keine spielen sollte. Ein sehr inspirierender Text, den wir sehr empfehlen!




Inklusion vor und hinter der Kamera

Welche Filme haben die „compagnons“ schon gedreht und an welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit?

Elisabeth Dinh (ED): Wir entwickeln und drehen Dokumentarfilme, die meist einen Bezug zur Stadt Bremen haben. Wir haben auch schon zwei Spielfilme umgesetzt, die beide im Kino gezeigt wurden. Unser Spielfilm „Apostel & Partner“ lief anschließend im Fernsehen. Im Moment bemühen wir uns um einen Sendeplatz für unseren zweiten Film „Mae goes away“, in dem die Hauptfigur Mae ihren Mann verlässt, in ein neues Leben aufbricht und neue Freunde findet. Der Film ist also Beziehungsdrama und Roadmovie zugleich. Seit einigen Wochen arbeiten wir an unserem dritten Spielfilm mit dem Arbeitstitel „2035 Abgestürzt“, in dem es um den Klimawandel gehen wird.

Wie stellen Sie die Teams zusammen, mit denen Sie an diesen Filmprojekten arbeiten?

Jürgen Köster (JK): Je nach Projekt unterstützen uns eine externe Dramaturgin, professionelle Kameraleute oder auch neue Schauspielerinnen und Schauspieler. Meistens gefällt es einigen der „Neuen“ so gut bei uns, dass sie gerne weitermachen möchten. Das freut uns sehr, denn so ist aus anfangs fünf festen Mitgliedern inzwischen ein richtig großes Team von 20 Menschen mit und ohne Behinderungen und psychischen Erkrankungen geworden.

Sie sind ein inklusives Filmunternehmen. Was bedeutet das genau und warum ist das etwas Besonderes?

ED: Die meisten inklusiven Filmprojekte oder -teams sind nur vor der Kamera inklusiv. Das heißt, es werden zwar eine oder mehrere Rollen mit Schauspielerinnen und Schauspielern mit Behinderung besetzt – die Drehbuchautoren, Regisseurinnen und anderen Menschen hinter der Kamera haben aber meist keine Behinderung. Das ist bei uns anders. Jede und jeder kann die Aufgaben übernehmen, die sie oder er interessant findet und gut kann. Uns ist es wichtig, auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten, alle Teammitglieder mit ihren Stärken zu sehen und niemanden zu über- oder zu unterfordern. Natürlich nehmen wir zugleich auch Rücksicht auf Erkrankungen. Dadurch entsteht eine tolle Arbeitsatmosphäre mit weniger Druck als in vielen anderen Teams. Das schätzen auch externe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ohne Behinderung sehr.

Wie und wann ist das Unternehmen entstanden?

JK: Wir haben vor zehn Jahren angefangen, die Idee ist aber viel älter und hat sich über eine lange Zeit immer weiter entwickelt. Ich selbst bin gelernter Sozialpädagoge, habe mich aber während meines Studiums auch im Bereich Fotografie, Kameratechnik und Dramaturgie fortgebildet. Ende der 1980er-Jahre habe ich in Bremen zusammen mit ehemaligen Patientinnen und Patienten einer psychiatrischen Klinik eine Medien-AG gegründet. Später habe ich auch in anderen Projekten gemeinsam mit psychisch erkrankten Menschen Filme gemacht. Dabei fiel mir immer mehr auf, dass Menschen mit Behinderung und Erkrankungen kaum in den Medien auftauchen – und wenn, dann stehen ihre Schwächen im Fokus. Deshalb haben wir die „compagnons“ gegründet.

Wie finanzieren Sie Ihre Filme?

JK: Manche Projekte sind Auftragsarbeiten, für die wir Honorare bekommen. Der Verein Martinsclub Bremen zum Beispiel ist einer dieser Auftraggeber. Die Organisation unterstützt Menschen mit Behinderung im Alltag und setzt sich für Inklusion ein. Für sie haben wir den Dokumentarfilm „Endlich zu Hause“ gedreht und dafür ein Jahr lang Menschen begleitet, die aus einem Wohnheim in ambulant betreute Wohnungen umgezogen sind. Das war ein sehr schönes Projekt. Den Menschen war anzusehen, wie sehr sie sich auf das neue Leben freuten.

Was ist mit Projekten, die keine Auftragsarbeiten sind?

