Von Projekte und Unternehmen

„Inklusion ist ein Innovationsfaktor für Kunst und Kultur“

Die Organisation Un-Label aus Köln will inklusive und barrierefreie Kultur weiter nach vorne bringen. Gründerin und Geschäftsführerin Lisette Reuter sieht darin auch einen Hebel, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Im Interview erzählt sie, wie Kultur wirken kann, warum sie das gerade jetzt wichtig findet und wie durch Barrierefreiheit ganz neue künstlerische Ausdrucksformen entstehen können.

Eine Gruppe von Menschen, darunter Personen mit Behinderung, führen in einem großen Raum synchron eine Tanzbewegung aus.

Frau Reuter, Sie möchten sich mit Ihrer Organisation „Un-Label“ für Inklusion und Vielfalt in der Kunst einsetzen. Wie genau machen Sie das?

Indem wir Kulturakteur:innen mit und ohne Behinderung zusammenbringen, inklusive Theater-, Tanz- und Musikproduktionen umsetzen, Kulturschaffende aus vielen Ländern verbinden und viel Netzwerkarbeit machen. Vor allem mit unserem Qualifizierungsprogramm „Access Maker“ begleiten wir bundesweit Kultureinrichtungen dabei, sich für mehr Barrierefreiheit und Inklusion zu öffnen.

Mit unserer Arbeit möchten wir zeigen: Inklusion und kulturelle Teilhabe sind für alle möglich. Gleichzeitig schaffen wir mit unseren Projekten und Programmen für Künstler:innen, Kulturschaffende und Berater:innen mit Behinderung konkrete Arbeits- und Entwicklungsmöglichkeiten, die im Kulturbereich bisher oft fehlen. Mir ist dabei aber wichtig: Inklusion ist kein Sozialthema, sondern ein Innovationsfaktor für Kunst und Kultur.

Wie meinen Sie das?

Wenn Menschen mit unterschiedlichen Körpern, Wahrnehmungen und Erfahrungen zusammenarbeiten, entstehen neue künstlerische Formen und Ausdrucksweisen. Ein Beispiel dafür ist das Verfahren „Aesthetics of Access“ (Deutsch: Zugangsästhetik). Das bedeutet, dass Barrierefreiheit nicht erst nachträglich hinzugefügt wird, etwa durch Untertitel über der Bühne oder durch klassische Audiodeskription, also die Beschreibung von Handlungen auf der Bühne. Bei „Aesthetics of Access“ ist Barrierefreiheit von Anfang an Teil des künstlerischen Konzepts. Das kann beispielsweise bedeuten, dass Gebärdensprache Teil der Inszenierung ist. Oder: Die Kulturschaffenden integrieren die Audiodeskription direkt in den Text und die Dramaturgie, sodass Menschen mit Sehbehinderung keine Kopfhörer mehr benötigen. Sie gestalten Untertitel bewusst, die zum Teil des Bühnenbilds werden. Oder sie entwickeln Licht, Klang, Kostüme, Gerüche oder Bewegung so, dass diese verschiedene Sinne gleichzeitig ansprechen. Barrierefreiheit ist für uns also nicht nur eine Frage der Zugänglichkeit, sondern erweitert die künstlerischen Möglichkeiten.

Können inklusive Kunst und Kultur dazu beitragen, dass auch die Gesellschaft inklusiver wird?

Ja, auf jeden Fall. Kunst und Kultur sind Orte, in denen Menschen gesellschaftliche Fragen aushandeln und neue Perspektiven sichtbar machen. Das kann Veränderungen anstoßen. Wenn Menschen mit Behinderung selbstverständlich Kultur machen oder im Publikum sind, beeinflusst das nicht nur die Kultur selbst. Es verändert auch, wie das Publikum und die Kulturschaffenden ohne Behinderung Kultur, Gesellschaft und Teilhabe wahrnehmen. Menschen erleben andere Körper, andere Erzählweisen und andere Lebenserfahrungen. Das stärkt demokratische Prozesse.

Sie haben 2023 im Rahmen des Projekts „L.I.K. – Labor für inklusive Kultur“ in Köln einen Kulturort eingerichtet, das Un-Label Studio. Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem Projekt gemacht?

Das Un-Label Studio ist der erste vollständig barrierefreie Kulturort der freien Szene in Köln und einer von wenigen solcher Orte in ganz Deutschland. Künstler:innen mit und ohne Behinderung können in dem Studio gemeinsam arbeiten, neue Formate entwickeln und künstlerisch forschen. Dort finden Proben, Ausstellungen, Netzwerk- und Austauschformate sowie Workshops und Fortbildungen mit deutschen und internationalen Expert:innen aus unterschiedlichen künstlerischen Genres statt. Darüber hinaus haben wir bezahlte Künstlerresidenzen für Künstler:innen mit Behinderung vergeben. Dazu gehörten unter anderem das Studio als Raum zum Arbeiten, Unterkünfte, Honorare, Reisekosten sowie Mittel für Arbeitsassistenzen und weitere Maßnahmen, um möglichst barrierefrei arbeiten zu können. Die Anschlussfinanzierung für das Programm ist leider noch nicht gesichert, sodass wir es erst einmal aussetzen müssen.

Wir haben gesehen, wie groß der Bedarf nach wirklich barrierefreien Arbeits- und Produktionsorten in der freien Szene ist. Gleichzeitig haben wir die Erfahrung gemacht, dass solche Orte nicht nur künstlerisch und kulturell wirken. Unser Studio liegt mitten in Köln-Ehrenfeld und ist auch als offener Begegnungsraum für die Nachbarschaft gedacht. Hier treffen sich Menschen mit und ohne Behinderung, auch wenn gerade keine Veranstaltungen stattfinden. Inklusion ist dann nicht nur ein Konzept, sondern einfach Alltag.

