Von Fundstücke aus dem Netz | Menschen und ihre Geschichten

„Blind ist nur eine von vielen Eigenschaften“

Lydia Zoubek ist in Jordanien geboren, ihre Eltern kamen mit ihr nach Deutschland, als sie vier Jahre alt war. Die heute 51-Jährige ist von Geburt an blind. Auf ihrem Blog lydiaswelt.com schreibt sie über ihr Leben mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern – dafür war sie 2019 für den Grimme Online Award nominiert. Unser Fundstück der Woche ist ein Artikel aus diesem Blog zu der Frage, wie und in welchen Situationen sehende Menschen Blinde im Alltag unterstützen können – und was der Unterschied zwischen „gut gemeint“ und echter Hilfe ist.

Lydia Zoubek als Nominierte beim Grimme-Online-Award 2019.

Lydia Zoubek ist unentschlossen: U-Bahn oder S-Bahn? Sie überlegt einen Moment. Während sie so dasteht und abwägt, packt sie plötzlich jemand am Arm. Sie ist erschrocken: Wer ist das und was will diese Person von mir? Sie befreit sich aus dem Griff und sagt, dass sie das nicht möchte. Die alte Dame, die ihr „nur helfen“ wollte, wie sich später herausstellt, hatte es offenbar gut gemeint – doch sie konnte gar nicht wissen, ob die Lydia Zoubek überhaupt Hilfe wollte. Sie hatte auch nicht gefragt, ob es in Ordnung ist, wenn sie sie anfasst.

Die Szene stammt aus einem Artikel im Blog lydiaswelt.com, auf dem die blinde Autorin solche und andere Situationen beschreibt. Als Antwort auf eine Frage, die die Bloggerin von sehenden Menschen regelmäßig hört, hat sie schon im Jahr 2017 einen zeitlosen Beitrag geschrieben: „Wie kann man blinden Menschen helfen?“

Der Artikel ist keine Gebrauchsanweisung, sondern beschreibt Beispiele aus Lydia Zoubeks Alltag. Dazu formuliert die Bloggerin noch ein paar Ratschläge, an denen sich sehende Menschen im Zweifel orientieren können.

„Blinde Menschen haben dieselben Eigenschaften wie nicht blinde Menschen. Das gilt nicht nur für Aussehen und innere Werte, sondern auch für die Selbständigkeit. Es gibt sie in absolut unbeholfen bis zum Superheld.“
Lydia Zoubek

Am wichtigsten ist für Lydia Zoubek ein respektvoller Umgang miteinander. Denn wer Blinde als grundsätzlich hilfsbedürftige Menschen wahrnimmt, ist auf dem Holzweg.
Die Bloggerin wünscht sich, dass andere je nach Situation einfach Unterstützung anbieten und abwarten, ob sie diese Hilfe annehmen möchte oder nicht – zum Beispiel in unübersichtlichen Momenten im Straßenverkehr. Manchmal entsteht daraus ein nettes Gespräch, manchmal nicht. Das sehende Gegenüber darf sich also auch einfach wieder verabschieden. Ganz so, wie es mit fremden Menschen ohne Sehbehinderung auch ist, wenn eine Situation wieder vorbei ist.

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