JK: Wenn wir eigene Ideen ohne externe Kunden umsetzen möchten, etwa unsere Spielfilme, beantragen wir dafür Fördergelder. Damit können wir aber nur die Produktion finanzieren. Das heißt, wir können nur die Honorare für die Kameraleute oder die Schauspieltrainerinnen zahlen, die unsere Darstellerinnen und Darsteller bei den Proben unterstützen. Alle anderen Kosten werden dadurch nicht gedeckt. Beispielsweise können wir aus den kleinen Budgets bei solchen Projekten keine Gagen für die Schauspielerinnen und Schauspieler zahlen. Und für die Koordination bekommen wir aus dem Organisationteam nur eine Aufwandsentschädigung, deshalb haben die meisten von uns noch einen anderen Beruf, in dem sie Geld verdienen. Das alles möchten wir ändern, hatten mit unseren Anträgen bei größeren Filmförderern bisher aber noch keinen Erfolg.

Woran liegt es, dass Sie bei größeren Förderanträgen bisher durchs Raster gefallen sind?

JK: Die Unternehmen und Stiftungen, die solche Filmförderungen anbieten, möchten meist Projekte unterstützen, die schon sicher einen Sendeplatz im Fernsehen haben. Wir können aber nicht garantieren, dass ein Sender unsere Filme ins Programm aufnimmt, auch wenn wir es natürlich immer wieder versuchen. Wir sind aber im Vergleich auch ein noch junges Unternehmen am Markt. Und wir verfolgen noch dazu einen Ansatz, der für unsere Branche bis heute noch sehr ungewöhnlich ist. Deshalb sind wir einfach weiterhin geduldig und bohren dicke Bretter – und setzen darauf, dass wir durch die Qualität unserer Arbeit bald stärker wahrgenommen werden. —

Porträtfoto Elisabeth Dinh

Foto: Tobias Woldeck

Über unsere Interviewpartner

Elisabeth Dinh

Geburtsjahr: 1981
Wohn-/Arbeitsort: Bremen
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: findet es gut, dass bei den „compagnons“ Behinderungen oder Erkrankungen nicht im Vordergrund stehen.

Porträtfoto von Jürgen Köster

Foto: Laura Müller-Hennig/compagnons

Jürgen Köster

Geburtsjahr: 1955
Wohn-/Arbeitsort: Bremen/Les Vans (Frankreich)
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: hat in Einrichtungen für psychisch erkrankte Menschen und Menschen mit Behinderung gearbeitet und dabei oft erlebt, wie diese diskriminiert wurden. Deshalb möchte er sich mit seiner Arbeit und den inklusiven Projekten der „compagnons“ dafür einsetzen, dass alle Menschen ihre Fähigkeiten und Interessen einbringen und entfalten können.




„Wer sich nicht divers aufstellt, findet keine guten Leute mehr“

Viele Firmen werben inzwischen damit, dass sie sich vielfältig aufstellen und mit diversen Teams arbeiten möchten. Einige von ihnen haben so genannte Diversitätsbeauftragte angestellt, die sich um dieses Thema kümmern und die Führungskräfte dazu beraten sollen.

Das Problem aus der Sicht von Laura Gehlhaar, die seit mehr als zehn Jahren mit Rollstuhl lebt: Oft sind die Menschen an den Spitzen der Firmen – ebenso wie die Beauftragten für das Thema Vielfalt – weiße Männer ohne Behinderung.

Die 37-Jährige kritisiert in dem SZ-Interview aber nicht nur, was alles schiefläuft. Sie gibt auch Anregungen, wie Inklusion in Unternehmen und in der Gesellschaft besser gelingen kann. Genau darüber haben wir mit ihr vor gut drei Jahren übrigens auch schon für unseren eigenen Blog gesprochen.




Mit den Fingern lesen: 7 Fragen und Antworten zur Brailleschrift

#1: Was ist Brailleschrift?

Braille ist eine taktile (also tastbare) Punktschrift. Die
Schriftzeichen sind aus kleinen, erhabenen Punkten zusammengesetzt, die von der
Rückseite aus in das Papier gedrückt sind. Blinde und Menschen mit Sehbehinderung
können diese Punkt-Buchstaben mit den Fingern ertasten und so Texte oder ganze
Bücher lesen.

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Die Schrift ist nach ihrem Erfinder Louis Braille benannt. Der Franzose erblindete durch einen Unfall, als er drei Jahre alt war. Als Jugendlicher wünschte er sich sehr, lesen zu können. Also erfand der damals 16-Jährige im Jahr 1825 die Punktschrift, die inzwischen auf der ganzen Welt benutzt wird. Als Vorlage diente ihm die so genannte Nachtschrift, mit der Soldaten im Krieg ihre Texte verschlüsselten. Die Buchstaben dieser Militärschrift bestanden aus elf Punkten. Louis Braille entschied sich für seine Schrift für ein Raster aus sechs Punkten, das mit den Fingern noch leichter ertastet werden kann als die Vorlage.


#2: Hat die Brailleschrift die gleichen Buchstaben wie
das moderne lateinische Alphabet?

