Von Projekte und Unternehmen

Das Modellprojekt „CASCO – vom Case zum Coach“

Menschen mit Behinderungen sind Expertinnen und Experten in eigener Sache. Sie könnten ihre Belange also – vor allem in der Politik – am besten selbst vertreten. Das Problem: Für Weiterbildungen in diesem Bereich fehlen gut ausgebildete Referentinnen oder Referenten, die selbst eine Behinderung haben und ihr Wissen an andere weitergeben können.
Das Modellprojekt CASCO soll diese Leerstelle füllen. Im Interview erklärt Barbara Vieweg von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e. V., wie das funktioniert und warum eine solche Weiterbildung eine berufliche Chance sein kann.

Frau Vieweg, Sie setzen sich mit Ihrer Interessenvertretung für das selbstbestimmte Leben von Menschen mit Behinderung ein. Mit dem Projekt CASCO engagieren Sie sich im Bereich Weiterbildung. Warum ausgerechnet dort?

Weil es ein zentraler Grundsatz menschenrechtsorientierter Behindertenpolitik ist, dass Menschen mit Behinderung als Expertinnen und Experten in eigener Sache auftreten und an Beteiligungsprozessen teilnehmen können. Im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention (kurz: „UN-BRK“) müsste das längst Standard sein. Leider werden viele Weiterbildungen im Bereich der Behindertenarbeit, zum Beispiel Workshops in Unternehmen zum Thema Barrierefreiheit, nach wie vor nicht von Menschen mit Behinderung geleitet. Sie werden höchstens am Rande als Mitwirkende eingesetzt.

Zugleich haben wir die Situation, dass den Trägern von Weiterbildungsangeboten der Zugang zu entsprechenden Kräften fehlt. Sie finden also oft niemanden, selbst wenn sie explizit Referentinnen und Referenten mit Behinderungen für ihre Veranstaltungen suchen. Nicht zuletzt gibt es auch noch eine weitere Leerstelle: Bislang gibt es kein Angebot für angehende Expertinnen und Experten mit Behinderung, sich qualifiziert und auf Grundlage der UN-BRK zu fachlich kompetenten Referentinnen und Referenten weiterbilden zu lassen. Das müsste aber dringend gegeben sein, damit die Belange von Menschen in der Politik auch tatsächlich berücksichtigt werden können – und genau hier setzen wir mit CASCO an.

Was ist das Ziel des Modellprojekts – und was haben Sie schon erreicht?

Wir haben im Rahmen von CASCO ein Curriculum, also einen Ausbildungsplan für die gezielte Qualifizierung von Menschen mit Behinderungen erarbeitet. Damit können diese sich zu Referentinnen und Referenten für eine menschenrechtsbasierte Behindertenpolitik ausbilden lassen. Innerhalb des Projekts haben wir auf dieser Grundlage auch schon mehrere Menschen ausgebildet, das Curriculum also schon praktisch erprobt. Außerdem haben wir einen Pool aus Expertinnen und Experten in eigener Sache aufgebaut.

An wen genau richtet sich CASCO, wer kann sich innerhalb des Projekts also zum Coach ausbilden lassen?

Zum einen wollen wir Menschen mit Schwerbehinderungen mit unserem Angebot ansprechen, die sich bisher schon ehrenamtlich engagiert haben. Für sie kann es eine interessante Option sein, sich als Referentin oder Referent zu qualifizieren, denn damit steigen anschließend die Chancen auf eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung – oder die Weiterbildung ebnet den Weg in die Selbstständigkeit. Darüber hinaus liegt unser Fokus auch auf Menschen mit Schwerbehinderungen, die bereits als Fachkräfte arbeiten und sich zusätzlich weiterbilden wollen. Und wir wollen nicht zuletzt auch diejenigen ansprechen, die schon als Referentinnen oder Referenten arbeiten oder gearbeitet haben, ihr Wissen vertiefen und damit ihre Beschäftigung nachhaltig sichern wollen.

Wie werden CASCO-Referentinnen und -referenten bei Ihnen ausgebildet?

Im Projekt, das im letzten Jahr seiner Laufzeit ist, haben wir je 16 Menschen in zwei Durchgängen mit zwei Präsenzseminaren ausgebildet. Zwischen den beiden Seminaren mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeweils einen Selbstlernanteil belegen. Anschließend wurden sie in der praktischen Phase der Ausbildung erstmals als Referentin oder Referent eingesetzt.

Was ist an Ihrer Qualifizierung anders als an anderen Ausbildungsgängen?

