Von Projekte und Unternehmen

Das Projekt „enterability“ unterstützt Gründerinnen, Gründer und Selbstständige mit Behinderung

Selbstständiges Arbeiten oder die Gründung eines Unternehmens kann für Menschen mit schweren Behinderungen eine große Chance sein. Manfred Radermacher vom Berliner Projekt „enterability“ erklärt im Interview, warum. Er und sein Team beraten Menschen, die über diesen Schritt nachdenken, informieren Gründerinnen und Gründern mit Behinderung zu finanziellen Fördermöglichkeiten und geben Tipps, wie sie sich auf die Selbstständigkeit vorbereiten sollten.

Zwei Frauen sitzen in einem hellen Raum an einem Schreibtisch und schauen gemeinsam auf einen Laptop, auf dem eine Website aufgerufen ist. Beide sind nur von hinten zu sehen, dazwischen der Laptop..

Herr Radermacher, was ist enterability?

enterability ist ein Projekt der gemeinnützigen GmbH Social Impact, die unter anderem soziale Start-ups und Innovationen fördert. Wir von enterability beraten und unterstützen Menschen mit Schwerbehinderung, die in Berlin leben und sich selbstständig machen möchten oder schon länger selbstständig arbeiten. Das Besondere an uns ist, dass wir uns ganz auf das Thema Gründung mit Schwerbehinderung spezialisiert und wirklich alle Informationen dazu gesammelt haben. Vorher gab es kein vergleichbares Angebot in Berlin – bis jetzt gibt es in ganz Deutschland keins. Die Nachfrage war riesig, deshalb hatten wir von Anfang an lange Wartelisten. Eine Kollegin und ich haben enterability 2004 als Modellprojekt aufgebaut. Im Laufe der Jahre sind wir stark gewachsen. Heute arbeiten wir im Auftrag des Integrationsamts Berlin mit insgesamt sieben Beraterinnen und Beratern auf fünf Vollzeitstellen und sind der offizielle „Integrationsfachdienst Selbstständigkeit“. Deshalb ist unser Angebot auch komplett kostenlos.

Was bieten Sie an?

Unser Schwerpunkt sind individuelle Beratungsgespräche, in denen wir mit den Gründerinnen und Gründern über einen längeren Zeitraum intensiv über ihre Geschäftsidee und über ihre persönliche Situation sprechen. Zu Beginn bieten wir Infoveranstaltungen an, auf denen wir unser Projekt vorstellen, Fragen zu Fördermöglichkeiten beantworten und erklären, wie man einen Businessplan schreibt. Später im Prozess kommen Seminare hinzu, zum Beispiel zu den Themen Marketing, Buchhaltung, Steuern und Recht, aber auch zu Zeitmanagement und Selbstfürsorge. Gerade die letzten beiden werden oft vergessen, dabei sind sie für Menschen mit Behinderung noch wichtiger als für Gründerinnen und Gründer ohne Behinderung.

Welche Vorteile hat eine Selbstständigkeit für Menschen mit Behinderung?

Ein großer Vorteil ist, dass sie sich ihre Arbeitszeiten und Pausen selbst so einteilen können, dass sie am besten und effektivsten arbeiten können. Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben sie diese Freiheit oft nicht. Für viele Menschen mit Behinderung ist die Gründung deshalb die einzige Möglichkeit, wieder zu arbeiten. Wir unterstützen sie dabei.

Ist die Behinderung der Person in den Beratungsgesprächen auch sonst ein Thema?

Ja, weil das ein wichtiger Teil der persönlichen Situation ist. Der Arbeitsalltag kann in der Selbstständigkeit auch nur dann langfristig gut funktionieren, wenn er gut zum Menschen passt. Wenn jemand zum Beispiel eine Hörbehinderung hat, kommuniziert sie oder er anders mit den Kunden als ein Selbstständiger ohne Behinderung – darüber müssen wir sprechen und überlegen, was das bedeutet. Eine Gehbehinderung bringt oft mit sich, dass die Mobilität und Flexibilität etwas anders sind. Wenn jemand wegen seiner Behinderung Schmerzen hat, hat das ebenfalls Auswirkungen. Sie oder er muss vielleicht mehr Pausen einplanen oder nimmt womöglich Medikamente, die zu einer bestimmten Tageszeit müde machen. All das besprechen wir ganz offen und helfen unseren Klientinnen und Klienten dabei, die eigenen Voraussetzungen realistisch einzuschätzen. Anschließend spielen wir durch, was das im Einzelnen für den Arbeitsalltag der Person bedeutet, damit die Selbstständigkeit langfristig gut laufen kann – wie sie ihre Arbeit also behinderungsgerecht gestalten kann.

Raten Sie manchmal auch von einer Gründung ab?

Ja, zum Beispiel, wenn wir glauben, dass eine Geschäftsidee nicht funktionieren kann. Einige merken in der Beratung auch, dass eine Selbstständigkeit für sie nicht das Richtige ist. Ein Hauptgrund dafür ist, dass sie als Freiberuflerinnen oder Unternehmer mit einem gewissen finanziellen Risiko leben müssen. Das Einkommen ist nicht so regelmäßig und verlässlich wie bei einer Festanstellung. Wenn man selbstständig arbeitet, muss man sich außerdem auch um Marketing, die Buchhaltung oder das Thema Steuerrecht kümmern. Viele können den Umfang dieser Zusatzaufgaben oft erst im Laufe der Zeit richtig überblicken.