Ja, für jeden Buchstaben des Alphabets gibt es in der Brailleschrift eine Punktkombination. Das Raster, nach dem die Punkte angeordnet sind, wird oft mit einem senkrecht stehenden Eierkarton verglichen: Es gibt zwei Spalten und drei Reihen. Also können höchstens zwei Punkte nebeneinander und drei übereinander stehen. Pro Braillezeichen werden in diesem Raster nur an bestimmten Stellen Punkte platziert. Je nach Kombination ergeben sich daraus verschiedene Buchstaben, Umlaute und Satzzeichen.

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In einem Sechs-Punkte-Raster sind insgesamt nur 64 Kombinationen möglich. Das wäre zu wenig, um alle 26 Buchstaben, Umlaute und sämtliche Satzzeichen abzubilden, wenn dabei außerdem die Klein- und Großschreibung beachtet werden soll. In der Brailleschrift gibt es deshalb nur kleine Buchstaben. Wenn doch einmal ein Großbuchstabe dargestellt und betont werden soll, weist ein Sonderzeichen vor dem eigentlichen Buchstaben darauf hin. So ähnlich werden auch Zahlen abgebildet: Die Zeichen für die Ziffern 0 bis 9 sind identisch mit den Buchstaben a bis j – davor steht aber jeweils ein Zahlzeichen.


#3: Gibt es die Blindenschrift auch in anderen Sprachen?

Alle Sprachen, für die es Schriftzeichen gibt, können auch in
Brailleschrift dargestellt werden. Sie wird von blinden Menschen auf der ganzen
Welt benutzt – zum Beispiel gibt es ganz eigene Punktkombinationen für das
russische Alphabet, für chinesische Schriftzeichen und für die Umlaute oder
andere Sonderzeichen der verschiedenen europäischen Sprachen. Sie alle werden immer
in dem einfachen Sechs-Punkte-Raster dargestellt, das Louis Braille entwickelt
hat.

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Mit dem System der Blindenschrift können nicht nur Schriftzeichen, sondern auch Symbole abgebildet werden. Louis Braille hat etwa auch eine Notenschrift entworfen, mit der sich blinde Menschen Musikstücke erschließen können. Außerdem gibt es mittlerweile Schriften für mathematische Zeichen, chemische Formeln und Strickmuster. Auch die Symbole solcher Sonderschriften werden im Sechs-Punkte-Raster abgebildet. Die Nutzerinnen und Nutzer müssen also lernen, welche Punktekombination für welche Musiknoten oder Formeln stehen. Wenn eine Sonderschrift benutzt wird, wird darauf jeweils am Seitenanfang hingewiesen.


#4: Wo gibt es Bücher in Brailleschrift zu kaufen oder zu
leihen?

In Deutschland bieten mehrere große Bibliotheken verschiedene Bücher und Noten in deutscher Blindenschrift, aber auch Hörbücher oder Hörfilme zum Leihen oder Kaufen an. Drei Beispiele sind das Deutsche Zentrum für barrierefreies Lesen (dzb lesen), der Verein „Norddeutsche Hörbücherei“ und das Bundesweite Kompetenzzentrum für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung (blista). Sie alle verschicken Leihbücher auch an blinde Leserinnen und Leser, die weiter weg wohnen. Übrigens befördert die Deutsche Post Briefe und Päckchen mit Literatur in Brailleschrift bis zu einem Gewicht von sieben Kilogramm kostenlos.

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Die Brailleschrift ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Blinde und Menschen mit Sehbehinderung lesen, lernen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Deshalb gehört sie in Deutschland seit März 2020 zum so genannten Immateriellen UNESCO-Kulturerbe. Dafür setzte sich der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) ein.


#5: Sind Bücher in Brailleschrift größer als Bücher in
gedruckter Schrift?

Ja, weil Braillezeichen viel höher und breiter sind als „Schwarzschrift“, wie gedruckte Buchstaben von Braille-Nutzerinnen und -Nutzern genannt werden. Punktschriftzeichen müssen deshalb in größerem Abstand zueinander stehen. Für ein Buch in Brailleschrift wird auch dickeres Papier benötigt, damit die Punkte erhaben genug und damit gut zu ertasten sind. Bücher in Blindenschrift sind also deutlich größer und schwerer als Bücher, in denen die gleichen Texte in Schwarzschrift abgebildet sind. Ein Beispiel: Das erste Buch der Harry-Potter-Reihe in Brailleschrift umfasst vier dicke Bände. Wie ein Braille-Buch entsteht, könnt ihr übrigens bei der Schweizerischen Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte nachlesen.