Vier Personen vor einer großen Leinwand, darunter eine im Rollstuhl, eine sitzend am Klavier, eine stehend mit Mikrofon und eine weitere stehend. Alle blicken auf die Leinwand mit abstrakten Schwarz-Weiß-Bildern.
Foto: Alessandro De Matteis

Wie haben Sie das Studio finanziert?

Verschiedene Förderpartner haben das Projekt ermöglicht. Hauptförderer war die Deutsche Fernsehlotterie, weitere Mittel kamen von der Postcode Lotterie sowie von der RheinEnergieStiftung Kultur, die insbesondere das Residenzprogramm unterstützt hat. Durch eine zusätzliche Förderung des Landschaftsverbands Rheinland konnten wir das Studio mit einer Rampe, einem Hublift und automatischen Türöffnern ausstatten und dadurch einen barrierefreien Arbeitsplatz für eine Mitarbeiterin im Rollstuhl schaffen. Mit Unterstützung des Kulturdezernats der Stadt Köln konnten wir außerdem in die technische Barrierefreiheit investieren. Wir haben unter anderem Brailledrucker, Audioguides und ein haptisches Soundsystem angeschafft, das einen neuen Zugang zu künstlerischen Arbeiten eröffnet.

Der erste Projektzeitraum von „L.I.K. – Labor für inklusive Kultur“ und damit die Finanzierung sind gerade ausgelaufen. Können Sie das Studio weiterführen?

Das Kulturamt der Stadt Köln hat angekündigt, künftig die Miete und die Nebenkosten des barrierefreien Studios für mehrere Jahre fördern zu wollen. Das ist eine wichtige Grundlage, um diesen Ort langfristig zu sichern. Wir haben außerdem zahlreiche neue Förderanträge gestellt, damit wir auch Personalkosten, Honorare, Kosten für Barrierefreiheit, künstlerische Programme, Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit finanzieren können. Für unser neues Projekt „Inklusive Kunstlabore“ hat uns die Deutsche Fernsehlotterie bereits eine Förderung ab April 2026 zugesagt. In diesen „Inklusiven Kunstlaboren“ bieten wir für Menschen mit und ohne Behinderung Aus- und Weiterbildungen in verschiedenen künstlerischen Sparten an.

Das Thema Förderung begleitet Sie dauerhaft, oder?

Ja, meistens gibt es nur Geld für zeitlich begrenzte Modellprojekte. Wir bauen mit „Un-Label“ bundesweit Strukturen auf, für die wir aber keine Planungssicherheit haben. Es bräuchte nachhaltige Förderstrukturen – nicht zuletzt, weil die kulturelle Teilhabe von Menschen mit Behinderung unter anderem in der in der UN-Behindertenrechtskonvention längst rechtlich verankert ist. Wir setzen uns mit Un-Label deshalb für eine neue Förderpolitik ein, damit inklusive Kulturarbeit dauerhaft wirken kann. In den vergangenen Jahren hat sich konkret etwas verändert und verbessert, etwa dass in Deutschland zum ersten Mal in manchen Förderprogrammen Kosten für Barrierefreiheit in Kulturförderprogrammen abgefragt wurden. Die aktuelle politische Entwicklung erschwert unsere Arbeit allerdings zunehmend. Nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern sehen wir Kürzungen im Kulturbereich, einen zunehmenden Rechtsruck und wachsenden Druck auf Programme für Diversität, Inklusion, Teilhabe und Demokratie. Deshalb finde ich internationale Kooperationen und starke Netzwerke so wichtig. Wir müssen diesen Entwicklungen gemeinsam entgegentreten.

Wie sind Sie selbst dazu gekommen, sich für inklusive und barrierefreie Kultur einzusetzen?

Ich bezeichne mich selbst als jemanden mit sogenannter „lived experience“, also mit eigener gelebter Behinderungserfahrung. Als Kind habe ich erlebt, dass Gleichbehandlung und Teilhabe für mich nicht selbstverständlich sind, sondern dass ich sie oft aktiv erkämpfen musste. Gleichzeitig bin ich aber in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Menschen mit Behinderung ganz selbstverständlich Teil des Lebens waren. Mein Vater hat 1988 an der Universität Köln eines der ersten Theaterfestivals für Menschen mit Behinderung in Deutschland gegründet. Ich habe dort schon als Jugendliche mitgearbeitet. Dadurch hatte ich sehr früh Berührungspunkte mit inklusiver Kulturarbeit.

Später habe ich Sonderpädagogik und Diplompädagogik studiert und in internationalen Kulturprojekten gearbeitet. Dort ging es häufig um Diversität (Deutsch: Vielfalt) und darum, dass Kunst- und Kulturprojekte Gruppen und Menschen fördern sollten, die sonst benachteiligt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Ich habe aber immer wieder festgestellt, dass Menschen mit Behinderung in diesen Projekten eigentlich nie mitgedacht und angesprochen wurden. Aus all diesen Erfahrungen ist schließlich die Idee für Un-Label entstanden: Räume zu schaffen, in denen Menschen mit und ohne Behinderung selbstverständlich zusammenarbeiten und ihr kreatives Potenzial entfalten können.

Über unsere Interviewpartnerin

Porträtfoto von Lisette Reuter
Foto: Lucie Ella Photography

Name: Lisette Reuter
Geburtsjahr: 1979
Wohn-/Arbeitsort: Köln
Beruf: Gründerin und Leitung Un-Label

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