Wir legen ein menschenrechtliches Verständnis von Behinderung zugrunde, das allein ist sicherlich anders als in anderen Programmen. Außerdem legen wir großen Wert darauf, barrierefreie Methoden und Materialien anzubieten. Die Art, wie Vorträge oder Workshops präsentiert werden, ist bei uns ebenfalls an die Belange von Menschen mit Behinderung angepasst. Und der Anteil der Ausbildung, bei dem die Teilnehmenden sich selbst Wissen erarbeiten mussten, behandelt rechtliche Themen, umfasst den Begriff der Selbstbestimmung samt dessen Geschichte und geht auf die vielfältigen Lebenswelten von Menschen mit Behinderung ein. All das gibt es in anderen Lehrgängen so nicht.

Wenn die Referentinnen und Referenten ihre Ausbildung abgeschlossen haben, können sie als Fachleute arbeiten. Wer bucht sie und wie werden sie dafür bezahlt?

Beauftragt werden sie zum Beispiel von Bildungsträgern, Behinderten- und Wohlfahrtsverbänden, Organisationen oder Parteien. Von diesen Auftraggebern bekommen sie für ihre Tätigkeit ein Honorar. Im Modellprojekt haben wir als Grundlage dafür eine Honorartabelle entwickelt, damit die Bezahlung fair, angemessen und transparent ist und bleibt.

Wie sieht der Alltag der Referentinnen und Referenten aus?

In der Regel haben sie schon einen anderen Beruf und arbeiten zusätzlich als Referentin oder Referent. Dabei haben sie ganz unterschiedliche Schwerpunktthemen, was toll ist. Ein Beispiel: Eine Organisation sucht eine Referentin, weil sie ihre Beschäftigten in einem Workshop zum Thema Barrierefreiheit qualifizieren lassen möchte. CASCO sucht eine passende Referentin aus ihrem Pool und stellt den Kontakt her – oder die Organisation hat darüber bereits selbst eine passende Expertin oder einen Experten bei uns gefunden und kontaktiert sie oder ihn direkt.

Welche Rückmeldungen haben Sie bisher zu den Workshops erhalten, die von den CASCO-Referentinnen und -Referenten geleitet wurden?

Aus den praktischen Einsätzen haben wir schon viel sehr positives Feedback bekommen. Viele Bildungsanbieter schätzen vor allem das authentische Auftreten der Referentinnen und Referenten. Wenn zum Beispiel über das Teilhaberecht diskutiert wird, hat es ein anderes Gewicht, wenn jemand als Expertin oder Experte in eigener Sache darüber spricht, also glaubhaft die Sicht eines Menschen mit Behinderung in der Runde vertritt. Damit wird zugleich ein wichtiges Ziel in der gesellschaftlichen Kommunikation zum Thema erreicht: Es wird nicht, wie so oft, nur über Menschen mit Behinderung gesprochen, sondern mit ihnen – und sie kommen auch selbst zu Wort. Dadurch findet ein echter Perspektivenwechsel statt.

Wie wird CASCO finanziert?

Aus Mitteln des Bundesausgleichsfonds. Dieses Budget läuft Ende 2020 aus. Das Curriculum für die Ausbildung und der Referentinnen- und Referentenpool, den wir nach und nach weiter ausbauen, werden aber auch danach weiter zur Verfügung stehen. So können sich Menschen mit Behinderungen auch über unser Projekt hinaus zu Referentinnen und Referenten qualifizieren lassen – dann gerne auch von anderen Anbietern.


Porträtfoto von Barbara Vieweg

Foto: ISL e. V.

Über unsere Interviewpartnerin

Name: Barbara Vieweg
Geburtsjahr: 1960
Wohn-/Arbeitsort: Jena/Berlin
Beruf: Diplom-Philosophin
(Persönlicher Bezug zum Thema) Behinderung: ist selbst wegen einer Gehbehinderung schwerbehindert

Die „Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e. V. (ISL)“

Im Jahr 2017 entschied der Teilhabebeirat des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, das Modellprojekt „CASCO – Vom Case zum Coach“ zu fördern. Den Antrag dafür reichte die „Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e. V. (ISL)“ ein.
Diese Organisation wurde im Jahr 1990 von mehreren Frauen und Männern mit Behinderung in Erlangen gegründet. Die Mitglieder des Vereins wollen durch ihr eigenes Beispiel und Engagement anschaulich zeigen, dass eine Behinderung kein Hindernis für eine selbstbestimmte und eigenständige Lebensführung ist.
Der Unterschied zu anderen Einrichtungen liegt also darin, dass die Organisation den Begriff „Behinderung“ nicht als Defizit oder aus einer medizinischen Perspektive definiert, sondern ihn als Menschenrechtsthema begreift.

In Deutschland arbeiten unter dem Dach des Vereins insgesamt 26 „Zentren für Selbstbestimmtes Leben“ (kurz: „ZsL“) als Beratungsstellen von und für Menschen mit Behinderung.

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