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Braille gibt es auch als Kurzschrift und sogar als Stenografieschrift. Beide können sehr viel schneller geschrieben und gelesen werden als die Basisschrift. Sie wurden Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt und waren damals eine wichtige Voraussetzung dafür, dass blinde Menschen in Büroberufen arbeiten konnten.


#6: Wie lesen und arbeiten blinde Menschen ohne Papier –
also am Computer oder mit dem Smartphone?

Am Computer wird meist eine Braillezeile verwendet, auch
Brailledisplay genannt. Das flexible Gerät übersetzt mit einer speziellen
Software den Text auf dem Bildschirm in Punktschrift. Dem jeweiligen
Punkteraster entsprechend springen auf der Braillezeile kleine Stifte nach oben.
So können Blinde Texte lesen und im Internet surfen. Manche Menschen lassen
sich den Text, der gerade auf dem Bildschirm zu sehen ist, auch gleichzeitig über
eine sogenannte Screenreader-Software vorlesen. Damit funktioniert übrigens
auch das Lesen auch auf dem Smartphone.

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Blinde Menschen können Texte am Computer entweder auf einer Standard-Tastatur oder auf einer Braille-Tastatur schreiben. Braille-Tastaturen kommen mit deutlich weniger Tasten aus als Standard-Tastaturen. Es gibt acht Punkttasten: sechs für die Punkte des Braille-Rasters und zwei zusätzliche, die am Computer für Sonderzeichen genutzt werden. Dazu kommen Pfeil- und Steuertasten sowie ein Nummernblock. Egal, mit welcher Tastatur gearbeitet wird: Auf der Braillezeile kann anschließend geprüft werden, ob alles richtig aufgeschrieben wurde.


#7: Wie entstehen selbst geschriebene Brailletexte?

Wenn ein Text vom Computer auf Papier übertragen werden
soll, kann dafür ein Brailledrucker verwendet werden, der einfach mit einem
Kabel angeschlossen wird. Eine Software übersetzt den getippten Text in
Braillezeichen, der Drucker prägt die Punkte ins Papier. Darüber hinaus gibt es
auch mechanische und elektrische Braille-Schreibmaschinen. Sie sehen so ähnlich
aus wie die Apparate, mit denen früher Texte in Schwarzschrift auf Papier
getippt wurden. Eine Braille-Schreibmaschine hat allerdings nur sieben Tasten: Je
eine für die insgesamt sechs Punkte, mit denen Buchstaben verschlüsselt werden
können, und eine Leertaste.

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Braille kann auch mit der Hand geschrieben werden. Dafür benutzen Blinde und Menschen mit Sehbehinderung eine Punktschrifttafel, also eine Metallplatte mit kleinen, rechteckigen Aussparungen. Jedes Loch ist so groß wie ein Braillezeichen. Die Punkte werden mit einem Metallstift auf der Rückseite ins Papier gedrückt. Der Text wird also in Spiegelschrift aufgeschrieben, denn zum Ertasten der Punkte muss das Papier später umgedreht werden.
Mit einer Punktschrifttafel lässt sich übrigens auch Klebefolie prägen. Damit können zum Beispiel Alltagsgegenstände wie Dosen für Gewürze, Mehl oder andere Lebensmittel beschriftet werden.





„Masking“ überflüssig machen: Wie ein barrierefreies Arbeitsumfeld für Menschen mit Autismus aussehen kann

Blickkontakt herstellen, lächeln, die Augenbrauen kurz anheben: Diese Gesichtsausdrücke verwenden viele nicht-autistische Menschen ganz selbstverständlich, wenn sie ihrem Gegenüber signalisieren möchten, dass sie ein Gespräch beginnen wollen. Menschen im Autismus-Spektrum können diese nonverbalen Zeichen intuitiv aber nicht deuten und setzen sie selbst auch nicht ein. Um nicht aufzufallen, ahmen deshalb viele autistische Menschen die Mimik oder Gesten nach, die sie bei ihren Mitmenschen beobachtet haben. Diese Anpassung wird „Masking“ (übersetzt: „Maskierung“) genannt.

In diesem Beitrag des Online-Magazins zett.de erzählen Menschen mit Autismus von ihren Erfahrungen damit, sich auf diese Weise besser in ihr Umfeld einzufügen. Sie erklären, wann und warum sie Masking einsetzen und wie es ihnen damit geht. Und sie machen Vorschläge, wie nicht-autistische Freunde und Kollegen sie unterstützen können, damit das Masking vielleicht eines Tages aus dem Privat- und Berufsleben autistischer Menschen verschwindet.




Sport für alle: Interview mit der Sportlotsin Linda Bull

Frau Bull, was genau macht eine Sportlotsin?

