Von Redaktion: Eva Windhausen Menschen und ihre Geschichten

„Ich war schon immer neugierig und kreativ“

Im Journalismus sollten viel mehr Menschen mit Behinderungen arbeiten, findet unser Interviewpartner Hugo Schmidt – weil andere Perspektiven gerade in diesem Berufsfeld so wichtig sind, aber auch, weil der Job einfach spannend ist. Der 24-jährige Student, der eine unbekannte Muskelkrankheit hat, will selbst Journalist und Dokumentarfilmer werden. Im Interview erzählt er, welche Erfahrungen er in Produktionsfirmen und Redaktionen bisher gesammelt hat und was er sich für seinen Berufseinstieg wünscht.

Hugo Schmidt mit ZDF-Mikrofon

Herr Schmidt, warum wollen Sie Journalist werden?

Im Journalismus kann man immer wieder unterschiedliche und abwechslungsreiche Erfahrungen und Einblicke sammeln und dabei Geschichten erzählen. Ich studiere Niederlande-Deutschland-Studien, einen sehr abwechslungsreichen Studiengang, in dem es unter anderem um Geschichte, Politik und Kultur geht. Diese Vielfalt finde ich sehr spannend. Außerdem war ich schon immer neugierig und auf unterschiedliche Weise kreativ. Ich schreibe zum Beispiel, mache Fotos und drehe Filme.

Wie viele andere junge Journalist:innen auch haben Sie sich diesen Beruf vorab von innen angeschaut und als Praktikant gearbeitet. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Ich habe zunächst in einer Lokalredaktion der Tageszeitung „Westfälische Nachrichten“ ein Praktikum absolviert und war dort anschließend als freier Mitarbeiter aktiv. Das war sehr lehrreich. Ich habe erste journalistische Techniken beigebracht bekommen und gelernt, mit meiner Behinderung im beruflichen Kontext umzugehen.

Ist diese von Anfang an ein Thema gewesen?

Ich musste später begleitend zu meinem Studium ein Pflichtpraktikum machen, das habe ich im ZDF-Landesstudio in Düsseldorf absolviert. Im Zusammenhang mit meiner Behinderung gab es dort zu Beginn „falsche Berührungsängste“, wie meine Chefin es beschrieb. Diese Unsicherheit konnte ich bei meinen Kolleg:innen aber schnell beseitigen. Die drei Monate in der Landesredaktion waren dann eine der spannendsten und interessantesten Erfahrungen in meinem bisherigen Leben.

Warum?

Ich durfte unter anderem den Ministerpräsidenten Hendrik Wüst interviewen oder auch für das ZDF-Morgenmagazin die Versteigerung des Nachlasses von Karl Lagerfeld begleiten. Daneben konnte ich vier eigene Beiträge zu verschiedenen Themen produzieren, zum Beispiel über das älteste Faultier der Welt oder die Gesundheit der Wälder. Meine Behinderung hat nur in einem kleinen, aber dann doch entscheidenden Detail eine Rolle gespielt: Wegen meiner Muskelerkrankung habe ich manchmal eine etwas undeutliche Aussprache. Daher habe ich meine Fernsehbeiträge nicht selbst eingesprochen, das hat ein Kollege für mich übernommen.

Ist Journalismus aus Ihrer Sicht ein Berufsfeld, in dem Inklusion schon selbstverständlich ist – oder muss sich noch etwas verbessern?

Es ist auf jeden Fall ein Berufsfeld, in dem Inklusion möglich wäre. Es kommt aber noch viel zu selten vor. Im Journalismus geht es oft um Schnelligkeit, Präzision und Leistung – alles Anforderungen, die schnell zu falschen Vorurteilen führen, weil Menschen mit Behinderung unterstellt wird, dass sie das alles nicht beherrschen. Das stimmt nicht, schon allein deshalb, weil es ja nicht „die eine Behinderung“ gibt, sondern jede und jeder sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringt. Vorurteile führen wiederum zu fehlender Inklusion. Gerade im Journalismus geht es meiner Meinung nach aber einfach viel um Perspektiven: Man muss zeigen, schreiben oder sagen, was ist, und das aus möglichst unterschiedlichen Blickwinkeln. Nur so werden Themen interessant und verständlich für alle. Dabei zählen auch die Sichtweisen von Menschen mit Behinderung. Ich finde es deshalb wichtig, dass Menschen mit Behinderung in Medien und Kultur nicht nur vorkommen, sondern diese auch selbst gestalten.

Begegnen Ihnen Barrieren im Arbeitsalltag? Falls ja: Welche – und was müsste sich für Sie ändern, damit diese verschwinden?

In meinem Alltag merke ich in den ersten Sekunden oder Minuten oft eine gewisse Unsicherheit bei anderen Personen. Ich sehe den Menschen an, wie sie im Kopf einen Fragenkatalog durchgehen, Vorurteile sortieren – aber ich sehe auch, wie sich diese erste Unsicherheit wieder legt. Das geht mal ganz schnell oder manchmal erst nach einem etwas längeren Moment. Ich denke, es ist in allen Bereichen und Situationen wichtig, dass sich niemand von dieser Verunsicherung einnehmen lässt. Wir alle haben das, das ist völlig menschlich. Aber ich wünsche mir, dass wir alle offen auf andere zugehen – das gilt sowohl für Menschen ohne als auch für solche mit Behinderung.

Was wünschen Sie sich für Ihren Berufseinstieg nach Ihrem Studium?

Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Vielleicht, weil das noch etwas in der Zukunft liegt. Meine bisherigen beruflichen Erfahrungen waren alle sehr schön und spannend. Daher wünsche ich mir, dass mein tatsächlicher Berufseinstieg diesen Erfahrungen möglichst nahekommt.

Über unseren Interviewpartner

Porträtfoto von Hugo Schmidt
Foto: privat

Name: Hugo Schmidt
Geburtsjahr: 1998
Wohn- und Arbeitsort: Münster und das Münsterland
Beruf: Student
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: lebt seit seiner Geburt mit einer ungeklärten Muskelerkrankung

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