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Inklusionsbarometer Arbeit 2022: Situation etwas schlechter als im Vorjahr

Die Aktion Mensch überprüft zusammen mit dem Handelsblatt Research Institute jedes Jahr die Situation und die Chancen für Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Das Besondere beim „Inklusionsbarometer Arbeit“ in diesem Jahr: Es wurde nicht nur die so genannte Inklusionslage anhand statistischer Daten erhoben, sondern auch das Inklusionsklima, das auf einer repräsentativen Umfrage beruht. Diese wird nur alle fünf Jahre durchgeführt. Ein Überblick über die wichtigsten Fakten.

Eine Frau und ein Mann mit Rollstuhl während einer Video-Konferenz

Das Gesamtergebnis des Inklusionsbarometers Arbeit (mehr dazu unten) ist etwas schlechter als im letzten Jahr: Der Wert liegt 2022 bei 113,2 im Vergleich zu 114,2 im Vorjahr. Ein Wert über 100 bedeutet aber grundsätzlich, dass sich die Lage verbessert, und das ist erfreulicherweise auch dieses Jahr wieder der Fall. Eine weitere gute Nachricht: Nach Jahren der Krise sinken die Arbeitslosenzahlen wieder. Gleichzeitig ist jedoch die Anzahl der langzeitarbeitslosen Menschen mit Behinderung weiter gestiegen, und zwar um über fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Inklusionsklima schlechter

Beim Inklusionsklima, dem eine repräsentative Umfrage zugrunde liegt, zeigt ein Barometerwert von über 50 grundsätzlich ein positives Klima an. Dieser Wert wurde zwar auch 2017 bei der letzten Erhebung nicht erreicht. Aber er ist dieses Jahr in allen Regionen Deutschlands sogar noch weiter gesunken. Nordrhein-Westfalen etwa war 2017 mit einem Wert von 43,5 noch Spitzenreiter, dieses Jahr lag der Wert nur noch bei 40. Schlusslicht ist und bleibt der Süden Deutschlands mit einem Wert von 38 (im Vergleich zu 40 im Vorjahr).

Weiterhin viel Aufklärungsarbeit nötig

Außerdem stellte sich heraus, dass 41 Prozent der kleinen Unternehmen, die mindestens einen Menschen mit Behinderung beschäftigen, die staatliche Förderung für solche Arbeitsplätze nicht kennen. Das sind zwar zwei Prozent mehr als im Vorjahr, doch zeigt diese eher kleine Veränderung, dass nach wie vor viel Aufklärungsarbeit bei diesem Thema nötig ist. Gerade für kleine Unternehmen spielen finanzielle Fragen aber vermutlich eine große Rolle bei der Überlegung, ob sie einen Arbeitsplatz für einen Menschen mit Behinderung einrichten können oder wollen – daher könnte es sich positiv auswirken, wenn die staatliche Förderung bekannter wäre.

Weitere Fakten im Überblick

  • Wenn einmal ein Arbeitsverhältnis besteht, bleibt es deutlich häufiger auch erhalten als früher. Im Jahr 2021 gab es mit 19.746 so wenig Anträge auf Kündigung von Menschen mit Behinderung wie noch nie seit Erscheinen des ersten Inklusionsbarometers im Jahr 2013. Diese Entwicklung hat sich 2022 weiter stabilisiert. Den größten Fortschritt hat Bayern gemacht. Hier wurden 24,1 Prozent weniger Anträge auf Kündigung gestellt als im Vorjahr.
  • Ganz anders sieht die Situation für Menschen mit Behinderung aus, die doch arbeitslos geworden sind. Im vergangenen Jahr gelang nur drei Prozent von ihnen die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt. Bei Menschen ohne Behinderung waren es sieben Prozent. Das heißt: Arbeitslose ohne Behinderung haben eine mehr als doppelt so hohe Chance, eine Wiederanstellung zu finden, als Arbeitslose mit Behinderung.
  • Die Mehrheit der Unternehmen sieht in der Digitalisierung eine Chance für Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt. Zugleich haben aber nur drei Prozent in Folge der Digitalisierung auch Menschen mit Behinderung eingestellt.
  • Rund 173.000 Unternehmen in Deutschland sind gesetzlich dazu aufgefordert, mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Menschen zu besetzen, die eine Behinderung haben. Dieser Pflicht kommen aber nur 40 Prozent der Unternehmen im vorgeschriebenen Umfang nach.25 Prozent beschäftigen überhaupt keine Arbeitnehmer:innen mit Behinderung, sondern zahlen stattdessen die sogenannte Ausgleichsabgabe in voller Höhe.
  • Im Kontrast dazu machen die Unternehmen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen, vor allem positive Erfahrungen damit: 80 Prozent geben laut der Befragung im Rahmen des Inklusionsklimabarometers an, dass sie keine Leistungsunterschiede zwischen Kolleg:innen mit und ohne Behinderung wahrnehmen.
Grafik mit den wichtigsten Ergebnissen des Inklusionsbarometers Arbeit 2022
Grafik: Aktion Mensch

Was ist das Inklusionsbarometer Arbeit?

Die Aktion Mensch analysiert seit 2013 jedes Jahr die Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Dazu werden statistische Daten bezüglich der Beschäftigung von Menschen mit Schwerbehinderung in Beziehung zueinander und zu den Vorjahren gesetzt. So kann viel genauer als etwa nur mit der Arbeitslosenzahl von Menschen mit Schwerbehinderung gemessen werden, wie sich die Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tatsächlich entwickelt – im Detail und über einen längeren Zeitraum hinweg.

Wie setzt sich das Ergebnis zusammen?

Für die Studie arbeitet die Aktion Mensch eng mit dem Handelsblatt Research Institute zusammen. Das Forscher:innen-Team wertet für das Barometer einerseits vorhandene statistische Daten aus (=Inklusionslagebarometer) und führt zusätzlich alle fünf Jahre eine repräsentative Umfrage durch (=Inklusionsklimabarometer). Aus beidem zusammen setzt sich der Gesamtwert der Studie, das Inklusionsbarometer Arbeit, zusammen. Wenn das Ergebnis unter 100 liegt, deutet das auf eine Verschlechterung der Inklusion auf dem Arbeitsmarkt hin. Werte über 100 bedeuten eine Verbesserung.
Dabei wird immer der Wert des Jahres 2013 als Bezugsgröße zugrunde gelegt, in dem die Erhebung das erste Mal durchgeführt wurde. Damals wurde ein Durchschnittswert für die Jahre 2006 bis 2010 berechnet und dann gemessen, wie sich dazu im Vergleich die Inklusion im Jahr 2013 entwickelt hatte.

Wie wird das Inklusionsklima erhoben?

Für das Inklusionsklima wurden 800 abhängig Beschäftigte mit anerkannter Schwerbehinderung und 500 Personalverantwortliche in Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeiter:innen befragt, die auch Menschen mit Schwerbehinderung beschäftigen.

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