Meine Aufgabe ist es, Vereine mit Sportlerinnen und Sportlern mit Behinderung zusammenzubringen. Ich weise ihnen sozusagen den Weg zueinander – daher auch die Bezeichnung „Sportlotsin“. Außerdem motiviere ich Menschen mit Behinderung, die noch unsicher sind, ob sie überhaupt Sport treiben können. Manche sehen nämlich nur die Profisportlerinnen und -sportler im Fernsehen und denken: ‚So schnell kann ich nicht laufen, das ist nichts für mich‘. Ich zeige ihnen, dass Sport auch ganz leicht sein und Spaß machen kann.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich verknüpfe Menschen mit Behinderung, die Sport machen möchten, oder ihre Betreuerinnen oder Betreuer mit einem passenden Verein. Sie rufen mich an und wir sprechen darüber, was sie sich wünschen – und ich überlege, was gut passen könnte. Häufig melden sich auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Stiftung, die für eine Wohngruppe ein Angebot suchen. Und wenn es im jeweiligen Stadtteil noch keine inklusive Sportgruppe gibt, versuche ich, gemeinsam mit einem Verein vor Ort etwas Neues auf die Beine zu stellen.
Manchmal besuche ich auch Menschen in ihren Wohngruppen, die geistige und schwere körperliche Behinderungen haben und deshalb nicht so einfach an einem externen Sportkurs teilnehmen können. Ich zeige ihnen und ihren Betreuerinnen und Betreuern einige Übungen und Spiele, die sie auch zu Hause in ihrem Wohnbereich machen können und für die sie nur ein paar Alltagsgegenstände brauchen. Manchmal reichen schon kleine Wattebäusche und Luftballons, die über den Tisch gepustet oder geworfen werden, oder eine Papierkugel, die über einen Stift gerollt wird. Oder wir spielen Kommando Pimperle. Jede Bewegung ist gut für den Körper und für das Selbstbewusstsein.

Was bieten Sie sonst noch an?

Es gibt bei uns zum Beispiel Freizeitsportgruppen für Einsteiger. Dort probieren wir jede Woche verschiedene Sportarten aus, spielen Fußball und Basketball und balancieren über Sportgeräte. Wenn sich dabei herausstellt, dass jemand besonders viel Spaß am Fußball oder an einer anderen Sportart hat, versuchen wir anschließend, eine passende Mannschaft zu finden. Wenn er oder sie viel Talent hat und es sich zutraut, kann das natürlich auch ein fortgeschrittenes Team sein.
Darüber hinaus unterstützen wir Menschen mit Behinderung auch dabei, Wege zu finden, wie Mitgliedsbeiträge für Vereine oder Sportgruppen finanziert werden können. Wenn sie etwa in einer Einrichtung leben und Sozialleistungen beziehen, sind 20 oder 30 Euro im Monat oft kaum zu stemmen. Viele haben aber zum Beispiel einen Anspruch auf Reha-Sport, über den sich die Kosten oft auffangen lassen. Außerdem fördert der Hamburger Sportbund inklusive Kurse. Darauf weisen wir Vereine hin, wenn sie neue Angebote für Menschen mit Behinderung schaffen.

Eine Gruppe Menschen mit verschiedenen Behinderungen beim Sport in einer Turnhalle.
Foto: Aktion Mensch/Dominik Buschardt

Entstehen aus Freizeitangeboten manchmal auch inklusive Mannschaften in den Vereinen?

Ja, das entwickelt sich durchaus so. Das ist aber nicht unser Hauptziel. Inklusion bedeutet für uns, dass wir es jeder und jedem ermöglichen, ganz zwanglos Sport zu treiben, ganz egal, ob das in einer festen Gruppe oder Mannschaft geschieht. Manchmal fühlt sich jemand mit Behinderung in einem Team sogar eher unsicher, in dem auch Menschen ohne Behinderung spielen. Dann ist es besser, wenn sie oder er erst einmal zusammen mit der Wohngruppe oder mit Freunden trainieren und dabei einfach Spaß haben kann.

An wen genau richtet sich Ihr Angebot?

Wir unterstützen grundsätzlich alle, die Sport treiben möchten und bei uns anfragen. Unsere Hauptzielgruppe sind im Alltag aber Erwachsene mit geistiger Behinderung, weil sie am häufigsten in den Arbeits- und Wohngruppen der Stiftung leben und arbeiten.

Worauf kommt es in Ihrem Beruf an?