Wir helfen unseren Klientinnen und Klienten dabei, die eigenen Voraussetzungen realistisch einzuschätzen und ihre Arbeit behinderungsgerecht zu gestalten.
Manfred Radermacher von “enterability”

Wie viele der Menschen, die Sie beraten, machen sich selbstständig?

Etwa ein Drittel. Wir haben inzwischen rund 1.500 Menschen mit Behinderung begleitet, etwa 500 davon arbeiten heute hauptberuflich selbstständig. Einige andere haben ihre Geschäftsidee nebenberuflich verwirklicht oder während der Beratung eine Fortbildung angefangen, die sie in ganz andere Jobs geführt hat. Für uns ist das sehr erfreulich, denn wir wollen ja genau das erreichen: Dass die Menschen mit unserer Unterstützung und Beratung für sich persönlich die richtige Entscheidung treffen und ihren Weg machen.

Sind bestimmte Berufe bei Gründerinnen und Gründern mit Behinderung besonders beliebt?

Nein, die Bandbreite ist sehr groß. Ich würde aber sagen, dass sich die meisten hier eher „berlintypische“ Jobs aussuchen. Sie ergreifen zum Beispiel oft kreative Berufe, entscheiden sich für die Kommunikationsbranche oder machen sich in der Gesundheitsberatung selbstständig. Die meisten sind übrigens klassische „Einzelkämpfer“, wir haben bisher also kaum Gruppen begleitet, die gemeinsam gegründet haben. Und es gibt auch nur wenige Selbstständige mit Behinderung, die später Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen.

Sie sprechen mit Ihren Klientinnen und Klienten auch viel über finanzielle Unterstützungsangebote für Selbstständige. Welche Zuschüsse gibt es für Menschen mit Behinderung?

Da gibt es sehr viele Möglichkeiten. Sie können zum Beispiel bei der Agentur für Arbeit einen Gründungszuschuss beantragen, der in der Startphase die Kosten für den Lebensunterhalt deckt. Wenn ein Büro eingerichtet oder Maschinen gekauft werden müssen, kann ein Gründungsdarlehen eine gute Möglichkeit sein. Diese Starthilfe wird von staatlichen Banken oder Förderbanken angeboten. Darüber hinaus können Gründerinnen und Gründer mit Behinderung beim zuständigen Integrations- oder Inklusionsamt Zuschüsse beantragen, wenn sie für ihre Arbeit technische Ausstattung anschaffen müssen – zum Beispiel Braillezeilen, große Bildschirme oder bestimmte Software für die Arbeit am Computer mit einer Sehbehinderung. Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer wiederum müssen eventuell ihr Auto umbauen lassen. Auch das fällt unter technische Ausstattung. Es gibt auch Zuschüsse für eine Arbeitsassistenz, also für einen Gebärdensprachdolmetscher beispielsweise oder eine Begleiterin, die blinde Selbstständige auf beruflichen Reisen unterstützt, wo sie oft unbekannte Wege laufen müssen. In solchen Fällen wird genau geprüft, bei welchen Arbeitsschritten und wie viele Stunden pro Woche jemand Unterstützung benötigt.

Sie beraten auch Selbstständige mit Behinderung, die schon länger freiberuflich arbeiten. Mit welchen Fragen kommen sie zu Ihnen?

Bei diesen Gesprächen geht es oft um sehr konkrete Probleme, die zum Beispiel im Marketing, bei den Finanzen oder im Zusammenhang mit einer behinderungsbedingten Förderung aufgetreten sind. Manche kommen auch zu uns, weil sich ihre Gesundheit durch die Behinderung verschlechtert hat, sie deshalb weniger arbeiten können oder nicht mehr so mobil sind. Wir unterstützen dann mit einer gezielten Einzelberatung dabei, das Geschäftsmodell anzupassen. Und wenn jemand überhaupt nicht mehr arbeiten kann, helfen wir, das Unternehmen abzuwickeln. In solchen Fällen ist es wichtig, an alles zu denken und gut zu ordnen, damit es nicht zu einer Insolvenz kommt. Das kommt zum Glück aber nur ganz selten vor – und manchmal finden wir selbst dann noch eine Möglichkeit, an die vorher noch nicht gedacht wurde.


Porträtfoto von Manfred Radermacher

Foto: Silke Weinsheimer

Über unseren Interviewpartner

Name: Manfred Radermacher
Geburtsjahr: 1959
Arbeitsort: Berlin
Beruf: Projektleiter und Gründungsberater für Menschen mit Schwerbehinderung

Beratung und Fördermöglichkeiten für Selbstständige in der Region

Menschen mit Behinderung, die in Westfalen-Lippe wohnen und selbstständig arbeiten oder arbeiten möchten, können sich von den Fachstellen „Behinderte Menschen im Beruf“ dabei unterstützen und beraten lassen. Dort können auch direkt Zuschüsse und Darlehen beantragt werden.
Die richtigen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner und weitere Informationen findet ihr auf der Website des LWL-Inklusionsamts Arbeit.

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