Ich muss immer sehr lokal denken und planen. Je nach Behinderung können manche Menschen nicht so ohne Weiteres zum Training in einen anderen Stadtteil fahren. Damit ich sie gut beraten und etwas Passendes anbieten kann, ist Netzwerkarbeit also sehr wichtig. Viele Vereine kommen aber inzwischen schon von selbst auf mich zu und fragen, wie sie neue Angebote für Menschen mit Behinderung schaffen könnten. Das freut mich und mein Team natürlich sehr. Ich gebe dann Tipps und stelle den Kontakt zu unseren Einrichtungen her, die in der Nähe liegen und für die es vielleicht noch keine lokale Sportgruppe gibt.

Worauf müssen Vereine achten, die Sport für Menschen mit Behinderung anbieten möchten?

Die Trainerinnen und Trainer sollten gut mit Menschen umgehen können und einfühlsam sein. Eine pädagogische Ausbildung brauchen sie nicht. Kleine Gruppen mit bis zu zehn Leuten sind zu empfehlen, wobei die Gruppengröße natürlich auch vom jeweiligen Angebot abhängt. Wenn Menschen mit körperlichen Behinderungen in den Sportgruppen sind, müssen der Sportraum und die Umkleiden natürlich barrierefrei zugänglich sein. Zu all dem beraten wir die Vereine aber sehr gern.


Porträtfoto von Linda Bull

Foto: Ev. Stiftung Alsterdorf, Bereich „Sport und Inklusion”

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Linda Bull
Geburtsjahr: 1991
Wohnort/Arbeitsort: Hamburg
Beruf:
Sportlotsin
Persönlicher Bezug zum Thema Behinderung: möchte Menschen mit Behinderung den Spaß am Sport näherbringen.

Die Evangelische Stiftung Alsterdorf und das Projekt „Gemeinsam mehr bewegen“

Bisher waren die Kernbereiche der Hamburger Stiftung Arbeits- und Wohngruppen für Menschen mit Behinderung und Pflege-, und Assistenzangebote. Im Jahr 2014 kam „Sport und Inklusion“ hinzu. Das Team in diesem Bereich verwaltet und vermietet zum Beispiel die stiftungseigene Sporthalle und organisiert Sportveranstaltungen und -feste, bei denen Menschen mit Behinderung verschiedene Sportarten und Bewegungsspiele ausprobieren können. 2018 wurde zusätzlich der Inklusions-Sport-Verein (ISV) Alsterdorf gegründet, der inklusive Sportkurse für alle Menschen im Stadtteil und darüber hinaus anbietet. Dabei entstand die Idee, dass sich auch andere Vereine in Hamburg für Menschen mit Behinderung öffnen könnten.

Genau hier setzt das Projekt „Gemeinsam mehr bewegen“ an, das seit 2019 besteht und von der Aktion Mensch gefördert wird. Im ersten Jahr erreichte das Team mit diesem Vermittlungsangebot für Freizeitsportlerinnen und -sportler sowie Vereine schätzungsweise rund 200 bis 300 Menschen mit Behinderung.

Einige von ihnen arbeiten inzwischen als Trainerassistentinnen oder Veranstaltungshelfer aktiv in ihren Vereinen mit. Die Fortbildungen dafür organisiert der Bereich „Sport und Inklusion“ in seinem Projekt „BLICKWINKEL“ in Zusammenarbeit mit „Special Olympics Deutschland“. Unter anderem geht es dabei um das Organisieren der Sportgruppen, das Planen von Übungsstunden oder Grundkurse in Erster Hilfe, aber auch um Teilhabe und Mitbestimmung.




Reisen mal anders: Der Blog von Natalie Dedreux

Natalie Dedreux möchte Journalistin werden. Die junge Frau arbeitet für das Magazin Ohrenkuss, für das nur Menschen mit Down-Syndrom schreiben, und hat ein Praktikum beim Deutschlandfunk gemacht. Sie hat auch einen eigenen Blog, auf dem sie regelmäßig Texte über politische Themen, ihren Alltag und ihre Reisen veröffentlicht. „Das Leben mit Down-Syndrom ist cool“, schreibt sie. Das möchte sie mit ihrem Blog und ihrem Instagram-Account auch Menschen ohne Down-Syndrom zeigen.

Wie viele andere Menschen auch musste Natalie Dedreux wegen der Corona-Pandemie ihre geplanten Reisen in diesem Jahr absagen. In ihren älteren Blogbeiträgen könnt ihr aber nachlesen, was sie in den vergangenen Jahren erlebt hat. Sie erzählt von einer Safari und einem Kochkurs in Südafrika, einem Kunstprojekt in der Ukraine und einem Hängemattentest in Berlin. Unser Tipp gegen Fernweh!




Stand-up im Rollstuhl: der Comedian Tan Çaglar (Radiobeitrag)

Tan Çaglar konnte über seine Behinderung lange Zeit weder lachen noch Witze machen. Er hat eine angeborene Erkrankung des Rückenmarks, die sich seit seiner Kindheit langsam verschlechtert hat. Bis er 22 Jahre alt war, konnte er laufen und spielte gerne Fußball. Als das nicht mehr ging, traf ihn das sehr hart. Er bekam eine Depression.
In diesem 25-minütigen MDR-Radiofeature erzählt Tan Çaglar, wie er die Depression überwunden hat, warum er mit Ende 30 Comedian geworden ist und was er über Inklusion denkt.

Zwischen den Interview-Ausschnitten und Moderationen werden übrigens immer wieder Auszüge aus Tan Çaglars erstem Bühnenprogramm „Rollt bei mir“ eingespielt – inzwischen ist er mit seinem zweiten Programm „Geht nicht? Gibt’s nicht!“ auf Tournee.




8 Fragen und Antworten zur Leichten Sprache

#1: Was ist die Leichte Sprache?

Die Leichte Sprache ist eine leicht verständliche Sprache, die geschrieben und auch gesprochen werden kann. Sie ist vor allem für Menschen mit Lernschwierigkeiten gedacht (früher: „Menschen mit geistiger Behinderung“), die Texte in der (schwierigeren) Alltagssprache nicht oder nicht gut lesen und verstehen können.

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Texte in Leichter Sprache können auch Menschen ohne Deutschkenntnisse helfen, die gerade die Sprache lernen. Auch für Gehörlose ist diese Sprachform unter Umständen besser zu lesen, weil manche die Deutsche Schriftsprache nicht so gut beherrschen. Das liegt daran, dass die Deutsche Gebärdensprache eine ganz andere Grammatik hat als die gesprochene und die Schriftsprache (das erklären wir hier genauer).


#2: Gibt es feste Regeln für die Leichte Sprache?

Ja, es ist genau festgelegt, wie Texte in Leichter Sprache geschrieben werden sollen. Die wichtigsten Regeln sind: Sätze sollen kurz sein und keine Fach- oder Fremdwörter enthalten. Zusammengesetzte Wörter werden getrennt geschrieben und mit einem Bindestrich oder einem Punkt verbunden, zum Beispiel „Bundes-Regierung“ oder „Bundes·regierung“. Außerdem sollten möglichst viele Fotos und Bilder verwendet werden, die beim Verstehen helfen.

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Die Regeln für die Leichte Sprache wurden von Menschen mit Lernschwierigkeiten erarbeitet. Mitglieder des Vereins „Netzwerk Leichte Sprache“ haben sie weiterentwickelt und aufgeschrieben.


#3: Sind Leichte Sprache und Einfache Sprache dasselbe?

Nein, die beiden Sprachformen sind unterschiedlich anspruchsvoll. Die Leichte Sprache entspricht dem Level A1 des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen – also ungefähr einem Anfängerkurs für Menschen ohne Deutschkenntnisse. Die Einfache Sprache liegt zwischen der Leichten Sprache und der Alltagssprache, sie entspricht ungefähr dem Level A2/B1 (Anfänger mit Vorkenntnissen/Fortgeschrittene). Sie ist für Menschen gedacht, die aus verschiedenen Gründen mit dem Lesen und Schreiben Probleme haben.

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Anders als bei der Leichten Sprache gibt es für die Einfache Sprache kein festes Regelwerk, sondern nur Empfehlungen. Texte in Einfacher Sprache sollen zum Beispiel ebenfalls aus möglichst kurzen Sätzen bestehen. Im Gegensatz zur Leichten Sprache sind hier aber auch (gut verständliche) Nebensätze erlaubt.


#4: Welche Texte gibt es in Leichter Sprache?

Viele öffentliche Einrichtungen und Institutionen, zum Beispiel die Deutsche Bundesregierung, veröffentlichen Informationen in Leichter Sprache auf ihren Internetseiten oder in Broschüren. Es gibt aber auch viele Bücher mit Geschichten, die in die Leichte oder die Einfache Sprache übertragen wurden, zum Beispiel hier oder hier.

Auch interessant:

Das Netzwerk Leichte Sprache hat vor einigen Jahren die Deutschen Grundrechte in die Leichte Sprache (Link führt zum PDF) übertragen. Das war sehr wichtig, denn viele Menschen mit Lernschwierigkeiten kannten bis dahin ihre Grundrechte gar nicht.


#5: Gibt es auch andere Sprachen in vereinfachter Form, zum Beispiel Leichtes Englisch?

Ja, viele europäische Sprachen gibt es auch in einer vereinfachten Form. Leichtes Englisch heißt zum Beispiel „Easy to read“ (Übersetzung: „Leicht zu lesen“) und wird in den USA und in Großbritannien verwendet. Auch in Frankreich, den Niederlanden, Skandinavien und vielen weiteren Ländern ist die Leichte Sprache schon lange anerkannt.

Auch interessant:

„Easy to read“ ist in den 1970er-Jahren entstanden und war die erste Leichte Sprache der Welt. Etwa 20 Jahre später wurde die Idee auch in Deutschland aufgegriffen.


#6: Wie entstehen Texte in Leichter Sprache?

Ähnlich wie für Fremdsprachen gibt es auch für die Leichte Sprache Übersetzerinnen und Übersetzer. Sie werden von Institutionen, Organisationen oder Verlagen beauftragt. Bevor sie anfangen, einen Text in die Leichte Sprache zu übertragen, fassen sie den Inhalt grob zusammen. Dabei achten sie vor allem darauf, welche Informationen für Menschen mit Lernschwierigkeiten besonders wichtig sind und was wegfallen kann, damit der Text in Leichter Sprache nicht zu lang wird. Für ein gutes Ergebnis besprechen die Übersetzerinnen und Übersetzer die wichtigen Inhalte am besten mit Prüferinnen und Prüfern für Leichte Sprache (siehe #7).

Auch interessant:

Die meisten Texte in Einfacher Sprache sind ebenfalls eine Übersetzung der Alltagssprache. Hier stellen wir euch ein Buch vor, für das bekannte Autorinnen und Autoren zum ersten Mal ganz neue Geschichten in Einfacher Sprache geschrieben haben.


#7: Woher wissen die Übersetzerinnen und Übersetzer, wann Menschen mit Lernschwierigkeiten einen Text gut verstehen können?

Wenn ein Text in die Leichte Sprache übertragen wurde, lesen ihn anschließend Prüferinnen und Prüfer mit Lernschwierigkeiten. Sie kontrollieren, wie gut die Übersetzung ist. Verstehen sie einen Satz oder den ganzen Text nicht, müssen die Übersetzerinnen und Übersetzer ihn noch einmal überarbeiten.

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Prüferinnen und Prüfer für Leichte Sprache arbeiten oft in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). Sie kontrollieren dort im Rahmen ihrer Beschäftigung Texte, die in Leichte Sprache übersetzt wurden. In Zukunft sollen die Prüferinnen und Prüfer sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen – dafür setzen sich die Mitglieder des Netzwerks Leichte Sprache ein. Sie entwickeln dafür in einem Modellprojekt zusammen mit der Caritas Augsburg eine neue Qualifizierung. Das Konzept: Menschen mit Lernschwierigkeiten sollen künftig als Büropraktikerin oder Büropraktiker für Leichte Sprache in öffentlichen Einrichtungen oder anderen Organisationen Texte in Leichter Sprache prüfen und andere Büroaufgaben übernehmen.


#8: Gibt es auch Kritik am Konzept der Leichten Sprache?

Ja, einige Politiker und Journalistinnen haben zum Beispiel kritisiert, dass bei der Übertragung in die Leichte Sprache Inhalte weggelassen oder zu stark vereinfacht erklärt werden. Oft kennen sich Kritikerinnen und Kritiker aber gar nicht richtig mit der Leichten Sprache aus: Sie wissen nicht, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten genau diese Vereinfachungen brauchen, um einen Text überhaupt zu verstehen.

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Texte in Leichter Sprache sind immer als Zusatzangebot gedacht, damit alle Menschen wichtige Informationen lesen können. Die Leichte Sprache soll auch in Zukunft nicht die Standardsprache ersetzen. Das wird oft falsch verstanden.


Das Netzwerk Leichte Sprache

Für diesen Text haben wir mit Thorsten Lotze gesprochen, der als Übersetzer für Leichte Sprache arbeitet und im Vorstand des Vereins „Netzwerk Leichte Sprache“ ist. Insgesamt gehören vier Übersetzerinnen und Übersetzer und sechs Menschen mit Lernschwierigkeiten zum Vorstand des Netzwerks.
Der Verein wurde 2006 gegründet und hat inzwischen 170 Mitglieder aus sieben Ländern, in denen Deutsch gesprochen wird: Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tirol (Region in Italien), Luxemburg, Belgien und den Niederlanden. Die Mitglieder sind entweder Einzelpersonen – zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten, Übersetzerinnen und Übersetzer – oder Organisationen wie die AWO, die Caritas und die Diakonie. Sie alle engagieren sich in Arbeitsgruppen für eine gute Qualifizierung von Übersetzerinnen und Prüfern – oder auch dafür, dass mehr Menschen auch in Leichter Sprache sprechen und es zum Beispiel bei großen Veranstaltungen mehr Vorträge in Leichter Sprache gibt. Einmal pro Jahr findet ein großes Netzwerktreffen statt, bei dem sich die Mitglieder austauschen.